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IZ-Reiseblog: Sarajevo oder der verlorene Raum

Sarajevo bosnien reiseblog

Sarajevo, Bosnien und der verlorene Raum: Dieser Reiseblog führt durch eine Stadt zwischen Bergen, Erinnerungen und politischen Grenzen. Eine Spurensuche nach dem, was Menschen trennt – und nach den Räumen, die wieder gemeinsam bewohnbar werden müssen.

(iz). Wir fahren über die Berge Montenegros nach Bosnien. Die Landschaft ist großartig: eine Abfolge dunkler Bergrücken, steiler Täler und Straßen, die sich an die Hänge klammern. Am Grenzübergang führt eine alte Holzbrücke über einen schmalen Fluss.

Sie wirkt provisorisch und erinnert daran, dass Grenzen auf dem Balkan unsicher sein können. Hinter ihr beginnt Bosnien und Herzegowina – und doch zunächst nicht jenes Bosnien, das man sich als Reisender vielleicht vorstellt.

Die Straße Richtung Sarajevo ist schlecht und voller Schlaglöcher. Wir befinden uns in der Republika Srpska, einer der beiden Entitäten Bosnien und Herzegowinas. Verfassungsrechtlich gehört sie zum Gesamtstaat.

In der Erfahrung jedoch wirkt sie wie ein eigener politischer Raum: kyrillische Schrift, serbische Symbole, Fahnen, eine andere öffentliche Stimmung und eine andere Erinnerung an die Vergangenheit.

Das Land, in das wir hineinfahren, ist also zugleich eines und nicht eines. Nach dem Dayton-Abkommen besteht Bosnien und Herzegowina aus der Föderation Bosnien und Herzegowina und der Republika Srpska. Diese Fahrt wird zu einer Lektion über die Fragilität des Landes.

Nicht, weil überall Spannung sichtbar wäre. Die Landschaft ist still, Dörfer liegen in den Tälern, Menschen warten an Bushaltestellen, irgendwo weht Wäsche vor einem Haus.

Doch die politische Geografie drängt sich auf. Sie ist in Fahnen, Schriftbildern, Verwaltungsgrenzen und Erzählungen eingeschrieben. Man reist nicht nur durch eine Gebirgslandschaft. Man fährt durch eine Nachkriegsordnung.

Foto: Abu Bakr Rieger/Islamische Zeitung

Die zerbrochene Großkuppel

Bis Anfang der 1990er-Jahre war das sozialistische Jugoslawien mehr als ein Staat. Es war, um einen Begriff Peter Sloterdijks aufzunehmen, eine Großkuppel: ein politischer, sozialer und imaginärer Innenraum, unter dessen Dach verschiedene Sprachen, Religionen, Landschaften und lokale Loyalitäten zusammengehalten wurden.

Die sozialistische Formel von „Brüderlichkeit und Einheit“ war nicht nur ideologische Dekoration. Sie versprach eine symbolische Immunität: Serben, Kroaten, Muslime, Slowenen, Mazedonier und andere Gruppen sollten zwar ihre Eigenheiten behalten, doch diese Eigenheiten sollten innerhalb eines größeren gemeinsamen Horizonts entschärft werden.

Unter der Großkuppel entstand keineswegs ein unschuldiger Raum. Die Verhältnisse beruhten auf Macht, auf dem Schweigen über ältere Gewalt und auf der autoritären Stabilisierung des Tito-Staates.

Dennoch stellte die Idee des gemeinsamen Staates für viele Menschen einen Rahmen bereit. Herkunft war nicht bedeutungslos, aber sie musste nicht in jedem Moment über politische Loyalität, Gefährdung oder Zugehörigkeit entscheiden.

Mit dem Zerfall Jugoslawiens und den Kriegen der 1990er-Jahre platzte diese Kuppel. Was verloren ging, war nicht allein ein Pass, eine Föderation oder ein wirtschaftliches Modell. Es zerbrach eine symbolische Heimat.

Wenn eine Großkuppel verschwindet, suchen Menschen psychologisch kleinere, überschaubare Schutzräume: Familie, Dorf, Konfession, Sprache, Opfergemeinschaft, Nation. In Bosnien wurden die ethnisch-religiösen Kategorien Bosniaken, Serben und Kroaten zu solchen Schutzräumen – und zugleich zu politischen Frontlinien.

Das heutige Bosnien und Herzegowina ist deshalb nicht einfach „geteilt“. Es lebt in einer Form von Ko-Isolation. Unterschiedliche Gemeinschaften wohnen nicht unbedingt weit voneinander entfernt; sie leben oft Wand an Wand, aber in getrennten Erinnerungsräumen, Bildungssystemen, Symbolwelten und politischen Loyalitäten.

Die institutionelle Ordnung sicherte den Frieden, indem sie die im Krieg verhärteten Kategorien anerkannte und in eine komplizierte Verfassungsstruktur übersetzte. Doch dieselbe Ordnung erschwert die Entstehung eines unbefangenen gemeinsamen politischen Wir.

Sogar die staatliche Hymne erzählt von diesem Problem. Bosnien und Herzegowina besitzt eine Hymne, aber keinen offiziell verabschiedeten Liedtext. Seit Jahren scheiterten Versuche, Worte zu finden, die für alle politischen und ethnischen Gruppen des Landes akzeptabel wären. Der Staat hat eine Melodie, aber – das ist kein Zufall – keine gemeinsame Erzählung.

Auch der Fußball zeigt, wie ungleich das Gefühl nationaler Zugehörigkeit verteilt ist. Die bosnisch-herzegowinische Nationalmannschaft ist nicht für alle Bürger selbstverständlich „unsere“ Mannschaft.

In Teilen der Republika Srpska bleibt sie für viele ein Team der anderen, ein Symbol Sarajevos oder der Föderation. Und in Teilen des serbisch-nationalistischen Milieus wird Ratko Mladić, der wegen Völkermordes, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen verurteilt wurde, bis heute öffentlich verehrt.

Dass diese Verherrlichung trotz ihrer strafrechtlichen Sanktionierung fortlebt, zeigt, wie tief die moralischen und historischen Bezugssysteme voneinander getrennt geblieben sind.

Ankunft am Stadtrand

Wir erreichen den Stadtrand von Sarajevo, stellen den Camper auf einem Stellplatz ab und wechseln das Verkehrsmittel. Auf dem Bahnsteig, den wir nach einem Fußmarsch erreichen, ist es stiller als erwartet.

Die Fahrt mit dem in die Jahre gekommenen Zug führt vorbei an Häusern, Gewerbeflächen, Bahndämmen, Gärten und den Ausläufern der Hänge. Sarajevo erscheint zunächst nicht als Bild, sondern als Verdichtung: Straßen, Züge, Wohnblöcke, Werkstätten, Verkehr, Menschen auf dem Weg zur Arbeit.

Erst allmählich wird die besondere Topografie sichtbar. Die Stadt liegt in einem engen Tal der Miljacka, eingerahmt von Bergen. Häuser steigen die Hänge hinauf, eng nebeneinander, rote Dächer über weißem Putz, dazwischen Minarette, Kirchtürme und die hellen Flächen der Friedhöfe.

Diese Geografie ist schön und bedrückend zugleich. Die Berge, die auf der Fahrt aus Montenegro noch Schutz, Abstand und Erhabenheit versprachen, bekommen hier eine andere Bedeutung.

Während der Belagerung von Sarajevo zwischen 1992 und 1995 bildeten die Höhen einen tödlichen Ring. Von dort wurde die Stadt beobachtet, beschossen und kontrolliert. Die Topografie wird zur Erinnerung: Sarajevo lag offen im Blickfeld eines mörderischen Krieges.

Der Zug hält am Hauptbahnhof. Wir steigen aus und gehen zu Fuß weiter. Der Bahnhof ist kein repräsentatives Portal wie in Paris, Budapest oder Wien. Er wirkt funktional, sozialistisch, etwas abgewetzt, als hätte er seine große Zeit bereits hinter sich gelassen.

Davor: breite Straßen, Verkehr, Busse, Taxis, Menschen mit Taschen, Jugendliche mit Mobiltelefonen, der gewöhnliche Lärm des Alltags einer Hauptstadt. Die Stadt ist eine lebendige, widersprüchliche europäische Stadt. Ihre turbulente Vergangenheit bleibt in der Gegenwart lesbar.

Foto: Schiler Verlag/Amazon

Auf der Suche nach Sadik

Vom Hauptbahnhof gehen wir zum Kriegsmuseum. Auf dem Weg erinnern wir uns an die Reiselektüre, die uns auf diesen Besuch vorbereitet hat: Enes Karićs Roman Der jüdische Friedhof. Das Buch begleitet uns nun wie eine zweite Stadtkarte.

Karić, einer der bekanntesten bosnischen Islamwissenschaftler und ein Verfechter des interreligiösen Dialogs, erzählt die Geschichte des dreizehnjährigen Sadik vor dem Hintergrund des Bosnienkrieges und der Belagerung Sarajevos. Sadik stammt aus einem kleinen Dorf in Ostbosnien.

Zu Beginn des Krieges 1992 wird er mit seiner Schwester verschleppt. Durch einen Gefangenenaustausch gelangen sie schließlich nach Sarajevo. Sie besitzen keine Papiere, keine Dokumente und sind Menschen ohne administrative Identität. Auf sich allein gestellt, müssen sie in der blockierten Stadt überleben.

Sadik begegnet Flüchtlingen, Bettlern, Soldaten, Kriminellen und Mitarbeitern internationaler Hilfsorganisationen. Er erlebt Hunger und Angst, aber auch Freundschaft, Solidarität und die seltsame Beharrlichkeit des Alltags.

Besonders wichtig wird für ihn der Hodscha Mujki, der den Jungen nicht nur beschützt, sondern ihm Fragen stellt: über den Glauben, über Menschen, über die Welt und über den Krieg. Das Buch schildert eindringlich die Rolle des Glaubens im Ausnahmezustand existenzieller Not.

Im Kriegsmuseum finden die Motive des Romans ihre materielle Entsprechung. Bilder der Belagerung, Objekte des Mangels, Zeugnisse eines Lebens unter Beschuss: Alles scheint aus Karićs Erzählung hervorzutreten.

Man sucht beinahe nach Sadik in den Fotografien, obwohl man weiß, dass er eine literarische Figur ist. Oder anders: Man sucht nach den wirklichen Kindern, nach den vielen Sadiks, deren Leben nie zu einem Roman geworden ist.

Die Literatur wird hier nicht zur Illustration der Geschichte. Sie macht sichtbar, was Statistiken und Gedenktafeln nicht fassen können: die innere Erfahrung eines Kindes, das seine Welt verliert. Sadik ist kein Symbol, das bequem für eine Nation sprechen soll. Er ist ein verletzlicher, neugieriger, hungriger und widersprüchlicher Mensch.

Der jüdische Friedhof, der dem Roman seinen Titel gibt, wird bei Karić zu einer großen Metapher. Er verbindet die Geschichte jüdischen Leidens und europäischer Verfolgung mit der Katastrophe der bosnischen Muslime, ohne beides einfach gleichzusetzen.

Der Friedhof ist zugleich Ort des Todes, Archiv einer verschwundenen Welt und Mahnmal gegen die Torheit des Bruderkrieges. Karićs Erzählung verweigert die bequeme Sprache des Pathos. Sie sucht nach Menschlichkeit dort, wo ideologische Kategorien die Menschen zu Feinden gemacht haben.

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Foto: Lothar Boris Piltz, Unsplash

In der Altstadt

Nach dem Museumsbesuch gehen wir zu Fuß in Richtung Altstadt. Der Weg ist lang genug, um Sarajevo als Übergangsstadt zu erfahren. Die Architektur verändert sich schrittweise. Zunächst dominieren breite Straßen, Verwaltungsgebäude, Wohnhäuser und die Schichten der habsburgischen und sozialistischen Stadt.

Dann werden die Wege enger, die Fassaden niedriger, die Bewegung dichter. Irgendwann ist man in Baščaršija. Die Gassen sind mit unebenem Pflaster ausgelegt. Man wandert hier nicht durch eine Museumsstadt, sondern mitten durch das pulsierende Leben.

In den Auslagen glänzen Tabletts, Kaffeekannen und kleine Džezvas. Es riecht nach starkem bosnischem Kaffee, gegrilltem Fleisch, Tabak und den süßen, schweren Düften von Baklava. Die Menschen sitzen dicht beieinander an kleinen Tischen.

Sie reden, rauchen, lachen, telefonieren, beobachten die Passanten. Touristen stehen vor der Sebilj, dem hölzernen Brunnen auf dem Taubenplatz, und versuchen, eine Ordnung in dem Gewimmel der Tauben zu erkennen.

Baščaršija ist kein konserviertes osmanisches Viertel, sondern ein Gebrauchsort: Markt, Treffpunkt, Kaffeehauslandschaft, religiöser Raum, touristische Bühne und Alltag zugleich.

Die bekannte Formel, Sarajevo sei ein Ort, an dem Orient und Okzident einander begegnen, ist nicht falsch, aber sie bleibt oberflächlich. Hier treffen nicht zwei dekorative Zivilisationen aufeinander.

Hier überlagern sich osmanische Stadtgeschichte, habsburgische Modernisierung, sozialistische Erinnerungen, die Verwüstung des Krieges und eine europäische Gegenwart, die längst digital, touristisch und globalisiert ist. Die Nähe von Moscheen, Kirchen und Synagoge ist hier real.

Aber sie ist kein automatisches Modell friedlicher Koexistenz. Sarajevo zeigt nicht, dass Verschiedenheit von selbst Harmonie erzeugt. Es zeigt, wie viel Arbeit, Geduld und politische Vernunft erforderlich sind, damit Verschiedenheit nicht wieder in Abgrenzung umschlägt.

Foto: www.iitb.ba | Screenshot: Youtube

Kaffee mit Enes Karić

Am Nachmittag treffen wir Enes Karić in der Altstadt. Der Schriftsteller gehört mit seinen Geschichten und seinem Denken in diese urbane Dichte. Bevor wir ein Café aufsuchen, erzählt uns der Dichter Anekdoten aus der Zeit der Gründung der Stadt.

Während draußen Menschen durch die Gassen ziehen, bestellen wir einen Kaffee und sprechen über kulturelle und politische Identität.

Eine Frage liegt für uns nahe: Wer ist Sadik? Man könnte ihn als muslimischen Jungen bezeichnen. Als Bosniaken. Als Bosnier. Als Kind des Krieges. Als Opfer. Als Bewohner Sarajevos. Jede dieser Bezeichnungen wäre richtig, und doch wäre keine vollständig. Wir sind gespannt auf die Antwort.

Karić antwortet kurz: „Er ist ein Flüchtling.“

Dieses Wort verschiebt alles.

„Flüchtling“ ist keine ethnische Kategorie, keine Konfession und keine nationale Selbstbeschreibung. Es bezeichnet eine existenzielle Lage: den Menschen, der aus seinem Raum gerissen wurde, dessen Leben plötzlich an Grenzen, Transporten, Lagern, Papieren, Hilfsorganisationen und Entscheidungen anderer hängt.

Sadik ist nicht identitätslos. Aber seine wichtigste Identität in diesem Moment ist die Erfahrung, keinen sicheren Ort mehr zu besitzen.

Dann sprechen wir über den Bosniakischen Volkskongress von 1993, der in dem Buch beschrieben wird. Die Atmosphäre dieses Kongresses lässt sich kaum von der Belagerung Sarajevos trennen. Während die Stadt eingeschlossen war, während Menschen unter Beschuss lebten und zugleich internationale Friedenspläne über eine mögliche Teilung Bosniens verhandelt wurden, versammelten sich im September 1993 rund 340 Delegierte – politische, kulturelle und religiöse Repräsentanten bosnischer Muslime.

Sie beschlossen, den historischen Namen „Bosniaken“ wieder anzunehmen. Es war ein Moment intellektueller Selbstbehauptung unter dem Druck der Ereignisse jener Tage. Der Begriff „Muslim“ hatte im sozialistischen Jugoslawien, großgeschrieben, nicht allein eine religiöse, sondern auch eine ethnische Bedeutung.

Doch 1993 erschien diese Bezeichnung vielen zu unbestimmt: Sie markierte die Religion, nicht aber unbedingt die geschichtliche, territoriale, sprachliche und politische Bindung an Bosnien. Mit der Rückkehr zum Namen Bošnjak sollte die Verbindung zum Land Bosnien, zur staatlich-rechtlichen Tradition und zur eigenen kulturellen Geschichte ausdrücklich artikuliert werden.

Der Kongress war ein Versuch, in einer Zeit der Bedrohung einen historischen Namen wiederzugewinnen und daraus politische Handlungsfähigkeit zu ziehen. Die geistige Atmosphäre muss zugleich angespannt und entschieden gewesen sein: Belagerung draußen, eine ungewisse Zukunft, die Möglichkeit der Teilung des Landes im Raum – und drinnen die Suche nach einem Begriff, der Zugehörigkeit stiften konnte, ohne Bosnien auf Religion zu reduzieren.

Doch jede Namensgebung hat eine doppelte Wirkung. Sie schafft Sichtbarkeit, Würde und Schutz. Zugleich befestigt sie Grenzen, wenn die politische Welt ohnehin schon dazu neigt, Menschen vor allem als Angehörige voneinander abgegrenzter Kollektive zu sehen.

Gerade deshalb bleibt Karićs Antwort über die Identität Sadik‘s so wichtig: Flüchtling. Sie erinnert daran, dass hinter jedem Namen ein Mensch steht, dessen Leben nicht in einer ethnischen Kategorie aufgeht.

Am Ende unseres Gesprächs sprechen wir über die Kraft der Literatur in politischen Zeiten. Literatur kann – darin sind wir uns einig – keine Verfassung reformieren, keine Gewalt verhindern und keine Hymne mit gemeinsamen Worten versehen.

Aber sie kann etwas leisten, das der politischen Sprache oft nicht gelingt: Sie kann die Sicht der anderen erfahrbar machen. Sie kann den Gegner aus seiner Rolle lösen, das Opfer aus seiner stummen Funktion befreien und das Individuum zurückholen, das im Krieg zur Zahl, zum Namen oder zur Zugehörigkeit geworden ist.

Vom Basar zum Bahnhof

Wir gehen zu Fuß zurück zum Hauptbahnhof. Der Weg führt aus der Dichte der Altstadt hinaus, vorbei an Cafés, Geschäften, Straßenbahnen, Fassaden und dem Fluss. Hinter uns bleiben die engen Gassen von Baščaršija; vor uns öffnet sich wieder die breitere, modernere Stadt.

Auf dem Weg zum Bahnhof wird deutlich, dass Sarajevo von Geschichten und Friedhöfen geprägt ist. Aber man kann diesen Ort nicht auf die Schrecken der Vergangenheit reduzieren.

Die Stadt bleibt eine Möglichkeit. Nicht die romantische Möglichkeit eines konfliktfreien Multikulturalismus, in dem Unterschiede sich mühelos in Folklore verwandeln. Sondern die schwierigere Möglichkeit eines Zusammenlebens, das seine Verletzungen kennt, seine Verschiedenheiten nicht leugnet und dennoch nicht akzeptiert, dass diese Verschiedenheiten die letzte Wahrheit über Menschen sein sollen.

Die Zukunft Bosniens wird sich nicht daran entscheiden, ob die Vergangenheit vergessen wird. Sie darf nicht vergessen werden. Sie wird sich daran entscheiden, ob Erinnerung zu einer gemeinsamen moralischen Sprache werden kann – statt zu einem Vorrat exklusiver Ansprüche und konkurrierender Opfergeschichten.

Vielleicht ist das die eigentliche Frage, die Sarajevo dem Reisenden stellt: Kann nach dem Platzen einer Großkuppel in einem neuen Staat ein neuer gemeinsamer Innenraum entstehen? Einer, der die Unterschiede der Menschen nicht auslöscht, sie aber auch nicht zu Mauern macht?

Vielleicht liegt ein Teil der Antwort in Karićs Satz über Sadik: „Flüchtling.“ Denn wer den Flüchtling erkennt, erkennt zuerst nicht den Angehörigen eines Kollektivs.

Er erkennt einen Menschen, dem der Raum verloren gegangen ist. Und vielleicht beginnt jede politische Zukunft dort: bei der gemeinsamen Aufgabe, Räume wieder für alle bewohnbar zu machen.

Link zur Kampagne: https://commonsplace.de/project/balkan

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