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Der Fußball und die Moderne

Fußball WM Moderne Zugehörigkeit

Fußballer sind eine Projektionsfläche unserer Gesellschaft. Ein Essay zur FIFA-WM 2026 in den USA.

(iz). Es gibt Momente, in denen sich die Moderne in ihrem Wesen offenbart. Die Fußball-Weltmeisterschaft ist ein solcher Moment.

Was hier auf dem Rasen geschieht, ist mehr als ein Spiel: Es ist eine Verdichtung jener Kräfte, die das moderne Leben strukturieren – Selbstoptimierung, kollektive Identität und politische Deutungskämpfe. Der Fußball wird zur Bühne, auf der sich die Frage stellt, wer wir sind.

Peter Sloterdijk hat die Moderne als ein Zeitalter der „Anthropotechniken“ beschrieben: Der Mensch ist ein übendes Wesen, das sich selbst formt, steigert und in Superlativen zu überbieten sucht.

Der olympische Gedanke, so verstanden, ist keine antike Reminiszenz, sondern ein Grundimpuls moderner Existenz. Im Leistungssport tritt er in seiner reinsten Form hervor. Training, Disziplin, Wiederholung – all das folgt dem Imperativ: Du musst dein Leben ändern.

Die Fußball-Weltmeisterschaft ist die Globalisierung dieses Imperativs. Hier üben nicht mehr nur Individuen, sondern ganze Nationen. Sie treten gegeneinander an in einem ritualisierten Wettbewerb der Selbststeigerung. Der Athlet wird zur Modellfigur des modernen Subjekts, die Mannschaft zur Metapher eines kollektiven Körpers, der sich im Spiel entwirft.

In dieser Verdichtung liegt auch die eigentümliche Nähe des Fußballs zur Religion. Die Stadien gleichen Kathedralen, die Spiele folgen liturgischen Rhythmen, die Emotionen oszillieren zwischen Ekstase und Verzweiflung.

„Er verspricht kein Heil, keine Erlösung.“

Und doch wäre es zu einfach, den Fußball als bloße Ersatzreligion zu bezeichnen. Er verspricht kein Heil, keine Erlösung. Was er bietet, ist flüchtiger: Momente intensiver Sinnhaftigkeit, kollektive Erregungen, die ebenso schnell vergehen, wie sie entstehen.

Gerade in dieser Flüchtigkeit liegt seine moderne Qualität. Der Fußball erzeugt keine dauerhaften Gewissheiten, sondern temporäre Gemeinschaften. Für neunzig Minuten wird ein „Wir“ erfahrbar, das im Alltag längst brüchig geworden ist.

In fragmentierten Gesellschaften, die sich entlang politischer, kultureller und sozialer Linien differenzieren, fungiert der Fußball als einer der letzten gemeinsamen Bezugspunkte. Man spricht über ihn, man streitet über ihn – und erkennt sich gerade darin als Teil eines gemeinsamen Deutungsraums.

Dieser Deutungsraum hat sich in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend verändert. Ein Blick auf die deutsche Nationalmannschaft seit den siebziger Jahren genügt, um dies zu erkennen.

Ein Spiegel von Pluralität

War sie einst Ausdruck einer, vergleichsweise homogenen Gesellschaft, so ist sie heute ein Spiegel ihrer Pluralität. Deshalb faszinieren die Biografien einzelner Spieler, die es bis in die Mannschaft geschafft haben. Spieler mit unterschiedlichen familiären Hintergründen, Lebensläufen und kulturellen Prägungen prägen das Bild. Was sich hier zeigt, ist keine politische Programmatik, sondern gelebte Realität.

Gerade deshalb entzündet sich an ihr ein Konflikt, der weit über den Sport hinausweist. Sind das „alles Deutsche“? Die Frage, die einst beiläufig erschien, ist zur politischen Gretchenfrage geworden. Rechtspopulistische Stimmen versuchen, Zugehörigkeit wieder ethnisch zu verengen, während die Mannschaft selbst eine andere Antwort gibt: Nation ist nicht Abstammung, sondern Teilnahme. Sie entsteht im gemeinsamen Ziel, nicht im gemeinsamen Ursprung.

In diesem Sinne wird die Nationalmannschaft zu einem hermeneutischen Ort. Sie interpretiert die Nation, indem sie sie verkörpert – und verändert sie zugleich. Was hier sichtbar wird, ist keine feststehende Identität, sondern ein Prozess der Aushandlung. Der Fußball zeigt nicht, was Deutschland ist. Er zeigt, dass diese Frage offen ist.

Foto: The White House

Wenn der Fußball instrumentalisiert wird

Diese Offenheit stößt jedoch an ihre Grenzen, wenn der Fußball selbst zum Gegenstand politischer Instrumentalisierung wird. Die Weltmeisterschaft in Katar hat dies in aller Deutlichkeit vor Augen geführt. Fragen nach Menschenrechten, Arbeitsbedingungen und geopolitischen Interessen rückten in den Mittelpunkt.

Der alte Mythos vom unpolitischen Sport erwies sich endgültig als Illusion. Der Geist formt den Körper – die Niederlage war folgerichtig.

Der Fußball ist längst Teil eines globalen Zeichensystems geworden, in dem sich Macht, Moral und Ökonomie überlagern. Was auf dem Spielfeld geschieht, ist untrennbar verbunden mit dem, was außerhalb geschieht.

Der Zuschauer wird zum Mitspieler, gezwungen, Stellung zu beziehen – sei es durch Kritik, Boykott oder bewusste Teilnahme.

Die Religion im Sport

Dabei kehrt auch etwas zurück, das im säkularen Selbstverständnis moderner Gesellschaften lange als überwunden galt: die Religion. Wenn Spieler ihren Glauben öffentlich zeigen, wenn sie beten, danken oder religiöse Zeichen setzen, dann wird sichtbar, dass der Fußball kein rein säkularer Raum ist.

Vielmehr wird er zur Bühne, auf der unterschiedliche Sinnsysteme aufeinandertreffen. In unserer Nationalmannschaft zeigt sich das in Spielern wie Rüdiger und Nechma, die unterschiedlich glauben, aber durch ein gemeinsames Ziel verbunden sind.

Diese Koexistenz ist nicht spannungsfrei. Sie wirft Fragen auf: Wie viel religiöser Ausdruck ist im öffentlichen Raum erwünscht? Wo verläuft die Grenze zwischen persönlicher Freiheit und kollektiver Erwartung? Der Fußball gibt darauf keine eindeutigen Antworten. Aber er macht die Fragen sichtbar. Die Mannschaft wird zur Frage in Gestalt.

Foto: Granada, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 4.0

Sieg oder Niederlage?

Am Ende verdichtet sich all dies in der einfachsten und zugleich folgenreichsten Dimension des Spiels: Sieg oder Niederlage. Kaum ein Ereignis vermag kollektive Stimmungen so unmittelbar zu beeinflussen. Ein Sieg erzeugt Euphorie, ein Gefühl von Zusammengehörigkeit, das weit über das Stadion hinausreicht.

Eine Niederlage hingegen legt Bruchlinien offen, ruft Kritik hervor und verstärkt bestehende Spannungen. Der Charakter der Zuschauer zeigt sich darin, ob sie den Erfolg wünschen oder insgeheim auf die Niederlage hoffen. Im letzteren Fall liegen Enttäuschung und Schadenfreude nahe beieinander.

In diesem Sinne fungiert der Fußball als Resonanzraum der Gesellschaft. Er verstärkt, was ohnehin vorhanden ist – im Positiven wie im Negativen. Die Emotionen, die sich im Spiel entladen, sind nicht bloß sportlicher Natur. Sie sind Ausdruck tiefer liegender Bedürfnisse nach Zugehörigkeit, Anerkennung und Sinn.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Bedeutung der Weltmeisterschaft. Sie ist kein bloßes Sportereignis, sondern ein Spiegel, in dem sich die Moderne selbst betrachtet.

Sie zeigt den Menschen als ein Wesen, das sich übt, das sich steigert, das nach Gemeinschaft sucht – und zugleich in Konflikte verstrickt ist, die es nicht endgültig lösen kann.

Der Fußball beantwortet diese Konflikte nicht. Aber er bringt sie in eine Form, in der sie für alle sichtbar, erfahrbar und diskutierbar werden. Für einen kurzen Moment scheint es, als ließe sich im Spiel klären, was im Leben unklar bleibt.

Und vielleicht ist es genau diese Illusion, die seine anhaltende Faszination erklärt. Denn am Ende gilt: Der Fußball zeigt nicht, was eine Nation ist. Er zeigt, dass sie immer erst im gemeinsamen Ziel entsteht.

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Politische Abseitsfalle: Muslimische Sportler bei der Fifa-WM 2026

FIFA WM Sport politik

Vor der Fifa-WM in den USA machen Menschenrechtler auf selektive Einreiseverbote und doppelte Standards aufmerksam – während Verbände weiter vom unpolitischen Fußball sprechen.

(iz/KNA). Die anstehende Fußballweltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko bestätigt, was ein Blick in die WM-Geschichte zeigt: Das Spiel war nie apolitisch – und wird es auch dieses Mal nicht sein.

Während Verbände und Sponsoren ein globales Fest des Sports ausrufen, prägen Einreiseverbote, Sicherheitsdiskurse und geopolitische Bündnisse das Turnier von Beginn an. Vor allem muslimische Sportler und Offizielle erfahren, dass ihre Teilnahme nicht an sportlichen Kriterien scheitert, sondern an politischen Entscheidungen.

Der Mythos vom unpolitischen Sport

Das Gerücht apolitischen Sport hält sich gleichwohl hartnäckig. Dabei waren Weltmeisterschaften immer wieder Bühne für autoritäre Regime, Kriege und nationale Selbstinszenierungen. Mussolinis Italien nutzte die WM in den 1930er Jahren als Propagandashow, Militärdiktaturen wie in Argentinien präsentierten sich als ordnende Kräfte, während Repression und Folter im Hintergrund standen.

Turniere in Russland, Katar oder Brasilien verbanden Hochglanzbilder mit Diskussionen über Kriegsrecht, Korruption, Sicherheitsapparate und menschenunwürdige Arbeitsbedingungen. Die Vorstellung, politische Konflikte begännen erst bei Boykottdebatten oder Protestbinden, ignoriert diese Kontinuitäten.

1978 fand die WM inmitten einer brutalen Militärdiktatur statt, die nach einigen Angaben über 30.000 Tote forderte. Das hat den „unpolitischen Sport“ nicht berührt. Foto: El Gráfico no. 3061/Wikimedia Commons/gemeinfrei

Einreiseverbote als Signalpolitik

In dieses Bild fügen sich die Einreisesperren der US-Regierung gegenüber Sportlern und Schiedsrichtern aus mehrheitlich muslimischen Ländern ein. Die Gesellschaft für bedrohte Völker spricht mit Blick auf die US-Administration von „Heuchelei und rassistischem Verhalten“.

Während enge Verbündete wie Katar und die Türkei weiter unterstützt werden, obwohl sie nach Angaben der Menschenrechtler für Bewaffnung und Finanzierung radikaler Milizen mitverantwortlich sind, werden einzelne Muslime von der Teilnahme an der WM ausgeschlossen.

Besonders deutlich wird dies im Fall des somalischen Schiedsrichters Omar Artan, dem trotz vollständiger Papiere die Einreise verweigert wurde. Betroffen sind bspw. Sportler aus dem Iran und anderen Staaten.

Stimmen der Menschenrechtler

Dr. Kamal Sido, Nahostreferent der Gesellschaft für bedrohte Völker, sieht darin ein strukturelles Muster. Er kritisiert, Muslime würden insgesamt benachteiligt und diskriminiert, während „politischer Islam“ und „gewaltbereite Islamisten“ von denselben Regierungen als Partner behandelt würden.

Nach Sidos Einschätzung gilt der sicherheitspolitische Fokus nicht strukturellen Gewaltakteuren, sondern einzelnen Personen, die oftmals selbst Opfer von Regimen und Milizen sind. Menschenrechtsorganisationen markieren diesen Widerspruch klarer als viele Verbände: Sie verweisen auf die Diskrepanz zwischen den großen Worten von Menschenrechten und Gleichbehandlung und der Praxis selektiver Einreiseverbote.

Foto: The White House

Gigantismus und doppelte Standards der Fifa

Auch aus sozialethischer Perspektive mehren sich kritische Stimmen. Der Grazer Sozialethiker Thomas Gremsl beschreibt den Weltfußball kurz vor dem Turnier als „auf einer gefährlichen Rutschbahn“.

Die Freude am Spiel trete zurück hinter wirtschaftlichen und politischen Interessen, die Fifa betreibe einen Gigantismus, der sich in immer größeren Turnieren und ambitionierten Vergabeprojekten äußere.

Die WM in Katar 2022 sei aus seiner Sicht nicht aufgearbeitet. Versprechen zu Nachhaltigkeit und langfristiger Nutzung der Stadien seien nicht eingelöst worden, während die nächsten Turniere – 2030 auf drei Kontinenten und 2034 in Saudi-Arabien – bereits ihre Schatten vorauswürfen.

Wenn die Fifa einen eigens geschaffenen Friedenspreis an den US-Präsidenten vergibt und sich gleichzeitig politisch „neutral“ nennt, spricht der Theologe von „gelebter Doppelmoral“.

Foto: marketlan, Freepik.com

Soziale und ökologische Kosten

Gremsl macht zudem auf die sozialen und ökologischen Folgen der aktuellen WM-Vergabe aufmerksam. Er verweist auf unerschwingliche Ticketpreise und große Entfernungen zwischen den Spielorten, die Teile der Bevölkerung vom Stadionbesuch faktisch ausschließen.

In Mexiko seien Probleme der Wasserversorgung dokumentiert, und für den Bau eines Stadions sei eine Wasserleitung von der lokalen Einwohnerschaft abgekoppelt worden – eine Praxis, die er mit dem Hinweis kommentiert, der Zugang zu Wasser sei ein Menschenrecht.

Für ihn zeigt sich an solchen Beispielen, wie weit sich der organisierte Spitzenfußball von den eigenen Leitbegriffen Fairness, Integrität und Respekt entfernt hat. Die WM in Nordamerika steht damit nicht isoliert, sondern in einer Reihe von Turnieren, bei denen Infrastrukturprojekte, Sicherheitsringe und Vermarktungslogik tief in den Alltag der lokalen Bevölkerung eingreifen.

Eine politisierte WM

Die aktuelle WM fügt sich insgesamt in eine Entwicklung ein, in der sportliche Großereignisse eng mit Menschenrechtsfragen, Sicherheitsdoktrinen und ökonomischen Interessen verschränkt sind.

Für muslimische Sportler und Offizielle tritt dieser Zusammenhang besonders deutlich zutage, wenn formale Einreisebestimmungen de facto als Filter entlang religiöser und nationaler Linien wirken. Menschenrechtsorganisationen sehen in der Kombination aus selektiven Einreiseverboten, geopolitischen Allianzen und Vermarktungslogik ein Muster, das über den Einzelfall hinausweist.

Die Weltmeisterschaft bleibt damit nicht nur ein sportliches, sondern ein politisches Ereignis – auch dort, wo Offizielle das Gegenteil behaupten.

* Mit Material von der KNA.

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Marokkos WM-Triumph – auch eine historische Genugtuung

Natürlich – es geht erst mal um Fußball. Aber die Koinzidenzen sind schon auch verblüffend: Eines nach dem anderen räumt Marokko jene Länder Europas ab, mit denen es in der jüngeren Geschichte am meisten verbindet.

Brüssel (KNA). Sie feiern. Sie hupen. Die Polizei leitet weiträumig den Verkehr um. In Brüssel, Paris und Mailand sowie in den Niederlanden kam es gar zu gewalttätigen Ausschreitungen. In vielen Städten Europas sind marokkanische Auto-Korsi und Fan-Feste dieser Tage schon zum Ritual geworden.

Eines nach dem anderen räumt das marokkanische Team bei der ersten arabischen Fußball-WM in Katar jene übermächtigen Länder Europas ab, mit denen es in der jüngeren Vergangenheit am meisten verbindet. Das ist nicht nur ein arabischer und ein afrikanischer Fußball-Triumph. Es ist – auch – ein marokkanischer Marsch durch seine eigene Geschichte mit dem Westen.

Ein portugiesisches Trauma: Der erst 24-jährige König Sebastiao erleidet im August 1578 mit einem Kreuzritterheer von 18.000 Mann eine verheerende Niederlage gegen eine marokkanische Übermacht unter Sultan Abu Marwan Abd al-Malik und fällt auf dem Schlachtfeld von Alcacer-Quibir. Seine Leiche wird nie gefunden; eine Nachfolgeregelung gibt es nicht. 1580 reißt Spaniens Habsburger-König die Krone der damaligen Weltmacht Portugal an sich – 60 Jahre schmachvoller Zwangsherrschaft durch den Erbfeind beginnen.

Für Portugal war dies das Ende einer großen Ära – viel größer als die Ära Ronaldo, die am Samstagabend zu Ende ging. Der traditionelle Volksglaube verheißt, der junge König werde bald wiederkehren und das Land in eine neue Zukunft führen. Immer wieder tauchten falsche Sebastiane auf, um die Macht zurückzuerobern. Doch der echte kam nie zurück. Marokko-Portugal 1:0.

Spanien und der Islam: eine schwierige Beziehung. Die Conquista der Iberischen Halbinsel durch den Vormarsch muslimischer Araber im 7./8. Jahrhundert und die spanische Reconquista bis zur Einnahme Granadas 1492 sind die Folie für ein spannendes Nachbarschaftsverhältnis, das durch das Aufkommen des spanischen Massentourismus in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein neues, prägendes Kapitel bekam. Spanische Agenturen warben marokkanische Arbeitskräfte für das Hotel- und Gastronomiegewerbe und andere Unternehmen an; und zwar nicht nur für den eigenen Arbeitsmarkt, sondern auch für andere Länder, etwa Großbritannien.

Pikant ist die Stellung der beiden spanischen Exklaven Melilla und Ceuta, die auf afrikanischem respektive marokkanischem Boden liegen und seit 1497 bzw. 1580/1668 zu Spanien und damit inzwischen auch zur EU gehören. Zwischen 1912 und 1956 gab es auf einem schmalen Landstreifen entlang der nordwestlichen Mittelmeerküste das kurzlebige Protektorat Spanisch-Marokko.

Melilla wie Ceuta sind durch Grenzzäune von Marokko getrennt. Mehrfach konnten Hunderte bis Tausende afrikanischer Migranten die Sperranlagen überwinden; zuletzt 2021, als Marokkos König Mohammed VI. offenbar seine Grenzschützer abzog, um politischen Druck auf die EU auszuüben. Zumeist wurden Migranten am Ende zurück nach Marokko abgeschoben. Marokko-Spanien: 3:0 nach Elfmeterschießen.

Belgien, das kleine Einwanderungsland. Mit fast einer halben Million stellen die Marokkaner und ihre Nachkommen die größte nationale Gruppe von Zuwanderern bei unserem westlichen Nachbarn. Knapp 90 Prozent von ihnen haben inzwischen einen belgischen Pass. Marokkanische Läden prägen in manchen Vierteln der Hauptstadt Brüssel das Straßenbild.

Nun also Frankreich im Halbfinale, schon der fünfte und größte Fußball-Brocken im sechsten Spiel; und auch die vielleicht schwerste historische Hypothek, die auf der Partie lastet. Frankreich war im 19. und 20. Jahrhundert die wichtigste Kolonialmacht in Nordafrika. Auch in Marokko im Nordwesten, das zum Zankapfel europäischer Großmachtinteressen wurde. Erst 1956 konnte man die französische Fremdherrschaft abschütteln und erlangte seine staatliche Unabhängigkeit.

Anders als Belgien – da waren es mit Michy Batshuayi, Amadou Onana und Romelu Lukaku nur drei – dürfte die Equipe Tricolore am Mittwoch zahlreiche Stars mit afrikanischen Wurzeln einsetzen. So oder so: Marokkos Nationalteam steht in der katarischen Küstenstadt al-Chaur auch für Afrika und für die Arabische Welt. Vor allem aber spielt es um das WM-Finale.