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Die Rohingya-Boote verschwinden: Auch der muslimischen Welt sind sie egal

rohingya kurzmeldungen

Die Boote der Rohingya verschwinden oft lautlos. Kein Kamerateam, nirgends eine Schlagzeile, unbekannte Namen – nur ein neuer Punkt in der Statistik über Ertrunkene.

(iz). Während die Welt längst von „anderen Krisen“ spricht, drängen sich weiter Zehntausende Rohingya in die Lager von Cox’s Bazar und wagen aus Verzweiflung die Flucht über das Meer.

Dass die UN erneut vor einem Anstieg der Ankünfte in Bangladesch und vor Rekordzahlen von Toten und Vermissten warnen, zeigt: Diese Geschichte ist nicht vorbei. Sie rutscht nur tiefer an den Rand unseres Bewusstseins.

Neue Meldungen des UN-Flüchtlingshilfswerkes UNHCR zur anhaltenden Flucht der Rohingya nach Bangladesch zeigt, dass die Krise keine Momentaufnahme ist, vielmehr ein verfestigter Ausnahmezustand.

Angesichts der Vervielfältigung von Kriegen und Konflikten schrumpft die globale Aufmerksamkeit für diese Minderheit noch weiter. Für eine muslimische Öffentlichkeit stellt sich damit nicht nur eine humanitäre, sondern auch eine ethische Frage: 

Wie gehen wir mit einer Gemeinschaft um, die seit Jahren entrechtet und aus dem  Blick gedrängt wird?

Seit dem Großangriff des myanmarischen Militärs auf die mehrheitlich muslimische Minderheit 2017 leben Hunderttausende in Lagern im Distrikt Cox’s Bazar im Süden des Nachbarlandes.

Foto: DFID, via flickr | Lizenz: CC BY 2.0

Inzwischen halten sich dort in 33 hochverdichteten Camps sowie auf der Insel Bhasan Char fast 1,2 Mio. Geflüchtete auf, die meisten aus der Unruheregion Rakhine.

Der aktuelle UNHCR-Report verzeichnet allein zwischen Dezember 2024 und Ende März 2025 etwa 150.000 Neuankömmlinge. Im April kamen weitere Tausende. 

Während der Bürgerkrieg in Myanmar von Militärjunta und Widerstandsgruppen eskaliert, geraten die Rohingya erneut zwischen die Fronten und werden abermals vertrieben.

Der Nachbarstaat Bangladesch trägt diese Last seit Jahren, obwohl das Land selbst mit Armut, hoher Bevölkerungsdichte und Klimarisiken ringt. Die Lager von Cox’s Bazar sind längst überfüllt, Landrechte und Bewegungsfreiheit der Geflüchteten sind massiv eingeschränkt, und die Regierung drängt auf „Rückführung“, ohne dass Myanmar Sicherheit oder Bürgerrechte garantiert.

Aus der kurzfristig gedachten Nothilfe ist eine Dauersituation geworden, die politisch niemand wirklich verantworten will. Sie ist zu kostspielig, zu konfliktgeladen, zu weit weg von den Prioritäten zahlreicher Geberstaaten.

Besonders dramatisch ist die Entwicklung der humanitären Versorgung: Wegen massiver Finanzierungslücken hat das Welternährungsprogramm (WFP) die ohnehin knappen Lebensmittelrationen in den vergangenen Jahren mehrfach kürzen müssen.

Berichte von Hilfsorganisationen sprechen davon, dass pro Person nur noch Beträge im einstelligen Dollarbereich pro Monat zur Verfügung stehen. Das liegt deutlich unterhalb dessen, was als Mindeststandard für eine ausreichende Ernährung gilt. 

Hinzu kommt der Rückzug oder die Reduzierung von Programmen wichtiger Geber wie der USA, was sich unmittelbar in steigender Mangelernährung, wachsender Verschuldung und gefährlichen Überlebensstrategien in den Lagern niederschlägt.

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Foto: UNICEF/UN0119963/Brown

Für viele bleibt deshalb nur der Seeweg als verzweifelter Ausweg. 2025 war nach UNHCR-Angaben das bislang tödlichste Jahr für Rohingya-Flüchtlinge auf der Andamanensee und im Golf von Bengalen: Mehr als 6.500 Personen wagten die Überfahrt, fast 900 wurden als tot oder vermisst registriert.

Einem Bericht zufolge starb damit etwa jede siebte auf dieser Route. Das ist die höchste Sterblichkeitsrate weltweit auf einem größeren Fluchtkorridor. Die Region, so UNHCR-Sprecher Babar Baloch, gleicht längst einem „unmarkierten Friedhof“ für Tausende, deren Namen und Geschichten nie dokumentiert werden.

Die Tragödie der Rohingya nicht nur ein geopolitisches oder humanitäres Dossier dar, sondern einen Prüfstein für das viel beschworene Bewusstsein der Umma. Hier ist eine mehrheitlich muslimische Minderheit, der seit Jahrzehnten Staatsbürgerschaft, politische Repräsentation und elementare Rechte verweigert werden.

Und deren Existenzrecht in der öffentlichen Debatte Myanmars und darüber hinaus systematisch relativiert wird. Zugleich zeigt die Lage in Bangladesch, dass muslimische Mehrheitsgesellschaften an Grenzen stoßen, wenn internationale Solidarität versagt und Lastenteilung vor allem rhetorisch bleibt.

Für muslimische Akteure in Europa eröffnet sich hier ein Feld verantwortlicher Öffentlichkeit: durch verlässliche Berichterstattung, durch Unterstützung seriöser Hilfsorganisationen vor Ort, durch die Einforderung einer konsistenten Flüchtlings- und Menschenrechtspolitik gegenüber den eigenen Regierungen.

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Ökonomie: Auch Muslime meiden das Thema

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Unter muslimischen Mediennutzern ist das Interesse an Fragen der Ökonomie und Wirtschaft zu gering. Ein Kommentar zum innermuslimischen Diskurs.

(iz). Ein großer Teil des Alltags ist direkt oder indirekt von Ökonomie geprägt – durch Arbeit, Verbrauch und Dienstleistungen. Befragungen zeigen, dass rund ein Drittel bis die Hälfte der wachen Tageszeit mit ökonomisch relevanten Tätigkeiten verbunden ist.

Nimmt man Konsum hinzu (Einkäufe, Preisvergleiche, Mediennutzung mit Werbung oder Finanzentscheidungen), kann man ausgehen, dass ca. 35-45  % des Alltags im weiteren Sinne so dominiert sind.​ Angesichts dieser Hegemonie überrascht es, in welch geringem Maße er unter MuslimInnen reflektiert wird.

Iftar Nachhaltigkeit

Foto: Shutterstock

Zu den Unterteilungen im Verständnis von Allahs Din gehört die von „‘Ibadat“ und „Mu’amalat“. Der erste Begriff beschreibt Aspekte der Anbetung in ihrer individuellen wie gemeinschaftlichen Form – von der Gebetswaschung bis zur Abfolge der Hajj-Rituale.

Mit Mu’amalat bezeichnet man Regelungen für zwischenmenschliche und ökonomische Beziehungen: das Gebiet der sozialen, zivilrechtlichen und wirtschaftlichen Geschäfte unter Menschen.​

Darunter fallen u.a. Verträge und Handel, Schulden, Darlehen sowie Kredite, anvertraute Güter und Schenkungen. Dabei stützen sich die Juristen für sie auf dieselben Rechtsquellen wie bei den ‘Ibadat: Qur’an, Sunna, Konsens der Gelehrten, das Vorbild der Leute von Medina, Qiyas u.v.a.m. Ein Blick in die wesentlichen Rechtsbücher der formativen Frühphase des Rechts zeigt, dass sie ca. ein Drittel aller Kapitel ausmachen.

Bei kernökonomischen Fragen sind es – je nach Text – 15-25 Prozent der Inhalte. Ein Blick auf die Biographie des Propheten und seiner engsten Gefährten zeigt, wie wichtig Handel war.

Der Gesandte Allah handelte vor der Offenbarung mit Waren und war bekannt für seine Vertrauenswürdigkeit (Al-Amin), was seine spätere ethische Autorität im Wirtschaftsleben untermauerte. Kaufen bzw. Verkaufen – und Unternehmertum insgesamt – galten seitdem als Hauptquelle der Versorgung.

Gehen wir in die Jetztzeit, zeigt sich eine krasse Veränderung im Verständnis und der Prioritätensetzung. Dafür gibt es mindestens zwei Indikatoren: Im Rahmen der umfangreichen FAU-Erhebung „Wechselwirkungen“ (siehe S. 10) wurden die zentralen Freitagspredigten der beiden größten türkischgeprägten Moscheeverbände (DITIB und IGMG) thematisch kategorisiert.

Bei den 1065 Khutbas der IGMG von 2006-2024 behandelten 19 Predigten das Thema „Wirtschaftsethik“. Bei der DITIB (672 erfasst, 2011-2023) waren es 13 Stück. Hier ist anzumerken, dass sich einige davon im wiederholten oder auf das Individuum fokussierten.

Freitagsgebet

Foto: W. Dechau

Es sieht in der akademischen Wissensproduktion, namentlich der „Islamischen Theologie“ kaum anders aus. Ein erster Blick auf im Netz verfügbare Dissertationslisten einiger Lehrstühle ergibt Folgendes: Von den 137 angegebenen offenen oder abgeschlossenen Dissertationen behandelten 3-4 ökonomische Fragen.

Hierbei gilt es anzumerken, dass mindestens zwei von ihnen „Islamic Banking“ bzw. „Islamic Finance“ behandeln; ein Geschäftszweig, dem eine Wissenschaft, die sich der Kritik als Methode verschrieben hat, erstaunlich unkritisch begegnet wird.

Dieses offenkundige Desinteresse hat verschiedene Ursache. Für Muslime als „Konsumenten“ von Medien und Diskursen gilt das Gleiche wie in der Gesamtbevölkerung: Alles um Wirtschaft und Finanzen ist „unsexy“. Hinzukommt wie im Rest der Republik eine niedrige Grundbildung bei ökonomischen Fragen. Dafür sind sie zu komplex und machen zu viele „Kopfschmerzen“.

Für Muslime spezifisch ist einerseits ein gewisses „Schubladendenken“, das sich rein auf die ‘Ibadat fokussiert und versucht, den Rest in das Weltbild zu integrieren. Andererseits eine Vorstellung, man sei machtlos und damit kein Akteur mit einer eigenen Verantwortung gegenüber unserem Herrn und Seiner Schöpfung. Nur: Wie können wir von uns behaupten, in der Nachfolge des Gesandten Allahs zu stehen, und dabei die prophetische Wirtschaftsethik ignorieren?

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„IZ-Begegnung“ mit dem Londoner Vertreter der Rohingya

(iz). In den Augen der UNO gehören sie zu den am meisten verfolgten Minderheiten: die Rohingya. Ihr Leid erregte – mit Ausnahme der massiven Übergriffe vom Sommer des Jahres, bei der bis zu mehrere tausend Muslime ermordet wurden – bisher kaum oder gar kein Interesse. Auch nicht in der muslimischen Welt. Diese hat seit Jahrzehnten wie gebannt auf den Nahen Osten geblickt, während die Entrechtung dieser burmesischen Volksgruppe ein Maß erreichte, dass ihr auch in der offiziellen Ver­­fassung nicht viel mehr Rechte als von klassischen Sklaven zugestanden wurde.

Die vermeintliche Demokratiebewegung Burmas, allen voran die in Sachen Arakan erschreckend passive „Demokratie-Ikone“ und Nobelpreisträgerin Aung San Kyi, schweigt entweder zum langsamen Genozid oder nimmt aktiv teil an der kompletten Vertreibung. Sämtliche Strukturen des Staates – bis zum amtierenden Präsidenten Thein Sein – schauen dem brutalen Rassismus nicht nur zu, sondern sind aktiv daran beteiligt. Einer der handfesten Gründe für die versuchte Auslöschung der Rohingya sind die erheblichen natürlichen Ressourcen ihrer Heimatprovinz; allen voran Erdöl und -gas.

Über das Thema dieser verfolgten Minderheit sprachen wir mit Tun Khin Zia ul-Gaffar. ­Er lebt in England und ist Vorsitzender der Burma Rohingya Organisation in the UK (BROUK), die sich für die Belange der Rohingya einsetzt. Tun Khin selbst trat mehrfach vor dem britischen Unterhaus, im US-Kongress und in Brüssel auf, um über die Lage der Rohing­ya zu informieren.

Islamische Zeitung: Lieber Tun Khin, wie sieht die Lage der Muslime in Ihrer Heimat, der burmesischen Provinz Arakan momen­tan aus?

Tun Khin ­Zia ul-Gaffar: Im Augenblick müssen 140.000 Menschen ohne Hilfe und Unterkunft überleben. Sie haben keinen ausreichenden Zugang zu Hilfsmitteln, Zelten, Lebensmitteln und medizinischer Hilfe. Dieser wird ihnen von gewalttätigen Banden, aber auch genauso von staatlichen Strukturen wie der Polizei verweigert.

Islamische Zeitung: Wie ist die Sicherheit der muslimischen Gemeinschaften? Ist sie besser – im Vergleich zu den Gewaltausbrüchen Mitte des Jahres?

Tun Khin ­Zia ul-Gaffar: Offenkundig haben diese heftigen Übergriffe nach einigen Tagen nachgelassen. Aber lassen Sie sich von dem vermeintlichen Bild der Ruhe nicht täuschen: Es gibt in Arakan keine Sicherheit für die Rohingya, weil die Regierung, gemeinsam mit Sicherheitskräften, hinter der Gewalt steht. In dem Fall kann es für uns keine Sicherheit geben. Die Gewalt kann jederzeit – ohne irgendwelche Beschränkungen – wieder aufflammen.

Insgesamt sitzen in Burma 200-300.000 Rohingya in einer Art Falle. Sie können nicht auf die Märkte gehen, um Lebensmittel einzukaufen, sie können sich nicht frei bewegen und nicht in die Schule gehen. Es kann passieren, dass jemand aus dem Haus geht, um etwas zu kaufen, und danach verprügelt oder getötet wird.

Islamische Zeitung: Es gab Berichte, wonach Muslime in einigen Gebie­ten von ihrem Land und aus ihren Häusern vertrieben wurden…

Tun Khin ­Zia ul-Gaffar: Genau. Dies geschieht gerade in Kyaukphyu. Viele Rohingya müssen ihre Dörfer und Städte verlassen. Die lokalen Behörden ­wollen uns loswerden und das freiwerdende Land an sich nehmen.

Islamische Zeitung: Lassen sich die Verhältnisse in Ihrer Heimat als „ethnische Säuberungen“ bezeichnen?

Tun Khin ­Zia ul-Gaffar: Nein, das sind keine „ethnische Säuberungen“. Es ist mehr als das, es ist ein Genozid. Die Absicht dafür ist vorhanden. Der ­jetzige Präsident von Burma [Thein Sein] erklär­te gegenüber dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR vor Zeugen: „Die Rohingya sind keine Bürger von Burma/­Myanmar. Sie sind illegal ­eingewanderte Bengalis, die in unser Land eingesickert sind. Wir müssen sie alle in Lagern konzentrieren und dann aus unserem Land werfen. Das ist die einzige Lösung.“ Das ist es, was sie in Wirklichkeit wolle! ­Diese Aussagen sind bei einem Treffen mit UN-Vertretern am 11. Juli 2012 ­gefallen!

Islamische Zeitung: Wie verhält sich die demokratische Opposition?

Tun Khin ­Zia ul-Gaffar: Unglücklicherweise hat die Ikone dieser Bewegung [die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi] vollkommen und total zu der, an den Rohingya begangenen Gewalt geschwiegen. Und das, obwohl sie die moralische Autorität gehabt hätte, ihre Stimme zu erheben. Aber sie schweigt. Wir sind alle sehr geschockt von ihrem mora­lischen Versagen.

Islamische Zeitung: Das heißt, es gibt in Ihrem Land eine einheitliche Front gegen die Muslime?

Tun Khin ­Zia ul-Gaffar: Ja, leider. Momentan wird das ganze Land von einer rassistischen, anti-muslimischen Kam­pagne gegen die Rohingya dominiert. Trotz einer vorherigen Absichtserklärung blockiert der Präsident die Eröffnung eines Büros der OIC [Organisation für Isla­mische Zusammenarbeit] in Burma. Die Behörden haben sogar die Öffentlichkeit zu Unmutsbekundungen bezüglich dieses Vorhabens angehalten. Und so gab es öffentliche Demonstrationen gegen die Eröffnung eines Büros der OIC.

Islamische Zeitung: Betrifft die Gewalt gegen die Rohingya auch andere muslimische Volksgruppen in anderen Teilen Burmas?

Tun Khin ­Zia ul-Gaffar: Ja, es sind auch die andere Muslime betroffen. Stellenweise hat sich die Gewalt auf andere Landesteile ausgebreitet.

Islamische Zeitung: Gelten die, von den diversen Militärregierungen beschlossenen Gesetze, die Ihr Volk zu einer rechtlosen Klasse Menschen erklärt hat, auch noch unter dem demo­kratischen Regime?

Tun Khin ­Zia ul-Gaffar: Nach der Befreiung Burmas von der japanischen Besatzung [am Ende des 2. Weltkriegs] und der Unabhängigkeit von den Briten 1948 wurden die Rohingya als gleichbe­rechtigte Volksgruppe des Landes durch die Verfassung anerkannt. 1962 riss das Militär die Macht das erste Mal an sich. Damals begann die anti-muslimische Kampagne gegen die Rohingya in Arakan. Diese Politik wurde fortgeführt. Als es 1988 nach einem Massenaufstand erneut ein Militärregime gab, wurde die Lage der Rohingya noch schlimmer. Die freie Bewegung der Muslime wurde unterbunden. Sie konnten nicht mehr ungehindert heiraten. Bereits diese Militär­regierungen forcierten eine Vertreibungs­politik, mit der sie die Rohingya aus ihrer Heimat zwingen wollten. Diese Situation hat sich bis heute fortgesetzt.

Islamische Zeitung: Für Außenstehende aus dem westlichen Ausland besteht der Eindruck, dass Nachbarländer wie Bangladesch Ihr Volk ebenfalls schlecht behandeln und nicht als Flüchtlinge anerkennen. Sind sie auch enttäuscht angesichts der muslimischen Länder in Südostasien?

Tun Khin ­Zia ul-Gaffar: Ja, das ist frustrierend für uns. Die Regierung von Bangladesch trägt dabei die Hauptschuld. Sie müsste der Behauptung entgegentre­ten, dass die Rohingya illegale Einwanderer aus ihrem Land sind. Andere Elemente der internationalen Gemeinschaft wie die UN, die EU oder die USA müssen sich ebenfalls für die Rohingya einsetzen und den Burmesen klar machen, dass wir ihre Landsleute sind. Momentan erzeugt Bangladesch den Eindruck, als wären die Rohingya tatsächlich aus diesem Land nach Burma eingewandert.

Islamische Zeitung: Wie ist die Lage der Flüchtlinge?

Tun Khin ­Zia ul-Gaffar: Herzzerreißend; sie leben stellenweise unter den elendigsten Bedingungen und manche haben nur alle zwei Tage eine Mahlzeit. Die individuelle Lage hängt von dem einzelnen Land ab. In Malaysia werden sie deutlich besser behandelt als in Bangladesch. Dort ist die Lage am ­schlechtesten.

Islamische Zeitung: Wie viele Rohingya sind in die benachbarten Länder geflohen?

Tun Khin ­Zia ul-Gaffar: Entsprechend unserer Informationen gibt es insgesamt 3,5 Millionen Rohingya. 1,5 sind wegen der anhaltenden Verfolgung geflo­hen. Wir gehen von zwei Millionen Rohingya aus, die noch in Burma ­verblieben sind, während die Regierung von höchstens 800.000 spricht.

Sie dürfen nicht vergessen, dass Statis­tik und Demographie selbst Mittel der Auseinandersetzung sind. So können wir davon ausgehen, dass bei den jüngsten Gewaltausbrüchen mehrere Tausend Menschen ermordet wurden. Diese Zahl beinhaltet auch Vermisste, die bei ihrer Flucht ums Leben kamen. In den Regie­rungsstatistiken werden immer nur die aufgefundenen Leichname erwähnt, aber es sind sehr viele Menschen verschwunden. Großfamilien wurden auf ein oder zwei Menschen reduziert. Oftmals rannten ganze Dörfer weg, weil der Mob oder Sicherheitskräfte kamen und die Ortschaften niederbrannten. Viele starben bei der Überquerung von Flüssen und wurden später tot aufgefunden.

Islamische Zeitung: Wie stehen Sie zur aktiven Beteiligung an der anti-muslimischen Gewalt durch buddhistische Würdenträger und Mönche?

Tun Khin ­Zia ul-Gaffar: Das ist ­leider eine traurige Tatsache. Die Regierung hat die buddhistischen Klöster als ein Mittel für die Gewalt gegen die ­Rohingya benutzt. Für viele Aktionen bedient sich die Regierung der willigen Elemente in der Öffentlichkeit, um nicht selbst als verantwortlich dazustehen.

Islamische Zeitung: Lässt sich ein strategischer und wirtschaftlicher Zusammenhang zu der Gewalt gegen die Rohingya herstellen? Manche sprechen von großen Erdölvorkommen in Ihrer Heimat…

Tun Khin ­Zia ul-Gaffar: Exakt, ­genau deshalb will man uns von unserem Land vertreiben. Der Hass auf die Rohingya und die Muslime wird durch die natürlichen Ressourcen noch weiter angeheizt. Nachdem China lange Jahre die Mili­tärregierung unterstützt hat, entdecken die USA jetzt – wegen der angeblichen Demokratisierung – Burma als potenziel­len Partner. Hinzu kommen Russland und Indien, die ebenfalls Interessen haben. Und Israel bildet Angehörige des Militärs und des Sicherheitsapparates aus.

Islamische Zeitung: Bis vor Kurzem nahm die Mehrheit der muslimischen Welt kaum oder keine Kenntnis von der Lage Ihres Volkes. Haben Sie das Gefühl, dass die Rohingya – im Vergleich zum Nahen Osten – alleine gelassen werden?

Tun Khin ­Zia ul-Gaffar: Ja, schon… Wir fühlen schon des Öfteren, dass der Sache der Rohingya nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt wird. Das macht uns natürlich traurig. In diesen Tagen ist es ein bisschen besser geworden, aber wir vermissen immer noch Aktionen von Seiten der muslimischen Welt und dass diese ihre Stimme für die Rohingya erhebt. Wenn in Gaza etwas mehr als hundert Leute getötet werden, dann wissen alle Medien der Welt darüber Bescheid, aber wenn in Arakan 4-5.000 Menschen ermordet werden, dann wird diese Information nicht verbreitet.

Die internationale Gemeinschaft muss wesentlich mehr tun. Sie legt so viel Wert auf die jetzigen Reformen und den demokratischen Prozess. Aber sie muss verstehen, dass es keine Reformen geben wird, wenn der Mord an den Rohingya andauert. Wenn ein Land Stabilität und Sicherheit will, muss es sich von Hass und Rassismus freimachen. Dazu gehört die komplette Abschaffung des Staatsbürgerschaftsgesetze von 1982. Das ist das schlimmste und diskriminierendste Gesetz der ganzen Welt. Obwohl wir seit Jahrhunderten in Burma leben, werden wir nicht als Bürger anerkannt.

Es gibt keine Freiheit in Burma, wenn nicht alle ethnischen Gruppen ebenso frei sind. Die internationale Gemeinschaft muss solange Druck auf die Regierung ausüben, sodass die Rohingya wieder volle Rechte erhalten. Wir brauchen humani­täre Hilfe und UN-Friedenstruppen, die die Menschen vor gewalttätigen Übergriffen schützen. Die Verantwortlichen dürfen ihrer gerechten Strafe nicht entgehen. Man müsste auch etwas dazu beitragen, dass es zu einer Versöhnungen beider Gemeinschaften – der buddhistischen und der muslimischen – kommt.

Islamische Zeitung: Es ist bemerkenswert, dass die Rohingya trotz der enormen Verfolgung, der sie ausgesetzt sind, niemals zu terroristischen Mitteln gegriffen haben…

Tun Khin ­Zia ul-Gaffar: Wir haben über Generationen friedlich mit unseren Nachbarn zusammengelebt. Was wir wollen, ist die volle Rückkehr unserer Staatsbürgerrechte und der Rechte als ethnische Gruppe. Wir sind ein friedlie­bendes Volk und haben niemals zum Mittel des Terrorismus gegriffen. Unglücklicherweise sind wir diesem Hass und diesem Rassismus ausgesetzt.

Die internationale Gemeinschaft muss so schnell wie möglich handeln. Andernfalls wird das gesamte Volk der Rohing­ya in Burma ausgelöscht werden. Die ethnischen Säuberungen laufen seit 1962 und sind heute fester Bestandteil der offiziellen Politik, solange die Welt dazu schweigt.

Islamischen Zeitung: Wir bedanken uns für dieses Gespräch!

Webseite:
bwww.bro-uk.org