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Wie begegnen wir spirituellem Missbrauch?

Missbrauch

Spiritueller Missbrauch wird seit einigen Jahren auch unter Muslimen thematisiert. Wir erklären, um was es sich dabei handelt.

(iz). Die muslimische Community in den USA reagierte erschüttert angesichts eines Falles von sexuellem Kindesmissbrauch in ihren eigenen Reihen. Wie am 5. November bekannt wurde, hat das FBI im Oktober einen Imam und Lehrer im Bundesstaat Texas verhaftet. Dem Mann und einer Komplizin wird vorgeworfen, kinderpornografisches Material hergestellt zu haben.

Über das schwere Verbrechen des sexuellen Missbrauchs von Kindern und Schutzbefohlenen hinaus – eine Untat, die über alle Grenzen und Zugehörigkeiten hinaus vorkommt – thematisieren Muslime in den USA und zunehmend auch in anderen Ländern seit einiger Zeit das viel umfassendere Problem des spirituellen Missbrauchs durch religiöse Autoritäten und Amtsträger.

Nach gängiger Definition handelt es sich um eine Form des Missbrauchs, bei der religiöse oder spirituelle Überzeugungen und Praktiken manipuliert werden, um Macht und Kontrolle über eine Person auszuüben. Er umfasst mehrere Aspekte.

Manipulation und Kontrolle: Die Täter benutzen Texte oder Überzeugungen, um das Verhalten anderer zu manipulieren oder zu kontrollieren. Dies kann bedeuten, dass Menschen zu Handlungen gezwungen werden, die sie nicht ausführen wollen, oder dass ihnen Schuldgefühle eingeredet werden.

Emotionale und psychologische Schäden: Diese Form des Missbrauchs beinhaltet häufig emotionale und psychologische Manipulation. Dazu gehört z.B. das Beschämen oder Lächerlichmachen von Personen aufgrund ihrer Überzeugungen.

Isolation: Opfer können von ihrer Gemeinschaft oder ihren Unterstützungsnetzwerken isoliert werden. Dies erschwert es ihnen, Hilfe zu suchen oder der Missbrauchssituation zu entkommen.

Rechtfertigung weiterer Missbrauchsformen: Religiöse Überzeugungen werden als Rechtfertigung für andere Taten wie körperliche, sexuelle oder finanzielle Misshandlung missbraucht.

„Spiritueller Missbrauch wurde als Kontrolle und Nötigung einer Person durch eine andere Person in einem spirituellen Kontext definiert. Es handelt sich um ein wenig erforschtes Phänomen im Bereich der Gewalt gegen Frauen und Mädchen, das erhebliche Hindernisse für Politik und Praxis mit sich bringt. Obwohl es eine umfangreiche akademische Arbeit zur Definition von spirituellem Missbrauch gibt, handelt es sich immer noch um eine relativ unbekannte und nicht anerkannte Form des Missbrauchs“, schrieb Elisa Sajed 2021 für die Universität Strathclyde (Schottland).

Foto: Muwatta.com

Das Problem definieren: eine muslimische Position zum Missbrauch

„Das Erkennen, Verstehen und angemessene Reagieren auf Systeme der Unterdrückung (dhulm) ist Teil unseres Dins (Praxis des Islam). Ein solches System ist der spirituelle oder religiöse Missbrauch“, schrieb Rami Nsour, ein in Mauretanien ausgebildeter Gelehrter, zum Thema. Diese Form der Misshandlung sei nicht spezifisch für den Muslime oder ihre Religion. Sie fänden sich gleichzeitig bei Anhängern anderer Religionen.

„Da es keine vorgefertigte Vorlage oder ein fertiges Buch oder Kapitel gibt, müssen die betroffenen Mitglieder unserer Gemeinschaft diskutieren und auf praktische Lösungen hinarbeiten. (…) Daher müssen muslimische Einzelpersonen und Gemeinschaften Methoden zur Prävention, Intervention und Postvention entwickeln.“ Dass es bei diesem Thema keine Wissenstraditionen gäbe, müssten Muslime demnach sich heute Wissen hierzu beschaffen. Dazu gehöre eine angemessene Definition der benutzten Begriffe.

Obwohl sich der Begriff unter seinem Vorläufer „religiöser Missbrauch“ schon im 19. Jahrhundert findet, lässt sich sein erster Gebrauch in den USA bis in die 1950er zurückverfolgen. Salma Abugideiri schrieb 2018, dass „der Begriff ‘spiritueller Missbrauch‘ für eine Vielzahl von Dingen verwendet wird“ und dass „wir im familiären Kontext den Begriff ‘spiritueller Missbrauch’ für alles verwenden, was die Spiritualität oder religiöse Praxis einer Person beeinträchtigt“. Wird er von einer religiösen Führungsfigur begangen, handelt es sich um eine Verletzung des Vertrauens durch Grenzüberschreitungen gegenüber schutzbedürftigen Menschen.

Aus bestehenden Definitionen und Facharbeiten der letzten Jahre leitete Nsour in einem Aufsatz eine Zusammenfassung dieser Regelverletzung ab. „Ich gehe von drei Bereichen potenziellen Missbrauchs aus, die direkt mit den Grundsätzen unserer Dins korrelieren: 1) falsche Anwendung eines ihrer Elemente (arab. ghish), 2) Missbrauch einer Vertrauensstellung oder 3) Verfälschung der Grundsätze oder Lehren der Religion (arab. talbis). In allen Fällen besteht das Endergebnis darin, einer anderen Person das Recht (arab. haqq) zu nehmen, was eine Übertretung (arab. baghy) darstellt. Dieser Rahmen bietet eine auf der Scharia basierende Arbeitsdefinition von spirituellem Missbrauch.“

Für ihn beschädigt diese Form der Misshandlung und Grenzüberschreitung gleich mehrere islamische Prinzipien. Es gebe klar definierte Rechte von Personen und Schutzbefohlenen. Diese würden im Falle solchen Handelns verletzt. „Alle Muslime sind sich einig, dass es eine Übertretung, Unterdrückung und Unrecht ist, einer anderen Person das Haqq zu nehmen.“ Darüber hinaus entstünde über die oft verzerrenden Umstände dieses Missbrauches bspw. durch Lehrer, die geheime Ehen mit ihren Schülerinnen anstreben würden, ein Schaden an der Religion.

Zusätzlich würden solche Männer durch die Verletzung ihrer Vertrauensposition eine weitere Grenze Allahs überschreiten. Missbrauchen solche Autoritätspersonen ihre Schutzbefohlenen und die ihnen gegebene Macht, gehe das laut Nsour auch häufig mit einer Verzerrung religiöser Lehren einher. Diese Verdrehungen hätten den Zweck, das eigentlich inakzeptable Verhalten vor sich und anderen zu rechtfertigen.

Schließlich spricht der malikitische Gelehrte noch eine Grenzüberschreitung nach der Tat an, wenn nämlich versucht wird, die Missbrauchsopfer in Folge mundtot zu machen. „Das gibt es in allen Bereichen – Kindesmissbrauch, sexueller Missbrauch und Misshandlung am Arbeitsplatz, um nur einige zu nennen. Dies gilt auch für Muslime. Diese Abschottung ist besonders alarmierend, wenn sie von Menschen kommt, die sich ernsthaft mit dem Islam auseinandergesetzt haben.“

Saba-Nur Cheema Muslimfeindlichkeit CLAIM Lage Politik

Foto: Prostock-studio, Shutterstock

Die Zeichen erkennen

Wie erwähnt besteht spiritueller Missbrauch im Kern unter anderem aus der Verzerrung religiöser Inhalte durch die Täter, um ihren Missbrauch an zumeist Frauen, Mädchen und Kindern zu rechtfertigen. Dazu gehören einige Methoden, die sich auch bei anderen Missbrauchsformen wie häuslichen finden.

Isolation: Das ist eine typische Technik der emotionalen Misshandlung, die bei Opfern angewendet wird. Sie funktioniert gut, weil sie verhindert, dass sie sich an Dritte wenden. Ansonsten könnten sie Hilfe und Unterstützung erhalten, die sie benötigen, um ihre Missbrauchsbeziehungen zu beenden oder ihnen zu entkommen.

Missbrauch minimieren und leugnen: Täter tun alles in ihrer Macht Stehende, um so zu tun, als ob die Untat nicht stattfindet. Sie versuchen auch, die Opfer davon zu überzeugen, dass sie aus einer Mücke einen Elefanten machen.

Dem Opfer die Schuld geben: In einer von Grausamkeit geprägten Beziehung kann der Täter dem Opfer die Schuld geben. Er kann behaupten, dass es den Missbrauch „verursacht“ oder durch sein Verhalten eingeladen hätte. Dies kann dazu führen, dass es an seinen Handlungen und Absichten zweifelt.

Beispiele aus der Wirklichkeit

In Shaykh’s Clothing ist eine nordamerikanische Organisation, die von Studenten des heiligen Wissens geleitet wird und sich mit solchen Problemen in der muslimischen Gemeinschaft befasst. Sie definiert das Phänomen als den Missbrauch von Autorität, um „unter dem Deckmantel der Religion, religiöser Grundsätze oder des Anspruchs auf Spiritualität zu manipulieren, zu kontrollieren und zu schikanieren“.

Während Belästigung und sexuelle Übergriffe eindeutige Beispiele für spirituellen Missbrauch sind, ist das Konzept nicht auf das beschränkt, was von einem säkularen Gericht als Verbrechen angesehen würde. Die Website listet mehrere Beispiele für Straftaten auf, die im Rahmen des breiten Spektrums des Missbrauchs begangen werden. Dazu gehören unter anderem finanzielle Veruntreuung, heimliche Eheschließungen, Mobbing und psychische Schäden.

Tatsächlich sind in den letzten Jahren international mehrere Fälle bekannt geworden, in die führende Persönlichkeiten der muslimischen Gemeinschaft verwickelt waren. Am bekanntesten war vielleicht der Fall des prominenten Schweizer Akademikers Tariq Ramadan, Professor für zeitgenössische Islamwissenschaft an der Universität Oxford und Autor mehrerer populärer Bücher über die Religion. Er wurde 2024 zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, ging aber erneut in Revision. Der früher beliebte Autor und Redner bestritt die Vorwürfe und gestand stattdessen eine Reihe außerehelicher sexueller Beziehungen mit seinen Klägerinnen. Damit gab er zu, dass sein Verhalten nicht mit den religiösen Grundsätzen vereinbar war, für die er eintrat.

Foto: bignai, Freepik.com

Was tun?

Obwohl es bisher keinen spezifischen, standardisierten Ansatz gibt, orientieren sich viele Muslime an einer Kombination aus religiösen, kulturellen und psychologischen Ressourcen, um dieses Problem anzugehen.

Beratung und Unterstützung: Viele muslimische Gemeinschaften haben vertrauenswürdige Führungspersönlichkeiten, die Rat und Unterstützung bieten können. Es kann hilfreich sein, professionelle Hilfe von Therapeuten oder Beratern in Anspruch zu nehmen, die kulturelle und religiöse Empfindlichkeiten verstehen.

Rückgriff auf islamische Lehren: Der Qur’an betont Gerechtigkeit, Mitgefühl und die Wichtigkeit, andere mit Freundlichkeit und Respekt zu behandeln. Die Lehren des Propheten Muhammed fördern Empathie, Vergebung und die Vermeidung schädlicher Verhaltensweisen.

Gegenseitige Hilfe: Sich mit unterstützenden Freunden und Familienmitgliedern zu umgeben, kann emotionale Widerstandsfähigkeit verleihen. Die Teilnahme an unterstützenden Gruppen innerhalb der muslimischen Gemeinschaft kann das Zugehörigkeitsgefühl und das Verständnis fördern.

Rechtliche und institutionelle Hilfe: Bei schwerwiegendem Missbrauch können sich die Opfer dafür entscheiden, die Angelegenheit den zuständigen Behörden, wie der Polizei oder dem Jugendamt, zu melden. Einige NGOs im englischsprachigen Raum setzen sich für die Bekämpfung dieser Missbrauchsform ein und bieten Leidtragenden Hilfe an. Es ist wichtig, zu wissen, dass spiritueller Missbrauch ein komplexes Problem sein kann und die beste Herangehensweise je nach den individuellen Umständen variieren kann. Die Suche nach Hilfe und Unterstützung bei vertrauenswürdigen Personen und Organisationen ist für die Heilung und Genesung von entscheidender Bedeutung.

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Freiheit in der Moderne

freiheit

Titelthema-Freiheit: Essay von Ahmet Aydin über neue Zeit und alte Herausforderungen. Und was „Neo-Osmanen“ mit den Aufklärern verband. (iz). Jede Evolution und Revolution verspricht ihren Befürwortern Freiheit. Freiheit ist der […]

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Muslime und die Aufklärung (4)

Aufklärung

IZ-Kurzserie zum Thema Aufklärung: Sind die Muslime Deutschlands aufgeklärt? Seit Jahren wird eine Aufklärung der Muslime gefordert. Im vierten Teil seiner Serie stellt Ahmet Aydin Herders Europa und Europakritik vor. […]

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Unterwegs in der Welt. Über das Reisen im Geiste

reisen

In seinen Essay schreibt Ahmet Aydin über die Reisen deutscher Geister. Er erinnert an den fast vergessenen Georg Forster.

(iz). „Was bleibet aber, stiften die Dichter.“ So schließt Hölderlin sein Gedicht „Andenken“ ab. In ihm reflektiert er darüber, an welche Menschen man sich eher erinnert. Reisende Seefahrer oder Dichter? Mit anderen Worten: Gedenken wir öfter der Menschen, die auf der Welt reisen oder derer, die in das Innere, d.h. das Herz, reisen? Warum denkt er überhaupt darüber nach? 

Während die europäischen Staaten Amerika, Afrika, Australien ausbeuten und darüber nachdenken, wie sie das Osmanische Reich besiegen und aufteilen können, ist Deutschland nicht einmal eine geeinte Nation. Es war in Fürstentümer gespalten und reiste im Auftrag der Fürsten nicht über die Weltmeere der Erde. Die deutschen Dichter und Denken reisten in die Tiefen der menschlichen Natur. Dies bringt Friedrich Schiller mit den folgenden Worten zum Ausdruck: „Das ist nicht des Deutschen Größe / Obzusiegen mit dem Schwert, / In das Geisterreich zu dringen / Männlich mit dem Wahn zu ringen / Das ist seines Eifers wert.“

Die Deutschen reisen in den Geist, doch einer bereist die Welt

Die deutschen Dichter und Denker erforschten die engelhafte und tierische Seite des Menschen. Sie stellten sich die Frage, warum die Epoche der Aufklärung nicht dazu führte, dass die Menschen sich menschlich, d.h. zivilisiert, verhalten. Friedrich Schiller sagte, bevor der Mensch in die bürgerliche Freiheit entlassen wird, muss er lernen, seine Begierden zu beherrschen. Die französische Revolution sei ein Beispiel für seine Behauptung. Die Menschen, die ihre Begierden und ihren Zorn nicht beherrschen können, fielen übereinander her.  Das zeige, wie barbarisch auch der aufgeklärte Mensch sei. Aufklärung habe den Menschen nicht menschlicher gemacht. Im Gegenteil: Die Aufklärung habe die Menschen in die Lage versetzt, ihre Barbarei zu verdecken. Statt zuzugeben, sich charakterlich verbessern zu müssen, lernten die Menschen ihr unzivilisiertes, wildes Verhalten so darzustellen, dass es gerechtfertigt sei.

Die Dichter und Denker aus Weimar lehren uns: Die Europäer erobern gerade die Welt. Doch statt anderen dabei zu helfen, sich zu entwickeln, beuten sie andere aus. Warum? Weil sie selbst noch barbarisch sind. Barbaren seien solche, die Wissen und Kultur, aber kein Mitgefühl besitzen. Wilde seien solche, die sich nie mit Wissen und Kultur beschäftigt haben. Schiller hat Deutschland nie verlassen. Er schrieb zwar über andere Völker und Gesellschaften, aber musste sich dabei gänzlich auf Reiseberichte der europäischen Seefahrer verlassen. Doch das machte ihn nicht zu einem Menschen, der andere Gesellschaften verachtete. Schiller las Herders „Ideen“ und Georg Forsters „Reise um die Welt“.

Forster bereiste von 1772-1775 mit dem englischen Seefahrer James Cook die gesamte Welt und schrieb anschließend sein Buch. Im Vorwort schreibt er, dass er nicht wie andere europäische Seefahrer mit Vorurteilen andere Völker und Gesellschaften beurteilen will: „Alle Völker haben gleiche Ansprüche auf meinen guten Willen.“ Er sah, dass andere europäische Seefahrer sich auf schlechte Dinge fokussierten, die sie sahen. Forster beschrieb sowohl Schlechtes als auch Gutes. Das unterscheidet seinen Reisebericht von allen anderen Reiseberichten.

Es gab eine große Debatte über Rassismus in der Zeit der deutschen Aufklärung. Forster ist kein Rassist. Ein Beispiel: Forster sah in Tahiti, dass die Frauen der Insel sich für materiellen Reichtum auszogen und die Nähe zu fremden Männern suchten. Während in Reiseberichten anderer Europäer alle Frauen dieser Gesellschaft verurteilt wurden, schreibt Forster was anderes. Würde man bestimmte europäische Frauen zum Maßstab für alle europäischen Frauen nehmen, würde ein falsches Bild der europäischen Frau vermittelt werden. Genauso ist es verkehrt, hier einzelne Frauen zum Maßstab zu nehmen. Diese Art der Darstellung stellt für europäische Reiseberichte eine Revolution dar. Wieland, Goethe, Herder und Schiller bewunderten Forsters Buch „Reise um die Welt“. Sie urteilen über andere ebenfalls gerechter wie Forster. Forster kannte nicht nur die Geistesgeschichte Europas aus den Büchern. Er bereiste nicht nur die Welt. In Paris traf er Männer wie Benjamin Franklin aus Amerika. Er traf Männer, die die Welt gesehen haben und dazu beitrugen, dass der heutige Staat, die USA, 1776 gegründet wurde.

Thomas Paine: Der Mann, dessen Stift die Welt veränderte

Thomas Paine war ebenfalls ein Reisender. Er reiste, um Gesellschaften Freiheit zu bringen. Er sah wie in Amerika Sklaven primitiver als Haustiere behandelt wurden. Er kämpfte für Gleichheit der Menschen. Der erste Schritt für die Gleichheit sei die Unabhängigkeit von England. Der Kampf war letztlich erfolgreich. Die USA wurde unabhängig von England. Doch das reichte ihm nicht.

Er ging aus den USA nach Frankreich. In Frankreich sah er, wie mehr als die absolute Mehrheit der Menschen behandelt wurde: Sie wurden behandelt wie Sklaven einer kleinen Gruppe von Menschen. Da er in Amerika für die Freiheit des einfachen Bürgers erfolgreich kämpfte, tat er es auch hier. Seine Waffe war der Stift. Er schrieb und motivierte die Menschen. Paine schrieb: „Es steht in unserer Macht, die Welt aufs Neue zu beginnen.“ Er war einer der Gründe, warum die Bevölkerung in Frankreich den Mut entwickelte für die weltverändernde Französische Revolution.

Das war der Westen. Die europäische Welt, als sie die Herrschaft über die Welt allmählich erlangte und die muslimische Welt nach und nach besiegte. Helge Hesse, ein zeitgenössischer deutscher Autor, beschreibt diese Zeit in seinem Buch „Die Welt neu beginnen“: „Europa lag offen wie ein offener bunter Platz, auf dem man sich gegenseitig besuchte und Ideen anderer aufgriff.“ Der Austausch von Ideen und Erfindungen machte Europa groß. Gemeinsam in einem Café zu sitzen und Ideen auszutauschen befruchtet die Arbeit. Europa und sein Aufstieg ist dafür ein Beweis.

Der Austausch von Ideen schärft den Blick

Alexander von Humboldt ist ein Reisender, der Ideen vermittelte. Er saß in Weimar und Jena mit Goethe und Schiller zusammen und tauschte am Tisch Ideen mit ihnen aus. Dann bereiste er gemeinsam mit Forster erst Teile Europas und später reiste er nach Amerika, traf dort Gründerväter der USA und zettelte in Südamerika einen Aufstand der Einheimischen gegen die Fremdherrschaft an. In die Geschichte ging er aber ein als zweiter Entdecker Amerikas. So wird er genannt. Denn er entdeckte Amerika als Naturforscher. Ihm haben wir die biologische Erkundung des amerikanischen Kontinents zu verdanken. Seine Fähigkeit die Natur zu erkunden hat er Goethe zu verdanken, einem Dichter. Ein Mann, der die innere Reise antrat, gab Alexander von Humboldt das Werkzeug, um die Natur, d.h. die äußere Welt, zu erkunden. So sagt er es selbst. Goethe habe ihm die Augen gegeben, um die Natur erforschen zu können. Das macht es für Muslime verständlicher, warum der Prophet Muhammed (s) sagte, der Kampf im Innern ist der große Dschihad und der Kampf mit der Außenwelt, ist der kleine. Wer den Kampf in sich verliert, hat nicht den Geist und nicht die nötige Haltung, um im Kampf mit der Außenwelt, den Fokus auf das Wichtige und Schöne nicht zu verlieren. Das ist eine der großen Erkenntnisse, die uns die Weisheit aus Weimar gibt.

Was eine Kultur groß macht

Reisen ist auf verschiedene Arten möglich. Ein Mensch kann, während er einen Kaffee trinkt, um die Welt reisen und andere können die Welt bereisen, aber aufgrund der Vorurteile im Kopf nicht das sehen, was vor ihnen liegt. Alexander von Humboldt sagte: „Das Studium jeglicher neuen Wissenschaft … gleicht einer Reise in ferne Länder.“ Das sagt eben ein Mann, der in fernste Länder gereist ist. Er ist sich bewusst, dass es Menschen gibt die vergebens reisen. Ebenso sind wir uns heute bewusst, dass es Menschen gibt, die Zugang zu jeglichem Wissen haben, aber dennoch ihre eigenen Vorurteile nicht aufgeben möchten. Zu reisen ist eine Fähigkeit, die im Menschen steckt. Wer sie nicht besitzt, kann noch so viele verschiedene Regionen der Welt sehen, er wird seine Art zu denken nicht erneuern können. Das ist das Resultat von Ideologien. Sie sind statisch.

Wer die Fähigkeit zu reisen besitzt, kann in einem Kaffee seines Heimatdorfes sitzen und dennoch der größte Reisende sein. Worüber wird während des Kaffees gesprochen? Wer über weltliches und jenseitiges Wissen und Ideen spricht, wer über Biographien von Menschen spricht, die die Menschheit durch ihre Arbeit vorangebracht haben, der ist ein wahrer Reisender. Wer über Victor Hugos „Die Elenden“, Feriduddin Attars „Konferenz der Vögel“, Rumis „Masnawi“, Moliéres „Misanthropen“, Goethes „Faust“, Ahmed Hilmis „Traumwelten“ oder Ahmed Hamdi Tanpinars „Seelenfrieden“ spricht, der ist ein Reisender. Wer über ein Gedicht spricht, der ist ein Reisender.

Wer über diese Dinge nicht sprechen kann, scheint dazu verdammt, immer wieder dasselbe zu denken. Er ist zu keinen neuen Gedanken fähig. Er ist ein Sklave der Tagesordnung. Er kann aus dem Alten nichts Neues aufbauen. Alexander von Humboldt schreibt in einem Brief: „Die Werke sind gut, soweit sie bessere entstehen lassen.“ Ein Gespräch zum Kaffee oder Tee ist eine Reise. Wir lernen neues Wissen, neue Ansichten oder neue Begriffe.

Fragen, die zu einem Kaffee einladen

Die verschiedenen Gesellschaften in Europa und Amerika tauschten Ideen miteinander aus. Das bewirkte, dass es etwas neu gestaltete. Sie lehnten nicht hochmütig Fremdes ab. Das tun nur Gesellschaften, die sich ihrer eigenen Identität unsicher sind. Wenn es etwas Schönes in einer fremden Gesellschaft gibt, dann zeugt es von Klugheit und Weisheit, es sich anzueignen. Die Ideen der Freiheit aus Amerika sind aufgekommen, weil die Menschen so litten. Um die Ausbeutung der Menschen zu verhindern, musste der Mensch kreativ werden und sein Leben einsetzen. Thomas Paine half mit und war erfolgreich. Er reiste nach Frankreich und brachte Ideen aus der „neuen Welt“ mit. So wie al-Andalus in Europa Jahrhunderte zuvor für Muslime die neue Welt war, so war jetzt Amerika für die Europäer die neue Welt. Die Ideen, die hier entwickelt wurden, leiteten letztendlich auch die Tanzimat-Zeit im Osmanischen Reich ein. Der Verstand ist das Werkzeug derer, die eine Gesellschaft gestalten. Welche Missstände herrschen heute? Ist der damalige Begriff von Freiheit noch aktuell? Das sind Fragen, die zu einem Kaffee oder Tee einladen.

Welche Reise ist nun bedeutender? Reisen in der Welt oder die Reisen mit dem Geist? Ich denke Folgendes: Wenn das Reisen in der Welt ausbleibt, ist das Reisen in den Geist nur beschränkt möglich. Das zeigt uns das Beispiel mit Kant. Wir erinnern uns heute eher weniger der Seefahrer. Die Namen unserer Dichter aber, die Begriffe prägen, damit wir uns treffend ausdrücken können, diese Namen bringen wir noch heute unseren Kindern bei. Da scheint mir zu bezeugen, was Hölderlin schrieb: „Was bleibet aber, stiften die Dichter.“

Schiller konnte das ihm Fremde freundlicher und gerechter beurteilen. Bloß seinem eigenen Volk und Gesellschaft nützlich zu sein, schien ihm egoistisch und schickt sich für einen Menschen nicht, der die Geschöpfe Gottes in Gänze liebt. Nur wer sich für die Leidenden aller Völker und Gesellschaften einsetzt, der ist gemäß der Weimarer Schule ein Held. Das ist die Idee von Schiller, Herder, Wieland und Goethe, die alle Freunde von Forsters Beschreibungen waren und sie verinnerlichten. Das fasst Schiller in seinem Gedichtfragment „Deutsche Größe“ zusammen. Auch für ihn ist die Reise des Geistes immer die wertvollere. Denn sie bringt nicht nur sich selbst Freiheit, sondern hilft allen Menschen zur Freiheit: „Höhern Sieg hat der errungen, / Der der Wahrheit Blitz geschwungen, / Der die Geister selbst befreit. / Freiheit der Vernunft erfechten / Heißt für alle Völker rechten, / Gilt für alle ewge Zeit.“

Dieser Artikel wurde auf Türkisch in der Zeitschrift „Sabah Ülkesi“ veröffentlicht und erscheint mit  der freundlichen Genehmigung des Autors.

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Muslime und die Aufklärung (3)

aufklärung

Sind die Muslime Deutschlands aufgeklärt? Seit Jahren wird eine Aufklärung der Muslime gefordert. Eine Charaktereigenschaft besitzt jeder Mensch, der aufgeklärt ist. Diese Eigenschaft lautet Selbstkritik. Im dritten Teil seiner Serie […]

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Muslime und die Aufklärung (2)

herder aufklärung

Die Religion braucht keine Aufklärung, aber uns Muslimen könnte sie nicht schaden. Teil 2 einer Serie von Ahmet Aydin.

(iz). Sind die Muslime Deutschlands aufgeklärt? Seit Jahren wird eine Aufklärung der Muslime gefordert. Aufgeklärte Muslime waren jedoch bereits in Europa, so Herder, und bereiteten den Boden der Renaissance. Der Literaturwissenschaftler Ahmet Aydin führt in Herders Aufklärungsbegriff ein.

Herder und die Aufklärung

„Die Erscheinung selbst, das an den Grenzen des arabischen Gebiets sowohl in Spanien als in Sizilien für ganz Europa die erste Aufklärung begann, ist merkwürdig und auch für einen großen Teil ihrer Folgen entscheidend.“, sagt Johann G. Herder. Die Kultur der Muslime im alten Spanien und Sizilien war anders als die Kultur der Christen zur Zeit „der“ Aufklärung. Dennoch verwendet Herder den Begriff Aufklärung. Was meint er damit? Schauen wir uns diese Stelle genauer an.

Das Wort merkwürdig bedeutet heute „komisch, seltsam“. Zu Herders Zeit bedeutete merkwürdig „bemerkenswert, des Merkens würdig“. Wer Texte der großen Zeit von Weimar liest, muss manchmal nachschlagen, was bestimmte Begriffe damals bedeuteten. Andernfalls sind die Texte nicht zu verstehen. Um diesen Satz gänzlich zu verstehen, reichen die bloßen Worte jedoch nicht aus. Wir müssen Herders Aufklärungsbegriff kennen, den er in seinen „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ entfaltet. 

Herder bezeichnet den Menschen als Mittelgeschöpf. Einerseits besitze er den Funken Gottes, andererseits sei er aufgrund seines Körpers Teil der biologischen Welt. Dieser Funken Gottes drücke sich am stärksten in der Sprache aus. Mit nichts unterscheide sich der Mensch stärker von Tieren. Das Tier schreibe nichts auf, um es Nachkommen weiterzugeben. Der Mensch sei in der Lage mit Worten Erkenntnisse festzuhalten und weiterzugeben. Dadurch entsteht das, was Tradition genannt wird. Mittels Sprache tradiert der Mensch.

Tradition ist also das, was von früheren Menschen hinterlassen wurde. Gemäß der Tradition zu leben, heißt gemäß der Erkenntnisse früherer Menschen zu leben. Menschen, die das ohne zu hinterfragen tun, bezeichnet Herder als solche, die nicht aufgeklärt sind. Aufgeklärt sei der Mensch, der die Tradition sichtet, aufnimmt und hinterfragt. Wenn bemerkt wird, dass die früheren Menschen einen Fehler machten, so solle den Fehlern nicht treu geblieben werden.

Fehlern treu zu bleiben, nur weil die Ahnen eines Volkes oder einer Gesellschaft ihn als Wahrheit anerkannten, hieße blind nachzuahmen und sich selbst zu lähmen. Das sei Barbarei. Alles, was den göttlichen Funken, d.h. unsere Humanität, verdunkelt, ist Barbarei.

Foto: Steffen Schmitz (Carschten), via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 4.0

Menschen, die zu ihrer Zeit das Tradierte sichten und auswerten und es im nächsten Schritt als Material benutzen, um etwas Neues zu kreieren, sind Aufklärer. Herder lehrt: Aufklärung ist keine Phase, die einmal durchgemacht wird und dann bis zum Ende der Zeit gültig ist. Jede Generation muss eine eigene Aufklärung durchmachen. Wenn sie es nicht tut, verfällt sie der Barbarei und lebt bloß mit den Erkenntnissen früherer Völker und Gesellschaften.

Die Muslime in Bagdad, der ehemaligen Stadt der Weisheit, taten das. Sie trugen ihre Weisheit bis nach Europa. Hier gründeten Muslime die erste Metropole Europas: Córdoba. Es wurde der Hort des Wissens. Aus allen Regionen Europas reisten Christen und Juden an, um Wissen zu studieren. Eine Beschreibung können wir beim Geschichtsschreiber Ibn Bassam (gest. 1047) nachlesen:

„Die Metropole Córdoba ist (…) das höchste Ziel, der Platz, an dem die Herrschaftsstandarte aufgepflanzt wird, die Heimat der Wissens- und Verstandesbegabten, das Herz des Landes, die Quelle der hervorströmenden Wissenschaften, das Haus der wahrsten Verstandeskräfte, der Garten der Früchte der Geistesanstrengungen und das Meer der Perlen der Genies. Von ihrem Horizont gingen die Sterne des Landes und die Berühmten des Zeitalters sowie die Meister der Prosa und Poesie auf; in ihr entstanden die glänzenden Schriften und wurden die erhabenen Abfassungen erstellt. Der Grund dafür und für den Vorrang der Bevölkerung dort in alter und neuer Zeit über alle anderen besteht darin, dass ihre cordobesische Region stets Forscher und Suchende in den Disziplinen der Wissenschaft und Literatur umfasste.“ (aus dem Werk: „Schatzkammer der Leistungen der Leute von der [iberischen Halb]Insel“) 

Was wir heute fundiert belegen können, erkannte Herder bereits zu seiner Zeit an, indem er bloß die Literaturen Europas studierte und der Frage nachging, weshalb Spanien, Italien und Frankreich den später kommenden Deutschen vorausgingen. 

Foto: Anna Krasnopeeva, Shutterstock

Muslime kultivierten Europa

„Unleugbar ist’s nämlich, dass die Araber [Muslime] in ihrem weiten Reiche (…) Sprache und Wissenschaften, Handel und Künste sehr kultiviert hatten.“ Kultivieren bedeutet sein menschliches Potenzial auszuschöpfen. Kultivieren heißt den Funken Gottes zum Strahlen zu bringen. Kultivieren bedeutet mit dem Verstand zu sichten und was man vorfindet auszuwerten und es anschließend als Material zu nutzen für Neues. Das taten die Muslime und haben dadurch die Weltkultur bereichert. Menschen, die das tun, sind Aufklärer. Muslime waren gemäß Herder die ersten Aufklärer unseres modernen Europas.

Ein Beispiel dafür ist das Werk „Die Wissenschaftsgeschichte der Völker“ von Said Al-Andalusi. Andalusi war islamischer Rechtsgelehrter in Toledo. Er starb 1070. Nur 15 Jahre später im Jahr 1085 eroberten Christen die Stadt und für eine kurze Zeit gewährten Christen im Mittelalter, dem Vorbild der damaligen Muslime entsprechend, Religionsfreiheit. Christen ahmten die Muslime nach, und klärten sich am Beispiels des muslimischen Vorbildes auf.

Herder schreibt: „Wie anders nun, als dass in Spanien, wo ein Hauptsitz dieser Kultur war, wo Jahrhunderte lang die Christen mit ihnen in Streit oder ihnen unterwürfig gelebt hatten, neben diesem hellen Licht nicht ewig und immer die Dunkelheit verharren konnte? Es mussten sich mit der Zeit die Schatten brechen; man mußte sich seiner schlechten Sprache und Sitten, der ungebildeten Rustica schämen lernen, und da die meisten Spanier Arabisch konnten, auch eine unsägliche Menge arabischer Bücher und Anstalten in Spanien jedermann vor Augen war, so konnte es ja nicht fehlen, dass jeder kleine Schritt zur Vervollkommnung auch unvermerkt nach diesem Vorbilde geschah.“ 

Herders Ausführungen wurden lange, sehr sehr lange als „Araberthese“ abgetan. Das ist heute nicht mehr möglich. William Montgomery Watts „Der Einfluss des Islams auf das europäische Mittelalter“, Monika Walters „Der verschwundene Islam?: Für eine andere Kulturgeschichte Westeuropas“, Sigrid Hunkes „Allahs Sonne über dem Abendland. Unser arabisches Erbe“ oder Jim al-Khalilis „Im Haus der Weisheit: Die arabischen Wissenschaften als Fundament unserer Kultur“, das sind einige der Werke, die Herders Erkenntnisse aus dem auslaufenden 18. Jahrhundert stützen. Herder stellte seine Untersuchungen an, um herauszufinden, warum die Renaissance in Italien begann und Spanien und Frankreich lange fortschrittlicher waren. Die Präsenz der Muslime machte den Unterschied.

Muslime entwickelten Traditionen weiter

Hundert Jahre nach Herder geht der Orientalist Adolf Friedrich von Schack ebenfalls der Frage nach, was Muslime in Spanien und Sizilien leisteten und schrieb 1865 sein zweibändiges Werk  „Poesie und Kunst der Araber in Spanien und Sizilien“. Von Schack schreibt im Vorwort, dass einige behaupteten, aller Fortschritt sei den Muslimen zu verdanken und manche würden die Leistungen der Muslime leugnen. In der Mitte sei die Wahrheit zu finden. Die Frage, ob Muslime als Gestalter und Entwickler zur Weltkultur beitrugen, wurde also intensiv in der Vergangenheit diskutiert. Sie ist nicht neu.

Von Schack kommt zu dem Urteil: „Die Reize von Kunst und Natur, die Weichheit des Klimas und die ungleich höhere Zivilisation der Mohammedaner, welche nach wie vor die überwiegend große Bevölkerung der Insel bildeten, (gewannen) unversehens Macht über sie. Sitten, Künste und Wissenschaften der Überwundenen (Muslimen) teilten sich den Eroberern (Christen) mit.“

Muslime vermittelten nicht bloß griechisches Wissen, sie entwickelten weiter. Der vielleicht bedeutendste muslimische Wissenschaftler al-Biruni (gest. 1048) schreibt: „Ich habe getan, was alle in ihrer Arbeit vollbringen müssen: Die Erfolge der Vorgänger dankbar begrüßen, ihre Fehler ohne Furcht berichtigen und das, was einem als wahr erscheint der folgenden Generation und deren Nachfolgern anvertrauen.“

Wer solches tut, ist gemäß Herder, das legte ich am Anfang dieses Essays dar, ein Aufklärer. (Wer mehr zu al-Biruni erfahren möchte, dem sei das Werk „In den Gärten der Wissenschaft. Ausgewählte Texte aus den Werken des muslimischen Universalgelehrten“ empfohlen)

astrolab verlag

Foto: Royalty-Free | Corbis Library

Herders Selbstkritik als Vorbild für heutige Muslime

Was nützt es alte Muslime anzuführen, wenn heutige Muslime geringe oder keine kultivierenden Beiträge leisten? Die damaligen Muslime blickten in denselben Koran und Hadithe wie wir heute. Zu sehen, dass Koran und Sunna sie zum Forschen animierten, legt Zeugnis dafür ab, dass nicht der Islam eine Aufklärung nötig hat.

Der Islam ist nicht das Hindernis. Angebliche Abendlandsverteidiger verneinen das. Dabei verweisen sie auf heutige Muslime. Ich lehne ihre Kritik nicht ab. Die Kritik hilft mir, Missstände zu erkennen. Wie die damaligen Christen sich vor den Muslimen schämten und dadurch Ästhetik und Künste kennenlernten und entwickelten, ist es angebracht, dass heutige Muslime es den Osmanen im 19. Jhd. gleichtun.

Die Osmanen besannen sich auf das alte Andalusien und schrieben die erste Geschichte Andalusiens aus muslimischer Sicht, denn es ist ein Fundament des modernen, wissenschaftlichen Europas. Sie sahen, was Europa aus dem andalusischen Erbe tat. Was tun wir Muslime in Deutschland damit? Was ignorieren wir und was entgeht unserem Blick? Ein Misstand von heute ist es bspw., Koran und Sunna zu sagen, ohne zur Behebung von Missständen beizutragen. Wir müssen selbstkritisch sein. Mehr zu unseren Missständen im dritten Teil der Serie.

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Muslime und die Aufklärung (1)

europa gewissen aufklärung

Die Religion braucht keine Aufklärung, aber uns Muslimen könnte sie nicht schaden. Teil 1 einer Serie.

(iz). Sind die Muslime Deutschlands aufgeklärt? Seit Jahren wird eine Aufklärung der Muslime gefordert. Zu Recht und Unrecht, sagt der ­Literaturwissenschaftlicher und deutsche Dichter Ahmet Aydin im ersten Teil seiner Serie.

Verschiedene Definitionen der Aufklärung

Mit der Frage, was Aufklärung ist, zu beginnen, scheint mir inzwischen unumgänglich. Immanuel Kant hat die Frage beantwortet. Wieland hat sie beantwortet. Mendelssohn hat sie beantwortet. Aber auch Johann Gottfried Herder, der Vater, Begründer und Ideengeber einer deutschen Identität, hat sie beantwortet.

Möchte ich gerade lediglich Namen „droppen“, damit alle sehen, wie gebildet ich angeblich sei? Nein. Ich möchte einen Hinweis geben. Es gibt verschiedene Antworten darauf, was Aufklärung ist und was sie nicht ist. Das deutsche Wort „Aufklärung“ kommt von Christoph Martin Wieland. Wenn heute über Aufklärung gesprochen wird, wird in der Regel in Kants Definition über sie ­gesprochen.

Seinem Begriff liegt auch Kants Kulturverständnis zugrunde. Immanuel Kant sprach nur von „Kultur“ oder Nicht-Kultur. Er sprach nicht von „Kulturen“. D.h. ­Kultur im Plural verwendete Kant nicht. Er gehört damit zu den Denkern Europas vor der Weimarer Klassik, die sich grundlegend und ideell von Kant und dem Rest Europas bis dahin unterscheidet.

Herder definiert Aufklärung nicht bloß damit, den Mut zu haben, selbst zu denken. In Herders Denken ist die Aufklärung an die Kenntnis und, wenn es nötig ist, die Überwindung der eigenen vorgefundenen Tradition gebunden:

„Die Tradition ist eine an sich vortreffliche, unserm Geschlecht unentbehrliche Naturordnung; sobald sie aber sowohl in praktischen Staatsanstalten als im Unterricht alle Denkkraft fesselt, allen Fortgang der Menschenvernunft und Verbesserung nach neuen Umständen und Zeiten hindert: so ist sie das wahre Opium des Geistes sowohl für Staaten als Sekten und einzelne Menschen.“ (Ideen, III, 12/VI)

In nahezu allen öffentlichen Diskursen wird Muslimen vorgeworfen, zu sehr ihrer Tradition verbunden zu sein und sich für das Deutsche bzw. Europäische nicht zu öffnen. Diese Kritik ist zum Teil berechtigt, ja.

Nicht wenige Muslime – sprechen wir es mal radikal selbstkritisch aus – kleben an ihrer Tradition, wie Insekten am Honig. Denn sie ist süß, bequem, bekannt. Nicht selbst zu denken ist, wie Kant sagt, wirklich sehr sehr bequem. Doch ist es islamisch? Ist es halal? Ist es gottgefällig, nicht selbst zu denken? Diese Fragen sind sehr gewagt. Denn auch auf „den“ Westen und seinen Versuch Kulturimperialismus zu betreiben, ist kein Verlass.

Foto: Osman Hamdi Bey, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY 2.0

Muslime benötigen eine Aufklärung, Islam nicht

Der der Westen stagniert(e) lange in seiner Behauptung, das kritische Denken sei untergegangen in der muslimischen Welt. Das schrieb Ernest Renan um 1850 und diese Aussage hörte sogar ich noch im Jahr 2013 an einer deutschen Uni und natürlich in der deutschen Öffentlichkeit. Wenn Antworten auf Renan thematisiert werden, dann wurden nur Antworten von Afghani und Abduh angeführt.

Die bedeutendste Antwort und die Antwort, die selbstbewusst und ohne Minderwertigkeitskomplexe gegeben wurde, ist die Antwort des osmanischen Dichters, Denkers, Übersetzers und Aktivisten: Namik Kemal. Er schrieb bereits um 1860 eine mehr als schlagfertige Antwort. Die deutsche Mehrheitsgesellschaft kann nichts dafür, dass sie sie nicht kennt. Die Turkologen schlafen – und die türkisch-deutschen Muslime?

Sie haben diesen Text nicht übersetzt, weil viele ihn nicht mal kennen. Sie sind zu unbelesen und ungebildet. Das hat Ursachen. Ja, doch es weiterhin zu bleiben, ist eine Sünde, eine so große, dass sie uns unsere Zukunft kosten kann.

Wer sich in dieser Zeit nicht kulturell bildet, der hat in Europa als Muslim in der Öffentlichkeit nichts zu suchen. Denn er richtet mehr Schaden an, als aufzubauen. So einen Muslim, ganz gleich, ob Türkisch, Arabisch, Persisch oder sonst was, bezeichne ich als unaufgeklärt.

Lasst mich aus der Antwort Namik Kemals zitieren, damit die Schärfe meiner Anklage verständlich wird. Kemal schrieb:

„Nicht bloß Ernest Renan, ich kann ihnen mit Leichtigkeit beweisen, dass die bekannten Europäer, die sich mit den östlichen Wissenschaften befassen, wenn es zum Islam kommt, dermaßen unwissend sind, dass es Staunen erregt. (…) Hätte ich Monsieur Renans Text nicht gelesen, so hielt ich es nicht für möglich, dass in einem so kurzen Text so viele Fehler gemacht werden können. (…) Die europäischen Gelehrten mit dem Verständnis von Ernest Renan akzeptieren jedes Wort, das uns (Muslime) betrifft als wahr an, ohne eines Beweises zu bedürfen. Wenn ein Beweis gefordert wird, so erhielten wir oftmals die Antwort: ‘Ich sage das’. (…) Ist es eine Notwendigkeit seiner Methode in Debatten, die Beweise der Gegenseite nicht zu akzeptieren. Dies scheint ihm Ruhm einzubringen, wie es ihm auch Ruhm einbringt, keine eigenen Beweise vorzulegen.“

Um es in der Jugendsprache deutlich auszusprechen: Namik Kemal hat Ernest Renan rasiert. Er tritt intellektuell und wissenschaftlich auf und besitzt ein ­gesundes Selbstbewusstsein. Hochmut wäre dieses Selbstbewusstsein dann, wenn er eigene Fehler nicht benennen würde, doch das tut er. Er sagt, wir müssen die Formen aus Europa, wie den Roman, übernehmen. Bloße Hutbas, so Namik Kemal, reichen einfach nicht aus, um die Bevölkerung zu bilden.

Wirkt dieser Mann unaufgeklärt? Er ist ein aufgeklärter Muslim. Ein bedeutender Satz Namik Kemals verdeutlicht dies nochmal: „Wissen und Kultur sind eine sehr neckische Geliebte. Wer sich in sie verliebt, opfert sein Leben auf, um zu ihr zu gelangen.“ Kant würde Namik Kemal herzlich umarmen.

Die Mehrheitsgesellschaft irrt in ihrer Annahme, der Islam müsse reformiert werden. Der Islam ist bereits ein aufgeklärtes Christentum. Dies bestätigten Lessing und Goethe bereits. Die Mehrheitsgesellschaft möge ihre eigenen Dichter und Denker genauer lesen und seine eigenen Komplexe überwinden.

Wohl aber, und diese Selbstkritik müssen die Muslime annehmen, Muslime müssen aufgeklärt werden. Genauso wie die heutigen Deutschen aufgeklärt werden müssen, müssen Muslime, als Teil des gegenwärtigen Deutschen aufgeklärt werden.

Wie Muslime aufgeklärt werden können

Muslime, die ihre Geistesgeschichte kennen und nicht bloß damit beschäftigt sind, nicht negativ aufzufallen bzw. nicht anzuecken, sie sind aufgeklärte Muslime, die Deutschland und Europa bereichern können. Die anderen werden in der Geschichte der Muslime Deutschlands und Europas vergessen werden. So ergeht es allen, die bloß Tagespolitik betreiben. „Was bleibet aber, stiften die Dichter“ und eben Denker und Künstler.

Namik Kemal ist ihre Geistesge­schichte, aber die türkisch-deutschen Muslime schlafen, ihn zu vermitteln, weil sie ihn nicht kennen oder Angst davor haben, von der Politik und der öffentlichen Inquisition Deutschland, den Journalisten, abgestraft zu werden dafür, dass sie über einen osmanischen Dichter und Denker sprechen.

Menschen, die nur in Angst und Furcht leben, sind armselige Geschöpfe. Dieser osmanische Dichter und Denker jedoch, ist den heutigen Muslimen hoch überlegen. Er hat kein Allheilmittel, aber bietet Denkansätze, genauso wie Ziya Pascha oder Ahmed Cevdet Pascha.

Sie sind ein Mittel gegen Extremismus und Radikalität. Es ist die Pflicht türkisch-deutscher Muslime, sie zu vermitteln. Wenn das ausbleibt und man weiterhin ganz „unschuldig“ nur über das Gebet spricht und das Fasten und den Hadsch, werden künftige Muslime auf unsere Zeit als eine Zeit der Schande zurückblicken.

Sie werden sich die Frage stellen, ob wir wirklich Muslime waren, wenn wir nur in der Angst lebten, was angebliche Islamkritiker sagen. Niemand nimmt Menschen, die bloß aus Angst agieren, ernst. Die angeblichen ­Islamkritiker spielen mit ihnen wie ­Marionetten mit ihren Puppen.

Auch der Gelehrte Elmalili Hamdi Yazir erkannte dieses Problem. Die gesamte Intellektuellen des ausgehenden Osmanischen Reiches erkannten das Problem. Der erste Schritt sei Keşfi kadim., das heißt: Die Erforschung der alten muslimischen Hochkulturen. Und daraus resultierend das zweite: Vazi cedit. Das Hervorbringen von etwas Neuem, in der Nachfolge des Alten. Heutige Muslime wollen immer etwas liefern und hervorbringen, aber sie das Alte noch nicht erfahrbar gemacht, deshalb wirken sie barbarisch.

Foto: Anna Krasnopeeva, Shutterstock

Ein Beispiel: Das alte Andalusien als Vorbild

Die Mehrheitsgesellschaft sollte die Muslime entdecken lassen und sie nicht ständig mit Anschuldigungen abhalten. Sonst verhindert sie, was sie selbst wünscht: Kultivierte Muslime. Herder könnte hierin ihr Vorbild sein.

Herder ist einer der deutschen Denker, die Menschen, die die Tradition nicht kennen, nicht ernst nehmen. Seien sie muslimisch oder nicht. Muslime, die etwas hervorbringen wollen, ohne das Alte zu kennen, würde er als kulturell kolonialisiert bezeichnen.

Die erste Aufklärung für ganz Europa, wie wir es heute kennen, begann im alten Andalusien. Das ist eine Feststellung Herders. Die „poetische Invasion“ der arabischen Muslime, habe zur ­Renaissance in Europa geführt. Dies sagt er in seinen Briefen zur Beförderung der Humanität. Was das alles bedeuten kann und was nicht, wird im zweiten Teil ­dieser Serie diskutiert.

Doch eines ist sicher: Herder als Vater und Ideengeber einer deutschen Identität, betrachtete unser modernes Europa als Produkt des Griechischen, Römischen und Arabischen. Das schreibt er in seinem Hauptwerk, den „Ideen“. Muslime, die das nicht wissen, und auch nicht die Beschäftigung der türkisch-muslimischen Intellektuellen mit Europa, ihnen mangelt es an Selbstbewusstsein und Urteilskraft.

Deutschland ist momentan ein neues Andalusien. Und das macht Hoffnung. Ideen werden ausgetauscht, künstle­rische Werke geschaffen, es wird versucht und gestaltet. Darauf können wir stolz sein. Allesamt. Unser aller gemeinsames Projekt ist es, dass unsere Arbeit Deutschland kulturell bereichert und dazu beiträgt, dass wir zur Ausgestaltung und Formulierung universaler Werte beitragen.

Es wurden in diesem Essay viele Themen und Namen angeschnitten. Es soll einen Überblick bieten, was uns erwartet. Die nächsten Teile der Serie, werden diesen Artikel noch verständlicher machen. Denn nur die Unkenntnis der muslimischen Geistesgeschichte, verhindert diesen ersten Beitrag zu verstehen. Möge Allah teala unser aller Wissen mehren und durch uns den Kulturgrad der Gesellschaft bereichern und anheben.

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Bücher: Mit „Imageproblem“ klärt Anja Hilscher nicht nur auf. Wichtiger ist noch: Das Buch ist unterhaltsam. Von Sulaiman Wilms

„Ist es ungefähr das, was Sie so denken? (…) legen Sie dieses Buch besser zurück (…) Nicht, dass ich Leser verprellen möchte, aber Sie gehören nicht zu meiner Zielgruppe. Falls Sie aber was anderes denken – oder auch gar nichts – dann lesen Sie ruhig weiter!“ (Anja Hilscher)

(iz). Bücher, die sich der Widerlegung negativer Vorurteilen widmen, sind leider notwendig. Mit Ausnahme von Paukenschlägen wie Bahners „Die Panikmacher“ oder Feridun Zai­moglus furiose Sprache haben die ­meisten Titel den Nachteil, dass sie den Angriff schon vorwegnehmen. So bekommt man immer das Gefühl, sie wären in der Defen­sive geschrieben worden. Andere, wohlwollende Aufklärungsbücher wie das Buch von A. Hackensberger sind zwar mit Herz geschrieben worden, aber stellenweise faktisch falsch, sodass man sie guten Gewissens kaum als Leitfaden empfehlen möchte.

Anja Hilschers beim Gütersloher Verlagshaus jüngst erschienener Titel „Ima­geproblem. Das Bild vom bösen Islam und meine bunte muslimische Welt“ ist nicht mit diesen Fehlern behaftet. Die Autorin [siehe IZ-Interview in der ­letzten Ausgabe] lässt keinen Moment Defensive oder eine Rechtfertigungslogik zu. Anstatt auf tatsächliche oder imaginäre Kritik (ein großes Problem für viele Schreibende) reagieren zu müssen, spinnt Hilscher ihren eigenen geistigen Faden. Mit seiner Hilfe zieht sie uns durch ihre gesamte Argumentation. Warum nimmt sie uns auf ihren Parforceritt mit? Die Autorin gibt uns die Antwort: „Angesichts der Skrupellosigkeit, mit der das Bild des Islam verzerrt wird, stellen sich halbwegs gebildeten Muslimen regelmäßig die Nackenhaare auf. Mir auch. Seit über 20 Jahren. Es gibt Vorurteile und Missverständnisse ohne Ende.“

Hilscher führt mit 20 thematischen Kapiteln in ein faszinierendes Phänomen ein, dass ihrer Meinung weder von Außen, noch von vielen „muslimischen Erbsenzählern“ richtig verstanden oder dargestellt wurde. Da sie das mit einer gehö­rigen Portion Humor und Ironie – die sie auch nicht vor sich selbst haltmachen lässt – tut, kann man ihr das Kompliment machen, dass sie nicht nur aufklärt, sondern ihre Leser zusätzlich auch noch unterhält – was beinahe noch wichtiger ist. Es gibt genug sauertöpfische Texte zum Thema „Islam“.

Ihr – stellenweise bissiger – Humor ist aber nicht Selbstzweck oder Attitüde, sondern notwendig, weil zu oft die Regeln des „Diskurses“ nicht mehr eingehalten werden: „Jep, ich bin Muslima. Die kalte, komplizierte Welt überfordert mich total! Ich bin ein seelisch labiler Mensch und brauche starre Regeln, weil ich zu psychotischen Schüben neige. (…) Na ja, offen gestanden mache ich es nicht so extrem. Ich traue mich nicht. Deshalb musste ich dieses Buch schreiben.“

Weil Anja Hilscher im „Imageproblem“ wichtige Impulse aus der Pers­pek­tive einer selbstbewussten, deutschen Muslimin liefert, kann man ihr manches Missverständnis und die gelegentliche Burschikosität nachsehen. Ihre Attacke auf das islamische Recht (S. 45), oder das Fiqh, dass sie als Rechtsprechung „von mittelalterlichen Theologen mit starker Tendenz zum Pharisäertum“ beschreibt, ist unbegründet und leider auch unfair. Diese oberflächliche Betrachtung tut den allermeisten Rechtsgelehrten Unrecht, die der Prophet als „die Erben der Propheten“ bezeichnete, und die oft eine wichtige Rolle bei der Aufrechterhaltung der islamischen Lebensweise spielte. Auch der – an einigen Stellen zu freizügige – Umgang mit den Primärquellen mag für den Außenstehenden erfrischend sein. Es wäre aber manchmal besser gewesen, die Autorin hätte sich stärker mit grundlegenden und anerkannten Deutungen ­beschäftigt.

Man muss es Hilscher hoch ­anrechnen, dass sie sich nicht – um Sympathien von falscher Seite einzuheimsen – gedankenlos auf eine politisch korrekte Sicht der Dinge einlässt. Daher ist es etwas unver­ständlich, warum sie auf den letzten Seiten in ein One-World-Image abdriftet, und die – unter US-Muslimen isolierte Amina Wadud – als Vorbild beschreibt. Wäre, so möchte man die Autorin ­fragen, am Ende alles gleich wahr und jeder hätte ein bisschen Recht, gäbe es dann noch die Notwendigkeit, sich für den Islam zu begeistern?

Anja Hilscher kann aber den ­Zweifler versöhnen, wenn sie an Ibn Khaldun (der namentlich nicht in ihrem Buch vorkommt) anknüpfend, uns an das Auf und Ab der menschlichen Kulturen insgesamt erinnert: „Im Gegensatz zu dem Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad, der vor einiger Zeit in seinem gleichnamigen Buch den ‘Untergang der islamischen Welt’ vorhersagte, glaube ich dass weder der Islam als Religion, noch die islamische Welt zum Untergang verurteilt sind. Schließlich ist Allah der ‘Hervorbringer des Lebendigen aus dem ­Toten’!“

Details:
Anja Hilscher
Imageproblem
Das Bild vom bösen Islam und ­meine bunte muslimische Welt
Gütersloher Verlagshaus, 2012
ISBN: 978-3579065762
Preis: 14,99 Euro