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Islam ist ein Filter für Kultur

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Islam, Kultur und Vielfalt: Warum Islam die Menschen nicht zu Kopien macht, sondern das Gute lokaler Traditionen bewahrt, reinigt und fördert.

(iz). Islam ist keine ethnische Subkultur. Genau gegen dieses Missverständnis richtet sich der folgende Text: Er zeigt ihn als religiöse Ordnung, die lokale Kultur nicht auslöscht, sondern prüft, ordnet und, wo sie gut ist, bejaht.

Es gibt eine verbreitete, doppelte Verengung des Islam. Islamkritiker sehen in ihm oft nur einen fremden Block, gebunden an Araber, an das Bild einer bestimmten Region oder an eine starre Zivilisation.

Manche Muslime übernehmen das unfreiwillig von der Gegenseite und verwechseln Norm mit arabischer Gewohnheit, Frömmigkeit mit Folklore, Universalität mit Uniformität. Beides führt in die Irre.

Denn Allahs Din ist nicht an eine Ethnie gekettet, aber ebenso wenig kulturfrei. Er kommt nicht als leere Form in die Welt, sondern als Offenbarung, die an Menschen mit ihren Sprachen, Sitten und Symbolen herantritt.

Wer seine Frühgeschichte und die Verbreitung betrachtet, erkennt gerade darin seine erstaunliche Weite. In Indonesien, dem größten mehrheitlich muslimischen Land der Welt, kam der Islam einige Jahrhunderte später. Entscheidend ist aber nicht das Datum, vielmehr die Art der Ausbreitung.

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Foto: Irisland/Shutterstock | Lizenz: Shutterstock, erworben

Er begegnete dort nicht einem kulturellen Vakuum, sondern einer bereits geordneten Welt aus Hofkultur, Handel, Dichtung, Ritual und Frömmigkeit. Lokale Traditionen, Weisheiten und Formen wurden nicht einfach zerschlagen, sondern im Licht islamischer Lehre umgedeutet und aufgenommen.

Die berühmten neun Wali Songo stehen genau für diese Art der Einladung: lehrend, geduldig, kunstsinnig, politisch klug und ohne rohe Kulturverachtung.

Das ist kein Synkretismus im Sinne eines beliebigen Mischens. Es ist etwas Strengeres und zugleich Menschlicheres: Islam wirkt wie ein Filter, nicht wie ein Farb- und Geruchsentzug.

In Umar Faruq Abd-Allahs Text „Islam and the Cultural Imperative“ wird dieser Gedanke mit großer Klarheit formuliert. Gute kulturelle Konventionen können rechtsähnliches Gewicht haben, solange sie der Offenbarung nicht widersprechen.

Die überlieferte Weisheit des Fiqh kennt nicht nur das Verbot, sondern ebenso die Anerkennung des Gewachsenen. Abd-Allah beschreibt Islam und seine Scharia geradezu als klaren Fluss, der seine Farbe aus dem Boden empfängt, über den er fließt.

Hier liegt auch der innere Zusammenhang zur Schule von Medina und zu Malik. Die malikitische Tradition ist nicht darauf angewiesen, Kultur gegen Religion auszuspielen. Sie kennt das Gewicht lokaler Praxis, sofern diese nicht die Grundnormen bricht.

Wissen Aischa

Foto: Archiv

Medina ist in diesem Sinn nicht nur ein Ort, sondern ein Prüfstein: Nicht jede Gewohnheit wird heilig, aber das Gute im Gewohnheitsrecht wird nicht leichtfertig vernichtet. Darin liegt eine eigentümliche Würde des islamischen Rechts: Es ist universal, ohne ortlos zu sein.

Dass dieser Weg historisch fruchtbar war, zeigt Indonesien besonders deutlich. Die Wali Songo arbeiteten nicht mit kultureller Demütigung, vielmehr mit Übersetzung. Sie nutzten Theater, Musik, Bildung, Moscheebau und die Sprache der Menschen.

Selbst dort, wo ältere Formen weiterlebten, wurden sie nicht bloß verboten, sondern islamisch umgeformt. Gerade deshalb konnte sich Allahs Din als tiefes Milieu und nicht nur als äußere Hülle ausbreiten. Religion gewann Autorität nicht durch kulturelle Aggression, stattdessen durch geistige Souveränität.

Gerade dieser Punkt ist wichtig, weil er an eine Gegenwart erinnert, in der Muslime in Europa häufig zwischen zwei Fallen stehen. Die eine ist die Forderung, endlich vollständig „wie die anderen“ zu werden. Die gegenteilige die Versuchung, aus Identitätspolitik eine starre kulturelle Abschottung zu machen.

Goethe Divan Koran

Foto: Dana Ward, Unsplash

Beides ist schwach. Tragfähig ist vielmehr der Weg der Brücke: nicht der Preisgabe des Eigenen, sondern der verständigen Vermittlung. Genau in dieser Tonlage schreiben wir bspw. über Weimar als Brücke zwischen der deutschen Kultur und Muslimen, von Florenz als Ort islamisch-europäischer Anknüpfung und Dialog als Praxis von Begegnung statt bloßer Rhetorik.

Auch Umar Faruq Abd-Allah liefert dafür ein wichtiges Bild. In seinem Gesprächsmaterial betont er, dass Muslime nicht gezwungen sind, kulturell zu kapitulieren, wenn sie in einer neuen Umgebung leben.

Der Prophet selbst habe Unterschiede nicht eingeebnet, sondern anerkannt. Das berühmte Beispiel der Äthiopier, die in der Prophetenmoschee tanzten und trommelten, zeigt: Der Islam verlangte nicht kulturelle Selbstaufgabe. Er lässt Raum für Würde, Form und Freude.

Vielleicht liegt genau darin eine der stärksten Antworten auf die Gegenwart. In einer Zeit globaler Standardisierung, in der viele Kulturen durch eine monotone Weltform bedroht sind, erinnert der Islam an eine andere Ordnung: Einheit ohne Uniformität.

Die Offenbarung kommt nicht, um die Völker zu entkleiden, sondern um das Gute in ihren Gewohnheiten zu sichten und zu heben. Das ist weder Nostalgie noch Beliebigkeit.

Es ist eine alte, aber immer wieder neue Weisheit. Islam wird dort am lebendigsten, wo er Menschen nicht zu Kopien macht, sondern zu glaubenden Persönlichkeiten in ihren je eigenen Welten.

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Das Iftar: Moment der Erleichterung und Gemeinschaft

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Das Iftar: In den unterschiedlichen muslimischen Kulturen haben sich diverse Traditionen des Fastenbrechens entwickelt (iz). Wenn die Sonne untergeht, ist es in vielen muslimischen Städten für einen Moment völlig still […]

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Ramadan: Das Fasten rund um die Welt

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Unsere Rituale des Ramadans sind überall gleich. Um sie herum entwickelten sich verschiedene Fasten-Traditionen. (iz). Wie die Redakteurinnen und Redakteure dieses Mediums seit 29 Jahren erfahren, ist es offenbar nicht […]

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Mannheimer Studie misst Toleranz gegenüber islamischen Traditionen

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Traditionen gläubiger Muslime werden von vielen Deutschen nicht akzeptiert. Eine Studie aus Mannheim zeigt, wann Alltagskonflikte besonders groß sind und wie sie sich entschärfen lassen.

Mannheim (dpa). Religiös bedingte Verhaltensweisen von Muslimen stoßen laut einer Studie der Universität Mannheim in Deutschland vor allem dann auf Vorbehalte, wenn Anhänger anderer Religionen und Weltanschauungen dadurch eigene Interessen bedroht sehen.

Das gilt nach Angaben der Forscher sowohl für den Wunsch nach einem eigenen Feiertag als auch für die Forderung nach Halal-Essen in Schulkantinen.

Die Sozialwissenschaftler um Marc Helbling und Richard Traunmüller hatten für ihre Studie rund 2.600 Teilnehmer einer Online-Befragung in mehrere Gruppen aufgeteilt, denen jeweils unterschiedliche Vorschläge unterbreitet wurden, zu denen sie sich positionieren sollten.

In der Gruppe, der vorgeschlagen wurde, einen christlichen Feiertag durch einen muslimischen Feiertag zu ersetzen, sprachen sich 22 Prozent der Befragten dafür aus. Von den Teilnehmern der Gruppe, die sich zu dem Vorschlag äußern sollte, einen zusätzlichen muslimischen Feiertag einzuführen, an dem dann alle Menschen in Deutschland freihaben sollten, stimmten den Angaben zufolge 40 Prozent für diese Idee.

Eine dritte Gruppe bekam einen anderen Vorschlag vorgelegt, wonach Muslime das Recht erhalten sollten, an einem für sie bedeutenden Feiertag nicht zu arbeiten, verbunden mit der Verpflichtung, dies mit Überstunden auszugleichen.

Ähnlich verhielt es sich, als das Meinungsforschungsinstitut Respondi im Auftrag der Forscher nach dem Essen in Schulkantinen fragte.

In der Gruppe, der vorgeschlagen wurde, in Schulkantinen aus Rücksicht auf Muslime zusätzlich zu anderen Gerichten Speisen ohne Schweinefleisch zu servieren, befürwortete eine Mehrheit von 59 Prozent eine solche Maßnahme.

In der Gruppe, die gefragt wurde, ob in Schulkantinen kein Schweinefleisch mehr angeboten werden sollte, «um Rücksicht auf muslimische religiöse Regeln zu nehmen», fiel die Zustimmung zu dieser Maßnahme mit 21 Prozent deutlich niedriger aus.

Die Wissenschaftler stellten außerdem fest, dass viele Menschen in Deutschland ein Störgefühl haben, wenn Muslime aus religiöser Überzeugung einem Angehörigen des anderen Geschlechts den Handschlag verweigern – sowohl im beruflichen Kontext als etwa auch in der Schule.

Etwas weniger Unmut verursacht eine solche Weigerung den Angaben zufolge, wenn derjenige, der seinem Gegenüber nicht die Hand geben wolle, stattdessen zum Gruß die Hand aufs Herz legt.

„Generell können gesellschaftliche Konflikte entschärft werden, wenn wir deutlich machen, dass muslimische Rechte nicht in Konkurrenz mit den eigenen Gepflogenheiten stehen müssen“, sagte Traunmüller.

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„Deals mit Diktaturen“: Deutsche Politik zwischen Wertorientierung und Interessen

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Es ist kein neues Phänomen: Die Außenpolitik der Bundesrepublik hat immer schon gute Geschäfte mit Diktaturen gemacht. (KNA). Seit ihrer Gründung hat die Bundesrepublik immer wieder eng mit autoritären Regimen […]

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Traditionen: Etwas bewahren, bevor es verschwindet

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Traditionen im Gespräch: Muslimische Frauen berichten über ihre Bemühungen zur Wiederbelebung kultureller Praktiken. (Amaliah.com). Als ich zum ersten Mal nachdachte, was mit dem unerbittlichen Lauf der Zeit aus unseren Herzen, […]

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Geschichte prägt den Umgang europäischer Regierungen mit Muslimen

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Der Umgang mit Religion hängt in Frankreich, Großbritannien und der Bundesrepublik erheblich von der jeweiligen Geschichte ab. Von Jeanne Prades (The Conversation). Die Art und Weise, wie Islam wahrgenommen wird […]

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Begehrt von EU und Russland gleichermaßen: Ein Land zwischen Staatsbankrott und Revolution

(iz). Ich ziehe Revolution dem Krieg vor, zumindest nehmen an der Revolution nur die teil, die wollen“, hat einmal Marcel Proust angemerkt. Bis zu 20.000 Menschen haben auf dem Kiewer Maidan Platz Geschichte geschrieben und unter Einsatz des eigenen Lebens die Verhältnisse in der Ukraine nachhaltig verändert. Dutzende Demonstranten mussten ihren Einsatz für den Sturz des Regimes Janukowitsch mit ihrem Leben bezahlen. Vor den Fernsehern Europas herrschte Empörung über die brutale Hatz auf die Demonstranten. Allerdings fällt die abschließende Bewertung der „Revolution“ noch immer nicht ganz einfach. War das Geschehen in Kiew nun wirklich eine Revolution, oder doch eher eine feindliche Übernahme, ein Coup d’état, ein Coup de banque oder eben nur Teil eines profanen Staatsbankrottes?

Fakt, ist, dass nur ein kleiner sichtbarer Teil der Bevölkerung am Geschehen beteiligt war, wenn man auch das Schweigen der Mehrheit wohl als Zustimmung zum Umsturz interpretieren kann. Es fällt auch auf, dass im Gegensatz zum klassischen Bild einer Revolution, die Eigentumsverhältnisse im Lande unberührt blieben. Ohne sich auf das Glatteis der Verschwörungstheorien begeben zu wollen, muss man schon fragen: „Gab es ein Drehbuch für die Revolution und wenn ja, wer hat es geschrieben?“

Argwohn herrscht schon länger, nicht nur auf Seiten Russlands, wer die aktuellen „Techniker des Staatsstreiches“ in Kiew in den letzten Jahren in Position gebracht hat. Curzio Malaparte hat die Voraussetzungen dieser Art der Revolution, die keine Mehrheiten benötigt, in seinem berühmten Buch über den Staatsstreich so zusammengefasst: „Der Aufstand wird nicht mit Massen gemacht, sondern mit einer Handvoll Männer, die, zu allem bereit, in der Aufstandstaktik ausgebildet sind und trainiert, gegen die Lebenszentren der technischen Organisation des Staates schnell und hart zuschlagen.“

Die chaotischen Entwicklungen in Kiew machen uns jedenfalls – nach den verheerenden Balkankriegen der 1990er Jahre – wieder einmal schmerzlich bewusst, dass es auch in Europa weiterhin Optionen für Kriege und Bürgerkriege gibt. Wieder ist dabei mit der Ukraine ein überaus kompliziertes Staatsgebilde betroffen, ein Vielvölkerstaat mit einer so komplizierten Geschichte und einer grundsätzlichen“Minderheitenproblematik“. Jederzeit kann dabei ein neuer „Nationalismus“ sich auch gegen Muslime und Juden richten.

Nach der offiziellen Volkszählung 2001 leben im riesigen Staatsgebiet der Ukraine 77,8 Prozent Ukrainer, 17,3 Prozent Russen und über 100 weitere Nationalitäten. Die Unterschiede zwischen Ethnien und Religionen wurden unter den schlimmen Verhältnissen der kommunistischen Diktatur nicht ausgelebt.

Seit Jahrhunderten befindet sich aber die Region immer wieder im Konflikt mit Polen, Russen oder Deutschen. Bis in das 21. Jahrhundert lässt sich natürlich auch der geschichtliche Grundkonflikt zwischen dem Machtanspruch der orthodoxen Kirche und dem aufstrebenden Islam in der ukrainischen Geschichte nachzeichnen.

Es ist naheliegend, dass ohne das genaue Studium der Nachwirkungen dieser Geschichten, das kollektive Bewusstsein der Ukrainer unverstanden bleiben muss. Gerade aus deutscher Sicht ist das Verhältnis zu dem Land in Osteuropa schwer belastet. Im Zweiten Weltkrieg war die Ukraine nicht nur im Zentrum der expansiven „Lebensraum“-Philosophie der Nationalsozialisten, sondern auch der Schauplatz rigoroser Judenverfolgungen. Die Schlachten um Sebastopol auf der Krim, deren unglaublicher Blutzoll der deutsche General Manstein in seinen Tagebüchern ungerührt schildert, gelten bis heute als Mahnmal einer menschenverachtenden Kriegsführung im Rausch des „Willens zur Macht“. Es gehört zur bitteren Ironie der Geschichte, dass Teile der militanten Kiewer Protestbewegung ausgerechnet auch Nähe zu den Ideen des Nationalsozialismus vorgeworfen wird.

Bei der Beurteilung der politischen Lage in der Ukraine von heute darf man natürlich nicht die unterschiedlichen Interessen und Motive der Beteiligten aus dem Auge verlieren. Wir erleben das junge Nationalbewusstsein der Ukrainer, die verständliche Sehnsucht einer Generation nach würdigen Lebensumständen, die Hoffnung auf die Werte der Demokratie, das verständliche Bedürfnis der Minderheiten nach einer verlässlichen Rechtsordnung, aber auch die Machenschaften der Oligarchen, die strategischen Interessen der global vernetzten Finanzinstitute und die Profitgier der neuen und alten Gläubiger der Ukraine.

Auch heißblütige Nationalisten müssen einsehen, dass die Geschichte der Ukraine ein weiteres Mal nicht nur in Kiew entschieden wird. Es sind nicht zuletzt die internationalen Geldströme, welche die Loyalitäten von Politik und Gesellschaft beeinflussen.

Nicht nur in der Ukraine stellt sich in diesen Tagen die Frage, ob der Griff der Oligarchen nach Medien und die Einflussnahme ausländischer Stiftungen mit ihren Millionenbudgets auf den politischen Prozess überhaupt noch einen fairen Wettbewerb der Meinungen ermöglicht. Der Sturz des alten Regimes wurde nicht zuletzt dadurch ausgelöst, dass ukrainische Oligarchen wie Rinat Ahme­tow, dutzenden Abgeordneten, die in ihrem Einflussbereich standen, neue Anweisungen gab. Die aus dem Gefängnis entlassene Julia Timoschenko, eine Hoffnungsträgerin der Opposition, hat als ehemalige „Gasprinzessin“ immer wieder auch gegen den Geruch eigener Korruption anzukämpfen. Es geht schnell unter, dass sie vom IMF, dem „National Endowment for Democracy“ (quasi dem „zivilen“, privatisierten CIA) und etlichen anderen US-Think Tanks über Jahre finanziell gefördert wurde.

Man könnte die politische Lage in der Ukraine nüchtern durchaus so zusammenfassen: „Politiker kommen und gehen, Oligarchen bleiben“. Gerade in der Ukraine muss man sich fragen, ob unsere Kameras, die das politische Geschehen greifbar machen wollen, immer auf die richtige „Bühne“ gerichtet sind. Unser gebannter Blick auf die Tagespolitik in dieser europäischen Schicksalsregion, ist durch eine gewisse Einseitigkeit geprägt, die sich aus unserer alltäglichen Abhängigkeit von der „offiziellen“ Berichterstattung ergibt und letztlich immer wieder nur durch eigene Recherchen vor Ort geprüft werden kann.

Interessant war hier zum Beispiel ein Interview mit der Politikerin Marina Weisband auf SPIEGEL-Online, die das uns präsentierte „Heldenepos“ um den Oppositionsführer Klitschko mit ruhiger Stimme und mit der Souveränität einer Augenzeugin – die wirklich in Kiew vor Ort war – relativierte. „Klitschko wird als Figur kaum ernst genommen. Ich selbst habe niemanden getroffen, der von ihm begeistert war. Er spricht kaum Ukrainisch, sagt bei seinen Auftritten nur wenige Sätze“, liest man im Gespräch mit der „Piratin“ und fügt diesen wichtigen Beitrag sogleich in das eigene Mosaik der gewonnenen Informationen ein. Allerdings relativierte Weisband nach dem Fall der alten Regierung ihre Ableh­nung und sah in Klitschko, wahrscheinlich mangels Alternativen, sogar auch einen möglichen Präsidenten. Wer immer Präsident in der Ukraine wird, es wird fragwürdig bleiben, ob er tatsächlich die Macht im Lande hat.

Es war wohl auch dem Verhandlungsgeschick unseres Außenministers, Frank Steinmeier zu verdanken, dass immerhin das fatale Szenario eines Bürgerkrieges zumindest aufgeschoben und – wie wir noch hoffen müssen – auch dauerhaft verbannt wurde. Die Dynamik der Geschich­te hatte die Intervention der EU-Delegation flugs überholt. Schnell wurde klar, dass das Ergebnis der „Revolution“ keine souveräne, sondern eine bankrotte Ukraine war. Wer 35 Milliarden benötigt, um zu überleben, kann eben nur begrenzt souveräne Entscheidungen treffen.

Geopolitische Fragen lassen sich genauso wenig verschieben wie fällige Forderungen der Gläubiger. Kann die Ukraine überhaupt ein einheitlicher Staat bleiben?

Diese Frage zu bejahen liegt natürlich auch im Interesse der zwei Millionen Muslime des Landes. Schon im Herbst 2013 hatten in einer gemeinsamen Erklä­rung alle religiösen Gruppierungen der Ukraine – also Juden, Christen und Muslime – die Unabhängigkeit der Ukraine gefordert und, unter Vorbehalt der Berücksichtigung eigener traditioneller Werte, auch eine Annäherung an die EU befürwortet.

Besonders heikel ist die Lage der Muslime auf der Krim. Siebzig Jahre sind vergangen, seit zehntausende Krimtataren während des Zweiten Weltkrieges durch Stalin verfolgt und deportiert wurden. Heute leben noch etwa 250.000 Muslime in der Region. Verschiedene EU-Organisationen sorgen sich schon seit Jahren um den fragilen Status dieser Minderheit. Auf der Krim herrscht schon länger die Befürchtung, dass die russische Mehrheit – insbesondere bei einer Spaltung der Ukraine oder einer endgültigen „Westbindung“ Kiews – die Ablösung der Halbinsel und später eine Anbindung an Russland durchsetzen könnte. Es ist tatsächlich kaum vorstellbar, dass Russland ihre über Jahrhunderte hart erkämpfte, strategische Position auf der Halbinsel aufgibt.

Die Führung der Krimtataren, eine Minderheit, die 12,1 Prozent der Bevölkerung ausmachen, hat bereits die aktuel­le Ankündigung des lokalen Parlaments, wonach ein Regierungswechsel in Kiew die Loslösung der Krim von der Ukraine bedeuten könnte, scharf zurückgewiesen.

Hier besteht zweifellos ungeheures Konfliktpotential, das schon länger mit Sorge beobachtet wird. Es geht letztendlich auch um die grundsätzliche Positionierung Moskaus in seinem Einflussbereich gegenüber dem Islam und den euro­päischen Muslimen. Natürlich ist das Interesse Russlands an der Verfolgung von Terrorismus und Extremismus legitim, aber durch eine zu beobachtende maßlose Haltung und ausgrenzenden Rigorismus gegenüber den Muslimen könnten sich immer mehr junge Muslime in einen antiquierten Nationalismus oder aber in radikale, fremdbestimmte Ideologien flüchten. Die Auflösung von Traditionen, der Verlust des Wissens durch die Lehre der anerkannten Rechtsschulen – kurzum eine fortschreitende Verrohung der Muslime zu Gunsten einer globalen Ideologie – wäre nicht nur für Moskau, sondern für ganz Europa eine fatale Entwicklung. Darum geht es auch im Umgang mit der muslimischen Minderheit im Süden der Ukraine.

Viel wichtiger wäre es natürlich mit Moskau und dem Land der Dichter und Denker den geistigen Dialog fortzuführen. Der Nationaldichter Tolstoi hat in seinem berühmten Werk über „Krieg und Frieden“ eine der schönsten und tiefsten Abhandlungen in einer europäischen Sprache über das Schicksal verfasst. Ein gutes Schicksal zu erhoffen, gehört zu den wichtigsten Bittgebeten der Muslime. Das furchtbare Beispiel des zerfallenden Jugoslawiens sollte Anlass genug sein, alles zu tun, um eine „Balkanisierung“ der Ukraine zu verhindern.

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Von Sarajevo über Berlin bis Granada vereint ein gemeinsamer Ritus des Fastens

Sarajevo Ramadan frauen

In Sarajevo gibt die osmanische Altstadt jeden Abend die wunderschöne Kulisse für eine festliche Stimmung nach Sonnenuntergang vor.

(iz). Während Europa unter den Lasten der Finanzkrise stöhnt und das Auseinanderbrechen der Eurozone – und sogar den Rückfall in den Nationalismus – befürchtet, sind Millionen Muslimen durch einen alten Ritus vereint: das Fasten.

Jeden Tag üben Millionen Gläubige, vereint in einem überlieferten Ablauf, den Verzicht auf Nahrung und Konsum ein. Das Fasten gleicht so für einige Stunden die unterschiedlichsten Lebensverhältnisse an.

fasten gebet

Foto: 4.murat, Shutterstock

Im Mittelpunkt steht das Verhältnis der Menschen zu ihrem Schöpfer und die Reflektion über die Bedeutung des eigenen Daseins. Am Abend nach Sonnenuntergang dreht sich das Geschehen dann in eine ausgelassene Atmosphäre, es wird gemeinsam gegessen, gefeiert und gebetet.

In allen Moscheen Europas treffen sich Muslime zu besonderen Gebeten und Vorträgen. Dabei ist die Praxis des Fastens zwischen allen Glaubensrichtungen unstrittig. Natürlich gibt es auch regionale Unterschiede, die sich ­besonders in den Stunden nach Sonnen­untergang zeigen.

Es gibt zum Beispiel bestimmte Traditionen, was man abends isst oder trinkt. Besonders interessant ist der Ramadan in den muslimischen Regionen Europas. In Sarajevo gibt die osmanische Altstadt jeden Abend die wunderschöne Kulisse für eine festliche Stimmung nach Sonnenuntergang vor.

In vielen Lokalen trifft man sich zum Fastenbrechen oder geht später zu Konzerten unter freiem Himmel. Im andalusischen Granada genießen die Gläubigen nach einem Fastentag mit großer Hitze das Fastenbrechen. Sie sitzen nach dem Gebet noch lange auf der Terrasse der örtlichen Moschee im Albay­cin; bis zum Morgengebet herrscht hier ein buntes Treiben.

Natürlich fehlt es in vielen deutschen Städten wie Berlin an dieser einmaligen architektonischen Umgebung. Aber in unzähligen kleinen und großen Moscheen fehlt es dennoch weder an Atmos­phäre, noch am Zusammenhalt.

freitagsgebet

Foto: IZ Medien, Archiv

Jeder muslimische Haushalt lädt in dieser einmaligen Zeit gerne Gäste zum Essen ein. In den Moscheen wird Geld für sozial Bedürftige oder Menschen in Not gesammelt. Auch wenn die Muslime in Großstädten wie Berlin nur eine Minderheit sind, es ist gerade die Fastenzeit, die ein besonderes Zusammengehörigkeitsgefühl schafft.

Außerdem laden Dutzende Gemeinden traditionell auch die Nachbarschaft zum Fastenbrechen ein. Die Besucher werden so Teil des reichhaltigen spirituellen Lebens im Islam. In ganz Europa wird so deutlich, dass es zwischen Muslimen in Europa manche kulturellen Unterschiede gibt, aber auch eine große Einheit in der Lebenspraxis selbst.

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"IZ-Begegnung" mit dem Architekturkritiker Christian Welzbacher zum Thema Moscheebau

(iz) Christian Welzbacher ist promovierter Kunsthistoriker und als Architekturkritiker unter anderem für die „Süddeutsche Zeitung“, das Magazin „A10“ und Fachzeitschriften tätig. Soeben ist sein Buch „Euroislam-Architektur. Die neuen Moscheen des […]

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