IZ-Kurzserie zum Thema Aufklärung: Sind die Muslime Deutschlands aufgeklärt? Seit Jahren wird eine Aufklärung der Muslime gefordert. Im vierten Teil seiner Serie stellt Ahmet Aydin Herders Europa und Europakritik vor. […]
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IZ-Kurzserie zum Thema Aufklärung: Sind die Muslime Deutschlands aufgeklärt? Seit Jahren wird eine Aufklärung der Muslime gefordert. Im vierten Teil seiner Serie stellt Ahmet Aydin Herders Europa und Europakritik vor. […]
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(iz). Sind die Muslime Deutschlands aufgeklärt? Seit Jahren wird eine Aufklärung der Muslime gefordert. Aufgeklärte Muslime waren jedoch bereits in Europa, so Herder, und bereiteten den Boden der Renaissance. Der Literaturwissenschaftler Ahmet Aydin führt in Herders Aufklärungsbegriff ein.
„Die Erscheinung selbst, das an den Grenzen des arabischen Gebiets sowohl in Spanien als in Sizilien für ganz Europa die erste Aufklärung begann, ist merkwürdig und auch für einen großen Teil ihrer Folgen entscheidend.“, sagt Johann G. Herder. Die Kultur der Muslime im alten Spanien und Sizilien war anders als die Kultur der Christen zur Zeit „der“ Aufklärung. Dennoch verwendet Herder den Begriff Aufklärung. Was meint er damit? Schauen wir uns diese Stelle genauer an.
Das Wort merkwürdig bedeutet heute „komisch, seltsam“. Zu Herders Zeit bedeutete merkwürdig „bemerkenswert, des Merkens würdig“. Wer Texte der großen Zeit von Weimar liest, muss manchmal nachschlagen, was bestimmte Begriffe damals bedeuteten. Andernfalls sind die Texte nicht zu verstehen. Um diesen Satz gänzlich zu verstehen, reichen die bloßen Worte jedoch nicht aus. Wir müssen Herders Aufklärungsbegriff kennen, den er in seinen „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ entfaltet.
Herder bezeichnet den Menschen als Mittelgeschöpf. Einerseits besitze er den Funken Gottes, andererseits sei er aufgrund seines Körpers Teil der biologischen Welt. Dieser Funken Gottes drücke sich am stärksten in der Sprache aus. Mit nichts unterscheide sich der Mensch stärker von Tieren. Das Tier schreibe nichts auf, um es Nachkommen weiterzugeben. Der Mensch sei in der Lage mit Worten Erkenntnisse festzuhalten und weiterzugeben. Dadurch entsteht das, was Tradition genannt wird. Mittels Sprache tradiert der Mensch.
Tradition ist also das, was von früheren Menschen hinterlassen wurde. Gemäß der Tradition zu leben, heißt gemäß der Erkenntnisse früherer Menschen zu leben. Menschen, die das ohne zu hinterfragen tun, bezeichnet Herder als solche, die nicht aufgeklärt sind. Aufgeklärt sei der Mensch, der die Tradition sichtet, aufnimmt und hinterfragt. Wenn bemerkt wird, dass die früheren Menschen einen Fehler machten, so solle den Fehlern nicht treu geblieben werden.
Fehlern treu zu bleiben, nur weil die Ahnen eines Volkes oder einer Gesellschaft ihn als Wahrheit anerkannten, hieße blind nachzuahmen und sich selbst zu lähmen. Das sei Barbarei. Alles, was den göttlichen Funken, d.h. unsere Humanität, verdunkelt, ist Barbarei.
Foto: Steffen Schmitz (Carschten), via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 4.0
Menschen, die zu ihrer Zeit das Tradierte sichten und auswerten und es im nächsten Schritt als Material benutzen, um etwas Neues zu kreieren, sind Aufklärer. Herder lehrt: Aufklärung ist keine Phase, die einmal durchgemacht wird und dann bis zum Ende der Zeit gültig ist. Jede Generation muss eine eigene Aufklärung durchmachen. Wenn sie es nicht tut, verfällt sie der Barbarei und lebt bloß mit den Erkenntnissen früherer Völker und Gesellschaften.
Die Muslime in Bagdad, der ehemaligen Stadt der Weisheit, taten das. Sie trugen ihre Weisheit bis nach Europa. Hier gründeten Muslime die erste Metropole Europas: Córdoba. Es wurde der Hort des Wissens. Aus allen Regionen Europas reisten Christen und Juden an, um Wissen zu studieren. Eine Beschreibung können wir beim Geschichtsschreiber Ibn Bassam (gest. 1047) nachlesen:
„Die Metropole Córdoba ist (…) das höchste Ziel, der Platz, an dem die Herrschaftsstandarte aufgepflanzt wird, die Heimat der Wissens- und Verstandesbegabten, das Herz des Landes, die Quelle der hervorströmenden Wissenschaften, das Haus der wahrsten Verstandeskräfte, der Garten der Früchte der Geistesanstrengungen und das Meer der Perlen der Genies. Von ihrem Horizont gingen die Sterne des Landes und die Berühmten des Zeitalters sowie die Meister der Prosa und Poesie auf; in ihr entstanden die glänzenden Schriften und wurden die erhabenen Abfassungen erstellt. Der Grund dafür und für den Vorrang der Bevölkerung dort in alter und neuer Zeit über alle anderen besteht darin, dass ihre cordobesische Region stets Forscher und Suchende in den Disziplinen der Wissenschaft und Literatur umfasste.“ (aus dem Werk: „Schatzkammer der Leistungen der Leute von der [iberischen Halb]Insel“)
Was wir heute fundiert belegen können, erkannte Herder bereits zu seiner Zeit an, indem er bloß die Literaturen Europas studierte und der Frage nachging, weshalb Spanien, Italien und Frankreich den später kommenden Deutschen vorausgingen.
Foto: Anna Krasnopeeva, Shutterstock
„Unleugbar ist’s nämlich, dass die Araber [Muslime] in ihrem weiten Reiche (…) Sprache und Wissenschaften, Handel und Künste sehr kultiviert hatten.“ Kultivieren bedeutet sein menschliches Potenzial auszuschöpfen. Kultivieren heißt den Funken Gottes zum Strahlen zu bringen. Kultivieren bedeutet mit dem Verstand zu sichten und was man vorfindet auszuwerten und es anschließend als Material zu nutzen für Neues. Das taten die Muslime und haben dadurch die Weltkultur bereichert. Menschen, die das tun, sind Aufklärer. Muslime waren gemäß Herder die ersten Aufklärer unseres modernen Europas.
Ein Beispiel dafür ist das Werk „Die Wissenschaftsgeschichte der Völker“ von Said Al-Andalusi. Andalusi war islamischer Rechtsgelehrter in Toledo. Er starb 1070. Nur 15 Jahre später im Jahr 1085 eroberten Christen die Stadt und für eine kurze Zeit gewährten Christen im Mittelalter, dem Vorbild der damaligen Muslime entsprechend, Religionsfreiheit. Christen ahmten die Muslime nach, und klärten sich am Beispiels des muslimischen Vorbildes auf.
Herder schreibt: „Wie anders nun, als dass in Spanien, wo ein Hauptsitz dieser Kultur war, wo Jahrhunderte lang die Christen mit ihnen in Streit oder ihnen unterwürfig gelebt hatten, neben diesem hellen Licht nicht ewig und immer die Dunkelheit verharren konnte? Es mussten sich mit der Zeit die Schatten brechen; man mußte sich seiner schlechten Sprache und Sitten, der ungebildeten Rustica schämen lernen, und da die meisten Spanier Arabisch konnten, auch eine unsägliche Menge arabischer Bücher und Anstalten in Spanien jedermann vor Augen war, so konnte es ja nicht fehlen, dass jeder kleine Schritt zur Vervollkommnung auch unvermerkt nach diesem Vorbilde geschah.“
Herders Ausführungen wurden lange, sehr sehr lange als „Araberthese“ abgetan. Das ist heute nicht mehr möglich. William Montgomery Watts „Der Einfluss des Islams auf das europäische Mittelalter“, Monika Walters „Der verschwundene Islam?: Für eine andere Kulturgeschichte Westeuropas“, Sigrid Hunkes „Allahs Sonne über dem Abendland. Unser arabisches Erbe“ oder Jim al-Khalilis „Im Haus der Weisheit: Die arabischen Wissenschaften als Fundament unserer Kultur“, das sind einige der Werke, die Herders Erkenntnisse aus dem auslaufenden 18. Jahrhundert stützen. Herder stellte seine Untersuchungen an, um herauszufinden, warum die Renaissance in Italien begann und Spanien und Frankreich lange fortschrittlicher waren. Die Präsenz der Muslime machte den Unterschied.
Hundert Jahre nach Herder geht der Orientalist Adolf Friedrich von Schack ebenfalls der Frage nach, was Muslime in Spanien und Sizilien leisteten und schrieb 1865 sein zweibändiges Werk „Poesie und Kunst der Araber in Spanien und Sizilien“. Von Schack schreibt im Vorwort, dass einige behaupteten, aller Fortschritt sei den Muslimen zu verdanken und manche würden die Leistungen der Muslime leugnen. In der Mitte sei die Wahrheit zu finden. Die Frage, ob Muslime als Gestalter und Entwickler zur Weltkultur beitrugen, wurde also intensiv in der Vergangenheit diskutiert. Sie ist nicht neu.
Von Schack kommt zu dem Urteil: „Die Reize von Kunst und Natur, die Weichheit des Klimas und die ungleich höhere Zivilisation der Mohammedaner, welche nach wie vor die überwiegend große Bevölkerung der Insel bildeten, (gewannen) unversehens Macht über sie. Sitten, Künste und Wissenschaften der Überwundenen (Muslimen) teilten sich den Eroberern (Christen) mit.“
Muslime vermittelten nicht bloß griechisches Wissen, sie entwickelten weiter. Der vielleicht bedeutendste muslimische Wissenschaftler al-Biruni (gest. 1048) schreibt: „Ich habe getan, was alle in ihrer Arbeit vollbringen müssen: Die Erfolge der Vorgänger dankbar begrüßen, ihre Fehler ohne Furcht berichtigen und das, was einem als wahr erscheint der folgenden Generation und deren Nachfolgern anvertrauen.“
Wer solches tut, ist gemäß Herder, das legte ich am Anfang dieses Essays dar, ein Aufklärer. (Wer mehr zu al-Biruni erfahren möchte, dem sei das Werk „In den Gärten der Wissenschaft. Ausgewählte Texte aus den Werken des muslimischen Universalgelehrten“ empfohlen)
Foto: Royalty-Free | Corbis Library
Was nützt es alte Muslime anzuführen, wenn heutige Muslime geringe oder keine kultivierenden Beiträge leisten? Die damaligen Muslime blickten in denselben Koran und Hadithe wie wir heute. Zu sehen, dass Koran und Sunna sie zum Forschen animierten, legt Zeugnis dafür ab, dass nicht der Islam eine Aufklärung nötig hat.
Der Islam ist nicht das Hindernis. Angebliche Abendlandsverteidiger verneinen das. Dabei verweisen sie auf heutige Muslime. Ich lehne ihre Kritik nicht ab. Die Kritik hilft mir, Missstände zu erkennen. Wie die damaligen Christen sich vor den Muslimen schämten und dadurch Ästhetik und Künste kennenlernten und entwickelten, ist es angebracht, dass heutige Muslime es den Osmanen im 19. Jhd. gleichtun.
Die Osmanen besannen sich auf das alte Andalusien und schrieben die erste Geschichte Andalusiens aus muslimischer Sicht, denn es ist ein Fundament des modernen, wissenschaftlichen Europas. Sie sahen, was Europa aus dem andalusischen Erbe tat. Was tun wir Muslime in Deutschland damit? Was ignorieren wir und was entgeht unserem Blick? Ein Misstand von heute ist es bspw., Koran und Sunna zu sagen, ohne zur Behebung von Missständen beizutragen. Wir müssen selbstkritisch sein. Mehr zu unseren Missständen im dritten Teil der Serie.
(iz). Sind die Muslime Deutschlands aufgeklärt? Seit Jahren wird eine Aufklärung der Muslime gefordert. Zu Recht und Unrecht, sagt der Literaturwissenschaftlicher und deutsche Dichter Ahmet Aydin im ersten Teil seiner Serie.
Mit der Frage, was Aufklärung ist, zu beginnen, scheint mir inzwischen unumgänglich. Immanuel Kant hat die Frage beantwortet. Wieland hat sie beantwortet. Mendelssohn hat sie beantwortet. Aber auch Johann Gottfried Herder, der Vater, Begründer und Ideengeber einer deutschen Identität, hat sie beantwortet.
Möchte ich gerade lediglich Namen „droppen“, damit alle sehen, wie gebildet ich angeblich sei? Nein. Ich möchte einen Hinweis geben. Es gibt verschiedene Antworten darauf, was Aufklärung ist und was sie nicht ist. Das deutsche Wort „Aufklärung“ kommt von Christoph Martin Wieland. Wenn heute über Aufklärung gesprochen wird, wird in der Regel in Kants Definition über sie gesprochen.
Seinem Begriff liegt auch Kants Kulturverständnis zugrunde. Immanuel Kant sprach nur von „Kultur“ oder Nicht-Kultur. Er sprach nicht von „Kulturen“. D.h. Kultur im Plural verwendete Kant nicht. Er gehört damit zu den Denkern Europas vor der Weimarer Klassik, die sich grundlegend und ideell von Kant und dem Rest Europas bis dahin unterscheidet.
Herder definiert Aufklärung nicht bloß damit, den Mut zu haben, selbst zu denken. In Herders Denken ist die Aufklärung an die Kenntnis und, wenn es nötig ist, die Überwindung der eigenen vorgefundenen Tradition gebunden:
„Die Tradition ist eine an sich vortreffliche, unserm Geschlecht unentbehrliche Naturordnung; sobald sie aber sowohl in praktischen Staatsanstalten als im Unterricht alle Denkkraft fesselt, allen Fortgang der Menschenvernunft und Verbesserung nach neuen Umständen und Zeiten hindert: so ist sie das wahre Opium des Geistes sowohl für Staaten als Sekten und einzelne Menschen.“ (Ideen, III, 12/VI)
In nahezu allen öffentlichen Diskursen wird Muslimen vorgeworfen, zu sehr ihrer Tradition verbunden zu sein und sich für das Deutsche bzw. Europäische nicht zu öffnen. Diese Kritik ist zum Teil berechtigt, ja.
Nicht wenige Muslime – sprechen wir es mal radikal selbstkritisch aus – kleben an ihrer Tradition, wie Insekten am Honig. Denn sie ist süß, bequem, bekannt. Nicht selbst zu denken ist, wie Kant sagt, wirklich sehr sehr bequem. Doch ist es islamisch? Ist es halal? Ist es gottgefällig, nicht selbst zu denken? Diese Fragen sind sehr gewagt. Denn auch auf „den“ Westen und seinen Versuch Kulturimperialismus zu betreiben, ist kein Verlass.
Foto: Osman Hamdi Bey, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY 2.0
Der der Westen stagniert(e) lange in seiner Behauptung, das kritische Denken sei untergegangen in der muslimischen Welt. Das schrieb Ernest Renan um 1850 und diese Aussage hörte sogar ich noch im Jahr 2013 an einer deutschen Uni und natürlich in der deutschen Öffentlichkeit. Wenn Antworten auf Renan thematisiert werden, dann wurden nur Antworten von Afghani und Abduh angeführt.
Die bedeutendste Antwort und die Antwort, die selbstbewusst und ohne Minderwertigkeitskomplexe gegeben wurde, ist die Antwort des osmanischen Dichters, Denkers, Übersetzers und Aktivisten: Namik Kemal. Er schrieb bereits um 1860 eine mehr als schlagfertige Antwort. Die deutsche Mehrheitsgesellschaft kann nichts dafür, dass sie sie nicht kennt. Die Turkologen schlafen – und die türkisch-deutschen Muslime?
Sie haben diesen Text nicht übersetzt, weil viele ihn nicht mal kennen. Sie sind zu unbelesen und ungebildet. Das hat Ursachen. Ja, doch es weiterhin zu bleiben, ist eine Sünde, eine so große, dass sie uns unsere Zukunft kosten kann.
Wer sich in dieser Zeit nicht kulturell bildet, der hat in Europa als Muslim in der Öffentlichkeit nichts zu suchen. Denn er richtet mehr Schaden an, als aufzubauen. So einen Muslim, ganz gleich, ob Türkisch, Arabisch, Persisch oder sonst was, bezeichne ich als unaufgeklärt.
Lasst mich aus der Antwort Namik Kemals zitieren, damit die Schärfe meiner Anklage verständlich wird. Kemal schrieb:
„Nicht bloß Ernest Renan, ich kann ihnen mit Leichtigkeit beweisen, dass die bekannten Europäer, die sich mit den östlichen Wissenschaften befassen, wenn es zum Islam kommt, dermaßen unwissend sind, dass es Staunen erregt. (…) Hätte ich Monsieur Renans Text nicht gelesen, so hielt ich es nicht für möglich, dass in einem so kurzen Text so viele Fehler gemacht werden können. (…) Die europäischen Gelehrten mit dem Verständnis von Ernest Renan akzeptieren jedes Wort, das uns (Muslime) betrifft als wahr an, ohne eines Beweises zu bedürfen. Wenn ein Beweis gefordert wird, so erhielten wir oftmals die Antwort: ‘Ich sage das’. (…) Ist es eine Notwendigkeit seiner Methode in Debatten, die Beweise der Gegenseite nicht zu akzeptieren. Dies scheint ihm Ruhm einzubringen, wie es ihm auch Ruhm einbringt, keine eigenen Beweise vorzulegen.“
Um es in der Jugendsprache deutlich auszusprechen: Namik Kemal hat Ernest Renan rasiert. Er tritt intellektuell und wissenschaftlich auf und besitzt ein gesundes Selbstbewusstsein. Hochmut wäre dieses Selbstbewusstsein dann, wenn er eigene Fehler nicht benennen würde, doch das tut er. Er sagt, wir müssen die Formen aus Europa, wie den Roman, übernehmen. Bloße Hutbas, so Namik Kemal, reichen einfach nicht aus, um die Bevölkerung zu bilden.
Wirkt dieser Mann unaufgeklärt? Er ist ein aufgeklärter Muslim. Ein bedeutender Satz Namik Kemals verdeutlicht dies nochmal: „Wissen und Kultur sind eine sehr neckische Geliebte. Wer sich in sie verliebt, opfert sein Leben auf, um zu ihr zu gelangen.“ Kant würde Namik Kemal herzlich umarmen.
Die Mehrheitsgesellschaft irrt in ihrer Annahme, der Islam müsse reformiert werden. Der Islam ist bereits ein aufgeklärtes Christentum. Dies bestätigten Lessing und Goethe bereits. Die Mehrheitsgesellschaft möge ihre eigenen Dichter und Denker genauer lesen und seine eigenen Komplexe überwinden.
Wohl aber, und diese Selbstkritik müssen die Muslime annehmen, Muslime müssen aufgeklärt werden. Genauso wie die heutigen Deutschen aufgeklärt werden müssen, müssen Muslime, als Teil des gegenwärtigen Deutschen aufgeklärt werden.
Muslime, die ihre Geistesgeschichte kennen und nicht bloß damit beschäftigt sind, nicht negativ aufzufallen bzw. nicht anzuecken, sie sind aufgeklärte Muslime, die Deutschland und Europa bereichern können. Die anderen werden in der Geschichte der Muslime Deutschlands und Europas vergessen werden. So ergeht es allen, die bloß Tagespolitik betreiben. „Was bleibet aber, stiften die Dichter“ und eben Denker und Künstler.
Namik Kemal ist ihre Geistesgeschichte, aber die türkisch-deutschen Muslime schlafen, ihn zu vermitteln, weil sie ihn nicht kennen oder Angst davor haben, von der Politik und der öffentlichen Inquisition Deutschland, den Journalisten, abgestraft zu werden dafür, dass sie über einen osmanischen Dichter und Denker sprechen.
Menschen, die nur in Angst und Furcht leben, sind armselige Geschöpfe. Dieser osmanische Dichter und Denker jedoch, ist den heutigen Muslimen hoch überlegen. Er hat kein Allheilmittel, aber bietet Denkansätze, genauso wie Ziya Pascha oder Ahmed Cevdet Pascha.
Sie sind ein Mittel gegen Extremismus und Radikalität. Es ist die Pflicht türkisch-deutscher Muslime, sie zu vermitteln. Wenn das ausbleibt und man weiterhin ganz „unschuldig“ nur über das Gebet spricht und das Fasten und den Hadsch, werden künftige Muslime auf unsere Zeit als eine Zeit der Schande zurückblicken.
Sie werden sich die Frage stellen, ob wir wirklich Muslime waren, wenn wir nur in der Angst lebten, was angebliche Islamkritiker sagen. Niemand nimmt Menschen, die bloß aus Angst agieren, ernst. Die angeblichen Islamkritiker spielen mit ihnen wie Marionetten mit ihren Puppen.
Auch der Gelehrte Elmalili Hamdi Yazir erkannte dieses Problem. Die gesamte Intellektuellen des ausgehenden Osmanischen Reiches erkannten das Problem. Der erste Schritt sei Keşfi kadim., das heißt: Die Erforschung der alten muslimischen Hochkulturen. Und daraus resultierend das zweite: Vazi cedit. Das Hervorbringen von etwas Neuem, in der Nachfolge des Alten. Heutige Muslime wollen immer etwas liefern und hervorbringen, aber sie das Alte noch nicht erfahrbar gemacht, deshalb wirken sie barbarisch.
Foto: Anna Krasnopeeva, Shutterstock
Die Mehrheitsgesellschaft sollte die Muslime entdecken lassen und sie nicht ständig mit Anschuldigungen abhalten. Sonst verhindert sie, was sie selbst wünscht: Kultivierte Muslime. Herder könnte hierin ihr Vorbild sein.
Herder ist einer der deutschen Denker, die Menschen, die die Tradition nicht kennen, nicht ernst nehmen. Seien sie muslimisch oder nicht. Muslime, die etwas hervorbringen wollen, ohne das Alte zu kennen, würde er als kulturell kolonialisiert bezeichnen.
Die erste Aufklärung für ganz Europa, wie wir es heute kennen, begann im alten Andalusien. Das ist eine Feststellung Herders. Die „poetische Invasion“ der arabischen Muslime, habe zur Renaissance in Europa geführt. Dies sagt er in seinen Briefen zur Beförderung der Humanität. Was das alles bedeuten kann und was nicht, wird im zweiten Teil dieser Serie diskutiert.
Doch eines ist sicher: Herder als Vater und Ideengeber einer deutschen Identität, betrachtete unser modernes Europa als Produkt des Griechischen, Römischen und Arabischen. Das schreibt er in seinem Hauptwerk, den „Ideen“. Muslime, die das nicht wissen, und auch nicht die Beschäftigung der türkisch-muslimischen Intellektuellen mit Europa, ihnen mangelt es an Selbstbewusstsein und Urteilskraft.
Deutschland ist momentan ein neues Andalusien. Und das macht Hoffnung. Ideen werden ausgetauscht, künstlerische Werke geschaffen, es wird versucht und gestaltet. Darauf können wir stolz sein. Allesamt. Unser aller gemeinsames Projekt ist es, dass unsere Arbeit Deutschland kulturell bereichert und dazu beiträgt, dass wir zur Ausgestaltung und Formulierung universaler Werte beitragen.
Es wurden in diesem Essay viele Themen und Namen angeschnitten. Es soll einen Überblick bieten, was uns erwartet. Die nächsten Teile der Serie, werden diesen Artikel noch verständlicher machen. Denn nur die Unkenntnis der muslimischen Geistesgeschichte, verhindert diesen ersten Beitrag zu verstehen. Möge Allah teala unser aller Wissen mehren und durch uns den Kulturgrad der Gesellschaft bereichern und anheben.
Kulturgeschichte: Said al-Andalusi aus Toledo schrieb ein frühes Werk. (iz). Das Jahr 1068 n. Chr.: Ein europäischer Muslim schreibt die erste Kulturgeschichte der Menschheitsgeschichte. Dieser Mann heißt Said al-Andalusi. Geboren […]
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Köln (KNA). Der Leiter des Zentrums für Islamische Theologie, Mouhanad Khorchide, hat die Kritik muslimischer Verbände an seiner Arbeit zurückgewiesen. In der Sendung „Tag für Tag“ im Deutschlandfunk wandte er sich gegen den Vorwurf, nur wie ein Orientalist zu arbeiten. Er betrachte den Islam „aus einer Innenperspektive“ heraus. „Und deshalb sehe ich meine Arbeit genuin als eine islamisch-theologische Arbeit.“
Das ZIT bildet Lehrer für den neuen islamischen Religionsunterricht an nordrhein-westfälischen Schulen aus. Der Koordinationsrat der Muslime (KRM) wirft Khorchide vor, nicht wie ein Vertreter einer bekenntnisorientierten Religion zu argumentieren. Das Gremium hat ein Gutachten über die Theologie und Bücher Khorchides angekündigt. Seine jüngste Veröffentlichung lautet: „Scharia – der missverstandene Gott.“
Khorchide wirft im Deutschlandfunk seinerseits den Verbandsvertretern vor, sich seine Lehrveranstaltungen nicht näher anzugucken. „Bis jetzt habe ich niemanden gesehen.“ Wenn er in jedem Buch mit mehr als 400 Koranversen argumentiere, sei das „keineswegs die Vorgehensweise eines Orientalisten oder eines Islamwissenschaftlers“.
Zugleich räumte Khorchide Fehler im Umgang mit den Verbänden ein. Er hätte sich mit deren Vertretern häufiger an einen Tisch setzten sollen. Dann „hätte man einiges an Missverständnissen aus der Welt geschaffen“. Künftig wolle er sich „etwas mehr Zeit für die offene Kommunikation“ nehmen.
Der Sender zitiert weiter den KRM-Sprecher Bekir Alboga, wonach die Verbände eine neue Kandidatin für den Beirat benannt hätten, der über die Lehrinhalte und das -personal am ZIT bestimmt. Dabei handele es sich um die Berliner Islamlehrerin Rukiye Kurtbeker, die im Auftrag der Islamischen Förderation Berlin arbeite. Diese gehört zur Gemeinschaft Milli Görüs, die vom Bundes- und Landesverfassungsschutz beobachtet wird. Alboga sagte dem Sender, dass das Bundesinnenministerium bereits grünes Licht für Kurtbeker gegeben habe.
Vier Beiratsvertreter benennt die Universität, vier weitere der KRM selbst. Vorschläge für einen dieser vier Beiratsposten waren bislang wegen Zweifeln an der Verfassungstreue der Kandidaten abgelehnt worden. Deshalb hat sich das Gremium noch nicht konstituiert. Weil der Bund das Zentrum finanziell unterstützt, überprüft er die Kandidaten für den Beirat.
(iz). Selten schalten sich Deutschlands Muslime hörbar in die Debatte um den Islam ein. Zu sehr sind unsere Repräsentanten durch reaktive, manchmal schwachbrüstige Rhetorik gekennzeichnet. Den wenigen relevanten Stimmen, die es gibt, wird – im Gegensatz zu Randfiguren – nur selten Gehör im Mehrheitsdiskurs geschenkt. Umso höher muss das in den nächsten Wochen erscheinende erste Buch des Journalisten Eren Güvercin, „Neo-Moslems: Porträt einer deutschen Generation“, bewertet werden. Es ist mit Sicherheit, zumindest von muslimischer Warte, der wichtigste Titel dieser Saison. In drei Kapiteln widmet sich junge Autor der Generation der „Neo-Moslem“, denkt darüber nach, wer bisher was über den Islam in Deutschland zu sagen hatte (und was das zu bedeuten hat) und führt in die Welt der „Neo-Moslems“ ein. Es ist gut, dass der Autor den renommierten Herder-Verlag und einen mutigen Lektor fand, der sich dieses wichtigen Textes über die Zukunftsgeneration der deutschen Muslime angenommen hat.
Um aufgeregte Reflexe und Kurzschlüsse zu vermeiden, sei erklärt, dass der Autor – wie er im Gespräch mit der IZ mitteilte – mit seinen „Neo-Moslems“ keine neue religiöse Kategorie in die Debatte einführen will. Es geht ihm mit Sicherheit auch nicht um die Wiederbelebung des verstorbenen „Euro-Islams“. Seine „Neo-Moslems“ haben mit dem Rest der muslimischen Gemeinschaft die gleichen religiösen Grundlagen gemein. Man könnte auch meinen, dass sie näher an der Quelle sind als so mancher, der meint, im Namen des Islam sprechen zu müssen.
Auf 190, recht flotten Seiten beschreibt Güvercin eine Welt jenseits einer multimedialen Arena des professionellen Gewäschs oder der dumpfen Hinterhofwelt. Er begegnet muslimischen und nichtmuslimischen Köpfen, die etwas zu sagen haben. Dabei handelt es sich weder um ethnische Ghetto-Größen, die unverdient „Respekt“ einfordern, noch um die berühmt-berüchtigten Prediger; die beide nichts zu den anstehenden Problemen unserer Zeit beizutragen haben. Die „Neo-Moslems“ sind – anders als der Titel manchen „Liberalen“ hoffen lässt – in einer nachvollziehbaren, aber spirituell vitalen Glaubenswelt verwurzelt.
Wer sind diese „Neo-Moslems“? Sie sind „die junge Generation der Muslime, die (…) sich eben nicht in die Ethnoecke drängen lassen“, beschreibt der Autor das Objekt seiner Reflexion. „Sie sehen sich in erster Linie als Deutsche, machen aber keinen Hehl daraus, Muslime zu sein.“ Vor allem aber seien sie keine „VIP-Migranten und Berufsmuslime“, die in der Islamdebatte mit einer rechtfertigenden Haltung aufträten.
Eren Güvercin beschreibt die neuen, deutschen Muslime – geborene Muslime und solche Menschen, die sich für den Islam entschieden haben – als Gegenentwurf zur reaktiven Repräsentanz. Diese Muslime der neuen Generation „reagieren nicht, sondern agieren. (…) Sie sind einfach ein Bestandteil der deutschen Gesellschaft. (…) Sie provozieren in beide Richtungen“. Kurz gesagt, eine „Herausforderung“, wie der junge Autor sie beschreibt. Was unterscheidet sie von den üblichen Verdächtigen und trennt ihr Denken vom, immer wiedergekäuten Diskurs? „Sie diskutieren nicht über die Integration und den Islam in Deutschland, sondern machen sich Gedanken über die wirklich relevanten Fragen unserer Zeit, sei es die immer weiter fortschreitende Sozialerosion oder auch ganz aktuell die Auswirkungen der Finanzkrise auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Sie wenden sich gegen die politisch-korrekten Weichzeichner in den Mainstream-Medien. Die willkürliche Verwendung politischer Labels wie ‘liberal’ oder ‘konservativ’ wird nach ihnen der gesellschaftlichen Realität nicht gerecht.“
Man kann diese „Neo-Moslems“ aber nicht verstehen – zumindest in der Sicht ihres Biografen -, wenn man das Schicksal der „goldenen Generation“ außer Acht lässt. „Man kann sich gar nicht vorstellen, was es für ein Abenteuer für meinen Vater gewesen sein muss, als er in den 60er-Jahren aus seinem Dorf bei Gümüshane aus dem Nordosten der Türkei mit dem überfüllten Zug nach einer anstrengenden Reise in Deutschland ankam“, beschreibt Eren Güvercin diesen Schritt seines Vaters.
Diese „Aufbruchstimmung der ersten Generation“ spüre man immer noch, „wenn sie von dieser Zeit erzählen, von ihren ersten Erfahrungen in Deutschland“. Diese jungen Frauen und Männer waren sich nicht zu schade, auch die schwerste Arbeit zu verrichten. „Mein Vater erzählt mit glänzenden Augen von seinen ersten Jahren in Deutschland. Mit einigen Verwandten aus seinem Heimatdorf hat er oft 15 Stunden am Tag hart gearbeitet und in Containern oder Arbeiterwohnheimen gelebt. Trotzdem erzählen alle mit Nostalgie über die harte, aber glückliche Zeit.“ Besonders die Mütter, „die immer noch oft als unmündige, uniforme Masse von Frauen dargestellt werden“, hätten eine immense Rolle mit ihrem großen Sprachschatz und ihrem hellwachen Geist gespielt.
Der Autor der Generation der „Neo-Moslems“ verweist im ersten Teil des Buches zurecht auf die Bedeutung der deutschen Muslime. Damit meint er aber ausdrücklich nicht „skurrile Konvertiten wie Pierre Vogel“, die durch ihre öffentlichen Aufritte das Bild vom muslimischen Deutschen prägen würden und der seine deutsche Identität abgelegt habe „und eine so genannte ‘islamische Identität’“ angenommen habe.
Für Güvercin spielen sie eine wichtige Rolle für die „Neo-Moslems“, deren Eltern aus der Türkei oder arabischen Welt als Gastarbeiter nach Deutschland kamen. Sie würden von den Erfahrungen der deutschen Muslimen (denen der Autor das Kapitel „Deutsch-Deutsche Muslime widmet) profitieren, die sich im Laufe ihres Lebens für den Islam entschieden hätten. Oftmals seien sie eher in der Lage, kritisch über bestimmte unheilvolle Entwicklungen in der islamischen Welt zu reflektieren. Es ist für die muslimische Gemeinschaft in Deutschland sicherlich von Nutzen, würden diese – wie Eren Güvercin beschreibt – als Inspiration und Bereicherung wahrgenommen. Bisher sind sie – von wenigen Ausnahmen abgesehen – nicht nennenswert in den Rängen des organisierten Islam vertreten.
„Deutsche Muslime revoltieren nicht etwa gegen unser deutsches Erbe, im Guten wie im Schlechten, sie ziehen einfach nur eine andere Quintessenz daraus“, zitiert der Auto den IZ-Herausgeber Abu Bakr Rieger. „Für deutsche Groß-Intellektuelle, die sich gerne gegen ‘Kopftuchmädchen’ und ‘Extremfälle aus dem Milieu’ positionieren, sind wir deutschen Muslime ernst zu nehmende Sparringspartner.“ Vielleicht sei das eben auch der Grund, spekuliert Eren Güvercin, „wieso Freidenker wie Rieger aus der öffentlichen Islamdebatte ausgeschlossen“ werden.
Neben dieser Gruppe bezieht sich der junge Autor auf eine „neue kulturelle Avantgarde“ als wichtige Inspirationsquelle für die „Neo-Moslems“. Obwohl Migranten lange Zeit ausschließlich als „Gastarbeiter“ angesehen worden, „gibt es bereits seit drei Generationen Kulturschaffende unter ihnen“. Für den Autor ist dies – neben Künstlern wie Fatih Akin, Neco Celik oder Renan Demirkan – der Schriftsteller Feridun Zaimoglu. Zaimoglu, der sich seit Jahren mit relevanten (und deutlichen) Beiträgen an der Islamdebatte beteiligt, gebe vielen „durch seine Texte und Auftritte Selbstbewusstsein“.
Die „Neo-Moslems“ lassen den Leser bis zum Schluss nicht los. Am Ende entwickelt Güvercin die positiven Begriffe der „Gemeinschaft“ und der „Tugend“, die er (in Gesprächen und durch seine Reflexion) im Gegensatz zur (oft virtuellen) „Community“ beziehungsweise zu den „Werten“ sieht. „Die wirkliche, die lebendige Communio [die Gemeinschaft der Gläubigen] – in der Moschee etwas – werden von den diversen Communities unter Druck gesetzt, die ein sehr partielles Heil versprechen und jedem garantiert nicht böse sind, sobald er auf dem Markt der Möglichkeiten sich anders orientiert.“
Die Tugend ihrerseits werde „von den westlichen Wertegemeinschaftlern“ verdächtigt, weil sie immer mit der Religion zusammenhänge. „Und vor der haben die ratlosen Europäer eine Angst – deswegen ihre Flucht in die Werte (…).“
Eren Güvercin, Neo-Moslems: Porträt einer deutschen Generation, Herder Verlag, erscheint am 24. April, 200 Seiten, Taschenbuch, ISBN: 978-3451304712, Preis: 14,00 Euro
(iz). Gibt es besondere Stätten, auf die sich ein Volk in einer Identitätskrise rückbesinnen kann? Wenn ja, dann drängt sich Weimar auch heute als eine der Kulturwerkstätten der Nation auf. […]
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