
Als 2021 Panzer durch die Straßen von Myanmar rollten, schlugen gesellschaftliche Gruppen weltweit Alarm. Als Viktor Orbán die freie Presse in Ungarn systematisch zerstörte, verlangten Demokratieaktivisten internationale Maßnahmen. Und als […]
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Als 2021 Panzer durch die Straßen von Myanmar rollten, schlugen gesellschaftliche Gruppen weltweit Alarm. Als Viktor Orbán die freie Presse in Ungarn systematisch zerstörte, verlangten Demokratieaktivisten internationale Maßnahmen. Und als […]
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(iz/dpa). Die dreiköpfige Kommission unter Leitung von Navi Pillay sieht Anhaltspunkte für gezielte Tötung, schwere körperliche oder seelische Schäden, vorsätzliche Schaffung lebensfeindlicher Bedingungen sowie Maßnahmen zur Geburtenverhinderung unter Palästinensern.
Der Report macht die israelische Staatsspitze direkt verantwortlich und spricht von einem fortgesetzten Genozid, begangen seit dem 7. Oktober 2023. Die Sitzung und Vorstellung des Berichts fanden in Genf statt.
Navi Pillay ist eine südafrikanische Juristin und Menschenrechtsexpertin indisch-tamilischer Herkunft. Sie war von 2008 bis 2014 Hohe Kommissarin der Vereinten Nationen für Menschenrechte und zuvor Richterin am Internationalen Strafgerichtshof sowie am Tribunal für Ruanda.
Foto: Ran Zisovitch/Shutterstock
Israel erkennt wie die USA unter Präsident Donald Trump den UN-Menschenrechtsrat als Autorität nicht an und wirft ihm und seinen Kommissionen grundsätzlich vor, gegen Israel voreingenommen zu sein. Der Rat besteht aus 47 Ländern, die jeweils für drei Jahre von der UN-Generalversammlung gewählt werden.
Die Kommission nannte als Tatbestände: Tötung, schwere körperliche oder seelische Schädigung, vorsätzliche Schaffung von Lebensbedingungen, die auf die vollständige oder teilweise Zerstörung der palästinensischen Bevölkerung abzielen, und Maßnahmen zur Verhinderung von Geburten. Zivilisten würden getötet, humanitäre Hilfe blockiert, Gesundheits- und Bildungseinrichtungen systematisch zerstört und religiöse Einrichtungen angegriffen.
Der Bericht bezieht sich auf die Geschehnisse seit dem Terrorangriff der Hamas und anderer Extremisten auf Israel am 7. Oktober 2023.
Foto: The White House, Joyce N. Boghosian, via flickr | Lizenz: Public Domain
In dem Bericht heißt es weiter: „Es gibt auch indirekte oder Indizienbeweise für einen besonderen Vorsatz (dolus specialis) im Verhaltensmuster der politischen und militärischen Behörden Israels sowie in den Militäroperationen, die unter Berücksichtigung der Gesamtheit der Beweise die erforderliche spezifische Absicht zur Begehung von Völkermord belegen.“
„Es ist klar, dass es eine Absicht gibt, die Palästinenser zu vernichten“, sagte Vorsitzende. Diese Schlussfolgerung stützt sich laut ihren Angaben auf Aussagen und Verhaltensweisen politischer und militärischer Führungspersonen Israels sowie auf das Muster der Militäraktionen.
Insbesondere die Blockade und die gezielte Zerstörung grundlegender Infrastruktur hätten zu einer von Menschen verursachten Hungersnot in Gaza-Stadt geführt. Ein Bericht der Integrated Food Security Phase Classification zeigt „katastrophale Zustände“, die vollständig reversibel wären.
Israel wird zudem vorgeworfen, keine ernsthaften Ermittlungen gegen eigene Verantwortliche eingeleitet zu haben. Damit sei das Land der Pflicht zur Verhinderung und Bestrafung des Völkermords nicht nachgekommen.
Die Kommission fordert, internationale Waffenlieferungen an Israel einzustellen, solange der Verdacht auf Genozid besteht.
Foto: ICJ, via flickr | Lizenz:
Eine Feststellung von Völkermord kann nur durch ein Weltgericht erfolgen, wie auch UN-Menschenrechtsvertreter betonen. Der Report ist jedoch einer der bislang systematischsten Versuche, einen Genozidvorwurf gegen Israel zu argumentieren, und könnte weitreichende politische und juristische Folgen haben.
Der Vorwurf ist weltweit einer der schwerwiegendsten im Völkerrecht und verschärft die Isolation Israels auf diplomatischer Ebene. Internationale Beobachter wie Amnesty und Human Rights Watch hatten bereits zuvor auf Hinweise für einzelne Genozidhandlungen hingewiesen.
Die Kommission sieht in den israelischen Militäraktionen und politischen Strategien im Gazastreifen zentrale Elemente eines Genozids, darunter gezielte Tötungen, schwere körperliche und psychische Schädigungen, Lebensversagen und Maßnahmen gegen Geburten der palästinensischen Bevölkerung. Israel weist diese Vorwürfe entschieden zurück und sieht sich international zunehmend isoliert.
Foto: Shutterstock
Zum Report der UN-Kommission sagte Karl-Otto Zentel, Generalsekretär von CARE in der Bundesrepublik: „Wir erleben in Gaza eine der schwersten Menschheitskatastrophen unserer Zeit. Gaza ist heute Synonym für menschliches Versagen auf ganzer Linie. Was unsere Kolleg:innen aus Gaza berichten, wurde von den Vereinten Nationen nun als Genozid eingestuft. Wer die Lehren der Geschichte ernst nimmt, muss jetzt den Mut haben, das Unaussprechliche beim Namen zu nennen und Konsequenzen zu ziehen. Im Namen des Völkerrechts und im Namen der Menschlichkeit.“
CARE Deutschland habe den brutalen Terrorangriff auf Israel vom 7. Oktober 2023 sowie jegliche Gewalt gegen die Zivilbevölkerung durch die kriegführenden Parteien zutiefst verurteilt. Die Hilfsorganisation fordert die Freilassung sämtlicher Geiseln, die Einhaltung des Völkerrechts durch alle Konfliktparteien, einen dauerhaften Waffenstillstand, den ungehinderten Zugang von humanitärer Hilfe nach und innerhalb von Gaza sowie die Evakuierung von Kranken und Verletzten.

Tel Aviv/Ramallah/New York/Paris (dpa). Gut drei Jahrzehnte nach den Osloer Abkommen, die einst Hoffnung auf Frieden in Nahost weckten, steht die Weltgemeinschaft erneut an einem Scheidepunkt. Von Sara Lemel, Michael Evers, Benno Schwinghammer, Jörg Blank
Einflussreiche Länder wie Frankreich, Belgien und Kanada wollen vor den Vereinten Nationen in New York einen Staat Palästina anerkennen – mitten im blutigsten Nahost-Konflikt seit Jahrzehnten. Kann ein solcher Schritt neue Dynamik in die festgefahrene Lage bringen?
Gut eine Woche vor der geplanten Anerkennung bei der Generaldebatte der Vereinten Nationen stimmte die UN-Vollversammlung am Freitag bereits für ein Dokument, das ein Ende der Herrschaft der Terrororganisation Hamas im Gazastreifen sowie eine Zweistaatenlösung fordert.
142 Länder sprachen sich für die Unterstützung des Papiers aus. Zehn stimmten dagegen, darunter die USA und Israel. Zwölf Mitgliedsländer enthielten sich. Deutschland stimmte für die Unterstützung des Dokuments, obwohl es die Anerkennung eines Palästinenser-Staats zum gegenwärtigen Zeitpunkt ablehnt.
Foto: Nuno21, Shutterstock
Die Abstimmung fand mit Blick auf ein für den 22. September im Vorfeld der UN-Generaldebatte geplantes Treffen zu dem Thema statt, für das Frankreichs Präsident Emmanuel Macron die offizielle Anerkennung eines Staates Palästina durch sein Land angekündigt hat.
Frankreichs Vorstoß hängt vor allem mit Macrons Wunsch zusammen, den verheerenden Gaza-Krieg zu beenden. Nicht zum ersten Mal versucht er, mit diplomatischen Initiativen internationale Konflikte zu lösen. Er unterstreicht damit auch Frankreichs Anspruch auf eine Führungsrolle in der Weltpolitik.
Nach Angaben seines Außenministeriums geht es Macron vor allem um die Umsetzung der Zweistaatenlösung, die neben Israel einen unabhängigen Palästinenserstaat vorsieht.
Mit der Anerkennung setzt er auf ein neues Druckmittel gegen Israel – nachdem frühere Bemühungen wirkungslos blieben. Bei einem Besuch in der Region zeigte er sich tief betroffen von der humanitären Lage in Gaza. Experten zufolge will er zugleich das Prinzip wahren, internationale Konflikte nicht mit zweierlei Maß zu bewerten.
Foto: שי קנדלר, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 4.0
Der Friedensprozess in den 1990er Jahren weckte zunächst große Hoffnungen auf eine friedliche Lösung des jahrzehntelangen blutigen Konflikts, der auf beiden Seiten zahlreiche Opfer gefordert hatte.
Es konnte jedoch nach der Schaffung einer Palästinensischen Autonomiebehörde keine Einigung über die zentralen Konfliktpunkte erzielt werden – von den Grenzlinien über den Status Jerusalems bis hin zu dem Schicksal der palästinensischen Flüchtlinge und der Frage der israelischen Siedlungen.
Extremisten auf beiden Seiten haben zudem immer wieder versucht, den Friedensprozess mit Gewalt zu torpedieren. Auch die tiefe Spaltung zwischen den rivalisierenden Organisationen Hamas und Fatah hat das palästinensische Streben nach einem eigenen Staat über die Jahre nachhaltig geschwächt.
Obwohl bereits fast 150 der 193 Mitgliedsstaaten einen palästinensischen Staat anerkennt haben, hat aus palästinensischer Sicht die Entscheidung mehrerer zentraler Weltmächte, die traditionell zu den engsten Unterstützern Israels zählen, eine besondere Bedeutung.
Wichtiger noch ist jedoch, dass diese Anerkennung den Erhalt der Zweistaatenlösung stützen soll, die derzeit durch den massiven Siedlungsausbau Israels im Westjordanland, Annexionsbestrebungen sowie durch die systematische Schwächung der Palästinensischen Autonomiebehörde mit Sitz in Ramallah stark gefährdet ist.
Eine Anerkennung verleiht dem palästinensischen Streben nach einem eigenen Staat neue Legitimität – und könnte den Weg zur vollen UN-Mitgliedschaft ebnen.
Foto: Saeschie Wagner, Shutterstock
Die israelische Regierung lehnt die Zweistaatenlösung mit der Begründung ab, sie gefährde die Existenz Israels. Sie wirft der Autonomiebehörde von Präsident Mahmud Abbas vor, Palästinenser zu Terror zu ermutigen. Zudem wird kritisiert, eine Anerkennung jetzt käme einer „Belohnung für die Hamas“ nach dem beispiellosen Massaker vom 7. Oktober 2023 gleich.
Hamas hat sich die Zerstörung Israels und die Einrichtung eines islamischen Staates auf dem gesamten Gebiet des historischen Palästinas auf die Fahne geschrieben.
Gleichzeitig treibt die rechtsreligiöse Regierung Benjamin Netanjahus den Ausbau der Siedlungen im Westjordanland und in Ost-Jerusalem stetig voran. Die Gebiete, in denen heute mehr als 700.000 Siedler neben rund drei Millionen Palästinensern leben, wurden von Israel im Sechstagekrieg 1967 erobert.
Die Palästinenser beanspruchen sie ebenso wie den Gazastreifen für einen eigenen Staat. Durch die fortschreitende Besiedlung bliebe davon jedoch schon heute nur ein „Flickenteppich“ übrig.
Rechtsextreme und siedlerfreundliche Minister innerhalb der Regierung drängen zudem massiv auf eine Annexion des Westjordanlands, das sie als Teil des biblischen Israels betrachten. Finanzminister Bezalel Smotrich drohte zuletzt, Israel werde sich das Gebiet – auf Hebräisch „Judäa und Samaria“ – einverleiben, sollte ein palästinensischer Staat anerkannt werden.
Foto: Steffen Prößdorf, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 4.0
Deutschland wird im Gegensatz etwa zu Frankreich oder Kanada bei der UN-Vollversammlung in New York keinen Staat Palästina anerkennen.
Kanzler Friedrich Merz (CDU) betonte letzten Monat bei einem Treffen mit dem kanadischen Premierminister Mark Carney in Berlin: „Wir werden uns dieser Initiative nicht anschließen.“ Er fügte hinzu: „Wir sehen die Voraussetzungen für eine staatliche Anerkennung gegenwärtig in keiner Weise als erfüllt an.“
Deutschland sieht die Anerkennung eines palästinensischen Staates als einen der letzten Schritte auf dem Weg zu einer Zweistaatenlösung, die durch Verhandlungen zwischen Israelis und Palästinensern erreicht werden.
Jedes Jahr im September reisen mehr als hundert Staats- und Regierungschefs an den East River nach New York, um vor dem wichtigsten Gremium der Vereinten Nationen zu sprechen. Die Generaldebatte der UN-Vollversammlung gilt als größte diplomatische Bühne der Welt und bietet damit den idealen Rahmen für eine völkerrechtlich bedeutende Ankündigung wie diese.
Wien/Srebrenica (KNA). Bosnien und die internationale Staatengemeinschaft begehen am Donnerstag den ersten internationalen Gedenktag für die Opfer des Srebrenica-Völkermordes.
Er erinnert an die Ermordung von mehr als 8.000 muslimischen Bosniaken durch die bosnisch-serbische Armee und serbische Paramilitärs. Die Opfer waren zuvor in eine Schutzzone der Vereinten Nationen geflohen.
Während der Gedenkfeier werden 14 Opfer beigesetzt. Die Leichen werden knapp 30 Jahre nach dem Massaker immer noch in Wäldern und an anderen Orten in Massengräbern gefunden. Bei dem jüngsten Getöteten, der nun im Srebrenica-Gedenkzentrum in der ostbosnischen Stadt Potocari beigesetzt werden soll, handelt es sich örtlichen Medien zufolge um einen 17-Jährigen; das älteste Opfer sei 68 Jahre alt gewesen.
Nach Informationen des Senders N1 hat der Erzbischof von Vrhbosna, Tomo Vuksic, den Hinterbliebenen sein tiefes Beileid ausgesprochen: Die Gräber der Opfer seien ein Mahnmal für den Frieden. Zudem rief der Erzbischof zu sozialem Zusammenhalt auf.
Zu einem augenscheinlichen Provokationsakt war es am Wochenende gekommen, als serbische Militärkadetten Medienberichten zufolge in zwei bosnischen Städten aufmarschierten. Mitglieder des bosnischen Staatspräsidiums verurteilten die Aktion und kündigten Untersuchungen an. Die US-Botschaft in Sarajevo sprach von einer verantwortungslosen Instrumentalisierung der Militärparade, die Versöhnungsversuche im Land untergrabe.
Auch die UN-Generalversammlung will bei einer Zeremonie in New York der Getöteten gedenken. Sie bezeichnete das Massaker von Srebrenica als „dunkelstes Kapitel“ des Bosnienkrieges (1992-1995) und als „größtes Massaker in Europa nach dem Holocaust“.
Im Mai hatten die UN-Staaten eine Resolution angenommen, die einen internationalen Gedenktag für den „Völkermord“ ins Leben rief und dessen weit verbreitete Leugnung verurteilte. Serbiens Präsident Aleksandar Vucic hatte dagegen vor der Generalversammlung protestiert.
New York (dpa/iz). Nach dem verheerenden Luftangriff mit etlichen Todesopfern in einem Flüchtlingslager in Rafah verlangt ein neuer Resolutionsentwurf im Weltsicherheitsrat ein sofortiges Ende der israelischen Militäroffensive.
Außerdem müsse es eine sofortige und von allen Seiten respektierte Waffenruhe im Gazastreifen geben, heißt es in der von Algerien erstellten Beschlussvorlage, die er Deutschen Presse-Agentur vorliegt.
Die Hamas wird zudem zur Freilassung aller Geiseln aufgefordert. Der Text erinnert auch an das Urteil des Internationalen Gerichtshofs, das Israel zuletzt verpflichtete, den Militäreinsatz in Rafah sofort zu beenden.
Mehrere Diplomaten hatten der Deutschen Presse-Agentur nach einem Treffen des mächtigsten UN-Gremiums hinter verschlossenen Türen am Dienstag gesagt, dass einige Ratsmitglieder ein Votum schon am Mittwoch anstrebten. Es wurde gemutmaßt, die USA könnten bei einer Abstimmung ein Veto einlegen.
New York (dpa). Die Vollversammlung der Vereinten Nationen stärkt die Rolle der Palästinenser innerhalb des größten UN-Gremiums deutlich. Eine am 10. Mai mit überwältigender Mehrheit angenommene Resolution in New York räumt dem Beobachterstaat Palästina eine deutlich erweiterte Teilnahme an den Sitzungen der Vollversammlung ein, gibt ihm aber kein reguläres Stimmrecht. Zudem forderte das Gremium mit 193 Mitgliedsstaaten vom ausschlaggebenden Weltsicherheitsrat die „wohlwollende” Prüfung einer Vollmitgliedschaft Palästinas. Von Benno Schwinghammer
Für die Resolution stimmten 143 Länder, 9 Staaten votierten dagegen. 25 Länder enthielten sich – darunter auch Deutschland, das Palästina nicht als unabhängiges Land anerkennt. Zusammen mit der Bundesrepublik enthielten sich Großbritannien, Italien, Österreich und die Ukraine.
srael lehnte den Antrag genauso ab wie sein Verbündeter, die USA. Europa zeigte sich gespalten: Eine Reihe Staaten wie Frankreich, Spanien und Portugal stimmten dem Antrag zu – Ungarn und Tschechien dagegen. Mit Ja votierten außerdem China und Russland, genauso wie der Iran, alle arabischen Staaten sowie die meisten Länder Afrikas und Südamerikas.
Die Vollversammlung stellt mit der Annahme fest, dass der „Staat Palästina (…) zur Mitgliedschaft in den Vereinten Nationen zugelassen werden sollte” – der Sicherheitsrat solle diese „noch einmal wohlwollend prüfen”. Die USA bekräftigten, in diesem Fall erneut von ihrem Vetorecht im mächtigsten UN-Gremium mit seinen 15 Mitgliedern Gebrauch machen zu wollen.
Vor dem Hintergrund des Gaza-Krieges wurde die Abstimmung auch als internationales Stimmungsbild zu den jüngsten Eskalationen im Nahostkonflikt gesehen. Bei den Vereinten Nationen gibt es eine deutliche Mehrheit für israelkritische oder propalästinensische Beschlüsse. Ein Vetorecht existiert in der Vollversammlung nicht.
Der israelische UN-Botschafter Gilad Erdan warf der Vollversammlung vor der Abstimmung vor, „die Errichtung eines palästinensischen Terrorstaates” voranzutreiben. „Sie haben die Vereinten Nationen für moderne Nazis und völkermörderische Dschihadisten geöffnet, die sich für die Errichtung eines islamischen Staates in ganz Israel, in der Region einsetzen und jeden jüdischen Mann, jede jüdische Frau und jedes jüdische Kind ermorden. Es macht mich krank.”
Erdan schredderte vor dem Rednerpult in einem symbolischen Akt Zettel, auf denen „Charta der Vereinten Nationen” stand. Mit den Worten „schämen Sie sich” beendete er seine Rede. Israels Außenminister Katz nannte den Beschluss eine „willkürliche, absurde und inkohärente Entscheidung, die die Mörder der Hamas belohnt”.
Foto: Anas-Mohammed, Shutterstock
Der palästinensische UN-Botschafter Riad Mansur zeigte sich trotz der Blockade der USA im Weltsicherheitsrat zuversichtlich, eines Tages vollständiges Mitglied der Vereinten Nationen zu sein. „Ohne Zweifel wird der Tag kommen, an dem Palästina seinen rechtmäßigen Platz in der Gemeinschaft der freien Nationen einnehmen wird. Besatzung und Kolonialismus sowie Tod und Zerstörung sind nicht unser Schicksal. Sie werden uns aufgezwungen. Aber Freiheit ist unser einziges Schicksal”.
Der stellvertretende deutsche Botschafter Thomas Zahneisen betonte Deutschlands Engagement für einen palästinensischen Staat. Dieser könne aber nur im Rahmen einer Zweistaatenlösung nach direkten Verhandlungen zwischen Israelis und Palästinensern entstehen.
Die nun angenommene Vorlage mit dem Namen „Resolutionsentwurf zur Aufnahme neuer Mitglieder in die Vereinten Nationen” und das klare propalästinensische Votum setzten die USA inmitten wachsender Kritik an Israels Kriegsführung im Gazastreifen nun weiter unter Druck. Die US-Regierung bekräftigte ihre Haltung, dass eine Einigung mit Israel auf eine Zweistaatenlösung Voraussetzung für die Anerkennung einer UN-Vollmitgliedschaft Palästinas wäre.
Anträge auf eine Mitgliedschaft scheiterten deshalb Mitte April und bereits im Jahr 2011 im Weltsicherheitsrat. In der UN-Charta ist festgelegt, dass die Aufnahme eines neuen Mitgliedsstaates auf „Empfehlung des Sicherheitsrats durch Beschluss der Generalversammlung” erfolgt.
In der UN-Vollversammlung ist es den Palästinensern künftig erlaubt, sich ähnlich wie normale Mitglieder zu verhalten: Vertreterinnen und Vertreter Palästinas dürfen auch zu Themen sprechen, die nicht mit dem Nahostkonflikt zu tun haben.
Zudem können sie Änderungsanträge für Beschlüsse einreichen oder neue Tagesordnungspunkte vorschlagen und Funktionen innerhalb des Plenums ausführen. Andere Gremien der Vereinten Nationen werden im Entwurf aufgefordert, Palästina ähnliche Rechte zu gewähren. Es wird aber auch betont, dass die Palästinenser kein Stimmrecht haben und nicht für UN-Organe kandidieren dürften.
Die Abstimmung in der Vollversammlung hatte unter den einflussreichsten Ländern USA, China und Russland auch deshalb für Unruhe gesorgt, weil diese einen Kontrollverlust bei der Aufwertung von Regionen fürchten, deren Staatlichkeit umstritten ist. In diesem Zusammenhang fielen Namen wie der Kosovo, Taiwan oder Berg-Karabach. In dem Text des angenommenen Resolutionsentwurfs wird deshalb betont, dass es sich im Fall Palästinas um eine Ausnahme handelt, „ohne einen Präzedenzfall zu schaffen”.
Foto: GRAPHIC DESIGN BLOG
Von 193 UN-Mitgliedsstaaten haben bisher mehr als 130 Palästina als unabhängiges Land anerkannt. Deutschland gehört wie die USA nicht dazu. Im Jahr 2012 wurde Palästina – ähnlich wie der Vatikan – zu einem nicht-mitgliedschaftlichen Beobachterstaat bei den Vereinten Nationen aufgewertet, damals mit 138 Ja-Stimmen.
Innerhalb des UN-Systems gilt Palästina damit als „Staat”, aus Sicht Deutschlands dagegen existiert das Land Palästina so nicht – das Auswärtige Amt spricht in Bezug auf Westjordanland, den Gazastreifen und Ost-Jerusalem von „palästinensischen Gebieten”. Aufgrund der eingeschränkten internationalen Anerkennung bezweifeln zumindest einige Länder, dass die Palästinenser in internationalen Organisationen auf gleiche Weise mitwirken können wie Mitglieder, deren Staatlichkeit nicht infrage steht.
Die US-Regierung hat zudem Sorge, dass der Kongress in Washington auf die Entscheidung der Vollversammlung negativ reagiert: US-Gesetze verbieten es der amerikanischen Regierung, UN-Organisationen zu finanzieren, wenn diese einer Gruppe Vollmitgliedschaft gewähren, „die nicht über die international anerkannten Merkmale der Staatlichkeit” verfügen.
Dies ist mit dem Beschluss vom Freitag Juristen zufolge zwar nicht gegeben, dennoch könnte bei einigen Abgeordneten in Washington die Forderung nach einem Finanzierungsstopp der Vereinten Nationen aufkommen.
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