Themenschwerpunkt "Islamic Finance": Die IZ-Reihe über den Alltag der Muslime. Von Sulaiman Wilms

(iz). Das Interessante am Publicity-Rummel ist, dass alle ihn ernst nehmen, auch wenn sich am Ende nichts ereignet. Ein Geschmack vom Verhältnis zwischen Hype und Realität konnten Deutschlands Muslime in den letzten Jahren in Sachen Halal-Lebensmittel machen. Obwohl angesagte Branding-Firmen wie der US-Riese Ogil­vy gar, die auf Muslime spezialisierte Tochterfirma Ogilvy-Noor gründete, und eine globale Halal-Konferenz die nächste jagt, ist von dem Trend beim deutschen Verbraucher nichts zu spüren.

Das soll nicht heißen, dass so mancher Branchenriese der Industrie nicht mit „Halal-“Industrieprodukten horrende Gewinne einfahren würde, aber der Hype hat sich noch nicht einmal in den Produktregalen der tristen Lebensmitteldiscounter niedergeschlagen. Zu verängstigt reagierte bisher die Führung des deutschen Einzelhandels.

Genauso verhält es sich „am Boden“ mit dem sagenumwobenen „Islamic Banking“ beziehungsweise dem Zweig der Finanzindustrie, der auf den muslimischen Endverbraucher abzielen soll. Anders als in Großbritannien – einem Zentrum der globalen Finanzindustrie – lässt der Antrag einer türkischen Bank auf die Erteilung einer Vollbanklizenz durch die deutsche Aufsichtsbehörde BaFin seit einiger Zeit auf sich warten.

Bisher sieht es mau aus
Sehen wir vom PR-Rummel und der oft wiederholten Beteuerung ab, backt das so genannte „Islamische Finanzwesen“ hier seit Jahren eher kleine Brötchen. Von der Handvoll unabhängiger Finanzdienstleister und Agenturen, die zumeist als Zwischeninstanzen für so genannte „scharia-kompatible Anlageformen“ beziehungsweise konventionelle Modelle – wie Edelmetalldepots, die mit dem islamischen Recht vereinbar sind – werben, geht es daheim eher ruhig und beschaulich zu. Diese Vermittlungsfirmen, deren Hauptgeschäft aus Provisionen besteht, finden ihre Kundschaft oft auf Veranstaltungen von Muslimen, wo sie mit Infoständen und als Sponsoren vertreten sind.

Am mangelnden Interesse von Muslimen, die etwas auf die Hohe Kante legen wollen, oder die auf der Suche nach islam-kompatiblen Kaufverträgen sind, kann es nicht liegen. Seit Jahren ­erhalten wir im Rahmen unserer redaktionellen Arbeit regelmäßige Anfragen von Lesern und Freunden. Diese Fragen sind ­relativ häufig: Was soll ich mit Zinsen machen, die ich für meine Einlage bekommen? Wie kann ich den Kauf meines neuen Autos finanzieren, ohne dafür Zinsen zahlen zu müssen? Wer vermittelt mir Optionen für den Kauf eines Hauses jenseits der konventionellen Möglichkeiten? Bisher fällt es schwer, auf diese Frage eine plausible und befriedigende Antwort zu geben.

Muslimische Verbände begrüßen Entwicklung
Wenn es nach einigen muslimischen Verbänden in Deutschland geht, soll sich das bald ändern. Die Vorlage des britischen Premiers Cameron (siehe S. 17) auf dem diesjährigen World Islamic Economic Forum, London zum führenden Handelsplatz für „islamische Anlageformen“ machen zu wollen, begrüßten der Zentralrat der Muslime und auch der Islamrat den Verstoß. Beide forderten die Bundesregierung auf, die Bedingungen auch in Deutschland für das „Islamic Banking“ vorteilhaft zu gestalten. Ali Kizilkaya, Vorsitzender des Islamrates, erklärte seine Zustimmung: „Es ist erfreulich, dass alternative Wirtschaftsformen gesucht und anerkannt werden.“

Bereits im Mai 2012 forderte der Verantwortliche des Zentralrates der Muslime für die „Islamic Finance“, Michael Saleh Gassner, „mögliche Anbieter auf, die Muslime als Kundensegment wahrzunehmen und das attraktive Potenzial zu nutzen“. Und am 19. Januar 2013 beschäftigte sich die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG) auf einer „hochkarätig besetzten Veranstaltung“ (so die Frankfurter Rundschau) mit „dem Islamischen Bankwesen“. Der ­Zentralrat wurde bereits vor geraumer Zeit selbst Akteur in der Debatte um die „Islamic Finance“. So half er der Westdeutschen Landesbank (WestLB) bei der „Zertifizierung“ eines „risikoreduzierten Investments in die zehn größten islamkonformen Unternehmen Deutschlands“.

Kritik vom Experten
Konträre Meinungen zur „Islamic Finance“ kommen in den Stellungnahmen und Events muslimischer Organisationen und auf akademischen Veranstaltun­gen (für Anfang 2014 ist ein Symposium an der Universität Osnabrück vorge­sehen) bisher nicht vor, obwohl diese eigentlich auf einer qualifizierten Ebene zu finden sind.

Ein muslimischer Jurist und Fachmann, der ungenannt bleiben wollte, sprach von seinen großen Zweifeln bezüglich der geplanten Anleihe von London. „Grundsätzlich würde ich diese Anleihe wie jede andere einschätzen. Komplizierend kommt hinzu, dass sie als ‘islamisch’ bezeichnet wird und die Frage, wie die muslimische Community darauf reagieren wird. Dies alles löst weitere Beobachtungen aus: a.) unser Umgang als Gemeinschaft mit Banking als solche, b.) unsere Einstellung zu Wirtschaftsethik, Armutsfragen und natürlich auch zum Kapitalismus“, beschreibt der international aktive Fachmann das britische Vorhaben, welches in Deutschland ein solch positives Feedback erhielt.

Das Projekt dürfte die Form von Sukuk annehmen. Wahrscheinlich werde die Einkommenssumme am LIBOR [tagesabgängiger Interbanken-Zinssatz] „gefixt“ und es dürfte auch eine Auffangklause geben, wenn bestimmte Rückfluss­summen wegen des gefixten LIBOR-Tatbestands nicht erfüllt würden. „So wird im Prinzip ein fixierter Rückfluss erzeugt. Das ist dann identisch mit ­einem Zinssatz. Auch wenn ich die Einzelheiten nicht kenne, ist dies der Regelfall. Es würde mich wundern, wenn sie jetzt ein neues, revolutionäres Produkt einführen würden“, war seine ernüchternde Einschätzung.

Die Zweifel wachsen
„Grundsätzlich ist mein Problem mit dem ‘Islamic Banking’, dass das, was ‘scharia-konform’ genannt wird, überwiegend von Gelehrten besiegelt wird, die auch von diesen Banken bezahlt werden. Jeder Anwalt kann eine Meinung äußern. Nur ein Richter kann entscheiden, ob diese Ansicht etwas taugt oder nicht. Leider haben wir, soweit es ­Fatwas betrifft, kein Gericht in der Welt, dass autorativ entscheiden könnte, ob eine bestimmte islamische Meinung scharia-konform ist oder nicht“, ist der grundle­gende Zweifel unseres Gesprächspartners.

Die öffentliche Positivität muslimischer Organisationen gegenüber dem Vorschlag Camerons sei für ihn ein „Wer­begag“. „Die Verbände haben nicht das notwendige Know-how beziehungsweise nicht die nötige, diversifizierte Meinung. Sie folgen einer Schule zu Unguns­ten einer anderen und werden wahrscheinlich einseitig beraten“, lautet ­seine Kritik. Er bedauere, dass die hörbaren muslimischen Stimmen „nicht bankkritischer“ seien.

Außerdem werde übersehen, dass das Ziel gar nicht „Ali“ und „Fatima“ in Deutschland seien, sondern die großen Bestände „an Liquidität am Golf und in Asien“. Indien alleine verfüge über 400 Millionen Muslime. Da reiche „nur ein kleiner Anteil“.

Ganz konkret sind weitere Zweifel an „Islamischen Banken“ angebracht. Jeder Rechtsanwalt oder Ökonom wird auch in einigen modernen Finanzprodukten „islamischer Banken“ schnell den einen oder anderen Taschenspielertrick erkennen. Dazu gehört die Umwertung der Murabaha-Verträge (s.u.), die einen großen Platz in der „Islamic Finance“ einnehmen.

„Islamische Anleihe“: Hintergrundgespräch mit dem muslimischen Finanzfachmann Tarek El Diwany

(iz). Der Historiker Leopold von Ranke meinte, dass der Untergang des Römi­schen Reiches an den Verfall seiner Währung gebunden war. Und dabei ging es „nur“ um die Verschlechterung des Edelmetallgehaltes der Münzen. Heute operieren wir mit Tausch- und Zahlungsmitteln, die keinen innewoh­nenden Wert besitzen und deren Mengen gleichermaßen regelmäßig exponentiell steigen.

Während sich immer mehr Menschen gerade auch im Westen um die Beschaffenheit unseres Geldsystems sorgen und nach tragfähigen Alternativen rufen, denken viele Muslime weltweit immer noch kontrazyklisch. Sie setzen auf eine Integration muslimischer Modelle in das bestehende Finanzsystem und seiner Instrumente. Es erwies sich spätestens seit Beginn der Krise 2008 als unhaltbar. machte die Ankündigung des britischen Premierministers Cameron auf dem World Islamic Economic Forum von sich Reden, London neben Dubai zum weltweit führenden „islamischen Finanzzentrum“ zu machen. Der erste Schritt dabei soll eine so genannte „islamische Anleihe“ in Höhe von 200 Millionen Pfund auf Immobilien­besitz der britischen Regierung sein. Einige muslimische Verbände in Deutschland begrüßten die Pläne einhellig und forderten ihre Einführung auch in Deutschland.

Die IZ sprach mit dem muslimischen Finanzexperten Tarek El Diwany über diese Anleihen, ihre Struktur und warum eine „Islamisierung“ des Weltfinanzsystems konzeptionell und rechtlich nicht möglich ist.

Islamische Zeitung: Jüngst ­kün­digte die britische Regierung die Schaffung einer „islamischen Anleihe“ an der Londoner Börse an. Nachdem Sie von den Plänen hörten, glauben Sie, dass diese Anleihen zu Recht mit der Bezeichnung „islamisch“ versehen werden können?

Tarek El Diwany: Nein. Wir müssen auf die Ergebnisse der rechtlichen Konstruktion schauen, die wir bei jedem finan­ziellen Instrument nutzen. Einige sind der Ansicht, dass, solange die Regeln korrekt identifiziert und angewandt sind, wir uns dann nicht um die Ergebnisse zu kümmern bräuchten.

Ich denke, dass das eine gefährliche Behauptung ist, denn rechtliche Regeln können strukturell so genutzt werden, dass sie am Ende zu verbotenen Ergebnis­sen führen; selbst wenn die Regeln auf der Oberfläche korrekt erscheinen mögen. Ein Beispiel dafür wäre, wenn ich Ihnen ein zinsloses Darlehen geben würde und Sie mir ein Geschenk versprechen, wenn Sie das Darlehen zurückzahlen. Man kann mit Bestimmtheit sagen, dass zinslose Darlehen, Geschenke und Versprechen in der Scharia erlaubt sind. Aber wenn man die drei kombiniert, dann hat man offenkundig ein verzinstes Darlehen geschaffen.

Das wird als „Hila“ (Rechtskniff) bezeichnet. Die Gelehrten wissen, dass diese Kniffe existieren und sie beurteilen einen solchen nach seinem Ergebnis. Wenn wir diese „islamische Anleihe“ betrachten, dann ist das Ergebnisse der rechtlichen Komponenten ein Haufen Geldflüsse, der das gleiche ist wie eine verzinste Anleihe.

Daher glaube ich nicht, dass wir diese Technik benutzten sollten. Wir brauchen Techniken, die auf traditionellen Interpretationen des islamischen Rechts beruhen – und kein neues Recht für uns schaffen, nur um Finanzinstrumente zu kreieren, die bei Banken, Regierungen oder bestimmten muslimischen Geschäftsleuten beliebt sind.

Islamische Zeitung: Eine Anleihe – ob konventionell oder „islamisch“ – bedeutet doch, dass ich einer Institution Geld leihe, die eine feste Gewinn­summe verspricht? Ist das nicht das gleiche wie ein verabredeter Zinssatz?

Tarek El Diwany: Ja. Die Art und Weise, wie diese „islamischen Anleihen“ funktionieren – und wie es auch hier ziemlich sicher ablaufen dürfte –, ist, dass die britische Regierung den Investoren in die Anleihe Immobilien mit Hilfe eines Mittelsmannes – entweder einer Firma oder einem Fonds – verkaufen wird. Umgehend wird sie das Gebäude von den Investoren für 10 oder 20 Jahre anmie­ten. Diese Periode wird dann die Laufzeit der Anleihe sein. Am Ende der Frist wird die Regierung dann die Immo­bilie von den Investoren zum gleichen Preis zurückkaufen.

Die Investoren geben eine Summe in Höhe von X Pfund, die sie am Ende zurückerhalten. In der Zwischenzeit nehmen sie Miete(n) ein. Diese wird/werden an den Zinssatz der Bank of England gebunden sein … (lacht) … und jetzt haben wir etwas, das sehr wie eine verzinste Anlage aussieht.

Ich glaube, dass wir als Muslime mehr anzubieten haben als das. Wir sollten den Menschen zeigen, wie man ohne Schulden leben kann. Diese haben weltweit in den letzten hunderten Jahren zu vielen Problemen geführt. Wir haben den Zugang, der es den Menschen ermöglicht, schuldenfrei zu leben. Wir sollten die rechtlichen Komponenten wie echte Part­nerschaften (Muscharaka) und wirkliches Leasing (Idschara) benutzen, die entweder gar keine oder kaum Schulden beinhalten. Dann würden die Menschen auf unser Rechts- und Finanzsystem schauen und wesentlich mehr Respekt dafür haben.

Islamische Zeitung: Ist es nicht riskant, Menschen zur Investition in ein Land zu animieren, das so hoch verschuldet ist wie Großbritannien?

Tarek El Diwany: Nun gut, auf eine Weise stimmt das wegen der Möglichkeit der Inflation schon. Die Regierung ist so sehr verschuldet, dass ihr ­langfristig keine Alternative zur Inflation bleiben wird. Dies wird den wirklichen Wert der Schuld reduzieren.

Was die Höhe der Anleihe betrifft, so kann die Regierung diese Summe zu einem späteren Zeitpunkt schaffen, indem sie neues Geld druckt und damit die Schulden bezahlt. Ich glaube nicht, dass es dabei ein Risiko für ein Scheitern geben wird, die Summe der Anleihe nach zehn Jahren zurückzuzahlen.

Die spannende Frage wird aber sein, wie viel diese 200 Millionen Pfund nach zehn Jahren noch wert sein werden. Bei einer hohen Inflation wird diese Summe nicht mehr den gleichen Wert haben wie heute.

Islamische Zeitung: Gelegentlich wundert man sich, warum muslimische Organisationen in Europa so sehr auf dieses Pferd setzen. Es ist doch offenkundig auf die kapitalreichen Länder am Golf oder in Südostasien ausgerichtet. Ist solch ein Angebot überhaupt interessant für Muslime in Europa?

Tarek El Diwany: Wenn Muslime in Europa das Spiel der verzinsten Kreditaufnahme spielen wollen, um dann zu investieren, so kann ich sagen: Viele Menschen im Westen wurden dadurch sehr reich. Wenn ich Geld zu einem halben Prozent leihen kann – was für viele Banken gilt – und es dann den Kunden – beispielsweise auf einer Kreditkarte oder bei einem Dispokredit – zu zehn Prozent weiter verleihe, dann kann ich sehr schnell sehr reich werden. Angesichts dessen kann ich nachvollziehen, warum einige Muslime Banken gründen wollen. Und ich kann sehen, warum einige Muslime zu geringen Zinssätzen Geld leihen wollen, um damit Immobilien zu kaufen, deren Preise derzeit in die Höhe schießen. In London sind das beispielsweise zwanzig Prozent über ein Jahr.

Es gibt viele betriebswirtschaftliche Gründe, warum Geschäftsleute ein System haben wollen, dass dem ­Zinssystem vergleichbar wäre. Sie werden die musli­mischen Gelehrten dazu veranlassen, es in Begriffen der Scharia zu ermöglichen. Wenn aber ihre Entscheidung auf dem islamischen Recht basieren, und nicht auf dem eigenen Profitinteresse, dann wäre nichts davon möglich.

Eigentlich kann es so etwas wie eine „Islamische Bank“ gar nicht geben. Banken schaffen im Wesentlichen Geld aus dem Nichts und verleihen es dann ­gegen Zinsen. Beide Dinge sind im islamischen Recht vollkommen untersagt. Es ist absolut unmöglich, dies „islamisch“ zu machen – gleiches kann man ja auch nicht mit Roulette oder Glücksspiel tun.

Wenn wir bei unseren traditionellen Ideen bleiben würden, können wir ande­re Vorgehensweisen hervorbringen. Wir könnten beispielsweise ein Elektrizitätswerk bauen und die Investoren hätten die Hälfte des Stroms und könnten die andere aufgrund einer Gewinnbeteiligung verkaufen. Sinken die ­Strompreise, bekommen wir nicht so viel. Wenn sie steigen, bekommen wir viel. Wir könnten Straßen bauen, für diese eine Maut erheben und den Gewinn teilen. Diese Art der Risikoteilung ohne Schulden wäre für viele Leute und Regierungen sehr attraktiv.

Wir haben ihnen dieses aber niemals angeboten. Keine islamische Bank oder Finanzorganisation hat dieses Modell wirklich vorangetrieben – weder in der muslimischen, noch in der nichtmuslimischen Welt. Wir müssen anfangen, richtig nach zu denken über das, was wir tun wollen.

Ich befürchte, dass wir noch einen langen Weg vor uns haben werden.

Islamische Zeitung: Lieber Tarek El Diwany, vielen Dank für das Gespräch.

Webseite von Tarel El Diwany: islamic-finance.com

Hintergrund: zwischen den Schatten der Vergangenheit und aktuellen Problemen

Es dürfte inzwischen bekannt sein, dass das Zinsverbot eine Art kategorischer Imperativ der islamischen Offenbarung ist. Unzählige Verweise in Quellen und Rechtsbüchern ordnen den Zins als destruktiv ein und erklären in vielen Details das Verbot. Hierbei geht es nicht nur um Wucher (der extremsten Form der Zinsnahme), sondern um den Zins an sich. Darüber hinaus umfasst der islamische Begriff „Riba“ mehr Elemente als nur den klassischen Zins. Auch hier gibt es ­zahlreiche aktuelle Bezüge, wie das im Islam gängige Verbot von Derivaten.

Es gibt auf der anderen Seite einen Trend in der islamischen Welt, das Verbot zu relativieren; sei es, weil es nicht „modern“ erscheint oder weil man das islamische Wirtschaftsrecht insgesamt nicht mehr anwendet. Selbstredend verfügen alle muslimischen Staaten ausnahmslos über Notenbanken und ein gut ausgebautes Bankwesen nach westlichem Vorbild. Allerdings deutet sich in den letzten Jahren – namentlich seit dem Beginn der Finanzkrise – auch im Denken der Muslime eine Trendwende an. ­Viele schlagen unter dem Eindruck des drohenden Kollapses der Zinswirtschaft wieder ihre Rechtsbücher auf und studieren die Alternativen und Möglichkeiten einer islamischen Wirtschaftsordnung. Der Blick schärft sich also wieder, die Umgehung des Zinsverbotes in den Bankgeschäften fällt auf oder zumindest werden die zahlreichen Widersprüche klarer wahrgenommen. Überhaupt verbreitet sich eine Skepsis, ob Banken, die heute das Zinsgeschäft strukturell betreiben, überhaupt „islamisiert“ werden können.

Natürlich stellt sich auch Muslimen die Frage, ob das Zinsverbot heute noch aktuell sein kann oder, ob es nur Teil einer Utopie ist; im Sinne der ­Vorstellung einer heilen Welt, die eben so nicht mehr existieren kann. Dieser Gedanke wird unterstützt durch die Erfahrung, dass auch die anderen Religionen – das Christentum und Judentum – das Zinsverbot nur im Mittelalter ernst nahmen und sich dann langsam davon abwandten. Für Muslime ist das Zinsverbot aber nach wie vor eine zentrale Fragestellung. Schon Maulana Rumi warnte vor einer Einstellung, die behauptet, dass eine „Halal-Wirtschaft“ nicht mehr möglich sei. Der Gläubige wird hier nicht einfach aufgeben, sondern fragen: Wie kann etwas unmöglich sein – also ein Leben ohne Zins – wenn doch die Offenbarung so eindeutig Abstand von dieser Praxis nimmt?

Es ist klar, dass der Zins heute allgegenwärtig ist, nicht nur in der nicht-islamischen Welt, sondern auch in der muslimischen Welt. Das Gebot, dass der Schöpfer die Zinsnahme verbietet und den Handel erlaubt, hat sich heute im globalen Maßstab gedreht. Es beherrschen Monopole den Markt, insbesondere den Geldmarkt. Auch ­Zinsgeschäfte werden heute vor allem von Banken organisiert. Wer Geld leihen möchte, geht heute zur Bank, nicht etwa zu seinem Nachbarn. Er bezahlt dann für die Nutzung des zur Verfügung gestellten Kapi­tals eine Zinsrate, eine Prämie, oder wie es in der Praxis mancher „islamischer“ Bankgeschäfte heißt, eine „Gebühr“. Man vergisst auch, dass schon der Begründer der europäischen Politikwissenschaften, Aristoteles, die Frage nach dem Zins stellte. In seiner „Politea“ heißt es: „Das Geld ist für den Tausch entstan­den, der Zins weist ihm aber die Bestim­mung an, sich selbst zu vermehren. daher widerstreitet diese Erwerbsweise unter allen am meisten dem Naturrecht.“ Bevor sich also das Zinsverbot mit der Religionspraxis vermischt, hat es schon die europäische Vernunft beschäftigt. Eine Denktraditon, die man am Leben halten sollte.

In Deutschland werden Zinsgeschäfte kaum noch grundsätzlich hinterfragt, sondern mehrheitlich im Kontext von übertrieben hohen Zinsen problematisiert. Im Bürgerlichen Gesetzbuch wird im §138 das „Wuchergeschäft“ erwähnt und als Rechtsgeschäft definiert, dass gegen die guten Sitten verstößt. In der Praxis geht es meist um eher seltene Fälle individueller Geldgeschäfte, die auf der betrügerischen Ausbeutung oder Ausnut­zung von Notlagen beruhen. Es gibt aber auch auf einer anderen Ebene Ärger mit den Zinsraten: Sie werden oft manipuliert und sind zudem zwischen den Banken abgesprochen. „Nach allem, was in den letzten Jahren passiert ist”, schreibt der Autor des Buches „Alles Gold der Welt“, Daniel Eckert, in Anspielung auf den Libor-Skandal, „will man nicht mehr glauben, dass der Zins der Marktpreis des Geldes ist“.

In diesen Tagen wurde eine Studie der „Stiftung Warentest” publik, die überhöhte Zinsen, so genannte „Dispozinsen“, die Banken bei einer Überziehung des Kontos kassieren, anprangern. Das Wort Wucher oder gute Sitten fällt in diesem Kontext erstaunlicherweise nicht. Im Schnitt verlangen deutsche Banken in diesem Fall 11,31 Prozent Zinsen, obwohl sie sich, zumeist zu einem Zinssatz von momentan 0,5 Prozent, bei der europäischen Zentralbank Geld leihen können. „Bei einem Kreditvolumen für Überziehungskredite von 390 Milliarden“, zitiert die Stiftung den Bundesbankbericht 2013, „spült jeder Prozentpunkt mehr den Banken 390 Millionen Euro in die Kassen“. Die Folgen sind verheerend, denn viele Kunden geraten so in eine Verschuldungsdynamik, der sie kaum mehr Herr werden können. Das Beispiel zeigt aber auch, dass das Zinsproblem heute eine strukturelle Dimension hat und wenig mit dem mittelalterlichen Bild des unfairen Geldverleihers zu tun hat. In unseren Tagen trägt der Zins vielmehr ganz entscheidend zu einer Umverteilung des Wohlstandes ganzer Bevölkerungsschichten bei – und zwar von unten nach oben.

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Spricht man heute über das Zinsverbot, dann schwingen natürlich die alten Bilder mit. Das ist nicht ganz unverständlich. In der Bibel heißt es beispiels­weise mit dunklem Unterton (Deuteronomium 23,20) „Du sollst von deinem Bruder nicht Zinsen nehmen, weder für Geld noch für Speise noch für alles, wofür man Zins nehmen kann“. Im Mittel­alter, mit seiner langsam prosperierenden Wirtschaft, wurde die Zinsnahme zu einer großen Sünde. Papst Urban III (1185) definiert im kanonischen Recht einige Grundregeln: „Wucher ist all das, was bei einem Leihgeschäft über die Leihgabe selbst hinaus verlangt wird“ und „Wucherzins zu nehmen ist eine vom Alten wie vom neuen Testament ­verbotene Sünde“. Diese Feststellungen korrespon­dieren durchaus mit der Lehre Ibn Ruschd, der zeitlebens lehrte, „Wucher sei ungerechtfertigter Zuwachs“.

Es ist wohl das Verdienst von Thomas von Acquin (1225-1274), die Frage nach dem Zins nicht nur als individuellen Sündenfall zu sehen, sondern mit der sehr vernünftigen Frage nach der Gerechtigkeit zu verknüpfen. „Zins nehmen für geborgtes Geld ist an sich ungerecht, denn es wird verkauft, was nicht ist, wodurch ganz offenbar eine Ungleichheit gebildet wird, die der Gerechtigkeit entgegen ist“, schrieb der ­Religionsgelehrte.

In der aktuellen Debatte über den Zins schwingen leider auch immer wieder anti-semitische Ressentiments mit. Ein Mythos – mit verheerenden Folgen – nicht zuletzt wegen abschätziger, ­religiös motivierter Aussagen gegen die Wirtschaftspraktiken von Juden bis hin zu ­einem Text mit dem Titel „Von den ­Juden und ihren Lügen“, den Martin Luther 1543 schrieb. Vorlagen, die der demagogische Volkswirtschaftler Gottfried Feder (1883-1941) in seiner Art der „Wirtschaftspolitik“ gierig aufnimmt und in dumpfen Hassreden gegen die Juden einfließen lässt. Schon aus diesem Grund verbietet sich – jedenfalls bei einer vernünftigen Zinskritik – das üble Wort der „Zinsknechtschaft“, das von der Nazi-Ide­ologie nicht mehr zu trennen ist. Selbstredend waren die Nationalsozialisten an der Zinsfrage selbst weniger interessiert, geschweige denn wurde an eine, die Ermächtigung der Politik einschränkendes Zinsverbot gedacht.

Wer diese geschichtlichen Fakten zur Kenntnis nimmt, wird übrigens mit gemischten Gefühlen auch die aktuelle Debatte verfolgen, die der türkische Ministerpräsidenten Erdogan über die angeblichen Machenschaften einer „Zinslobby“ in der Türkei angestoßen hat. Wer in diesem Tonfall spricht und gleichzeitig in keiner Weise – schon gar nicht aus ökonomischer Überzeugung ein strukturelles Zinsverbot umsetzt – muss sich dem Vorwurf aussetzen, nur an alten, einschlägigen Verschwörungstheorien bauen zu wollen.

Heute hat die Zinsfrage eine ganz andere Dimension. Zinsen werden heute von Muslimen, Juden und Christen genommen, denn sie alle betreiben im Grunde ähnliche Banken und Finanzstrukturen. Die moderne Zinskritik muss sich also mit Geldpolitik beschäftigen, mit Umverteilung, mit Geldmengen und Schuldenbergen, die durch Zins und Zinseszins „exponentiell“ wachsen können.

So beantworten die Ökonomen und Bestsellerautoren Friedrich und Weik in den „Deutschen ­Wirtschaftsnachrichten“ die Frage nach der Modernität der Zinsfrage wie folgt: „Rein mathematisch kommt es bei jedem, auf Zinseszins basie­renden und somit exponentiell wachsenden Finanzsystem nach einer bestimmten Zeit zu einem großen Knall, dessen Folge eine Währungsreform sein kann. Wann dies der Fall sein wird, können wir jedoch nicht sagen. Dies kann in einer Woche, einem Monat, in einem Jahr oder später sein.“ Kurzum: Die ­Frage nach dem Zins zu stellen, ist ­heute nicht nur eine Glaubensfrage, sondern auch ein Gebot der Vernunft. Es gehört diesbezüglich zu den willkommenen Vorzügen des Islam, dass Glauben und Denken – in einem zentra­len Thema – nicht in einem Widerspruch stehen. Das steht im ironischem Gegensatz zur Beobachtung, dass der Kapi­talismus immer religiöser wird. Wir können uns, neben dem Dialog der Religi­onen über die Aktualität des Zinsproblems, durchaus auch an den anderen „Glaubenskämpfen“ der ökonomischen Schulen mit Gewinn beteiligen. Im Moment stehen „Gesellianer“ und „Österreichische Schule“ sich gerade in der Frage des Zinses als Gegner gegenüber. Die einen wollen „Schwundgeld“ oder „fließendes Geld“ mit einem Zinsverbot verknüpfen. Die anderen propagieren die freie Wahl der Zahlungsmittel (bevorzugt Gold und Silber), sehen aber nicht die Notwendigkeit des Zinsverbotes. Wie auch immer dieser Streit ausgeht: Wer als Muslim sein Wissen über die Zinsfra­ge oder die Geldpolitik „modernisieren“ will, sollte die Thesen eines Prof. Senf und Margrit Kennedys oder die Bücher von Guido Hülsmann und Oliver Janich mit einigem Gewinn zur Kenntnis nehmen. Nicht zuletzt deswegen hat ­unsere Zeitung diese Bücher auch immer ­wieder besprochen.

Im Ergebnis setzt der Islam das Zinsverbot und die freie Wahl der Zahlungs­mittel zu einer im Großen und Ganzen freiheitlichen Marktwirtschaft zusammen. Andersherum könnten so die ökonomischen Schulen im Islam, in seinem Wirtschaftsrecht und in seiner jahrhundertelangen Praxis Inspiration finden; so zum Beispiel in Form der islamischen Verträge, die sicherstellen, dass eine Gold-Ökonomie die das Zinsverbot achtet, nicht unter deflationären Verhältnissen leiden muss. Über alle diese ­Fragen lässt sich, wenn man vernünftig bleibt, also gut streiten.

Es gehört zweifellos zu den Herausforderungen der heutigen Muslime – da unser Alltag stark von Machenschaften der Politik, Banken und Parteien geprägt ist –, eine neue Dynamik und neue Antworten zu suchen und den in erster Linie ökonomischen Problemen dieser Zeit auf den Grund zu gehen.

Exklusiv aus der neuen Ausgabe – Schwerpunkt "Wissen": Gesucht werden freie Orte echter Wissensvermittlung. Von Khalil Breuer

(iz). Bekanntlich sollten Glauben und Handeln eins sein und Theorie und Praxis kein Gegensatz. Um so wichtiger ist es, heute die islamische Lehre und damit die Lebenspraxis selbst, nicht in eine Art der Weltfremdheit abgleiten zu lassen. Es geht uns als ­Muslime um das Hier und Jetzt, das Innen und Außen, das Materielle und Spirituelle.

Diese Einheit der Glaubensüberzeugungen symbolisiert von jeher der Zusammenhang von Moschee und Markt. Die erste Gemeinschaft ist um diesen Zusammenhang gebaut und ohne Kennt­nisse hierüber grundsätzlich missverstan­den. Über Jahrhunderte waren ­diese beiden religiösen Bezugspunkte – wie man in jeder historischen Stadtanlage der ­islamischen Welt unschwer erkennt – ­untrennbar miteinander verbunden. ­Jeder Muslim, unabhängig vom Bildungsgrad, kannte den Ritus und vollzog die ­wichtigsten inneren und ­äußeren Glaubenspraktiken.

Moschee und Markt sind dabei die gro­ßen Freiräume, die der Politik entzo­gen sind. Die großen, auch kontroversen, oft auch feinsinnigen Debatten der Theolo­gen fanden zu jeder Zeit statt, allerdings auf der Grundlage, dass die einfachsten Gesetzlichkeiten, zwischen Gebet und Zakat, nicht etwa zur Disposition standen. Als Muslime müssen wir immer wieder neu lernen: die einfachen Positionen der Glaubensüberzeugungen und die Richtlinien des gerechten Handelns.

Wer sich berufen fühlt, über den ­Islam zu lehren, den kann es nicht kalt lassen, wenn ganze Pfeiler des Islam wegzubrechen drohen. Die erste Frage an die Authentizität des Gelehrten, dem es um das Wohl der Muslime geht, muss heute daher die Frage nach der Zakat sein. Natür­lich erfordert jede Zeit zudem die Betonung und Vertiefung einer bestimmten Seite der Offenbarung und der Lehre.

Es ist logisch, dass eine Lebensform wie der Kapitalismus, die quasi religiöse Züge bekommt und massiv die Schöpfung herausfordert, von jeder Lehre kritisch hinterfragt werden muss. Hier, wenn es um den Kern unserer Zeit geht, müssen wir unsere Quellen – innerhalb einer freien Lehre – entsprechend genau studieren.

Die Authentizität dieser Lehre zeigt sich auch hier im Mittelweg: Der Islam bejaht Eigentum, fordert die freie Marktwirtschaft und tritt für den Handel auf fairer Gegenseitigkeit ein.

Die Debatte um die islamische ­Lehre, die nicht nur dem Leben entfernte Theologie sein will, muss sich ihres eigenen Standpunktes bewusst werden. Das islamische Leben findet nicht in den Türmen der Wissenschaft statt, es kreist noch immer um das alltägliche Wissen über den Gottesdienst in Moscheen und auf Marktplätzen.

In Frankreich nutzen interessierte Dritte den Konflikt in Mali aus

Paris (iz). Manchmal ist es mit Staaten wie mit Privatleuten: Wer viel Geld hat, unterliegt oft einem gewissen Neid und wird auch gerne mit nachteiligen Gerüchten überzogen. Katar geht es zur Zeit ähnlich. Das erdgasreiche Emirat liegt auf einer Halbinsel am Persischen Golf und verfügt über die größten Erdgasvorkommen der Welt. Der Wüstenstaat boomt, lockt sportliche Großereignisse an und investiert in die Wirtschaft – daheim und in aller Welt. Katar ist auch ein islamisches Land, nicht nur mit dem wichtigsten Fernsehkanal der muslimischen Welt ausgestattet, sondern auch aktiv mit diversen Stiftungen, die ­Muslime in aller Welt unterstützen.

Seit der Arabellion wird das Land in einigen westlichen Medien mit stellenweise recht abenteuerlichen Verschwörungstheorien überzogen. So soll Katar auch militante Gruppen in Syrien ­unterstützen oder direkt am Sturz des ­libyschen Despoten beteiligt gewesen sein. Diese Gerüchte sind nicht belegt und schüren eher den Verdacht, dass ­interessierte Dritte einige extremistische Kleingruppen mit dem offiziellen Islam in Verbindung bringen wollen. Ein neues Beispiel hierfür ist die Situation in Mali. Es wundert nicht, dass auch hier wieder der Name Katar fällt.

Die einflussreiche französische Internetseite France24 veröffentlichte am 22. Januar einen Artikel mit der Überschrift „unterstützt Katar die Krise im Norden Malis?“. Der Artikel unterstellt der ­Regierung in Doha die Parteinahme für die brutalen Rebellen in Mali. ­Angeblich wolle das Emirat mit Hilfe der ­Rebellen – so zumindest Segolene ­Allemandou in ihrem Artikel – die Verbreitung des fundamentalistischen Islam in Afrika fördern. Die unterschwellige Absicht der Kampagne ist klar: Eine belegte Parteinahme Katars für Terroristen würde das Image des Staates in Europa natürlich nachhaltig belasten. Verschwiegen wird dabei auch die klare Haltung Katars im internationalen Krieg gegen den Terroris­mus, für den der Staat auch von den Extremisten kritisiert wurde.

France24 zitiert auch andere Nachrichtenquellen, die seit dem Sommer 2012 einfach behaupten, alle Gruppen die gegen die Zentralregierung in Mali agieren – also egal ob muslimische, nationalistische oder säkulare Gruppen –, hätten finanzielle Zuwendungen aus Doha erhalten. Gleichzeitig wird die ­bekannte humanitäre Hilfe seitens ­Katars für humanitäre Organisationen, die der Zivilbevölkerung in Mali helfen – zum Beispiel in Form von Brunnenbau und die seit den 1980er Jahren Tradition hat – plötzlich in den aktuellen „Terror“-Zusammenhang gestellt.

Besonders aktiv an der Verbreitung dieser Verschwörungstheorien ist in Frankreich das Netzwerk um die FN Chefin Marine Le Pen. Der Artikel in France24 zitiert ebenso die Chefin der französischen „Patrioten“, von denen viele überzeugt sind, sie seien auch „Rassisten“. Die rechtsextreme Partei schürt seit Jahren das öffentliche Ressentiment gegen die Muslime im Land und warnt immer wieder vor einer angeblichen ­“Islamisierung” Frankreichs. Jetzt behauptet Le Pen auf Ihrer ­Internetseite, dass sich das Emirat hinterhältig gegen die französische Intervention im Kampf gegen den Terrorismus stelle. Die abstruse Idee, dass die ­reichen Araber der Golfstaaten – zum Nachteil der Franzosen – Terroristen bezahlen, passt in das schräge Weltbild der Partei. Außerdem lenken die Vorwürfe von der brisanten Debatte ab, inwiefern Frankreich selbst ökonomische ­Interessen in der Region verfolgt. Die Populistin Le Pen, Abgeordnete im Europaparlament, hatte 2011 die Führung der ­umstrittenen Partei von ihrem Vater übernommen. Jenem Mann also, der verdächtigt wurde, im Krieg Frankreichs gegen ­Algerien auch muslimische Gefangene gefoltert zu haben.

Gwadar, das neue Dubai?

(iz). In seinem bahnbrechenden Aufsatz über „Die Rache der Geographie“ schrieb der US-Autor Robert D. Kaplan vor wenigen Jahren: „An der Kreuzung der Reiche kann die Hafenstadt Gwadar zum Knotenpunkt […]

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Der politische Islam verstellt den Blick auf eine wesentliche Dimension unserer Lebenspraxis. Von Abu Bakr Rieger

(iz). Präsidenten kommen und gehen in diesen Tagen, die Krise bleibt. Vielleicht ist der Wechsel im Führungspersonal und die spektakuläre Suche nach politischen Größen ­deswegen so spannend, weil sie uns einige Tage über unser eigentliches Dilemma hinweg tröstet. Wir müssen uns schon aus Vernunftgründen eingestehen, dass der alte Kapitalismus nicht mehr funktioniert. Es sind die bekannten Sensationen, die uns nachhaltig sorgen müssen. Europa hat Schulden in einer Größenordnung, die eine Rückzahlung illusorisch erschei­nen lassen und, wenn wir nichts tun, unsere gewohnten Gesellschaftsordnungen unter unheimlichen Veränderungsdruck setzen werden. Unsere Politik hat bisher, angesichts der größten ökonomischen Krise der Menschheitsgeschichte und angesichts der globalisierten Macht des Kapitals, keine einleuchtende Zukunftsvision hervorbringen können.

Unsichere Zeiten
In Griechenland erleben wir gerade, wie schnell das totgeglaubte Monster des Nationalismus oder des Kommunismus wieder in Europa auferstehen kann. Die Mobilisierung der griechischen Bevölke­rung, die selbst nur ein Bruchteil des Hilfspakets erhält, gegen weitere Einschränkungen oder Sparmaßnahmen gehört zu den aktuellen Schreckensszenarien der Brüsseler Finanzjongleure. Die Prognosen sprechen von einer Verfestigung autoritärer Bürokratien und von der weiteren Einschränkung der politischen Souveränität. Befürchtet werden, nicht nur in Athen, künftig neuartige Staaten, deren Sicherheitsapparate und Verwaltung über Generationen hinaus vor allem die geordnete Abwicklung der Schulden kontrolliert. Wer seine ­Steuern und Zinsen nicht bezahlt, wird zum Staatsfeind. Die nationale Politik hat nicht nur ihren eigenen Entscheidungsspielraum eingegrenzt, sondern als Option, die dem Menschen erlaubt, zwischen wesentlich verschiedenen Entwürfen zu wählen, ausgedient. Im Mutterland der Demokratie heißt das praktisch, dass, unabhängig von künftigen Wahlen, jede Athener Regierung die Vereinbarungen mit der EU befolgen muss.

Teil des Problems
Die Muslime, auch in der 3. Generation noch immer in erster Linie als Immi­granten wahrgenommen, werden von ­einer Mehrheit der europäischen Bevölkerung bisher als Teil des Problems, nicht aber Teil der Lösung wahrgenommen. Man unterstellt ihnen bisweilen, den angeblichen Konsens der europäischen Gesellschaften von innen aufzuweichen. Die ökonomische und soziale, also die geben­de Seite des Islam, blieb gleichzeitig über Jahrzehnte unerkannt. Das ist kein ­Wunder. Der muslimische Intellekt hat bisher die Umkehrung seiner Prioritäten nicht verhindern können. Wichtig sind im Diskurs nur die Aspekte der persönli­chen Moral, ein wenig Politik oder die Klei­derordnung, unwichtig dagegen bleiben die ökonomische Moral, die ­Gesetze des Marktes oder die Zakat. Gelehrte und Funktionäre, falls sie überhaupt einen intellektuellen Führungsanspruch haben, hatten seit dem 11. September in erster Linie ihre politische Verortung klären müssen und dann um ein wenig öffentli­che Anerkennung gerungen. Einen Beitrag zur Bewältigung der ökonomischen und sozialen Krise Europas konnten sie nicht formulieren. Es fehlt hier ­eindeutig auch an dem nötigen „Know-How“. Ohne explizite Kenntnisse und natürlich auch ohne funktionierende Beispiele eines angewandten islamischen Wirtschaftsrechts muss die Existenz der Muslime, inmitten der größten ökonomischen Krise ­dieses Jahrhunderts, natürlich rückwärts gewandt und bestenfalls irrelevant ­erscheinen.

Die Krise – aus ­muslimischer Sicht
Im Mittelpunkt jedes muslimischen Lebens steht natürlich, ganz unabhängig von der Zeit, in der wir leben, die eigent­liche Fundamentalkrise jeder Existenz: die eigene Endlichkeit. Die Erinnerung an Endlichkeit, Schicksal und die Vergegenwärtigung der Allmacht des Schöpfers relativiert die Wucht äußerer Krisen. Die Gelassenheit, nicht etwa ideologische Verbohrtheit, ist daher eine typisch islamische Haltung. Das ist nicht mit ­Fatalismus oder mit der Flucht ins ausschließlich Geistige zu verwechseln. Muslime haben durchaus Realitätssinn. Auf gesellschaftlicher Ebene herrscht das Bewusstsein, dass jede politische Ordnung, wie dies Ibn Khaldun betont, Phasen des Auf- und Niedergangs nicht verhindern kann. Politische Situationen sind der Zeit unterworfen, kommen und gehen, Muslime leben darin, ohne dass ihre islamische Lebenspraxis im Kern gefährdet ist, zumindest dann, solange ihre Riten möglich bleiben und zeitlose ökonomische Grenzziehungen, wie das Zinsverbot, als Fixpunkte des Handelns verbleiben.

Prinzip „contra naturum”
Die Offenbarung prophezeit, dass die Verletzung des Zinsverbotes als ein Prinzip „contra naturum“ für keine Gesellschaft folgenlos bleibt. Aber es bleibt nicht bei dieser negativen Klausel, denn gleichzeitig wird der „faire“ und „freie“ Handel als Sinn stiftend und befreiend definiert. Die Freiheit des Handels und die Freiheit der Auswahl der Zahlungsmittel begründen aus islamischer Sicht jede freie Marktwirtschaft. Europa hat heute diese Grundregeln in sein Gegenteil gekehrt, der Handel ist durch Mono­polisierung stark eingeschränkt, während die Gesetzlosigkeit der Zinswirtschaft legalisiert wurde. Durch die Benachteiligung anderer Zahlungsmittel als die der staatlichen Papierwährungen, ist die Schaffung großer Massen schlechten Geldes und die Flutung der Märkte möglich geworden. Macht hat, wer über die Notenpresse verfügt. Es ist ein Nebeneffekt der Geldherrschaft, dass die öffentliche Meinung jederzeit manipuliert werden kann.

Der Modernismus
Es gibt Debatten, die wirklich ­wichtig sind, weil man nur mit ihnen das ­Wesen der Zeit, in die man hereingeworfen wurde, verstehen kann. Nur wenn man ­seine Zeit versteht, also in unserem Falle begreift, dass wir in einem von der Ökono­mie geprägten Zeitalter leben, kann man den wichtigen Dingen im Islam entsprechendes Gewicht geben. Die ökono­mischen Gesetzlichkeiten, die der Islam offenbart, betreffen nicht nur das Individuum, sondern das komplexe Netz, das heute alle unseren ökonomischen Transaktionen bilden. In den letzten Jahrzehn­ten wurde allerdings das ökonomische Modell des Islam immer mehr auf das „Islamic Banking“ reduziert. Die überfällige Debatte der Muslime um die Legitimität von „islamischen“ Banken ist ein überaus lohnender Streit. Es geht darum, ob wir wirklich echte ökonomische Alternativen und eigene Modelle haben. Keine Frage, die Auseinandersetzung über den geistigen Ursprung der „islami­schen“ Bank, führt uns direkt in die Denkwelt des politischen Islam. Dieses einseitige „politisierte“ Verständnis des Islam, insbesondere in seinen Ausprägun­gen im arabischen Raum, hat sich als eine notwendige Reaktion gegen den westlichen Imperialismus verstanden. Der Westen als Schöpfungsort moderner Technologie und Wissenschaft schien in der historischen Perspektive als „Moder­ne“ der islamischen Lebenspraxis und seinen Traditionen haushoch überlegen. Die politischen und ökonomischen Ins­trumente des Islam mussten, so zumindest die Überzeugung der neuen muslimischen Denker, den neuen Gegebenhei­ten, notfalls auch mit Hilfe einer Neuinterpretation des Rechts, angepasst werden. Heute erscheint diese Reform, insbesondere die Aufgabe wichtiger Institu­tionen und Überzeugungen der islamischen Ökonomie, in vielen Teilen eher fragwürdig.

Moderne und Technik
Der Schrecken über die brutale Ankunft der Moderne, die das Denken der Muslime im 20.Jahrhundert prägt, geht einher mit der gleichzeitigen ­Faszination von den neuen Techniken, die sich auch den Muslimen als neue Hilfsmittel der politischen Macht anboten. Dem politischen Islam ging es darum, diesen Vorsprung durch Technik einzuholen, zum Beispiel die Mobilisierungskraft von menschlichem Willen zu kopieren, die neuen Kampftechniken nachzuahmen, in die Beherrschung der Atome einzustei­gen und mit der industriellen Produktion von Geld Schritt zu halten. Der politische Islam organisierte die Ziele des vermeintlichen Gegenschlags, also die ­eigene Rückgewinnung von Macht, in Form von „islamischen“ Techniken, sei es in Form von Parteien, Atomwaffen oder Banken. Diese neuen – ­islami­sierten – Kopien schienen den alten Originalen überlegen und versprachen den islamischen Staaten die schnelle eigene Machtergreifung.

Es ist dabei wichtig zu verstehen, dass mit der Idee des Modernismus auch eine schleichende Säkularisierung des Denkens einherging. „Was ist und wer hat Macht?”, die Beantwortung dieser ­Fragen bestimmten den neuen Trend im islami­schen Denken. Die Vorstellung, dass Macht etwas sei, das der Mensch nach Gutdünken für sich gewinnen und orga­nisieren kann, passte sich dabei eher unbemerkt der westlichen Vorstellungswelt von Machtprozessen an. Die islamische Welt zwischen Damaskus und Kairo fühlte sich lange Jahre dementsprechend ohnmächtig. Die „Modernisierung“ und -angesichts der „Macht“ des Westens – gleichzeitige „Demoralisierung“ des islamischen Denkens nahm seinen Lauf. Es ist interessant, dass praktisch zu gleicher Zeit im Westen unter dem Eindruck des Unwesens der Ideologien und ihrer technologischen Kriege eine fundamenta­le Technikkritik einsetzte. Heidegger formulierte einen grundsätzlichen, schockie­renden Zweifel an der Basis moderner Politik. Die Technik, die der politische Islam für seine Zwecke instrumentalisie­ren wollte, habe – so Heidegger – eine dem Grunde nach politikfeindliche Dimension, indem sie den Menschen gera­de nicht ermächtige, sondern auf Dauer versklave. Die Finanztechnik, als das kombinierte Wirken von Kapital und Technik, beschleunigte unter den ­Augen der westlichen Intelligenz, bis zum heutigen Stadium, diesen Vorgang der unheimlichen Entpolitisierung. Die Bedürf­nisse der Technik, des Staates und der Partei dominieren den neuen Glauben.

Zweifel am Bankwesen
Es ist ein weiteres Paradox, dass ­heute unzählige westliche Denker die Humanität des Bankwesens längst anzweifeln, während große Teile der islamischen Welt noch immer die angeblichen Segnungen des „Islamic Banking“ feiern. Es stellt sich eine einfache Frage: kann eine Bank überhaupt „islamisch“ sein? Immer mehr Muslime antworten nach den jüngsten Erfahrungen mit nein. Eine Bank ist eine Bank. Jede „islamische Bank“ nimmt als Bank am globalen Geldsystem teil. Das monetäre System beruht auf dem Recht, dass einzelne Zentralbanken praktisch grenzenlos „Geld aus dem Nichts“ schöpfen können. Die Idee einer globalen politischen Macht bedingt natürlich das Vermögen zur Schaffung endlosen Kapitals. Die Voraussetzung für diese Art der Maßlosigkeit ist, dass die Produktion von (inflationärem) Papiergeld nicht an den Besitz realer ­Güter gekoppelt bleibt. Die „islamische“ Bank versucht nun in dieses System eine Art moralischen Impuls einzuhauchen. Sie will angeblich nur die religiös korrekte Seite des Systems bedienen. Hierzu muss sie die Debatte von der (inflationären) Natur des Geldes, das sie wie jede andere Bank bedenkenlos benutzt, weg lenken. Die Frage, ob das Geld an sich ­moralisch, „gut oder schlecht“, sein kann, spielt für die „Islamische“ Bank und ihre Theoretiker (übrigens auch für viele Puritaner und Hardliner) keine Rolle. Die Entfremdung des Sinnes islamischer Verträ­ge und die dreiste Aushebelung des Zinsverbotes, die das „islamische“ Bankenmodell leider auszeichnet, wäre ein Thema für einen anderen Tag.

Das islamische Geld – ein kurzer Ausblick
Im arabischen Raum, mit seinen ungeheuren Ressourcen, wird heute wie in den Jahrhunderten zuvor die Zukunft des globalen Handels diskutiert. Viele muslimische Gelehrte sehen im Tauschgeschäft zwischen Öl und Papier, das wesentlicher Teil der jüngeren Wirtschaft­sgeschichte der Ölländer ist, einen grundsätzlichen Widerspruch hinsichtlich des koranischen Gebotes des „gerechten Handels“. In jeder eigenständigen Wirtschaftsordnung ist die Definition von Geld, als Basis aller Transaktionen, elementar. Im Islam sind Papiere, die nur auf ein Zahlungsversprechen hinauslaufen, eindeutig verboten. Im Qur’an werden gold- und silbergedeckte Dinar und Dirhams als die traditionellen Zahlungs­mittel ausdrücklich erwähnt. Die Frage an den Islam ist heute, ob er noch ein Mo­dell vorstellen kann, das eine ­Antwort „jetzt“, ohne die sinnlose Romantik ­eines „zurück“, ermöglicht. Das islamische Wissen um die Logik des Geldes ­entfaltet bereits wieder erstaunliche Aktualität. Um mehr über diese Seite des Islams herauszufinden, bedarf es des intensiven Studiums des ganzheitlichen Modells der Ökonomie. Man wird bald feststellen, dass die Lehrer und die Lehranstalten, die über dieses, ehemals klassische Reper­toire verfügen, dünn gesät sind. Die meisten Lehrer, gerade im akademischen Betrieb, verfolgen in erster Linie den öffent­lichen Nachweis, zu welcher Form des politischen Islam sie sich zugehörig fühlen. Hier schließt sich dann der Kreis.

Interview mit dem Philosophen Alfred Denker

Martin Heidegger sorgt heute immer noch für viele Irritationen und Polarisierungen. Die einen lieben ihn, andere wiederum halten ihn für einen Nazi-Philosophen. Aber sowohl Kritiker und Verteidiger Heideggers geben zu, dass man an ihm als Philosophen des letzten Jahrhunderts nicht vorbeikommt. Sein Hauptwerk „Sein und Zeit“ ist für jeden, der sich mit der Philosophie beschäftigt, eine Pflichtlektüre. (Das Gespräch führte Eren Güvercin)

Frage: Wieso polarisiert ein Denker wie Heidegger heute immer noch die Menschen?

Alfred Denker: Mit Wittgenstein ist Heidegger der einflussreichste Philosoph des 20. Jahrhunderts. Selbst wenn man seine Philosophie für bedeutungslos halten würde, kann man die Geschichte der Philosophie des 20. Jahrhunderts ohne sein Denken nicht verstehen. Seine Philosophie war in ganz verschiedenen Bereichen einflussreich. Neben der Philosophie vor allem in der Theologie, Psychiatrie, Literaturwissenschaft oder der Ökologie, und selbst Naturwissenschaftler wie Heisenberg und von Weizsäcker hat sein Denken angeregt. Gerade in Frankreich hat er einen ungeheuren Einfluss gehabt: von Sartre und Levinas zu Ricoeur und Foucault. Im Lichte von Heideggers Rektorat stellt sich die Frage, ob und inwieweit er im Nationalsozialismus verstrickt war und welche Folgen das für die von Heidegger inspirierte Philosophie hat. Dazu kommt, dass er in bestimmter Hinsicht ein Existentialist „avant la lettre“ war und als Person höchst interessant ist. Denken Sie nur an die Liebschaft mit Hannah Arendt. Er ist einer der Menschen, die man hasst oder liebt. Deshalb polarisiert er auch heute die Menschen.

Frage: Sie haben sich sehr intensiv mit dem Philosphen Martin Heidegger beschäftigt. Jüngst ist Ihr Buch „Unterwegs in Sein und Zeit“ erschienen. Es ist eine Art Einführung in die Person und das Denken Heideggers. Wie stehen Sie zu den Vorwürfen, dass Heidegger in den Nationalsozialismus verstrickt gewesen sei? Der französische Philosoph Emmanuel Faye bezeichnet ihn ja sogar als Vordenker des Nationalsozialismus.

Alfred Denker: Erstens muss jeder, der sich ernsthaft mit Heidegger befasst, die Vorwürfe ernst nehmen. Dazu kommt zweitens, dass ich den Nationalsozialismus verabscheue und mich nicht so intensiv mit Heidegger befassen würde, wenn er tatsächlich ein Nazi gewesen wäre. Es ist wichtig, genau zu untersuchen, wie Heidegger sich in die Nähe des Nationalsozialismus bewegt und wo er sich wieder kritisch davon trennt. Wir können so auch verstehen lernen, warum der Nationalsozialismus so viele Menschen begeistert hat. Es ist ganz schwer sich in die Lage von 1933 zurück zu versetzen. Die Behauptung, dass Heidegger ein Vordenker des Nationalsozialismus gewesen sei, ist leicht zu widerlegen. Selbst wenn Hitler Heidegger gelesen hat, hätte er nur politisch völlig uninteressante Texte lesen können. Von Heideggers Dissertation, Habilitationsschrift und Sein und Zeit gibt es keinen Weg zu Mein Kampf.

Frage: In seinen späteren Werken reflektierte Heidegger über das Wesen der Technik. Was für einen Bezug oder Beitrag kann Heideggers Spätwerk auf das Verständnis einer sich immer mehr als Einheit zeigenden neuen Welt, zwischen der Raserei der Globalisierung und der Quasi-Offenbarung des Internet, haben?

Alfred Denker: Der Beitrag, den Heideggers Denken immer leisten kann, ist das Fragen. Er stellt das für uns Selbstverständliche in Frage. Ein gutes Beispiel ist seine Behauptung, dass die Wissenschaft nicht denken kann. Damit meint er, dass für die Wissenschaft die existentiellen Fragen des menschlichen Lebens unlösbar sind. Meine Berufswahl, ob ich heirate oder nicht, usw. sind keine wissenschaftlichen Probleme. Es ist wunderbar, dass wir heute in einer Sekunde unendliche Informationen abrufen können. Heidegger würde aber sagen, dass Information keine Erkenntnis ist. Was wir von Heidegger auch lernen können, ist, dass die Globalisierung ein Prozess ist, der nicht vom Menschen gesteuert wird und dass dieser sich unserer Macht entzieht. Dies bedeutet, dass es keine einfache Lösung geben kann, was für Politiker schade ist, da sie alle Probleme innerhalb von vier Jahren lösen müssen.

Frage: Kann jemand, der Heideggers Werk studiert, überhaupt noch ein „blinder Parteigänger“ sein? Immerhin sieht er die Lösung der Grundfragen unserer Zeit eben nicht in alten politischen Ideologien. Im legendären Spiegel-Interview von 1976 sagte er: „Nur noch ein Gott kann uns retten.“

Alfred Denker: Was ich Heidegger abnehme, ist, dass ich als Philosoph immer weiter fragen soll und immer wieder das Selbstverständliche in Frage stellen soll. Eine Ideologie ist eine nicht mehr in Frage gestellte Theorie und deshalb gefährlich. Einfache Lösungen gibt es leider nicht und ein Rezept für den Himmel auf Erden auch nicht. Tod und Krankheit gehören zur menschlichen Existenz. Ewig leben können wir als Menschen nicht. Die Aussage „Nur noch ein Gott kann uns retten“ ist m.E. unglücklich, weil sie nicht ausgewiesen werden kann. Dazu kommt, dass wir in unserer Zeit die Gefahr von religiösen Ideologien kennen gelernt haben. Von „Nur noch ein Gott kann uns retten“ zu „Nur dieser Gott kann uns retten“ ist es ein kleiner Schritt. Ich würde lieber sagen (und das wäre m.E. Heideggers Gedanke): „Kein Mensch kann uns retten“. Nur wir endliche Menschen in unserem Zusammenleben können versuchen, diese Problemen zu lösen. Das ist nicht viel, aber zumindest etwas.

Frage: Kann man in Zeiten der größten Finanzkrise, die wir gerade erleben, Heideggers Technikanalyse in Zusammenhang mit den modernen Abgründen der Finanztechnik bringen? Wenn man sich die Auswüchse der globalen Finanztechnik betrachtet, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass „nicht wir die Technik in der Hand haben, sondern sie hat uns in der Hand“, um mit Heidegger zu sprechen…

Alfred Denker: Es ist eine wichtige Aufgabe, Heideggers Denken aufzugreifen, uns weiter zu entwickeln in Richtungen, die Heidegger nicht gegangen ist. Die Finanztechnik könnte als neue Erscheinung des „Gestells“ gedeutet werden. Vielleicht könnten wir dann sagen, dass das Geld vom Mittel zum Zweck geworden ist und gerade deshalb sein Wesen verfehlt. Heidegger würde sagen, dass die Krise der Finanztechnik finanztechnisch unlösbar ist. Die Versuche, Griechenland finanztechnisch vom Bankrott zu retten, belegen dies. Dies würde bedeuten, dass eine Systemänderung notwendig wäre, und diese könnte nur politisch durchgesetzt werden.

Kommentar: In Florenz mordeten „Einzeltäter“, aber es sind keine Einzelfälle. Von Sulaiman Wilms

(iz). Was haben Florenz (das Symbol der europäischen Renaissance) und Lüttich (ein bedrückender und deprimierender Ort) gemeinsam? Nicht viel. Außer, dass sie gestern zum Schauplatz zweier nihilistischer „Amokläufe“ wurden. Kurz […]

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Um die Intervention zu verstehen, brauchen wir neue Perspektiven. Von Parvez Asad Shaikh

Mit einer Bevölkerung von rund sechs Millionen Menschen, riesigen Erdöl- und Erdgasvorkommen und verwickel­ten politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu Europa, bot sich Liby­en als das geeignete Labor an, in dem […]

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