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Nach den Kalifat-Demos: Wie gehen wir mit dem toxischen „Heuchelei“-Vorwurf um?

heuchelei

Die Demonstrationen in Hamburg zwingen uns zur Debatte um die Instrumentalisierung von Begriffen wie „Heuchelei“.

(iz). Geht es unter MuslimInnen um politisch „heiße Eisen“ oder emotional unterlegte Forderungen, fehlt es häufig an der ansonsten oft beschworenen Ambiguitätstoleranz.

Wie anderswo, haben auch wir manchmal ein Problem mit Differenzierung, Einordnung und Kontextualisierung. Jenseits des Allzumenschlichen gibt es Probleme unserer Gesprächskultur, die wir nicht unwidersprochen hinnehmen können – auch deshalb nicht, weil sie Prämissen von Allahs Din verletzen.

Es wird gerne und häufig von „Heuchelei“ gesprochen

Hierzu gehört der oft vorgetragene Vorwurf von „Heuchelei“. Dieser wird entweder geäußert, wenn Muslime mit Widerspruch bei politischen Themen konfrontiert werden, die für sie quasi-religiöse Stellung haben. Hinzukommt die Neigung von sektiererischen Gruppierungen wie Hizbutahrir, Ablehnung ihrer Slogans als „Heuchelei“ zu etikettieren.

Und da bewegen wir uns auf einem gefährlichen Punkt zu. Denn der Vorwurf der Heuchelei (arab. nifaq) – also, dass der Angesprochene ein Munafiq sei – ist extrem schwerwiegend. Schauen wir uns an, was nur an einer der vielen Stellen über die Heuchler im Qur’an gesagt wird: „Gewiss, die Heuchler möchten Allah betrügen, doch ist Er es, der sie betrügt. Und wenn sie sich zum Gebet hinstellen, stellen sie sich schwerfällig hin, wobei sie von den Menschen gesehen werden wollen, und gedenken Allahs nur wenig.“ (An-Nisa, Sure 4, 142) Es würde den Rahmen sprengen, weitere der vielen Verse zur Heuchelei anzuführen.

Was ist überhaupt ein Heuchler?

Nifaq bedeutet Verstellung bzw. Verschleierung und ist im Grunde genommen eine Lüge. Etwas sagen und etwas anderes tun oder an einer Sache festhalten und etwas anderes behaupten. Außerdem ist das eine Form der Selbsttäuschung. Wenn man sich nicht bewusst ist, dass man etwas nur tut, um die Leute glauben zu machen, man sei ein „guter“ Muslim.

Aus vielen bestehenden Versen und Hadithen lernen wir, dass sich Heuchelei in verschiedenen Umständen, Formen und Intensitäten manifestiert. Der äußere und innere Aspekt müsse im Zusammenhang mit dem Herzen jedes Einzelnen und der Situation, in der er sich befindet, verstanden werden.

Der Vorwurf von „Heuchelei“ ist in fast allen alltäglichen Fällen eine Anmaßung. Denn er setzt die Behauptung voraus, das Innere einer Person zu kennen; und wegen dieses behaupteten Wissens ein Urteil treffen zu können. Aber diese Kenntnis ist von Allah nur Seinen Propheten und Freunden gegeben.

Darüber hinaus ignoriert der Anspruch, aufgrund von politischen Positionen „Heuchelei“ attestieren zu können, wesentliche Aspekte dessen, wie ein Urteil gefällt wird. Der Qadi oder Mufti mit der nötigen beruflichen Demut wird sich niemals anmaßen können, nach dem Inneren einer betreffenden Person (es sei denn, sie bezeugt es) zu beurteilen.

Gebrauch ohne den nötigen Kontext

Es wird gefährlich, wenn relevante und sensitive Terminologien aus ihrem Kontext herausgelöst werden, um dann komplett willkürlich eingesetzt werden zu können. Es gibt – trotz einer Tradition der politischen Philosophie der islamischen Lehre – in Offenbarung, Sunna und dem Recht kaum eindeutige Aussagen zu politischen Ordnungsfragen.

Das ist leicht verständlich. Über die Jahrhunderte und Kontinente hinweg die konkreten Gegebenheiten der Muslime so divers (vom großen zentralasiatischen Reich bis zu Waldnomaden in Südostasien), dass eine eindeutige „islamische“ Ordnung gar nicht existieren könnte.

Es gehört zu den Grundsätzen des Urteilens im Din, dass dort, wo es keine eindeutigen verbindlichen Aussagen gibt, ein Widerspruch bzw. die Meinungsverschiedenheit nicht nur möglich, sondern auch legitim sind. Das Gleiche gilt für ihrem Wesen nach politische Fragen. Die Art und Weise unseres Dins kennt keine politische bzw. ideologische Totalität dieser Art, wie wir sie aus der Ideologiegeschichte der Moderne kennen.

Angesichts erhitzter Debatten, Kriegen im Ausland und ideologischen Projekt wie Hizbutahrir ist es wichtig, sich an die Grundlagen unseres Dins zu erinnern. Und daran, dass es unsere Pflicht ist sicherzustellen, dass der Andere von den Konsequenzen unseres Sprechens und Handelns sicher ist.

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Negativ, spalterisch und schädlich – das Hizbutahrir-Umfeld bedrängt muslimische Vertreter

hizb extrem

Nicht erst seit den Hamburger Demos. Muslimische Vertreter werden aus dem Hizbutahrir-Umfeld unter Druck gesetzt. (iz). Am 27. April ließen Meldungen aus Hamburg aufhorchen. „Muslim Interaktiv“, eines der Nachfolge-Netzwerke der […]

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Nach der Hamburger Demo: Schura spricht sich gegen Spaltung aus

schura Debatte tipps feind

Pressemitteilung: Demo im Umfeld von Hizbutahrir sorgte für Ärger. Die Schura Hamburg weist deren Ideologie zurück.

Hamburg (Schura Hamburg/iz). Die Gruppe „Muslim Interaktiv“ hat in einer Demonstration in Hamburg ihre befremdliche Perspektive propagiert und erneut zu einer Vereinigung aller Muslime in einem sogenannten „Kalifat“ aufgerufen. 

„Wir beobachten die Parolen, das Auftreten und die verunsichernden Auswirkungen dieser Demonstration mit Sorge. Wir lehnen jegliche antidemokratischen Vorstellungen ab und warnen vor der Gefahr, dass ein solches Vorgehen in einer systematischen Ablehnung demokratischer Prozesse endet. Hier zeigt sich, wie Religion für eine politische Ideologie mit einer emotionalisierten Rhetorik instrumentalisiert wird“, heißt es in dem am Donnerstag veröffentlichten Text.

Schura beklagt „einfaches Freund-Feind-Schema“ angeblicher „Verteidiger des Islams“

Durch die Inszenierung als „Verteidiger des Islams“ wird ein einfaches Freund-Feind Schemas bedient, welches Spaltung und Entfremdung befördere. Dieses gefährliche Vorgehen stehe unserem Ansatz eines pluralistischen Miteinanders diametral gegenüber. Marginale Gruppen wie diese bewegen sich nicht innerhalb, sondern außerhalb der muslimischen Gemeinden und sind angewiesen auf die sozialen Medien und öffentliche Auftritte.

„Wir grenzen uns deutlich von ihnen ab. Sie lösen keine der realen und herausfordernden Probleme, mit denen Musliminnen und Muslime in Deutschland konfrontiert sind. Stattdessen befördern sie rechtspopulistische Instrumentalisierungen von Flucht, Migration und Religion und verstärken eine Entfremdung aus der Gesellschaft“, äußerte sich Fatih Yildiz. Er steht derzeit dem Zusammenschluss der Hamburger Gemeinden vor.

Stattdessen „für Zusammenhalt“

Die Schura Hamburg setze sich für Zusammenhalt, Chancengleichheit und Partizipation auf allen Ebenen der Gesellschaft ein. „Wir wissen um die Gefahr der Auswirkungen einer Dämonisierung des Islams und der Absprache der Zugehörigkeit zu Deutschland. Musliminnen und Muslime müssen sich aktiv und gleichberechtigt in die Gesellschaft einbringen können.“

„Hierfür braucht es eine differenzierte und sachliche Auseinandersetzung mit der Vielfaltsakzeptanz in Deutschland, als auch intensive gesamtgesellschaftliche Bemühungen und nachhaltige Maßnahmen. Ungleichbehandlungen im Bildungssystem, auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt müssen behoben und antimuslimischem Rassismus muss strukturell, institutionell und individuell begegnet werden. Wir brauchen eine positive Haltung in Bezug auf Zugehörigkeit und gleichberechtigte Teilhabe von Musliminnen und Muslimen, um spalterischen Bewegungen effektiver entgegenwirken zu können“, so Özlem Nas, stellvertretende Vorsitzende und Beauftragte gegen Antimuslimischen Rassismus.

„Wir sind davon überzeugt, dass es der gemeinsamen Anstrengungen aller demokratischen Kräfte bedarf, um gegen Spaltung und Extremismus vorzugehen. Hierfür sind wir innerhalb unserer Gemeinden, als auch in diversen Gremien und Bündnissen in Hamburg aktiv. Wir stehen als Gesellschaft gemeinsam in der Verantwortung, die Werte von Demokratie, Pluralismus und Toleranz zu verteidigen, die unser friedliches Zusammenleben ermöglichen, sichern und bereichern“, so Yildiz abschließend.