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Nach den Kalifat-Demos: Wie gehen wir mit dem toxischen „Heuchelei“-Vorwurf um?

Ausgabe 348

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Foto: FS-Stock, Adobe Stock

Die Demonstrationen in Hamburg zwingen uns zur Debatte um die Instrumentalisierung von Begriffen wie „Heuchelei“.

(iz). Geht es unter MuslimInnen um politisch „heiße Eisen“ oder emotional unterlegte Forderungen, fehlt es häufig an der ansonsten oft beschworenen Ambiguitätstoleranz.

Wie anderswo, haben auch wir manchmal ein Problem mit Differenzierung, Einordnung und Kontextualisierung. Jenseits des Allzumenschlichen gibt es Probleme unserer Gesprächskultur, die wir nicht unwidersprochen hinnehmen können – auch deshalb nicht, weil sie Prämissen von Allahs Din verletzen.

Es wird gerne und häufig von „Heuchelei“ gesprochen

Hierzu gehört der oft vorgetragene Vorwurf von „Heuchelei“. Dieser wird entweder geäußert, wenn Muslime mit Widerspruch bei politischen Themen konfrontiert werden, die für sie quasi-religiöse Stellung haben. Hinzukommt die Neigung von sektiererischen Gruppierungen wie Hizbutahrir, Ablehnung ihrer Slogans als „Heuchelei“ zu etikettieren.

Und da bewegen wir uns auf einem gefährlichen Punkt zu. Denn der Vorwurf der Heuchelei (arab. nifaq) – also, dass der Angesprochene ein Munafiq sei – ist extrem schwerwiegend. Schauen wir uns an, was nur an einer der vielen Stellen über die Heuchler im Qur’an gesagt wird: „Gewiss, die Heuchler möchten Allah betrügen, doch ist Er es, der sie betrügt. Und wenn sie sich zum Gebet hinstellen, stellen sie sich schwerfällig hin, wobei sie von den Menschen gesehen werden wollen, und gedenken Allahs nur wenig.“ (An-Nisa, Sure 4, 142) Es würde den Rahmen sprengen, weitere der vielen Verse zur Heuchelei anzuführen.

Was ist überhaupt ein Heuchler?

Nifaq bedeutet Verstellung bzw. Verschleierung und ist im Grunde genommen eine Lüge. Etwas sagen und etwas anderes tun oder an einer Sache festhalten und etwas anderes behaupten. Außerdem ist das eine Form der Selbsttäuschung. Wenn man sich nicht bewusst ist, dass man etwas nur tut, um die Leute glauben zu machen, man sei ein „guter“ Muslim.

Aus vielen bestehenden Versen und Hadithen lernen wir, dass sich Heuchelei in verschiedenen Umständen, Formen und Intensitäten manifestiert. Der äußere und innere Aspekt müsse im Zusammenhang mit dem Herzen jedes Einzelnen und der Situation, in der er sich befindet, verstanden werden.

Der Vorwurf von „Heuchelei“ ist in fast allen alltäglichen Fällen eine Anmaßung. Denn er setzt die Behauptung voraus, das Innere einer Person zu kennen; und wegen dieses behaupteten Wissens ein Urteil treffen zu können. Aber diese Kenntnis ist von Allah nur Seinen Propheten und Freunden gegeben.

Darüber hinaus ignoriert der Anspruch, aufgrund von politischen Positionen „Heuchelei“ attestieren zu können, wesentliche Aspekte dessen, wie ein Urteil gefällt wird. Der Qadi oder Mufti mit der nötigen beruflichen Demut wird sich niemals anmaßen können, nach dem Inneren einer betreffenden Person (es sei denn, sie bezeugt es) zu beurteilen.

Gebrauch ohne den nötigen Kontext

Es wird gefährlich, wenn relevante und sensitive Terminologien aus ihrem Kontext herausgelöst werden, um dann komplett willkürlich eingesetzt werden zu können. Es gibt – trotz einer Tradition der politischen Philosophie der islamischen Lehre – in Offenbarung, Sunna und dem Recht kaum eindeutige Aussagen zu politischen Ordnungsfragen.

Das ist leicht verständlich. Über die Jahrhunderte und Kontinente hinweg die konkreten Gegebenheiten der Muslime so divers (vom großen zentralasiatischen Reich bis zu Waldnomaden in Südostasien), dass eine eindeutige „islamische“ Ordnung gar nicht existieren könnte.

Es gehört zu den Grundsätzen des Urteilens im Din, dass dort, wo es keine eindeutigen verbindlichen Aussagen gibt, ein Widerspruch bzw. die Meinungsverschiedenheit nicht nur möglich, sondern auch legitim sind. Das Gleiche gilt für ihrem Wesen nach politische Fragen. Die Art und Weise unseres Dins kennt keine politische bzw. ideologische Totalität dieser Art, wie wir sie aus der Ideologiegeschichte der Moderne kennen.

Tuisa Hilft - Kurban

Angesichts erhitzter Debatten, Kriegen im Ausland und ideologischen Projekt wie Hizbutahrir ist es wichtig, sich an die Grundlagen unseres Dins zu erinnern. Und daran, dass es unsere Pflicht ist sicherzustellen, dass der Andere von den Konsequenzen unseres Sprechens und Handelns sicher ist.

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