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Mali zwischen Terrorgruppen und russischen Söldnern

Mali

In Mali soll der Abzug der UN-Mission bis Ende Dezember abgeschlossen sein. Gleichzeitig nehmen Angriffe auf die Bevölkerung zu. Neben Terrorgruppen steht einmal mehr die russische „Sicherheitsfirma“ Wagner in der Kritik.

Bamako (KNA). Die Vereinten Nationen warnen vor steigender Gewalt in Mali. In einem noch nicht veröffentlichten Expertenbericht heißt es nach Informationen des Senders Radio France Internationale (RFI), dass in weniger als einem Jahr die Terrororganisation „Islamischer Staat der größeren Sahara“ (EIGS) die von ihr kontrollierte Fläche praktisch verdoppelt habe.

Mali: Terrorgruppen fordern den Staat heraus

Die mit Al Kaida verbundene „Gruppe für die Unterstützung des Islams und der Muslime“ (JNIM) behaupte hingegen, „der einzige Akteur zu sein, der in der Lage ist, die Bevölkerung zu schützen“. Nichtstaatliche Organisationen wie ACLED – sie sammelt Daten zu Konflikten weltweit – teilen die Beobachtung, dass sich Terrorverbände weiter ausbreiteten.

Hoch bleibt auch das Entführungsrisiko in Mali. Zwar wurden in den den vergangenen Monaten mehrere Geiseln freigelassen, die in Sahel-Staaten gekidnappt worden waren. Doch noch immer ist unklar, wo der Afrika-Missionar Hans-Joachim Lohre festgehalten wird, der sich seit Jahrzehnten für den interreligiösen Dialog in Mali einsetzt. Er wurde im November 2022 verschleppt.

Foto: upyernoz, vie Wikimedia Commons | Lizenz: CC-BY-SA 2.0

Gewalt um Timbuktu

Aktuell ist derzeit die Gegend rund um Timbuktu, „Stadt der 333 Heiligen“, von Gewalt betroffen. Am Wochenende starb ein Kind bei einem Angriff von mutmaßlichen Terroristen; vier weitere Personen wurden verletzt ins Krankenhaus gebracht. Timbuktu wurde bereits 2012 monatelang belagert, damals von der Gruppe Ansar Dine.

 Ein Ende bereitete dem im Januar 2013 die französische Militärmission Serval. Jetzt ist die Stadt erneut abgeschnitten und nicht mehr zugänglich, sagt Khader Toure, der in Gao Direktor des Senders Radio Annia ist.

Doch nicht nur in der historischen Stadt mit ihren Moscheen, Mausoleen und Bibliotheken, die zum Weltkulturerbe der Unesco gehören, fühlen sich Menschen zunehmend bedroht. „Die Lage ist an vielen Orten sehr komplex. Menschen fliehen aus Angst vor Gewalt“, so Toure. Es sei fraglich, ob überhaupt noch Hilfe durchkommt.

In seiner Heimatstadt Gao war bislang die UN-Stabilisierungsmission Minusma präsent; doch die zieht bis Jahresende aus Mali ab. Das hatte die Übergangsregierung unter Assimi Goita gefordert, die seit ihrem Staatsstreich vor drei Jahren an der Macht ist. Doch der Abzug gestaltet sich schwierig und ist gefährlich, wie UN-Missionsleiter El-Ghassim Wane vor dem Weltsicherheitsrat in New York betonte.

So wurde ein Konvoi aus dem Ort Ber Richtung Timbuktu gleich zweimal von Extremisten angegriffen. Die Fahrt über die lediglich 57 Kilometer lange Strecke habe aufgrund der Regenzeit und der Unsicherheit 51 Stunden gebraucht. Vier Blauhelmsoldaten seien verletzt worden.

Mali Minusma

Foto: UN Photo, via flickr | Lizenz: CC BY-NC-ND 2.0

Wiederholt sich ein überholter Abzug wie in Afghanistan?

Auch sei der Zeitplan überaus knapp, so Wane; denn es gehe um die Rückführung von knapp 13.000 uniformierten Personen, die Übergabe von zwölf Lagern und den Transport von rund 5.500 Containern mit Ausrüstung. Vor Kurzem ist eine neue Herausforderung hinzugekommen.

In Sozialen Medien sind zwei Fotos zu sehen, die die Hinrichtung einer Ortskraft der Bundeswehr durch den „Islamischen Staat“ zeigen soll. Über den Schutz der Ortskräfte hatte es bislang keine Debatte gegeben.

Gewalt geht auch von Wagner aus

Für die Gewalt werden aber nicht nur islamistische Gruppierungen verantwortlich gemacht. Laut UN-Experten ist „Gewalt gegen Frauen und Mädchen in Mali nach wie vor allgegenwärtig“. Verantwortlich dafür seien malische Streitkräfte wie auch ihre „ausländischen Sicherheitspartner“.

Vermutlich handele es sich dabei um die russische Wagner-Gruppe, hieß es. Gemeinsam mit der malischen Armee wurden ihr immer wieder schwere Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen.

Mitte August beklagten zudem Ex-Tuareg-Rebellen, die sich zur Koordination der Azawad-Bewegungen (CMA) zusammengeschlossen haben, sie seien ebenfalls nahe Timbuktu von malischen Soldaten und Wagner-Söldnern angegriffen worden. Teile der Tuareg kämpften 2012 für einen unabhängigen Staat im Norden Malis.

Foto: ssu.gov.ua/VOA

Sichtbar sind die Wagner-Leute vor allem im südlich gelegenen Mopti im Zentrum des Landes, weil sich dort die islamistische JNIM festgesetzt habe. Schätzungen zufolge seien 1.000 bis 1.200 Wagner-Kämpfer im Land, sagt Ulf Laessing, Leiter des Regionalprogramms Sahel der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung. Falls die Armee allerdings im Norden mehr machen wolle, müsste Wagner dort abgezogen werden.

Repräsentative Meinungsumfragen zur Zustimmung oder Ablehnung der Wagner-Präsenz gibt es nicht. Laessing sagt: In größeren Städten wie Mopti würden sie wie vorher Frankreich als Sicherheitspartner akzeptiert. Doch in Gegenden, in denen es Massaker gab, sei die Skepsis groß. Als ein Sicherheitsgewinn gälten sie vielerorts nicht.

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Mali: Bundeswehr auf Abzug eingestellt

Mali Minusma

Mali: Der UN-Sicherheitsrat hat den Abzug der Friedensmission beschlossen. Das hat auch Folgen für die am Einsatz beteiligte Bundeswehr.

Berlin/New York/Bamako (dpa). Die Bundeswehr ist nach Einschätzung der Wehrbeauftragten Eva Högl auf das vom UN-Sicherheitsrat beschlossene frühere Ende der Friedensmission in Mali eingestellt.

Foto: sharafmaksumov, Adobe Stock

Eigentlich hätte der Mali-Einsatz erste im Mai 2024 enden sollen

Der deutsche Zeitplan sah bislang vor, die Soldatinnen und Soldaten bis Ende Mai 2024 abzuziehen. Nach dem UN-Beschluss vom Freitag müssen nun alle Blauhelme bis Ende 2023 aus dem westafrikanischen Land abziehen. Malis Militärregierung begrüßte die Entscheidung.

„Darauf ist die Bundeswehr eingestellt, zumal die Rückverlegung seit Wochen vorbereitet wird und bereits läuft“, sagte Högl dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Die SPD-Politikerin fügte hinzu, ein neues Mandat des Bundestages brauche es dafür wohl nicht, „da das Mandat schon eine flexible Handhabung vorsieht“.

Der UN-Sicherheitsrat hatte am Freitag entschieden, die Minusma-Mission nach einer Übergangsfrist von sechs Monaten zum Jahresende zu beenden. Die Bundeswehr ist an der Mission aktuell mit etwa 1.100 Soldatinnen und Soldaten beteiligt.

Malis Militärregierung hatte Mitte Juni den Abzug aller rund 12.000 UN-Friedenssoldaten gefordert und bewertete den Schritt entsprechend positiv. Diese Entscheidung versetze die Regierung in die Lage, sich selbst um die Sicherheit Malis zu kümmern, erklärte Außenminister Abdoulaye Diop im staatlichen Fernsehen.

Foto: MINUSMA, UN Mission in Mali

Regierung: Blauhelme haben Erwartungen nicht erfüllt

Die Blauhelme hätten die Erwartungen des Landes in Bezug auf die Sicherheitslage nicht erfüllt, betonte er. Die malischen Behörden würden den Abzug bis zum Jahresende regeln, hieß es weiter. Diop erklärte, die Verantwortung für die Sicherheit Malis sei nun „in den Händen der Malier“.

Eine Zusammenarbeit mit „anderen Partnern“ schloss Diop indes nicht aus. Die Junta pflegt enge Kontakte zu Russland und soll bis zu 2000 Kämpfer der Söldner-Gruppe Wagner angeheuert haben.

Außenministerin Annalena Baerbock zufolge ist das Ende von Minusma eine „bittere Nachricht für die Menschen in Mali, denen die Mission Schutz und Hoffnung gab“, wie die Grünen-Politikerin auf Twitter schrieb. „Die Bundeswehr wird nun beschleunigt und geordnet abziehen.“ Man habe weiter zur Sicherheit der Menschen in Mali beitragen wollen, aber die Militärregierung habe dies immer unmöglicher gemacht.

Högl betonte, höchste Priorität habe der Schutz der deutschen Soldatinnen und Soldaten, der internationalen Kräfte und der zivil Beschäftigten. „Deshalb braucht es einen geordneten und sicheren Abzug in enger Abstimmung und gemeinsam mit unseren Partnern.“

Foto: UN Photo, via flickr | Lizenz: CC BY-NC-ND 2.0

Zur Stabilisierung ins Leben gerufen

Die UN-Mission zur Stabilisierung von Mali läuft seit 2013. Sie wurde ins Leben gerufen, nachdem islamistische Terroristen infolge des Zusammenbruchs des angrenzenden Libyen und einer Rebellion der nomadischen Tuareg 2012 den Norden des Landes überrannt hatten.

Eine Militärintervention der früheren Kolonialmacht Frankreich drängte die teils mit den Terrormilizen Islamischer Staat und Al-Kaida verbündeten Islamisten nur vorübergehend zurück. Die Terrorgruppen breiten sich seitdem im Norden und Zentrum Malis und in seinen Nachbarstaaten aus.

Das Militär übernahm 2020 und 2021 in zwei Putschen die Macht in dem Sahelstaat mit rund 23 Millionen Einwohnern und wandte sich Russland zu, von dem es sich robustere Hilfe gegen die Islamisten versprach. Während die Militärjunta nur von Ausbildern spricht, sind Schätzungen zufolge bis zu 2000 russische Wagner-Söldner im Land aktiv. Frankreich beendete daraufhin seinen Militäreinsatz.

In Berlin hatte das Verteidigungsministerium bei regierungsinternen Verhandlungen über den weiteren Kurs der Bundeswehr in Mali Tempo machen wollen. Das Auswärtige Amt argumentierte dem Vernehmen nach gegen einen Rückzug aus der UN-Mission. Ende Mai verlängerte der Bundestag das Mandat für die Beteiligung ein letztes Mal, beschloss aber auch ein Abzugsmandat – mit dem Zieldatum Ende Mai 2024.

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Weitere Truppenabzüge: UN-Friedensmission Minusma in Mali geschwächt

Entschieden ist noch nichts. Aber die Bundesregierung debattiert über einen Abzug der Bundeswehr aus Mali. Dort wird ihre Rolle positiver wahrgenommen als in Deutschland.

Bamako (KNA). Deutschland könnte Großbritannien und der Elfenbeinküste folgen. Beide Länder kündigten Anfang der Woche an, sich nicht mehr an der UN-Friedensmission im Norden Malis (Minusma) zu beteiligen. Laut Medienberichten soll es in den nächsten Tagen Gespräche zwischen Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) und Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) über den Militäreinsatz in dem westafrikanischen Land geben.

In Deutschland wird die Mission, an der die Bundeswehr mit mehr als 1.000 Soldaten beteiligt ist, kritisch betrachtet. Dazu beigetragen hat 2020 der Putsch, durch den Assimi Goita an die Macht kam. Er setzte den anfangs vereinbarten Wahltermin für Frühjahr 2022 aus. Organisationen wie Human Rights Watch werfen ihm vor, dass Meinungs- und Pressefreiheit zunehmend eingeschränkt werden. So musste der Fernsehsender „Joliba TV News“ kürzlich nach Kritik an der Regierung sein Programm für zwei Monate einstellen.

Europa verurteilt jedoch vor allem die Kooperation mit der russischen Sicherheitsfirma Wagner. Zusammen mit der malischen Armee sollen die Söldner in Moura im März 300 Zivilisten getötet haben. Der Zeitschrift „The Africa Report“ sagte ein Mitarbeiter der Nichtregierungsorganisation ACLED, die Daten zu internationalen Konflikten sammelt, Wagner kämpfe hauptsächlich gegen die Terrorbewegung „Gruppe für die Unterstützung des Islam und der Muslime“ (JNIM) sowie gegen die Peul-Volksgruppe in Zentralmali. Es heißt, dass JNIM seine Anhänger vor allem aus dieser ethnischen Gruppe rekrutiert. Peul-Vertreter klagen indes seit Jahren über Stigmatisierung und Übergriffe.

Ohnehin ist die Zusammenarbeit zwischen Minusma und malischer Regierung kompliziert. Besonders Deutschland bemängelt, dass die Personalrotation schwierig sei. Im August hatte Lambrecht den Einsatz bereits vorübergehend ausgesetzt. Generell wird bemängelt, das Projekt sei nicht erfolgreich. Die Gewalt habe sich aus dem Norden bis ins Zentrum des Landes ausgebreitet.

„Minusma ist sehr weit davon entfernt, perfekt zu sein“, sagt Christian Klatt, Landesvertreter der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung in Malis Hauptstadt Bamako. „Ohne sie wäre es aber aller Wahrscheinlichkeit nach deutlich schlechter um das Land bestellt.“ Die Städte Gao und Timbuktu, die 2012 von Terrorgruppen besetzt waren, seien heute wieder sicherer, die Märkte geöffnet. Laut Klatt genießt die Mission im Norden einen besseren Ruf als in den übrigen Landesteilen.

Sollte sich Deutschland – die Bundeswehr ist vorwiegend für Logistik und Aufklärung zuständig – tatsächlich zurückziehen, hätte das beträchtliche Auswirkungen. Im Vergleich zu Truppenstellern aus der Region sind Soldaten aus Europa gut ausgerüstet. Blauhelm-Soldaten aus Afrika und Asien sind schlechter geschützt, weshalb ihr Einsatz riskanter ist.

Auch nach Einschätzung von Ulf Laessing, Leiter des Regionalprogramms Sahel der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung, ist Minusma weiterhin sinnvoll. Im Norden breiteten sich Dschihadisten weiter in Richtung Menaka und Gao aus. „Die Menschen haben den Wunsch, dass Miunusma und Bundeswehr bleiben.“ Sie seien zudem wichtige Arbeitgeber. Seit Jahren ist klar, dass sich junge Männer nicht unbedingt aus ideologischen Gründen islamistischen Gruppen anschließen, sondern nicht zuletzt aus Perspektivlosigkeit.

Ein übereilter Abzug könnte obendrein dem russischen Präsidenten Wladimir Putin einen geopolitischen Erfolg bescheren. „Er will, dass der Westen geht“, sagt Laessing. „Diesen Triumph sollten wir ihm nicht gönnen.“ Gleichwohl müsse mittelfristig ein koordinierter Abzug – anders als beim Debakel in Afghanistan – geplant werden.

Die UN-Mission Minusma, die im Juli 2013 ihre Arbeit aufnahm, hat ein Mandat für bis zu 13.289 Soldaten sowie 1.920 Polizisten. Sie wurde ins Leben gerufen, weil im Jahr zuvor nach einem Aufstand von Teilen der Tuareg-Bevölkerung sowie einem Staatsstreich Dschihadisten-Gruppen den Norden besetzten.

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Auch Muslime kennen den Blues

„Ich bin die Wurzel und der Stamm. Ihnen bleiben Zweige und Blätter.“ (Der verstorbene Musiker Ali Farka Touré aus Mali)
(iz). Die seltene Gelegenheit nutzend, in Sachen Musik keine Rücksicht auf die Kinder nehmen zu müssen, legte ich eine CD des unvergleichlichen Otis Taylor ein. Inmitten des tief bewegenden Stückes „10 Million Slaves“ merkte meine Frau plötzlich an, dass ihr diese Art Musik seltsam bekannt vorkäme. Das Ganze klinge entfernt an Gnawa-Musik ihrer Geburtshei­mat, eine Tradition, die Schwarzafrikaner nach Marokko brachten, als das Sultanat seine Macht in Richtung Mali und afrikanischer Küste ausweitete.
So mancher Witzbold meint zwar, die Sachsen hätten den Blues erfunden, jene Musik, die Bilder des schwarzen Südens der USA und unterdrückten Menschen erzeugt. Es ist wahr, die Mundharmoni­ka kam aus den Musikwerkstätten des sächsischen Vogtlandes in die Neue Welt. Aber das war’s auch schon. Nicht, dass man nicht im Sachsen vor 1989 ausreichenden Grund für den Blues gehabt hätte.
Folgt man den Spuren dieser Musik in die Vergangenheit, gibt es mehr als lose Fäden, die einen von den Sklavenge­bieten des tiefen Südens, einer tristen Realität, in der die Menschen alle Lebensfreude brauchten, um ihre Sklaverei zu überstehen, nach Westafrika und über den arabischen Westen bis auf die arabische Halbinsel führen. Vom Klang, über die Art zu singen bis hin zu Instrumenten: Es gibt im amerikanischen Blues genug Parallelen zu den kulturellen ­Traditionen westafrikanischer Muslime, als dass man sie einfach so übersehen könnte.
Vor einigen Jahren produzierte die BBC mit Al Jazeera eine ­Dokumentation über den Islam in Amerika. Interessanter­weise findet sich darunter auch ein Segment, das den faszinierenden muslimischen Wurzeln gewidmet ist, die dieser einflussreichen Musiktradition zu eigen sind. Ein Viertel der, ab dem 17. Jahrhundert nach Nordamerika gebrachten Sklaven waren Muslime, die geheime Wege finden mussten, um ihren Islam zu bewahren. Der Bluesmusiker Abdul Rashid, der vor langer Zeit zum Islam fand, zeigt sich in dem Bericht überzeugt, dass sie dies auch durch Musik taten.
„Die Sklaven brachten die Musik nach Amerika. Man sagt, der Blues sei in Mississippi entstanden, aber das glaube ich nicht“, erklärt er gegenüber dem Fragesteller. Selbst in den Gesängen der schwar­zer Baptistengemeinden (die im 19. Jahrhundert gegründet wurden, nach­dem die Baptisten Sklaven ausschlossen) sei das islamische Erbe noch zu finden. Die dortige Art des Singens habe offenkundige Parallelen zum ‘Adhan, dem Gebetsruf. „Die tief angelegte Tradition der Schwarzen im Süden für das Singen war eines der Dinge, die mich zum Islam geführt haben.“ Überhaupt, der ganze Blues sei eine spirituelle Bewegung, an deren Ende als Abschluss der Islam stehe.
Auf muslimvoicesfestival.org findet sich eine kleine Tonspur, auf der ein Gebetsruf aus der Arabischen Halbinsel mit einem kurzen Bluesgesang verglichen werden. Dass dieser ähnliche Klang kein Zufall sein kann, glauben auch die Betreiber des International Museum of Muslim Cultures [die IZ berichtete in Ausga­be 107 & 167] in Jackson, Mississippi.
Viel mehr Muslime seien Sklaven gewesen, als man früher angenommen ha­be, sagte eine Mitarbeiterin. Man kön­ne von sehr vielen unglücklichen Menschen ausgehen, die über den Atlantik zum Frontdienst in den britischen Kolonien, und später in den USA verschleppt wurden.
Die Autorin Sylviane A. Diouf vom Schomburg Center for Research in Black History, erklärt das Eingangszitat von Touré: Der „Stamm“ ist die Sahelzone, jenes enorme muslimische Gebiet vom Senegal bis zum Sudan, wohingegen die „Zweige“ die Vereinigten Staaten seien. Die dort lebenden Menschen hätten seit dem 8. Jahrhundert mit den Arabern und Berbern Afrikas in Kontakt gestanden und der Islam habe sich unter ihnen seit dem 11. Jahrhundert ausgebreitet. Dabei sei es auch zu einem Kulturaustausch gekommen.
Die Menschen übernahmen bestehen­de arabisch-islamische Musikstile und „verwandelten sie in etwas, das ihnen vollkommen zugeeignet war. Zur gleichen Zeit sehr ähnlich, und doch sehr verschieden“, schreibt sie in einem erhellenden Aufsatz zum Thema. Die deportierten Afrikaner brachten diese Musik, Rhythmen und Instrumente aus Nordafrika nach Amerika, wo sie einen fruchtbaren Boden vorfanden. Die muslimischen Sklaven hätten ihre Musiktraditio­nen leichter bewahren können als andere. Den Geknechteten wurden Trommeln – aus Furcht vor der Verbreitung geheimer Botschaften – untersagt. Traditionellerweise benutzt die Musik aus dem Sahel Saiten- und Blasinstrumente, während die anderen an der Ausübung ihrer Musik behindert waren.
Nach Ansicht von Diouf habe sich der Blues nicht zufällig im „tiefen Süden“ entwickelt. Was die Traditionen des Sahels so anders mache als die Musik der Karibik oder des restlichen afrikanischen Raumes, sei die „Gegenwart arabisch-islamischer Stilelemente“. Diese fänden sich in den Techniken des Spiels, den Melodien und in der Art des Gesangs. „Selbst das ungeübte Ohr erkennt die Ähnlichkeiten zwischen Blues und der islamisch-beeinflussten Musik Westafrikas. Aber die Parallelen zwischen dem Blues und der Qur’an-Rezitation sind ebenfalls sehr stark. Und auch beim Ruf zum Gebet.“
Interessanterweise ist es auch ein deutscher Musikwissenschaftler, Professor Gerhard Kubik, der zu vergleichbaren Ergebnissen kommt. Kubik ist der An­sicht, dass viele der heutigen Blues-Sänger unbewusst diese arabisch-muslimischen Muster in ihrer Musik wiederholen. „Viele Eigenarten, die bisher als ungewöhnlich, fremdartig und nur schwer für frühere Musikwissenschaftler zu deuten waren, können jetzt besser als eine Verwandlung der arabisch-islamischen Stilelemente verstanden werden.“ Trompeter – und Muslim – Barry Danielian, so berichtet Autor Jonathan Curiel, „hat die Erfahrung gemacht, dass viele Nichtmuslime diese Verbindung selten nachvollziehen können“. Das liege aber daran, dass sie wenig über muslimische oder arabischer Musik wüssten.
Der atlantische Handel mit afrikanischen Sklaven führte dazu, dass mindes­tens 10 Millionen Menschen in die nordamerikanische Leibeigenschaft verkauft wurden. Ihr Schmerz und ihr Versuch, trotz allem menschlich zu bleiben, fand eine Form im Blues. Es entstand dabei ein urtümlicher Ausdruck, entgegen einer ständigen Tyrannei die innere Freiheit und Freude nicht ganz zu verlieren – ja, überhaupt am Leben zu bleiben.
Vielleicht kehrt diese Reise durch die Zeiten und Kontinente ja an ihren Ur­sprung zurück. Weiß Gott, es gibt in vielen Ländern der muslimischen Welt ein ausreichendes Bedürfnis nach einer le­bensbejahenden Freude, die das Herz vitalisiert.

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Kommentar von Martin Zabel zur französischen Intervention in Mali

Berlin (iz). Es ist schon paradox und an Tragik kaum zu übertreffen – französische Armeeeinheiten befreien eine Stadt, die allgemein hin als eine der wichtigsten Stätten muslimischer Gelehrsamkeit gilt. Und […]

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Die Lage ist schwierig und entzieht sich dem Schwarz-Weiß-Denken. Von Abu Bakr Rieger

(iz). Es ist der Beginn einer literarischen Karriere. Schiller schreibt die „Räuber“ und kehrt dabei geläufige moralische Bilder um. Die Guten sind auch böse, die Bösen auch gut. Die Lehre aus dem Meisterwerk, das in seiner Zeit einen Skandal auslöst, fällt mit dem Beginn einer neuen Epoche zusammen. Sie entzieht sich dem alten Schwarzweiß-Denken und öffnet neue, größere Entscheidungsräume. Es wird schwerer, sich eindeutig auf der Weltbühne zu positionieren. In jedem Moment offenbart sich eine neue Wirklichkeit, die man immer neu und mit höheren Maßstäben beurteilen muss; fixe Ideologie und feste Parteiungen trüben dagegen eher den Blick. Schiller schult auf seiner Bühne den Blick auf das Geschehen, ohne schnelle und eindeutige Lösungen der absoluten Wahrheitsfindung anbieten zu können.

Der Konflikt in Mali, der heute unsere Aufmerksamkeit beansprucht, entzieht sich ebenfalls einer einfachen Einordnung. Die Schwierigkeiten der Sichtung beginnen schon bei den aktiven Konfliktparteien: sind es Staaten oder Unternehmen, Muslime, Terroristen oder Nationalisten? Wer wird von wem benutzt? Die Räuber sind eine bunte Truppe geworden, deren Uniformen, soweit sie welche tragen, im Wüstenstaub Malis nur schwer zu erkennen sind. Auf Seiten der Rebellen kämpfen Tuareg-Nationalisten, einige salafitisch angehauchte Gruppen, Kriminelle und vermutlich auch der eine oder andere „Agent provocateur“. Natürlich darf man auch spekulieren, wer den Rebellen die üppige Ausrüstung zur Verfügung gestellt hat.

Was wissen wir wirklich? Seit 1961 hat Frankreich dutzende Male in Afrika interveniert. Dabei ging es zweifellos um den Schutz dubioser Diktatoren, um Rohstoffe und um imperiale Ziele. In diesen Staaten bildeten sich diverse, teilweise bewaffnete Gegenbewegungen, die mit nationalistischen, islamischen oder kommerziellen Motiven gegen die Herrschaft mobil machte. Mangels entsprechender Ausbildung und Bildung überhaupt, vermischten sich auch die genannten Motivationen der Gegner der offiziellen Staaten, zu einem undurchsichtigen und zugleich explosiven Gemisch.

Es ist beinahe eine Binsenweisheit: In Afrika sind nicht nur Staaten am Ball. Es geht hier weniger um die klassische Verteidigung von Grenzen als um die Sicherung von „Claims“. Viele Konzerne aus der Rohstoffbranche unterhalten Söldner und eigene private Sicherheitsstrukturen. Bis zum heutigen Tag sind „marodierende“ Unternehmen, wie sie Arundhati Roy nennt, an zahlreichen Konflikten in Afrika beteiligt. Es ist kein Geheimnis, dass große Teile der französischen Uranversorgung aus dem Niger, dem Nachbarland Malis, kommen. Wer die Bedeutung der Atomenergie für Frankreich kennt, dem ist klar, dass ein europafeindliches Regime in Mali und die Destabilisierung einer ganzen Region kaum im Interesse der „Grande Nation“ sein dürfte.

Kriege werden also längst nicht mehr nur im geopolitischen Interesse von Staaten geführt, sondern sie werden auch zum Vorteil von börsennotierten Unternehmungen organisiert. Das sind die alten Sensationen aus Afrika, die, ob es gefällt oder nicht, aus der Realität des Kontinents nicht wegzudenken sind. Längst gefährden die ökonomischen Interessen der USA, Europas und Chinas den Frieden und den bescheidenen Fortschritt des ganzen Kontinents.

Der Kampf in Mali mag nun der Einfachheit halber ebenfalls in die Kategorie der Rohstoffkriege abgelegt werden, wäre da nicht das Phänomen, das eine souveräne Position hin und wieder auszeichnet: das Erkennen von Ausnahmen.

Die Horden – so genannter – „Islamisten“ in der Region sind tatsächlich nicht nur ein lokales Ärgernis, das eventuell die französische Energieversorgung gefährden könnte, sondern sie stellen auch aus anderen Gründen eine schwerwiegende Gefahr dar. Die Frage ist nur: eine Gefahr für was oder wen?

Markus Kaim von der Berliner Stiftung und Wissenschaft hält in einer Analyse des westlichen  „Konfliktmanagements“ (was für ein Begriff!) den Ball zunächst eher flach: eine Bedrohung Europas und Deutschlands durch Terroristen aus Mali sei eher unwahrscheinlich. Das mögliche Engagement der Bundeswehr, so der anerkannte Berliner Think Tank, sei in dem Konflikt militärisch kaum von großer Bedeutung. Aber, so die Analyse weiter, Europa müsse auf Dauer mehr Engagement im weiteren Mittelmeerraum zeigen, da sich die USA nicht weiter in militärische Auseinandersetzungen am Boden beteiligen wolle. Der deutsche Verteidigungsminister de Maiziere bereitet schon länger die deutsche Öffentlichkeit auf neue Auslandseinsätze vor. Der Minister ist der Überzeugung, dass es für Deutschland schwieriger werden wird, sich aus dieser Art Konflikte, zumal in der Nähe der Außengrenzen der Europäischen Union, auf Dauer herauszuhalten.

Aber, die Eroberung, oder wohl eher nur die Destabilisierung einer Region in Afrika durch eine radikale Extremistengruppe ist natürlich auch für Berlin ein Problem, ein Ärgernis eben, dass aber nicht nur die Sicherheitsinteressen Europas, sondern durchaus auch die Interessen der Muslime in aller Welt betrifft. Wieder einmal könnte die absolute Mehrheit der Muslime, hilflos dem Treiben einer Kleingruppe, die im Namen des Islam handelt, ausgesetzt sein. Der traditionelle Islam befindet sich schon in großen Teilen Afrikas in Bedrängnis. In Mali schaffen zudem zahlreiche sektiererische Gruppen eine schwer überschaubare Lage. Sie sind auch in Drogenhandel und Menschenhandel verstrickt und könnten das Land auf Dauer unregierbar machen. Auf qantara.de spricht der Führer von Ansar Dine (nicht zu verwechseln mit einer ähnlich benannten Terrorgruppe), Ousmane Haidara, einer sufischen Gruppierung mit immerhin 2 Millionen Mitgliedern in Mali, Klartext: „In Mali geht es nicht um die Scharia, sondern um Banditentum“.

Neben der realen Möglichkeit der Entstehung eines Rückzugsgebietes für Terroristen, bringt die (angebliche) Anwendung des islamischen Rechts, durch ungebildete Horden in der Region, vor den Augen der Weltöffentlichkeit, wunderbare Assoziationsmöglichkeiten für all diejenigen, denen es in Wirklichkeit darum geht, den Islam zu schädigen. Begriffe und Schlagworte wie „Scharia“ oder „islamischer Terrorismus“ stehen bei bestimmten Medien wieder hoch im Kurs. Natürlich sind einige tausend Rebellen und ihre dubiosen Gruppierungen mitsamt ihrer zynischen Glaubensausübung im Weltmaßstab von über einer Milliarde Muslime völlig isoliert.

Die ignoranten Zerstörungen in Timbuktu, einem Welterbe islamischer Kultur, sprachen bereits Bände über den verwirrten ideologischen Kern der Bewegung. Die Rebellen sollen unter Anderem die Bibliothek der berühmten Stadt beschädigt und zahlreiche Bücher, statt sie zu studieren, verbrannt haben. Die Generalsekretärin der UNESCO hatte sich bereits letzten Jahres zu Recht über diese Taten öffentlich empört.

Für muslimische Beobachter ist aber völlig klar: Wer die isoliert agierenden Rebellen und Gruppen in den Rang einer „offiziellen“ muslimischen Bewegung befördern will, dem geht es in Wirklichkeit um eine Kampagne gegen den Islam.  Durchsichtig sind zum Beispiel die Versuche der rechtsextremen Front National in Frankreich, zu behaupten, die Rebellen würden von den Golfemiraten finanziell unterstützt. Hier bastelt die europäische Rechte am Mythos reicher Araber, die den Untergang französischer Soldaten befördern wollen. Für die französischen Rassisten passt das perfekt in ihre Agitation gegen die in Frankreich lebenden Afrikaner aus der Sahelzone.

Wer ein wenig nachdenkt und über ein bisschen Geschichtsverständnis verfügt, wird diese Kampagnen schnell durchschauen. Über Jahrhunderte waren islamische Gelehrte in Afrika nicht nur durch eine umfassende Bildung, sondern auch durch Nachsicht, Vorsicht und Rücksicht gekennzeichnet. In Afrika stammte kein  unerheblicher Teil ihres Wissens aus der berühmten Bibliothek in Timbuktu. Sie verkörperten – charakterlich ausgezeichnet – als ehrwürdige Persönlichkeiten das Recht. Die radikale Umsetzung einer lebensfernen, ideologischen Systematik war ihnen so fern, wie die tägliche Reflexion über das tiefere Wesen der Gerechtigkeit ihnen nah war. Besonders widerlich sind insofern die Fälle der Anwendung von „Hudud-Strafen“ durch Schnellgerichte der Rebellen in dem Land.  Die verzweifelten Armen Afrikas sind in dieser Zeit weder das Problem, noch können sie – ohne in den Zynismus zu verfallen – ernsthaft Gegenstand von irgendeiner strafrechtlichen Maßnahme sein.

Was tun also in Mali? Natürlich könnte man die ganze Region einfach ihrem Schicksal überlassen, nur, wäre dies die Lösung? Wer kann, außer den Franzosen, dem schauerlichen Treiben dieser Gruppen Einhalt gebieten? Soll man sie einfach gewähren lassen, mit welchen Folgen? Man muss – auch als Muslim – also vorsichtig sein mit einer vorschnellen Verurteilung der Franzosen; wenn auch mit einem wachsamen Auge, das beurteilt, ob die Militärführung im Umgang mit der muslimischen Zivilbevölkerung die nötige Vernunft walten lässt. Durch die Einbeziehung der Tuareg in Friedensgespräche könnte Frankreich zudem klarstellen, dass es der Militärführung nicht nur um die Sicherung von Rohstoffen und die Etablierung einer „Marionettenregierung“ geht. Es ist sicher auch kein Nachteil, wenn verantwortliche Kommandeure der Bundeswehr die Lage beobachten und insbesondere ein Auge auf die brutalen, offiziellen malischen Regierungstruppen werfen. Ein Überlassen der Angelegenheit an die afrikanischen Truppen der Nachbarländer wäre – wie die neuerlichen Übergriffe der offiziellen Truppen Malis wieder einmal zeigen – wahrscheinlich zum größeren Nachteil der Zivilbevölkerung und nur eine weitere Einladung zur Barbarei.

In Frankreich nutzen interessierte Dritte den Konflikt in Mali aus

Paris (iz). Manchmal ist es mit Staaten wie mit Privatleuten: Wer viel Geld hat, unterliegt oft einem gewissen Neid und wird auch gerne mit nachteiligen Gerüchten überzogen. Katar geht es zur Zeit ähnlich. Das erdgasreiche Emirat liegt auf einer Halbinsel am Persischen Golf und verfügt über die größten Erdgasvorkommen der Welt. Der Wüstenstaat boomt, lockt sportliche Großereignisse an und investiert in die Wirtschaft – daheim und in aller Welt. Katar ist auch ein islamisches Land, nicht nur mit dem wichtigsten Fernsehkanal der muslimischen Welt ausgestattet, sondern auch aktiv mit diversen Stiftungen, die ­Muslime in aller Welt unterstützen.

Seit der Arabellion wird das Land in einigen westlichen Medien mit stellenweise recht abenteuerlichen Verschwörungstheorien überzogen. So soll Katar auch militante Gruppen in Syrien ­unterstützen oder direkt am Sturz des ­libyschen Despoten beteiligt gewesen sein. Diese Gerüchte sind nicht belegt und schüren eher den Verdacht, dass ­interessierte Dritte einige extremistische Kleingruppen mit dem offiziellen Islam in Verbindung bringen wollen. Ein neues Beispiel hierfür ist die Situation in Mali. Es wundert nicht, dass auch hier wieder der Name Katar fällt.

Die einflussreiche französische Internetseite France24 veröffentlichte am 22. Januar einen Artikel mit der Überschrift „unterstützt Katar die Krise im Norden Malis?“. Der Artikel unterstellt der ­Regierung in Doha die Parteinahme für die brutalen Rebellen in Mali. ­Angeblich wolle das Emirat mit Hilfe der ­Rebellen – so zumindest Segolene ­Allemandou in ihrem Artikel – die Verbreitung des fundamentalistischen Islam in Afrika fördern. Die unterschwellige Absicht der Kampagne ist klar: Eine belegte Parteinahme Katars für Terroristen würde das Image des Staates in Europa natürlich nachhaltig belasten. Verschwiegen wird dabei auch die klare Haltung Katars im internationalen Krieg gegen den Terroris­mus, für den der Staat auch von den Extremisten kritisiert wurde.

France24 zitiert auch andere Nachrichtenquellen, die seit dem Sommer 2012 einfach behaupten, alle Gruppen die gegen die Zentralregierung in Mali agieren – also egal ob muslimische, nationalistische oder säkulare Gruppen –, hätten finanzielle Zuwendungen aus Doha erhalten. Gleichzeitig wird die ­bekannte humanitäre Hilfe seitens ­Katars für humanitäre Organisationen, die der Zivilbevölkerung in Mali helfen – zum Beispiel in Form von Brunnenbau und die seit den 1980er Jahren Tradition hat – plötzlich in den aktuellen „Terror“-Zusammenhang gestellt.

Besonders aktiv an der Verbreitung dieser Verschwörungstheorien ist in Frankreich das Netzwerk um die FN Chefin Marine Le Pen. Der Artikel in France24 zitiert ebenso die Chefin der französischen „Patrioten“, von denen viele überzeugt sind, sie seien auch „Rassisten“. Die rechtsextreme Partei schürt seit Jahren das öffentliche Ressentiment gegen die Muslime im Land und warnt immer wieder vor einer angeblichen ­“Islamisierung” Frankreichs. Jetzt behauptet Le Pen auf Ihrer ­Internetseite, dass sich das Emirat hinterhältig gegen die französische Intervention im Kampf gegen den Terrorismus stelle. Die abstruse Idee, dass die ­reichen Araber der Golfstaaten – zum Nachteil der Franzosen – Terroristen bezahlen, passt in das schräge Weltbild der Partei. Außerdem lenken die Vorwürfe von der brisanten Debatte ab, inwiefern Frankreich selbst ökonomische ­Interessen in der Region verfolgt. Die Populistin Le Pen, Abgeordnete im Europaparlament, hatte 2011 die Führung der ­umstrittenen Partei von ihrem Vater übernommen. Jenem Mann also, der verdächtigt wurde, im Krieg Frankreichs gegen ­Algerien auch muslimische Gefangene gefoltert zu haben.

Kommentar: In den Konflikten Afrikas sind längst nicht nur Staaten beteiligt

(iz). Es ist der Beginn einer literarischen Karriere. Schiller schreibt die „Räuber“ und kehrt dabei geläufige moralische Bilder um. Die Guten sind auch böse, die Bösen auch gut. Die Lehre aus dem Meisterwerk, das in seiner Zeit einen Skandal auslöst, fällt mit dem Beginn einer neuen Epoche zusammen. Sie entzieht sich dem alten Schwarz-Weiß. In jedem Moment offenbart sich eine neue Wirklichkeit, die man immer neu und mit höheren Maßstäben beurteilen muss; fixe Ideologie und feste Parteiungen trüben dagegen den Blick.

Seit 1961 hat Frankreich Dutzende Male in Afrika interveniert. Dabei ging es um den Schutz dubioser Diktatoren, um Rohstoffe und um imperiale Ziele. Bis zum heutigen Tag sind marodierende Unternehmen ebenfalls an den Konflikten beteiligt. Der Krieg ist längst nicht mehr nur die Sache von Staaten, sondern wird auch zum Vorteil von börsennotierten Unternehmungen organisiert.

Der Kampf in Mali mag man nun der Einfachheit halber ebenfalls in diese Kategorie der widerwärtigen Rohstoffkriege einordnen, wäre da nicht das Phänomen, dass eine souveräne Position auszeichnet: das Erkennen der Ausnahme.

Die Horden so genannter „Islamisten“ in der Region sind tatsächlich nicht nur ein Ärgernis, sondern eine schwerwiegende Gefahr. Die ignoranten Zerstörungen in Timbuktu sprachen bereits Bände über den ideologischen Kern der Bewegung. Die kalte Umsetzung von Normen durch eine Heerschar relativ ungebildeter Raufbolde beschädigt nicht nur das Bild des Islam in der Welt, sondern birgt tatsächlich die Gefahr, dass in der Region ein bedrohliches Rückzugsgebiet für Terroristen entstehen könnte. Ein weiterer Alptraum wäre natürlich der anschließende Export des Terrors nach Europa. Es muss gleichzeitig nüchtern untersucht werden, welche Staaten, Firmen oder Parteien die Rebellen logistisch unterstützen.

Klar ist auch: Wer die isoliert agierten Rebellen und Gruppen in den Rand einer offiziellen muslimischen Bewegung befördern will, dem geht es in Wirklichkeit um eine Kampagne gegen den Islam. Die Fakten dagegen sprechen für sich. Über Jahrhunderte waren islamische Gelehrte nicht nur durch eine umfassende Bildung, sondern auch durch Nachsicht, Vorsicht und Rücksicht gekennzeichnet. Sie verkörperten – charakterlich ausgezeichnet – als ehrwürdige Persönlichkeiten das Recht. Die radikale Umsetzung einer ideologischen Systematik war ihnen so fern, wie die tägliche Reflexion über das tiefere Wesen der Gerechtigkeit ihnen nah war. Die verzweifelten Armen Afrikas sind in dieser Zeit weder das Problem, noch können sie – ohne in den Zynismus zu verfallen – ernsthaft Gegenstand von strafrechtlichen Maßnahmen sein.

Man muss – auch als Muslim – also vorsichtig sein mit einer vorschnellen Verurteilung der Franzosen; wenn auch mit einem wachsamen Auge, dass beurteilt, ob die Militärführung im Umgang mit der muslimischen Zivilbevölkerung die nötige Vernunft walten lässt. Durch die Einbeziehung der Tuareg könnte Frankreich klarstellen, dass es der Militärführung nicht nur um die Sicherung von Rohstoffen geht. Es ist auch kein Nachteil, wenn verantwortliche Kommandeure der Bundeswehr die Lage beobachten.

Ein Überlassen der Angelegenheit allein den afrikanischen Truppen wäre – wie viele Beispiele der afrikanischen Wirklichkeit zeigen – nicht unwahrscheinlich nur zum Nachteil der Zivilbevölkerung eine Einladung zur Barbarei.

Deutschland: Debatte um Kampfeinsatz. GfbV fordert langfristige Einigung mit unzufriedenen Tuareg

Bamako/Paris/Berlin (dpa/KNA). Französische Bodentruppen sind auf dem Vormarsch in den Norden Malis. „Die französischen Landstreitkräfte sind dabei, sich in Richtung Norden zu bewegen“, sagte Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian am Mittwochmorgen dem französischen Sender RTL. Bisher hätten die Bodentruppen die Hauptstadt Bamako gesichert, die Menschen dort, Franzosen und EU-Bürger, sagte Le Drian. Derzeit befinden sich etwa 800 französische Soldaten in Mali.

Bei dem Einsatz gegen die Rebellen in dem westafrikanischen Land rücken nach Medienberichten etwa 30 Panzer, die erst wenige Stunden zuvor aus der Elfenbeinküste eingetroffen waren, in nördlicher Richtung vor. Außerdem wollten französische und malische Verbände die von den Rebellen gehaltene Stadt Diabali im Zentrum des Landes zurückerobern. Neben Diabali wird nach französischen Angaben auch die Stadt Konna im Zentrum Malis weiterhin von Rebellen kontrolliert. Im Osten sei es gelungen, die Offensive der terroristischen Gruppen zu stoppen, sagte Le Drian.

Mit zwei Transportmaschinen und humanitärer Hilfe
Deutschland beteiligt sich am internationalen Militäreinsatz in Mali zunächst nur mit zwei Flugzeugen. Die beiden Maschinen vom Typ Transall sollen Truppen der westafrikanischen Wirtschaftsunion Ecowas in die malische Hauptstadt Bamako bringen. „Diese Maßnahme kann unverzüglich beginnen“, sagte Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) am Mittwoch in Berlin. Der Einsatz erfordere kein Mandat des Bundestags. Zuvor war die Entsendung von insgesamt fünf Maschinen geprüft worden.

Die Bundesregierung stellt eine weitere Million Euro für die humanitäre Hilfe in Mali zur Verfügung. Zusammen mit den seit Ende 2011 zugesagten 13,65 Millionen Euro sollen die Gelder die Not der Menschen in dem afrikanischen Land lindern, wie Außenminister Guido Westerwelle (FDP) am Mittwoch in Berlin erklärte. Trotz des sich zuspitzenden Konflikts will die Bundesregierung laut dem zuständigen Minister Dirk Niebel (FDP) ihre Entwicklungshilfe nicht komplett stoppen. Zwar sei die bilaterale Zusammenarbeit derzeit ausgesetzt, aber „was wir nie beendet haben, waren die Maßnahmen, die unmittelbar den Menschen nutzen“, sagte Niebel im ARD-Morgenmagazin. Fortgeführt werden laut Angaben aus dem Ministerium „regierungsferne und bevölkerungsnahe Projekte“ etwa im Bereich der Wasserversorgung und der Gesundheitsvorsorge.

NGO's: humanitäres und militärisches Engagement getrennt halten
Nichtregierungsorganisationen forderten eine strikte Trennung von militärischem und humanitärem Engagement. Andernfalls werde die Arbeit der Helfer gefährdet, betonte „Ärzte ohne Grenzen“. Die Welthungerhilfe warnte, die Lage der Menschen in Mali werde „von Tag zu Tag schwieriger“. Care mahnte, einen Korridor zu schaffen, damit die Zivilbevölkerung im umkämpften Norden Malis erreicht werden könne.

Für einen gewaltfreien Dialog machten sich die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) sowie medico international stark. Ohne „maßgebliche Zugeständnisse“ an die Tuareg werde es keinen dauerhaften Frieden in Mali geben, so die GfbV mit Blick auf die Anfänge des Konflikts. Laut medico international planen Menschenrechtler in Mali eine „Bürgerkarawane für den Frieden“. Sobald es die Sicherheitslage zulasse, wolle die Partnerorganisation Association Malienne des Expulses mit Demonstrationszügen nach Bamako und in die in der Landesmitte gelegene Stadt Mopti ziehen, um einen „Nationalen Rat“ zur Wiederherstellung von Stabilität und Sicherheit zu fordern.

Keine schnelle Lösung in Sicht
Eine schnelle Lösung des Konflikts in dem Wüstenstaat ist nach Einschätzung des Politologen Hans-Georg Ehrhart nicht in Sicht. Weder freie Wahlen noch eine Stabilisierung der derzeitigen malischen Regierung seien in nächster Zeit absehbar, sagte der Politikwissenschaftler im Deutschlandradio Kultur.

Nach Einschätzung der Gesellschaft für bedrohte Völker kann der Konflikt nur durch Verhandlungen gelöst werden. Die Gesellschaft erinnerte daran, dass nicht „radikale Islamisten“, sondern ein Tuareg-Aufstand den Konflikt ausgelöst hätten. „Ohne maßgebliche Zugeständnisse an die Tuareg wird es auch keinen dauerhaften Frieden im Norden Malis geben“, erklärte der Afrikareferent der Gesellschaft, Ulrich Delius.