Eine Recherche des preisgekrönten US-Onlinemagazins „New Lines“ zeichnete 2022 nach, wie Millionen US-Dollar aus US-Stiftungen in ein Netzwerk linker Plattformen fließen, die Chinas Linie zur Unterdrückung der Uiguren verstärken – […]
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Eine Recherche des preisgekrönten US-Onlinemagazins „New Lines“ zeichnete 2022 nach, wie Millionen US-Dollar aus US-Stiftungen in ein Netzwerk linker Plattformen fließen, die Chinas Linie zur Unterdrückung der Uiguren verstärken – […]
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(iz).In Kriegszeiten bekommt Geld ein anderes Gewicht. Es ist nicht mehr nur das neutrale Schmiermittel der Märkte, sondern ein Hilfsmittel für die unsichtbare Logistik der Gewalt. Wenn am Golf Raketen starten, schnellen an den Bildschirmen nicht nur Ölpreise und Inflationsprognosen nach oben, sondern auch die Kurse von Verteidigungsaktien, Energieunternehmen und Finanzderivaten.
Und irgendwo, zwischen Washington, Brüssel und den Ölstaaten, wird darüber spekuliert, wie lange der Konflikt dauert, welche Sanktionen folgen – und welche Regierung welchen Kurs „spielen“ wird.
Seit Donald Trump wieder im Weißen Haus sitzt, hat sich die Aufmerksamkeit für den Zusammenhang von Geopolitik und Börse nochmals verschärft. Jede Ankündigung, jede Drohung gegenüber Iran wird nicht nur in den Außenministerien, sondern auch in Handelsräumen antizipiert.
Die Frage, ob eine Regierung ihre eigene Außenpolitik über Märkte mitinszeniert – bewusst oder unbewusst –, wird damit Teil jener „Ethik der Geldproduktion“, die Guido Hülsmann beschreibt: Wer über Geld und Kredit verfügt, verfügt auch über Hebel, aus denen andere Spekulationschancen oder Risiken machen.
Photo: DestinaDesign, Shutterstock
Hülsmann, ein deutschsprachiger Ökonom in der Tradition der Österreichischen Schule, verlegt den Streit um Geld weg von der Zinsfrage hin zum Rechtsrahmen. Ihn interessiert weniger, ob der Leitzins 3 oder 4 Prozent betragen sollte, als wer überhaupt das Privileg erhält, Geld zu schaffen, und welche rechtlichen Asymmetrien dieses Privileg absichern.
In seiner Lesart ist das heutige Zentralbanksystem keine neutrale Infrastruktur, sondern ein Geflecht von Sonderrechten: Monopol- oder QuasiMonopolpositionen, privilegierte Schnittstellen zum Staat, Rettungsfunktionen für Banken in einer Ordnung, deren Risikostruktur dadurch tiefgreifend verändert wird.
Der moralische Kern seiner Diagnose lautet: Inflation – insbesondere in fiat-basierten Systemen – ist eine institutionalisierte Umverteilung. Früh-Empfänger neu geschaffenen Geldes – Staat, Banken, große Finanzakteure – profitieren, weil sie zusätzliche Kaufkraft nutzen, bevor sich das allgemeine Preisniveau angepasst hat.
Spät-Empfänger, Lohnabhängige und Sparer tragen die Last, indem ihre nominalen Ansprüche real entwertet werden. Hinter der scheinbar technokratischen Kurve der Geldmenge verbirgt sich so eine unbequeme Frage: Wer gewinnt, wer verliert – und wer hat diese Ordnung legitimiert?
Foto: DoD/Wikimedia Commons | Lizenz: Public Domain
Seit Anfang 2026 berichten Agenturen von der offenen Eskalation zwischen Iran und Israel, von Angriffen auf Ziele in und um Teheran, von Störungen von Transportwegen und den Risiken neuer Energiepreisschocks. Kriege sind, so nüchtern es klingt, Finanzierungsschocks. Sie erzwingen gewaltige zusätzliche Staatsausgaben und erzeugen gleichzeitig Preisrisiken an den Energie und Finanzmärkten.
Im Hintergrund verlaufen zwei Prozesse, die sich heute enger verschränken als früher: die klassische Kriegsfinanzierung – über Steuern, Schulden und monetäre Akkommodation – und die Finanzialisierung der Außenpolitik. Wenn eine US-Regierung über Sanktionen, Flottenbewegungen oder Waffenlieferungen entscheidet, verschiebt sie zugleich Erwartungen an den Märkten.
Öl-Terminkontrakte, Rüstungswerte und Währungen werden zum Ausdruck von Spekulation. In dem Maß, in dem die Trump-Administration Konflikte rhetorisch zuspitzt oder beruhigt, entstehen kurzfristige Kursbewegungen, aus denen sich Gewinne und Verluste ziehen lassen – legal, halblegal oder jenseits der Grenze.
Hülsmanns Blick auf Geldproduktion als moralisches Institutionenproblem erlaubt, diese Konstellation nicht nur als „Informationsasymmetrie“ zu lesen, sondern als Test für die Integrität der Ordnung.
Wenn Regierungen – sei es in Washington oder Teheran – fiskalische Löcher über Zentralbanknähe finanzieren und zugleich durch ihre Politik Märkte in Bewegung setzen, verschränken sich Staatsfinanzierung, Geldordnung und Spekulation. Die Frage lautet dann nicht nur: Wer zahlt den Krieg? Sondern auch: Wer verdient an seinen Ankündigungen?

Foto: The White House
Die Diskussion um Insiderhandel in Zentralbanken hat bereits gezeigt, wie eng geldpolitische Entscheidungen und Finanzmärkte verknüpft sind: Wer vorab weiß, wie ein Zinsentscheid ausfällt oder welche Formulierung in einem Statement steht, kann auf Anleihe, Aktien oder Devisenmärkten profitieren.
Übertragen auf den Golfkonflikt stellt sich eine parallele Frage: Was bedeutet es für die Moral der Geldordnung, wenn außen und sicherheitspolitische Entscheidungen vorhersehbare Kursmuster erzeugen – und Teile der politischen oder ökonomischen Elite darüber besser informiert sind als der Rest?
Hier geht es weniger um spektakuläre Verschwörungstheorien – „die Regierung führt Krieg, um Börsenfreunden Gewinne zu verschaffen“ – als um eine strukturelle Asymmetrie: In einem System, in dem wenige Akteure zugleich Zugang zu Informationen, Einfluss auf Politik und Nähe zur Geldproduktion haben, vervielfachen sich die Chancen, geopolitische Spannungen in Finanzgewinne zu übersetzen.
Ob einzelne Mitglieder der Trump-Administration, verbündete Fonds oder staatsnahe Akteure in anderen Ländern solche Chancen nutzen, ist empirisch schwer zu zeigen. Moralisch relevant bleibt die Frage dennoch: Wie viele Grauzonen lässt eine Ordnung zu, in der Kriegssignale und Kursbewegungen so dicht beieinanderliegen?
Hülsmanns Diagnose, wonach Zentralbanken Träger und Verteiler rechtlicher Sonderrechte sind, lässt sich hier erweitern: Auch Regierungen, die über Sanktionen, Militäreinsätze und Narrative entscheiden, sitzen an Hebeln, die Marktpreise bewegen – und damit Verteilungseffekte erzeugen.
Die Ethik der Geldproduktion verschmilzt mit der Ethik der Außenpolitik: Beide entscheiden darüber, wer Gewinne und Verluste aus den Spannungen am Golf zieht.
Die Formel „viel Geld – viel Krieg“ hat einen gewissen Reiz. Sie verspricht ein klares Rezept: Drehen wir den Geldhahn zu, und die Kanonen schweigen. Doch gerade hier droht durch eine simple Gleichung eine moralische Verkürzung. Über die Faktenlage streiten die Wissenschaftler seit Jahrzehnten.
Historisch lassen sich Kriege nicht auf Geldmengen zurückführen; sie sind Entscheidungen politischer Akteure, die ihre Finanzierung dann über ein Bündel von Instrumenten organisieren – Steuern, Schulden und monetäre Akkommodation.
Was sich belastbarer sagen lässt, ist nüchterner: Große Kriege erzeugen Finanzierungsdruck, und Staaten reagieren typischerweise mit einem Mix aus Steuern, Verschuldung und monetärer Maßnahmen. Die Gleichung lautet daher weniger „viel Geld = viel Krieg“ als „Krieg = Druck auf die Geldordnung“ – und die Moralfrage lautet: Wer trägt diesen Druck und wer profitiert davon?
Vor diesem Hintergrund wirkt der Ruf nach dem Goldstandard wie eine moralische Gegenofferte: Zurück zur Härte, zurück zur Disziplin, zurück zu einer Ordnung, in der Politik sich ihre Kriege nicht mehr so leicht über die Notenpresse leisten kann. Es erscheint als metaphysischer Anker einer aus den Fugen geratenen Geldwelt – als externer Richter, der „Nein“ sagt, wo Regierungen „Mehr“ rufen.
Doch die Geschichte verweigert auch hier die einfache Erlösungserzählung. Ein Goldstandard ist nicht per se deflationär, aber er erhöht die Wahrscheinlichkeit deflationärer Phasen, wenn reale Produktion schneller wächst als die Goldbasis und Kredit oder Umlaufgeschwindigkeit dies nicht kompensieren. Vor dem Ersten Weltkrieg fielen Preisniveaus in vielen Ländern ebenso oft, wie sie stiegen, ohne dass dies zwangsläufig Depression bedeutete.
Foto: Dreamstime
Deflation konnte Ausdruck von Produktivitätsfortschritt sein. In der Zwischenkriegszeit hingegen wurde Deflation unter den Zwängen des Goldstandards zum Brandbeschleuniger von Bankenpaniken und realwirtschaftlichen Einbrüchen.
Hinzu kommt: Der Goldstandard war historisch eine „kontingente Regel“. In klar verstandenen Notlagen – und dazu zählen Kriege – wurde die Bindung an Gold suspendiert: Die britische Suspendierung von 1797 bis 1821 zur Finanzierung der Napoleonischen Kriege oder der Bruch der Goldeinlösung 1914 im Deutschen Reich illustrieren, dass gerade im Ernstfall die Fesseln gelöst wurden. Die Hoffnung, Gold als endgültigen Friedensanker zu installieren, kollidiert damit mit einer politischen Realität, in der Ausnahmezustände zur Regel werden.
Goldstandard, Fiatgeld und Quantitative Easing erscheinen als Gegenspieler, erzählen aber dieselbe Geschichte: Wie bindet eine Gesellschaft ihre Geldordnung moralisch ein? Gold setzt auf externe Bindung – mit dem Preis höherer Deflations- und Krisenrisiken.
Das moderne Zentralbanksystem setzt auf interne Regeln und Vertragsrechte – etwa Preisstabilität als Primärziel und das Verbot monetärer Staatsfinanzierung in den europäischen Verträgen – und verlagert die moralische Debatte in juristische und technokratische Gremien. QE schließlich macht Verteilungseffekte sichtbarer: Asset-Käufe stützen Vermögenspreise, begünstigen damit Asset-Halter und sollen zugleich Beschäftigung und Einkommen stabilisieren.
In allen drei Varianten taucht dieselbe Dreifachfrage auf: Wer zahlt? Wie sichtbar zahlt er? Wichtig ist auch zu verstehen, dass alle Staaten – ob sie sich religiös verklären oder nicht – heute der gleichen ökonomischen Dynamik unterliegen. Die Frage ist überall dieselbe: wer verantwortet diese Lastverteilung?
Der Internationale Währungsfonds spricht von einer „financial repression tax“, einer weniger sichtbaren Form der Abgabenlast durch regulierte Zinsen und Inflation. Die Bank of England betont die Gegenfaktizität („ohne Assetkäufe wäre es vielen schlechter ergangen“), während die Deutsche Bundesbank zur Vorsicht in der Bewertung dauerhafter Verteilungseffekte mahnt.
Vielleicht liegt die eigentliche Pointe von Hülsmanns „Ethik der Geldproduktion“ darin, dass sie uns keine einfache Reformformel anbietet – kein „Zurück zu Gold“ und kein „Mehr QE“, sondern eine Verschiebung des Blicks. Geldproduktion wird als moralisches Institutionenproblem sichtbar: als Frage nach Regeln und Ausnahmen, nach Transparenz und Verteilung, nach demokratischer Kontrolle und technokratischer Macht.
Die Formel „viel Geld – viel Krieg“ kann als Titel provozieren, doch ihr Wert liegt darin, Leserinnen und Leser in eine offene Reflexion zu ziehen. Sind wir bereit, Kriege zu führen, wenn ihre Kosten vollständig über sichtbare Steuern ausgewiesen werden? Oder brauchen wir die Verschleierung über Inflation und negative Realzinsen, um politischen Konsens zu halten? Wie viel Disziplin wollen wir der Politik zumuten, wie viel Flexibilität der Geldpolitik zugestehen?
Wer die nächste Pressekonferenz einer Zentralbank verfolgt, könnte sie mit diesen Fragen im Hinterkopf hören – nicht nur als Zahlenspiele, sondern als moralisches Dokument einer Gesellschaft, die darüber entscheidet, wie sie Krieg, Krise und Zukunft über ihr Geld verteilt.
Die Debatte beginnt nicht mit der nächsten Zinssitzung, sondern mit der Bereitschaft, Geld nicht länger nur als technisches, sondern als moralisches Problem zu denken. Nur wer hier eine starke Argumentation abliefert, wird sich in den abzeichnenden Verteilungskämpfe der Bundesrepublik sinnvoll positionieren können.
(iz). In den letzten Jahrzehnten hat sich der Mehrheit des globalen muslimischen Diskurses beim Thema Geld und Finanzen – jenseits einer Minderheit kritischer Stimmen – auf Formalfragen und die Machbarkeit eines „islamischen Finanzwesens“ konzentriert.
Grundsätzlichere Überlegungen zur Natur eines, alle ideologische Grenzen ignorierenden Geldsystems sowie zur Ethik unserer Zahlungsmittel blieb häufig ein Spartenthema.
Anfang Dezember machte im Internet ein englischsprachiger Beitrag (auch als Video auf einigen YouTube-Kanälen verfügbar) ohne Nennung eines Autoren die Runde. Darin wird der wegweisende Gelehrte Imam Al-Ghazali und sein Werk auf die Verbindung von Geld und Ethik hin befragt.
Die IZ-Redaktion zitiert auszugsweise jene Punkte, die durch Belege anerkannt bzw. inhaltlich plausibel sind.
Foto: IZ Medien
Wenn Menschen über die Ursprünge des ökonomischen Denkens nachdenken, kommen ihnen meist Adam Smith, Karl Marx oder gar Aristoteles in den Sinn, sofern sie in der Schule aufgepasst haben.
Aber es gibt eine weniger bekannte Wahrheit, die sich in der mittelalterlichen Welt verbirgt und in der westlichen Geschichtslehre kaum Beachtung findet. Vor fast tausend Jahren, lange bevor es Kapitalismus oder Zentralbanken gab, sprach ein muslimischer Gelehrter eine Warnung aus, die noch heute in jeder Finanzkrise nachhallt.
Er sagte, wenn Geld seinen moralischen Kompass verliert, verfaulen Gesellschaften von innen heraus. Um Al-Ghazali, einen der einflussreichsten Denker des Islam, zu verstehen, muss man sich eine Welt vorstellen, die sowohl vertraut als auch fremd erscheint.
Wir schreiben das Jahr 1100 n. Chr. – Europa ist zersplittert, arm und kämpft sich gerade aus den Trümmern des Frühmittelalters heraus.
Unterdessen erstreckt sich die islamische Welt von Andalusien in Spanien bis nach Persien und darüber hinaus. Ihre Städte sind reich, überfüllt und hoch entwickelt. Bagdad, Damaskus, Kairo.
Sie sind finanzielle und intellektuelle Zentren. Auf den Handelswegen herrscht reger Verkehr mit Karawanen, die Seide, Gewürze, Textilien und Silber transportieren. Gelehrte diskutieren über Philosophie, Recht, Astronomie und Medizin.
Die Märkte sind belebt, die Herrschaftsgebiete reich. Der Wohlstand verändert die Gesellschaft schneller, als irgendjemand vollständig begreifen kann. In dieser Welt des boomenden Handels und der zunehmenden Ungleichheit tritt ein Gelehrter namens Abu Hamid Al-Ghazali in Erscheinung. Er ist teils Philosoph, Jurist, Theologe und auch Kritiker.
Stellen Sie sich ihn als einen Denker vor, der ohne mit der Wimper zu zucken sowohl den Zweck der Seele wie die Existenzberechtigung eines Währungssystems erklären konnte. Was ihn einzigartig machte, war nicht sein Ansehen. Es ist seine Weigerung, den Status quo zu akzeptieren.
Er sah eine Welt, in der der Wohlstand wuchs, die Märkte wuchsen, und doch fühlte sich etwas nicht richtig an. Eine Wirtschaft, die äußerlich florierte, hingegen innerlich verfiel. Man muss sich nicht besonders anstrengen, um die Parallelen zur heutigen Zeit zu erkennen.
Er begann, eine Frage zu stellen, die nur wenige wagten: Was passiert, wenn eine Zivilisation schneller reich wird, als sie weise wird? Um das zu beantworten, richtete er sein Augenmerk auf das Konzept des Geldes selbst. Das ist der Teil, der die meisten westlichen Zuschauer überrascht.

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Er war einer der ersten Philosophen, der es unter moralischen und systemischen Gesichtspunkten untersuchte. Während Aristoteles Geld als praktische Erfindung betrachtete und spätere Ökonomen es mathematisch analysierten, beobachtete Al-Ghazali psychologische und spirituelle Auswirkungen auf eine Gesellschaft.
Er fragte, wie es das Verhalten, Anreize, Vertrauen und letztlich das Schicksal von Nationen prägt. Um seine wirtschaftlichen Ideen zu erkennen, muss man zunächst verstehen, wie er Geld im Kern sah. Für Al-Ghazali war es nicht dazu gedacht, angebetet, gehortet oder als Statussymbol verwendet zu werden.
Es war ein Werkzeug – nichts weiter. Ein Vermittler des Austauschs. Er verglich es mit einem Spiegel. Er hat an sich keinen Wert. Dieser ergibt sich aus dem, was er reflektiert. Mit Geld verhält es sich genauso.
Gehortetes Kapital ist tot. Für ihn war Reichtum, der in Truhen verschlossen, in Räumen versteckt oder in Höfen vergraben war, nicht nur nutzlos.
Er war sozioökonomisch destruktiv. Ungenutztes Geld zirkuliert nicht. Es ernährt keine Arbeiter, finanziert nicht Handel und unterstützt keine Familien. Es erstickt das Wirtschaftsleben. Er beschrieb es als das Einfrieren des Blutkreislaufs der Gesellschaft.
Eine Aussage, die ohne Weiteres in jeder modernen Kritik an Ungleichheit vorkommen könnte. Aber Al-Ghazali beklagte sich nicht einfach nur über Gier.
Seine Argumentation war systemisch. Wenn die Reichen Geld horten, schaffen sie Knappheit. Nicht weil Ressourcen fehlen, sondern weil der Geldkreislauf blockiert ist. Die Preise verzerren sich. Die Märkte brechen zusammen. Die Menschen leiden.
Diese Kritik führt zu einer weiteren wichtigen Idee. Spekulation zerstört Vertrauen. Al-Ghazali hatte keine Geduld mit Händlern, die Preise manipulierten, künstliche Knappheit schufen oder Krisen ausnutzten, um Gewinne zu machen. Er sah spekulatives Verhalten nicht als clevere Strategie, sondern moralische Korruption. Profit ohne Beitrag. Wer vom Leid anderer profitiert, schrieb er, bereichert sich daran.
Und das war seiner Ansicht nach ansteckend. Sobald sie sich festgesetzt hat, breitet sie sich über Märkte, Institutionen und dann die gesamte Gesellschaft aus. Wenn dies wie ein Kommentar zu modernen Finanz- und Geschäftspraktiken klingt, dann ist es das. Nur, dass es 900 Jahre früher geschrieben wurde. Aber Al-Ghazali war nicht gegen Gewinne bzw. das Geschäftsleben.
Er forderte keine Klöster oder Gelübde der Armut. Er glaubte fest an Handel. Er wusste, dass Märkte natürlich und notwendig sind. Und war der Ansicht, dass Reichtum sinnvoll sein könne.
Sein eigentliches Ziel war unehrliche Ökonomie zu verhindern, d.h. Betrug, Lügen, die Verwendung falscher Gewichte, das Verbergen von Mängeln und Produkten oder die Manipulation von Informationen.
Erhält eine extremistische Gruppe Geld aus dem Ausland? Wer finanziert Veranstaltungen der Neuen Rechten? Für den Verfassungsschutz ist es bislang schwierig, das herauszufinden. Bundesinnenministerin Nancy Faeser will das ändern.
Berlin (dpa/IZ) Um Verbindungen im Rechtsextremismus in Zukunft besser aufklären zu können, sollen Nachforschungen zu Finanzströmen extremistischer Gruppierungen vereinfacht werden. Ein entsprechendes Gesetzesvorhaben, das in solchen Fällen die Hürden für Auskunftsersuchen des Verfassungsschutzes zu Konten und Finanztransaktionen senken würde, wird derzeit im Bundesinnenministerium vorbereitet, verlautete am Freitag aus dem Ministerium. Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) habe als Reaktion auf das Potsdamer Treffen erklärt, „dass die persönlichen und finanziellen Verbindungen in rechtsextremen Netzwerken stärker ausgeleuchtet werden müssen“, hieß es zur Erläuterung aus ihrem Ministerium.
An dem Treffen radikaler Rechter am 25. November, über das das Medienhaus Correctiv berichtet hatte, hatten auch AfD-Politiker sowie einzelne Mitglieder der CDU und der sehr konservativen Werteunion teilgenommen. Der frühere Kopf der Identitären Bewegung in Österreich, Martin Sellner, sprach bei dem Treffen in Potsdam über „Remigration“ – wenn Rechtsextremisten diesen Begriff verwenden, meinen sie in der Regel, dass eine große Zahl von Menschen ausländischer Herkunft das Land verlassen soll, auch unter Zwang.
Bislang sind Nachforschungen des Verfassungsschutzes zu Finanzaktivitäten von Extremisten nur dann möglich, wenn einer Gruppierung ein Gewaltbezug nachgewiesen werden kann oder etwa „zu Hass oder Willkürmaßnahmen gegen Teile der Bevölkerung“ aufgestachelt wird. Künftig soll hier zusätzlich das Gefährdungspotenzial mit Bezug auf die freiheitliche demokratische Grundordnung ausschlaggebend sein.
Bundesinnenministerin Faeser will bei den Anstrengungen im Kampf gegen Rechtsextremismus nachlegen. Dazu will die SPD-Politikerin eine „Früherkennungseinheit“ der Bundesregierung zu ausländischen Manipulations- und Einflusskampagnen aufbauen. Das Vorhaben ist Teil eines Pakets aus 13 Maßnahmen mit dem Titel „Rechtsextremismus entschlossen bekämpfen – Instrumente der wehrhaften Demokratie nutzen“, das Faeser am Dienstag in Berlin gemeinsam mit den Chefs des Bundesamts für Verfassungsschutz, Thomas Haldenwang, und des Bundeskriminalamts, Holger Münch, vorstellte. Ein Großteil der aufgelisteten Vorhaben ist allerdings bereits bekannt und teils auch schon beschlossen.
Rechtsextremisten wollten das Vertrauen in die Stabilität und Handlungsfähigkeit des Staates untergraben, heißt es in dem neuen Papier. Dieses Ziel teilten sie mit einigen ausländischen Akteuren, die ebenfalls ein Interesse daran hätten, die Demokratie zu schwächen. „So erzeugen autokratische Staaten im Internet mit Fake Accounts künstliche Reichweite, erfinden mit KI-basierten Bildern Geschichten und gaukeln mit kopierten Zeitungswebsites Glaubwürdigkeit vor.“ Mit solchen koordinierten Einflusskampagnen werde versucht, die freie Meinungsbildung und die politische Debatte zu manipulieren und die Demokratie zu schwächen. Die neue Früherkennungseinheit soll solche Kampagnen bereits im Vorfeld erkennen.
Faeser greife damit den Ansatz des Bundesverfassungsgerichts auf, wonach es für Überwachungsbefugnisse auf das Gefährdungspotenzial ankomme, verlautete aus ihrem Ministerium. Zur Erklärung hieß es: „Dieses bestimmt sich nach Kriterien, die neben Verhetzung und Militanz weitere Faktoren wie Aktionspotenzial und gesellschaftliche Einflussnahme einschließen.“
Auch wenn es bei dem Vorhaben erst einmal um die Aufklärung durch den Nachrichtendienst geht, könnten solche Erkenntnisse in bestimmten Fällen auch dazu führen, dass diese Finanzierungsströme, falls strafrechtlich relevante Vorgänge auftauchen, unterbrochen werden. Außerdem könnte eine Aufdeckung finanzieller Verbindungen im Einzelfall auch zu einer Neubewertung einer bestimmten Gruppierung führen.
Damit der Verfassungsschutz schneller an Auskünfte zu Finanztransaktionen gelangt, sollten die Verfahren zudem nach Auffassung des Bundesinnenministeriums in Zukunft relativ schnell und unbürokratisch ablaufen. Für die simple Auskunft, wo jemand ein Girokonto hat, die gleiche aufwendige Genehmigungspraxis vorzuschreiben, die für eine Telekommunikationsüberwachung erforderlich ist, wäre aus Sicht des Ministeriums unangemessen. Ziel der gesetzlichen Erweiterung der Finanzermittlungen sei es auch, „dass sich niemand, der an rechtsextreme Organisationen spendet oder sie in anderer Form finanziell unterstützt, darauf verlassen kann, hierbei unentdeckt zu bleiben“.
Faeser hatte im März 2022 einen „Aktionsplan gegen Rechtsextremismus“ vorgestellt. Von den darin enthaltenen Maßnahmen wurde ein Teil inzwischen umgesetzt, etwa eine Gesetzesänderung, die es ermöglicht, Verfassungsfeinde schneller aus dem öffentlichen Dienst zu entfernen. Zu den geplanten Verschärfungen beim Waffenrecht laufen noch Gespräche des Bundesinnenministeriums mit FDP-Politikern, die befürchten, dadurch könnten auch Jäger in Mitleidenschaft gezogen werden. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Reem Alabali-Radovan (SPD), hatte Anfang der Woche noch einmal darauf gedrungen, dass das geplante Demokratiefördergesetz, das eine langfristigere Förderung von zivilgesellschaftlichen Initiativen ermöglichen soll, im Bundestag bald verabschiedet wird.
Berlin (iz). Die Logik ist einfach: Die meisten Krisen unserer Zeit sollen mit mehr Geldausgaben bewältigt werden. Die Debatte über die Folgen und die drohende Schuldenfalle nimmt in Deutschland selten an Fahrt auf.
„Die schweren globalen Krisen der letzten drei Jahre haben tiefe Spuren in den Bundesfinanzen hinterlassen. Um sie zu bewältigen hat der Bund fast 850 Mrd. Euro neue Schulden vorgesehen. Noch nie wurden in so kurzer Zeit so viele neue Kredite beschlossen“, kommentierte der Bundesbeauftragte für Wirtschaftlichkeit in der Verwaltung (BWV) Kay Scheller die Haushalte der nächsten Jahre.
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Der Bundesrechnungshof erinnert daran, dass die Kredite mit Notlagenbezug und damit als Ausnahme von der Schuldenbremse aufgenommen werden, bis zum Jahr 2061 zu tilgen sind. Damit ist klar: Die Rückzahlung wird kommenden Generationen aufgebürdet. Parallel steigen auch wieder die Zinsbelastungen für die staatlichen Haushalte, im Jahre 2023 wachsen diese Zahlungen auf knapp 40 Milliarden Euro.
Die ungeklärte Frage ist seit Jahrzehnten, wie die Schulden nach den Gesetzen der Logik überhaupt zurückbezahlt werden können. Die Schreckgespenster einer möglichen Lösung heißen: Währungsreform, Inflation und schlussendlich Einführung staatlich gelenkter Digitalwährungen. Die BürgerInnen haben in dieser Frage, für die keine Partei in Deutschland überzeugende Lösungen parat hat, wenig Wahl.
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Nur wenige Ökonomen, wie zum Beispiel Torsten Polleit, denken, wie er in einem Tweet bekundet, über basisdemokratische Alternativen an: „Ich bin ein Befürworter eines freien Marktes für Geld: Die Menschen müssen die Freiheit haben, ihr Geld selbst auszuwählen. Deshalb finde ich alle möglichen und denkbaren Geldkandidaten – wie z.B. Gold, Silber, Bitcon & Co – ‘gut’ und staatliches Fiatgeld ‘schlecht’.“
Diese Haltung ist wohl eher dem Bereich der Utopie zuzuordnen. Der Staat wird kaum zulassen, dass seine eigenen BürgerInnen in alternative Währungen flüchten. Was ist aber die Lösung künftiger Regierungen für den wachsenden Schuldenberg?
Die meisten Finanzpolitiker in Deutschland setzen auf wirtschaftliches Wachstum, um den Schulden Herr zu werden. Wie realistisch dieses Szenario angesichts der globalen Lage ist, steht allerdings in den Sternen.
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Gerade die Diskussion um Kryptowährungen wie Bitcoin zeigt die ganze revolutionäre Kraft, die hinter der technischen Revolution unserer Zeit liegt. Es wird denkbar, dass soziale Netzwerke auch immer mehr staatliche Aufgaben privatisieren und nebenbei staatstragende Monopole, wie zum Beispiel das Hoheitsrecht über die Rahmenbedingungen der Geldschöpfung, auflösen.
Das Undenkbare, wie es Zizek formulierte, sogar das Ende des alten Bankensystems, ist heute tatsächlich denkbar geworden. Es ist kein Zufall, dass hier eine scharf geführte Debatte entsteht, die sich letztlich um die Freiheit des Internets dreht.
Die staatliche Ordnung selbst wird einerseits seine Rechtshoheit gegenüber der Dynamik der neuen Netzwerke zu bewahren versuchen und andererseits global agierenden Konzernen wie Facebook oder Google entgegentreten müssen, die bereits heute eine neue Macht regenerieren, die der von Staaten längst gleichkommt. Die wohl größte Herausforderung für das ökonomische System liegt wohl in der Möglichkeit, dass Privatleute, Netzwerke, Unternehmen oder Banken neue Zahlungsmittel erfinden.
„Es werde Geld!“, diese magische Formel beschäftigt die Menschheit seit Jahrhunderten. Sie wurde – wie schon Goethe in seinem berühmten Münzgutachten reflektierte – eine Art Zauberformel der Neuzeit. Banknoten waren zunächst nur eine Art Quittung für das eingelagerte Gold oder Silber.
Das Papiergeldsystem war so zunächst an den intrinsischen Wert von Silber und Gold gebunden, bis es sich im 20. Jahrhundert stufenweise von dieser einschränkenden Koppelung löste.
Am 15. August 1971 kündigte Richard Nixon die Golddeckung des Dollars offiziell auf und leitete damit einen epochalen Wandel der Finanzpolitik von Staaten ein. Bis heute streiten die Ökonomen über die Folgen und Wirkungen mehr oder weniger maßloser Geldschöpfung.
Die Erfinder des Bitcoins spielen indirekt auf die Geschichte der Geldschöpfung an, denn es handelt sich zwar um eine rein virtuelle Währung, sie ist aber technisch in ihrer Schöpfung begrenzt.
Ähnlich wie Gold kann der Bitcoin nur begrenzt „geschürft“ und nicht, wie das Papiergeld, endlos reproduziert werden. Das Protokoll der neuen Währung beinhaltet hier eine wichtige Begrenzung.
Es ist mathematisch ausgeschlossen, dass mehr als 21 Millionen Bitcoins entstehen können. Die Kryptowährung eignet sich daher, zumindest aus subjektiver Sicht, als Geld und Zahlungsmittel. Mit dem Bitcoin wird heute nicht nur spekuliert, sondern, wie im „Bitcoin Kiez“ in Berlin, auch in zahlreichen Geschäften eingekauft.
Kabul (dpa/iz). Nach der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan geht den Menschen zunehmend das Bargeld aus. Einwohner Kabuls berichteten der Deutschen Presse-Agentur, die Geldautomaten in der Stadt seien praktisch leer. Banken und auch der Geldwechslermarkt seien seit einer Woche geschlossen. „Alle in der Stadt beschweren sich mittlerweile, dass sie kein Geld abheben können“, sagte ein Bewohner.
Ein Mann sagte dem lokalen TV-Sender ToloNews, seine Bank habe zudem eine Obergrenze für Abhebungen eingeführt. Wenn denn ein Geldautomat doch noch befüllt sei, könne man nur 10.000 Afghani (rund 100 Euro) abheben. Viele drücke die Sorge, dass sie angesichts der aktuellen Krise überhaupt nicht mehr an ihr Geld kommen.
Auf der Facebook-Seite des Finanzministeriums hieß es in der Nacht zu Sonntag, die Zentralbank, private Banken und andere Finanzinstutionen nähmen bald wieder ihren Betrieb auf. Gleichzeitig wurde das „technische Personal“ des Ministeriums aufgerufen, zur Arbeit zurückzukehren.
Andere Ministeriumsmitarbeiter sollten eine Entscheidung der Finanzkommission der Taliban abwarten. Es hieß zudem, alle zivilen Staatsangestellten würden ab dem Beginn der „neuen islamischen Regierung“ wieder wie früher bezahlt werden.
(iz). Thomas Mayer, einst Chefökonom der Deutschen Bank, kritisiert in seinem neuen Buch unser Geldsystem fundamental. Gerade weil er lange Zeit im Finanzsystem tätig war, hat seine Kritik Hand und Fuß. Mayer, der seit seinem Abgang bei der Deutschen Bank eine Denkfabrik für die Vermögensverwaltung Flossbach der Storch AG in Köln aufbaut, mahnt, dass unser Geldsystem wieder in eine Krise geraten könnte und fordert ein neues Währungssystem.
Islamische Zeitung: Herr Mayer, in Ihrem Buch „Die neue Ordnung des Geldes“ fordern Sie eine grundlegende Reform. Warum ist die Geldordnung, auf der unser gesamtes Wirtschaftssystem beruht, in Ihren Augen zum Scheitern verurteilt?
Thomas Mayer: Das Problem ist, dass in unserer Geldordnung das Geld durch Verschuldung geschaffen wird. Giralgeld, das den weitaus größten Teil der gesamten Geldmenge ausmacht, wird von den Geschäftsbanken durch die Vergabe von Krediten erzeugt.
Wenn Sie bei der Bank einen Kreditvertrag abschließen, dann schreibt Ihnen die Bank das Geld auf dem Girokonto gut. Es ist nicht nötig, dass die Bank Ersparnisse einsammelt, bevor sie den Kredit vergeben kann. Der Kreditnehmer kann nun Waren oder sonstige Dinge kaufen, indem er das frisch erzeugte Geld an den Verkäufer überweist. Giralgeld ist also privates Schuldgeld: Der Kreditnehmer schuldet es der Bank und die Bank schuldet es dem Verkäufer der Waren.
Die Zentralbank begleitet den Prozess, indem sie die Banken mit Reservegeld und die Bürger mit Banknoten nach Bedarf versorgt. Von dieser Geldordnung profitieren sowohl die Kreditnehmer als auch die Banken – die einen, weil sie frisches Geld in die Hand bekommen und die anderen, weil sie die Zinsmarge zwischen Kredit- und Einlagenzins einstreichen.
Daher kommt es immer wieder zu übermäßiger Geldproduktion und folglich zu Schuldenpyramiden. Wenn diese dann einstürzen, muss der Steuerzahler für die Kosten aufkommen. Das geht nur so lange gut, bis die steuerzahlenden Bürger verstehen, dass sie am Ende immer die Zeche zahlen.
Islamische Zeitung: Sie entwerfen in Ihrem Buch eine radikal neue Finanzordnung und sprechen von einem „Aktivgeldsystem“. Was kann man sich darunter vorstellen?
Thomas Mayer: Ich nenne das oben beschriebene Schuldgeld „Passivgeld“, weil es auf der Passivseite der Bilanzen der Banken steht. Es stellt eine Verpflichtung dar. Im Gegensatz dazu definiere ich „Aktivgeld“ als Vermögenswert, der auf der Aktivseite einer Bilanz steht. Gold und Silber, die früher einmal als Geld dienten, sind Vermögenswerte, waren also „Aktivgeld“, da sie nicht über Verschuldung entstanden.
Heute sind Kryptowährungen, wie Bitcoin, Aktivgeld, weil sie ebenfalls nicht über Verschuldung entstehen sondern, wie im Fall von Bitcoin, elektronisch „geschürft“ werden. Eine Aktivgeldordnung ist also nichts Neues. Sie ist nur die Weiterentwicklung des Edelmetallstandards früher Jahrhunderte.
Islamische Zeitung: Wie bewerten Sie das Vorgehen der EZB, die nicht demokratisch legitimiert ist? Was für Auswirkungen hat dies auf die Bürger Europas?
Thomas Mayer: Bei der Konstruktion der EWU wurden gravierende Fehler gemacht. Eine Währungsunion souveräner Staaten kann nur als Aktivgeldordnung gestaltet werden, denn die Passivgeldordnung braucht immer den Staat, der die öffentlich-private Partnerschaft zwischen Banken und Zentralbank zur Geldproduktion regelt und in der Krise den Einsatz von Steuergeldern zur Stützung des Schuldgelds legitimiert.
Da wir keinen Eurostaat haben, hat die EZB in der Krise staatliche Funktionen übernommen, um den Euro zu erhalten. Als Käufer der letzten Instanz für Staatsanleihen bestimmt sie, welche Staaten frisches Geld zu welchen Konditionen bekommen. Für diese Aufgabe ist die EZB aber nicht demokratisch legitimiert. Sie kann sich auch nicht dem Druck mächtiger Staaten entziehen, frisches Geld zu günstigen Konditionen bereitzustellen.
Letzten Endes wird die EZB daher zur Beute der mächtigen Staaten in der EWU werden. Die Folge davon ist, dass der Euro als Schwachwährung enden wird.
Islamische Zeitung: Wie kommt es, dass kritische Fragen bezüglich unseres Geldsystems eher skeptisch betrachtet werden? Die Österreichische Schule hat eher eine Außenseiterrolle und auch sonst in der akademischen Welt gibt es fast gar keine kritische Auseinandersetzung zum herrschenden Geldsystem…
Thomas Mayer: Ich finde es in der Tat erstaunlich, wie schwach die ökonomische Wissenschaft auf die Finanzkrise reagiert hat. Der wissenschaftliche Mainstream scheint die Symptome mit den Ursachen der Finanzkrise zu verwechseln.
Vielleicht liegt dies daran, dass sich die akademischen Ökonomen gerne als exakte Wissenschaftler, wie die Physiker, begreifen. Dann sieht man das vorherrschende Paradigma als Verkörperung der Spitze der Erkenntnis an. Meines Erachtens ist die Ökonomie aber eine Sozialwissenschaft und muss gesellschaftliche Ordnungen, wie sie auch die Geldordnung darstellt, kritisch hinterfragen.
Islamische Zeitung: Was denken Sie, wie wird sich das Finanzsystem in der Zukunft noch am Leben erhalten können? Was könnte zu einem Umdenken führen?
Thomas Mayer: Unsere gegenwärtige Geldordnung und unser Finanzsystem sind von drei Seiten unter Druck. Technische Innovationen bedrohen die herkömmlichen Zahlungsweisen mit Papiergeld und Banküberweisung.
Zunehmende staatliche Regulierung raubt den Banken die Freiheit zur Gestaltung ihrer Geschäfte, und die Niedrigzinspolitik der Zentralbanken nimmt ihnen die Gewinne aus der Geldproduktion durch Kreditvergabe. Diese Entwicklungen werden langfristig zum Zerfall unser bestehenden Geldordnung führen. Der Auslöser für einen grundlegenden Umbau dürfte die nächste Rezession und damit verbundene Finanzkrise sein.
Islamische Zeitung: Sie waren Chefvolkswirt bei der Deutschen Bank. Wie reagieren eigentlich ihre ehemaligen Kollegen auf ihr Buch?
Thomas Mayer: Bisher hat mir noch niemand widersprochen. Ob das Zustimmung oder Desinteresse bedeutet, kann ich nicht beurteilen.
Islamische Zeitung: Vielen Dank für das Interview.
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„Die Stimmung, die in Dresden nun zu Tage tritt, wurde in zahlreichen Redaktionsstuben mit deutscher Gründlichkeit vorbereitet – mit dunklen Titeln und kühnen Assoziationsketten.“
(iz). Was ist das nun in Dresden: das einfache Schweigen der Lämmer – brav und gewaltfrei – oder eben eine konzertierte politische Aktion von „Rassisten“, die zur Rettung des Abendlandes und des Christstollens aufmarschieren? Wie alle radikalen Befürworter und Gegner des Islam dürfen auch diese „Patrioten“ sich über eifrige mediale Begleitung freuen. Bilder gibt es reichlich, Inhalte und Begriffsdefinitionen dagegen nicht. Das Volk im Lande wird so nicht klüger. Die Mobilisierung, oder auch die Inszenierung der Straße, folgt der großen Dramaturgie eines angeblichen „Kampfes der Kulturen“. Glauben wir daran?
Die Stimmung, die in Dresden nun zu Tage tritt, wurde in zahlreichen Redaktionsstuben mit deutscher Gründlichkeit vorbereitet – mit dunklen Titeln und kühnen Assoziationsketten.
Interessant ist auch, dass bis heute die Demonstranten-Versteher aus der Politik keine ganz einfache Minimalforderung an die Dresdner stellen: nämlich Rechte, V-Leute und Rabauken klar auszugrenzen und sofort den schwachsinnigen Titel der Veranstaltung zu ändern.
Oder ist es doch genau dieser Titel, der die neue gewünschte Klammer darstellt, die künftig eine verunsicherte bürgerliche Gesellschaft zusammenhalten soll? Inklusive der Überzeugung, es sei der böse Islam, nicht etwa die Finanz- und Sicherheitsindustrie, die unsere Demokratie fundamental gefährdet?
Das Spektakel „Straße“ hat einige Nebeneffekte. Sie liefert die Illusion der Rückkehr des Politischen und definiert das Thema. Nur, wer spricht noch über Schulden, Banken und Bankenkrisen oder demonstriert gar dagegen? Die aktuelle Destabilisierung Russlands – nicht mit Waffen, sondern mit dem guten, alten Mittel der Währungsmanipulation – begleitet ganz gut die antiquierte Idee der souveränen Staaten im Zeitalter der Finanztechnologie.
Auch die AfD, einst angetreten, ganz nüchtern die Frage nach der Qualität des Geldes zu stellen, ist wieder auf dem Niveau der Straße gelandet.
„Konzentriert euch stattdessen darauf, wo ihr seid, warum ihr dort seid und wen ihr baucht. Es zählt nichts anderes.“
(iz). Allah sagt in Seinem Noblen Buch: „Und rufe unter den Menschen die Pilgerfahrt aus, so werden sie zu dir kommen zu Fuß und auf vielen hageren (Reittieren), die aus jedem tiefen Passweg daherkommen, damit sie (allerlei) Nutzen für sich erfahren und den Namen Allahs an wohlbekannten Tagen über den aussprechen, womit Er sie an den Vierfüßlern unter dem Vieh versorgt hat. Esst (selbst) davon und gebt dem Elenden, dem Armen zu essen.“ (Al-Hadsch, 27-28)
Nach Ansicht einiger Qur’ankommentatoren richteten sich diese Wort an den Propheten Ibrahim und nach Meinung anderer an den letzten Gesandten, Muhammad, möge Allah ihnen beiden Frieden geben. In beiden Fällen gelten sie für uns. Imam Al-Qurtubi schrieb in seinem Tafsir, dass Ibrahim auf den Gipfel des Berges Abu Qais stieg und ausrief: „Menschheit, Allah hat euch die Pilgerfahrt zu diesem Haus befohlen, sodass Er euch mit dem Garten belohnen und vor der Strafe des Feuers beschützen kann. Also macht die Pilgerfahrt dahin.“
Die Hadsch ist fester Bestandteil unserer DNS; sie ist Teil von unserem Lebensmuster als menschliche Wesen. Ein Teil, den wir an einem bestimmten Zeitpunkt unserer Existenz froh bestätigt haben. Die Pilgerfahrt ist – und wird es immer sein – ein stets gegenwärtiger Teil dieser Welt, seit sie in die Existenz kam. Denn das Haus Allahs war die erste Struktur, die jemals errichtet wurde. Allah sagte: „Das erste (Gottes)haus, das für die Menschen gegründet wurde, ist wahrlich dasjenige in Bakka, als ein gesegnetes (Haus) und eine Rechtleitung für die Weltenbewohner.“ (Al-i-‘Imran, 96)
In seinem Tafsir dieser Worte sagte Imam Mudschahid: „Allah erschuf den Ort, an dem dieses Haus liegt, 2.000 Jahre, bevor Er irgendetwas anderes auf der Erde schuf.“ Und dann brachte Er Adam auf die Erde. Und Adam sowie die Propheten nach ihm kamen alle nach Mekka, um Tawaf (arab. für Umkreisung der Kaaba).
Das ist Teil unserer menschlichen Veranlagung wie so vieles anderes, das Teil unserer Fitra und unserer Lebensmuster ist, die von der Mehrheit der Menschheit vergessen oder verleugnet wird. Und nur diese Umma – die den Ruf des Gesandten Allahs erhört hat – erinnert sich.
Nehmen wir die zweite Interpretation an, wonach der in dem Vers Angesprochene unser Prophet ist, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, dann sind diese Worte eine Anweisung an ihn, uns zu sagen, dass die Hadsch eine Verpflichtung ist. Er sagte: „Islam beruht auf fünf Dingen: Die Bezeugung, dass es keinen Gott gibt außer Allah, und dass Muhammad der Gesandte Allahs ist, die Einrichtung des Gebets, die Bezahlung der Zakat, das Fasten im Ramadan und die Hadsch zum Heiligen Haus von Allah.“
Die Hadsch ist eine der Säulen von Allahs Din – auf individueller Ebene wie auf gemeinschaftlicher. Es handelt sich hier nicht um ein zusätzliches Extra. Sie ist ein wesentlicher Bestandteil – wie Gebet, Fasten oder Zakat. Und wie diese auch gilt sie für jeden geistig gesunden, erwachsenen Muslim – Männer und Frauen. Ihnen allen ist befohlen, die Reise zum Hause Allahs während der Zeit der Hadsch zu machen. Und zwar mindestens einmal in ihrem Leben, wenn sie Fähigkeit dazu haben.
Allah sagt in Seinem Edlen Buch: „Und Allah steht es den Menschen gegenüber zu, dass sie die Pilgerfahrt zum Hause unternehmen – (diejenigen,) die dazu die Möglichkeit haben.“ (Al-i-‘Imran, 97) Die Bedingung der Fähigkeit gilt für alle fünf Säulen des Islam. Mann muss die Schahada nur sagen, wenn man die Fähigkeit zu sprechen hat. Man muss die Niederwerfung, das Stehen und die Verbeugung im Gebet machen, wenn man körperlich dazu in der Lage ist, ohne sich körperlichen Schaden zuzufügen. Und man muss die Zakat nur in dem Fall bezahlen, wenn der eigene Besitz ein Niveau eines überzähligen Niveaus übersteigt, sodass der Nisab (die Mindestmenge) während eines Jahres erreicht wurde.
Aber Allah spricht über diese Bedingung in besonderem Zusammenhang mit der Hadsch, denn sie ist mit weit größeren Schwierigkeiten verbunden als die anderen Pfeiler des Islams. Die Reise ist lang und oft beschwerlich, die finanziellen Auslagen beträchtlich. Das gilt insbesondere für die heutige Zeit, in der viele von der Hand in den Mund leben. In der Vergangenheit trennten sich die Leute für rund ein Jahr von ihren Familien und Freunden. Sie reisten übers Land und über das Meer, widerstanden den Elementen und den Gefahren von Räubern. Die Leute stellten sicher, dass ihre Angelegenheiten vollkommen in Ordnung gebracht wurden, weil sie wussten, dass nicht zurückkommen könnten.
Heute ist die physische Seite der Reise viel leichter geworden. Dafür macht ihre finanzielle sie für viele unerreichbar. Die mit der Hadsch verbundenen Kosten sind vielfach unerschwinglich. Auch die begrenzte Verfügbarkeit von Visa für die Reise hat es vielen unmöglich gemacht, nach Mekka zu pilgern. Wer sich in dieser Lage befindet, muss nicht verzweifeln. In dem Fall hat man nicht eine Säule des Islam ausgelassen, da diese nicht die Bedingung erfüllt hat, für die entsprechenden Personen verpflichtend zu werden. Ihr Din ist nicht fehlerhaft.
Der Hadsch wird nur für den Fall zur Pflicht, wenn alle drei Aspekte der Fähigkeit eintreffen:
– Dass man körperlich fähig und stark genug ist, um die Reise zu unternehmen. Ist man hoffnungslos krank oder schwach, muss man nicht gehen, selbst wenn es sich dabei um die letzte Chance handelt.
– Dass man finanziell in der Lage zu Hadsch ist, auf der Reise überleben kann und zurückkehren kann, ohne sich verschuldet zu haben. Hierzu gehört auch, dass die abhängigen Personen wie Ehepartner, Eltern oder Kinder während der Abwesenheit mit ausreichend Mitteln versorgt sein müssen. Reichen die eigenen Finanzen nicht, muss niemand gehen. Eigentlich wäre es in dem Fall sogar verwerflich, die Hadsch zu unternehmen.
Dann braucht man das Visum für die Hadsch. Diese Bedingung ist keine, die sich in den Rechtsbüchern finden lässt. Sie ist aber ein Teil der existenziellen Realität der Welt, in der wir leben. Ohne Visa – ungeachtet der eigenen Finanzmittel oder körperlichen Stärke – wird man die Grenze nicht überschreiten können. Wer ein solches Visum beantragt hat und zurückgewiesen wird, erfüllt eine Bedingung für die Befähigung zur Hadsch nicht und ist deshalb nicht an seiner Pflicht gescheitert.
Frauen müssen wissen, dass die saudischen Behörden sie ohne Mahram – das heißt, ohne engen männlichen Verwandten – nicht ins Land einreisen lassen. Sie sagen, dass sei Teil des Fiqh, aber in Wirklichkeit ist es Puritanismus und Übereifer auf ihrer Seite und unfair für einen großen Teil der muslimischen Gemeinschaft.
Als ein vergleichbares Urteil in Gegenwart von Aischa, möge Allah mit ihr zufrieden sein, abgegeben wurde, wies sie es umgehen mit den Worten zurück: „Nicht alle Frauen haben einen Mahram!“ Mit anderen Worten, niemand sollte an der Erfüllung eine der größten Säulen Dins gehindert werden, nur weil ein bestimmter Typ von Verwandten fehlt. Das schafft einfach nur Hindernisse, wo es früher keine gab. Das war auch die Position von Malik. Allerdings legte er fest, dass sie in einer Gruppe reisen sollten, anstatt alleine zu sein. Er begründete das mit dem Beispiel der großen Prophetengefährten und den Worten des Gesandten Allahs.
Soweit es das Vorbild der Sahaba betraf, erteilte Umar den Prophetengattinnen die Erlaubnis, in Begleitung von ‘Uthman und ‘Abdarrahman auf die Hadsch zu gehen. Keiner dieser Männer war mit ihnen verwandt. Und der Prophet sagt zu Adi ibn Hatim: „Wenn ihr lange genug lebt, werdet ihr Frauen sehen, die in ihren Haudas [überdachte Kabinen für Reisekamele] ohne Ehemänner reisen. Sie kommen den weiten Weg von Al-Hira im Irak, um Tawaf um die Kaaba zu machen und fürchten nichts als Allah.“
Mit anderen Worten, der Grund, warum Frauen mit ihren Ehemännern oder Mahrams reisten, war ein Mangel an Sicherheit. Als aber die Straßen gesichert waren, gab es dafür keinen Bedarf mehr. Das ist das Recht, aber unglücklicherweise ist hier den Saudis Folge zu leisten, weil sie die Haramain kontrollieren. Jede Frau, die gehen möchte, sollte sich dessen bewusst sein und entsprechende Vorkehrungen treffen.
Wer zu jenen gehört, die die Fähigkeit haben und alle der erwähnten Bedingungen erfüllen, sollte auf keinen Fall zögern. Denn die Hadsch ist, wie der größte Gelehrte Medinas sagte, „eine Verpflichtung, die sofort fällig wird, sobald alle Bedingungen erfüllt sind“.
Der Gesandte Allahs sagte, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben: „Beeilt euch, die Hadsch zu machen, denn ihr werdet niemals wissen, was euch geschieht.“ Das heißt, was einen womöglich in der Zukunft daran hindern könnte. Wenn man diese Gelegenheit von Allah zurückweist, öffnet man die Tür für Kufr und den Zorn Allahs. Denn Abu Umama überlieferte die Worte des Propheten: „Wer nicht durch Krankheit, offenkundige Not oder einen tyrannischen Herrscher gehindert wird, und an der Verrichtung der Hadsch scheitert, kann genauso gut als ein Jude oder ein Christ sterben.“
Das ist eine ziemlich heftige Warnung. Also sollten wir die kleinen Sorgen dieser Welt nicht auf unserem Weg zur Hadsch stehen lassen. Wir sollten sie zur Seite schieben und zum Hause Allahs eilen.
Stellt euch vollkommen in Dienst Allahs und ihr werdet Erfolg haben. Folgt in den Spuren des Gesandten Allahs und seiner Gefährten sowie all jener, die sie nachahmten. Geht, wohin sie gingen. Ahmt sie in Handlung und Sprache nach.
Man sollte nur Gutes und nichts Schlechtes sehen; egal, mit was man konfrontiert wird. Das Schlechte führt dazu, dass man nichts von seiner Hadsch hat. Es zehrt alle Zeit und Energie auf und der eigene Zustand wird zu einem der Missbilligung: wegen dem Verhalten der Wachen, dem Vordringen hässlicher Hochhäuser in Richtung Haram, die Geschiebe und Gedränge und der Vormacht von Leuten, die mit ihrem Handy Selfies bei ihrem Tawaf um das Haus Allahs machen. Ignoriert sie und lasst euch davon nicht beeindrucken. Konzentriert euch stattdessen darauf, wo ihr seid, warum ihr dort seid und wen ihr baucht. Es zählt nichts anderes.
(iz). Seit nunmehr einem Jahrzehnt versuchen wir als EMU die verschiedenen Facetten des Islam in Europa zu beleuchten. Zweifellos ist es gerade auch die Präsenz der europäischen Muslime, die deutlich macht, dass der Islam keinesfalls ein Phänomen der Fremde darstellt. Über Jahrhunderte hat der Islam tiefe Spuren in der Geschichte Europas hinterlassen. Hierzu gehört natürlich insbesondere das historische Erbe der Muslime Südost- und Osteuropas, Siziliens und Andalusiens. Man kann wohl mit Recht sagen, dass ohne das Studium der jahrhundertelangen Präsenz in Andalusien das Bild des Islam in Europa zutiefst unverstanden bleiben muss. Ohne klare Kenntnisse der Geschichte des Islam, wird es uns auch schwer fallen, den destruktiven Einfluss muslimischer Ideologen und Fanatiker auf das Erscheinungsbild der Muslime zurückzudrängen.
Genauso gilt es für ein tieferes Verstehen der islamischen Lebenspraxis, die großen Denker und Philosophen aus Ost und West und ihr Verhältnis zum Islam in Europa in Erinnerung zu rufen. Viele europäische Philosophen sahen im Phänomen der Einheit, für die der Islam ja steht, eine faszinierende Möglichkeit, das Denken und die Religion zu versöhnen. Im Februar 2013, um nur ein Beispiel zu nennen, hat unser NGO in Weimar, in einem Seminar über das Werk Johann Wolfgang von Goethes, diese facettenreiche Beziehung näher beleuchtet. Von Goethe selbst stammt ja auch der berühmte Satz: „Wenn Islam Gottergebenheit heißt, leben und sterben wir alle im Islam“.
Nachdem wir vor zwei Jahren über das Werk Rainer Maria Rilkes in Ronda nachgedacht haben, haben wir uns im Juni diesen Jahres vorgenommen, das Werk Ibn Khalduns in einen europäischen Kontext zu setzen. Der Historiker Arnold Toynbee sieht in ihm einen der „brillantesten und scharfsinnigsten Geister und einen der größten Historiker den die Menschheit je hervorbracht hat“.
Ibn Khaldun ist aber nicht nur Historiker, sondern auch ein bedeutender Rechtsgelehrter und überzeugter Verteidiger des Sufismus. Wie alle großen Persönlichkeiten und Denker der Vergangenheit, besticht das Werk Ibn Khalduns durch seine bemerkenswerte Aktualität. Ich möchte in aller Kürze versuchen, einige Leitgedanken Ibn Khalduns für die Deutung der Lage Europas, aber auch für die Situation der Muslime in Europa, hervor zu heben. Natürlich verführt die berühmte These Khalduns, die vom unaufhaltsamen Auf- und Abstieg aller Zivilisationen handelt, zunächst zu der Frage, wie es diesbezüglich um Europa steht. Wo steht also Europa heute?
Pessimisten sprechen bereits vom Untergang der europäischen Kultur zugunsten einer entleerten Weltkultur. Sie befürchten Überfremdung und immer neue unlösbare Probleme der Immigration. Es ist von der Krise des Christentums die Rede oder gar von einem bevorstehenden Kampf „heimischer“ und „fremder“ Kulturen innerhalb der Grenzen Europas. Verstärkt wird der neue Pessimismus durch die prekäre ökonomische Lage, in der wir uns in den Jahren der Finanzkrise befinden. Gerade die europaweit praktizierte Inflationskultur, die beinahe zwanghaft immer größere Geldmengen in Umlauf bringt, gibt dem Denkenden tatsächlich Anlass für wachsende Sorgen. Tatsächlich sind, gerade aus der Sicht Ibn Khalduns, Luxus, Konsum und Schulden – wie wir in seinen Werken lernen – sichere Zeichen einer zerfallenden Zivilisation. Auch die rettende Idee ewigen Wachstums, die in Europa nach wie vor bestimmend ist, kann vor seiner ökonomischen Vernunft sicher nicht bestehen.
Ein bedenkliche Folge dieser geistigen Krise und der Zunahme des neuen Pessimismus in Europa kann man – ich erinnere nur an den Ausgang der Europawahlen 2014 – in dem Erstarken rechter und nationalistischer Parteiungen sehen, die mit dem Vorschlag antreten, den kulturellen Zerfall und den Identitätsverlust Europas mit einer Wiederbelebung nationaler Ideen aufzuhalten. Das Beispiel der faschistoiden „Front National” in Frankreich zeigt den Trend, den alten Antisemitismus durch eine neue Islamfeindlichkeit zu ersetzen und die Muslime gar als Fremde ohne eigene Bürgerrechte einzustufen.
Das Motto der neuen Nationalisten ist eher simpel: „Wir sind Europäer, weil sie es nicht sind!“. Der neuen „rechten“ oder „nationalen“ Bewegung fällt es deutlich leichter, den Feind, den Gegner zu definieren, als etwa den positiven Inhalt einer neuen europäischen Kultur. Sie haben keine erneuerte Kultur anzubieten. Infam ist auch der Versuch, sogar in Europa geborene Muslime nicht als Europäer und als natürliche Träger allgemeiner Bürgerrechte zu sehen. Auch ökonomisch hat der neue rechte Populismus, nebenbei erwähnt, kein Konzept, wie eine neue „Nationalökonomie“ unter den globalen Bedingungen der Finanzmärkte bestehen kann.
Diese Bewegung nutzt auch – ob wir Muslime wollen oder nicht – immer öfter der wachsenden negativen Haltung vieler Europäer gegenüber dem Islam. In Deutschland sind, nach einer Untersuchung der Universität Leipzig, inzwischen 56% der Bevölkerung gegen eine weitere Zuwanderung aus der islamischen Welt. Zwar geht die Plage des Antisemitismus auch in Deutschland zurück, allerdings auf Kosten neuer Feindbilder, insbesondere einer wachsenden Ablehnung gegenüber dem Islam. Wir als Muslime müssen uns dabei Sorgen machen, dass islamfeindliche Positionen auch in der Mitte der Gesellschaft zu finden sind. Der ehemalige deutsche Bundespräsident Wulff, der nach 598 Tagen von seinem Amt zurücktreten musste, hat gerade in seinen Erinnerungen berichtet, wie sehr sein Bekenntnis „der Islam sei Teil Deutschlands” ihm Feindschaft und Gegnerschaft eingebracht hat.
Wir Muslime müssen also jetzt mit dafür Sorge tragen, dass sich in Europa ein neuer Optimismus durchsetzt. Wenden wir uns also nun der Anderen, der optimistischen Sichtweise zu.
Tatsächlich ist die Frage, wie Europa mit dem Islam umgeht, für den Charakter des künftigen Europa von entscheidender Bedeutung. Natürlich sind gerade wir, die europäischen Muslime, in unserer Heimat gefragt, an dieser Debatte aktiv teilzunehmen. Als Muslime, von Natur aus den Mittelweg suchend, wenden wir uns gleichermaßen gegen Modelle des provinziellen Nationalismus oder eines weltstaatlichen Zentralismus. Enorm wichtig ist für uns dagegen der soziale Zusammenhalt der gesamten Bevölkerung auf lokaler Ebene. Auch hier finden wir bei Ibn Khaldun einen weiteren Schlüsselgedanken: Assabiyya.
Der Begriff entzieht sich zunächst – wie so oft, wenn wir die eigenständige Terminologie des Islam benutzen – einer eindeutigen Übersetzung in eine europäische Sprache. Es handelt sich hier um die Benennung des sozialen Bindegliedes, den gemeinsamen Nenner zwischen den Menschen, der ihrer aktuellen politischen Natur und ihrem Status entspricht. Dieses setzt dabei immer eine freie Entscheidung voraus, welche ökonomischen, politischen, sozialen oder kulturellen Elementen gemeinsames Handeln ermöglichen soll. Ibn Khaldun wendet sich mit diesem Begriff gegen einen reinen Individualismus, der nach seiner Auffassung nicht der politischen und sozialen Natur des Menschen entspricht.
Nach Ibn Khaldun ist die höchste Form von Asabiyya die „religiös“ motivierte. Sie geht über das provinzielle Stammesdenken hinaus. Aus islamischer Sicht hat diese höchste Form der Assabiyya nichts mit Nationalismus oder der Dominanz einer bestimmten Kultur zu tun. Natürlich kann ich Spanier, Engländer oder Deutscher und gleichzeitig Muslim sein. Bedauerlicherweise entsteht heute in Europa ein falscher Eindruck, da sie noch immer viele antiquierte Organisationen auf Grundlage ethnischer Abgrenzung und Ghettoisierung konstituieren.
Wir definieren dagegen europäische Muslime, die als Europäer die europäischen Sprachen sprechen und ihren sozialen, ökonomischen und kulturellen Beitrag leisten wollen. Ein wichtiges Bindeglied für unsere Gemeinschaften ist dabei die korrekte Erhebung der Zakat und nicht etwa die Herkunft oder ethnische Kategorien.
Klar ist, nur wenn wir die Beiträge des Islam für das soziale und ökonomische Leben öffentlich machen, können wir in Europa eine positive und selbstbestimmte Rolle spielen. Noch immer sehen viele Europäer nicht den zivilisatorischen Beitrag des Islam, der sich aber in der Forderung nach dem freien Markt, dem globalen fairen Handel, dem Wirtschaftsrecht oder den Stiftungen zeigt. Und – dies zeigt sich auch in dem Denken Ibn Khalduns – das islamische Denken setzt die europäische Suche nach der Einheit des Daseins und dem Verstehen der Lebensvorgänge fort. Hier, bei der Bestimmung der eigentlichen konstruktiven Thematik des Islam, hat die European Muslim Union eine zweifellos wichtige Rolle. In Sevilla wurde dabei deutlich, was der Begriff „Assabiyya” für uns europäische Muslime heute positiv ausmacht.
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