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Muslime in Athen: „Christen gehen in die Kirche, wir in den Keller“

Athen (dpa). Eine schummrige Seitengasse im Stadtzentrum, vergitterte Fenster, Mülltonnen. Hinter einer Stahltür führt eine geflieste Treppe hinab ins Untergeschoss. Dort verbirgt sich einer der geschätzten 100 privat organisierten Gebetsräume für Muslime in Athen. Die Versammlungsräume finden sich in Kellern, Garagen und Lagerhallen, der kahle Beton ist notdürftig dekoriert, Neonröhren dienen als Beleuchtung. Seit Jahren ist in Athen eine Moschee geplant. Nun wurde sie gebaut, doch der Eröffnungstermin steht in den Sternen.
„Dass es in Athen eine Moschee gibt, werde ich erst glauben, wenn ich dort gebetet habe“, sagt Naim Elghandour. Der 62-Jährige stammt aus Ägypten, lebt seit über 40 Jahren in Griechenland und ist längst griechischer Staatsbürger. Gemeinsam mit seiner griechischen Frau Anna Stamou kämpft er als Vorsitzender der „Muslimischen Vereinigung Griechenlands“ nicht nur für den Bau einer Moschee, sondern vor allem für die Akzeptanz von Muslimen in dem zu mehr als 90 Prozent christlich-orthodoxen Land.
Die Orthodoxie ist in der griechischen Verfassung als vorherrschende Religion festgeschrieben – genauso aber auch die freie und ungehinderte Ausübung aller anderen Religionen. Dass viele Griechen der neuen Moschee im Athener Stadtteil Votanikos dennoch äußerst kritisch gegenüber stehen, zeigt ein kurzer Besuch am Gelände: Der Neubau versteckt sich hinter meterhohen, mit Stacheldraht verkleideten Wellblechwänden. An der martialischen Absperrung prangen Grafitti: christliche Symbole, Aufschriften wie „Nein zur Moschee“ oder auch „Griechenland ist das Land der Heiligen, Märtyrer und Helden“.
Vor allem die rechtsradikale griechische Partei „Chrysi Avgi“ (Goldene Morgenröte) macht den Bau der Moschee immer wieder zum Thema und hat vor der Baustelle auch schon Demonstrationen organisiert. Vier Mal musste das Projekt ausgeschrieben werden, bevor sich ein Bauunternehmer fand. Aber auch einige Griechen sehen den Islam kritisch. „Die wollen uns unterwandern“ oder „Ich möchte mal sehen, ob sie uns in arabischen Ländern eine orthodoxe Kirche bauen lassen“, heißt es oft quer durch alle Gesellschaftsschichten, wenn das Thema zur Sprache kommt.
Dennoch genehmigte das griechische Parlament bereits im Jahr 2006 den Bau einer Moschee für die geschätzten 200.000 Muslime, die in der Region Attika in und rund um die Hauptstadt leben. Dass das neue Gebäude nur Platz für 350 Gläubige bietet, quittiert Naim Elghandour mit einem Schulterzucken. „Sie verspotten uns“, sagt er über seine griechischen Landsleute. „Sie gehen zum Beten in die Kirche, ich in den Keller.“
Die Missstimmung führt auch dazu, dass sich der Eröffnungstermin für die so gut wie fertig gestellte Moschee immer wieder verzögert. Statt April 2017 berichten griechische Medien nun von einer Eröffnung im Dezember dieses Jahres. Zankapfel ist vor allem die Besetzung eines Komitees, das den künftig für die Moschee zuständigen Imam ernennen soll. „Wir haben angeboten, uns zusammenzusetzen. Wir hätten schon längst einen Imam organisiert, der vor seinem Amtsantritt auch Zeit gehabt hätte, Griechisch zu lernen“, schildert Elghandour seine Sicht der Dinge. Doch auf das Angebot seiner Vereinigung sei nicht eingegangen worden.
An hohen Feiertagen organisieren Elghandour, seine Frau und andere Aktivisten große Veranstaltungshallen, in denen die Menschen zusammentreffen, beten und feiern können. Alternativ müsse die Familie bis nach Istanbul reisen, sagt Anna Stamou. „Ich möchte, dass meine Kinder diese Feiertage angemessen erleben – und nicht durch die Garage in einen kleinen Gebetsraum schleichen müssen“, begründet sie den Aufwand.
Dass es kein Zustand ist, wenn religiöse Menschen im Keller beten müssen, sieht grundsätzlich auch die amtierende Linkspartei Syriza so. Doch politische Analysten schätzen, dass Ministerpräsident Alexis Tsipras auf einen Schlag Zehntausende Wahlstimmen verlieren könnte, wenn er sich mit der Kirche überwirft.
Dabei haben sich die griechischen Kirchenoberhäupter mittlerweile mit dem neuen Gotteshaus abgefunden – zumal es in einer versteckten Gegend der Hauptstadt angesiedelt ist. Ursprüngliche Pläne, die Moschee auf der Strecke vom Flughafen zur Innenstadt zu bauen, waren nämlich auf starke Gegenwehr gestoßen. Schließlich hätten Athen-Besucher dann als einen der ersten maßgeblichen Eindrücke eine Moschee gesehen.
Auch ein Minarett wird der Neubau nicht erhalten, doch damit haben sich die Muslime abgefunden. Schwerer wiegt für sie ein anderer Sachverhalt: Sie haben in Athen und der Region Attika keinen Friedhof. Wer seine Angehörigen begraben will, muss den Verstorbenen in die nordostgriechische Region Thrakien bringen. Dort gibt es für die muslimischen Minderheiten in den Städten Xanthi und Komotini Moscheen und auch Friedhöfe. Nicht nur geografisch ist man davon in Athen noch weit entfernt.

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Grobes Ungleichgewicht bei der Terror-Berichterstattung

(IZ/AA). „Oft dominieren Terrorangriffe die Berichterstattung, während Reporter versuchen, die Öffentlichkeit mit Informationen über das Ereignis, seine Täter und die Opfer zu versorgen. Und doch erhalten nicht alle Vorfälle eine […]

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Die schlimmste Choleraepidemie der Welt

Aden/Sanaa (WFP). Der Exekutivdirektor des UN World Food Programme (WFP) David Beasley ist derzeit im Jemen. Auf seiner Reise wird er begleitet von dem Exekutivdirektor des UN Kinderhilfswerks (UNICEF) Anthony Lake und Generaldirektor Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus von der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Die drei UN-Vertreter machen sich vor Ort ein Bild der humanitären Krise, um die kooperativen Anstrengungen für die Hilfe im Jemen voranzubringen. Eine gemeinsame Erklärung:
Das ist die schlimmste Cholera-Epidemie der Welt inmitten der größten humanitären Krise der Welt. Seit April 2017 gibt es 400.000 Fälle mit Verdacht auf Cholera. Etwa 1.900 Menschen sind vermutlich schon wegen dieser Krankheit verstorben. Das gesamte Gesundheitssystem, die Wasserversorgung und die Sanitäranlagen sind in den mehr als zwei Jahren der Feindseligkeiten lahmgelegt und bilden den idealen Nährboden für die weitere Verbreitung von Cholera.
Jemen steht am Rande einer Hungerkatastrophe. Bereits heute wissen 60 Prozent der Bevölkerung nicht, woher ihre nächste Mahlzeit kommen soll. Etwa 2 Millionen Kinder sind akut unterernährt. Dadurch sind sie besonders anfällig für Cholera. Die Krankheit wiederum beschleunigt Unterernährung. Ein grausames Dilemma.
In einem Krankenhaus haben wir Kinder besucht, die mit letzter Kraft nach Luft ringen. Wir haben mit den Eltern gesprochen, die so sehr darunter leiden, dass ihre Kinder krank sind und sie die Familie nicht versorgen können.
Wichtige Infrastruktur des Landes, darunter medizinische Einrichtungen, Wasserversorgungs- und Sanitäranlagen, ist beschädigt und zum Teil zerstört. Inmitten der chaotischen Zustände sind rund 16.000 Freiwillige im Einsatz, die von Haus zu Haus ziehen, um Familien über Schutzmaßnahmen vor Durchfall und Cholera zu informieren. Ärzte, Krankenschwestern und Helfer arbeiten rund um die Uhr, um Leben zu retten. Mehr als 30.000 medizinische Angestellte haben seit über zehn Monaten kein Gehalt bekommen, doch viele erscheinen weiterhin zur Arbeit. Wir befürchten, dass ohne ihre Hilfe Menschen sterben müssen, die sonst die Chance hätten, zu überleben. Wir werden alles in unserer Macht Stehende tun, um diese hoch engagierten Menschen nicht nur finanziell zu unterstützen.
Wir haben auch die wichtige Arbeit der lokalen Gemeinden und NGOs gesehen, die von internationalen Organisationen, so auch unseren, unterstützt werden. Wir haben mehr als 1.000 Zentren für Cholera-Erkrankte aufgebaut. Die Versorgung mit Nahrungsmitteln wird stetig erweitert. Medizinische Geräte und Krankenwagen sind auf dem Weg.
Wir arbeiten innovativ mit der Weltbank zusammen, um auf die Bedürfnisse vor Ort zu reagieren und lokale Gesundheitseinrichtungen aufrechtzuerhalten.
Es gibt Hoffnung. Über 99 Prozent der Menschen, die mutmaßlich an Cholera erkrankt sind und Zugang zu medizinischer Versorgung haben, überleben. Und die Zahl der Kinder, die von akuter Mangelernährung betroffen sind, wird in diesem Jahr rückläufig sein.
Dennoch bleibt die Situation katastrophal. Tausende Menschen erkranken jeden Tag neu. Es bedarf nachhaltige Hilfe, um die Ausbreitung der Cholera zu stoppen. Fast 80 Prozent der jemenitischen Kinder brauchen dringend humanitäre Hilfe.
Bei unseren Treffen mit Regierungsvertretern in Aden und Sanaa riefen wir dazu auf, humanitären Helfern Zugang zu den Gebieten zu geben, die von Kämpfen betroffen sind. Über allem steht eine rasche friedliche und politische Lösung des Konflikts.
Die Jemen-Krise erfordert eine beispiellose Reaktion. WFP, UNICEF und WHO haben sich mit der jemenitischen Regierung und anderen Partnern zusammengeschlossen, um die Hilfe neu zu koordinieren, um Leben zu retten und auf künftige Krisen vorbereitet zu sein.
Wir rufen die internationale Gemeinschaft dazu auf, ihre Unterstützung für die Menschen im Jemen zu verdoppeln. Wenn uns das nicht gelingt, wird die Katastrophe, die vor unseren Augen ausbrach, weiterhin unzählige Menschenleben fordern und künftige Generationen sowie die Zukunft des Landes gefährden.
Von 28 Millionen Einwohnern im Jemen sind derzeit etwa 17 Millionen auf Ernährungshilfe angewiesen. Davon sind 3,3 Millionen akut von Hunger bedroht. Die deutsche Bundesregierung ist einer der wichtigsten Geber für WFP im Jemen. Erst vor Kurzem hat das Auswärtige Amt insgesamt 43,5 Millionen EUR für Ernährungshilfe und Logistik im Land zur Verfügung gestellt.
Zahlen und Fakten: Bevölkerung: 28,2 Millionen +++ Binnenvertriebene und Rückkehrer: 3,1 Millionen +++ Auf humanitäre Hilfe angewiesen: 18,8 Millionen +++ Auf Nahrungsmittel angewiesen: etwa 17 Millionen +++ Hunger leidend: etwa 6,8 Millionen +++ Akut unterernährte Kinder im Alter 6 Monate-5 Jahre: etwa 2,2 Millionen +++ Von WFP im Juli 2017 unterstützte Jemeniten: bis zu 6,8 Millionen.
WFP ist die größte humanitäre Organisation und bekämpft den Hunger weltweit. In Krisensituationen und bei Naturkatastrophen leistet WFP rasche Nothilfe. WFP-Entwicklungsprogramme helfen zugleich die Ursachen des Hungers langfristig zu beseitigen. WFP unterstützt jährlich etwa 80 Millionen Menschen in rund 80 Ländern.

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Zeitalter des Zorns

(iz). Eine Geschichte der Gegenwart zu schreiben, ist heute kein leichtes Unterfangen. Es mag angesichts der sich überschlagenden Bilder von Revolten, Unruhen und Katastrophen einerseits an der fehlenden Ruhe scheitern, sicher aber auch an der nötigen Übersicht. Der britisch-indische Intellektuelle Pankaj Mishra wagt sich nun sogar an eine Art Weltgeschichte, in Form einer politischen Situationsbeschreibung, die nicht etwa das einmalige Chaos leugnet, in dem sich Teile der Welt befinden, wohl aber die Kontinuität geistiger Entwicklungen seit der Aufklärung ebenso ins Bild rückt. Schon im 18. Jahrhundert beginnt, angesichts der Revolution neuer Techniken der Macht und Ökonomie, eine Geschichte der Unzufriedenen, die zur Zielgruppe von Demagogen und Politikern werden.
„Das Zeitalter des Zorns“ ist auch ein Buch, dass den Islam, der seit den Terroranschlägen des 11. September in den Fokus geriet, aus dem Mittelpunkt der Ursachenforschung rückt. Für einige ­Jahre hatte das spektakuläre Ereignis eines von Muslimen praktizierten „aktiven“ Nihilismus vom Anteil des Westens an den Krisen dieses Jahrhunderts abgelenkt. Die Idee der Hegung des Islam – sei es durch Regimewechsel oder geopolitische Interventionen, aber auch das Vorhaben einer positiven Politisierung der Muslime – durch einen staatlich geförderten, ­reformierten Islam, steht heute, so zumindest aus der Sicht Mishras, im Verdacht, das Problem der Radikalisierung aus einer tieferen geschichtlichen Betrachtung herauszubrechen.
Zudem verhindert der politisierte Diskurs über die Muslime, der den Islam als Teil eines Problems darstellt, die Kenntnisnahme der sozialen und ökonomischen Elemente dieser Lebenspraxis und damit letztlich die Idee, dass der Islam, zumindest theoretisch, auch Teil einer Lösung sein könnte.
Wie kaum eine andere Veröffentlichung der letzten Jahre erscheint die kluge Analyse zur richtigen Zeit und bietet auch die willkommene Chance für ein interkulturelles und interreligiöses Gespräch über die drängendsten Probleme dieser Epoche. Die Finanzkrise, die Flüchtlingskrise, der bevorstehende EU-Austritt Großbritanniens und nicht zuletzt die Wahl des Geschäftsmannes Trump zum US-Präsidenten setzten den Rahmen einer tiefgreifenden Umwälzung, die es natürlich nicht erlaubt, alle Abgründe auf die Frage einer einzigen Religion zu projizieren. Das Hamburger G20-Treffen, mit den wichtigsten Staatsmännern der Welt, die gerührt Beethoven lauschten, und einem Mob auf der Straße der ungerührt randalierte, sind ein weiteres Zeichen für eine offene Diskussion über die Widersprüche aktueller Politik, jenseits vorschneller Schuldzuweisungen.
Natürlich hat auch, um das vorwegzunehmen, für Mishra die Radikalität von Muslimen etwas mit dem Islam, seinen Deutungen und seiner Geschichte zu tun. Er fügt allerdings dem in die Geschichte und in die Zukunft gleichermaßen wirkenden Diskurs um den politischen Islam wichtige Pointen ein. Der Modernismus der heutigen muslimischen Parteiungen zum Beispiel, setzten für Mishra gerade den Bruch mit den islamischen Quellen und dem muslimischen Klerus voraus. Stattdessen zeichnet radikalisierte Muslime heute, wie andere Radikale auch, ein „allgemeines existentielles Ressentiment hinsichtlich des Seins anderer Menschen, ausgelöst durch ein intensives Gemisch aus Neid und dem Gefühl der Erniedrigung und der Ohnmacht“ aus.
Der Bruch mit der islamischen Tradition erklärt sich für den Intellektuellen daraus, dass die antiwestlichen Fanatiker gerade im Westen in die Schule gingen und mit deren radikalen Philosophen geistige und psychologische Affinitäten fanden. Das Übersehen dieses Phänomen wirkt sich bis in die aktuellen Debatten aus: „So wird denn in jener intellektuellen Heimarbeit in Sachen Islam und Islamismus, die nach jedem Terroranschlag auf Hochtouren läuft, nur selten über die Tatsache gesprochen, dass es der Revolutionsstaat Frankreichs war, der erstmals den Terror in den politischen Bereich einführte.“
Überhaupt ist das 18. Jahrhundert für Mishra entscheidend, weil es den Bruch, mit der bis zum 17. Jahrhundert in Europa alleine mächtigen Offenbarungsreligion, dem Christentum, vollzog. Der Mensch ging bis zu diesem Schnitt nicht davon aus, dass er es war, der die Welt formte, vielmehr wurde er von der Welt geformt. Jetzt kehrten sich die Verhältnisse um. Die Regeln für die Eroberung der Welt, durch neue Techniken der Macht, von der Kriegstechnik bis zum Bankenwesen, die nun möglich wurde, sollten von Denkern und Wissenschaftler formuliert werden. Ihre Diskussionen und Streitereien über die Zukunft der Gesellschaft und ihrer Institutionen wirken bis in die heutige Zeit hinein.
Voltaire lobte beispielsweise zunächst eine der wichtigsten Erfindungen der expansiven Ökonomie, die Londoner Börse, als weltliche Verkörperung sozialer Harmonie: „Hier treten der Jude, der Türke und der Christ miteinander in ­Unterhaltung, als wären sie Glaubensgenossen, und nennen nur denjenigen einen Ungläubigen welcher Bankrott ist“. Natürlich blieben derartige Hoffnungen auf die harmoniestiftende Wirkung der neuen Finanztechniken eine Illusion. Rousseau, der Gegenspieler Voltaires, schäumte bereits „das Wort Finanzen sei ein Sklavenwort“ und folgerte ideologisch, dass die neuen Finanzsysteme schlicht die Seele korrumpieren.
Auseinandersetzungen über die gerechte Verteilung des Reichtums, das Agitieren gegen die Salons der Reichen und der Missmut gegenüber der Dekadenz von Monarchien und Königshäusern leiteten zu den großen gesellschaftlichen Fragen der Gerechtigkeit über und bereiteten gleichzeitig das Feld für Ressentiment, Ideologien und Terror vor. Aber auch in der restlichen Welt lösten die ­geschichtsmäßigen Innovationen, ins­besondere der Ökonomie, brachiale Veränderungen aus. In der islamischen Welt ging es dabei nicht um ein Einverständnis oder Prüfung der neuen Angebote, ­sondern nur noch um die schlichte Durchsetzung der neuen Ansprüche der Globalisierer.
Für Mishra sind es gerade die russischen, italienischen und deutschen Philosophen aus dem 18. Und 19. Jahrhundert, die nun in der islamischen Welt nachhaltig Eindruck machen und die inhaltlichen Reaktionsmuster dieser Welt bestimmen. Der moderne politische Islam entwickelt dabei einen ebenso neuen Machtwillen, der sich nicht mehr durch das islamische Recht begrenzen lassen will. Für ganze politische Generationen der islamischen Welt ging es nun darum, die westlichen Techniken zu kopieren, für die eigene Ziele zu nutzen und bestenfalls noch mit dem Adjektiv „islamisch“ zu versehen. Die paradoxe Idee der „islamischen“ Bank gehört genau hierher.
Natürlich versucht sich auch Pankaj Mishra an der Frage, wie man sich aktuell vor den alten Dämonen des Faschismus, Anarchismus und Nihilismus befreien kann, und damit im Grunde aus der Geschichte lernen und so eine positivere Zukunft anstreben könnte. Für ihn, den global denkenden Intellektuellen, ist das keine Frage von Links oder Rechts und ebenso keine Frage der religiösen Verortung. Im Kern dreht sich sein positiver Ansatz um die Beantwortung der alten europäischen Fragen nach der Gerechtigkeit, der Mäßigung politischer Gewalt und der Verhinderung einer Identitäts-Politik, die auf Feindbilder und Ressentiment zurückgreifen muss.
Die Beantwortung der aktuellen Krisen darf dabei auch das Grunddilemma dieser Zivilisation nicht verdrängen. Mishra bringt sie mit der Feststellung auf den Punkt, dass es „mehr Sehnsüchte gibt, als sich im Zeitalter der Freiheit und des Unternehmertums verwirklichen lassen“. Kurzum, es ist kaum zu erwarten, dass sich eine friedliche Welt auf Grundlage unserer individualisierten, grenzenlosen Konsumgewohnheiten, die heute im globalen Maßstab nachgeahmt werden, überhaupt bewerkstelligen lässt.
Gerade der sogenannten Dritten Welt ist es aber bisher nicht gelungen, hier ihren eigenen Beitrag aus philosophischer oder religiöser Tradition zu bergen. Nach Mishra neigen chinesische, russische, türkische und indische Führer vielmehr zu einem autoritären Kapitalismus, der sie schließlich reich gemacht hat und zu einem Rückfall zum Nationalismus, der ihren wachsenden Bevölkerungen aus entwurzelten Bürgern Sinn vermitteln soll. Bei ihren Rechtfertigungsnarrativen handle es sich dabei, so seine zugespitzte Kritik, um unvermeidlich hybride Gebilde: „Mao plus Konfuzius, heilige Kuh plus smarte Städte, Putinismus plus orthodoxes Christentum, Neoliberalismus plus Islam“.
Dass Pankaj Mishra hier Recht haben könnte, zeigt ein Blick auf den Hamburger G20-Gipfel, der insoweit Einheit vermittelte – man bedenke nur an die Bewältigung der Finanzkrise – als niemand der angereisten Staatschefs, ganz unabhängig vom Kulturkreis, eine Alternative aufzuzeigen in der Lage war. Die europäischen Hoffnungen auf eine Welt ohne den Rückfall in Nationalismen verkörperte am Ende der junge französische Präsident, der allerdings auch keinen Weg nennen konnte, wie das grenzenlos fließende Kapital in einer globalen Welt ohne starke Nationalstaaten künftig politisch kontrolliert werden soll.
Vielleicht ist es so gesehen an der Zeit, dass Muslime sich auf andere Weise mit ihrer Geschichte auseinandersetzen und die Möglichkeit prüfen, ob sie Gründe finden, für eine fundierte kapitalismuskritische Position, die aber ohne Rückfall in die alten Ideologien auskommt. Hierher gehört einerseits, mit dem Denker Pankaj Mishra über den Einfluss der westlichen Denker auf den politischen Islam nachzusinnen und das unter­brochene Gespräch mit den eigenen Rechtsgelehrten zu führen, wie denn eigentlich ein gemäßigter Kapitalismus aus dem Islam heraus begründet werden könnte.

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Ministerieller Kindergarten

„Wie so oft in der Politik kann man sich jede Studie schreiben lassen, die man möchte, um die eigene Meinung zu untermauern.“ (Sebastian Kurz) (iz). Die bereits nach ihrer Veröffentlichung […]

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Aus bescheidenen Anfängen

(iz). Heute sind wir als Gemeinschaft an einem Punkt, an dem wir im größeren Maße als früher entweder scheitern oder Erfolg haben. Wir haben Schulen, Fachleute, Islamische Zentren und Gelehrte. Jedoch mangelt es uns an einem Kern von Muslimen und Musliminnen, die gewillt sind, die Muslime in einen zusammenhängenden Wählerblock und in starke Nachbarschaften zu wandeln. Wo sie eine Stimme haben werden im Schicksal der größeren Gesellschaft und – im ­gewissen Grad – in der amerikanischen Außenpolitik.
Vor 1800
Anfänglich gab es nur eine Handvoll Muslime, die Erwähnung fanden.
Der Steuermann von Kolumbus, der während seiner Reise eine Kopie der ­Reiseerinnerung von portugiesischen Muslimen brachte, die im 12. Jahrhundert in die Neue Welt segelten. Der Bericht von Al-Idrisi hieß „Das Meer der Tränen“. Darin behandelt der Autor die Reise von 80 Entdeckern aus Lissabon. Die Erzählung behandelt Besuche zu vierzehn Inseln. Die Hälfte von ihnen wurde als die Kanaren und Azoren identifiziert. Diejenigen jedoch, die noch nicht identifiziert wurden, können so weit wie die Karibik reichen.
Istafan, der Araber, war 1539 Führer für spanische Siedler im Gebiet von Arizona. Er stammte aus dem marokkanischen Azamor und nahm 1527 an der zum Scheitern verurteilten Florida-Expedition von Panfilo de Narvaez teil. Istafan fungierte als Führer für den Franziskaner­mönch Marcos de Niza. Als solcher war er von unschätzbarem Wert, bis er 1539 durch einen Indianerangriff auf dem Gebiet der heutigen Bundesstaaten Arizona und New Mexico getötet wurde.
Ajjub Sulaiman ibn Diallo war ein unbedeutender Mittelsmann zwischen seinen Leuten und den Briten nach seiner Verschiffung nach Amerika. Ich führe ihn hier an, weil er den Islam während der zwei Jahre seiner Sklaverei in den 1730ern in der Kolonie von Maryland praktizierte. Er sprach Arabisch und schrieb darin mindestens ein halbes Dutzend Briefe, übersetzte Münzinschriften für das Britische Museum und zeichnete eine Karte von Westafrika.
Es sollte hier angemerkt werden, dass keiner der wenigen, die bekannt sind, versuchte, den Islam bekannt zu machen. Nur Ajjub bemühte sich, seinen Glauben zu praktizieren. Ein wichtiger Punkt dabei ist, dass diese Muslime nicht die einzigen waren, die arabisch lesen und schreiben konnten. In vielen Sklavenquartieren der Karibik und Brasiliens gab es heimliche islamische und arabische Schulen. Bezüge auf sie finden sich in den Arbeiten von Nina Rodriguez und dem zweibändigen „Zwölf Monate in ­Jamaica“ von Robert Madden (1835).
1800 bis 1890
Während des 19. Jahrhunderts war die Gegenwart muslimischer Gefangener in den Sklavenquartieren durch vier Individuen belegt. Theodore Dwight Jr. schrieb zwei Artikel über einen Sklaven namens Lamen Kebe. In Afrika war er Schullehrer. Lamen gab Dwight Jr. ein Liste über mehr als zwanzig Texte, die er in seiner Schule benutzte sowie mehrere Seiten über seine Lehrmethoden (von denen noch viele heute gültig sind). Am Ende eines dieser Artikel findet sich auch eine der frühesten Glossarien, die wir von der Serrekuleh-Sprache haben. Theodore Dwight Jr. ­erwähnte auch Abdul Rahman und ­Ayyub bin Sulaiman Diallo.
James Cooper schrieb eine Geschichte namens „Salih Bilali“, die zusammen mit anderen ethnologischen Aufsätzen in William Brown Hodgsons „Notes on North America“ (1844) veröffentlicht wurden. Salih war, wie alle anderen, Fula­ni und seine Geschichte findet sich nur in einem Brief von Cooper. Dieser wurde in „Africa Remembered“ von Philip Cutin abgedruckt. Hier finden sich mündliche Erinnerungen an Afrika sowie ein Vokabular in Fulani, aber nichts über seine Ausbildung oder islamische Praxis.
Von Hodgson stammten die vielleicht wichtigsten Dokumente dieser Art. Die von ihm erwähnten Hauptcharaktere waren: Bilali Mohammed, der das einzig erhaltene Buch über islamisches Recht in Amerika schrieb. Von ihm gingen einige islamische Begriffe in den Gullah-Dialekt des Englischen über. Er gab seinen Nachkommen muslimische Namen und lehrte sie bis zur Generation ihrer Nachkommen. Umar ibn Sa’Id war Butler von Gouverneur Owens in Fayetville, North Carolina. Er hinterließ eine Autobiografie sowie 13 Seiten in arabischer Schrift. Seine Hinterlassenschaft deutet an, dass er ein Qadari-Sufi, ein Händler sowie ein Schullehrer war. Unter schwierigen Bedingungen täuschte er einen Übertritt zum Christentum vor. Abdul Rahman Ibrahim Soufi schrieb zwei Autobio­grafien, zwei Kopie der Sure Al-Fatiha, unterschrieb eine Kohlezeichnung von ihm und diktierte einige Briefe an seine Familie, während er durch die USA reiste, auf der Suche nach Geld für seine Rückreise. Keine seiner arabischen Worte belegen irgendeine formale Bildung, aber es ist überraschend, dass er sich nach vierzig Jahren Sklaverei noch an etwas Arabisch erinnern konnte. Schließlich kehrte er nach Afrika zurück, wo er verschied. Seine Geschichte wurde 1977 in „Prince Among Slaves“ von Terry Afford dokumentiert. Ein unbekannter Sklaven-­Korrespondent aus Georgetown, South Carolina, schrieb fünf Kapitel des Qur’an aus dem Gedächtnis. Sie wurden von Hodgson übersetzt.
Ein Muslim aus dieser Zeit, der nicht von diesen Autoren erwähnt wurde, war Hadschi Ali (Philip Tedro), ein zum Islam konvertierter Grieche und einer von sechs Kamelpflegern (drei Araber, zwei Türken und Hadschi Ali), im kurzlebigen Kamelkorps der US-Armee von 1856. Der damalige Kriegsminister Davis brachte 1855 ein Gesetz in den Kongress ein, um Kamele für militärische Zwecke in die Wüste von Arizona zu importieren. Während dieses Experiments wurden 77 Kamele und 6 Betreuer in die USA eingeführt. Bei Ausbruch des Bürgerkrieges wurde es eingestellt. Hadschi Ali blieb in den USA, Zirkusse und Zoos kauften einige Tiere, andere wurden freigelassen.
Hadschi Ali wurde Goldsucher im Gebiet des Colorado River. Unter der Verballhornung „Hi Jolly“ wurde er eine Legende. Als einziges Erbe blieb sein Grabstein und einige Handbücher der US-Armee zum Umgang mit Kamelen. Hadschi Ali lebte bis 1903 in Quartzsite, Arizona, wo er als Goldsucher und Imam arbeitete. Seine drei Töchter wuchsen als Musliminnen auf.
Ein anderer war Yarrow Mamount, der kaum von anderen Autoren behandelt wurde. Er verdient Erwähnung, weil er der am längsten lebende Mensch in den USA war. Laut Berichten soll er bei seinem Tod 130 Jahre alt gewesen sein.
1890 bis 1910
Während dieser Periode war die einzige Bewegung von Interesse die von Mohammed Alexander Russell Webb. Es wird allgemein davon ausgegangen, dass er der erste weiße Konvertit zum Islam in Amerika war. Von 1887 bis 1892 arbeitete Webb als Zeitungsredakteur. Danach diente er als US-Konsul auf den Philippinen. Während seiner Tätigkeit als konsularischer Repräsentant der Vereinigten Staaten studierte er Bücher über asiatische und orientalische Religionen. Kurz danach begann er einen Briefaustausch mit indischen Muslimen und erklärte 1888, dass er Muslim sei. 1892 trat Webb von seinem Posten in der US-Vertretung zurück und ging danach in Indien auf eine Vortragstour durch Delhi, Bombay, ­Kalkutta und Hyderabad.
Webbs Vorträge wurden in zwei Büchern veröffentlicht. Zu den Texten gehörten die Titel „Islam, The Better Way“ und „Philosophical Islam“. Nach seiner Rückkehr in die USA gründete er die Oriental Publishing Company. Sie brachte ein halbes Dutzend Bücher heraus, ­darunter „Islam in America“ (1892) und das kurzlebige Magazin „The Moslem World“. Webb unterhielt in New York City eine Moschee auf dem Upper Broadway. Sie bestand bis kurz vor ­seinem Tod im Jahre 1913.
Erste Hälfte des 20. Jahrhunderts
Zwischen 1910 und 1950 entstanden verschiedene muslimische Mainstreambewegungen sowie einige sektiererische. Hier möchte ich mich auf einige Moscheen und Gestalten des Mainstream-Islam konzentrieren sowie auf zwei Vertreter des schwarzen Nationalismus.
In den frühen Jahren des letzten Jahrhunderts entstanden zwei Moscheen. 1915 errichtete die albanische Gemeinschaft ein Gebäude im Bundesstaat Maine sowie eine weitere in Connecticut. Von beiden sind nur wenige Dokumente erhalten geblieben. 1926 bauten polnisch sprachige Tataren eine Moschee im New Yorker Stadtteil Brooklyn.
In Detroit wurde 1920 der Rote Halbmond gegründet. Die dortige Moschee war von 1926 bis 1932 in regelmäßigem Betrieb. Dieser Organisation scheint es an den nötigen Mitteln, nicht aber an der Menge der Mitglieder gefehlt zu haben. Einigen wenigen Mitgliedern gelang es, die Gemeinde finanziell über Wasser zu halten. Die große Depression aber stellte für alle eine zu große Belastung dar.
Vielleicht die erfolgreichste dieser Gemeinschaften des muslimischen Mainstreams war die Moschee von Ross. Zu ihrem Höhepunkt hatte sie mehr als hundert Mitglieder. Errichtet wurde das Gebäude 1930. Es bestand bis 1978.
Die libanesische Moschee in Cedar Rapids, Iowa, ist eine Erfolgsgeschichte. 1935 gegründet, ist sie immer noch in Betrieb. Diese Gemeinschaft scheint weniger mit den Problemen zu tun gehabt haben, unter denen die anderen litten. Mehr Leute gingen ins Ausland auf Suche nach Eheleuten, es standen mehr Mittel zur Verfügung und weniger Leute wandten sich im Laufe der Zeit vom Islam ab. Auch blieb das Arabische häufiger im Gebrauch. Sprache war ein wichtiger Faktor zur Einheit der Gemeinschaft.
Sheikh Dawood und Soufi Abdul Hameed stehen für eine einheimische Bewegung. Sheikh Dawood gründete 1934 in Brooklyn die Islamic Mission Society on State Street. Bis 1981 sollten unter seiner Leitung dort mehr als 75.000 Menschen den Islam angenommen haben. Seine Vorstellung, Islam sei etwas Genetisches wurde später von Nationalisten wie Elijah Mohammed und Imam Isa übernommen. Sein Zeitgenosse Soufi und dessen Lehrer, Mandaly auf Ägypten, hatten vergleichbaren Erfolg in Haarlem. Ihr Projekt aber endete, als Mandaly durch einen Herzanfall starb und Soufi bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam.
Personen wie Drew Ali und Elijah Mohammed repräsentierten zwischen 1910 und 1950 Aspekte des schwarzen Nationalismus. Deren Bewegungen überlebten ihre Gründer. Ali begann 1913 mit seinem kurzlebigen Kaanitischen Tempel. Später kam der Moorish Science Temple hinzu. Er gab den vor nicht allzu langer Zeit befreiten Afrikanern eine Identität und zeigte ihnen, wie sie zu Selbstachtung kommen konnten. Sein Hauptfehler bestand darin, den Leuten den vollen Zugang zum Qur’an, der religiösen Lebenspraxis des Islam und der arabischen Sprache zu versperren.
Elijah Mohammeds Organisation, die Nation of Islam, wurde am 4. Juli 1930 in Paradise Valley, einem schwarzen Ghetto von Detroit, durch W.D. Fard angestoßen. Fard war ein seltsamer Trödler aus dem Osten und einstiger Herausforderer von Drew Ali in der Führung des damaligen schwarzen, muslimischen Nationalismus in den USA. Angeblich soll er 1877 als Sohn eines schwarzen ­Vaters und einer weißen Mutter in Mekka zur Welt gekommen sein. Laut Legende soll er an der UCLA und in Oxford studiert haben. Nach der gleichen Erzählung soll W.D. Fard eine Karriere als ­Diplomat im Hidschaz abgelehnt haben, um seinen „Onkel“ (d.h. die Schwarzen) in der „Wildnis Nordamerikas“ zu finden und ihm den Islam und die wahre Geschichte seines Volkes zu lehren.
W.D. Fard hinterließ einen Nachfolger, Elijah Mohammed, sowie einige Lehrschriften. Seine Lehrmethoden erinnern an Katechismen und Schriften der Freimaurer. 1934 wurde Fard zu einer Art verborgenem Imam erklärt, wie ihn die extremen Sekten der Schia kennen. Seine Rhetorik scheint von militärischen Handbüchern, Freimaurerei und einer vagen Theologie beeinflusst worden zu sein, die an die frühen Mormonen von Utah erin­nern. Die Bewegung hatte Erfolg dank des Einsatz der einzelnen Mitglieder sowie einer starken Führung. Sie scheiterten ­darin, den Leuten die islamische Lebenspraxis wie das Gebet und das Fasten nahezubringen. Auch predigte er Konzepte, die an Reinkarnation grenzten.
Bis zur Gegenwart
Die nächsten vierzig Jahre sahen den Aufstieg und Fall der Nation of Islam. Das lag vorrangig an Silas Mohammed, Farrakhan, John Mohammed, W.D. Mohammed und Imam Isa. Folgende Strömungen versuchten, ihre Lehre zu revolutionieren.
Erst W.D. Mohammed begann mit der dringend nötigen Arbeit der Lehre eines korrekten Islam basierend auf Qur’an und Sunna, er wurde aber teilweise durch das Erbe seines Vaters behindert. Dieser behandelte den Qur’an mehrheitlich als etwas Symbolisches, so wie ihn in seiner Kindheit die Bibel ­gelehrt wurde.
Andere verließen die Nation of Islam und galten danach als ernst zu nehmende Muslime. Dazu gehörten Muhammad Ali, Hamas Abdul Khaalis und Malcolm X. Muhammad Ali wurde einer der größten Sportler seines Landes und ein großer Faktor zur Verbreitung des Islam in den USA. Hamas Abdul Khaalis gründete 1968 das Hanafi Mah-Hab Centre in New York. Später zog es nach Washington D.C. um.
Einer der größten muslimischen Führer der USA war selbstverständlich Malcolm X. Sein echter muslimischer Name war Al-Hajj Malik Shabazz. Er startete die politische Straßenzeitung der Nation of Islam, die Zeitung „Mohammed Speaks“. Bis zum Ende seines Lebens widmete sich Shabazz dem Kampf der Rechte aller unterdrückten Menschen. Er starb durch Agenten der Nation of Islam, die auch mit dem FBI kooperierten.
Schlussfolgerung
Diese historische Zusammenfassung des Islam in Amerika fokussierte sich auf amerikanische Muslime und Muslime, die Amerikaner wurden. Sie verweist auf die Notwendigkeit der Einladung zum Islam (arab. Da’wa), von islamischen Schulen, für mehrsprachige Erziehung, Moscheen und für Teilnahme an der ­größeren Gesellschaft.
Das Fundament besteht aus Da’wa, der Entwicklung von Schulen und ­Geschäften, Bildungsprogrammen für Jugendliche und Erwachsene bis zu dem Punkt, an dem die Gemeinschaft stabilisiert ist. Wir müssen sicherstellen, dass so viele private und öffentliche Büchereien in den USA wie möglich die nötige, akzeptable Literatur hat. Kurzum, wir müssen sicherstellen, dass so viele Menschen wie möglich einen authentischen Zugang zum Islam erhalten.

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Gespräch mit dem Psychologen Aaroun Abdurrahim Schabel über Psychoanalyse

(iz). Aaroun Abdurrahim Schabel ist 31 Jahre alt und verheiratet. Er ist Sohn eines deutsch-afghanischen Ehepaares, das sich seit über 30 Jahren für die inter- und intrareligiöse Begegnung engagiert. Er […]

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Der Westen – die Zukunft der islamischen Gelehrsamkeit?

(Islamicate). Während ich meine Masterarbeit über die Thesen des Medienwissenschaftlers Marshall McLuhan schreibe, läuft bei mir die unglaubliche Netflixserie „Black Mirror“ (ich kann nicht sagen, welches der beiden Projekte ich […]

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Geht es noch um Allah?

(iz). Die Aufgabe des Propheten ist im Qur’an deutlich beschrieben. Dort lesen wir in der Sure Al-Dschumu’a (62): „Er ist es, Der unter den Schriftunkundigen einen Gesandten von ihnen hervorgebrachte, der ihnen Seine Zeichen vorträgt, sie kultiviert und sie das Buch und die Weisheit lehrt.“ In einer weiteren Sure lesen wir: „Wahrlich war Gott den Gläubigen gegenüber wohltätig, indem Er unter ihnen einen Gesandten von ihnen hervorgebrachte, der ihnen Seine Zeichen vorträgt, sie kultiviert und sie das Buch und die Weisheit lehrt.“ Der Qur’an, die Kultivierung des Selbst und die prophetische Weisheit haben wiederum zum Ziel, die Beziehung zwischen dem Menschen und seinem Schöpfer zu stärken. In dieser Beziehung steht der Mensch mit all dem, was sein Menschsein ausmacht, im Zentrum.
Der Prophet zeigte uns durch sein Wirken, dass man nicht von allen Menschen das Gleiche verlangen kann. In seiner Gemeinde fand man die unterschiedlichsten Menschen, mit denen er auch verschiedenartig umging. Der Prophet berücksichtigte das Vermögen eines jeden; denn er war an Menschen interessiert und nicht an abstrakten Ideen.
Zahlreiche Überlieferungen bezeugen, wie manchmal Beduinen zu ihm kamen und mit ihm nur für eine kurze Zeit verweilten. Sie lernten von ihm nur bestimmte Grundlagen, lebten dann ihr Leben weiter und sahen ihn vielleicht nie wieder. Sie wurden weder mit Geboten und Verboten überschüttet. Noch verlangte der Prophet von ihnen eine komplette Umgestaltung ihres Lebens. Die Beziehung zu Gott war von Gelassenheit und vor allem Natürlichkeit begleitet.
Schaue ich mir aber heute an, wie über die prophetische Botschaft gesprochen wird, dann frage ich mich: Wo bleiben überhaupt Gott und Sein Gesandter? Die politische Idee im breiten Sinne des Wortes hat nicht nur den Menschen sondern auch Gott und Seinen Propheten ersetzt. Nicht mehr die Beziehung zu Gott und die Verwirklichung des Menschseins sind zentral, sondern die Verwirklichung der Idee.
Politische Ideen, wie der Nationalismus, Feminismus, Säkularismus, Konservatismus, Liberalismus, Antikolonialismus oder Antirassismus, werden krampfhaft mit der prophetischen Botschaft vermengt, sodass Muslimsein nur als Träger in dieser Konstellation dient. Im Vordergrund steht stets die politische Idee. Politische Ideen brauchen ihre Gegensätze. Sie brauchen eine Dialektik, dank der sie existieren können. Wird diese Dialektik auf den Glauben projiziert, verdirbt man den Glauben und die Beziehung zu Gott mit Machtkämpfen. Denn man wird ständig auf der Suche nach dem Anderen – der im Kontrast zu sich selbst steht – sein, sodass man die eigenen Gedanken bestätigen und ihnen eine Daseinsberechtigung verleihen kann.
Islam (was eigentlich Hingabe bedeutet und nicht als Namen einer Religion vom Propheten verstanden war, da es damals das Konzept von Religion nicht mal gab) wird heute wie ein Wesen außerhalb von uns imaginiert, ja wie ein Kuchen, von dem jeder einen Anteil haben will. Manche denken, sie besitzen diesen Kuchen. Manche gehen noch weiter und wollen im Namen ihrer Ideologie den Kuchen „Islam“ besitzen. In dem Moment, wo allerdings eine Person „den Islam“ sich so vorstellt, als ob er etwas außerhalb ihrer Selbst wäre, dann hat sie längst die Kategorien der Moderne und des Säkularismus verinnerlicht. Auch dann, wenn sie sich als „konservativ“ oder „Traditionarier“ begreifen würde.
Es geht heute nicht mehr darum, die Liebe zu Gott und zu Seinem Propheten zu verwirklichen, den Menschen von dieser Liebe zu erzählen, für die Menschen da zu sein und ich meine mit Menschen alle Menschen, genauso wie der Prophet auch für alle Menschen da war und für sie gesandt war. Nein, man geht heute mit seinen Mitmenschen hart ins Gericht, nach dem Motto „wie du mir, so ich dir“. Aber gerade jener, der dem Propheten folgen will, sollte die Last und die Belästigung ertragen können, mit einem Auge der Gnade und Barmherzigkeit auf die Welt blicken und sanftmütig auch mit jenen sein, die ihn hassen.
Wir leben in Zeiten, in denen der Glaube schon fast ein Wunder ist. Man soll sich über jeden freuen, der überhaupt noch von Gott spricht. Die eigentliche Frage ist, was wir überhaupt wollen? Wollen wir auf Kosten von Ideen und Ideologien das Erbe des Propheten mit Füßen treten, oder wollen wir seine Gnade in uns tragen und an andere weitergeben? Mit Spott, gnadenlosem Aktivismus oder Überheblichkeit schrecken wir die Menschen nur ab.
Der Text erschien am 20. Juni auf dem Blog des Autors.

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Wie religiös ist die Türkei?

Bielefeld (iz). In den letzten Jahren haben in der Türkei sozialwissenschaftliche Studien zugenommen. Der gesellschaftliche Wandel in dem Land hat auch Institutionen und Einrichtungen hervorgebracht, die diesen Wandel soziologisch untersuchen. […]

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