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Tahadschud – das freiwillige Gebet in der Nacht

Lailat Al-Baraa Gebet in der Nacht Tahadschud

(iz). Es gibt viele Hinweise im Qur’an und der Sunna. Sie zeigen uns die Exzellenz und den Verdienst des Tahadschud-Gebets – dem freiwilligen Nachtgebet. Allah, der Allerhöchste, sagt: „Etabliere das Gebet beim Neigen der Sonne bis zum Dunkel der Nacht, und die Lesung der Morgendämmerung. Gewiss, die (Qur’an-)Lesung der Morgendämmerung wird bezeugt. Und verbringe einen Teil der Nacht damit, zusätzlich für dich zu beten. Vielleicht wird dich dein Herr in einen lobenswerten Rang erheben.“ (Al-Isra, Sure 17, 78-9)

Abu Huraira berichtete, dass der Gesandte Allahs, Segen und Frieden auf ihm, sagte: „Das beste Gebet nach dem Pflichtgebet ist dasjenige in der Nacht.“ Dieser Prophetengefährte berichtete auch folgenden Austausch. Ein Mann wollte vom Gesandten Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden ­geben, wissen: „Welches Gebet ist – nach den Pflichtgebeten – das vortrefflichste?“ Der ­Prophet antwortete: „Das Gebet in der Tiefe der Nacht.“

Abdallah ibn Salam berichtete folgendes ­Hadith vom Propheten, Allahs Heil und ­Segen auf ihm: „Oh, ihr Leute! Verbreitet die Friedensgrüße, speist andere, erhaltet die Familienbande und betet in der Nacht, wenn andere schlafen und ihr werdet sicher in den Himmel eintreten.“

Abu Umama Al-Bahili berichtete, dass der Gesandte Allahs sagte: „Haltet am Nachtgebet fest. Denn es war der Weg der Rechtschaffenen vor euch. Ein Weg, sich eurem Herrn anzunähern. Eine Auslöschung von Fehlern und ein Schild gegen falsche Taten.“ In einigen Überlieferungen findet sich ein Zusatz: „Und es wehrt Krankheit vom Körper ab.“

Der Prophetengefährte Ibn Mas’ud sagte: „Der Vorrang des nächtlichen Gebets über dem täglichen ist wie die Tugend der heimlichen Wohltätigkeit über die öffentliche.“ Die Gelehrten beziehen diese Aussage auf die freiwilligen Gebete.

Das Tahadschud ist verborgener und näher an der Aufrichtigkeit

Imam Saffarini, der hanbalitische Faqih und Sufi, erklärte in seinem „Scharh Mandhumat Al-Adab“, dass das nächtliche Gebet dem täglichen überlegen sei. Und zwar aus folgendem Grund: „Es ist verborgener und näher an der Aufrichtigkeit. Die rechtschaffenen frühen Muslime (die sogenannten Salaf) bemühten sich sehr stark darum, ihre Geheimnisse (das heißt, die Handlungen zwischen ihnen und Allah) zu bewahren.“

Der frühe Sufi Hasan Al-Basri sagte: „Es war so, dass eine Person Gäste hatte, die über Nacht blieben. Sie betete, ohne dass ihre ­Besucher es mitbekamen …“

Das nächtliche Gebet ist härter für das niedere Selbst. Denn dies ist eine Zeit der Ruhe von den Anstrengungen des Tages. Also ist das Ablassen vom Schlaf, obwohl das niedere Selbst danach verlangt, ein enormer Kampf (Mudschahad). Einige haben gesagt: „Die beste Arbeit, die das niedere Selbst zwangsweise tun muss.“

Die Rezitation des Qur’an im Nachtgebet ist näher am Nachsinnen. Denn die Dinge, die unser Herz beschäftigen, sind nachts mehrheitlich abwesend. Also ist unser Kern aufmerksam. Darüber sagt Allah im Qur’an: „Das Aufstehen in der Nacht hat stärkeren Einfluss (auf die Seele) und bringt eher aufklärende Worte. Du hast ja am Tage lange Zeit für Beschäftigung. Und gedenke des Namens deines Herrn und widme dich Ihm ganz allein.“ (Al-Muzzammil, Sure 73, 6-8)

Ein Schutz vor falschen Taten

Aus diesem Grund ist es uns empfohlen, den Qur’an im Tahadschud zu rezitieren. Und daher ist es auch ein Schutz vor falschen Taten. Zu dieser Zeit sind die Türen des Himmels geöffnet. Bittgebete werden beantwortet und die Bedürfnisse des Bittenden erfüllt.

Allah lobt diejenigen, die nachts für Seine ­Erinnerung aufwachen, ihn anflehen und Vergebung von Ihm erbeten. Er sagt im Qur’an: „Ihre Seiten weichen vor den Schlafstätten zurück; sie rufen ihren Herrn in Furcht und Begehren an und geben von dem, womit Wir sie versorgt haben, aus. Keine Seele weiß, welche Freuden im Verborgenen für sie bereitgehalten werden als Lohn für das, was sie zu tun pflegten.“ (As-Sadschda, Sure 32, 16-17)

Erwartung Ramadan 2023 Fastenmonat Ramadanbeginn
Foto: Shutterstock

Imam Abu Sa’Id Al-Khadimi sagte: „Es gibt einen Konsens der Gelehrten darüber, dass das nächtliche Gebet zu den besten aller ­tugendhaften Handlungen zählt.“

Die Gelehrten leiten aus dem Qur’an und den Hadithen des Propheten einige Parameter für das Tahadschud ab:

1. Die minimale Länge beträgt zwei Rakat (eine Rakat ist ein Gebetszyklus aus Stehen, Verbeugung und Niederwerfung).

2. Die optimale empfohlene Länge sind acht Rakat, weil dies die übliche Praxis des ­Propheten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sowie seiner Gefährten war.

3. Ein längere Rezitation in dem jeweiligen Gebet ist einer größeren Zahl an Gebeten vorzuziehen.

4. Teilt man die Nacht in drei Teile, dann ist das letzte Drittel der beste Zeitpunkt für das Tahadschud.

5. Der volle Nutzen des Gebets entfaltet sich erst, wenn man zuvor geschlafen hat. Eine der sprachlichen Bedeutungen von Tahadschud ist, sich vom Schlaf zu befreien.

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Tarawih – das freiwillige Nachtgebet im Ramadan

Islamic-Times

Aus gegebenem Anlass – Hintergrund: Antworten auf den zeitgenössischen Nihilismus aus dem muslimischen Denken. Von Abu Bakr Rieger

(iz). Wenn man sich die Frage nach Europa, dem Islam und dem Nihilismus neu stellt, dann ist dies für europäische Muslime nichts anderes als die eigene Frage als Gestalt. Dies gilt natürlich besonders für Europäer, die zum Islam konvertiert sind und heute als europäische Muslime über ihre eigenen Erfahrungen an der denkwürdigen Linie, die den Nihilismus und den Islam trennt, reflektieren.

Ich erinnere mich natürlich auch noch an meine persönliche Situation, die dazu führte, den Nihilismus als meine eigene geistige Haltung zu Gunsten des Islam aufzugeben. Diese „gefährliche Begegnung“ mit europäischen Muslimen geschah zu meiner Studentenzeit in Freiburg.

Ich hatte zu dieser Zeit das Christentum innerlich verlassen. Ich bewunderte Albert Camus; den französischen Schriftsteller mit der Zigarette, und las seinen „Mythos von Sysyphos“. Ich bewunderte damals den Versuch des Existenzialisten, in einer trostlosen und sinnlosen Zeit zumindest „Haltung“ zu bewahren.

Ich war allerdings auch ein wenig irritiert, dass Camus selbst, man könnte sagen „absurderweise“, seinen Tod bei einem merkwürdigen Autounfall fand. Er starb auf einer ewig geraden Landstraße. Sein Reifen war „zufällig“ geplatzt und sein Auto zerschellte an dem einzigen kleinen Bäumchen weit und breit.

Ich erinnere mich an eine Andere, vielsagende „absurde“ Episode in meinen Freiburg Studententagen. Genauer gesagt ging es um einen Vorfall, der die Freiburger Öffentlichkeit empörte und mich doch ein wenig amüsierte. Der prachtvolle Sitz des Freiburger Bischofs wurde mit großem Aufwand frisch gestrichen und erschien in weißem Glanz. Ein unbekannter Anarch schrieb nun an diese weiße Wand „Gott ist tot“. Der Sprayer unterschrieb diesen bösen Satz schlicht mit „Nietzsche“. Die Wand und der grelle Satz wurde natürlich über Nacht eilig weiß überstrichen. In der nächsten Nacht schrieb aber ein anderer Sprayer an gleicher Stelle „Nietzsche ist tot“ und unterschrieb in geschwungener Handschrift mit „Gott“.

Auf die dringliche Frage meines damaligen Gesprächspartners, der mich in langen Gesprächen geduldig in den Islam einführte, woran ich denn selbst glaube, antwortete ich daher wahrheitsgemäß: „An nichts. Ich denke Camus hat Recht. Das Leben ist absurd. Es gibt keinen Gott“.

Die Antwort der europäischen Muslime, mit denen ich zusammensaß, auf diese schienbar provokante Feststellung war souverän! Sie zeigten sich nicht etwa provoziert, lächelten sogar, und klärten mich auf, ich bestätigte ja immerhin bereits den ersten Teil der Schahada. Ich fand so heraus, dass die Feststellung Nietzsches, wonach Gott – im christlichen Sinne – tot sei, philosophisch aus der Sicht dieser Muslime in bestimmter Weise seine Berechtigung habe. Ich staunte! Im Übrigen – so die Muslime weiter – sei die Welt nichts Anderes als eine Art Spiegel, in den man hineinschaue. Was blieb mir übrig, als genauer nachzudenken, wie ich in diesen Spiegel künftig hineinschauen wollte?

Aber kommen wir noch einmal auf Friedrich Nietzsche zurück. Nietzsche, der berühmte Deutsche, der bekanntlich mit dem Hammer philosophierte und der einen gewichtigen Teil des europäischen Denkgebäudes zum Einsturz brachte. Natürlich wollte Nietzsche dabei weder ein gefährliches, neues gottloses Menschenwesen schaffen, noch plump alle Glaubensriten an sich abschaffen.

Nietzsche bewegte vielmehr die Not, den Menschen auf eine neue Welt, auf ein neues Denkgebäude – ohne den bisher gewohnten „christlichen Gott“ – vorzubereiten. Mit anderen Worten: Nietzsche dachte über den Nihilismus nach, ohne selbst einfach nihilistisch zu sein.

Dass es zu kurz fasst, Nietzsche als „Ungläubigen“ abzustempeln, zeigt eine andere Episode seines Denkens. Vor seinem Tode erklärte Nietzsche, er verstehe nicht, warum die Deutschen nicht den Islam statt dem Christentum angenommen hätten. Europa, so Nietzsche polternd, habe zwei Probleme: „Alkohol und Christentum.“ Nietzsches Pessimismus über die geistige Lage Europas gipfelte bekannterweise in dem Satz: „Die Wüste wächst, weh dem, der Wüsten birgt.“ Die Frage nach dem Nichts beschäftigte jedenfalls zunehmend die großen Geister. In einem Brief des Dichters von Kleist an seine Verlobte aus dem Jahre 1801 findet sich eine treffende Beschreibung der persönlichen Erfahrung des Nihilismus dieser Tage.

Kleist beschreibt in diesem Brief die radikale Konsequenz des neuen Denkens, die Relativierung der Möglichkeit jeder Wahrheit: „Wir können nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen, wahrscheinlich Wahrheit ist, oder ob es uns nur so scheint. Ist das letzte, so ist die Wahrheit die wir hier sammeln, nach dem Tode nicht mehr – und alles Bestreben, ein Eigentum sich zu erwerben, das uns auch in das Grab folgt, ist vergeblich-. Mein einziges, mein höchstes Ziel ist gesunken, und ich hab nun keines mehr-.“

Keine Ziele, Keine Wahrheit – was folgt aus den Worten des jungen begabten Dichters? Geradezu Unglaubliches sollte nun gelten. Statt einer allgemein verbindlichen Wahrheit bleibt dem Menschen nur noch eine Art Subjektivität! Politisch blieb einer ganzen Generation von „jungen Dichtern, ohne objektiven Wahrheiten“ nur der aufkommende Nationalismus, eine aufbrausende Gefühlsregung und gefährliche Selbstüberhöhung zugleich, die Millionen Europäern als künftiger Religionsersatz dienen sollte. Aber nicht nur Gott befand sich in Auflösung, auch das eigene „Ich“ – und damit eigentlich alle überkommenen Vorstellungen von der Ordnung dieser Welt.

Dostojewski stellte nun eine weitere radikale Frage, nämlich die, ob in einer Welt ohne Gott nicht auch alles erlaubt sei? Eine Jahrhundertfrage, die einige Brisanz haben sollte. In der neuen gottlosen Welt standen sich ja plötzlich hochgerüstete, vom Nationalismus beseelte, subjektiv denkende Völker gegenüber. Ohne die gewohnte christliche Moral eine gefährliche und brisante Lage. Einige Jahrzehnte später, im Angesicht des anrollenden 1. Weltkrieges, rief der deutsche Dichter Rainer Maria Rilke erschrocken aus: „Die Erde ist endgültig dem Menschen in die Hände gefallen.“

Die verheerenden Weltkriege und ihre furchtbaren Bilder sind es ja auch, die bis heute der verbreiteten nihilistischen Grundhaltung einiges an Argumenten liefern. Man denke nur an die industrielle Vernichtung von Menschen, den Holocaust und die Atombomben. Hannah Arendt kommentierte angesichts Ausschwitz und dessen andauernden Folgen für den Humanismus nur: „Dies hätte nicht passieren dürfen“.

Die Gründe für eine mögliche nihilistische Haltung sind wahrlich nicht ausgegangen, stehen wir doch alle in der Not, nicht zu wissen, was der Mensch angesichts von Leid und Umweltzerstörung überhaupt noch ausrichten kann. Die moderne Technik ist nach Heidegger aber nichts anderes als ein gewaltiges „Herausfordern“ der Schöpfung. Wir erleben dieses „Herausfordern“ – man erinnere sich nur an das Öl-Debakel im Golf von Mexiko – beinahe alltäglich. Alle Katastrophen lehren uns, dass, obwohl wir wissen, wir nicht handeln können! Uns scheinen sprichwörtlich die Hände gebunden!

Gerade die aktuelle Finanzkrise zeigt dabei die fragwürdige Rolle der politischen Souveränität. Weder Nationen noch Parteien scheinen noch die Macht zu haben, wie wir heute sehen, die globale Kraft der Finanzökonomie substanziell zurückzuweisen. Schlimmer noch: Jedem Widerstand – wie der Anti-Globalisierungsbewegung – droht der „Spirit“ auszugehen. Jeder, ob allein oder in Gruppen, der versucht, mit einigem Idealismus sich der „Wüste“ entegenzustellen, droht der „Spirit“, die nötige Geisteskraft auszugehen. Ist das etwa die geheimnisvolle, lähmende Kraft des Nihilismus, die uns jederzeit ergreifen kann? Schon im postmodernen Deutschland stritten sich der Philosoph Martin Heidegger und der Schriftsteller Ernst Jünger über die Folgen des Nihilismus. Sie diskutierten die alten, neuen Fragen unserer Zeit: Kann man noch gegen den Nihilismus handeln; und wenn ja, wo, wer und wie?

Was Jünger als Aktion gegen den Nihilismus vorschlug, war eine Art heldenhafter individueller Widerstand, eine Art extreme Auseinandersetzung mit dem Nichts, das dann, so Jünger, „nach seiner Überwindung jene Schätze freisetzen wird, die es ehemals verborgen hielt“. Jünger sah also durchaus Grund für Optimismus. In seiner berühmten Schrift „Über die Linie“ schrieb Jünger: „Die metaphysische Beunruhigung der Massen, das Auftauchen der Einzelwissenschaften aus dem kopernikanischen Raum und das Auftreten von theologischen Themen in der Weltliteratur, sind Positiva hohen Ranges, die man einer rein pessimistischen oder auf Untergang gerichteten Lagebeurteilung mit Recht entgegenhalten kann“.

Aber natürlich wusste auch Jünger, dass der Nihilismus nicht einfach mit ein wenig „gutem Willen“ überwunden werden kann. Auch Jünger sah, dass es dazu mehr brauchte als „nur“ eine menschliche Entscheidung oder eine schlichte Ideologie. Den Menschen kann überhaupt nur noch – wie es Heidegger später mysteriös im „Spiegel“-Interview formulierte – ein „Gott“ retten. Ein Gott? Was meint aber das Wort „Gott“ für den Nietzsche-Verehrer Heidegger? Nur so viel ist gewiss: Heidegger, insofern radikaler denkend als Jünger, setzte den vollendeten Nihilismus, die vollkommene Seinsvergessenheit mit der vollständigen Entmachtung der Subjektivität gleich!

Heidegger fasste dieses Dilemma in einem Briefwechsel mit Kästner so: „Kein menschliches Rechnen und Machen kann von sich aus und durch sich allein eine Wende des gegenwärtigen Weltzustandes bringen; schon deshalb nicht, weil die menschliche Machenschaft von diesem Weltzustand geprägt und ihm verfallen ist. Wie soll sie dann je noch seiner Herr werden?“

Die Werke Jüngers und Heideggers fassten aber immerhin einige wesentlichen Voraussetzungen für einen neuen Anfang und ein neues Denken. Man könnte diese so zusammenfassen: Ein neues Denken kann nicht im alten Subjekt-Objekt-Verhältnis denken. Nötig ist kein blinder Aktionismus, sondern das Überdenken der europäischen Geistesgeschichte – und, als eine Komponente jenseits des menschlichen Willens: Es braucht hierzu natürlich ein gutes Schicksal.

Hier nun taucht auch der Islam am Denkhorizont auf. Weist der Islam den Europäern etwa einen Weg aus dem Nihilismus und wenn ja, mit welcher denkerischen Berechtigung?

Zweifellos ist es die islamische Lebenspraxis selbst, die das Dasein zu ganz neuen, fundamentalen Wahrnehmungen führt. Im Kern dieser Wahrnehmung, jenseits von Subjekt und Objekt, jenseits von Ich und Gott, steht ein denkwürdiger Satz Ibn Al-Arabis: „Allah regiert die Schöpfung aus sich selbst heraus.“

Wie kommen wir an diesen Ort, der jenseits von „Innen“ und „Außen“ liegt und sich nicht finden lässt, wenn man sich als ein Gegenüber eines Gottes versteht? Imam Al-Dschunaid sagte über diesen denkwürdigen geistigen Vorgang, der so schwer in Sprache zu fassen ist: „Tasawwuf ist, dass du mit Allah bist ohne Verbindung, und dass Seine Wahrheit dein Ich verschwinden lässt und dann dich mit Ihm zurück zum Leben bringt“.

Bedenken wir aus dieser neuen Sicht heraus nochmals die Lebenspraxis des Islam. Die aufregende Frage ist dabei: Steht diese Praxis tatsächlich im Widerspruch zu den Einsichten der europäischen Philosophie? Hier muss man sich nochmals die Fünf Säulen des Islam vergegenwärtigen.

Da ist zunächst die Schahada, die, wie ich bereits erwähnt hatte, in ihrem ersten Teil die Verneinung der christlichen Metaphysik umschließt. Das Glaubensbekenntnis bestätigt die absolute Einheit und verneint – im Gegensatz zum Christentum – die Möglichkeit der Trinität.

Aus ihr folgt, das Gebet, das eine völlig neue Wahrnehmungsebene eröffnet. Das Gebet beginnt mit Feststellung, dass Allah nicht nur groß, sondern größer ist! Uns eröffnet sich eine dynamische, nie ganz zu fassende Wirklichkeit.

Wir erfahren auf der Hadsch die Subs­tanz der menschlichen Existenz, herausgelöst aus den Gegensätzen von Raum und Zeit, Vergangenheit und Zukunft, ein Kreisen, die Auflösung der Gegensätze, das Ende der Dialektik von Raum und Zeit. Die Zahlung der Zakat, zu der wir verpflichtet sind, nötigt uns auf, „Dinare“ beziehungsweise echtes Geld zu drucken, um dieser Verpflichtung nachzukommen. Das Verbot der Zinsnahme, das uns Allah befiehlt, eröffnet uns die Möglichkeit einer neuen gerechten Wirtschaft! Und schlussendlich: Das offenbarte Konzept einer funktionierenden ökonomischen Ordnung eröffnet die Möglichkeit eines neuen Nomos.

Im Monat des Ramadan, dem wir mit Freude entgegensehen, erleben wir die Möglichkeit der Freiheit und das Zutrauen in die versprochene Versorgung.

Ist es also diese Lebenspraxis des Islam, die den Nihilismus überwindet? Das wird natürlich nicht heißen können, dass die alltägliche Auseinandersetzung mit dem Nihilismus für uns Muslime nicht mehr zu spüren wäre und dass man vor nihilistischen Zuständen als Muslim immer sicher wäre. Der Nihilismus ist tatsächlich ein so mächtiger Gegner, dass man ihm nicht alleine und ohne Hilfsmittel gegenübertreten kann. Im Islam und der Sunna des Propheten finden sich die Grundlagen für ein Miteinandersein, für die Erfahrung der Einheit und eine Sammlung von Handlungsanweisungen, die im Zusammenspiel an den Ort jenseits des Nihilismus führt.

In der Offenbarung des Qur’ans ist diese Botschaft einstimmig und eindeutig zusammengefasst. Sie steht der Offenbarungsform der Technologie, also der Vieldeutigkeit und Vielstimmigkeit des Internet gegenüber. In der Rezitation des Qur’ans, in der Feier der Sprache, wurzelt auch das Gegengift gegen die Stimmung der Langeweile und Lähmung, die sich im Nihilismus notwendigerweise breit macht.

Rainer Maria Rilke – der bis sehr nahe an das Tor des Islam rückte, dichtete unter dem Eindruck des europäischen Nihilismus: „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben“.

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Auch zum Ende dieses Ramadans werden sich die Muslime versammeln, um es zu begehen

Ende Ramadan

Auch zum Ende dieses Ramadans werden sich die Muslime versammeln, um den ‘Id Al-Fitr, das Fest zu seinem Ende zu begehen. (iz). „Wer also von euch während dieses Monats anwesend […]

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Europeas Muslime und der Ramadan: Fragen an den Lehrer und Imam Dr. Asadullah Yate

(iz). Auch wenn der Islam im Internet und in den herkömmlichen Medien präsent ist, scheint es mehr als sinnvoll zu sein, dessen spirituellen Aspekte über die polemisch debattierten Aspekte zu betonen. Ohne Frage haben die so genannten „Fünf Säulen“ Vorrang vor sekundären Fragen.

Wir sprachen daher mit dem muslimischen Lehrer, Imam und Übersetzer Dr. Asadullah Yate über verschiedene, wichtige Aspekte des Fastenmonats Ramadan.

Islamische Zeitung: Wir Muslime sagen immer, dass der Ramadan die besten Zeit des Jahres sei. Wir freuen uns auf sie und sind traurig, wenn sie vorüber ist. Für einen nicht-muslimischen Außenseiter mag es seltsam erscheinen, eine gute Zeit zu haben, wenn man weder essen oder trinken kann beziehungsweise sich der anderen erlaubten Dinge des Lebens erfreuen darf. Wie kann dies eine wunderbare Zeit sein?

Dr. Asadullah Yate: Es handelt sich um eine Zeit des Wandels und der Ausnahme. Vor allem und zuerst handelt es sich beim Ramadan um eine erschütternde Phase. Der Fastenmonat verändert das normale Verhaltensmuster des Lebens, was wiederum eine Veränderung im reglementierten Alltag von Essen und Schlafen nach sich zieht.

Die Unterbrechung unserer Routine erweckt die spirituelle Seite des Herzens. Das Herz erwacht, weil wir weniger essen und schlafen. Dies führt natürlicherweise zur Belebung der anderen Wirklichkeit des menschlichen Selbst [der Nafs] und des Herzens. Aus diesem Grund wird man spiritueller. Das Wort „Tarawih“ [der Name des besonderen Gebets, dass in der Nacht verrichtet wird] bedeutet wörtlich „spirituell werden“. Die Bedeutung des Tarawih leitet sich von „Ruh“ [Geist] ab.

Aus diesem Grund ist der Ramadan die Zeit der besonderen Zustände und der Freude.

Islamische Zeitung: Sicherlich kennen die meisten Muslime die relevanten Verse des Qur’an im Zusammenhang mit dem Ramadan. Könnten sie uns kurz einen Überblick verschaffen?

Dr. Asadullah Yate: In der Sure Al-Baqara [Vers 183 ff.] sagt Allah, dass das Fasten uns in dem gleichen Maße vorgeschrieben wurde, wie für jene Völker, die vor uns kamen. In anderen Worten: Das Fasten ist seit den Tagen Adams immer ein Teil der menschlichen Realität gewesen. Es ist keine Praxis, die nur auf die Muslime beschränkt ist.

Und Allah sagt in einem Vers, dass es uns vorgeschrieben sei, dass wir im Monat Ramadan fasten müssen. Es gibt natürlich Ausnahme für jene, die reisen oder krank sind. Jene Gruppen müssen in diesen Zuständen nicht reisen und die ausgelassenen Tage später nachholen.

An zwei Stellen dieser qur’anischen Verse erwähnt Er auch Regeln, die aufgehoben wurden. Diese betreffen jene historische Phase, in der die Muslime entscheiden konnten, ob sie fasten oder nicht. Wenn sie dies nicht taten, mussten sie eine Fidja bezahlen. Aber Allah hat mit jenen Versen in der Sure Al-Baqara nun diese Möglichkeit aufgehoben und uns gesagt, dass wir fasten müssen, wenn wir ansässig sind. Mit anderen Worten, wenn wir weder reisen oder krank sind.

An einer anderen Stelle dieser Gruppe qur’anischer Verse erlaubt Allah, dass die Muslime nun Geschlechtsverkehr während der gesamten Nacht haben können. Denn zu Beginn des Islam war es ihnen nur erlaubt, sich ihren Eheleuten bis zur Zeit des Nachtgebets zu nähern. Und so finden wir in Zusammenhang mit dem Ramadan zwei Gelegenheiten, bei denen eine frühere Praxis des Islam durch eine spätere aufgehoben wurde.

Islamische Zeitung: Ich habe von verschiedenen Phasen des Ramadans gehört und jede einzelne soll für ein bestimmtes Element des Fastenmonats stehen. Könnten sie uns diese kurz beschreiben?

Dr. Asadullah Yate: Der Gesandte Allahs sagte, dass der erste Teil des Ramadans, die ersten zehn Tage, Gnade oder Rahma ist. Der zweite Teil, seine Mitte – die Maghfira – ist die Vergebung, in der dem Diener Allahs alle falschen Handlungen verziehen werden. Und der dritte Teil ist die Freiheit, der Schutz vor dem [Höllen]Feuer.

Wir wissen von einer anderen prophetischen Überlieferung, dass jemandem, der den Ramadan „Imaman“ (mit vollem Vertrauen auf Allah) und „Ihtisaban“ (voll bewusst) fastet, seine Zunge hütet und sich offensichtlich von allen Dingen fern hält, die es zu vermeiden gilt, die falschen Handlungen vergeben werden. Man ist dann am Feiertag zum Ende des Ramadans wie ein neugeborener Säugling.

Islamische Zeitung: Für die Muslime ist die „Nacht der Macht“ (Lailatul Qadr) der Höhepunkt des Fastenmonats. Warum ist dies eine besondere Zeit und was bedeutet sie für die Muslime?

Dr. Asadullah Yate: Diese Nacht ist der enorme Augenblick, in dem Allah der Qur’an auf einmal herab sandte. Wir wissen natürlich, dass der Qur’an in einer langjährigen Periode offenbart wurden, wenn der Prophet Rechtleitung benötigte, um zu wissen, was er in einer bestimmten Lage zu tun hatte. Aber er wurde auch in einem Durchgang herab gesandt – in dieser Nacht der Macht (Qadr). Die Nacht ist eine Offenbarung der Macht Allahs.

Qadr bedeutet aber Maß oder Bestimmung. Es ist die Nacht, in der Allah die Ereignisse des kommenden Jahres bestimmt. Der Prophet hat uns angewiesen, nach ihr in den letzten zehn Tagen des Ramadans Ausschau zu halten. Dann hatte er diese Anweisung weiter eingegrenzt und gesagt, wir sollten nach ihr in den ungeraden Nächten suchen. Und schließlich gab der Gesandte Allahs eine noch genauerer Bestimmung, als er sagte, dass es sich dabei um die 27. Nacht handelt.

Wir haben unterschiedliche Überlieferungen, von denen keine absolut bestimmend ist. Der Gesandte Allahs wies uns an, wir sollten nach dieser Nacht „suchen“. Manche sind der Ansicht, dass sich die Nacht der Macht während des gesamten Ramadans finden lasse. Aber die wahrscheinlichsten Hinweise finden sich bezüglich der letzten zehn Tage des Ramadans und bezüglich des 27. Ramadan.

Die Lailatul Qadr ist die Nacht, in der wir daran erinnert werden, dass der Qur’an offenbart wurde. Wir wissen von einer anderen Überlieferung, dass es die Nacht der Stille ist. Dabei handelt es sich um einen Augenblick, in welcher die Belohnung von Allah endlos vergrößert wird. Für jedes Gebet während dieser Nacht, im Tarawih oder danach, gibt es eine besondere Belohnung.

Der Prophet hatte es uns ebenfalls empfohlen, in den letzten zehn Tagen des Ramadans I’tikaaf zu machen. Das heißt, sich in die Moschee zurückzuziehen und von der auswärtigen Welt abschneiden.

Islamische Zeitung: Nur wenige Tag nach der Lailatul Qadr kommt das Fest des ‚Id, welches das Ende des Ramadans markiert. Was ist die soziale Bedeutung des ‚Ids für die Muslime?

Dr. Asadullah Yate: Natürlich ist der ‚Id eine Zeit der enormen Freude, in der die Enthaltsamkeit plötzlich in eine Feier verwandelt wird, zu der alle zusammenkommen. Der Gesandte Allahs sagte, dass es zwei Freuden für den Fastenden gibt. Zum einen, wenn er am Ende des Tages sein Fasten bricht und zum anderen, wenn er seinem Herrn begegnet.

Die Muslime fasten für Allah und Allahs sagte in einem Hadith Qudsi: „Das Fasten ist für mich.“ Es ist also eine spezielle Form der Anbetung, die Allah für Sich beansprucht. Und Er sagt weiter: „Ich werde die Belohnung dafür geben.“

Das Fasten kann nicht von außen beobachtet werden. Nur der Fastende selbst und Allah wissen davon und so gibt es keine Grundlage für Rija – für das Angeben. Was am ‚Id geschieht ist die Umkehrung der gesamten Sache nach außen. Die Freude wird in den Menschen sichtbar und sie kommen zusammen. Normalerweise wird das besondere Feiertagsgebet in einer Musalla, einem Ort außerhalb der Stadt, verrichtet, in der alle Platz finden. Der ‚Id ist ein Augenblick der Vereinigung nach dieser Zeit der Enthaltsamkeit.

Islamische Zeitung: Sie haben umfangreich die muslimische Welt bereist. Was ist der Unterschied zwischen den Muslimen Europas auf der einen Seite und denen im Nahen Osten, wie sie den Ramadan praktizieren?

Dr. Asadullah Yate: Offenkundig fastet nur ein Teil der Bevölkerung in Europa. Und so findet sich hier eine andere Atmosphäre, wenn man die Geschäfte und Straßen betritt und die Mehrheit der Menschen nicht fastet. Dies hat eine Auswirkung auf den persönlichen Zustand. Man ist sich offenkundig bewusst, dass nur die anderen Muslime fasten.

In der traditionell muslimischen Welt geschieht der Ramadan jedoch als gemeinschaftliches Ereignis. Und so wird wegen der Macht des Fastens der Ruhani-Aspekt der Menschen geweckt und sie dadurch gestärkt. Dadurch wird der Din des Islam belebt und mit ihm die Menschen.

Wir wissen vom Propheten, dass die Teufel während des Ramadans in Ketten gelegt sind und die besten Eigenschaften der Menschen zu Tage treten. Dies ist in Europa nicht immer der Fall, denn wir werden uns des Unterschieds zwischen Fastenden und Nichtfastenden bewusst. Allerdings gibt uns dies natürlich die Möglichkeit, jenen Menschen, die keine Muslime sind, das große Geschenk des Ramadans zu erklären. Wir können sie zum Fastenbrechen einladen und mit ihnen das Licht teilen, dass Allah uns gegeben hat.

Islamische Zeitung: Vielen Dank für das Gespräch.

Der Segen ist mit der Gemeinschaft

(iz). Wenn der Herr der Welten die Menschen in Seinem Qur’an anspricht, dann tut Er dies ­– mit Ausnahme Seines Propheten – immer im Plural. Entweder werden die Menschen, oder ein bestimmtes Volk – wie das Volk von Musa (Moses) – von Allah angeredet, oder beispielsweise die Gläubigen als eine Kategorie adressiert. Dies ist einer (von vielen) der Mosaiksteine, die den gemeinschaftlichen Charakter der islamischen Lebensweise ausmachen.

Sichtbar gemacht wurde dieses Ansprechen des Menschen als soziale Wirklichkeit durch den Propheten und seine Gemeinschaft in Medina. Die von ihm empfangene und überbrachte Botschaft wurde nicht in ein ideologisches Gebäude eingegossen, sondern augenblicklich in eine soziale Realität unter Göttlicher Anleitung verwandelt. So gibt es eine ­ganze Vielzahl von Anlässen zur Offenbarung bestimmter Qur’anverse, die auf reale Be­gebenheiten Bezug nehmen. Gleichermaßen wurde der Qur’an nicht als „Buch“ im herkömmlichen Sinne offen­bart. Seinen Platz fand er nicht zwischen den Seiten eines solchen, sondern in den menschlichen Herzen.

Es gibt im Islam sehr wohl ein fein austariertes Gleichgewicht zwischen dem Individuum und der Gemeinschaft, zwischen intimen und sozialen Momenten. Auch wenn platte Totalitarismustheorien in diesen Tagen gelegentlich Muslimen eine kollektive Neurose andichten wollen, beziehungsweise ihnen das individuelle Urteilsvermögen abzusprechen versuchen, widerlegen die islamischen Grundprinzipien diese Art der platten Religionskritik.

Es ist vielmehr ein Wechselspiel zwischen den beiden Polen Individuum und Gemeinschaft. Wir haben alle unser eigenes Schicksal und müssen uns am Tage des Gerichts für unsere Lebensführung rechtfertigen. Eine jeweilige Gruppenzugehörigkeit bildet da keinen Schutz. Wenn wir in Gemeinschaft (siehe S. 4) beten, dann hat dies (bei den Pflichtgebeten) bekanntermaßen einen wesentlich höheren Wert. Nichtsdestotrotz sind es aber wir, und nicht die Frau/der Mann neben uns, die/der in diesem Augenblick vor ihrem/seinem Herrn steht.

Eine der Hauptabsichten der Gemeinschaft der Muslime, die nichts mit den Zwangskollektiven des 20. Jahrhunderts gemein hat, ist es vielmehr, erst einmal den äußeren Rahmen zu stellen, in dem überhaupt eine wirkliche, individuelle Nähe zu Allah angestrebt wird. In dem Sinne braucht es die/den Andere/n und die daraus entstehende soziale Form, in der echte Spiritualität, wenn sie nicht im Supermarkt der Esoterik enden will, sich überhaupt erst ereignen kann.

Über die leidigen Bauprobleme hinaus: Was ein muslimisches Gebetshaus ist und was nicht. Von Wolf D. Ahmed Aries

(iz). Wer immer in diesem Lande über Religion diskutiert, der muss die historisch gewachsenen Begriffe der christlichen Theologie benutzen. Dabei ist es gleichgültig, ob sie für die Gläubigkeit des Sprechers […]

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Kommentar: Frankreich fliegt und diskutiert. Deutschland gewinnt und vergleicht. Von Morad Bouras, Bielefeld

(iz). Vor zwölf Jahren gewann Frankreich die Fußball-Weltmeisterschaft, zwei Jahre später die Europameisterschaft. Das Team bestand überwiegend aus Spielern, die aus ehemaligen Kolonien stammen. Das Land war stolz. Eine gelungene […]

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Europas Muslime und der Ramadan: Fragen an einen Imam und Übersetzer

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Europas Muslime und der Ramadan: Der britische Imam Dr. Asadullah Yate zur Frage, wie der Fastenmonat hier ausgeprägt ist.

(iz). Obwohl wir täglich in sämtlichen Medien mit „dem Islam“ konfrontiert werden, stoßen nur die wenigsten bis zu dessen spirituellem Kern vor. Dabei bietet auch der diesjähriger Ramadan nicht nur eine erneute Möglichkeit zur Begegnung mit Muslimen, sondern auch, etwas über den zeitlosen Gehalt ihrer religiösen Lebensweise zu erfahren.

Aus diesem Anlass befragten wir den Lehrer, Imam und Übersetzer Dr. Asadullah Yate über die verschiedenen wichtigen Aspekte des Fastenmonats.

„Zeit des Wandels und der Ausnahme“

Islamische Zeitung: Wir Muslime sagen immer, dass der Ramadan die besten Zeit des Jahres sei. Wir freuen uns auf sie und sind traurig, wenn sie vorüber ist. Für einen nichtmuslimischen Außenseiter mag es seltsam erscheinen, eine gute Zeit zu haben, wenn man weder essen oder trinken kann beziehungsweise sich der anderen erlaubten Dinge des Lebens erfreuen darf. Wie kann dies eine wunderbare Zeit sein?

Dr. Asadullah Yate: Es handelt sich um eine Zeit des Wandels und der Ausnahme. Vor allem und zuerst handelt es sich beim Ramadan um eine erschütternde Phase. Der Fastenmonat verändert das normale Verhaltensmuster des Lebens, was wiederum eine Veränderung im reglementierten Alltag von Essen und Schlafen nach sich zieht.

Die Unterbrechung unserer Routine erweckt die spirituelle Seite des Herzens. Das Herz erwacht, weil wir weniger essen und schlafen. Dies führt natürlicherweise zur Belebung der anderen Wirklichkeit des menschlichen Selbst [der Nafs] und des Herzens. Aus diesem Grund wird man spiritueller. Das Wort „Tarawwih“ [der Name des besonderen Gebets, dass in der Nacht verrichtet wird] bedeutet wörtlich „spirituell werden“. Die Bedeutung des Tarawwih leitet sich von „Ruh“ [Geist] ab.

Aus diesem Grund ist der Ramadan die Zeit der besonderen Zustände und der Freude.

„Seit den Tagen Adams“

Islamische Zeitung: Sicherlich kennen die meisten Muslime die relevanten Verse des Qur’an im Zusammenhang mit dem Ramadan. Könnten sie uns kurz einen Überblick verschaffen?

Dr. Asadullah Yate: In der Sure Al-Baqara [Vers 183 ff.] sagt Allah, dass das Fasten uns in dem gleichen Maße vorgeschrieben wurde, wie für jene Völker, die vor uns kamen. In anderen Worten: Das Fasten ist seit den Tagen Adams immer ein Teil der menschlichen Realität gewesen. Es ist keine Praxis, die nur auf die Muslime beschränkt ist.

Und Allah sagt in einem Vers, dass es uns vorgeschrieben sei, dass wir im Monat Ramadan fasten müssen. Es gibt natürlich Ausnahme für jene, die reisen oder krank sind. Jene Gruppen müssen in diesen Zuständen nicht reisen und die ausgelassenen Tage später nachholen.

An zwei Stellen dieser qur’anischen Verse erwähnt Er auch Regeln, die aufgehoben wurden. Diese betreffen jene historische Phase, in der die Muslime entscheiden konnten, ob sie fasten oder nicht. Wenn sie dies nicht taten, mussten sie eine Fiyja bezahlen.

Aber Allah hat mit jenen Versen in der Sure Al-Baqara nun diese Möglichkeit aufgehoben und uns gesagt, dass wir fasten müssen, wenn wir ansässig sind. Mit anderen Worten, wenn wir weder reisen oder krank sind.

An einer anderen Stelle dieser Gruppe qur’anischer Verse erlaubt Allah, dass die Muslime nun Geschlechtsverkehr während der gesamten Nacht haben können. Denn zu Beginn des Islam war es ihnen nur erlaubt, sich ihren Eheleuten bis zur Zeit des Nachtgebets zu nähern. Und so finden wir in Zusammenhang mit dem Ramadan zwei Gelegenheiten, bei denen eine frühere Praxis des Islam durch eine spätere aufgehoben wurde.

Palästinensische „Musaharatis“ schlagen Trommeln, während sie am ersten Abend des Ramadan ihre Runde drehen. (Shutterstock)

Islamische Zeitung: Ich habe von verschiedenen Phasen des Ramadans gehört und jede einzelne soll für ein bestimmtes Element des Fastenmonats stehen. Könnten sie uns diese kurz beschreiben?

Dr. Asadullah Yate: Der Gesandte Allahs sagte, dass der erste Teil des Ramadans, die ersten zehn Tage, Gnade oder Rahma ist. Der zweite Teil, seine Mitte – die Maghfira – ist die Vergebung, in der dem Diener Allahs alle falschen Handlungen verziehen werden. Und der dritte Teil ist die Freiheit, der Schutz vor dem [Höllen]Feuer.

Wir wissen von einer anderen prophetischen Überlieferung, dass jemandem, der den Ramadan „Imaman“ (mit vollem Vertrauen auf Allah) und „Ihtisaban“ (voll bewusst) fastet, seine Zunge hütet und sich offensichtlich von allen Dingen fern hält, die es zu vermeiden gilt, die falschen Handlungen vergeben werden. Man ist dann am Feiertag zum Ende des Ramadans wie ein neugeborener Säugling.

Die Nacht der Macht

Islamische Zeitung: Für die Muslime ist die „Nacht der Macht“ (Lailatul Qadr) der Höhepunkt des Fastenmonats. Warum ist dies eine besondere Zeit und was bedeutet sie für die Muslime?

Dr. Asadullah Yate: Diese Nacht ist der enorme Augenblick, in dem Allah der Qur’an auf einmal herab sandte. Wir wissen natürlich, dass der Qur’an in einer langjährigen Periode offenbart wurden, wenn der Prophet Rechtleitung benötigte, um zu wissen, was er in einer bestimmten Lage zu tun hatte. Aber er wurde auch in einem Durchgang herab gesandt – in dieser Nacht der Macht (Qadr). Die Nacht ist eine Offenbarung der Macht Allahs.

Qadr bedeutet aber Maß oder Bestimmung. Es ist die Nacht, in der Allah die Ereignisse des kommenden Jahres bestimmt. Der Prophet hat uns angewiesen, nach ihr in den letzten zehn Tagen des Ramadans Ausschau zu halten.

Dann hatte er diese Anweisung weiter eingegrenzt und gesagt, wir sollten nach ihr in den ungeraden Nächten suchen. Und schließlich gab der Gesandte Allahs eine noch genauerer Bestimmung, als er sagte, dass es sich dabei um die 27. Nacht handelt.

Wir haben unterschiedliche Überlieferungen, von denen keine absolut bestimmend ist. Der Gesandte Allahs wies uns an, wir sollten nach dieser Nacht „suchen“. Manche sind der Ansicht, dass sich die Nacht der Macht während des gesamten Ramadans finden lasse. Aber die wahrscheinlichsten Hinweise finden sich bezüglich der letzten zehn Tage des Ramadans und bezüglich des 27. Ramadan.

Foto: puijslab, Shutterstock

Die Lailatul Qadr ist die Nacht, in der wir daran erinnert werden, dass der Qur’an offenbart wurde. Wir wissen von einer anderen Überlieferung, dass es die Nacht der Stille ist. Dabei handelt es sich um einen Augenblick, in welcher die Belohnung von Allah endlos vergrößert wird. Für jedes Gebet während dieser Nacht, im Tarawih oder danach, gibt es eine besondere Belohnung.

Der Prophet hatte es uns ebenfalls empfohlen, in den letzten zehn Tagen des Ramadans I’tikaaf zu machen. Das heißt, sich in die Moschee zurückzuziehen und von der auswärtigen Welt abschneiden.

Islamische Zeitung: Nur wenige Tag nach der Lailatul Qadr kommt das Fest des ‘Id, welches das Ende des Ramadans markiert. Was ist die soziale Bedeutung des ‘Ids für die Muslime?

Dr. Asadullah Yate: Natürlich ist der ‘Id eine Zeit der enormen Freude, in der die Enthaltsamkeit plötzlich in eine Feier verwandelt wird, zu der alle zusammenkommen. Der Gesandte Allahs sagte, dass es zwei Freuden für den Fastenden gibt. Zum einen, wenn er am Ende des Tages sein Fasten bricht und zum anderen, wenn er seinem Herrn begegnet.

Die Muslime fasten für Allah und Allahs sagte in einem Hadith Qudsi: „Das Fasten ist für mich.“ Es ist also eine spezielle Form der Anbetung, die Allah für Sich beansprucht. Und Er sagt weiter: „Ich werde die Belohnung dafür geben.“

Das Fasten kann nicht von außen beobachtet werden. Nur der Fastende selbst und Allah wissen davon und so gibt es keine Grundlage für Rija – für das Angeben. Was am ‘Id geschieht ist die Umkehrung der gesamten Sache nach außen. Die Freude wird in den Menschen sichtbar und sie kommen zusammen. Normalerweise wird das besondere Feiertagsgebet in einer Musalla, einem Ort außerhalb der Stadt, verrichtet, in der alle Platz finden. Der ‘Id ist ein Augenblick der Vereinigung nach dieser Zeit der Enthaltsamkeit.

gemeinschaft muslime

Foto: Imago | tagesspiegel

Was Ramadan in Europa auszeichnet

Islamische Zeitung: Sie haben umfangreich die muslimische Welt bereist. Was ist der Unterschied zwischen den Muslimen Europas auf der einen Seite und denen im Nahen Osten, wie sie den Ramadan praktizieren?

Dr. Asadullah Yate: Offenkundig fastet nur ein Teil der Bevölkerung in Europa. Und so findet sich hier eine andere Atmosphäre, wenn man die Geschäfte und Straßen betritt und die Mehrheit der Menschen nicht fastet. Dies hat eine Auswirkung auf den persönlichen Zustand. Man ist sich offenkundig bewusst, dass nur die anderen Muslime fasten.

In der traditionell muslimischen Welt geschieht der Ramadan jedoch als gemeinschaftliches Ereignis. Und so wird wegen der Macht des Fastens der Ruhani-Aspekt der Menschen geweckt und sie dadurch gestärkt. Dadurch wird der Din des Islam belebt und mit ihm die Menschen.

Wir wissen vom Propheten, dass die Teufel während des Ramadans in Ketten gelegt sind und die besten Eigenschaften der Menschen zu Tage treten. Dies ist in Europa nicht immer der Fall, denn wir werden uns des Unterschieds zwischen Fastenden und Nichtfastenden bewusst.

Allerdings gibt uns dies natürlich die Möglichkeit, jenen Menschen, die keine Muslime sind, das große Geschenk des Ramadans zu erklären. Wir können sie zum Fastenbrechen einladen und mit ihnen das Licht teilen, dass Allah uns gegeben hat.

Islamische Zeitung: Vielen Dank für das Gespräch.

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