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Hunger, Tod, Vertreibung: Über welche Krisen sprechen wir nicht?

krisen

Vergessene Krisen: 123 Millionen Menschen weltweit sind Zwangsvertriebene. Experten zufolge gibt es heute so viele bewaffnete Konflikte wie seit 1946 nicht mehr: 61 in 36 Ländern. Die meisten geschehen abseits der Weltöffentlichkeit.

(KNA). Hunger im Gazastreifen, das Leid der entführten Geiseln, abgeworfene Hilfslieferungen, die ihr Ziel nie erreichen. Die Lage in Nahost beherrscht die Schlagzeilen. Andere Krisen und Konflikte indes werden medial verdrängt. Die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) nimmt einige davon in den Blick.

Im Sudan wurde im April 2023 aus einem Kampf zwischen der sudanesischen Armee und den paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF) ein Krieg um die Vorherrschaft im Land. Auslöser war die geplante Eingliederung der RSF in das reguläre Militär.

Foto: Abd_Almohimen_Sayed, Shutterstock

Die Vorgeschichte aber ist viel älter: 2019 wurde Langzeitherrscher Omar al-Bashir gestürzt. Nach anfänglicher Hoffnung wuchsen wirtschaftliche Probleme und damit Unzufriedenheit. 2021 kam es zu einem Militärputsch. 2023 eskalierte die Gewalt.

Die Folgen: Zwölf Millionen Menschen wurden seither laut UN-Angaben vertrieben. Vier Millionen suchten Schutz in Nachbarländern, die ebenfalls unter dem anhaltenden Bürgerkrieg leiden. Allein der Tschad nahm bisher 1,2 Millionen Menschen auf.

Mindestens 150.000 Menschen starben. Eine Hungersnot wurde schon im August 2024 in Teilen Nord-Darfurs bestätigt. Nach Schätzung des UN-Koordinierungsbüros für humanitäre Hilfe (OCHA) werden in diesem Jahr 4,2 Milliarden US-Dollar für humanitäre Hilfe benötigt, doch bisher ist nicht einmal jeder vierte US-Dollar bereitgestellt.

Laut der Welthungerhilfe sind in Darfur neun Millionen Menschen dringend auf humanitäre Hilfe angewiesen. Im ganzen Land gebe es 30 Millionen Hilfsbedürftige. Im Januar sprach der damalige Papst Franziskus von der schlimmsten humanitären Katastrophe der Welt.

Foto: hyotographics. Shutterstock

Über Somalia am Horn von Afrika, einen der fragilsten Staaten der Welt, wird schon lange kaum noch berichtet. Dabei gelang es der Terrormiliz Al-Shabaab im März, in der Stadt Beledweyne im Zentrum des Landes für 24 Stunden ein ganzes Hotel unter ihre Kontrolle zu bringen. 20 Menschen wurden ermordet.

Die Extremisten führen einen bewaffneten Kampf gegen die Regierungstruppen; dazu kommt politische Instabilität. Nach UN-Angaben sind fast vier Millionen Menschen vertrieben worden, etwa 4,4 Millionen leben in einer kritischen Ernährungssituation. Der Klimawandel und die daraus resultierenden Dürren und Überschwemmungen verschärfen den Konflikt.

Mali Minusma

Foto: UN Photo, via flickr | Lizenz: CC BY-NC-ND 2.0

Seit dem Abzug der Bundeswehr hat auch das Interesse am Sahelstaat Mali merklich abgenommen. Dabei breitet sich die religiös-terroristische „Gruppe für die Unterstützung des Islams und der Muslime“ (JNIM) rasant in Richtung Süden und Westen aus und ist längst in den Nachbarländern – vor allem Burkina Faso und Niger – präsent.

Angst und Schrecken verbreitet aber auch die malische Armee, die mit der russischen Wagner-Miliz – heute Afrikakorps genannt – kooperiert. Die Vorwürfe von Menschenrechtlern: Im Anti-Terror-Kampf würden selbst unschuldige Zivilisten zu Terroristen erklärt, es komme zu Massakern mit Hunderten Toten. Eine unabhängige Berichterstattung aus der Region ist derzeit nicht möglich.

Komplett aus den hiesigen Nachrichten verschwunden ist Kamerun. Das passt zur Einschätzung des Norwegischen Flüchtlingsrats, der jährlich eine Liste vernachlässigter Vertreibungskrisen erstellt.

Die aktuelle Rangfolge führt erneut das Land in Zentralafrika an. Aufgrund mehrerer Krisen – Terroristen im Norden, im Südwesten ein Kampf zwischen Armee und nach Unabhängigkeit strebenden Milizen – gibt es mehr als 1,1 Millionen Binnenvertriebene. Dass sich daran etwas ändert, ist unwahrscheinlich: Im Oktober will sich der 92 Jahre alte Langzeitherrscher Paul Biya zur Wiederwahl stellen.

In Asien spielt sich ebenfalls eine von der Weltöffentlichkeit wenig beachtete Krise ab: Seit einem Putsch im Februar 2021 ist das Militär an der Macht. Im darauf folgenden Bürgerkrieg starben Zehntausende Menschen. Hinzu kam vor einigen Monaten ein verheerendes Erdbeben mit Tausenden Toten.

Juntachef Min Aung Hlaing hat zwar für Ende des Jahres Wahlen angekündigt. Doch Beobachter sind skeptisch, ob dies tatsächlich zum Frieden führt: Der Juntachef selbst leitet die Wahlkommission. Überdies beschränkt ein Gesetz den freien Zugang zum Internet.

Weitgehend ignoriert wird mittlerweile auch Afghanistan. Dabei gingen Bilder von dort vor vier Jahren um die Welt: Tausende Afghanen auf dem Rollfeld des Kabuler Flughafens mit der Hoffnung, das Land in letzter Minute vor der Machtübernahme der Taliban doch noch verlassen zu können.

An das Schicksal der afghanischen Zivilbevölkerung – vor allem die Rechte von Frauen und Mädchen wurden stark eingeschränkt – wird meist nur noch am Jahrestag (15. August) erinnert.

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Kurzmeldungen Deutschland (Nr. 350): von Afrikapolitik über Religionsunterricht bis Militärseelsorge

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Die Kurzmeldungen aus Deutschland (Nr. 350) reichen von der Außenpolitik im Sahel, über Religionsunterricht bis zur Militärseelsorge für Muslime. Kritik an deutschen Rüstungsexporten BERLIN (KNA). Die Rüstungsexportpolitik der Bundesregierung stößt […]

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„Vergessene Krise“. Sahel zwischen Terror und Armut

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Im Sahel sind Mio. Menschen auf der Flucht, davon allein 1,8 Mio. Kinder. Hauptgrund sind Anschläge und Angriffe islamistischer Terrorgruppen. Die Militärregierungen erscheinen hilflos. (KNA). Die Zahl der Menschen, die […]

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In Afrika wächst der Einfluss von Putins Söldnern

Mali

Während Wladimir Putin weiter Krieg gegen die Ukraine führt, versucht er, den russischen Einfluss im Nahen Osten und in Afrika auszuweiten. Längst beschäftigt das Treiben der Wagner-Söldner nicht nur Politik-Experten. Von Katrin Gänsler, Markus Schönherr und Joachim Heinz

Pretoria/Porto-Novo/Bonn (KNA). Zum Beispiel Mali. Im September 2021 hieß es aus dem westafrikanischen Staat erstmals, dass die Übergangsregierung unter Assimi Goita einen Vertrag mit der russischen Wagner-Truppe unterzeichnen wolle. Goita, der sich im August 2020 mit einer Gruppe von Generälen an die Macht geputscht hatte, zahlt Berichten zufolge den bis zu 1.000 Söldnern monatlich umgerechnet gut 9,1 Millionen Euro.

Im April dieses Jahres bemühte sich Außenminister Abdoulaye Diop, die Angelegenheit herunterzuspielen: Man unterhalte seit langem eine Kooperation mit dem russischen Staat. Mali ist kein Einzelfall. Die Söldner sollen auch etwa in Libyen, der Zentralafrikanischen Republik, im Sudan oder in Mosambik operieren.

Politik-Experten beobachten das Treiben der Gruppe, die nicht Teil der regulären russischen Streitkräfte ist, mit Sorge. Und das nicht nur, weil Russland sich mit diesem Engagement Einfluss in Afrika sichern will. Im Syrien-Krieg stellten die Söldner unter Beweis, dass bei ihnen Menschenleben nicht viel zählen.

Kenner der Szene wunderte es kaum, als die Vereinten Nationen Anfang August über ein Massaker der malischen Armee an der Grenze zu Mauretanien berichteten. Betroffen davon: Angehörige der ethnischen Gruppe der Peulh. Im Schlepptau der Malier: „weiße Soldaten“, mutmaßlich Wagner-Söldner. Sie sollen auch für den Tod von bis zu 400 Menschen in Moura im Zentrum des Landes mitverantwortlich sein.

Als Gründer der Truppe wird immer wieder Oberstleutnant Dmitri Utkin genannt, ehemals Mitglied des russischen Militärgeheimdienstes GRU. „Er wählte den Namen Wagner als Hommage an den deutschen Komponisten und wegen des damit verbundenen Symbolcharakters“, heißt es in einem unlängst erschienenen Buch über „Putins geheime Armee“. Utkin sei „ein großer Bewunderer des Dritten Reichs und Adolf Hitlers“. In den Sozialen Netzwerken bezeichneten sich die Söldner in Anspielung darauf als Mitglieder eines Orchesters, „das von einem ‘Komponisten’ geleitet werde und ‘Konzerte’ auf der ganzen Welt gebe“.

Finanziell ist der Dienst in der Truppe durchaus lukrativ. Bis zu 3.000 Euro im Monat können die Söldner im Auslandseinsatz angeblich verdienen – der Durchschnittslohn in Russland lag zuletzt bei 400 Euro. Als wichtigster Geldgeber gilt der Oligarch Jewgeni Prigoschin. Der 62-Jährige saß als junger Mann wegen mehrerer Delikte im Gefängnis. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion begann er eine zweite Karriere und betätigte sich unter anderem als Betreiber einer Hotdog-Kette und mehrerer Luxusrestaurants.

Heute verfügt „Putins Koch“ über einen direkten Draht zum Kreml-Herrscher und agiert nach Meinung der Buchautoren wie ein Mafiapate alter Schule: „Allgegenwärtig, aber unsichtbar.“ In Afrika verhalten sich die von ihm unterstützten Kämpfer im Regelfall ähnlich diskret. Ihre Aktivitäten werden gleichwohl aufmerksam registriert – nicht zuletzt von Hilfsorganisationen. Manche äußern sich nur hinter vorgehaltener Hand. Andere wie Misereor sind offener.

„Der Umgang mit den Söldnern ist ein Thema, das bei unseren Partnern in Mali ständig auf der Tagesordnung steht“, sagt der Leiter der Dialog- und Verbindungsstelle von Misereor für Mali, Burkina Faso und Niger, Adegbola Faustin Adeye. Er fügt allerdings hinzu, dass ein Großteil der Bevölkerung in dem krisengebeutelten Land das Engagement durchaus positiv sieht. „Die Menschen in Mali wollen Frieden und Sicherheit, notfalls eine Pazifizierung mit Gewalt“, so Adeye.

Die Sympathien für Russland haben zudem historische Wurzeln, wie der Misereor-Vertreter erklärt. Schon der erste Präsident Malis, Modibo Keita, verfolgte demnach einen sozialistischen Kurs. Studenten wie Militärs seien in der Sowjetunion und den Nachfolgestaaten stets mit offenen Armen empfangen worden. Adeye schätzt, dass etwa die Hälfte der Offiziere in Mali eine militärische Ausbildung in Russland durchlaufen hat.

In der Zentralafrikanischen Republik scheint die Gemengelage ähnlich wie in Mali. „Seit der russischen Intervention herrscht mehr Sicherheit im Land“, sagt eine Akademikerin in der Hauptstadt Bangui. „Sie haben die Rebellen weit genug zurückgedrängt, sodass wir ziemlich angstfrei leben konnten.“ Anders als die UN-Blauhelme im Land hielten die Wagner-Söldner auch mit der Waffe auf ihre Feinde, statt nur mit der Kamera.

Auch der Herausgeber einer Online-Zeitung in Bangui bestätigt die Präsenz russischer Kämpfer: „Vor Beginn des Krieges in der Ukraine waren es 2.500. Mit Kriegsausbruch kehrte ein Teil davon nach Russland zurück.“ Allerdings habe durch „Misshandlungen“ ein Umdenken in Bevölkerung stattgefunden: „Sie sind nicht mehr beliebt. Die Menschen wollen, dass sie gehen.“

In Mosambik versuchte die Regierung, den 2017 begonnenen Aufstand von Islamisten mithilfe der Wagner-Gruppe niederzuschlagen. Doch die Mission war ein „blanker Misserfolg“, wie Mosambik-Experte Eric Morier-Genoud berichtet. „Wenn ich mich recht entsinne, wurden sechs oder acht ihrer Männer durch die Aufständischen geköpft, woraufhin sie beschlossen, wieder abzuziehen.“ Auch in dem südafrikanischen Land mehrten sich in dieser Zeit Berichte von „Angriffen auf Zivilisten“, erinnert sich Johan Viljoen, Direktor des katholischen Denis-Hurley-Friedensinstituts in Pretoria.

Wo immer Wagner-Kämpfer auftreten, reißen sie Teile der lokalen Wirtschaft an sich. In Sudans Goldsektor mischen sie ebenso mit wie in den zentralafrikanischen Diamantenminen; sogar ins Kaffee- und Zuckergeschäft sollen sie eingestiegen sein. In Mali geht es neben Gold um Gas, Erdöl, Kali, Uran – und Wasser. Das Land hat Anschluss an ein riesiges Reservoir, das bis nach Libyen reicht.

Neben Söldnern schickte Moskau zuletzt vermehrt politische und wirtschaftliche Hilfe, auch in Form von Waffen, sagt Gustavo de Carvalho. Putin nutze das Misstrauen aus, das zwischen dem Westen und einigen afrikanischen Ländern herrsche, analysiert der Experte des Südafrikanischen Instituts für Internationale Angelegenheiten (SAIIA). Er bezweifelt jedoch, dass das russische Engagement langfristig Stabilität bringt.

Unterdessen bereitet „Putins Koch“ Prigoschin offenbar den Boden für weitere Allianzen. Anfang des Monats meldete er sich nach dem Putsch in Burkina Faso zu Wort. „Ich grüße und unterstütze Hauptmann Ibrahim Traore.“

* Marat Gabidullin, „Wagner – Putins geheime Armee. Ein Insiderbericht. Mit einem Vorwort von Ksenia Bolchakova und Alexandra Jousset“, Econ, Berlin 2022, 22,99 Euro.

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Erneuter Militärputsch in Burkina Faso: Hauptmann Ibrahim Traore übernimmt die Macht

Kurzmeldungen

Burkina Faso erlebt den zweiten Putsch seit Jahresbeginn. Jetzt hofft die Bevölkerung, dass sich die Sicherheitslage in dem Krisenstaat endlich verbessert. Von Katrin Gänsler

Ouagadougou (KNA). Paul-Henri Damiba ist in Burkina Faso Geschichte. Der Militäroffizier, der Ende Januar nach dem Staatsstreich gegen Roch Marc Christian Kabore an die Macht kam, ist in der Nacht zu Samstag, den 01. Oktober, abgesetzt worden. In einer Ansprache im staatlichen Fernsehen RTB ernannte die Junta Ibrahim Traore zum neuen Präsidenten der regierenden Patriotischen Bewegung zur Rettung und Wiederherstellung (MPSR). Damit erlebt der Sahelstaat (21,9 Millionen Einwohner) den zweiten Putsch in gerade einmal acht Monaten. Über Damiba heißt es aus verschiedenen Quellen, dass er auf dem Weg nach Togo sei.

Begonnen hatte der erneute Machtwechsel am Freitag mit Schüssen in der Hauptstadt Ouagadougou. Dort, berichtet der Journalist Gerard Beogo gegenüber der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA), sei es am Samstagmittag ruhig gewesen. Viele Geschäfte hätten geschlossen. „In anderen Städten des Landes geht das Leben aber normal weiter“, so Beogo. Seiner Meinung nach ist der Coup keine große Überraschung. „Viele standen nicht mehr hinter Damiba.“ Seine Ankündigung, den Terrorismus zu bekämpfen, habe er nicht erfüllt.

Damiba galt international als jemand, der gute Beziehungen zu Europa pflegte. Und er schien offen für Verhandlungen. Die Sichtweise seiner Landsleute ist jedoch eine andere. Gerade gegen die Präsenz der einstigen Kolonialmacht Frankreich im Sahel – im Nachbarland Mali ist im August die wenig erfolgreiche Anti-Terrormission Barkhane beendet worden – regt sich Widerstand. Als neuer Partner für Burkina Faso wird zunehmend Russland ins Spiel gebracht. In Mali sind bereits Kräfte der russischen Sicherheitsfirma Wagner stationiert. In den vergangenen Monaten wurden den Söldnern, ebenso wie malischen Streitkräften, mehrfach schwere Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen.

Welche Strategie nun der 34-jährige Traore verfolgt, ist noch unklar. Er war bisher Leiter der 2019 gegründeten Anti-Terror-Einheit „Cobra“ in der Region Kaya nördlich von Ouagadougou. Dass ausgerechnet jemand von „Cobra“ ernannt wurde, könnte auch auf Querelen innerhalb des Militärs hindeuten. Nach Informationen des Magazins „Jeune Afrique“ warten die „Cobra“-Soldaten auf nicht gezahlte Prämien. Kritik gibt es zudem, weil ihr früherer Chef, Emmanuel Zoungrana, seit Anfang Januar in Haft sitzt. Ihm wird die Vorbereitung eines Staatsstreiches vorgeworfen. Sein Prozess soll Ende Oktober stattfinden.

Im Nordosten des Landes ist sich derweil Francois Paul Ramde, Koordinator der nichtstaatlichen „Geschwisterlichen Union der Gläubigen von Dori“, sicher: Die neuen Unwägbarkeiten werden den Kampf gegen die Terroristen nicht erleichtern, im Gegenteil. „Man wird sich mit der politischen Entwicklung beschäftigen – und weniger mit dem Kampf gegen den Terrorismus. Das macht uns Angst.“

Seit Ende 2015 haben sich islamistische Terrorgruppen, die Al-Qaida und dem Islamischen Staat nahestehen, vor allem von Mali aus in Burkina Faso ausgebreitet. Aufgrund der Gewalt sind nach Regierungsangaben mittlerweile mehr als 1,9 Millionen Menschen auf der Flucht. Der ehemalige Präsident von Niger und derzeitige Vermittler in der Burkina-Faso-Krise, Mahamadou Issoufou, schätze im Juni, dass sich 40 Prozent des Landes nicht mehr unter Regierungskontrolle befinden. Nach Informationen der Vereinten Nationen sind mehr als 4.200 Schulen geschlossen.

Seit der Unabhängigkeit im Jahr 1960 galt Burkina Faso stets als eines der ärmsten Länder der Welt. Die Sicherheitskrise hat die Situation weiter verschlimmert. „Wir haben Angst, über den Landweg zu reisen“, beschreibt Ramde den Alltag. Provinzhauptstädte seien noch einigermaßen gesichert, Fahrten in Dörfer nahezu unmöglich. „Wir können deshalb nur die Daumen drücken und beten“, sagt der Mann aus Dori. Der Kampf gegen die Terroristen müsse unbedingt fortgesetzt werden.

Krise im Sahel verschärft sich weiter

In Mali, Burkina Faso und Niger gab es in den vergangenen zwölf Monaten mehr als 1.000 Anschläge auf Zivilisten. Mehr als zwei Millionen Menschen sind auf der Flucht; und die Gewaltspirale dreht sich weiter.

Cotonou (KNA). Die Zahlen sind alarmierend. Nach Informationen der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch wurden zwischen Januar und Juli allein im Westen des Niger mehr als 420 Zivilisten ermordet. „Die bewaffneten Islamisten führen einen Krieg gegen die Zivilbevölkerung“, sagt Corinne Dufka, Sahel-Leiterin der Organisation; „sie töten, plündern und zerstören Leben“. Besonders betroffen ist die Region Tillaberi, die an Burkina Faso und Mali grenzt. Erst am vergangenen Wochenende starben dort 19 Personen; eine Woche zuvor waren es 37. Für Hilfsorganisationen wird die Arbeit immer schwerer.

Der schwerste Anschlag der vergangenen Wochen in Burkina Faso fand Mitte August zwischen Arbinda und Gorgadji statt, als mutmaßliche Dschihadisten einen Konvoi angriffen und 80 Menschen ermordeten. Unter den Opfern waren Soldaten, Zivilisten und Mitglieder von Selbstverteidigungsmilizen. Die katholische Bischofskonferenz sprach von einem „Akt der Barbarei“.

In Mali war zuletzt die Region Gao, die an den Niger grenzt, besonders betroffen. Angriffe auf die Gemeinde Ouatagouna mit mehr als 50 Toten bezeichnete die Stabilisierungsmission der Vereinten Nationen für Mali (Minusma) als eine „Verletzung der Menschenrechte und des humanitären Völkerrechts“ und forderte eine Untersuchungskommission. Die Minusma ist derzeit mit knapp 13.000 Soldaten im Land; dazu kommen eine Reihe weiterer Militäroperationen wie Barkhane mit 5.100 Soldaten. Die französische Mission zur Terrorbekämpfung soll bis 2023 halbiert werden, da der überwiegend militärische Ansatz als gescheitert gilt. In Mali, aber auch in Frankreich hatten das Experten lange vor der Entscheidung von Präsident Emmanuel Macron betont.

Die Region mit rund 65 Millionen Bewohnern ist schließlich trotz der starken Militärpräsenz seit 2013 immer instabiler geworden. Nach Einschätzung des Welternährungsprogramms WFP sind heute 13,4 Millionen Menschen auf Hilfe angewiesen; knapp 2,1 Millionen sind in ihren Heimatländern auf der Flucht. Aktuell werden häufig Bauern beim Bewirtschaften ihrer Felder angegriffen. Das führt dazu, dass vielerorts Flächen brachliegen, was die schlechte Versorgungslage zusätzlich verschärft.

Betroffen ist auch das Bildungssystem. Das Durchschnittsalter der Bevölkerung im Zentralsahel liegt bei 16,2 Jahren. Schon vor der Krise war Schulbesuch besonders auf dem Land keine Selbstverständlichkeit, vor allem nicht für Mädchen. Die wenigen Schulen waren schlecht ausgestattet, die Klassenräume mit 70 bis 80 Schülern völlig überfüllt. Seit 2017 haben sich im Sahel Anschläge auf Schulen versechsfacht, wie der im Februar gewählte nigrische Präsident Mohamed Bazoum kürzlich vor dem Weltsicherheitsrat betonte. Im Sahel sind daher knapp 5.000 Bildungseinrichtungen geschlossen; mehr als 700.000 Kinder haben keinen Unterricht; 20.000 Lehrer können nicht arbeiten. „Jede Schule, die geschlossen wird, ist ein Fenster, das sich schließt“, so Bazoum.

Das kann die Gewalt zusätzlich anheizen. Mitglieder der verschiedenen Terrorbewegungen wie der Gruppe für die Unterstützung des Islam und der Muslime (JNIM) und dem Islamischen Staat in der größeren Sahara (EIGS) verbreiten zwar eine salafistische Ideologie. Sie verbieten Feiern, den Gebrauch von Französisch, zwingen Frauen, sich zu verschleiern und planen Experten zufolge, ein Kalifat zu errichten. Doch auch Perspektivlosigkeit treibt junge Menschen in die Arme von Terroristen. Die US-Hilfsorganisation Catholic Relief Service sieht zudem Arbeitslosigkeit und entrechtete Jugendliche als ursächlich für die Gewalt an.

Neben einer Verbesserung der wirtschaftlichen Perspektiven mahnt die Denkfabrik International Crisis Group (ICG) mit Sitz in Brüssel außerdem bessere Regierungsführung an. Auch das Fehlen von Regierungshandeln hat letztlich dazu geführt, dass sich Terrorgruppen ausbreiten und große Teile der Bevölkerung ihr Vertrauen in den Staat verloren haben.

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Auch Muslime kennen den Blues

„Ich bin die Wurzel und der Stamm. Ihnen bleiben Zweige und Blätter.“ (Der verstorbene Musiker Ali Farka Touré aus Mali)
(iz). Die seltene Gelegenheit nutzend, in Sachen Musik keine Rücksicht auf die Kinder nehmen zu müssen, legte ich eine CD des unvergleichlichen Otis Taylor ein. Inmitten des tief bewegenden Stückes „10 Million Slaves“ merkte meine Frau plötzlich an, dass ihr diese Art Musik seltsam bekannt vorkäme. Das Ganze klinge entfernt an Gnawa-Musik ihrer Geburtshei­mat, eine Tradition, die Schwarzafrikaner nach Marokko brachten, als das Sultanat seine Macht in Richtung Mali und afrikanischer Küste ausweitete.
So mancher Witzbold meint zwar, die Sachsen hätten den Blues erfunden, jene Musik, die Bilder des schwarzen Südens der USA und unterdrückten Menschen erzeugt. Es ist wahr, die Mundharmoni­ka kam aus den Musikwerkstätten des sächsischen Vogtlandes in die Neue Welt. Aber das war’s auch schon. Nicht, dass man nicht im Sachsen vor 1989 ausreichenden Grund für den Blues gehabt hätte.
Folgt man den Spuren dieser Musik in die Vergangenheit, gibt es mehr als lose Fäden, die einen von den Sklavenge­bieten des tiefen Südens, einer tristen Realität, in der die Menschen alle Lebensfreude brauchten, um ihre Sklaverei zu überstehen, nach Westafrika und über den arabischen Westen bis auf die arabische Halbinsel führen. Vom Klang, über die Art zu singen bis hin zu Instrumenten: Es gibt im amerikanischen Blues genug Parallelen zu den kulturellen ­Traditionen westafrikanischer Muslime, als dass man sie einfach so übersehen könnte.
Vor einigen Jahren produzierte die BBC mit Al Jazeera eine ­Dokumentation über den Islam in Amerika. Interessanter­weise findet sich darunter auch ein Segment, das den faszinierenden muslimischen Wurzeln gewidmet ist, die dieser einflussreichen Musiktradition zu eigen sind. Ein Viertel der, ab dem 17. Jahrhundert nach Nordamerika gebrachten Sklaven waren Muslime, die geheime Wege finden mussten, um ihren Islam zu bewahren. Der Bluesmusiker Abdul Rashid, der vor langer Zeit zum Islam fand, zeigt sich in dem Bericht überzeugt, dass sie dies auch durch Musik taten.
„Die Sklaven brachten die Musik nach Amerika. Man sagt, der Blues sei in Mississippi entstanden, aber das glaube ich nicht“, erklärt er gegenüber dem Fragesteller. Selbst in den Gesängen der schwar­zer Baptistengemeinden (die im 19. Jahrhundert gegründet wurden, nach­dem die Baptisten Sklaven ausschlossen) sei das islamische Erbe noch zu finden. Die dortige Art des Singens habe offenkundige Parallelen zum ‘Adhan, dem Gebetsruf. „Die tief angelegte Tradition der Schwarzen im Süden für das Singen war eines der Dinge, die mich zum Islam geführt haben.“ Überhaupt, der ganze Blues sei eine spirituelle Bewegung, an deren Ende als Abschluss der Islam stehe.
Auf muslimvoicesfestival.org findet sich eine kleine Tonspur, auf der ein Gebetsruf aus der Arabischen Halbinsel mit einem kurzen Bluesgesang verglichen werden. Dass dieser ähnliche Klang kein Zufall sein kann, glauben auch die Betreiber des International Museum of Muslim Cultures [die IZ berichtete in Ausga­be 107 & 167] in Jackson, Mississippi.
Viel mehr Muslime seien Sklaven gewesen, als man früher angenommen ha­be, sagte eine Mitarbeiterin. Man kön­ne von sehr vielen unglücklichen Menschen ausgehen, die über den Atlantik zum Frontdienst in den britischen Kolonien, und später in den USA verschleppt wurden.
Die Autorin Sylviane A. Diouf vom Schomburg Center for Research in Black History, erklärt das Eingangszitat von Touré: Der „Stamm“ ist die Sahelzone, jenes enorme muslimische Gebiet vom Senegal bis zum Sudan, wohingegen die „Zweige“ die Vereinigten Staaten seien. Die dort lebenden Menschen hätten seit dem 8. Jahrhundert mit den Arabern und Berbern Afrikas in Kontakt gestanden und der Islam habe sich unter ihnen seit dem 11. Jahrhundert ausgebreitet. Dabei sei es auch zu einem Kulturaustausch gekommen.
Die Menschen übernahmen bestehen­de arabisch-islamische Musikstile und „verwandelten sie in etwas, das ihnen vollkommen zugeeignet war. Zur gleichen Zeit sehr ähnlich, und doch sehr verschieden“, schreibt sie in einem erhellenden Aufsatz zum Thema. Die deportierten Afrikaner brachten diese Musik, Rhythmen und Instrumente aus Nordafrika nach Amerika, wo sie einen fruchtbaren Boden vorfanden. Die muslimischen Sklaven hätten ihre Musiktraditio­nen leichter bewahren können als andere. Den Geknechteten wurden Trommeln – aus Furcht vor der Verbreitung geheimer Botschaften – untersagt. Traditionellerweise benutzt die Musik aus dem Sahel Saiten- und Blasinstrumente, während die anderen an der Ausübung ihrer Musik behindert waren.
Nach Ansicht von Diouf habe sich der Blues nicht zufällig im „tiefen Süden“ entwickelt. Was die Traditionen des Sahels so anders mache als die Musik der Karibik oder des restlichen afrikanischen Raumes, sei die „Gegenwart arabisch-islamischer Stilelemente“. Diese fänden sich in den Techniken des Spiels, den Melodien und in der Art des Gesangs. „Selbst das ungeübte Ohr erkennt die Ähnlichkeiten zwischen Blues und der islamisch-beeinflussten Musik Westafrikas. Aber die Parallelen zwischen dem Blues und der Qur’an-Rezitation sind ebenfalls sehr stark. Und auch beim Ruf zum Gebet.“
Interessanterweise ist es auch ein deutscher Musikwissenschaftler, Professor Gerhard Kubik, der zu vergleichbaren Ergebnissen kommt. Kubik ist der An­sicht, dass viele der heutigen Blues-Sänger unbewusst diese arabisch-muslimischen Muster in ihrer Musik wiederholen. „Viele Eigenarten, die bisher als ungewöhnlich, fremdartig und nur schwer für frühere Musikwissenschaftler zu deuten waren, können jetzt besser als eine Verwandlung der arabisch-islamischen Stilelemente verstanden werden.“ Trompeter – und Muslim – Barry Danielian, so berichtet Autor Jonathan Curiel, „hat die Erfahrung gemacht, dass viele Nichtmuslime diese Verbindung selten nachvollziehen können“. Das liege aber daran, dass sie wenig über muslimische oder arabischer Musik wüssten.
Der atlantische Handel mit afrikanischen Sklaven führte dazu, dass mindes­tens 10 Millionen Menschen in die nordamerikanische Leibeigenschaft verkauft wurden. Ihr Schmerz und ihr Versuch, trotz allem menschlich zu bleiben, fand eine Form im Blues. Es entstand dabei ein urtümlicher Ausdruck, entgegen einer ständigen Tyrannei die innere Freiheit und Freude nicht ganz zu verlieren – ja, überhaupt am Leben zu bleiben.
Vielleicht kehrt diese Reise durch die Zeiten und Kontinente ja an ihren Ur­sprung zurück. Weiß Gott, es gibt in vielen Ländern der muslimischen Welt ein ausreichendes Bedürfnis nach einer le­bensbejahenden Freude, die das Herz vitalisiert.