Medienkonsum und Gesundheit

Nachrichtenüberflutung flatrates

(iz). Es war eine große Idee: das Internet, ein weltumspannendes Netzwerk, das die wissenschaftliche und kulturelle Kompetenz eines ganzen Planeten zusammenführt. Soziale Medien, die gesellschaftliche Gruppen und Personen vernetzen und die Methode der Schwarm-Intelligenz in Form einer Orientierung in einer komplizierten Welt einführt.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts werden diese Errungenschaften mit einer gewissen Skepsis angesehen. Schlimmer noch, es besteht der Argwohn, dass die neuen Medien das moderne Leben eher vergiften als verändern und den Einzelnen entweder in den Narzissmus des „Selfie“, der permanenten Selbstdarstellung, oder aber in allgegenwärtige Formen der Identitätspolitik verstricken.

Nicht selten wird die wachsende Zahl der Depressiven dadurch erklärt, dass die Informations- und Bilderflut ein ungesundes Ausmaß angenommen haben und eher zu einer Flucht aus der Realität und weniger zu einer gesunden Wahrnehmung der menschlichen Lage führt. Die Statistiken der Mediennutzung zeigen, dass wir eine immer größere Zeitspanne vor unseren Smartphones und Computern verbringen.

Bevor man sich an einer Einordnung versucht, sollte man sich klar machen, dass die Innovationen der Technik meist jenseits von gut und böse einzuordnen sind. Was auf der einen Seite eine Segnung ist, ist auf der anderen ein Fluch. Unter dem Stichwort digitale Gesundheit kooperieren tausende Mediziner international zum Wohl der Kranken, während das Bild des gläsernen Patienten ein Wortspiel einführt, dass die Gefahr dieser Entwicklungen anzeigt.

Die Kritik an den Neuen Medien hat in Deutschland eine lange Tradition. Schon zu Beginn des letzten Jahrhunderts hat Walter Benjamin einen Grundlagentext verfasst. „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ führt in die Revolution ein, die der Fortschritt im Feld der Fotografie und der Filmkunst verursacht. Der Philosoph enthält sich dabei eines endgültigen Urteils, erwartet nicht nur die Veränderung von Sehgewohnheiten, überhaupt der Erkenntnis, sondern ahnt bereits das politisch-soziale Potential der Mediennutzung. Benjamin, der vor den Nationalsozialisten flüchtete, ist sich klar, dass die Möglichkeit der bewegten Bilder von den Ideologien eingesetzt werden.

Er stellt fest, dass das Kunstwerk immer kopiert wurde, aber die technische Reproduzierbarkeit etwas Neues eröffnet. Sie löst endgültig die ursprüngliche Anlehnung der Kunst am religiösen Ritual und ändert radikal die Art der Sinneswahrnehmung. Bei der Reproduktion fällt aus seiner Sicht eines aus, dass Hier und Jetzt des Kunstwerkes – sein einmaliges Dasein an dem Ort, an dem es sich befindet. Die Vervielfältigung setzt an die Stelle eines einzelnen Vorkommens das Massenhafte und wird dadurch politisch nutzbar.

Die Folgen sind ambivalent. Was im Zeitalter der Reproduzierbarkeit des Kunstwerkes beispielsweise verkümmert, beklagt Benjamin, ist seine Aura. Was er damit meint, kann man in seiner eigenen digitalen Bilddatenbank prüfen. Wir sammeln unzählige Bilder über die Dinge und Ereignisse, die wir wahrnehmen und festhalten, dabei verliert man nicht nur schnell den Überblick, sondern oft das Verständnis, wann etwas vor unsere Kameras geschah und warum. Es fällt schwer die immer wiederkehrenden Bilder, falls wir sie überhaupt nochmals anschauen, an eine bestimmte Entstehungszeit zu knüpfen. In den sozialen Medien verlieren sich die Abbildungen von privaten oder öffentlichen Katastrophen und Ereignissen in einer unheimlichen Beliebigkeit.

Die wachsende Zahl von Videos und kleinen Clips erinnern zudem an ein Bonmot des Kulturkritikers Georges Duhamel: „Ich kann nicht mehr denken, was ich denken will. Die beweglichen Bilder haben sich an den Platz meiner Gedanken gesetzt.“ Parallel zu dieser Analyse muss man sich die wissenschaftlich belegte Erkenntnis vergegenwärtigen, dass die meisten MediennutzerInnen längere Texte kaum mehr zur Kenntnis nehmen, nur auf Emotionen reagieren und die Standards aus der digitalen Welt in ihren Alltag übernehmen.

In der persönlichen Begegnung trifft man dann öfters auf Zeitgenossen, die alles wissen und sich kaum für das Argument des anderen im konkreten Gespräch interessieren. Noch seltener wird man auf Interesse stoßen, wenn der Gesprächspartner etwa Schnappschüsse von seiner Urlaubsreise oder seinen Stadtrundgängen zeigt. Der Fakt, dass wir fortlaufend von Informationen und Bildern überfüttert werden, lässt sich in eine Metapher übersetzen, die das Problem verbildlicht: Unser Glas ist stets voll.

Eine andere Revolution sieht Benjamin ebenso in seinem Text voraus: „Mit der wachsenden Ausdehnung der Presse, die immer neue politische, religiöse, wissenschaftliche, berufliche, lokale Organe der Leserschaft zur Verfügung stellte, gerieten immer größere Teile der Leserschaft – zunächst fallweise – unter die Schreibenden.“ Die Unterscheidung zwischen Autor und Publikum ist im Begriff ihren grundsätzlichen Charakter zu verlieren.

Ein Phänomen, das die sozialen Medien auf die Spitze treiben. In den diversen Foren des Internets mutiert inzwischen jede Persönlichkeit zum Autor, verbreitet religiöse Theorien oder gibt seine politische Meinung kund. Zu Beginn wurde diese Realität mit der Idee der Demokratisierung verbunden, heute wächst hier die Skepsis, denn Millionen von neuen Autoren publizieren regelmäßig Unsinn, Falschmeldungen und Beleidigungen.

Verändern die sozialen Medien die Gesellschaft zum Negativen? Bevor man sich hier vorschnell eine Meinung bildet, erinnert man sich besser an die Weisheit, dass jede menschliche Tätigkeit, die ohne Maß betrieben wird, direkt oder indirekt krank macht. Aber, zweifellos, betrachtet man die wachsende Zeit, die der Konsument in den sozialen Medien verbringt, lässt sich das Gefahrenpotential kaum herunterspielen.

Die ganze Welt und ihre Krisen im Sekundentakt nachzuvollziehen, birgt offensichtlich die Gefahr, entweder zu verzweifeln oder sich in einer Parallelwelt mit simplen Wahrheiten zu versorgen. Stress, Angst und Panikattacken sind nach wissenschaftlicher Sicht der Preis, der das Überangebot von negativen Informationen mit sich bringt. Im Nachrichtenmagazin „Der SPIEGEL“ hat der Medienforscher McLaughlin aus seiner Untersuchung berichtet, die bestätigt, dass bei 1.100 Befragten etwa 16,5 Prozent zu diesem problematischen Medienkonsum neigen.

Dabei sollte man nicht vergessen, dass die Nutzung der Medien oft mit der Einsamkeit der Nutzer einhergeht. Es fehlt oft an begleitenden Begegnungen, Gespräche, die die Erfahrungen und Einsichten des alltäglichen Konsums miteinander einordnen. Dass eine reale Situation nicht durch digitale Medien ersetzt werden kann, erkennt man an den Ermüdungserscheinungen, die die zahlreichen Zoom-Konferenzen in uns auslösen. Und jeder, der/die sich als RednerIn in einem virtuellen Forum versucht hat, wird schnell erkennen, wie der Mangel an direkt erfahrener Reaktion den eigenen Redefluss hemmt.

Das gleiche Phänomen werden diejenigen bestätigen, die auf eine sachliche oder Gewinn bringende Diskussion in einem sozialen Medium hoffen. Nicht zufällig endet diese Kontaktaufnahme meist schnell, es wird radikaler – im Vergleich zu einem direkten Austausch – geurteilt und verurteilt. Die Zahl der virtuellen Feindschaften dürfte in dieser Bilanz größer ausfallen, wie die Fälle des Beginns echter Freundschaft.

Natürlich gilt auch im Feld der sozialen Medien der alte Grundsatz, dass die Absicht zählt. Neben dem Rat der Mäßigung der Nutzung bietet sich hier eine weitere Ergänzung an. Wer für ein Thema mobilisiert, nach Gleichgesinnten sucht oder ein konkretes Projekt initiiert, wird in den Foren immer Erfolgserlebnisse verzeichnen. Die Theorie dazu leitet sich von einem Gedanken des Philosophen Slavoj Zizek ab, der das Virtuelle im Sinne einer Vorstufe des Realen ansieht. Dieser Mechanismus funktioniert, je nach Motivation, in einer guten und einer schlechten Dimension. Wer sich zum Ziel setzt, das Netz für ein Projekt zu nutzen oder echte Begegnungen einzuleiten, wird gesündere Erfahrungen verbuchen, im Vergleich zu denjenigen, die nur in einer imaginären Traumwelt von absoluten Wahrheiten das Spiel der Akteure beobachten.

Es ist an der Zeit für die muslimische Community, eine neue Strategie für die kreative Nutzung sozialer Medien anzudenken. Das faszinierende Potential der Mobilisierung, die das Internet ermöglicht, dürfte dabei kaum ernsthaft zur Debatte stehen. Seit Jahren gelingt es uns, in den neuen Medien die bestehenden negativen Assoziationsketten rund um das Phänomen der Muslime in Europa mit positiven Bildern zu konterkarieren. Hier seien drei weitere Beispiele genannt, die wir gemeinsam in den nächsten Jahren umsetzen können: die Neuformierung von Gilden, die Etablierung virtueller Marktplätze und die Finanzierung von richtungsweisenden Projekten durch das Crowdfunding. Die Wirkung der modernen Technologien sind ambivalent, im Ergebnis bleibt aber die Hoffnung, dass sich unsere guten Absichten letztlich durchsetzen.

Zu viel Zeit vorm Schirm

Alle Menschen haben die Auswirkungen des Coronavirus am eigenen Leib gespürt. ArbeitenehmerInnen wurden zum Teil in kürzere  Arbeitszeiten gezwungen oder ihre Arbeit fiel komplett weg. Kinder hat es jedoch härter getroffen. Sie durften eine Zeit lang keine pädagogischen Einrichtungen besuchen. Spielplätze, Vereinssport oder Freizeitangebote blieben ihnen ebenso verwehrt. Aktuell sind Maßnahmen erlassen worden, die Heranwachsende zu einer Teilhabe in unterschiedlichen Einrichtungen ermöglichen. Doch welche Auswirkung hat die Coronakrise insgesamt bei Kindern geschaffen? Von Gül Altin

(iz). Womit beschäftigen sie sich, wenn Schule/KiTa/Vereine/Spielplätze und all jene Flächen, worauf und womit sich Heranwachsende beschäftigen können, ausfallen? Für die Antwort muss nicht lange gesucht werden. Nämlich: Sie beschäftigen sich mit der digitalen Welt!

Die Coronakrise hat verstärkt dazu beigetragen, die Kinder länger mit Fernsehen, dem Internet oder digitalen Spielen zu beschäftigen.

Die KIM-Studie 2020 untersuchte 1200 Kinder zwischen 6 und 13 Jahren, und ihre Haupterziehungsberechtigten am Ende des letzten Jahres über ihre Mediennutzung. Das Fernsehen ist die häufigste mediale Freizeitbeschäftigung von Kindern. Auch ein Anstieg an Streaming-Diensten konnte anhand der Studie erkannt werden. Fast 3/4 der befragten Kinder nutzen das Internet täglich. Die wichtigsten digitalen Bereiche, die ihrerseits angewendet werden, sind WhatsApp, Suchmaschinen, Filme/Videos oder YouTube. 6- bis 13-Jährige Kinder beschäftigen sich mit dem Internet demnach durchschnittlich 46 Minuten.

In der DAK-Studie „Mediensucht 2020“ wurde das Medienverhalten sowie die Medienerziehung innerhalb des ersten coronabedingten Lockdowns erforscht. Sie kommt zum Ergebnis, dass während der Coronazeit die Beschäftigung mit den Sozialen Medien bei Jugendlichen unter der Woche um mehr als eine Stunde auf fast dreieinhalb Stunden pro Tag gestiegen ist. Am Wochenende beschäftigten sie sich sogar länger und bis zu durchschnittlich 4 Stunden. Zu den überwiegenden Gründen zählen, dass sie soziale Kontakte, die aufgrund der gesamten Maßnahmen beschränkt waren, aufrechtzuerhalten suchten, andere beschäftigen sich mit den Netzwerken aufgrund von Langeweile oder der Bewältigung von eigenen Emotionen. Über 35 Prozent der befragten Jugendlichen verdrängen mit der Nutzung digitaler Medien ihre Sorgen und Ängste und möchten damit aus der Realität entfliehen.

In der Bitkom-Studie aus dem Jahr 2019 wurde festgestellt, dass junge Erwachsene ihre Smartphones eher zum Konsum der digitalen Medienwelt und weniger zum Telefonieren nutzen. Demnach streamen 88 Prozent der 10- bis 18-Jährigen Musik und 87 Prozent schauen auf dem Smartphone Videos an. 

Digitalisierung ist ein weiter Begriff, der Vor- und Nachteile mit sich bringt. Doch benötigt ein kleines Kind, die Aufmerksamkeit der digitalen Welt?

Nach der Empfehlung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sollten Kinder im Alter zwischen drei und sechs Jahren täglich nicht länger als 30  Minuten vor einem digitalen Medium verbringen. Für Kinder unter drei Jahren empfiehlt die Regierung komplett auf die Nutzung digitaler Medien zu verzichten. Nach dem Schuleintritt wird die tägliche Bildschirmzeit der Wissenschaftler aus der Hirnforschung auf einen täglichen Gebrauch von höchstens 15 Minuten und nach der Grundschule eine Erweiterung auf 30 Minuten täglich begrenzt.

Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, dass der übermäßige Gebrauch digitaler Medien bei Kindern eine negative Auswirkung auf ihre soziale Entwicklung hat. Studien verdeutlichen, dass frühkindliches Fernsehen keinen Nutzen hat, sondern eher, dass der exzessive Fernsehkonsum (insbesondere bei Kleinkindern) zu einer späteren Entwicklungsstörung führen und ebenso einen Einfluss auf ihre soziale Entwicklung haben kann. Weitere gesundheitliche Folgen übermäßigen Medienkonsums ist die schlechte Körperhaltung, Übergewicht, Konzentrationsschwäche, Einfluss der Werbung auf das Essverhalten der Kinder.

Für gestresste Erziehungsberechtigte kann der Augenblick der Ruheposition, die Kinder vor dem Bildschirm einnehmen, entspannend wirken. Die daraus entstehenden Folgen sollten aber nicht unterschätzt werden.

In den Alternativen, wie Brettspiele, Rätsel, Basteln, Spielplatz, Wandern, Fangen, Tanzen oder jegliche Art körperlicher oder psychischer Bewegung sollten Kinder gefordert und gefördert werden. Es muss kein Verein sein, um die Aktivität der Kinder zu befriedigen. Es benötigt lediglich die unterschiedliche, motivierende Herangehensweise der Kinder, sie  durch gegebene Reize zu motivieren und den Spaß daran zu fördern.

Jede Bezugsperson eines Kindes wünscht sich nur das Beste für ihn/sie. In Anbetracht der Vor- und Nachteile digitaler Medien ist ein Konsum damit nur in einer begrenzten Form angemessen. Daher müssen die Bezugspersonen die eigene Motivation aktivieren um ihre Nahestehenden und Liebsten bestmöglich zu beschäftigen.

Quelle der Studien: www.schau-hin.info/studien/studien-zur-mediennutzung