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Der Fußball und die Moderne

Fußball WM Moderne Zugehörigkeit

Fußballer sind eine Projektionsfläche unserer Gesellschaft. Ein Essay zur FIFA-WM 2026 in den USA.

(iz). Es gibt Momente, in denen sich die Moderne in ihrem Wesen offenbart. Die Fußball-Weltmeisterschaft ist ein solcher Moment.

Was hier auf dem Rasen geschieht, ist mehr als ein Spiel: Es ist eine Verdichtung jener Kräfte, die das moderne Leben strukturieren – Selbstoptimierung, kollektive Identität und politische Deutungskämpfe. Der Fußball wird zur Bühne, auf der sich die Frage stellt, wer wir sind.

Peter Sloterdijk hat die Moderne als ein Zeitalter der „Anthropotechniken“ beschrieben: Der Mensch ist ein übendes Wesen, das sich selbst formt, steigert und in Superlativen zu überbieten sucht.

Der olympische Gedanke, so verstanden, ist keine antike Reminiszenz, sondern ein Grundimpuls moderner Existenz. Im Leistungssport tritt er in seiner reinsten Form hervor. Training, Disziplin, Wiederholung – all das folgt dem Imperativ: Du musst dein Leben ändern.

Die Fußball-Weltmeisterschaft ist die Globalisierung dieses Imperativs. Hier üben nicht mehr nur Individuen, sondern ganze Nationen. Sie treten gegeneinander an in einem ritualisierten Wettbewerb der Selbststeigerung. Der Athlet wird zur Modellfigur des modernen Subjekts, die Mannschaft zur Metapher eines kollektiven Körpers, der sich im Spiel entwirft.

In dieser Verdichtung liegt auch die eigentümliche Nähe des Fußballs zur Religion. Die Stadien gleichen Kathedralen, die Spiele folgen liturgischen Rhythmen, die Emotionen oszillieren zwischen Ekstase und Verzweiflung.

„Er verspricht kein Heil, keine Erlösung.“

Und doch wäre es zu einfach, den Fußball als bloße Ersatzreligion zu bezeichnen. Er verspricht kein Heil, keine Erlösung. Was er bietet, ist flüchtiger: Momente intensiver Sinnhaftigkeit, kollektive Erregungen, die ebenso schnell vergehen, wie sie entstehen.

Gerade in dieser Flüchtigkeit liegt seine moderne Qualität. Der Fußball erzeugt keine dauerhaften Gewissheiten, sondern temporäre Gemeinschaften. Für neunzig Minuten wird ein „Wir“ erfahrbar, das im Alltag längst brüchig geworden ist.

In fragmentierten Gesellschaften, die sich entlang politischer, kultureller und sozialer Linien differenzieren, fungiert der Fußball als einer der letzten gemeinsamen Bezugspunkte. Man spricht über ihn, man streitet über ihn – und erkennt sich gerade darin als Teil eines gemeinsamen Deutungsraums.

Dieser Deutungsraum hat sich in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend verändert. Ein Blick auf die deutsche Nationalmannschaft seit den siebziger Jahren genügt, um dies zu erkennen.

Ein Spiegel von Pluralität

War sie einst Ausdruck einer, vergleichsweise homogenen Gesellschaft, so ist sie heute ein Spiegel ihrer Pluralität. Deshalb faszinieren die Biografien einzelner Spieler, die es bis in die Mannschaft geschafft haben. Spieler mit unterschiedlichen familiären Hintergründen, Lebensläufen und kulturellen Prägungen prägen das Bild. Was sich hier zeigt, ist keine politische Programmatik, sondern gelebte Realität.

Gerade deshalb entzündet sich an ihr ein Konflikt, der weit über den Sport hinausweist. Sind das „alles Deutsche“? Die Frage, die einst beiläufig erschien, ist zur politischen Gretchenfrage geworden. Rechtspopulistische Stimmen versuchen, Zugehörigkeit wieder ethnisch zu verengen, während die Mannschaft selbst eine andere Antwort gibt: Nation ist nicht Abstammung, sondern Teilnahme. Sie entsteht im gemeinsamen Ziel, nicht im gemeinsamen Ursprung.

In diesem Sinne wird die Nationalmannschaft zu einem hermeneutischen Ort. Sie interpretiert die Nation, indem sie sie verkörpert – und verändert sie zugleich. Was hier sichtbar wird, ist keine feststehende Identität, sondern ein Prozess der Aushandlung. Der Fußball zeigt nicht, was Deutschland ist. Er zeigt, dass diese Frage offen ist.

Foto: The White House

Wenn der Fußball instrumentalisiert wird

Diese Offenheit stößt jedoch an ihre Grenzen, wenn der Fußball selbst zum Gegenstand politischer Instrumentalisierung wird. Die Weltmeisterschaft in Katar hat dies in aller Deutlichkeit vor Augen geführt. Fragen nach Menschenrechten, Arbeitsbedingungen und geopolitischen Interessen rückten in den Mittelpunkt.

Der alte Mythos vom unpolitischen Sport erwies sich endgültig als Illusion. Der Geist formt den Körper – die Niederlage war folgerichtig.

Der Fußball ist längst Teil eines globalen Zeichensystems geworden, in dem sich Macht, Moral und Ökonomie überlagern. Was auf dem Spielfeld geschieht, ist untrennbar verbunden mit dem, was außerhalb geschieht.

Der Zuschauer wird zum Mitspieler, gezwungen, Stellung zu beziehen – sei es durch Kritik, Boykott oder bewusste Teilnahme.

Die Religion im Sport

Dabei kehrt auch etwas zurück, das im säkularen Selbstverständnis moderner Gesellschaften lange als überwunden galt: die Religion. Wenn Spieler ihren Glauben öffentlich zeigen, wenn sie beten, danken oder religiöse Zeichen setzen, dann wird sichtbar, dass der Fußball kein rein säkularer Raum ist.

Vielmehr wird er zur Bühne, auf der unterschiedliche Sinnsysteme aufeinandertreffen. In unserer Nationalmannschaft zeigt sich das in Spielern wie Rüdiger und Nechma, die unterschiedlich glauben, aber durch ein gemeinsames Ziel verbunden sind.

Diese Koexistenz ist nicht spannungsfrei. Sie wirft Fragen auf: Wie viel religiöser Ausdruck ist im öffentlichen Raum erwünscht? Wo verläuft die Grenze zwischen persönlicher Freiheit und kollektiver Erwartung? Der Fußball gibt darauf keine eindeutigen Antworten. Aber er macht die Fragen sichtbar. Die Mannschaft wird zur Frage in Gestalt.

Foto: Granada, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 4.0

Sieg oder Niederlage?

Am Ende verdichtet sich all dies in der einfachsten und zugleich folgenreichsten Dimension des Spiels: Sieg oder Niederlage. Kaum ein Ereignis vermag kollektive Stimmungen so unmittelbar zu beeinflussen. Ein Sieg erzeugt Euphorie, ein Gefühl von Zusammengehörigkeit, das weit über das Stadion hinausreicht.

Eine Niederlage hingegen legt Bruchlinien offen, ruft Kritik hervor und verstärkt bestehende Spannungen. Der Charakter der Zuschauer zeigt sich darin, ob sie den Erfolg wünschen oder insgeheim auf die Niederlage hoffen. Im letzteren Fall liegen Enttäuschung und Schadenfreude nahe beieinander.

In diesem Sinne fungiert der Fußball als Resonanzraum der Gesellschaft. Er verstärkt, was ohnehin vorhanden ist – im Positiven wie im Negativen. Die Emotionen, die sich im Spiel entladen, sind nicht bloß sportlicher Natur. Sie sind Ausdruck tiefer liegender Bedürfnisse nach Zugehörigkeit, Anerkennung und Sinn.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Bedeutung der Weltmeisterschaft. Sie ist kein bloßes Sportereignis, sondern ein Spiegel, in dem sich die Moderne selbst betrachtet.

Sie zeigt den Menschen als ein Wesen, das sich übt, das sich steigert, das nach Gemeinschaft sucht – und zugleich in Konflikte verstrickt ist, die es nicht endgültig lösen kann.

Der Fußball beantwortet diese Konflikte nicht. Aber er bringt sie in eine Form, in der sie für alle sichtbar, erfahrbar und diskutierbar werden. Für einen kurzen Moment scheint es, als ließe sich im Spiel klären, was im Leben unklar bleibt.

Und vielleicht ist es genau diese Illusion, die seine anhaltende Faszination erklärt. Denn am Ende gilt: Der Fußball zeigt nicht, was eine Nation ist. Er zeigt, dass sie immer erst im gemeinsamen Ziel entsteht.

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Freiheit in der Moderne

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Titelthema-Freiheit: Essay von Ahmet Aydin über neue Zeit und alte Herausforderungen. Und was „Neo-Osmanen“ mit den Aufklärern verband. (iz). Jede Evolution und Revolution verspricht ihren Befürwortern Freiheit. Freiheit ist der […]

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Hamburger LiteraturAG: Narrative und das Versprechen der Moderne

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Texte einer LiteraturAG von muslimischen Akademikern aus Hamburg (2) zum Thema: Narrative und das Versprechen der Moderne. (iz). Narrative sind en vogue und omnipräsent. In jedem Diskurs, mehr und mehr […]

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Schaikh Abdullah Ali: „Der Zweck des Wissens ist die Aktion“

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„IZ-Begegnung“ mit Schaikh Abdullah Ali vom kalifornischen Zaytuna College über Islam in der Moderne und Wege nach Medina. (iz). Shaykh Dr. Abdullah Ali ist ein Gelehrter des islamischen Rechts mit […]

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Franz Kafka oder der endlose Prozess

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Die Schriften von Franz Kafka faszinieren bis heute – warum eigentlich?

(iz). Der Begriff „kafkaesk“ ist mit dem Werk des Schriftstellers Franz Kafka verbunden und wird oft verwendet, um eine surreale, beklemmende oder absurde Situation zu beschreiben, die durch eine unerklärliche Komplexität, eine undurchdringliche Bürokratie oder eine scheinbar sinnlose Existenz geprägt ist.

Seine Werke, wie „Die Verwandlung“, „Der Prozess“ oder „Das Schloss“ gehören zur Weltliteratur und sind berühmt für seine rätselhafte Darstellungen von menschlichen Ausnahmesituationen. Die „makellose Prosa“, wie Rüdiger Safranski in seiner neuen Biografie schreibt, spiegelt die Abgründe des 20. Jahrhunderts und damit „die Metaphysik im Augenblick ihres Verschwindens“.

Frank Kafka oder der endlose Prozess

„Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne, dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet“. Mit diesem Satz beginnt „Der Prozess“, ein Roman, der von Kafka posthum veröffentlicht wurde und zu seinen bekanntesten Werken zählt. Es handelt sich um eine komplexe Erzählung über einen Mann, der ohne ersichtlichen Grund verhaftet und vor Gericht gestellt wird.

Im Verlauf der Handlung wird er mit einem undurchdringlichen System von Gerichtsverfahren und Bürokratie konfrontiert. Ein Beamter teilt ihm zunächst nur lapidar mit: „Unsere Behörde, soweit ich sie kenne, und ich kenne nur die niedrigsten Grade, sucht doch nicht etwa die Schuld in der Bevölkerung, sondern wird, wie es im Gesetz heißt, von der Schuld angezogen und muss uns Wächter ausschicken.“ 

Das Labyrinth, in das der Protagonist eintritt, hat tatsächlich wenig mit einem Rechtsstaat zu tun. Die namenlosen Richter und Staatsanwälte verstecken sich auf Dachböden, verhandeln in Hinterzimmern und vernünftiger anwaltlicher Rat ist ebenso wenig zu bekommen. So schafft die Geschichte eine Stimmung, die zwischen Albtraum und Realsatire angesiedelt ist und existentielle Fragen rund um die Schuld, das Gesetz und die Ordnung aufwirft.

Warum Franz Kafka bis heute in seinen Bann zieht, ergibt sich aus den zahlreichen Berührungspunkten mit modernen Themen: die Natur der Autorität, die Machtlosigkeit des Einzelnen, die Suche nach Sinn und Identität sowie die Vergeblichkeit menschlicher Bemühungen, die Kontrolle über ihr eigenes Schicksal zu erlangen.

Foto: anonym | Wikimedia Commons | Lizenz: gemeinfrei

Kafka beschäftigt Philosophen, Psychoanalytiker und Theologen

Derartige Aspekte des Verhältnisses von Bürgern und Obrigkeit erinnern uns heute an die Debatten im Kontext der Pandemie, die Diskussionen über Bürgerrechte oder an die alltäglichen Schicksale von rechtlosen Flüchtlingen. Jenseits dieser politischen und rechtlichen Perspektiven beschäftigt Kafka Philosophen, Psychoanalytiker und Theologen.

Zur Genialität des Autors gehört, dass er sich jeder endgültigen Deutung entzieht. Kafka ist ein Rätsel, das immer wieder neu entschlüsselt werden will.

Sah der Schriftsteller, der „Den Prozess“ zwischen 1914-15 geschrieben hat, die Entstehung totalitärer Staaten voraus? Diese Frage beschäftigt die Kommentatoren bis heute. Dafür spricht die unheimliche Atmosphäre des Romans, der die Rechtlosigkeit und das Ausgeliefertsein des Einzelnen gegenüber einem System beschreibt.

Die Eingaben von Josef K. zu seiner Verteidigung werden vom Gericht nicht gelesen. „Man legt sie einfach zu den Akten und weise darauf hin, dass vorläufig die Einvernahme und Beobachtung des Angeklagten wichtiger sei als alles Geschriebene“. Wer denkt hier nicht an Unrechtsstaaten und an Prozesse, die heute Regimekritiker aus unterschiedlichsten Lagern betreffen?

In Frankreich ruft der Intellektuelle Geoffroy de Lagasnerie dazu auf, der Interpretation Kafkas als einen frühen Mahner für den Rechtsstaat, mit Misstrauen zu begegnen. „Indem uns mit der Schilderung einer Welt Angst gemacht wird, in der das Gesetz unsichtbar und unbestimmt ist, weckt sie in uns den Wunsch, in einem Regime zu leben, indem das Gesetz geschrieben, feststehend und öffentlich ist – das heißt, in der Welt zu leben, in der wir bereits leben.“

De Lagasnerie befürchtet, dass wir uns so über die Krisen des Rechts, die zur Moderne und unseren Demokratien gehört, hinwegtäuschen. Wir sind nicht schon gute Demokraten, weil es die anderen nicht sind. Und: Nicht wenige Muslime, an der Schnittstelle von Recht und Politik bzw. Leben und Offenbarung fürchten sich vor der kafkaesken Situation, wegen ihrer Lebenspraxis in der Demokratie permanent unter Verdacht zu geraten.

Vor dem Gesetz

Giorgio Agamben widmet in seinem Buch „Homo Sacer“, das das „nackte Leben“ in der Moderne, aus politisch-theologischer Sicht beschreibt, dem Werk Kafkas einige Seiten. Besonders interessiert den Philosophen die Legende „vor dem Gesetz“, die ein Geistlicher am Ende des Romans dem Angeklagten erzählt. In der Parabel hindert ein Türhüter den Mann vom Lande scheinbar daran, durch die offene Tür des Gesetzes einzutreten. Jahrelang verharrt er gebannt vor der Tür, bis ihm kurz vor seinem Tod mitgeteilt wird, dass diese nur für ihn offen war und sie jetzt verschlossen wird.

Für Agamben offenbart die Legende die reine Form des Gesetzes, die sich gerade an dem Punkt am stärksten erweist, wo es nichts mehr vorschreibt, das heißt reiner Bann ist. Hier zeigt sich die paradoxe Wirkung einer „Geltung ohne Bedeutung“. Man kann an dieser Stelle streiten, ob in dieser typisch-kafkaesken Situation das Leben und das Gesetz in einem Ausnahmezustand einfach ununterscheidbar werden oder aber das alte Recht sich in einem modernen Nihilismus auflöst.

Foto: Mondadori Portfolio | Wikimedia Commons | Lizenz: gemeinfrei

„Der Prozess“ als Mahnung

Aus theologischer Sicht kann man die Parabel als eine Mahnung lesen, immer nach der Bedeutung des Rechts zu suchen und nicht nur eine kalte Gesetzesreligion zu praktizieren oder zu akzeptieren. Im Islam ergibt sich diese Maxime aus dem Dreiklang von Islam, Iman und Ihsan.

Die unzähligen politischen Interpretationsansätze, die im Umlauf sind, treffen auch auf Kritik. Der Vorwurf liegt darin, dass sich diese Auslegungen zu weit vom Werk des Autors entfernen. Und es stimmt: Die Lage von Josef K. ergibt sich gerade nicht nur aus einem äußeren politischen Zwang oder aus der Faktizität einer Diktatur. In den folgenden Worten des Geistlichen – an den Angeklagten gerichtet – wird dies deutlich: „Das Gericht will nichts von dir. Es nimmt dich auf, wenn du kommst, und es entlässt dich, wenn du gehst.“

Es ist ein innerer Zustand, ein Schuldgefühl, dass den Prozess auslöst. Biografisch verarbeitet der Autor im Text tiefe Schuldgefühle, die sich aus einer gescheiterten Beziehung mit seiner Verlobten Felice ergaben. Die Beziehung („ich kann nicht mit ihr und nicht ohne sie leben“) endet – aus Sicht des Verzweifelten – in einem Gerichtsverfahren mit den Angehörigen seiner Geliebten.

In seiner Dissertation „Beschreibung einer Form“ widmet sich der Schriftsteller Martin Walser einer textimmanenten Auslegung. Er erinnert daran, dass bei Kafka nicht nur der Erzähler, sondern auch ein zeitlich fixierbarer Punkt aus dem erzählt wird, fehlt. „Da der Vorgang selbst außerhalb jeder bekannten Vergangenheit spielt, gewinnen diese Romane eine Gegenwärtigkeit, die der epischen Dichtung sonst fremd ist.“

Für ihn spielt Kafkas Werk außerhalb jeder bekannten historischen Vergangenheit oder Gegenwart. In diesem Sinne handelt es sich um keinen Roman, der eine politische Entwicklung beschreibt oder voraussieht, sondern um eine Darstellung einer Totalität, die zeitlos gilt. Kafkas Figuren erfahren keinen Fortschritt ihres Charakters, sie drehen sich in ihrer Einsamkeit endlos im Kreis. 

Furcht vs. Angst

Ein wichtiger Aspekt zum Verständnis dieser Literatur ist die philosophische Unterscheidung von Furcht und Angst. Es ist keine konkrete Furcht, die die Figuren Kafkas bestimmt, eher beschreibt Kafka die Angst, die das Bewusstwerden ihres eigenen Daseins auslöst. In seinem 1927 erschienenen Werk „Sein und Zeit“ definiert Martin Heidegger diese bedrohliche Stimmung wie folgt: „Das Drohende kann sich (…) nicht aus einer bestimmten Richtung (…) nähern, es ist schon da – und doch nirgends, es ist so nah, dass es beengt und einem den Atem verschlägt – und doch nirgends.“

Der Philosoph fasst die existentielle Situation des Menschen zusammen: „Wenn sich demnach als das Wovor der Angst das Nichts, das heißt die Welt als solche herausstellt, dann besagt das: wovor die Angst sich ängstigt, ist das In-der-Welt-sein selbst.“ Das Gefühl der Unheimlichkeit, in einer modernen Welt, die versucht ohne Metaphysik und letzte Wahrheiten auszukommen, beschäftigt hier den Philosophen und den Schriftsteller. 

Warum fasziniert das Werk Franz Kafkas bis heute eine so große Zahl von LeserInnen? Ohne Frage können wir von Kafka ausgehend die Problematik moderner Systeme, die Gefahr drohender Rechtlosigkeit oder die Furcht, die von der Möglichkeit totalitärer Bürokratien ausgeht, besser verstehen. Wir wissen, gerade wenn wir Kafka studieren, dass die Komplexität der Moderne sich einfachen Erklärungsmodellen verschließt.

Übersehen dürfen wir nicht, dass der Schriftsteller keine endgültigen Deutungen anbietet und somit niemals eine endgültige Interpretation seiner Erzählungen möglich ist. Es ist genau diese zweifelnde Ungewissheit, die er seinen Lesern zumuten will. Entscheidend sind in diesem Sinne die philosophischen und theologischen Impulse, die von den Werken Kafkas ausgehen. Hier geht es um etwas Grundsätzliches, Persönliches.

Die Atmosphäre der Not, die den Menschen befällt, wenn er weder an ein metaphysisches Gesetz glaubt noch seine Angst vor den Abgründen seines Daseins überwinden kann, ist dem modernen Menschen wohlbekannt. Zeitlebens beschäftigte sich Kafka mit seinen jüdischen Wurzeln und – wenn auch eher vergeblich – mit der Möglichkeit einer religiösen Sinnstiftung. Für ihn war diese Suche nach einem Trost Lebensinhalt, den er schließlich im Schreiben fand: „Ich habe kein literarisches Interesse, sondern bestehe aus Literatur, ich bin nichts anderes und kann nichts anderes sein.“

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Die rasende Geschwindigkeit

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Studie: Die Geschwindigkeit der Moderne beeinträchtigt unser Zeitgefühl, aber die Natur kann uns helfen, es zu heilen. (The Conversation). In einer zunehmend wettbewerbsorientierten Welt ist Zeit ein entscheidender Faktor. Die […]

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Spiritualität und die ökologische Krise

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Ich erinnere mich daran, dass ich während meiner Kindheit und Jugend vom Problem der ökologischen Krise gehört habe. Ehrlich gesagt habe ich mir kaum darüber Gedanken gemacht. Die Umgebung sah […]

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Im Schatten Gottes: Unter Yavuz Sultan Selim brach die globale Moderne an

(iz). Im Jahr 2018 beendete Frank Griffel den Mythos, dass die Philosophie unter MuslimInnen untergegangen sei. Nun beendet Alan Mikhail den Mythos davon, dass MuslimInnen keine Reformation erlebten. Was Griffel und Mikhail eint? Sie beide sind Lehrbeauftragte in Yale. Ein Studium dort kann ich mir zwar nicht leisten, doch ihre Bücher sind erschwinglich. Und jeder Cent lohnt sich.

Mikhail beendet nicht bloß den Mythos davon, dass MuslimInnen keine Reformation erlebten. Er stellt zudem die Behauptung auf, dass Martin Luther den Erfolg der Reformation, dem sich bis ins tiefste Europa erstreckenden Schatten eines osmanischen Sultans zu verdanken habe. Die Auseinandersetzung mit diesem hielt den Papst davon ab schwerere Schritte gegen Luther zu unternehmen. Der Name dieses Sultans lautet: Yavuz Sultan Selim. Geboren 1470, verstorben 1520. Seine Regierung trat Sultan Selim im Jahr 1512 an, regierte 8 Jahre und änderte die Geschicke der Welt wie kein anderer. 

Francesco Petrarca, einer der drei Väter der europäischen Renaissance, träumte im 14. Jahrhundert davon, das Erbe des Römischen Reiches anzutreten. Im 16. Jahrhundert ist eindeutig, wer das Erbe des Römischen Reiches nicht bloß erträumt, sondern wahrhaftig antritt: Das Osmanische Reich. Die Türken wurden einst „Römer der muslimischen Welt“ genannt. Auch selbst nannten sie sich „Rum“: Römer.

Europa, Asien und Afrika: Das war damals die Welt – und die Osmanen herrschten auf all diesen Kontinenten. Wo sie nicht direkt herrschten, wurden die Menschen von der Angst beherrscht, dass sie angestürmt kommen. Diese Angst war es, diese Übermacht der Osmanen, die Columbus in die damals „neue Welt“ führte. Columbus war Teil der Eroberung Granadas, der letzten muslimischen Festung auf der iberischen Halbinsel. Diese stellte einen der seltenen Siege der damaligen Christen dar gegen die MuslimInnen. Und eben weil der erklärte Erzfeind, der Türke, so übermächtig war und alle Handelswege blockierte, standen die europäischen KönigInnen mit dem Rücken zur Wand. Sie hatten nichts zu verlieren und Columbus brach auf in eine neue Welt, auf der Suche nach Verbündeten gegen „die“ MuslimInnen.

Das Ergebnis? Sie nahmen ihren Hass auf MuslimInnen mit in die neue Welt. Davon zeugt der Name einer Stadt im heutigen Mexico: Matamoros heißt dort noch heute eine Stadt. Zusammengesetzt aus zwei spanischen Wörtern: Matar = töten, morden und Moros = Maure, abwertend für Muslim. Der in Europa schwelende Hass auf MuslimInnen drückte sich in der Bezeichnung von Städten aus. Und so kommt es, dass eine Stadt im heutigen Mexico „Muslimmörder“ heißt. Dies alles geschah zur Zeit der Renaissance, das heißt der Wiederentdeckung der Antike. Doch öfter noch als über die Vervollkommnung des Menschen schrieben die so bezeichneten „Humanisten“ über ihren Hass auf die Muslime: „Die Humanisten schrieben viel häufiger und ausführlicher über die Bedrohung durch die Türken und die Notwendigkeit eines Kreuzzugs als über die besser bekannten Themen wie edle Gefühle, liberale Erziehung, die Würde des Menschen oder die Unsterblichkeit der Seele.“

Freiheit für Andersdenkende gab es im Europa des 16. Jahrhunderts nicht. Andersdenkende, das sind Menschen muslimischen und jüdischen Glaubens. Christen gehen davon aus, dass MuslimInnen alle Christen zwangskonvertieren wollen, so wie sie es eben auch taten. Es war das Eigene, das sie im Feind gespiegelt sahen. Sie wussten nicht oder leugneten, dass bis zum Jahr 1517 die Mehrheit der osmanischen Bevölkerung Christen waren. 218 Jahre stellten Christen die Mehrheit im Osmanischen Reich und lebten friedlich und frei im Land der Türken, die sich als Erben Roms ansahen.

In seinem „Don Karlos“ lässt Friedrich Schiller die von Hass auf Muslime erfüllten Geldgeber des Columbus auftreten und legt einer Hauptfigur den berühmten Ausspruch in den Mund: „Geben Sie Gedankenfreiheit.“ Solch ein Satz wäre unmöglich im damaligen Osmanischen Reich. Gedankenfreiheit gab es dort.

Jedoch: Was möglich war, wäre der Ruf nach weniger Machiavellismus im Verhalten Sultan Selims. Wenn er gegen Schiiten vorgeht, so tut er es nicht, weil er an sich etwas gegen Schiiten hat, sondern weil sie im Pakt mit Schah Ismail stehen, einem politischen Kontrahenten, und Aufstände im Reich anzetteln.

Wenn also im heutigen Deutschland türkischstämmigen MuslimInnen gewisse Rechte vorenthalten werden mit der Begründung, sie wären Erdoğans langer Arm, dann findet dieses Verhalten sein Vorbild in Sultan Selim. Nur das türkischstämmige MuslimInnen keine Aufstände anzetteln. Auch wird der aufmerksame Leser finden, dass U.S. amerikanische Politik nach osmanischem Muster betrieben wird. Die USA unterstützt mal diese und mal jene Miliz, je nachdem wie es den eigenen Interessen dient. Auch Sultan Selim, der mächtigste Mann seiner Zeit, handhabte es so. Wer ihm gegen die Safawiden half, der wurde gefördert, um dann bei veränderten Umständen fallen gelassen zu werden, wenn sie den Interessen des Reiches nicht mehr dienlich waren.

Wer dieses Buch liest, wird also sehr viel über gegenwärtige Politik erfahren, die sich – ob bewusst oder unbewusst – ein Muster an den osmanischen Erfolgen nimmt. Eroberte Gebiete werden nicht von eingesetzten Türken regiert und nicht die eigene Sprache wird eingeführt, wie es Europa in seinen Kolonien tat. Stattdessen wird die Verwaltung Ansässigen übertragen. Auch dies erinnert an die Politik der USA. Und wie Napoleon Bonaparte mit seinem Code Napoleon für mehr Bürgerrechte in seinen eroberten Gebieten sorgte, so brachte der Osmane mehr Rechte, in die von ihm eroberten Gebieten. Sklaverei war zwar nicht verboten, doch Sklaven konnten auf eine Art und Weise aufsteigen in der Gesellschaft, die damals unmöglich war in Europa und seinen Kolonien: „Im Gegensatz zu den frühneuzeitlichen Gerichten in Europa gewährten die Schariagerichte zu Selims Zeit religiösen Minderheiten und Frauen im Bereich des Familienrechts deutlich mehr Rechte.“ Und so ist es auch keine Überraschung, dass nach Amerika verschleppte MuslimInnen, die ersten waren, die einen Aufstand gegen die Tyrannei der Kolonialherren initiierten – sie waren schlicht mehr Rechte gewohnt.

Dieses Buch zu lesen ist ein einziger Genuss für solche, die es genießen ein überkommenes Geschichtsverständnis zu revidieren. Auch der türkische Präsident Erdoğan müsste sein Geschichtsverständnis ändern nach der Lektüre dieses Buches. Denn der Grund, warum die christlichen Glaubenskrieger in Amerika überall Moscheen sahen, war nicht, weil es dort echte Moscheen gab, so Mikhail, sondern weil die Europäer einen solchen Muslimkomplex hatten, dass sie überall den angeblichen Feind sahen.

Das Verhalten hat sich jedoch noch immer nicht geändert. Dieselben Vorurteile, die damals gegen MuslimInnen herrschten, herrschen noch immer vor. Nur der Schwerpunkt der Argumente ändert sich. Aus diesem Grund ist dieses Buch eine Pflichtlektüre für alle Eurozentristen wie auch Osmanenverehrer. Taktik, Strategie und Kalkül diktieren die politischen Entscheidungen. Das war gestern so und wird morgen so sein. Die Entscheidungen und politischen Geschehnisse drücken nicht die Überlegenheit oder Unterlegenheit eines Glaubens aus. Sondern den Scharfsinn der Akteure ganz gleich welchen Glaubens.

Das Verhältnis Sultan Selims zum Glauben wird an einigen Stellen aufgeführt. So beispielsweise die Reformationen, die er durchführte oder die Anekdote, dass es eben Sultan Selim war, der das Mausoleum des auch in Europa bekannten Sufi-Meisters Muhjiddin ibn ‚Arabi bauen ließ – doch Poesie, die fehlt in diesem Buch. Sultan Selim hat eine Gedichtsammlung in persischer Sprache hinterlassen. Dieser Aspekt des Sultans, dessen Schatten sich auch heute noch auf die gesamte Welt erstrecke, wird nicht beleuchtet. Dies wäre die Krönung des Meisterwerkes gewesen. Es ist zu hoffen, dass dieses Buch viele Leser findet, um mit Vorurteilen aufzuräumen und Übersetzer dazu inspiriert, auch das literarische Werk des „Schatten Gottes“ der Öffentlichkeit zu vermitteln.

Alan Mikhail: Gottes Schatten Sultan Selim und die Geburt der modernen Welt, aus dem Englischen von Heike Schlatterer und Helmut Dierlamm, C.H. Beck, 508 Seiten mit 75 Abbildungen und 24 Karten, EUR 32.–

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Der Radikalismus des Prokrustesbettes

(iz). Wenn im Zusammenhang mit dem Fundamentalismus im Islam über die Quelle einer bestimmten Tradition gesprochen wird beziehungsweise über die Art der Beziehung zu dieser Quelle, wenn also über den […]

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Freund und Feind streiten über den Auftritt des türkischen Ministerpräsidenten

„Hier – im Parteimodus – verschwimmen dann auch für die deutsche Öffentlichkeit rhetorisch und visuell die Linien zwischen Nation, Kultur und Islam.“

(iz). Der Besuch des türkischen Ministerpräsidenten war zweifellos eine gute Sache. Wer zum Beispiel einmal die sachliche und argumentative Seite Erdogans erleben wollte, konnte dies im Vorlauf des Besuches in einem unaufgeregten Interview im ZDF tun. Die souveräne Persönlichkeit des Politikers, die sich bei seinem Auftritt auf der politischen Bühne zeigte, verträgt sich eben schlecht mit dem Zerrbild, dass manche Medien hierzulande von dem populärsten Politiker der Türkei stricken wollen.

Die Begegnungen Erdogans mit Angela Merkel bargen dagegen keine große Überraschungen, obwohl die Kühle der CDU-Vorsitzenden im Umgang mit der AK-Partei, die weltanschaulich ja eine Art CDU sein will, immer noch eher paradox rüberkommt.

Das Rahmenprogramm des Auftrittes „des großen Meisters“ zeigt dagegen wenig Fingerspitzengefühl gegenüber dem Gastgeberland und war leider allein für die türkische Bevölkerung ausgerichtet.

Hier – im Parteimodus – verschwimmen dann auch für die deutsche Öffentlichkeit rhetorisch und visuell die Linien zwischen Nation, Kultur und Islam. In Wahrheit muss man aber diese Begriffe zu unterscheiden lernen, gerade wenn man sich für den Islam interessiert. Wer zum Beispiel die AKP-Wirtschaftspolitik unter die Lupe nimmt, wird dabei mehr Elemente des Neoliberalismus, als etwa Vorgaben des islamischen Wirtschaftsrechts, entdecken.

Fakt ist: Die Türkei entwickelt sich mit ihren technologischen Großprojekten in die, von der „Moderne“ vorgegebenen Richtung. Erdogan und seine Anhänger träumen von materiellem Wohlstand, guten Löhnen und Ruhm. Ein islamischer „Spirit“ soll fit machen für den Wettbewerb im 21. Jahrhundert. Das ist alles nicht neu und sicher auch legitim. Es rechtfertigt aber auch mäßige Begeisterung und gibt Anlass zu Reflexion.