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Islampolitik: Und noch eine Zeitenwende?

Islampolitik

Die Regierung beerdigt mit ihrer Islampolitik das Schäuble-Erbe und setzt im Umgang mit Muslimen auf Sicherheitsdiskurse sowie Sprachlosigkeit.

(iz). Die Einberufung des künftigen „Expertenkreises Islamismus“ durch das Bundesinnenministerium erzeugt neue politische Realitäten, markiert aber keinen abrupten Bruch mit der bisherigen Linie der Ampelkoalition – selbst wenn dies öffentlich häufig anders dargestellt wird.

Ein schrittweiser Kurswechsel war schon unter Faeser zu beobachten: Die von Wolfgang Schäuble (CDU) aufgebaute Dialog- und Integrationsstrategie zur Einbindung der Moscheeverbände wurde sukzessive zurückgedrängt und die DIK zunehmend zur Bühne für Kritik und Marginalisierung muslimischer Interessen umfunktioniert.

Hochrangige Ampelpolitiker – von Habeck bis Steinmeier – reagierten nach dem Terror vom 7. Oktober scharf auf palästinensisch bzw. arabischstämmige Bürger. Sie unterstellten ihnen pauschal Israelfeindlichkeit und klammheimlich Sympathien für die Massenmörder der Hamas.

Foto: KRM, Twitter

Gleichzeitig verschwand der zentrale Expertenbericht zu Muslimfeindlichkeit zeitweise vollkommen von den Seiten des BMI und wurde erst nach öffentlichem Druck wieder veröffentlicht.​ Die Ampel brach de facto Versprechen, die sie im November 2021 im Koalitionsvertrag gab. Was dazu führte, dass ihre Parteien partiell in Wahlkreisen mit einem hohen Stimmanteil von MuslimInnen bzw. MigrantInnen abgestraft wurden.

Mit dem aktuellen Strategiewechsel verabschiedet sich die Bundes-CDU endgültig von der bisherigen DIK, obwohl sie von ihr entwickelt wurde. Das gilt ebenso für den Austausch mit Moscheeverbänden auf Bundesebene und repräsentiert eine stärkere sicherheitspolitische Ausrichtung.

Kurzum: Die Vorstellung, etwas ließe sich durch das gemeinsame Gespräch bzw. eine Debatte verbessern, wurde fallengelassen.

In internen Unterhaltungen berichteten muslimische Vertreter, wenn es um den Bund geht, schon 2024 von einer faktischen Sprachlosigkeit ihrer Communities und der Bundesregierung.

Der neue Unionskurs – samt öffentlicher Radikalisierung von Rhetorik und dem Ende der Schäuble-DIK – ist weniger „Bruch“ als Verschärfung bestehender Trends im Verhältnis zwischen Staat und organisierten Muslimen.​ Dass die westdeutschen Landesregierungen hier bisher nicht in Gänze mitzogen, liegt an der Notwendigkeit zur Organisation praktischer Fragen.

Das BMI berief 15 Personen für den neuen Beraterkreis. Zu den bekannten Namen zählen Mansour, Khorchide, Koopmans, Balcı und Toprak.​ Kritisiert wurde, dass viele Mitglieder durch massive Islamkritik und Nähe zu umstrittenen Netzwerken auffallen. Insbesondere wird ein einseitiger Blick auf politische und gesellschaftliche Phänomene beklagt.

Bei den Personalien wurde offenkundig auf- und umgerüstet. „Faeser-Leute fliegen raus: Mansour berät Regierung und hat Anti-Terror-Plan“, titelte „FOCUS online“ hierzu. Selbst die jahrelang einflussreiche Claudia Dantschke musste ihren Hut nehmen.

Dieser sieht laut dem Magazin den „Islamismus“ als eines der größten Probleme der deutschen Gesellschaft: „Ich sehe Islamismus als eines der größten Probleme in unserer Gesellschaft. Und zwar nicht nur in Bezug auf die Sicherheitsebene, sondern auch bei den Themen Desintegration, Bau von Parallelgesellschaften, Ablehnung von Grundwerten in dieser Gesellschaft.“

koalition Islampolitik

Foto: IMAGO/dts Nachrichtenagentur

Die neue Bundesregierung legte keine verbindliche Definition vor, was unter „Islamismus“ zu verstehen sei. Das macht den Diskurs offen für subjektive Verzerrungen, spricht doch Mansour bspw. seit geraumer Zeit von „Unterwanderung“.

Bisher haben sich hiesige Leitmedien auf die Berichterstattung über die Entscheidung beschränkt, sie aber nicht eingerückt oder kommentiert. Eine Ausnahme ist die „Berliner Zeitung“, die den Theologen Scharjil Ahmad Khalid zu Wort kommen ließ.

Er warf dem BMI vor, dass nicht mit den Menschen geredet werde, die man vor „Islamismus“ schützen wolle. „Stattdessen finden sich dort Personen, die weniger durch Expertise und stärker durch antimuslimische Ressentiments auffallen: einige selbsternannte ‘Islamexperten’, die Muslimen pauschal misstrauen und aus Islamkritik ein Geschäftsmodell entwickelt haben.“

Einzelne Politiker, Journalisten und VertreterInnen muslimischer Verbände monierten, die Berufung von disproportional „Kritikern“ werde die Verdachtskultur weiter verstärken. Gleichzeitig sei die Deutsche Islamkonferenz, als bisherige Dialogplattform, erheblich geschwächt worden.

Für den Fachjournalisten Ahmet Şenyurt seien einige der berufenen Personen „ungeeignet und unterqualifiziert“. Es gehe nicht um Aufklärung, sondern um Meinungsmache.

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Für ein Urteil ist es noch zu früh

urteil

Am 6. Mai soll der neue Bundeskanzler gewählt werden. IGMG-Generalsekretär Ali Mete meint, es sei noch zu früh für ein abschließendes Urteil über den Umgang der neuen Koalition mit Deutschlands Muslimen.

(iz). Als am 9. April die Koalitionsvereinbarung bekannt wurde, reagierten verschiedene gesellschaftliche Interessengruppen mit Kritik an den Plänen der angestrebten Regierung. Verschiedene muslimische Stimmen bemängelten die mangelnde Erwähnung der 5 Mio. Muslime in der Bundesrepublik und das Framing ihrer Religion im negativen Kontext.

Wir befragten IGMG-Generalsekretär Ali Mete zu seiner ersten Einschätzung des Vertrags und was er künftig für Muslime bedeuten könnte.

Neue Koalition: Wie sieht die zukünftige Politik aus?

Islamische Zeitung: In der Vereinbarung zur Koalition gibt es kaum eine Erwähnung der Themen Islam & Muslime. Viele Punkte sind unklar. Beobachten Sie eine Verschiebung des Interesses?

Ali Mete: Ich würde das nicht überbewerten. In Koalitionsverträgen wurde der Islam bisher nur selten substanziell erwähnt. Dass er auch diesmal nicht vorkommt, überrascht mich nicht. Natürlich wäre eine klare Positionierung wünschenswert gewesen – allein schon, um der Öffentlichkeit eine klare Richtung und Haltung in Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens und der religiösen Vielfalt zu vermitteln.

Aber wir lassen uns nicht irritieren. Unser Auftrag, unsere Arbeit und unser Engagement in dieser Gesellschaft hängen nicht vom Koalitionsvertrag ab. Wir bleiben verlässliche Partner – und äußern Kritik, wo sie nötig ist. Dass der Islam im Koalitionsvertrag ausschließlich im Zusammenhang mit innerer Sicherheit erwähnt wird, zeugt von fehlender Sachkenntnis und ignoriert die gesellschaftliche Realität in Deutschland.

„Zu früh für ein abschließendes Urteil“

Islamische Zeitung: Wie schätzen Sie den Umgang der kommenden Regierung mit Deutschlands Muslimen ein? Bedeutet sie eine deutliche Abkehr von bisherigen Zielen?

Ali Mete: Es ist zu früh für ein abschließendes Urteil. Die Tendenz ist allerdings nicht unproblematisch: Die Regierung versucht, gesellschaftlichen Zusammenhalt durch ein demonstratives Auftreten, Autorität und Stärke zu erzeugen – eine zweifelhafte Strategie, die leider auf dem Rücken von Minderheiten ausgetragen wird.

Muslimfeindlichkeit Islamkonferenz debatte

DIK 2022. Ministerin Faeser im Gespräch mit einer Teilnehmerin. (Pressefoto: © Henning Schacht / Bundesinnenministerium)

Eine Regierung, die das Land stärken will, muss auch ihre Minderheiten im Blick behalten – denn daran bemisst sich die Qualität einer Demokratie.

Alles andere steht nicht nur im Widerspruch zum Geist unserer Verfassung, sondern fördert auch eine Entfremdung, die das gesellschaftliche Miteinander ernsthaft belasten kann. Der Koalition muss bewusst sein, was auf dem Spiel steht – auch mit Blick auf 2029.

Brauchen Muslime bessere Strategien?

Islamische Zeitung: Was bedeuten die neuen Rahmenbedingungen für Deutschlands Muslime? Brauchen wir eine angepasste Strategie?

Ali Mete: Ich nehme die veränderten politischen Rahmenbedingungen zur Kenntnis, aber definiere unsere Haltung nicht nach der Tagespolitik. Wir setzen weiterhin auf Bildung, Dialog und gesellschaftliches Engagement.

Debattenklima gesellschaft Deportationsszenarien solingen gemeinschaft

Foto: r.classen, Shutterstock

Wir bleiben offen für Gespräche mit der Politik, aber wir machen uns nicht von ihr abhängig – weder im Inland, noch im Ausland.

Unsere Gemeinden sind in jeder Hinsicht autark, sie finanzieren sich aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden, unabhängig und transparent. Unsere Strategie bleibt im Kern dieselbe: Teil dieser Gesellschaft zu sein und aktiv mitzuwirken. (sw)

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Islampolitik: Noch fehlt es der Koalition an einer Leitlinie

koalition Islampolitik

Islampolitik: Bisher hat die neue Koalition kein Konzept oder konstruktive Leitlinien in der Kommunikation mit Deutschlands Muslimen. (iz/KNA). Am 9. April stellte die künftige Regierungskoalition von Union und SPD ihre […]

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