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Zwischen Zweifel und Mut: Ein Essay über Authentizität

Essay

Dieser Artikel ist eine thematische Fortsetzung bereits veröffentlichter Texte und führt einen zentralen Begriff meiner Essayreihe, die mittlerweile zum Buchprojekt wurde, ein: den Rastplatz. (iz). Als wiederkehrendes Bild zieht er […]

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Wir brauchen nur Mut. Von Kübra Böler

Mut Kübra Böler Kolumne

Nachdem 2022 für mich mit einer Doppelinfektion (Corona&Influenza) zu Ende ging, hing ich immer wieder in den Seilen. Obwohl ich das Schreiben liebe und kann, so fällt mir gerade diese Ausgabe enorm schwer. So viele Anfänge liegen in meinem Zwischenspeicher und ich finde alle so grottig schlecht, ich kann’s gar nicht in Worte fassen.

(iz). Doch auf den richtigen, auf den perfekten Moment warten, wo die Motivation wieder mit 250 km/h durch unseren Körper und Geist rast? Oder lieber doch etwas schreiben, um geschrieben zu haben? Ich glaube die Lösung liegt irgendwo dazwischen. Von Kübra Böler

Immer das, was ich brauche

Es müsste 2017 sein, wo mir klar wurde: Allah subhanahu wa-ta’ala gibt mir nicht immer das, was ich möchte, jedoch immer das, was ich brauche. Wie viel Trost und Kraft ich hieraus ziehe, kann und möchte ich gar nicht in Worte fassen. Ich möchte es nur fühlen, mich in dieses Gefühl reinlegen, um gestärkt den Höhen und Tiefen des Lebens zu begegnen. 

Genauso ging es mir während der Doppelinfektion. Gerade in Momenten des Schmerzes und des damit einhergehenden Leidens kommt es uns manchmal so vor, als würde dieser Zustand niemals enden. Als würde der Rachen ein auf ewig geröteter Raum, das Schlucken unmöglich, die Kondition weniger und alle weiteren Symptome nun meine treuen und Leid erhöhenden Begleiter bleiben. Natürlich beschäftigten mich Fragen wie „Warum ich?“, „Wieso ausgerechnet jetzt?“, „Was nun?“ und „Wird es wirklich besser?“ – Der Gedanke, dass es gerade genau richtig ist und mich dieser Umstand vor viel schlimmerem Übel bewahrt, bewahrte mich zwar nicht vor den Schmerzen, jedoch tröstete er mich und gab mir enorm viel Kraft.

Nichts ist beständiger als Veränderung selbst

Denn ja, nichts ist beständiger als die Veränderung selbst. Nichts in unserem Leben währt ewig. Egal ob Freude oder Leid, beides hat eines Tages ein Ende. Währenddessen gibt es auch die Augenblicke, die unser bisheriges Leben komplett auf den Kopf stellen und irreversibel verändern: Die Liste ist so lang wie die Anzahl von Menschen auf der Welt.

Mal ist es ein Unfall, der Verlust eines geliebten Menschen, Brüche in zwischenmenschlichen Beziehungen, ein Wohnorts- oder Jobwechsel – you name it. Gerade letzteren ist der Augenblick der Entscheidung vorgeschaltet. Unfälle und Verluste sind wohl die erprobtesten Beweise dafür, dass sich in einem Augenblick wirklich Dein komplettes Leben verändern kann. Nichts ist mehr, wie es einmal war. Nichts kann mehr so sein, wie es einmal war. Erlebnisse und Erfahrungen verändern uns. 

In einem Ausspruch des Propheten Muhammad salla ‘Llahu ‘alaihi wa-sallam heißt es sinngemäß, dass wir fünf Dinge zu schätzen wissen sollen, bevor fünf Dinge kommen: Die Jugend vor dem Alter, unsere Gesundheit, bevor uns die Krankheit heimsucht, die freie Zeit vor den Zeiten der Beschäftigung, unseren Reichtum vor Armut und das Leben vor unserem Tod.

Wir müssen nur mutig sein

Alles in dieser Aufzählung brauchen wir in verschiedenen Lebenssituationen und -phasen. So habe ich mir Anfang Januar eine Flasche Schwarzkümmelöl geholt. Einige Dinge lassen sich eben auch nur praktisch erlernen und verstehen, egal wie fit wir in der Theorie sind. Vor ein paar Tagen hatte ich’s in meinem WhatsApp-Status geteilt und wurde gefragt, ob ich wieder krank sei. Nein. Ich nehme es präventiv ein. Denn nichts, was wir erlebt haben und was uns widerfahren ist, ist umsonst, egal, wie herausfordernd, traurig oder schmerzhaft es gewesen sein mag.

Wir müssen nur mutig genug sein, uns auf diese Erkenntnisse einzulassen und ins Tun zu kommen. Meine Antworten auf die obigen vier Fragen sind: Weil Du’s brauchtest. Weil Du Dich sonst wieder übernommen hättest. Ausruhen. Ja, Du sitzt wieder am Laptop und schreibst Deine Kolumne. Das Leben geht weiter. Alhamdulillah. 

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Zum Jahreswechsel: Der Ausblick auf die Zukunft erfordert Mut

(iz). Im Jahr 1755 wurde Europa von einem Jahrhundertereignis erschüttert: das Erdbeben von Lissabon. Nach etwa vier Wochen hatten Berichte über den Tod von zehntausenden Menschen die Metropolen Hamburg und Berlin erreicht. Die Auswirkungen auf das, von der Aufklärung geprägte geistige Leben Europas waren erheblich. „Wie konnte Gott dies zulassen?“ Unter dem Eindruck der Zerstörungen beschäftigte das Theodizee-Problem die Gelehrten. Der zum Zeitpunkt des Ereignisses sechs Jahre alte Goethe verarbeitete das Erdbeben in seinen Erinnerungen „Dichtung und Wahrheit“: „Ja. Vielleicht hat der Dämon des Schreckens zu keiner Zeit so schnell und mächtig seine Schauer über die Erde verbreitet.“

Die Medienwelt des 18. Jahrhunderts wirkt aus heutiger Sicht idyllisch. Mit enormer Geschwindigkeit drängen sich heute negative Meldungen, die den Zustand der ökologischen Systeme betreffen, aus allen Erdteilen heran. Weltuntergangspropheten und Visionäre, die Science-Fiction-Lösungen anbieten, haben Konjunktur. Sicher ist: Der Mensch und sein technologischer Fortschritt haben die Verhältnisse unumkehrbar verwandelt. „Das Ökosystem schlägt zurück“, ist ein geläufiges Wort.

Der Wesenszug der modernen Technologie, die Natur immer mehr herauszufordern, beschreibt das Kernproblem des 21. Jahrhunderts. Zur Jahreswende sorgt uns nicht nur die, sich abzeichnende Klimakatastrophe, der dritte Weltkrieg, in Form einer atomaren Auseinandersetzung, ist in den kommenden Jahren eine durchaus denkbare Option. 

In diesem Kontext gilt der alte Aphorismus Nietzsches: „Auch der Mutigste von uns hat nur selten den Mut zu dem, was er eigentlich weiß.“ Die psychologischen Wirkungen, die der tägliche Blick in den Abgrund verursacht, zeigen sich in Depression und Erschöpfung. Wer sich nicht in das sogenannte Privatleben zurückzieht oder auf anderen Wegen die Augen verschließt, benötigt gute Nerven, den Ausblick in die Zukunft auszuhalten. „Hoffe auf das Beste und sei auf das Schlimmste vorbereitet“, riet mir einmal ein islamischer Gelehrter in Anbetracht der Wirrnisse unserer Zeit.

In das Negativszenario führt eine Analyse des Philosophen Thomas Fasbender unter der Überschrift „Das unheimliche Jahrhundert“ ein. Das Buch ist eine Diskussionsgrundlage. Aus Sicht des Autors verliert die europäische Welt an Bedeutung, ihr Wohlstandsversprechen ist in die Defensive geraten. Global setzen sich andere Wertmaßstäbe durch.

Den Techno-Optimismus, der den Glauben definiert, wonach Wissenschaft und Technologie die wesentlichen sozialen und Umweltprobleme unserer Zeit lösen, bietet der Philosoph ebenso wenig an. Sein Fazit ist ernüchternd: Der Klimawandel kommt, ob wir wollen nicht. Mindestens zwei Grad Erderwärmung ist in den nächsten Jahrzehnten garantiert, wenn wir fatalistisch oder passiv werden, ist sogar mehr möglich. Das Problem: Die Interessenlage auf dem Planeten ist zu unterschiedlich, um dieses Schicksal aufzuhalten. Die Idee der „Menschheit“, die unter den Maßstäben der Vernunft agiert, gehört für den Philosophen in das Reich der Phantasie.

Fasbender predigt keinen Fatalismus. Im Gegenteil: Jede Maßnahme gegen den Klimawandel ist für ihn geboten. Die Diagnose des Buches der Begleitumstände sich abzeichnender Veränderungen sind alarmierend: „Unsere Rationalität ist dem Unheimlichen nicht gewachsen“. Es kündigen sich radikal andere Verhältnisse an: Wohlstandsverlust, Kriege und große Wanderungsbewegungen. Das neue Jahrhundert droht zum Antipoden der bürgerlichen Ordnung zu werden. Die reale Lage wird nach der Einschätzung des Autors in der Gesellschaft eher verdrängt. „Wir haben das Heilige verbannt, wir werden auch das Unheilige verbannen, das Unheimliche“, stellt er fest. 

Der Klimawandel und die These der Politik „Wir schaffen das“, mit mehr Geld, mehr Schulden, mehr Technik ist aus dieser Sicht eine Illusion. Das Problem entzieht sich simplen Lösungen, denn „wir erleben in diesem Augenblick keine Weltrevolution, sondern eine geophysische Revolution“, wie es Ernst Jünger formulierte. Auf elementarer Ebene herausgefordert wird der Mensch um seine Humanität ringen. Fasbender fordert, einen Begriff zu reaktivieren, der „tief verschüttet unter dem Geröll des zynischen Zeitgeistes liegt“: Sittlichkeit. Es geht – so eine Pointe des Buches – um einen neuen Menschen, der zugleich Schöpfung ist und den Schöpfer vertritt. 

Zweifellos ist die Verbreitung von Hoffnung die entscheidende Intention aller Gläubigen. Dies schließt nicht aus, den Realitäten ins Auge zu sehen, die sich am Horizont abzeichnen. Dieser Realitätssinn führt zu einer Vertiefung des Glaubens. Religionen, die für sich Relevanz beanspruchen, sind mehr denn je gefordert, in diesem unheimlichen Jahrhundert Orientierung zu stiften. Von den Gelehrten und Theologen werden klare Positionierungen in der Frage des Klimawandels oder gegenüber den drohenden Gefahren, die sich aus dem Ukrainekrieg ergeben, erwartet.

Studiert man das Leben des Propheten, Friede sei mit ihm, begreift man schnell, dass die islamische Lebenspraxis nicht nur aus spiritueller Selbstoptimierung besteht. Die Perfektion des Charakters, der niveauvolle Umgang mit Anderen und die Etablierung von Moscheen und Marktplätzen, die Idee von Gerechtigkeit überhaupt, fügt den einzelnen Gläubigen in ein Gemeinwesen ein. Die Herausforderungen der Zukunft wird die Menschen zwingen, ihre Wertvorstellungen aktiv zu verteidigen. Die alte Weisheit, dass man nur gemeinsam stark und sicher ist, wird wieder in das kollektive Bewusstsein rücken.

* Thomas Fasbender, Das unheimliche Jahrhundert: Vor der Zeitenwende, Manuscriptum Verlagsbuchhandlung, 2022, 186 Seiten, ISBN-13 78-3948075491, Preis: EUR 26.– (gebundene Ausgabe)

Mut-mach-Kolumne #3: Zurückweisung als Weg zu mir

Mut Kübra Böler Kolumne

Zurückweisung tut weh. In unserem langempfundenen kurzen Leben kommt es vor, dass wir Menschen begegnen, die uns nicht mögen. Wir alle erleben sie im Laufe unseres Lebens in unterschiedlichen Lebensbereichen Es kommt zur Zurückweisung, zu einem „Ich mag Dich nicht.“ oder „Ich möchte Dich nicht in meinem Leben haben.“ Da sitzt der Schlag in die Magengrube besonders tief, wir sind aufgebracht, vielleicht appetitlos, total irritiert, frustriert und vor allem: traurig. Von Kübra Böler

(iz). Trauer gehört nicht zwingend zu den angenehmsten Emotionen und Gefühlen. Niemand ist gerne lange traurig. Oftmals kommt es vor, dass wir unsere Trauer und Enttäuschung deckeln: Deckel rauf, sich ablenken, arbeiten, (nicht) darüber reden, aus Frust essen, doch auf gar keinen Fall fühlen. Auf gar keinen Fall dieser überwältigenden Trauer Raum geben. Das Deckeln bewirkt jedoch häufig das genaue Gegenteil: Die Trauer bleibt.

Wir stellen uns Fragen wie „Wie kann es sein, dass dieser eine Mensch, den ich doch so sympathisch finde, den ich so sehr mag – wie kommt es, dass dieser Mensch mich nicht mag?“ – Ganz einfach: Weil unser Gegenüber auch ein Mensch ist. Mensch sein bedeutet nicht, alles und jeden gut und sympathisch zu finden oder gar zu lieben.

Wenn wir Menschen sehr stark mögen, ob auf familiärer, freundschaftlicher oder romantischer Ebene, kann es durchaus vorkommen, dass wir uns in diesen Beziehungen oder in dem Ringen um die Aufmerksamkeit des Gegenübers selbst verlieren.

Wenn uns da nun jemand die Tür vor der Nase zuknallt, wachen wir auf und befinden uns in der oft schrecklich kalten Realität wieder: Da haben wir unsere Zeit und Energie dafür genutzt, einen uns wichtigen Menschen glücklich zu machen und unsere Verbundenheit und Zuneigung auszudrücken und dieser Mensch weist uns zurück und entfernt sich sogar! Wie kann es sein, dass ich wieder allein dastehe, obwohl ich alles dafür getan habe, dass das Gegenüber bei und mit mir bleibt?

Weil Du nicht mehr bei Dir warst. Deshalb. Auch wenn’s hart klingt: Wer sich in einem anderen Menschen verliert, verliert den Bezug zu sich selbst und somit die Grundlage für ein lebbares Leben. Dieses Maß an (nicht angeforderter) Aufopferung und Nähe kann für Außenstehende sehr abschreckend sein. Da ist plötzlich jemand, der mir seine ganze Zeit und Energie schenkt, ohne dass ich es erfragt, erbeten oder gewollt habe. Wie gehe ich jetzt damit um? Kann/Will ich die [(un)ausgesprochenen] Erwartungen erfüllen? In den meisten Fällen lautet die Antwort nein. Dieses Nein kann sich in den unterschiedlichsten Formen ausdrücken.

Doch wie wäre es, wenn wir mutig sind und Zurückweisung als den Weg zurück zu uns selbst sehen? So abgedroschen der Spruch „Rejection is redirection“ (dt. Zurückweisung leitet/lenkt um) auch ist und in den tieftraurigsten und schmerzhaftesten Momenten wenig Trost spendet – so wahr ist er, wenn wir mutig genug sind, uns der damit verbundenen Trauer zu stellen. Das ist bei weitem kein seelenruhiger und erholsamer Spaziergang.

Wir fühlen uns vielleicht hilflos oder können es kaum ertragen, dass das Gegenüber so ist, wie es ist und nicht, wie wir es in unserem Kopf haben. Manchmal wollen wir das Anderssein des anderen gar nicht hinnehmen. Doch genau dann ist die Zeit reif, um wieder zu uns selbst zurückzukehren und die Zurückweisung als das zu nehmen, was sie ist: Eine Weisung zurück, ein Hinweis darauf, in welche Richtung wir unsere Aufmerksamkeit und Energie richten sollen: Zurück zu uns selbst.

All die (gedeckelte) Trauer und der Schmerz rufen uns flüsternd zu uns selbst zurück und erinnern uns daran, dass wir wieder bei uns sein müssen. Keine Loyalität, keine Liebesbeweise – nichts. Nur Du. Wieder Du. Auch wenn dieser Prozess kein einfacher ist, so lohnt es sich allemal, sich auf ihn einzulassen.

Und wenn wir ehrlich sind: So überkrass sind die Leute nicht, deren Zurückweisung uns traurig macht(e). Es ist und bleibt letztendlich unsere Fähigkeit, Liebe, Respekt und Wertschätzung für die Person zu empfinden, die sie für uns besonders macht(e). Deshalb sollten wir weiterhin lieben, respektieren und wertschätzen. Nur halt bei uns selbst bleibend. „Geliebt zu werden ist kein Glück. Lieben, das ist Glück.“ (Hermann Hesse)