Debatte über hartnäckige Vorurteile: Eine mehrteilige Kritik orientalistischer Denkfehler (3)

(iz). Das Verhältnis zwischen Säkularismus als ein westliches, der europäischen Aufklärung entsprungenen Konzepts und Islam ist deshalb eine schwieriges, da es im Mittleren Osten in der jüngeren Geschichte nicht frei von tektonischen Erschütterungen war. Über dieses Spannungsverhältnis sagte der deutsche Orientalist und Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels von 2015 Navid Kermani in seiner damaligen […]

17.05.2021 Timo Al-Farooq 4 Min. Lesezeit

Foto: Jessie Tarbox Beals | Lizenz: Public Domain

(iz). Das Verhältnis zwischen Säkularismus als ein westliches, der europäischen Aufklärung entsprungenen Konzepts und Islam ist deshalb eine schwieriges, da es im Mittleren Osten in der jüngeren Geschichte nicht frei von tektonischen Erschütterungen war. Über dieses Spannungsverhältnis sagte der deutsche Orientalist und Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels von 2015 Navid Kermani in seiner damaligen Dankesrede:

„Alle Völker des Orients haben durch den Kolonialismus und durch laizistische Diktaturen eine brutale, von oben verordnete Modernisierung erlebt. Das Kopftuch, um es an einem Beispiel zu illustrieren, das Kopftuch haben die iranischen Frauen nicht allmählich abgelegt — Soldaten schwärmten auf Anordnung des Schahs 1936 in den Straßen aus, um es ihnen mit Gewalt vom Kopf zu reißen. Anders als in Europa, wo die ­Moderne bei allen Rückschlägen und Verbrechen doch als ein Prozess der Emanzipation erlebt werden konnte und sich über viele Jahrzehnte und Jahrhunderte vollzog, war sie im Nahen Osten wesentlich eine Gewalterfahrung. Die Moderne wurde nicht mit Freiheit, sondern mit Ausbeutung und Despotie assoziiert.“

Angesichts dieser Worte ist die westliche „Säkularismuskeule“, die stets in Bezug auf Modernisierung der islamischen Welt geschwungen wird, geradezu vermessen. Hierin liegt auch die semantische Problematik des westlichen Modernebegriffs, der heute noch – trotz einer mittlerweile durchglobalisierten Welt mit ihren multipolaren Machtzentren  – noch als „yellow brick road“ zum Oz der Moderne gesehen wird.

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