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Gegenständliches Reisen: Was würde Goethe sagen?

goethe reise

Reiseblog: Eine goethesche Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Unterwegsseins. Anmerkungen zum Reisen.

(iz). Im Jahr 1823 veröffentlichte Johann Wolfgang von Goethe einen Aufsatz „Bedeutende Fördernis durch ein einziges geistreiches Wort“. Darin beschreibt er das Prinzip des „gegenständlichen Denkens“: Der Mensch kann sich selbst niemals durch reine Nabelschau im stillen Kämmerlein erkennen.

Selbsterkenntnis gelingt nur im lebendigen Austausch mit der Welt. Goethe schreibt: „Der Mensch kennt nur sich selbst, insofern er die Welt kennt, die er nur in sich und sich nur in ihr gewahr wird. Jeder neue Gegenstand, wohl beschaut, schließt ein neues Organ in uns auf.“

Goethe bekennt sich in seinem Text zu einer Skepsis gegenüber dem antiken Orakelspruch „Gnothi seauton“. Etwas überspitzt bezeichnet er die Forderung nach reiner Introspektion ironisch als eine „List geheim verbündeter Priester“. Reine Nabelschau, argumentiert er, führe den Menschen nur in eine „innere falsche Beschaulichkeit“.

Sein gegenständliches Denken überwindet die Kluft zwischen Geist und Natur, indem es den Beobachter untrennbar mit dem betrachteten Objekt verschmilzt. Für ihn ruht die Idee nicht als abstraktes Konstrukt im Kopf, sondern offenbart sich als lebendige Wirklichkeit direkt im sinnlichen Phänomen.

In dieser Einheit von Erfahrung und Verstand wird das Denken selbst zu einer Anschauung, die das Allgemeine im Besonderen greifbar macht.

Foto: Pexels

Die Praxis: Die italienische Reise als Ur-Experiment

Dass diese Philosophie keine graue Theorie ist, hat Goethe selbst bewiesen. Im September 1786 floh er – völlig ausgebrannt von seinen Pflichten als Weimarer Minister – mitten in der Nacht heimlich nach Süden.

Seine legendäre italienische Reise war nichts Geringeres als die radikale praktische Umsetzung seines Denkens. Er reiste inkognito als „Filippo Miller“, um seine alte Identität abzustreifen und sich ganz den realen Objekten der Welt auszusetzen.

Um die Reisephilosophie des Dichters zu verstehen, muss man sich die ganzheitliche Konzeption seines Denkens vergegenwärtigen. Goethe sah die Pflanze als ein Gleichnis des Lebens.

In seiner Schrift „Die Metamorphose der Pflanzen“ beschreibt er das Prinzip der Wandlung – die Idee, dass sich aus einer Urform (Blatt) unendliche Vielfalt entwickelt. Goethe erkannte darin ein Naturgesetz: Alles Lebendige ist in Bewegung, in Wandlung – Metamorphose.

Der Mensch als Reisender strebt – wie die Pflanze zur Blüte – zur Selbstbildung durch Weltkontakt. Es geht also in dieser Art des Reisens um Metamorphose, um die eigene Veränderung, ganz im Gegensatz zur Realität des modernen Massentourismus.

Der Publizist Joachim Fest definierte den touristischen Betrieb als eine neuartige Form des Nihilismus: „Die Touristen, die Jahr für Jahr zu Hunderttausenden nach Sizilien übersetzen, sind gerade deshalb eine Gefahr, weil sie nicht bleiben, sondern immer wieder gehen. Das unterscheidet sie von allen Invasoren der Geschichte; sie verwandeln die Insel zwar, entziehen sich selbst aber ihrer verwandelnden Kraft.“

Goethes italienische Reise lässt sich heute nicht wirklich nachreisen; zeitlos wirkt jedoch das angewandte Erkenntnisverfahren. Die Aktualität seiner Erfahrungen ist immer wieder überraschend: So formuliert er bereits im späten 18. Jahrhundert eine Idee, die wir heute als „Slow Travel“ bezeichnen würden.

Die Geschwindigkeit der Pferdekutsche, die er auf seinem Weg benutzt, sei – so stellt er fest – für ein intensives Erfahren der Umwelt bereits zu hoch. Die Zunahme der Beschleunigung in allen Lebensverhältnissen war für Goethe ein wesentliches Kennzeichen der sich abzeichnenden Moderne.

Als Goethe in Venedig zum ersten Mal in seinem Leben am Meer steht, zeigt er ein weiteres für ihn typisches Verhalten. Nach nur kurzer Zeit untersucht er Seeschnecken und Taschenkrebse und ruft begeistert aus: „Was ist doch ein Lebendiges für ein köstlich herrliches Ding! Wie abgemessen zu seinem Zustand, wie wahr! Wie seiend!“

Mit dieser Begeisterungsfähigkeit zeigt sich, dass es bei seinem Reisen nicht nur um das Zurücklegen von Entfernungen geht, sondern darum, den Gegenständen mit offenem Blick zu begegnen.

In Rom unterzieht sich der Dichter – wie man heute sagen würde – einem strengen touristischen Programm. Er erlebt eine „Wiedergeburt“, weil das intensive, unvoreingenommene Betrachten der antiken Kunst und der südländischen Natur ihn tiefgreifend transformiert.

Während ihn in der italienischen Hauptstadt vor allem die Kunst in den Bann zieht, sind es in Neapel die Menschen, die ihn beschäftigen. Energisch weist er den Verdacht zurück, die südliche Lebensweise sei dem Arbeitsethos des Nordens unterlegen.

Seine Beschreibung der Besteigung des Vesuvs gehört zweifellos zu den Höhepunkten der europäischen Reiseliteratur. In Sizilien erfährt er schließlich einen poetischen Widerhall und entdeckt bei seinen Besuchen der berühmten Tempel die Tiefe der Griechenlandsehnsucht seiner Zeit.

Dabei geht es ihm nie nur um einen romantisierenden Blick zurück, sondern stets um die Frage, wie sich antikes Wissen im Hier und Jetzt aktualisieren lässt.

Wer heute nach dem Sinn des Reisens fragt, empfängt auf Goethes Spuren entscheidende Impulse. Reisen erscheint nicht mehr als Konsum von Orten oder als bloßes Sammeln von Kulissen, sondern als existentielle Notwendigkeit des Geistes, sich durch Weltkenntnis selbst zu finden.

Gegenständliches Reisen – so zeigt es die Lektüre wie auch die eigene Erfahrung – verankert den Sinn der Bewegung in vier unumstößlichen Grundsätzen:

  1. Das neue Organ: Sinn durch die Erweiterung des Geistes
    Der Geist stagniert in der Routine des Bekannten. Der Sinn des Reisens liegt darin, diese Starre zu durchbrechen. Die intensive Konfrontation mit einer neuen Kultur, einer fremden Sprache oder einer unvertrauten Landschaft zwingt zur inneren Transformation. So wie Goethe in Italien durch das Studium der Pflanzen die „Urpflanze“ erkannte, erschließt jede unvoreingenommene Reise eine neue Fähigkeit des Sehens.
  2. Die Weltkenntnis: Sinn durch die Begegnung mit sich selbst
    Wer nur in der gewohnten Heimat verweilt, hält seine sozialen Prägungen für seinen wahren Charakter. Der Mensch erfährt erst, wer er wirklich ist, wenn er sich im Spiegel des Fremden betrachtet. Goethe notierte in Italien: „Mein Zweck auf dieser wunderbaren Reise ist nicht, mich selbst zu täuschen, sondern mich an den Gegenständen kennenzulernen.“ In der Fremde fallen die Alltagsmasken.
  3. Das wohl beschaut Reale: Sinn durch das Ende des Autopiloten
    Der moderne Alltag reduziert Wahrnehmung auf Funktionalität. Gegenständliches Reisen holt uns in die Gegenwart zurück. Es bedeutet, Orte „wohl zu beschauen“ – wie Goethe, der Steine klopfte, Pflanzen untersuchte und das Licht des Mittelmeers studierte. Die Wirklichkeit wird wieder unmittelbar erfahrbar.
  4. Der Mitmensch als Spiegel: Sinn durch die heilsame Demut
    Die eigene Lebensrealität ist nicht der Maßstab der Welt. Goethe, der gefeierte Dichter, lebte in Italien unter einfachen Menschen und in Künstlergemeinschaften. Die Begegnung mit anderen wirkt als Korrektiv des eigenen Egos und relativiert Gewissheiten und Privilegien.

Foto: Idriss Azougaye

Epilog: Der Gipfel des Reisens und das kosmische Aufjauchzen

Wenn wir diese Grundsätze verwirklichen – wenn wir neu sehen lernen, uns im Fremden begegnen, den Autopiloten verlassen und Demut entwickeln –, dann erreichen wir vielleicht jenen Zustand, den Goethe 1805 in „Winckelmann und sein Jahrhundert“ beschreibt:

„Wenn die gesunde Natur des Menschen als ein Ganzes wirkt, wenn er sich in der Welt als in einem großen, schönen, würdigen und werten Ganzen fühlt, wenn das harmonische Behagen ihm ein reines, freies Entzücken gewährt, dann würde das Weltall, wenn es sich selbst empfinden könnte, als an sein Ziel gelangt, aufjauchzen und den Gipfel des eigenen Werdens und Wesens bewundern.“

Der tiefste Sinn des Reisens ist in diesem Verständnis kein egoistischer. Wenn der Mensch als Reisender im Einklang mit Natur, Kultur und sich selbst steht, erfüllt er einen größeren Zusammenhang. Die Welt wird nicht nur betrachtet, sondern in ihrer Bedeutung erschlossen.

Zurück in Weimar fremdelt Goethe mit seiner alten Heimat. Im hohen Alter beklagt er gegenüber Eckermann, nie wieder so glücklich gewesen zu sein wie in Rom.

Doch die italienische Reise bleibt keine Episode: Sie wird zum Fundament der Weimarer Klassik und zum Ausgangspunkt seiner Freundschaft mit Friedrich Schiller. Wer Weimar heute besucht, kann noch immer Spuren jener Metamorphose erkennen, die Goethe dort erfahren hat.

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Dialog heute oder die Müdigkeit des Gesprächs

Dialog denken

Warum wir das Denken im Dialog verlernen – und gerade jetzt neu lernen müssten.

(iz). Bis heute sind die platonischen Dialoge mehr als philosophische Texte; sie sind ein kultureller Mythos. In ihnen entfaltet sich Denken als Bewegung, als tastendes Fragen, das sich um Schönheit und Gerechtigkeit kreist, ohne je in endgültigen Antworten zu erstarren. Platon selbst misstraute der Schrift, weil sie das Gespräch erstarren lässt.

Wahrheit, so legt sein Werk nahe, ereignet sich nicht im fixierten Satz, sondern im lebendigen Austausch, im Widerstand sowie im gemeinsamen Ringen um Begriffe.

Dialog: Für Platon liegt Wahrheit im Austausch

Gerade darin liegt ihre unerwartete Aktualität. Denn die großen Ideen Platons erscheinen heute zugleich als Orientierung und als Provokation. Sind diese Begriffe – das Gute, das Schöne, das Gerechte – Relikte einer metaphysischen Vergangenheit, die es zu dekonstruieren gilt? Oder sind sie notwendige Bezugspunkte, ohne die unser Denken ins Beliebige zerfällt?

Die eigentliche Frage verschiebt sich damit: Nicht, ob wir diese Ideen bewahren, sondern wie wir sie unter den Bedingungen der Gegenwart neu zum Sprechen bringen.

Für die Griechen war klar, dass diese Aufgabe an eine Fähigkeit gebunden ist, die selbst geübt werden muss: die Kunst des Gesprächs.

Rhetorik war mehr als Kunst der Überredung

Rhetorik war kein bloßes Instrument der Überredung, sondern eine Praxis der gemeinsamen Welterschließung. Der Mensch erschien als ein Wesen, das sich im Dialog bildet – nicht in der Vereinzelung, sondern im Gegenüber.

Heute hingegen scheint genau diese Voraussetzung brüchig geworden zu sein. Die Gesellschaft ringt sichtbar um Orientierung, doch sie verfügt immer weniger über gemeinsame Formen, in denen dieses Ringen produktiv werden könnte.

Im Privaten begegnen wir einander oft als „volle Gläser“, gesättigt von Informationen, Meinungen und vorgefertigten Urteilen, kaum noch aufnahmefähig für das Fremde.

Im Öffentlichen verschärft sich diese Situation: Debatten drehen sich nicht nur um Inhalte, sondern zunehmend um ihre eigenen Bedingungen. Wer darf sprechen? Wer wird ausgeschlossen? Und nach welchen Regeln soll überhaupt gestritten werden?

Wo findet unser Gespräch statt?

Der Ort des Gesprächs hat sich dabei verschoben. Was einst auf dem Marktplatz oder in der Akademie geschah, findet heute in Talkshows und Podcasts statt. Doch diese Formate folgen eigenen Logiken.

Talkshows leben häufig von der Zuspitzung, vom kalkulierten Konflikt, der Aufmerksamkeit erzeugt, aber selten zur Klärung beiträgt. Podcasts dagegen versprechen Tiefe, doch auch sie bewegen sich zwischen ernsthafter Auseinandersetzung und inszenierter Kontroverse. Dass hier tatsächlich Erkenntnis entsteht, bleibt eine offene, vielleicht die entscheidende Frage.

Mit dem Aufkommen künstlicher Intelligenz tritt nun eine neue Form des Gesprächs hinzu. Wie jede Technik ist auch sie zunächst neutral; entscheidend ist ihre Anwendung. Auffällig ist, dass sie eine Struktur bereitstellen kann, die dem klassischen Dialog überraschend nahekommt.

Wer eine Frage präzise stellt, erhält differenzierte Antworten, oft entlang von Argumenten und Gegenargumenten. In dieser Hinsicht bestätigt sich eine alte Einsicht in neuer Form: Die Qualität des Denkens hängt an der Qualität der Frage.

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Foto: wohislimos, Unsplash

Abhilfe bei Vereinzelung?

Für manche wird diese neue Gesprächsform sogar zu einem Ersatz. Gerade in der Vereinzelung moderner Lebenswelten kann der Dialog mit einer KI eine eigentümliche Faszination entfalten. Sie hört zu, bleibt beim Thema, erinnert sich an den bisherigen Verlauf und entwickelt Gedanken weiter.

Mitunter entsteht der Eindruck eines Gegenübers, das geduldiger und strukturierter reagiert als viele reale Gesprächspartner. Doch gerade diese Erfahrung wirft eine beunruhigende Frage auf: Was sagt es über unsere Gesprächskultur, wenn Maschinen diese Rolle übernehmen können?

Dabei wäre es zu einfach, die Störung allein der Technologie zuzuschreiben. Auch menschliche Kommunikation ist nie frei von Verzerrungen. Missverständnisse, Übertreibungen, ja selbst Formen von „Halluzination“ gehören zum Alltag des Sprechens.

Wir bewegen uns stets in Modellen der Welt, nicht in der Welt selbst. Der Unterschied liegt weniger in der Fehlerhaftigkeit als in der Art, wie wir mit ihr umgehen – ob wir sie reflektieren oder verstärken.

Vielleicht zeigt sich darin auch ein leiser Zug unserer Zeit: dass das reale Gespräch als anstrengend empfunden wird. Es verlangt Aufmerksamkeit, Geduld, die Bereitschaft, sich irritieren zu lassen.

Der Rückzug ins Vereinfachte, ins Kontrollierbare, ist daher nicht nur eine Folge wachsender Einsamkeit, sondern auch Ausdruck wachsender Bequemlichkeit. Gerade darin liegt jedoch eine Gefahr.

Denn wo das Gespräch vermieden wird, verkümmert nicht nur die Form, sondern auch die Fähigkeit zur gemeinsamen Wirklichkeit. Dies hinzunehmen hieße, einen stillen Verlust zu akzeptieren, der sich erst bemerkbar macht, wenn er kaum noch rückgängig zu machen ist.

Foto: Freepik.com

Die entscheidende Frage ist eine menschliche

Am Ende führt all dies zurück zu einer älteren, vielleicht grundlegenderen Einsicht: Die entscheidende Frage ist nicht technologischer, sondern anthropologischer Natur. Es geht um die Vertiefung des Menschen selbst.

Nur, wenn wir unsere Fähigkeit zum Zuhören, zum Fragen und zum gemeinsamen Denken erneuern, können wir den Herausforderungen neuer Technologien begegnen, ohne uns in ihnen zu verlieren.

Der eigentliche Ort des Gesprächs bleibt dabei offen: Er ist weder rein privat noch vollständig digital, sondern entsteht dort, wo echte Begegnung möglich wird.

Dass diese Begegnung auch eine öffentliche Dimension hat, wussten bereits die Griechen. Gespräch war für sie kein Rückzug, sondern eine Form des Erscheinens vor anderen. Diese Dimension preiszugeben hieße, einen wesentlichen Teil unserer kulturellen Praxis aufzugeben.

Die Herausforderung unserer Zeit besteht daher nicht nur darin, neue Räume des Dialogs zu schaffen, sondern die Bedingungen dafür wiederzuentdecken, dass Gespräch überhaupt mehr sein kann als bloßer Austausch von Meinungen: nämlich ein gemeinsamer Weg zur Erkenntnis.

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Majlis oder Diwan – auf jeden Fall zur Nachahmung empfohlen

Majlis Diwan

Wir könnten vom Majlis oder Diwan profitieren: Für die hiesige Zivilgesellschaft und muslimische Communitys könnte eine bewusste Übernahme dieser Kulturtechnik einen erprobten Gegenentwurf zur Vereinzelung darstellen.

(iz). Der Majlis – oder Diwan – ist im arabisch-islamischen Raum bis heute eine der diskreten Herzkammern des sozialen Lebens. In diesem halböffentlichen Salon empfangen Familien ihre Nachbarn, Freunde und Gäste, es werden Nachrichten ausgetauscht, Konflikte geschlichtet, Allianzen geknüpft und Armut im Verborgenen gelindert. 

Der Raum ist meist schlicht, mit Kissen oder Sofas an den Wänden, einem zentralen Teppich, manchmal einer eigenen Tür nur für Gäste und einer klaren Choreographie der Gastfreundschaft.

Foto: Saudipedia

Am Golf – etwa in Qatar, Kuwait oder den Emiraten – ist er zumeist nach Geschlechtern getrennt: einer für Männer, einer für Frauen als eigener, lebendiger Mikrokosmos mit Familienplanung, Nachbarschaftspolitik und Alltagsorganisation.

In urbanen Kontexten wandert dieser halb-öffentliche Raum heute teilweise in Hotels, Cafés oder moderne Wohnzimmer, bleibt aber als separater „Sitzungsraum“ erkennbar, in dem Gemeinschaft und Status performativ inszeniert werden.

In Oman und Saudi-Arabien spricht man ebenfalls vom Majlis, im Jemen und in Kuwait eher vom Diwan. In Syrien oder dem Libanon überlappt sich die Funktion mit traditionellen Empfangszimmern, während im Maghreb lieber der Salon bzw. die Gästehalle diese Rolle übernimmt.

Der Majlis ist mehr als ein Wohnzimmer: Er ist auch eine informelle Volksvertretung, in der Stammesälteste, Geschäftsleute, Gelehrte oder Lokalpolitiker zuhören und Entscheidungen vorbereiten.

Gerade in kleineren Orten fungiert er als niedrigschwelliger Ort, an dem jeder eintreten, vortragen und Kritik äußern kann – eine Art quasi-demokratischer Resonanzraum jenseits formaler Institutionen.

Nicht zufällig wurde der Majlis zusammen mit dem Ritual des arabischen Kaffees als immaterielles Kulturerbe markiert – als Symbol einer Kultur, in der Zuhören, Konsens und Großzügigkeit zentrale Werte sind. Das Protokoll der Gastfreundschaft folgt einer feinen Dramaturgie.

Zuerst wird Kaffee (qahwa) serviert: leicht geröstet, mit Kardamom gewürzt, aus einer bauchigen Kanne (dallah) in kleine Henkeltassen (finjan) eingeschenkt. Der Gastgeber bzw. ein beauftragter Muqahwi trägt die Kanne, die Tassen in der anderen Hand, und bedient die Anwesenden entweder entsprechend ihres Ranges oder schlicht gegen den Uhrzeigersinn.

Die Tassen werden nur zu einem Viertel gefüllt; getrunken wird in kleinen Schlucken, und wer genug hat, schwenkt die Tasse leicht, um weitere Nachschenker höflich abzulehnen.

Erst nachdem der Kaffee den formellen Rahmen gesetzt hat, folgt der Tee, oft stark und süß, mit Minze, Salbei bzw. Thymian – als Signal, dass die Atmosphäre gelöster ist.

Datteln, Nüsse oder Süßigkeiten begleiten beide Getränke, symbolisieren Fülle und Milde und mildern zugleich die Bitterkeit des Kaffees. In dieser Abfolge – Kaffee als Ritual der Anerkennung, Tee als Brücke zur vertraulichen Unterhaltung – spiegelt sich ein feines Verständnis von Nähe, Distanz und Timing im sozialen Umgang.

Foto: Rawpixel.com

Im Ramadan wird der Majlis vielerorts zu einem Raum der Speisung. Familien, Stiftungen und Moscheegemeinden richten in Golfstaaten, in der Levante oder in Teilen Nordafrikas kollektive Iftar-Tafeln aus, bei denen Nachbarn, Wanderarbeiter, Bedürftige und Alleinstehende gemeinsam das Fasten brechen.

Für die deutsche Zivilgesellschaft und muslimische Communitys in Deutschland könnte eine bewusste Übernahme dieser Kulturtechnik einen erprobten Gegenentwurf zur Vereinzelung darstellen: ein halböffentlicher Ort der Gastfreundschaft, in dem nach festen, aber einfachen Regeln miteinander gesprochen wird.

Solche Räume – in Nachbarschaftszentren, Bibliotheken, Kulturvereinen, Moscheen oder in Wohnungen – könnten als niederschwellige Gesprächssalons dienen, in denen lokale Anliegen, Konflikte und Ideen in einer Atmosphäre anerkannter Formen der Höflichkeit verhandelt werden.

So würde der Majlis zu einer Brücke zwischen Herkunftskulturen und Mehrheitsgesellschaft. Junge MuslimInnen wären nicht nur Gegenstand der Debatte, sondern Gastgeber einer Kultur, die Gespräch, Großzügigkeit und geteilte Verantwortung ins Zentrum stellt.

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Heilige Nacht: Meine frühkindlichen Begegnungen mit Gott

Heilige Nacht

Heilige Nacht: Der Autor Peter Schütt erinnert sich an seine frühkindliche Begegnung mit Gott. (iz). Religion war bei uns zuhaus eher Fehlanzeige. Mein Vater, ausgebildet an der Präparandenanstalt in Stade […]

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Auch 2025 lädt der Tag der offenen Moschee zur Begegnung ein

Begegnung TOM 2025

Direkte Begegnung: Bundesweit nutzen jährlich bis zu 100.000 Besucher das Angebot zur Information über den Islam. In diesem Jahr lautet das Motto „Glaube als Kompass der Menschlichkeit“.

Köln (iz, KNA). Am Freitag laden muslimische Gemeinschaften in Deutschland wieder zum „Tag der offenen Moschee“ ein. Nach Angaben des Koordinationsrats der Muslime (KRM) beteiligen sich daran jedes Jahr bundesweit mehr als 1.000 Einrichtungen, um Interessierten einen Einblick in den islamischen Glauben zu vermitteln und den Dialog zwischen Muslimen und Nichtmuslimen zu fördern.

„Wir blicken mit großem Entsetzen auf die vielen Kriege mit unzähligen Todesopfern sowie auf eine zunehmend von Abschottung geprägte Flüchtlingspolitik. Bei alledem bleiben Humanität und Menschlichkeit auf der Strecke. Am Tag der offenen Moschee wollen wir gemeinsam ergründen, wie wir der Erosion der Menschlichkeit entgegenwirken und dabei Halt im Glauben finden können“, erklärt KRM-Sprecher Ali Mete (Islamrat), der seit dem 1. Oktober das Amt von Dr. Zekeriya Altuğ (DITIB) turnusgemäß übernommen hat.

Foto: Simon Bierwald, Stiftung Mercator

Begegnung über „Glaube als Kompass der Menschlichkeit“

In diesem Jahr steht der Tag unter dem Motto „Glaube als Kompass der Menschlichkeit“. Damit wolle man unterstreichen, „welchen Beitrag der Glaube für ein gutes Miteinander in unserer Gesellschaft leistet“, heißt es auf der Internetseite des KRM.

„In einer Welt, die von Unsicherheiten, Konflikten und Herausforderungen geprägt ist, brauchen wir Werte, die uns Orientierung geben.“ Gelebter Glaube trenne nicht, sondern verbinde. „Er schafft Begegnungen, baut Vorurteile ab und öffnet Wege zu mehr Verständnis und Vertrauen.“

Pressefoto: igmg.org/X

Eine deutsche Institution

Den „Tag der offenen Moschee“ gibt es seit 1997. Nach Angaben der Veranstalter wurde dafür bewusst der deutsche Nationalfeiertag am 3. Oktober als Datum gewählt, um so ein Zeichen für das Bekenntnis zur deutschen Gesellschaft zu setzen.

Jährlich nutzen demnach um die 100.000 Besucher das Angebot zur Information und für den Austausch mit dem Islam. In der Bundesrepublik leben schätzungsweise mehr als 5,5 Millionen Muslime.

„Der Tag der offenen Moschee ist seit vielen Jahren eine Gelegenheit, Gastfreundschaft, Dialog und Verantwortung zu leben. Unsere Moscheen sind lebendige Orte des Gebets, der Bildung, der Beratung und der Nachbarschaft“, schreibt der KRM. Ähnliche Initiativen gibt es in der Schweiz, in Frankreich, Großbritannien und den USA.

Die Zahl der Moscheegebäude und Gebetsräumen in Deutschland wird auf etwa 2.800 geschätzt. Seit den 1990er Jahren wurden von Verbänden und von Einzelgemeinschaften vermehrt repräsentative Moscheen mit Kuppel und Minarett gebaut wie etwa in Bremen, Mannheim, Duisburg und Köln. Der Gebetsruf ist bundesweit mittlerweile an Dutzenden Orten möglich.

Fotos: DMK Karlsruhe e.V.

Die offene Einladung vor Ort

Wenn auch landesweit initiiert und koordiniert, ist der Tag der offenen Moschee ein lokales Ereignis, bei dem sich konkrete Gemeinden ihrem Umfeld öffnen. Daraus können auch ganz eigene Ansätze entstehen.

Ein Beispiel dafür ist die Neuköllner Begegnungsstätte NBS e.V. aus Berlin. Anlässlich des TOM 2025 bietet sie ein Gespräch zwischen ihrem Imam, Taha Sabri, und Pfarrer Volker Mihan von der Evangelischen Brüdergemeine Gemeinde Berlin Neukölln. Dabei soll es – passend zum Tag der Deutschen Einheit um „Staat – Kirche – Religion in der DDR“ gehen.

Pfarrer Mihan berichtet von seinen persönlichen Erfahrungen im geteilten Deutschland. Er zeigt, wie der Glaube in einer atheistisch geprägten Gesellschaft als innerer Kompass half, Menschlichkeit und Hoffnung zu bewahren. Seine Erlebnisse eröffnen spannende Perspektiven auf das Verhältnis von Religion und Staat – und laden ein, auch über unsere heutige Situation nachzudenken.

In Hamburg wiederum nutzt die SCHURA – Rat der islamischen Gemeinden in Hamburg e.V. diesen bundesdeutschen Feiertag als Auftakt für ihre Islamwoche (islamwoche-Hamburg.de).

Das ambitionierte Programm beginnt mit Moscheetouren am 3. Oktober und endet am 21. Dezember mit einem Treffen unter dem Titel „Brücken bauen: Islamische Vielfalt in Hamburg erleben“. Angeboten werden u.a. Lesungen, Führungen, Podiumsdiskussionen und Ausstellungen sowie Nachbarschaftstreffen plus der Möglichkeit, ein Freitagsgebet vor Ort zu erkunden.

Ein anderes Beispiel ist der Deutschsprachige Muslimkreis Karlsruhe (DMK), der seit Langem schon an diesem Tag teilnimmt. Im Anschluss, an diesem Sonntag, folgt das diesjährige Islamforum in der Stadt, das alle zwei Jahre stattfindet (alternierend mit den Kulturtagen).

2025 geht es dieses Mal um „Eine Ethik des Zusammenlebens“, an dem zwei muslimische TheologInnen und ein Pfarrer über die Frage diskutieren, wie sich in dieser Zeit respektvoll, solidarisch und gemeinsam leben lässt.

Infos/Programme: https://tagderoffenenmoschee.de/ sowie auf den Webseiten der KRM-Mitglieder.

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Neuer Papst: Hoffnung auf Fortsetzung des Dialogs

papst dialog Kurzmeldungen

Der neue Papst: Weiter so und mehr davon – das wünschen sich Muslime vom nächsten Papst. Franziskus hat im interreligiösen Gespräch neue Maßstäbe gesetzt.

(KNA/iz). Als ab Mittwoch die Kardinäle zur Wahl eines neuen Papstes schritten, blickten nicht nur Christen gespannt nach Rom. Auch viele Muslime verfolgen aufmerksam, welcher Mann nach dem Konklave in weißer Soutane auf den Balkon des Petersdoms tritt. Von Christoph Schmidt & Sulaiman Wilms

Um ca. 18:10 am gestrigen Donnerstag trat der berühmte weiße Rauch aus dem Schornstein der Sixtinische Kapelle aus. Mit dem traditionellen Zeichen für eine erfolgreiche Papstwahl wurde mit Kardinal Robert Prevost (ab jetzt offiziell: Leo XIV) der erste US-Amerikaner überhaupt vom Kardinalskollegium zum Kirchenführer bestimmt.

Papst Franziskus leistete Vorarbeit

Der verstorbene Papst Franziskus, der die rituelle Fußwaschung am Gründonnerstag demonstrativ auch bei muslimischen Häftlingen vollzog, hat den interreligiösen Dialog mit dem Islam vorangetrieben wie keiner seiner Vorgänger.

Als historisch gilt das „Dokument über die Brüderlichkeit aller Menschen“, das er gemeinsam mit dem ägyptischen Großimam Ahmad al-Tayyeb 2019 in Abu Dhabi unterzeichnete. Sein Einsatz für Migranten und gegen den Gaza-Krieg verschafften Franziskus darüber hinaus viel Sympathie in der islamischen Welt.

Wird Leo XIV. auf diesem Feld in die großen Fußstapfen des Argentiniers treten? Oder womöglich auf die Bremse? Die Erwartungen unter Muslimen sind hoch, auch in Deutschland.

„Wir wünschen uns einen Papst, der den interreligiösen Dialog weiterhin aktiv stärkt, Brücken der Verständigung baut und entschlossen gegen jede Form von Hass, Rassismus und religiöser Diskriminierung eintritt“, sagt der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Abdassamad El Yazidi, der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Gerade in einer Zeit wachsender religiöser Spannungen und gesellschaftlicher Polarisierung brauche es mutige Stimmen für Frieden, Respekt und den Schutz der Menschenwürde.

Gläubige Menschen brauchen Stützen in diesen Zeiten

Weltweit verliere der Glaube an Gott an Bedeutung, hieß es auf Anfrage von der DITIB, dem größten Moscheeverband in Deutschland. „Wir hoffen, dass der neue Papst auch hier seine Rolle als Stütze für die gläubigen Menschen weltweit stärken wird.“

Foto: Roman Yanushevsky, Shutterstock

Die Zusammenarbeit von Muslimen und Christen „in Deutschland sowie auf der ganzen Welt“ sei wichtig, um die globalen Probleme zu bewältigen. Ähnlich bezeichnete schon das Dokument von Abu Dhabi die interreligiöse Eintracht als Basis für Weltfrieden, Armutsbekämpfung und Umweltschutz.

„Auch aus muslimischer Sicht ist es bedeutsam, wer künftig an der Spitze der katholischen Kirche stehen wird“, sagt der Generalsekretär des Islamrats, Murat Gümüs, der KNA. Die Stimme der katholischen Kirche habe weltweites Gewicht. 

„Wir hoffen auf einen neuen Papst, der sich weiterhin entschieden gegen jede Form von Krieg und Unterdrückung stellt, insbesondere derzeit in der Ukraine und in Gaza.“ Außerdem erwartet der Verband, dass Franziskus’ Nachfolger den christlich-islamischen Dialog nicht als Nebensache, sondern als Auftrag versteht.

Hamburger Muslime gratulieren dem neuen Kirchenoberhaupt

„Wir wünschen ihm Kraft und Weisheit für die vor ihm liegenden Aufgaben und hoffen, dass Papst Leo XIV. den Kurs seines Vorgängers fortführt – geprägt von Menschlichkeit, Dialogbereitschaft und dem Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit“, erklärte SCHURA-Vorsitzender Fatih Yıldız.

„Gerade in einer Zeit globaler Spannungen brauchen wir starke religiöse Stimmen, die Brücken bauen, sich für die Würde aller Menschen einsetzen und entschieden für den gesellschaftlichen Frieden eintreten.“

Die SCHURA Hamburg sieht in der katholischen Kirche eine wichtige Partnerin im gemeinsamen Engagement für ein respektvolles und solidarisches Miteinander – über Religionsgrenzen hinweg und gratuliert allen Mitgliedern der katholischen Kirche zur Wahl von Papst Leo XIV.

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Ramadan: Fasten als soziale Erfahrung

ramadan fasten

Für ein angenommenes Fasten brauchen wir Gemeinschaft. In ihr entfaltet sich der volle Segen dieses Monats. (iz). Jedes Jahr etwas Neues über den Fastenmonat Ramadan zu schreiben, ist nicht trivial […]

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Tag der offenen Moschee 2024 widmet sich dem Schutz des Lebens

Leben

Traditionell findet der Tag der offenen Moschee (TOM) am Tag der Deutschen Einheit statt. Morgen widmen sich die teilnehmenden Moscheegemeinschaften dem Schutz des Lebens (Titel: Life Matters).

(KNA, iz, IGMG). Seit 1997 gibt es den „Tag der offenen Moschee“ (TOM). Bundesweit nutzen jährlich bis zu 100.000 Besucher das Angebot zur Information über den Islam. Erneut beteiligen sich daran nach KRM-Angaben mehr als 1.000 Gemeinden. Sie bieten Interessierten einen Einblick in den Islam und laden zu einer Begegnung ein.

Am TOM 2024 laden hunderte Moscheen Freunde und Nachbarn zum Austausch ein. Gesprochen wird über Themen, die Menschen bewegen, aufwühlen, betroffen machen, besorgen sowie verbinden. Bei persönlichen Begegnungen soll der gesellschaftliche Zusammenhalt gestärkt werden durch Förderung von Empathie und Verständnis füreinander.

Foto: KRM

Life Matters: Jedes Leben zählt!

In diesem Jahr steht der Tag unter dem Motto „Life Matters: Jedes Leben zählt!“ Damit greife man eine „Kernbotschaft des Islams“ auf, hieß es auf der Webseite des KRM, der als Dachorganisation von fünf Moscheeverbänden den TOM koordiniert. „Besonders in einer Zeit, in der unschuldige Seelen in Konfliktgebieten weltweit ihr Leben verlieren, möchten wir das Bewusstsein für die Kostbarkeit und Schutzbedürftigkeit jedes einzelnen Lebens stärken.“

Zugleich betone das diesjährige Motto die menschliche Pflicht zur Bewahrung der Schöpfung, heißt es. „Am Tag der offenen Moschee werden wir unsere bereits offenen Türen noch weiter öffnen, um allen die Möglichkeit zu geben, mehr über den Islam und die muslimische Sichtweise auf das Leben zu erfahren. Gemeinsam wollen wir ein Zeichen setzen für den Schutz des Lebens in allen seinen Erscheinungsformen und für die Ehrerbietung vor jedem Geschöpf.“

Gegengewicht zu Sorgen und Furcht

In ihrer Einladung zum TOM 2024 sprach die Schura Bremen davon, dass derzeit viele Menschen diese Zeit als besorgnis- und furchterregend erleben würden. Die Zukunft werde zunehmend pessimistische wahrgenommen.

Die IGMG beklagte in ihrer Mitteilung, dass steigende Opferzahlen in Konflikten von der Ukraine bis zum Libanon zu einer Gewöhnung des Schreckens geführt habe. Dieser Normalisierung wolle man morgen begegnen. „Wir wollen in Gesprächen einander daran erinnern, wie wertvoll jedes Leben ist.“ 

„Der diesjährige Tag der offenen Moschee möchte an dieser Stelle einwirken und verdeutlichen, dass jedes Leben von unschätzbarem Wert ist und es verdient, in seiner ganzen Schönheit geachtet zu werden, unabhängig davon, ob es sich um das Leben eines Menschen, Tieres oder einer Pflanze handelt. Allah möchte, dass wir respektvoll mit jedem Leben umgehen.“

Pressefoto: IGMG

Eine bundesdeutsche Tradition

Den „Tag der offenen Moschee“ gibt es seit 1997. Nach Angaben der Veranstalter wurde dafür bewusst der deutsche Nationalfeiertag am 3. Oktober als Datum gewählt, um so ein Zeichen für das Bekenntnis zur Gesellschaft zu setzen. In der Bundesrepublik leben schätzungsweise mehr als 5,5 Mio. Muslime.

Die Zahl der deutschen Moscheegemeinschaften wird auf etwa 2.800 geschätzt. Oft handelt es sich dabei um unauffällige „Hinterhofmoscheen“ oder Räumlichkeiten in Industriegebieten. Seit den 1990er Jahren wurden von islamischen Verbänden vermehrt repräsentative Moscheen mit Kuppel und Minarett gebaut wie etwa in Bremen, Mannheim, Duisburg und Köln.

Weiterführende Informationen unter:
https://tagderoffenenmoschee.de/

Eine Zeit für Nachbarschaft

Nachbarschaft praktische tipps fasten

Angesichts der neuen Verhältnisse brauchen wir einen Diskurs der Nachbarschaftlichkeit.

(iz). Seit Langem wird Muslimen in diesem Land von außen vorgeschlagen, sie mögen sich doch bitte integrieren. Aus der Sphäre des Feuilletons sowie der Tief- und Schwerdenker schwappte diese Idee in den Bereich der Politik. Die Vorlage wurde dankbar aufgenommen.

Immerhin hat man hier ­angesichts eher unangenehmer und schwieriger Zukunftsaufgaben ein Thema, mit dem sich kurzfristig und kosteneffektiv Punkte machen lassen.

Foto: igmg.org

Bei den so Angesprochenen – als seien nicht sehr viele fitte, positive Muslime dank Geburt oder Neigung längst Teil der „Schicksalsgemeinschaft“ – stößt die Zumutung aus verständlichen Gründen nicht selten auf Kopfschütteln.

Zumal sich gerade viele junge, gerade die, die nicht Teil einer geförderten akademischen Elite sind, einige berechtigte Fragen stellen. Warum sollten sie sich in ein – auch imaginiertes – Gemeinwesen einfügen, dessen Diskurse sie gewohnheitsmäßig problematisieren und im Alltag unnötige Hürden bestehen lassen?

Negativität war nie das Verhalten muslimischer Gemeinschaften

Nun war Ablehnung oder Negativität seitens Dritter niemals ein Vorbild für das Verhalten muslimischer Gemeinschaften. Traditio­nell waren sie durch Positivität und Dankbarkeit geprägt. Daher sollte der bestehende Trend zur Selbstabgrenzung (menschlich vielleicht verständlich) bei einigen keinen gangbaren Weg darstellen

Der sich ankündigende Ramadan ist eine Erinnerung, dass Nachbarschaft und Sorge für den Nächsten Bestandteil unserer Grundeinstellungen sind. Ein Blick auf die verschiedenen Traditionen aus aller Welt zeigt, dass die Teilhabe des Anderen am Segen der Zeit zu uns gehört.

In einem kurzen Text formuliert der libysche Gelehrte und amtierende Botschafter seines Landes in den Vereinten Arabischen Emiraten, Aref Nayyed, neue Ansätze für muslimische Gemeinschaften im Westen. In der Vergangenheit sei der traditionelle Diskurs über die „Heimstätte des Islam“ hilfreich für einen angemessenen Umgang mit dem Anderen gewesen.

Foto: Presseportal, Doren Dalpiaz, abs/ZDF

Diskurs der Nachbarschaftlichkeit

Angesichts der neuen ­Verhältnisse, in denen sich viele Muslime befänden, wolle er die Idee einbringen, „dass ein Diskurs der Nachbarschaftlichkeit und der ‘Pflichten der Nähe’ in vielen Situationen in unserer Welt hilfreich sein kann“.

Die inneren Orte des Friedens in den Herzen der Gläubigen seien die entscheidenden ­Samen, aus denen friedliche Umfelder in dieser Welt wachsen könnten. Durch sie ­werde ein Platz im Jenseits vorbereitet. Solch ein Zustand im Inneren könne sich in einer Vielfalt diesseitiger Situationen ausdrücken und gedeihen. Er könne nicht wirklich auf geografisch einzugrenzende Zonen der Welt beschränkt werden.

Es gibt eine wichtige Aussage des Propheten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden ­geben: die Pflicht, seinen Nachbarn nicht zu schaden. Er sagte: „Bei Allah, er ist kein Gläubiger! Bei Allah, er ist kein Gläubiger! Bei Allah, er ist kein Gläubiger!“ Als seine Gefährten wissen wollten, von wem er sprach, antwortete er: „Derjenige, dessen Nachbar nicht sicher ist vor seinem Schaden.“

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Speisen für Waisen 2023: Hilfsaktion läuft seit 29. August

speisen für waisen

Speisen für Waisen 2023: Seit dem 29. August heißt es wieder: „Gemeinsam essen, gemeinsam helfen.“ „Speisen für Waisen“.

Köln/Berlin (IRD/iz). Deutschlands größte ehrenamtliche Aktion von Muslimen und Nichtmuslimen geht in die 12. Runde. In diesem Jahr gehen die Spenden an Waisenkinder aus der Erdbebenregion Türkei und Syrien.

Foto: Islamic Relief Deutschland

Speisen für Waisen: Helfen und dabei Begegnung(en) fördern)

Am 28. August startete die bundesweite Aktion „Speisen für Waisen“. Damit ruft die humanitäre Hilfsorganisation Islamic Relief Deutschland bereits zum 12. Mal zum gemeinsamen sozialen Engagement von Muslimen und Nichtmuslimen auf.

Das Ziel: Vorurteile abbauen, Begegnungen schaffen und das Miteinander der Menschen fördern. Der Fokus liegt in diesem Jahr auf der Hilfe für Waisenkinder in der Erdbebenregion Türkei und Syrien.

Erlöse gehen dieses Jahr ins Erdbebengebiet

Die Idee ist einfach: Ob geselliges Frühstück mit Kollegen, Tee mit den Nachbarn oder üppiges Abendessen mit Freunden – überall im Land laden tausende Muslime und Nichtmuslime zum gemeinsamen Essen, kommen miteinander ins Gespräch und sammeln dabei Spenden. Damit helfen sie gemeinsam notleidenden Waisenkindern.

Foto: Trappe, Islamic Relief Deutschland

Die Spendenerlöse kommen in diesem Jahr Waisenkindern in der Erdbebenregion in der Türkei und Syrien zugute, die dringend Hilfe benötigen. Durch die verheerende Naturkatastrophe haben viele Kinder ihre Eltern und Geschwister verloren; ihr Zuhause wurde komplett zerstört. Islamic Relief Deutschland unterstützt derzeit über 12.800 Kinder in 23 Ländern.

Die Aktion läuft insgesamt sechs Wochen und endet am 10. Oktober. Seit Beginn der Aktion im Jahr 2013 haben in ganz Deutschland über 200.000 Menschen an einem Essen teilgenommen. Wer in diesem Jahr bei „Speisen für Waisen“ mitmachen möchte, kann sich unter 0221 200 499-2213 anmelden und kostenloses Aktionsmaterial bestellen. Gleiches geht auch online unter www.speisen-fuer-waisen.de 

Foto: Speisen für Waisen, Islamic Relief Deutschland

Die Aktion auf einen Blick

Islamic Relief Deutschland ruft Muslime und Nichtmuslime in ganz Deutschland auf, gemeinsam ein Essen mit Familie, Freunden oder Bekannten zu veranstalten und dabei Spenden zugunsten von Waisenkindern weltweit zu sammeln.

Teilnehmen kann jeder, egal welcher Religion und Herkunft. Auch für die Gestaltung des Essens gibt es keine Vorgaben. Ob schlicht oder vielfältig, jeder ist herzlich eingeladen, sich für den guten Zweck einzusetzen.