(iz). Egal, wie man Politik oder Person einschätzen mag – man kann das Beharrungsvermögen von Bundeskanzlerin Angela Merkel in dieser Zeit bewundern. Bei den kommenden Bundestagswahlen kandidiert sie für ihre vierte Amtszeit und hat so nach Kohl und Adenauer das drittlängste Dienstalter im Amt erreicht. Unter den Umständen einer sich stetig wandelnden Großwetterlage dürfte sie bei einem Wahlerfolg vor ähnlichen Herausforderungen stehen wie in der letzten Legislaturperiode. Zu diesem Votum sind natürlich auch weit mehr als eine Million wahlberechtigter Muslime aufgerufen, um über Kandidaten und Parteien ihrer Wahl abzustimmen. Bisher haben sich muslimische Gemeinschaften und ihre öffentlich hörbaren Stimmen noch nicht konkret zur Wahl positioniert. Die beiden bisher einzigen Stellungnahmen lassen sich jeweils als Extreme des Meinungsspektrums beschreiben. Auf der einen Seite waren Aussagen aus der deutschtürkischen Community zu vernehmen, die – wohl als Folge der sich derzeit verschlechternden Beziehungen zwischen Berlin und Ankara – am 19. August Anhänger aufforderten, den antretenden Parteien ihre Stimme zu verweigern. Unter dem Titel „Wahlboykott! Keine Stimme den Populisten und Spaltern!“ rief die BIG Partei deutschtürkische Mitglieder und Sympathisanten zur Stimmverweigerung auf. Auf der anderen Seite mahnte der Zentralrat der Muslime am 23. August mit seiner Kampagne „Meine Stimme zählt!“ Muslime zur Stimmabgabe. Welche Partei Nutznießer sein soll, wurde in dem Aufruf offengelassen. Noch unentschlossenen Muslimen fehlen weiterhin Positionierungen, die ihnen auf Wunsch konkrete Entscheidungshilfen an die Hand geben, warum sie für eine spezifische Partei und ihr Programm stimmen sollten oder auch nicht. Beiden Aufrufen ist, trotz der Gegensätzlichkeit des Appells, gemein, dass ihnen der politische Inhalt fehlt. Sie übersehen, dass die Stimmabgabe eine rationale Entscheidung ist. Hier geht es um eine möglichst große Deckungsgleichheit zwischen den Interessen der Wähler und den Angeboten der Partei. Natürlich ist – als Folge eines rationalen Abwägens der Wahlprogramme und kandidierenden Persönlichkeiten – der Schluss genauso rational, dass keines der Angebote den eigenen Ansprüchen ausreichend gerecht wird. Dass viele Muslime in sozialen Medien ihre Unentschlossenheit bei der Abstimmung bekunden, dürfte auch dem Umstand geschuldet sein, dass Parteien sie bisher oft nur allgemein zur Wahl auffordern. Die konkrete Übernahme ihrer Anliegen war bisher die Ausnahme.
Berlin (KNA). Rund 1,5 Millionen Muslime in Deutschland sind wahlberechtigt. Gut zwei Drittel von ihnen haben türkische Wurzeln, die übrigen stammen überwiegend aus dem Nahen Osten, aus Nordafrika und Ex-Jugoslawien. Pauschale Aussagen über ihre politischen Parteipräferenzen lassen sich kaum treffen. „Muslime haben im Großen und Ganzen keine andere politische Agenda als Nichtmuslime. Sie interessieren sich genauso für Themen wie Arbeit, Bildung, Gesundheit oder Steuern“, meint der Wahlforscher Andreas Wüst. Daneben spielten für sie naturgemäß die Chancengleichheit und der Schutz vor Diskriminierung eine Rolle, so der External Fellow am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung. Außerdem darf eine Fokussierung auf „die Muslime“ nicht von einer homogenen Gruppe „frommer Gläubiger“ ausgehen. Soeben hat der Religionswissenschaftler Michael Blume in seinem jüngst erschienenen Buch „Islam in der Krise“ darauf hingewiesen, dass auch unter Muslimen Säkularisierung und Glaubenszweifel massiv zunehmen – gerade in westlichen Gesellschaften. Was das spezifische Wahlverhalten gläubiger Muslime betrifft, fehlt es aus Sicht des Sozialwissenschaftlers Wüst noch an verwertbaren Untersuchungen. Genauere Zahlen gibt es lediglich für wahlberechtigte Migranten im Allgemeinen oder einzelne Gruppen wie die türkischstämmigen Wähler. Bei ihnen liegt traditionell die SPD mit großer Mehrheit vorn. Laut einer Umfrage des Berliner Meinungsforschungsinstituts Data4U nach der Bundestagswahl 2013 machten damals 64 Prozent der Türkeistämmigen ihr Kreuzchen bei den Sozialdemokraten, jeweils 12 Prozent stimmten für Grüne und Linke; die lange Zeit einwanderungsskeptische Union landete hingegen bei 7 Prozent. Die Wahlbeteiligung lag demnach nur knapp unter der Gesamtbeteiligung von 71,5 Prozent. Für Wahlforscher Wüst ist es naheliegend, dass Muslime ihre spezifischen Interessen mehrheitlich im linken Parteienspektrum vertreten sehen, weil man dort den Forderungen von Einwanderern wie auch dem Islam offener gegenüberstehe. Daran ändere auch die prinzipiell eher konservative Mentalität der meisten Gläubigen nichts. Menschen, die in der Türkei die streng islamische AKP wählen würden, entschieden sich deshalb in Deutschland für Parteien, die die „Ehe für alle“ und Gender-Themen propagierten. Offen bleibt, wie viele Wähler am 24. September dem Boykottaufruf des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan folgen werden. Er hatte die Türkeistämmigen aufgefordert, ihre Stimmen nicht SPD, Grünen oder Union zu geben, denn diese Parteien seien „Feinde der Türkei“. Deutsche Politiker reagierten empört auf die Einmischung. Noch spricht wenig dafür, dass sich die Linksbindung muslimischer Wähler abschwächt. Doch in Zeiten der Merkel-CDU könnte sich das allmählich ändern. Wüst: „Merkel hat da einen anderen Wind reingebracht, indem sie die Bedeutung der Einwanderungsgesellschaft betont. Inzwischen bemüht man sich auch in der CDU um die Muslime.“ Demnach könnten auf längere Sicht die konservativen Restbestände im CDU-Parteiprogramm die Zahl der muslimischen Unionswähler vergrößern. Merkels Politik der offenen Grenzen, von der hauptsächlich muslimische Einwanderer profitierten, bringe aber nicht automatisch Pluspunkte bei muslimischen Wählern. „Migranten befürworten nicht unbedingt mehr Migranten“, sagt Wüst. Vielmehr würden die Glaubensbrüder auch als Konkurrenz wahrgenommen. Eine andere Entwicklung dürfte sich mit Sicherheit fortsetzen: Immer mehr Muslime werden sich mit der Zeit in der Politik engagieren. Auch wenn es wohl noch gänzlich unrealistisch war, vor einem Jahr den aus dem Iran stammenden Autor Navid Kermani für die Wahl des Bundespräsidenten ins Gespräch zu bringen. Allein in der CDU geben fast 1.000 Parteimitglieder ihre Konfession mit „muslimisch“ an, heißt es in der Berliner Parteizentrale. Etwa in der SPD dürften es noch deutlich mehr sein. Zahlen dazu gibt es nicht. Keine Chance haben bisher separate Migrantenparteien. Eine Liste wie das Bündnis für Innovation und Gerechtigkeit (BIG) kam bei den NRW-Landtagswahlen im Mai auf 0,2 Prozent.
Göttingen (GfbV). Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) hat mehr Schutz und Aufnahme von verfolgten Angehörigen der Rohingya-Minderheit aus Burma/Myanmar in den Staaten Asiens gefordert und gleichzeitig scharf kritisiert, wie Bangladesch und Indien mit dem Flüchtlingsdrama umgehen. „Die Regierung von Bangladesch darf die Flüchtlinge nicht wie geplant auf einer isoliert gelegenen Insel ohne jede Infrastruktur unter menschenunwürdigen Bedingungen internieren“, erklärte der GfbV-Direktor Ulrich Delius am Mittwoch in Göttingen. Er warnte: „Wer schwer traumatisierte Rohingya-Flüchtlinge unter so katastrophalen Umständen einpferchen lässt, stürzt die gepeinigten Menschen in eine noch größere Lebenskrise. Wenn dieser lebensfeindliche Plan verwirklicht wird, werden die staatenlosen Rohingya sich ganz aufgeben.“ Die Pläne Indiens, 40.000 Rohingya-Flüchtlinge trotz der Gewalteskalation in ihre Heimat abschieben zu wollen, seien „unmenschlich und unverantwortlich“. Die Regierung von Bangladesch hat am Dienstag überraschend einen alten Plan reaktiviert, die meisten der 125.000 seit Ende August 2017 eingetroffenen Rohingya-Flüchtlinge auf die abgelegene und unbewohnte Insel Thengar Char bringen zu wollen. Diese Idee, das Flüchtlingsproblem so zu lösen, stammt aus dem Jahr 2015. Diese Pläne wurden nach massiven Protesten von Menschenrechtsorganisationen und den Vereinten Nationen im Frühjahr 2017 aufgegeben. Die Insel Thengar Char liegt rund drei bis vier Stunden Motorboot-Fahrt von der Küste entfernt im Ganges-Delta. Die nächste bewohnte Insel Hatia ist rund 20 Kilometer entfernt. Thengar Char ist 60 Quadratkilometer groß und wird bei Stürmen und während der Monsun-Zeit (Juni bis September) oft überschwemmt. Bei Hochwasser steht regelmäßig ein Drittel der Insel unter Wasser. Die schlechte Bodenqualität und die widrigen Lebensumstände haben dazu geführt, dass selbst im äußerst dicht besiedelten Bangladesch niemand dort freiwillig leben möchte. Selbst die lokale Forstbehörde stellte in einem im Februar 2017 veröffentlichten Report fest, dass eine dauerhafte Besiedlung von Thengar Char schwierig sei. Das Umweltministerium entsandte daraufhin ein weiteres Rechercheteam, um eine vorteilhaftere Studie zu erstellen. Indiens Hindu-nationalistische Regierung wird nicht müde, muslimische Rohingya aufgrund ihres Glaubens als potentielle Terroristen zu diffamieren und in ihrem langjährigen Streit mit dem Nachbarland Pakistan zu instrumentalisieren. „Während Rohingya Abschiebungen nach Burma drohen, profitieren indische Unternehmen von lukrativen Aufträgen bei der wirtschaftlichen Erschließung ihres Heimatstaates Rakhine in Burma“, kritisierte Delius.
„Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen.“ Goethe (iz, Hamida Schreber & Nadia Müller). In diesem Sinne bot sich uns – zwei Abiturientinnen – diesen Juli die Möglichkeit, […]
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Barcelona (KNA). „Ihr werdet alle sterben, verdammte Moslems“, sprühten Unbekannte an die Tür der Moschee in der katalanischen Gemeinde Montblanc. Mit dem Schriftzug „Tod dem Islam“ wurde die Außenwand einer Moschee in der Madrider Vorstadt Fuenlabrada beschmiert. Auch im Internet kam es in den Tagen nach den islamistischen Anschlägen in Barcelona und Cambrils zu Hasskommentaren und Beleidigungen gegen Muslime. Bei den Anschlägen kamen vor zwei Wochen 16 Menschen ums Leben, 130 wurden verletzt. Doch eine Welle von Attacken auf Moscheen und islamische Kulturzentren gab es nicht. Selbst nach den Zuganschlägen 2004 in Madrid, bei denen 191 Menschen starben, war in Spanien keine Islamophobie ausgebrochen. Experten sehen viele Gründe, dass dies auch so bleibt. „In Spanien konnten sich keine rechtspopulistische Parteien durchsetzen, die Fremdenfeindlichkeit verbreiten“, erklärt der Wahlforscher Jose Pablo Ferrandiz. Rechtsradikale Parteien wie in anderen EU-Staaten hätten keine Chance – schon wegen der immer noch nahen faschistischen Franco-Diktatur. Der baskische Soziologe Felix Arrieta sieht einen weiteren Grund in den Erfahrungen mit dem Terror der ETA-Separatisten. Im Kampf für die Unabhängigkeit des Baskenlandes ermordete die Gruppe mehr als 830 Menschen; erst nach 40 Jahren legte sie 2012 ihre Waffen nieder. „Mit dem ETA-Terror haben die Spanier etwas sehr Wichtiges gelernt: nämlich die Unterscheidung zwischen separatistischen Nationalisten und Terroristen“, glaubt Arrieta. „So unterscheiden die Spanier auch heute klar zwischen muslimischen Einwanderern und radikalisierten Dschihadisten“. Natürlich gibt es auch in Spanien Islamophobie und Integrationsprobleme. Rund zwei Millionen muslimische Immigranten leben hier. Doch muslimische Gemeinden wussten nach Anschlägen stets schnell zu reagieren. Eine der ersten Protestaktionen auf Barcelonas Flaniermeile Rambla, dem Anschlagsort, wurde von der muslimischen Gemeinde organisiert. „Die spanischen Muslime sprechen den Familien der Opfer ihr Beileid aus“, hieß es auch seitens der Islamischen Kommission im Land. Man erkläre sich solidarisch mit den Menschen in Barcelona und dem spanischen Volk, bekräftigt Riay Tatary, Vorsitzender des islamischen Repräsentativorgans in Madrid. So sah man am vergangenen Samstag in Barcelona bei der Großdemonstration gegen Gewalt und Terror auch viele Plakate mit Aufschriften wie „Islam ist Frieden. Wir sind Muslime, keine Terroristen“ oder „Keine Chance der Islamophobie“. Fast eine halbe Million Menschen nahmen an der Solidaritätsveranstaltung teil, darunter auch König Felipe VI. und die gesamte spanische Regierung. Es kam zu unschönen Bildern, als katalanische Separatisten die Demo missbrauchten, um für ihre Unabhängigkeit zu protestieren. Doch die zentrale Botschaft der Veranstaltung las Miriam Hatibi vor. Zusammen mit der katalanischen Schauspielerin Rosa Maria Sarda rief die Repräsentantin der muslimischen Stiftung Ibn Battutta zur Einheit gegen den Terror und für ein friedliches Zusammenleben auf. Dass Spanien dazu in der Lage ist, spiegelt sich in seiner Geschichte. Im Mittelalter waren große Teile der Iberischen Halbinsel muslimisch. Auch danach blieben viele Muslime im Land. Die Kulturen und Religionen lebten lange friedlich nebeneinander. Dieser Umstand führt jedoch heute auch dazu, dass Spanien im Fadenkreuz islamistischer Terroristen steht. Im Zuge der spanischen Wirtschaftskrise und fehlender Zukunftsperspektive haben sich in den vergangenen Jahren viele muslimische Jugendliche radikalisiert, vor allem in Katalonien und den Nordafrika-Enklaven Ceuta und Melilla. Viele Terrorismus-Verdächtige konnte man frühzeitig festnehmen. Spanien, durch die ETA-Abwehr im Anti-Terror-Kampf erprobt, verzeichnet in Europa die höchsten Verhaftungsquoten. Zudem verfügt man über ein Strafrecht, dass der Polizei im Kampf gegen terroristische Aktivitäten ein frühes Einschreiten erlaubt. Auch das hilft gegen ausufernde Islamophobie.
Göttingen (GfbV). Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) hat die Regierung Bangladeschs dringend dazu aufgefordert, Rohingya-Flüchtlinge aufzunehmen, die vor der eskalierenden Gewalt im Rakhine-Staat im Nachbarland Burma fliehen. „Mindestens 5.200 Angehörige der verfolgten muslimischen Minderheit sitzen an der Grenze von Bangladesch fest und warten bislang vergeblich auf Schutz und Aufnahme. Auch in der vergangenen Nacht berichteten Flüchtlinge von weiterer Gewalt in Dörfern nahe der Grenze“, sagte der GfbV-Direktor Ulrich Delius am 30. August in Göttingen. Auf Antrag Großbritanniens wollte sich der Weltsicherheitsrat am 30. August mit der angespannten Lage in Burma und dem Roihingya-Konflikt beschäftigen. Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi warf die GfbV „Totalversagen“ in der Rohingya-Krise vor. Ihr Verhalten sei unverantwortlich, peinlich und befremdend, kritisierte Delius. „Denn Burmas frühere Friedensikone bemüht sich nicht endlich um eine politische Lösung der Rohingya-Frage, sondern unterstützt rückhaltlos die Militärs, die auf eine weitere bewaffnete Eskalation setzen. Statt zu befrieden, schürt sie Gewalt.“ So habe das Büro Aung San Suu Kyi’s beispielsweise humanitären Helfern auf Facebook vorgeworfen, bewaffnete Rohingya-Kämpfer bei „terroristischen Angriffen“ zu unterstützen. Die massiven gewaltsamen Übergriffe von Soldaten auf unbewaffnete Rohingya im November und Dezember 2016 habe sie jedoch nicht verurteilt. Die asiatischen Bündnispartner Burmas fürchten eine weitere Destabilisierung der Region durch eine Massenflucht von Rohingya. Nachdrücklich forderten daher in den vergangenen Tagen führende Politiker und Regierungen in Indonesien, Malaysia und Thailand eine politische Lösung des Konflikts. „Burmas Problem ist nicht eine bewaffnete islamistische Bewegung, die vermeintlich für ein Kalifat kämpft, wie die Militärs behaupten. Problematisch ist vielmehr eine Regierung, die sich nicht gegen die Armee durchsetzen kann und die die Rohingya nicht als gleichberechtigte Staatsbürger anerkennt“, sagte Delius. „Die jüngste Gewalteskalation ist hausgemacht und kann innerhalb kürzester Zeit beendet werden, wenn Burmas Regierung sich endlich glaubwürdig um eine politische Lösung des Konflikts bemühen würde.“ Im Norden des Rakhine Staates starben seit dem 25. August bei der Niederschlagung von Angriffen einer bewaffneten Rohingya-Gruppe mindestens 109 Menschen. Rohingya-Gruppen gehen sogar davon aus, dass 18 Dörfer niedergebrannt und mehr als 700 Menschen getötet wurden.
(gm/iz). Die brutalen Unruhen im burmesische Bundesstaat Arakan, bei denen ein aufgehetzter Mob unzählige Siedlungen der Minderheit der muslimischen Rohingya zerstörte und bis zu 4.000 Menschen ums Leben kamen, werden oft mit rassistischen Argumenten begründet. Nach Ansicht des gesamten politischen Spektrums in Burma – inklusive der im Ausland beliebten Opposition – sowie der einflussreichen Armee und buddhistischer Größen können Rohingya keine burmesischen Bürger sein. Daher sei es vollkommen korrekt, wie der amtierende Präsident Thein Sein jüngst in einem Interview meinte, sie aus der rohstoffreichen Provinz zu vertreiben. Im Folgenden dokumentieren wir die geschichtlichen Hintergründe eines Konflikts, der heute mit brutaler Gewalt ausgetragen wird. Der Bundesstaat Arakan in Burma (auch bekannt als Myanmar) grenzt an Bangladesch und wird mehrheitlich von zwei ethnischen Gruppen bewohnt: die buddhistischen Rakhine und die muslimischen Rohingya. Die Rakhine sind mit den Burmesen in religiöser und sprachlicher Hinsicht verwandt, während die Rohingya ethnisch und religiös in Verbindung zu den Menschen stehen, die in der Region Chittagong im südöstlichen Bangladesch leben. Die Ureinwohner dieser Region waren Hindus, Buddhisten und Animisten. Bevor das Gebiet unter muslimische Herrschaft kam, bestanden bereits Kontakte zu arabischen Seeleuten, die sich in der Gegend von Arakan niederließen. Sie vermischten sich mit der lokalen Einwohnerschaft und bildeten so den Ursprung der jetzigen Bevölkerung, die später als Rohingya bekannt wurden. Einige Historiker glauben, dass die ersten Muslime, die sich in Arakan niederließen, Araber unter Führung von Muhammad ibn Hanafija (einem der Söhne von Ali ibn Abi Talib) im späten siebten Jahrhundert waren. Er heiratete eine lokale Königin namens Kaijapuri, die den Islam annahm und deren Untertanen massenhaft zum Islam übertraten. Die Bergspitzen der Region, in der sie lebten, heißen immer noch „Hanifa Tonki“ und „Kaijapuri Tonki“. Der zweite wichtige Zuzug von frühen Muslimen in dieses Gebiet datiert ins achte Jahrhundert zurück. Die „British Burma Gazetteer“ aus dem Jahre 1957 berichtete, dass „um das Jahr 788 Mahataing Sandya den Thron von Vesali bestieg. Er gründete auf der Stelle des alten Ramawadi eine neue Stadt, die nach ihm benannt wurde. Er starb nach einer 20-jährigen Herrschaft. Während dieser Zeit strandeten einige Schiffe auf den benachbarten Rambree-Inseln und Mannschaften, die ‘Mohammedaner’ gewesen sein sollen, wurden ins eigentliche Arakan geschieht, in deren Dörfer sie sich niederließen. Das waren maurisch-arabische Muslime.“ Zur dritten, entscheidenden Zuwanderung kam es nach 1404, als der, von den Burmesen zur Abdankung gezwungene König Asyl in Gaur fand. Das war die damalige Hauptstadt Bengalens, von wo aus er seinen verlorenen Thron zurückzugewinnen suchte. Der Sultan entsandte zehntausende Soldaten, um Arakan zu eroberen. Später ließen sich viele von ihnen in Arakan nieder. Die Ausbreitung des Islam in Arakan (und entlang der südlichen Küstenzonen von Bangladesch) geschah im Wesentlichen durch maritime Händler und Geschäftsleute. Der Historiker U. Kyi schrieb, dass „die überlegene Moralität dieser frommen Muslime viele Menschen vom Islam überzeugte, die ihn massenhaft annahmen“. Aus diesem Grund haben die muslimischen Rohingya keinen isolierten tribalen oder ethnischen Hintergrund, sondern ganz unterschiedliche Ursprünge, die in einer eigenen Kultur und Zivilisation kulminierten. Nachdem die Portugiesen während der Mogul-Herrschaft Siedlungen in Chittagong, Sandwip und Arakan gründeten, beteiligten sich die Maghs [Synonym für Arakanesen] von Rakhine an einem Plan zur Plünderung der Mogul-Gebiete in Bengalen. Dafür schlossen sie ein Abkommen mit portugiesischen Piraten ab. Die Piraterie von Portugiesen und Magh war eine so umfangreiche Störung des Friedens und der Sicherheit in Bengalen, dass die Mogul eingreifen mussten. 1666 entrang Schaista Khan, der Mogul-Gouverneur von Bengalen, Chittagong von der Kontrolle Arakans. Das war der Anfang vom Ende des Reiches Arakan. Die Maghs aus Arakan (Rakhine) zogen aus Chittagong ab, das sie nie wieder besetzten. Trotz der Plünderungen der gleichen Allianz im 18. Jahrhundert wurde es in Folge ein Teil von Bengalen. Der Historiker G.E. Harvey schrieb, dass „eine Karte von Bengalen aus dem Jahre 1794 das Gebiet südlich von Backergunge markiert, das durch die Plünderungen der Mugh (Arakanesen) entvölkert wurde. Die Arakan-Piraten – Mugh und Ferenghi [Europäer] – kamen über das Meer, um Bengalen zu plündern. Mohammedaner [Muslime] wurden derart unterdrückt, wie sie es niemals in Europa erlebten [sic]. Dank ihrer lang anhaltenden Überfälle verelendete Bengalen immer mehr. Es war immer weniger möglich, Widerstand aufzubauen. Kein Haus auf der von ihnen benutzten Seite der Flüsse von Chittagong nach Dakka blieb bewohnt. Der Distrikt Bakla [Chittagong und Teile von Dakka], der einstmals voller Häuser und kultivierter Felder war und der reiche Einkünfte durch die Betel-Nuss ermöglichte, war so leergefegt, dass niemand übrigblieb, um die Häuser zu bewohnen oder ein Licht in der Region anzuzünden. Als Schaista Khan einige Ferenghi-Deserteure befragte, was ihnen der Magh-König zahlte, antworteten sie: ‘Unser Lohn war das Mogul-Reich. Wir betrachteten ganz Bengalen als unser Herrschaftsgebiet. Wir mussten uns nicht um Steuereintreiber und Hofbeamte scheren, sondern erhoben unsere Landabgaben direkt und ohne Probleme. Wir haben die Dokumente der letzten 40 Jahre aufgehoben.’“ Wegen ihrer langjährigen Wildheit erlangten die Magh von Arakan einen so schlechten Ruf, sodass sie anfingen sich die Rakhine zu nennen. Wie bereits erwähnt suchte der König von Arakam 1404 Zuflucht in Gaur und bat um Hilfe zur Erlangung seines verlorenen Throns. Dschalaluddin Muhammad Schah, der Sultan von Bengalen, schickte seinen General Wali Khan mit 50.000 Soldaten, um Arakan zu erobern. Wali Khan drängte die Burmesen aus dem Gebiet und riss die dortige Macht an sich. Er führte Persisch als Hofsprache ein und ernannte Qadis. Der Sultan entsandte eine zweite Armee unter General Sandi Khan, um Wali Khan abzulösen und um den exilierten König (Mang Saw Mwan, der den Namen Sulaiman Schah annahm) 1430 wieder auf den Thron zu bringen. Mang Saw Mwans muslimische Soldaten ließen sich in Arakan nieder und gründeten dort sogar die Sandi Khan-Moschee. Schließlich wurden sie während der Mrauk-U-Dynastie zum Zünglein an der Waage. Die Praxis der Annahme eines muslimischen Namens oder Titels durch die Könige in Arakan hielt bis 1638 an. Bisveswar Bhattacharya fasste die Entwicklung bis dahin zusammen: „Wegen des dominanten mohammedanischen Einflusses wurden die arakanesischen Könige – auch wenn sie in religiöser Hinsicht Buddhisten waren – im gewissen Sinne zu Mohammedanern in ihrer Mentalität.“ 1660 flüchtete der Mogul-Prinz Schah Schudscha nach Arakan. Dieses wichtige Ereignis führte zu einer neuen Einwanderungswelle von Muslime in das Königreich Arakan. Zwischen 1685 und 1710 lag die politische Macht Arakans komplett in muslimischen Händen. Ihre Herrschaft beziehungsweise ihr Einfluss hielten ca. 350 Jahre an, bis der burmesische König Boddaw 1784 das Gebiet besetzte und eroberte. Er leitete das Ende der muslimischen Herrschaft ein und machte den Anfang des Misstrauens zwischen Rohingya und Rakhine. Es gelang Arakan oft, eine gewisse Unabhängigkeit zu bewahren. Es war weder Teil des Mogul-Reiches, noch des burmesischen Königreiches. Aber 1784 wurden tausende Arakanesen – Rohingya und Buddhisten – getötet. Ihre Moscheen, Dargas und Tempel wurden von burmesischen Soldaten zerstört. Während der burmesischen Herrschaft 1784-1824 wurden 200.000, beinahe zwei Drittel der Arakanesen gezwungen, nach Chittagong zu fliehen. Am 24. Februar 1826 endete der 1. Anglo-Burmesische Krieg. Burma unterzeichnete den Vertrag von Yandabo und trat Arakan sowie Tenasserim an Britisch-Indien ab. Zur dieser Zeit stellten die Muslime gut ein Drittel der Bevölkerung von Arakan. Burma wurde am 1. April 1937 von Britisch-Indien abgespalten und separat verwaltet. Arakan wurde gegen die Wünsche seiner Menschen zu einem Teil von Britisch-Burma und 1948 schließlich zur Provinz eines unabhängigen Burmas gemacht. Jahrhundertelang lebten die muslimischen Rohingya friedlich mit den buddhistischen Rakhine. Dies änderte sich jedoch mit dem 2. Weltkrieg, als es durch Anstiftung Dritter – oft durch die britischen Raj – zu sektiererischer Gewalt zwischen beiden Gruppen kam. Die Bitterkeit wurde durch einen Gewaltausbruch vom 28. März 1942 angeheizt, als schätzungsweise 100.000 Rohingya abgeschlachtet wurden, 80.000 aus ihren angestammten Siedlungen fliehen mussten und 294 Dörfer in Flammen aufgingen. Seitdem hat sich Beziehung zwischen beiden Gemeinschaft dermaßen verschlechtert, dass es kaum eine andere Möglichkeit für die Rohingya gab, ihre Selbstbestimmung in einem autonomen Gebiet zu finden. Nach der burmesischen Unabhängigkeit von 1948 begannen die Muslime einen erfolgloses Aufstand, und verlangten eine autonome Provinz innerhalb der Union von Burma. Seine Niederschlagung resultierte in einem Rückschlag, sodass alle Muslime aus der Verwaltung entfernt wurden, sie sich nur noch eingeschränkt im Land bewegen konnten und ihr Eigentum verloren. Ab 1962 wurden die muslimischen Einwohner in Arakan unter dem Militärregime von General Ne Win als „illegale Einwanderer“ kategorisiert, die sich während der britischen Herrschaft in Burma niedergelassen hätten. Ihre lange Geschichte in Arakan wurden bequem ignoriert. Die Zentralregierung Burmas hat viele Anstrengungen unternommen, sie aus Burma zu vertreiben, und begann mit dem Entzug der Staatsbürgerschaft. Ein Gesetz aus dem Jahre 1974 entzog den Rohingya die burmesische Staatsbürgerschaft und machte sie zu Fremden im eigenen Land. Das folgende Staatsbürgerschaftsgesetz 1982 reduziert das Volk der Rohingya auf den Status eines staatenloses Volkes.
(iz). Es ist wohl eine Grundsatzfrage im Umgang mit der Alternative für Deutschland (AfD): Beschimpft man die Klientel einfach oder geht man auch – soweit möglich – argumentativ auf die Partei ein? Der Journalist Tilo Jung versuchte sich unlängst auf YouTube an der zweiten Variante. Mehr als zwei Stunden lang unterhielt er sich mit dem Brandenburger Landtagsabgeordneten und Gründungsmitglied der AfD Alexander Gauland. Er stellte ihm biographische und inhaltliche Fragen, die um das, nach eigener Aussage, „konservativ-skeptische Weltbild“ des Politikers kreisen. Gauland gilt als bürgerliches Gesicht der AfD. Er hatte sich zunächst wegen der Themen „Wehrpflicht, Kernenergie und Euro“ von der CDU verabschiedet, um dann mit einer Gruppe von Professoren eine neue alternative Partei zu gründen. Wie man heute weiß, hatten diese Differenzen mit der CDU kaum das Potenzial, breitere Wählerschichten zu mobilisieren. Erst mit der Vermischung bestehender islamophober Haltungen in bürgerlichen Kreisen und den Umständen der Flüchtlingskrise ist eine Stimmung entstanden, welche die Rechtspopulisten wahrscheinlich in den Bundestag führen dürfte. Ihre Präsenz im Bundestag wird das historisch-systemische Problem der Demokratie, die mögliche Machtergreifung der Rechten auf legalem Wege, wieder in unseren politischen Alltag einführen. Der inhaltliche Standardsatz Gaulands im Gespräch mit Jung war, dass man auf viele Fragen keine „abstrakte“ und „einfache“ Antwort geben könne. Dieses Vernunftprinzip gilt für ihn im Grunde nur nicht beim Thema Flüchtlinge und natürlich auch nicht beim Stichwort Islam. Nur mühsam versteckt der Alt-Konservative sein tiefes Ressentiment gegenüber den „Muselmanen“. Ansonsten blieb der Erkenntnisgewinn der eigentlichen, geistigen Grundlagen der Rechtskonservativen eher bescheiden. Gaulands vage angedeuteter Referenzpunkt für die Deutung des politischen Islam war der Altrevolutionär Khomeini. Wenig überraschend klang dann auch sein Eingeständnis, „noch nie mit einem Imam gesprochen zu haben“. Natürlich sind deutsche Muslime für Alexander Gauland schon begrifflich Tabu und Überforderung zugleich. Er bestätigt zudem die These, dass er als konservativer Politiker sich noch nie einem Gespräch mit der muslimischen Intelligenz im Lande gestellt hat. Das ist kein Zufall. An Differenzierung hat die AfD schon aus Gründen der Mobilisierung kein Interesse. Sie braucht schlicht das Feindbild Islam. Als Fußnote zum Gespräch gilt noch zu erwähnen, dass Gauland in dem Interview offen zugab, vom Kernphänomen unserer Zeit, der Digitalisierung, keine Ahnung zu haben. Ein Eingeständnis, das ihm beim Thema Islam fehlte. Und ein Phänomen, das Tilo Jung leider nicht in der Lage war, im Gespräch vollständig herauszuarbeiten. Woher kommen die islamophoben Inhalte der Partei? Die Mobilisierung gegen den Islam, beziehungsweise was sie für den Islam hält, wird in erster Linie von den Rändern der AfD eingespeist. Hier sind auch die Übergänge zur sogenannten Identitären Bewegung („Reconquista“) oder zur PEGIDA fließend. Der Fraktionsvorsitzende der AfD im Magdeburger Landtag, Andre Poggenburg, macht keinen Hehl daraus, dass „Deutschland den Deutschen“ gehören solle und verbreitet natürlich auch gerne die typische schlichte Sicht der AfD auf den Islam. Der Politiker schrieb, wie MDR-online berichtet, anlässlich der Debatte über die mangelnde Teilnahme von Muslimen an der Kölner Demonstration gegen den Terror im Juni auf Twitter: „Verwundert überhaupt nicht. Islam steht eben für Terror, Gewalt und Co., warum sollten Muslime dagegen demonstrieren?“ Politiker wie Poggenburg oder sein Thüringer Kollege Björn Höcke sammeln akribisch die Straftaten muslimischer Extremisten. Sie schließen dabei nicht nur gerne vom Extremfall auf den Normalfall, sondern schaffen auch einen unbestimmten Kunstbegriff des Islam, der angeblich als „Subjekt“ der Geschichte gegen den Westen agiere. „Wenn ein Satz mit ‘der Islam sagt, macht oder tut’ anfängt, kann man beinahe abschalten, weil das Folgende schon mit einem Irrtum anfängt“, schrieb der IZ Chefredakteur Sulaiman Wilms dazu treffend. Für die AfD-Klientel ist die islamophobe Logik jedenfalls längst eine Art Markenkern geworden. Weiterhin wird im Rahmen der Flüchtlingskrise von der „Islamisierung Europas“ und „Invasion“ gesprochen und so schon sprachlich dem militanten, außerparlamentarischen Widerstand das Feld bereitet. Die bekannten AfD-Politiker selbst lassen aber auch in ihrer eher oberflächlichen Rhetorik fürs Volk offen, welche philosophische Grundlagen ihr Deutschlandbild eigentlich genau hat. Ganz offensichtlich mit der Abgrenzung zu den Anderen beschäftigt, beteiligen sie sich nur oberflächlich an der Diskussion: „Was ist Deutsch?“ Dieter Borchmeyer definierte „Deutsch-Sein“ in einer wichtigen Neuerscheinung zum Thema, „heißt eigentlich übernational, heißt europäisch, heißt weltbürgerlich denken. So ist es nämlich in allen klassischen Definitionen des Deutsch-Seins der Fall gewesen.“ Vielleicht erklärt sich aus der Schwierigkeit, ein fixierbares Bild der Deutschen zu schaffen, warum in der Gestalt des AfD-Deutschlandbildes die klassische Genialität eines Goethe oder die Literatur Thomas Manns fehlt. Beschäftigt man sich mit den Widersprüchen der AfD-Philosophie, stößt man auf einen weiteren wichtigen Vordenker der Bewegung: Götz Kubitschek. Der Publizist lebt auf einem Rittergut im sachsen-anhaltischen Schnellroda und ist mit Höcke und Poggenburg bestens bekannt. Kubitschek ist kein AfD-Mitglied. Der alte Vorsitzende und Mitgründer der AfD, Bernd Lucke, hatte dies in seiner Amtszeit noch verhindert, gilt aber als Stichwortgeber des rechten Flügels der AfD. Dem rechten Flügel der Partei, der sich in den Landesparlamenten formiert, ist er intellektuell überlegen. Angeblich habe er auch die skandalträchtige Dresdner Rede von Höcke beeinflusst. Sie bezeichnete das Holocaust-Denkmal in Berlin als „Mahnmal der Schande“ und in seiner zentralen Lage im Stadtbild Berlins als Hindernis für ein positives deutsches Geschichtsbild. Kubitschek vertritt auch die im Atomzeitalter abenteuerlich klingende Märtyrer-These, dass man als Immigrant nur dann „echter“ Deutscher werden könne, wenn man bereit sei, für sein Land zu sterben. Das eigentliche intellektuelle Projekt der Schnellrodaer Denkwerkstatt ist die Verknüpfung der AfD mit drei wichtigen Denkern der deutschen Philosophie: dem Philosophen Martin Heidegger, dem Dichter Ernst Jünger und dem Juristen Carl Schmitt. Die drei Größen der deutschen Geistesgeschichte sind bis heute umstritten. Denn es wird ihnen eine mehr oder weniger aktive Rolle im geistigen Prozess der Machtergreifung der Nationalsozialisten vorgeworfen. Ein Blick auf die ausufernde Sekundärliteratur zu den Denkern zeigt, dass der Diskurs über ihre Werke brisant ist und die Intelligenz noch immer beschäftigt. Insbesondere das Werk Carl Schmitts wirkt heute indirekt auf die Ideologen der „neuen“ Alternative. Berühmte Werke wie das 1923 erschienene „Die geistesgeschichtliche Lage des Parlamentarismus“ lesen sich gerade für AfD-Anhänger höchst aktuell. Schmitt beschreibt darin die Tendenz des modernen Staates, das Parlament zu entmächtigen, die Exekutive zu stärken und die Justiz zu politisieren. In diesem Kontext versteht sich wohl die AfD-Forderung nach Volksabstimmungen – nach Schweizer Vorbild. Auch das wohl berühmteste Buch Schmitts – der „Begriff des Politischen“ (1932) – ist eine Steilvorlage für die Ausrichtung einer Partei, die sich heute in erster Linie als Gegenbewegung zu Muslimen und Flüchtlingen versteht. Schmitt hatte damals argumentiert, dass eine Politik, die mobilisieren will, nicht ohne die Unterscheidung von Freund und Feind auskomme. Paradoxerweise liefern aber Heidegger, Jünger und Schmitt – insbesondere in ihrem Nachkriegsdenken – Inhalte, die man frontal gegen die antiquierte Idee des souveränen Nationalstaates der AfD anwenden kann. Schmitt selbst hatte in seinem wichtigsten Nachkriegswerk – „Der Nomos der Erde“ (1950) – klargestellt, dass der Begriff der Nation nicht geschichtslos zu denken ist. Vielmehr gehe die alte Nation längst in neuen Großräumen auf, deren Nihilismus sich in der Trennung von „Ordnung und Ortung“ zeige. Einfacher gesagt: Selbst Schmitt hätte der romantischen Idee eines starken Berlins in einer deutschen Ordnung im Zeitalter der globalen Technik kaum eine geschichtliche Chance gegeben. Natürlich spart Kubitschek diese andere Dimension des Juristen vollständig aus. Eine neue Generation von Schmitt-Experten wie Reinhard Mehring denken in neuester Zeit vor, wie man sich auf die Aktualität Schmitts beziehen kann, ohne gleichzeitig in den Nationalismus alter Zeiten zurückzufallen. Im Sender „Deutschlandfunk Kultur“ führte Mehring unter dem Motto „gefährlich, aber lehrreich“ unter anderem über den Staatsrechtler aus, dass das Feindbild Islam für ihn undenkbar gewesen wäre, wenngleich man dessen „Antisemitismus durchaus als Blaupause für die Islamfeindlichkeit der heutigen radikalen Rechten“ verstehen könne. Ebenso kann man die Technikkritik des späten Heidegger eher als Gegenentwurf zur Idee lesen, eine kleine Partei könne so einfach die Macht übernehmen und in das Weltschicksal eingreifen. Der Philosoph wäre wohl auch der Idee der möglichen Souveränität von Staat und Politik im Rahmen einer globalisierten und grenzenlosen Finanztechnik kaum gefolgt. Die Betonung des Rationalismus war für den Autor von „Sein und Zeit“ nichts anderes als globales Weltschicksal. Schon gar nicht neigte Heidegger zeitlebens zu einem biologisch determinierten Menschenbild. Ernst Jünger wiederum war nicht nur ein Reisender, sondern auch als Autor eher mit der Notwendigkeit eines künftigen „Weltstaates“ beschäftigt und selbst nie im Modus des provinziellen Rückzuges. 1989, als ich ihn anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Bilbao traf, erinnere ich mich an den leichten Spott, den er damals gegenüber der Gründung der rechtspopulistischen Republikaner äußerte. Im Kern prägte Jüngers Weltanschauung keinerlei Ressentiment gegenüber dem Islam. Wohl aber deutete er in der direkten Begegnung eine akzeptable Kritik an: Mit dem Argument, die Muslime seien in der Moderne vor allem im „Kleid der Technik“ unterwegs. Genau in diesem Verhältnis zur Technik liegt auch die Ebene, warum auch interessierte Muslime die Werke der drei Genannten durchaus mit Gewinn rezipieren könnten. Nimmt man den Terrorismus, als äußerte Form einer Technik der Macht, dann haben Muslime ja durchaus damit zu tun. Der politische Islam dachte einige Jahrzehnte lang, man könne alle Phänomene der Technik, vom Nationalstaat bis zur Bank, ohne eigenen Substanzverlust einfach islamisieren. Hier wäre also der Ansatzpunkt für eine intelligente Debatte mit konservativen Denkern über die aktuelle Situation der Muslime, die aber voraussehbar – aus Gründen der Mobilisierung, die nur an einem Fortbestand des groben Feindbildes Interesse haben kann – scheitern muss.
Gütersloh (dpa/iz). Deutschland schneide bei „der Integration muslimischer Einwanderer“ im Vergleich zu anderen westeuropäischen Staaten gut ab. Das ist das Ergebnis einer Studie, die die Bertelsmann-Stiftung am Donnerstag in Gütersloh vorstellt. Verglichen wurde die Situation von Muslimen, die vor 2010 nach Deutschland, in die Schweiz, nach Österreich, Frankreich und Großbritannien kamen. Bewertet wurden Sprachkompetenz, Bildung, Arbeit und soziale Kontakte. Dabei bekommt Deutschland mit Abstand die besten Noten bei der Integration der Einwanderer auf dem Arbeitsmarkt. Bei Arbeitslosenquote und Vollzeitstellen gibt es der Studie zufolge kaum noch Unterschiede zum Bevölkerungsschnitt. 73 Prozent der in Deutschland geborenen Kinder muslimischer Einwanderer wachsen demnach mit Deutsch als erster Sprache auf. Auch wird das Niveau der Schulabschlüsse immer besser. Trotzdem gibt es auch Minuspunkte. So verlassen in Frankreich nur 11 Prozent der Muslime vor dem 17. Lebensjahr ohne Abschluss die Schule. In Deutschland sind es 36 Prozent. Als Grund vermuten die Forscher unterschiedliche Schulsysteme. So lernen Kinder in Frankreich länger gemeinsam, und Einwanderer haben auch durch die Kolonialgeschichte oft gute Französisch-Kentnisse. Die höhere Abschlussquote schützt Muslime in Frankreich aber nicht vor einer überdurchschnittlich hohen Arbeitslosigkeit und weniger Vollzeitstellen. „Der internationale Vergleich zeigt, dass nicht Religionszugehörigkeit über die Erfolgschancen von Integration entscheidet, sondern staatliche und wirtschaftliche Rahmenbedingungen“, sagt Stephan Vopel, Experte für gesellschaftlichen Zusammenhalt der Bertelsmann Stiftung. So sind die rund 4,7 Millionen Muslime in Deutschland – das entspricht einem Bevölkerungsanteil von 5,7 Prozent – der Untersuchung zufolge gut in den Arbeitsmarkt integriert. Rund 60 Prozent von ihnen arbeiten wie der Bundesdurchschnitt Vollzeit, und auch die Arbeitslosenquote gleicht sich immer mehr an. Schwerer haben es in Deutschland nur „hochreligiöse“ Muslime – im Gegensatz zu Großbritannien, wo diese Gruppe bei gleicher Qualifikation in den gleichen Berufsfeldern vertreten ist wie die „weniger frommen“. Die Studie mit dem Titel „Muslime in Europa – integriert aber nicht akzeptiert?“ zeigt aber auch, wie groß die Vorbehalte gegenüber Muslimen sind. Bei der Frage, „wen lehnen Sie als Nachbarn ab?“ sprechen sich in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Großbritannien und Frankreich deutlich mehr Befragte gegen Muslime aus als gegen Familien mit vielen Kindern, Ausländer/Gastarbeiter, Homosexuelle, Juden, Menschen mit anderer Hautfarbe, Atheisten und Christen. Nur die Ablehnung der Briten gegenüber kinderreichen Familien erreicht mit 28 Prozent vergleichbar schlechte Werte.
Granada (EMU/IZ/KNA). Am späten Donnerstagnachmittag war ein Lieferwagen in eine Menschenmenge auf der Flaniermeile Las Ramblas im Zentrum Barcelonas gerast. Offiziellen Angaben zufolge kamen mindestens 13 Menschen ums Leben, mehr als hundert wurden verletzt. Die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) reklamierte den Anschlag für sich. Am gleichen Tag veröffentlichte Malik Ruiz, Präsident der islamischen Gemeinschaft in Spanien, eine Erklärung, in der „die unmenschlichen Akte“ verurteilt werden und die Anteilnahme der spanischen Muslime mit den Opfern und ihren Familien zum Ausdruck kommt. „Die Islamische Gemeinschaft in Spanien demonstriert zweifelsfrei und eindeutig unsere Zurückweisung des gewalttätigen und unmenschlichen Angriffs, der heute in Barcelona verübt wurde. Sie verurteilt diese uneingeschränkt. Wir haben immer unsere Abscheu angesichts solcher Handlungen dokumentiert und jede Form von Kriminalität in aller Welt zurückgewiesen. Insbesondere gilt dies für jene, die ungerechtfertigt im Namen des Islam und der Muslime begangen werden.“ Die Islamische Gemeinschaft in Spanien spüre den Schmerz, „den wir in unserem Land erlitten“. Die Gemeinschaft wolle ihre tiefste Anteilnahme für die Familien der Verstorbenen zum Ausdruck bringen sowie ihre Hoffnung auf eine schnelle Genesung der Verletzten. Als Teil der Gesellschaft, in welcher Muslime lebten, „und als spanische Muslime“, bekundete die islamische Gemeinschaft in Spanien ihre volle Unterstützung für ihre Regierung und die Sicherheitsorgane des Staates. Ihre Solidarität gelte auch „all jenen, die eine hervorragende Arbeit im Kampf gegen diese nihilistischen, grauenhaften und anti-islamischen Akte“ leisteten. „Die islamische Gemeinschaft in Spanien betont, dass Muslime ebenso Teil eines Kollektivs sind, dass offen und energetisch gegen Terrorismus kämpft.“ Es seien, so die Erklärung zum Abschluss, meistens Muslime, die täglich unter den grauenhaften und barbarischen Handlungen dieser Strömung litten – „auf der gesamten Welt“.
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