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Chrysalis – Der Mensch als Möglichkeit

chrysalis mensch

Chrysalis und Mensch: Der Mensch trägt mehr Möglichkeiten in sich, als er oft wahrhaben will.

(iz). Chrysalis – die Transformation einer molligen kleinen Raupe in ein geflügeltes Kunstwerk: Die Raupe trägt bereits alles in sich, was sie einmal werden kann. Aber ohne die Zumutung der Chrysalis, wird sie niemals fliegen, niemals ihr Potenzial ausschöpfen.

Kulturübergreifend erkennen die Menschen sich in diesem Bild und seiner Bedeutung wieder: „Wir vermögen mehr zu sein als lediglich unseren Mitmenschen ein Wolf.“ Es ist ein altes Bild, das konträr zum aktuellen Zeitgeist „Du bist gut, wie du bist“ steht, der keine Anstrengung und keine Verwandlung einfordert.

„Wer bist du?“ – ist die Frage, die insbesondere das Judentum und der Islam an den Menschen stellen. Nicht nach dem Status, erworben durch Vermögen und Besitz, wird hier gefragt, sondern nach dem Handeln des Menschen. Ein jeder von uns ist schließlich, was er tut.

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Wir erkennen uns nicht zuerst im Denken, sondern im Handeln. Erst unsere Entscheidungen zeigen uns selbst, wer wir wirklich sind – insbesondere in Stress-, Risiko- und Versuchungssituationen.

„Wer bist du (über die Zeit hinweg)?“, fragt danach, ob unser Handeln ethisch oder unethisch bestimmt ist. Die Kontinuität unseres Tuns ist ihre Beantwortung.

Für all jene von uns, die eine menschenwürdige Welt schaffen wollen, in der jeder jemand ist und zählt, gilt daher die alte Weisheit: „Werde selbst zu jener Veränderung in der Welt, die du erblicken möchtest!“

Hieran sehen wir, wie der prophetische Islam (da‘wa) stets das Individuum mit der Gesellschaft verknüpft und die Gesellschaft mit Fragen ihrer ökonomischen und politischen Verfasstheit. All dies muss stets zusammengedacht werden.

Träumen, Machen und Gestalten findet immer im Miteinander mit unseren Mitmenschen statt. Keiner von uns existiert als Einzelwesen, sondern als Kontinuität einer vorgegebenen Vergangenheit in der Gegenwart für die Zukunft. Niemand von uns stellt den Mittelpunkt der Existenz dar, sondern wir sind alle miteinander organisch in der linearen Zeit verwoben.

Sich vom anthropozentrischen Denken zu lösen und den Menschen lediglich als ein Partikel eines größeren Prozesses zu sehen, verändert im besten Fall auch unsere Einstellung zu der Welt, die unsere Körper umgibt. In der islamischen Anschauung der Welt finden wir hier drei entscheidende Begriffe vor: khalifa, mizan und amana.

halal tayyib

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Khalifa bedeutet Stellvertreter (Gottes) und kann in Verbindung mit der Urgeschichte durch das Bild des Gärtners veranschaulicht werden. Ein Gärtner besitzt keine absolute Kontrolle über den Garten.

Er kann nicht verhindern, dass Unkraut wächst oder Stürme, Regengüsse und Frost ihn verwüsten. Seine Aufgabe ist es lediglich, gute Bedingungen für sein Überleben zu schaffen und ihn zu hüten und zu pflegen.

Mizan wird häufig mit Gleichgewicht übersetzt. Treffender ist hier jedoch Balance. Letzteres bedeutet, dass das Böse, Leid und die Gewalt zur menschlichen Existenz gehören wie auch das Unkraut im Garten.

Niemand fordert vom Menschen das Unmögliche: zu verhindern, dass weiterhin Unkraut wächst. Aber es darf nicht überhandnehmen, sondern muss begrenzt werden. Gleichgewicht würde bedeuten, dass es erstrebenswert wäre, wenn es im Garten genauso viel Nutzpflanzen und Blumen wie Unkraut gäbe. Der Khalifa ist demnach ein Agent der Balance.

Amana meint die treuhändische Verantwortung über den Garten, die mit der Entscheidungsfreiheit des Menschen und seiner ethischen Verpflichtung einhergeht.

Der Dreiklang von Pflicht, Verantwortung und Handeln wird heute konträr zum eigenen Lebensglück gedacht. Er wird mit Verzicht und Einschränkungen verbunden. Warum sollte jemand dies tun? Mit Menschen zusammenzuarbeiten bedeutet doch oftmals Meinungsverschiedenheiten, Konflikt und schlaflose Nächte.

Aber am Ende bedeutet es auch die Möglichkeit, Menschen zu helfen, damit sie ein besseres Morgen haben und wissen, dass es jemanden gibt, der sich für sie einsetzt. „Darf ich helfen?“, drei Worte, die Zugang geben zu einem gänzlich neuen Selbstverständnis und Gesellschaftsbild.

empathie

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Erst wenn der Mensch, so der Philosoph Muhammad Iqbal (gest. 1938), von der Selbstfindung (hudi) zur Selbstlosigkeit (be-hudi) schreitet, befreit er sich von der Anhaftung, der Gier, dem Neid und dem Geiz und findet zu einer neuen Lebensqualität, die auf Freundlichkeit, Mitgefühl, Hilfsbereitschaft, Großzügigkeit, Hoffnung, Mut und Kooperation aufbaut.

Ein Sufi-Philosoph äußerte einst, dass der vollkommene Mensch jener sei, der mit seiner einen Hand die Belange seines eigenen Lebens gestaltet und zugleich mit der anderen Hand jene des bedürftigen Mitmenschen helfend ergreift.

Wir Menschen sind Inseln des Selbst, aber durch das Meer alle miteinander verbunden. Wir leben in Symbiose miteinander: „Ich bin, weil du bist und du bist, weil ich bin.“

Empathie und Nächstenliebe sind der Schlüssel zu einem Zusammenleben, indem sich alle wohl fühlen können und versuchen, anderen wo wenig unangenehm zu sein, wie nur möglich.

Es gilt demnach, eine Balance zwischen den eigenen Lebensvorstellungen und der ethischen Verantwortung gegenüber der eigenen Gesellschaft zu finden. Andernfalls kann das Streben nach dem eigenen Glück schnell auch in eine infantile Selbstsucht entarten. An deren Ende wird Alleinsein alles sein, was man jemals haben wird.

Und im Falle eines Konfliktes zwischen beidem, sind es gerade Juden, Christen und Muslime, die aufgrund ihrer Prägung durch die Prophetenerzählungen sich gegen das eigene Glück entscheiden, da ihr Selbstverständnis auf Verantwortung basiert. In ihr finden gläubige Menschen Sinn, Erfüllung und Erkenntnis.

Zu handeln macht den Unterschied aus. Und es birgt die Möglichkeit in sich, dass gleich einem Stein, der ins Wasser geworfen wird, ein Welleneffekt ausgelöst wird, der andere ebenso ermutigt, sich zu fragen: „Wer bin ich?“ und schließlich ihrer eigenen Verantwortung bewusst zu werden.

Niemand kann die Zukunft betreten, indem er bleibt, wer er ist.

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IZ-Begegnung: Wie könnte eine theologische Perspektive auf Muslimfeindlichkeit aussehen?

Illusion Begegnung

„IZ-Begegnung“ mit der Juristin Dr. Menekşe Çitak über Muslimfeindlichkeit, ihre theologische Dimensionen und warum Muslime sich nicht ihrer Verantwortung entziehen können. (iz). Dr. Menekşe Çitak wurde als Kind türkischer Eltern […]

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Humanitäre Organisationen erheben Vorwürfe gegen Bundesregierung

Gaza Regierung

Forderungen an die Bundesregierung: Auf einer Pressekonferenz äußerten sich Sprecher verschiedener Organisationen sowie Experten zur deutschen und europäischen Rolle in Gaza.

Berlin (iz). Am Dienstag traten VertreterInnen von medico international, Amnesty International Deutschland sowie zwei wissenschaftliche ExpertInnen auf der Bundespressekonferenz vor die Medien. Im Mittelpunkt standen die humanitäre Lage in Gaza und die Verantwortung der Bundesregierung sowie der Europäischen Union.

Die SprecherInnen bezeichneten die humanitäre Katastrophe in Gaza als extrem schwerwiegend und ordneten sie völkerrechtlich als Kriegsverbrechen beziehungsweise Genozid ein. Deutschland und die EU wurden dabei deutlich für ihre bisherige Unterstützung Israels trotz nachgewiesener Völkerrechtsverletzungen kritisiert. Die ExpertInnen forderten einen sofortigen Kurswechsel: konkrete Maßnahmen wie ein umfassendes Waffenembargo, politische und wirtschaftliche Sanktionen sowie internationale Schutzmechanismen seien dringend geboten.

Kritik an der Bundesregierung: Beschreibung der Verhältnisse

Als erstes Sprach Riad Othman von medico international. Er beschrieb dabei dokumentierte und erklärte Maßnahmen Israels. Sie würden darauf abzielen, Gaza auszuhungern, dessen Infrastruktur zu zerstören und die Bevölkerung kollektiv zu bestrafen (z.B. durch minimale Hilfslieferungen verglichen mit dem realen Bedarf, der vor dem 7.10.2023 durch 500–600 LKWs täglich gedeckt wurde).

Bezüglich der angekündigten Abwürfe von Hilfslieferungen aus der Luft, die gerade von Bundeskanzler Merz verlautbart wurden, betonte er, dass sie ineffizient und gefährlich seien. Othman kritisierte die Bundesregierung und die EU dafür, Israel trotz bestehender Abhängigkeit weiterhin politisch zu unterstützen, anstatt dort wirksamen Druck zu erzeugen.

Und verweis darüber hinaus auf Berichte israelischer Nichtregierungsorganisationen (namentlich Physicians for Human Rights Israel), in denen von „Völkermord“ die Rede ist. Er machts auf das Leid durch systematisch verursachten Hunger und die Zerstörung der Grundversorgung aufmerksam.

Chefin von Amnesty International Deutschland ordnet den organisierten Hunger ein

Dr. Julia Duchrow ist seit November 2023 Generalsekretärin der deutschen Sektion von Amnesty International. Die promovierte Juristin ordnete die gezielte Verwendung von Nahrung und Hunger als politisches Druckmittel als „Kriegsverbrechen“ und, sofern systematisch angewendet, als „mögliches Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ ein.

Als Belege führte sie Berichte von B’Tselem und Physicians for Human Rights Israel an, die beide der israelischen Regierung Genozid vorwerfen. Auch Amnesty International selbst bewertet das militärische Vorgehen Israels als Völkermord.

Deutschland habe nach Völkerrecht die Pflicht, Waffenlieferungen an Israel einzustellen, das EU-Assoziierungsabkommen auszusetzen und sich aktiv für ein Ende der Blockade und Besatzung einzusetzen. Luftbrücken bezeichnete Duchrow hingegen lediglich als symbolische Gesten, die in der Praxis völlig unzureichend seien.

Beitrag von universitärer Seite

An der Pressekonferenz nahmen ebenfalls die Volkswirtschaftlerin Prof. Dr. Christine Binzel (Erlangen-Nürnberg) sowie der Sozialanthropologe Prof. Dr. Ger Duijzings (Regensburg) teil. Duijzings zog eine Parallele zwischen dem Genozid in Srebrenica 1995 und der heutigen Lage in Gaza; insbesondere in Bezug auf Zwangsvertreibung, systematische Infrastrukturzerstörung, geplante Aushungerung und den Einsatz von Gewalt gegen Zivilisten.

Er betonte die Verantwortung Deutschlands und der EU, frühzeitig Risiken für Massenverbrechen zu antizipieren und nicht zu verharmlosen oder zu ignorieren. Kritik äußerte er an „der passiven Haltung“ Deutschlands und Europas, deren diplomatische und wirtschaftliche Möglichkeiten zu wenig genutzt werden.

Auch Binzel sieht einen deutschen Anteil an der jetzigen Situation. Die aktuelle und die vorherige sei mitverantwortlich für die Zerstörung der Lebensgrundlagen und fortgesetzte Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung.

Sie hob hervor, dass Deutschland trotz klarer Völkerrechtsbrüche Israels keine adäquaten Maßnahmen ergriffen habe. Und warnte vor weiterem „mitschuldig machen“ durch politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Untätigkeit.

Binzel forderte u.a. ein vollständiges Waffenembargo, die Überprüfung aller diplomatischen und ökonomischen Beziehungen zu Israel, wirtschaftlichen Druck durch die EU (z.B. Aussetzen des Forschungsprogramms Horizon Europe), internationale Schutzmaßnahmen und das Entsenden von UN-Friedensmissionen.

Konkrete Forderungen an die Bundesregierung

Die vier Sprecher und Sprecherinnen beließen es nicht bei ihrer deutlichen Kritik an der deutschen und europäischen Mitverantwortung an der menschlichen Katastrophe in Gaza:

– Deutschland solle angesichts der beschriebenen Kriegsverbrechen und des drohenden Völkermords keinerlei Waffen mehr an Israel liefern.

– Sie fordern, das Abkommen auf Eis zu legen, um politischen und wirtschaftlichen Druck auf Israel auszuüben.

– Deutschland und die EU sollen sich mit Nachdruck für die sofortige Öffnung der Grenzübergänge und den ungehinderten Zugang für Hilfslieferungen einsetzen. Hilfsgüter müssten per LKW, nicht per Luftbrücke, geliefert werden.

– Neben den Waffenexporten sollen alle wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Programme mit Israel, wie etwa EU-Forschungsprojekte (z.B. Horizon Europe), überprüft und ggf. ausgesetzt werden.

– Die Bundesregierung solle sich unmissverständlich an das Völkerrecht halten und Verbrechen gegen die Menschlichkeit klar verurteilen und sanktionieren.

– Es wird empfohlen, neben wirtschaftlichen Maßnahmen auch gesellschaftlichen Druck aufzubauen, indem etwa Israel von kulturellen oder sportlichen Veranstaltungen ausgeschlossen wird.

Diese Forderungen waren von den einzelnen Sprechern unterschiedlich begründet, ließen aber als zentrales Thema erkennen: Ein Politikwechsel Deutschlands ist notwendig – weg von symbolischen Hilfsaktionen und „bedingungsloser Solidarität“ hin zu echtem politischen, wirtschaftlichen und diplomatischen Druck gegen Israels Vorgehen im Gazastreifen. Ziel sei es, das Leid der Zivilbevölkerung wirksam zu beenden.

Link zur gesamten PK:
https://www.youtube.com/live/qwJ5x_hQbK4

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Über KI, Sprache und Technologie: Verantwortung aus islamischer Perspektive

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Künstliche Intelligenz, Sprache und Technologie stellen die Menschheit vor neue Herausforderungen. Aus islamischer Sicht stehen dabei Verantwortung, Maß und Wahrhaftigkeit im Mittelpunkt: Wie geht der Islam mit KI und neuer […]

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Verfassungsbeschwerde: Deutschland soll US-Drohnenkrieg stoppen

drohne

Das Bundesverfassungsgericht nimmt den weltweiten Einsatz von US-Militärdrohnen ins Visier. Gesteuert über den US-Stützpunkt Ramstein in Rheinland-Pfalz. Die Bundesregierung warnt vor weitreichenden politischen Folgen.

Karlsruhe (KNA). Das Bundesverfassungsgericht muss über eine Verfassungsbeschwerde entscheiden, die weitreichende Grundfragen zur gezielten Tötung durch Kampfdrohnen des US-Militärs aufwirft. Letztlich geht es auch um die militärische Einbettung Deutschlands in die Nato und um verfassungsrechtliche Grundfragen zur Wirkmächtigkeit des Grundgesetzes auch außerhalb der deutschen Grenzen. Von Volker Hasenauer

In der mündlichen Verhandlung des Verfassungsgerichts am Dienstag warfen die Kläger der Bundesrepublik vor, der Steuerung von bewaffneten, unbemannten Flugkörpern über den US-Stützpunkt Ramstein in Rheinland-Pfalz tatenlos zuzusehen. „Die Airbase Ramstein ist für das US-Militär ein unverzichtbarer Knotenpunkt für willkürliche Drohneneinsätze im Mittleren und Nahen Osten“, sagte der Anwalt der Beschwerdeführer, Andreas Schüller. Deutschland trage eine Mitverantwortung für völkerrechtswidrige Tötungen.

Die Bundesregierung wies diese Argumentation zurück. Deutschland und seine militärischen Partner achteten das Völkerrecht. Zugleich sei die Stationierung von US-Militär in Deutschland und Europa für eine „glaubwürdige Verteidigung und Abschreckung unverzichtbar“. Und vor dem Hintergrund des Kriegs in der Ukraine wichtiger denn je, sagte der Vertreter der Bundesregierung, Thomas Hitschler. Das Grundgesetz verpflichte Deutschland nicht dazu, die Einsätze von militärischen Partnern weltweit zu kontrollieren.

Der Prozessbevollmächtigte der Bundesregierung, Sebastian Graf von Kielmansegg, wandte sich gegen die Verfassungsbeschwerde, weil durch sie eine „uferlose Ausdehnung“ des Grundgesetzes drohe. „Die Folge könnte eine Klagebefugnis für Menschen aus Kriegsregionen weltweit und eine globale Einstandspflicht Deutschlands für militärisches Handeln von anderen Staaten sein.“ Von Kielmansegg warnte vor einer „Form von Allzuständigkeit“ und einer Überschätzung des deutschen Einflusses. Zudem drohe die Partnerschaft mit den USA und der Nato Schaden zu nehmen.

Dagegen argumentierte der Vertreter der Beschwerdeführer, Sönke Hilbrans, auch wenn Deutschland durch die Überlassung der Basis Ramstein an die USA Hoheitsgewalt an eine „fremde Macht“ abgegeben habe, bleibe die Regierung dafür verantwortlich, was auf deutschem Staatsgebiet passiere.

Konkret muss das Verfassungsgericht über die Verfassungsbeschwerde von zwei jemenitischen Bürgern entscheiden. Sie geben an, dass bei einem US-Drohnenangriff in Jemen mehrere Mitglieder ihrer Familie getötet wurden, darunter ein jemenitischer Geistlicher. Bis heute lebten sie und ihre Familie weiter in ständiger Angst vor einem neuen US-Drohneneinsatz, sagte ihr Anwalt Schüller. Regelmäßig kreisten Drohnen über ihrer Heimatregion.

Die beiden Jemeniten argumentieren, die USA hätten bei dem Angriff im August 2012 völkerrechtswidrig fünf Zivilisten getötet. Die Getöteten seien keine islamistischen Terroristen gewesen. Vielmehr habe sich der getötete Geistliche der Organisation Al-Qaida entgegengestellt.

Die Drohnensteuerung sei technisch nur möglich gewesen, weil das Militär kurz zuvor mit Erlaubnis der Bundesrepublik eine neue Satelliten-Kommunikationsstation in der Airbase Ramstein aufgestellt habe, kritisierte der Anwalt. Über die Station steuere das US-Militär bis heute die Drohnen im Mittleren und Nahen Osten.

Seit 2014 hatten die Jemeniten, die weiterhin im Jemen leben, vor deutschen Verwaltungsgerichten gegen die Baugenehmigung für die Satellitenstation geklagt. Zunächst erhielten sie in Teilen recht, das Bundesverwaltungsgericht wies die Klage aber ab.

Im Hintergrund des komplizierten Rechtsstreits steht auch die Frage, ob und wann im Ausland lebende Nichtdeutsche vor deutschen Gerichten auf die Einhaltung des Grundgesetzes klagen können. Und ob Deutschland eine weltweite Verantwortung für die Einhaltung des Grundgesetzes hat.

Die kritischen Nachfragen mehrerer Verfassungsrichterinnen und -richter machten deutlich, dass die Forderungen der Beschwerdeführer zu weitreichenden verfassungsrechtlichen Neubewertungen führen könnten. Mehrfach fragten sie nach, wo dann überhaupt noch Grenzen für die Geltung des Grundgesetzes wären.

Umstritten war auch, ob Deutschland überhaupt eine Mitverantwortung für die Drohneneinsätze habe, nur weil sie dem US-Militär die Basis Ramstein zur Verfügung stelle. Ein Urteil des Zweiten Senats des Bundesverfassungsgerichts ist in einigen Monaten zu erwarten.

Muslime und Führung: Belohnung versus Verantwortlichkeit

führung steine moschee

Führung: Über verschiedene Ansätze im muslimischen Diskurs zum Thema Verantwortung und Leitung.

(Fiqh of Social Media). Abu Dharr fragte einst den Propheten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben: „Wirst du mich nicht zu einem Anführer ernennen?“ Der Prophet antwortete: „O Abu Dharr, du bist schwach, und es ist eine öffentliche Vertrauensstellung. Wahrlich, am Tag der Auferstehung wird es nur Bedauern hervorrufen, außer für den, der es mit Recht annimmt und seine Pflichten erfüllt“ (überliefert von Muslim). Von Omar Usman & Navaid Aziz

Diese Überlieferung stellt dem Wunsch nach Führung die damit verbundene Verpflichtung gegenüber. Der Gesandte Allahs betonte, dass der Wunsch nach Kontrolle direkt mit dem Verlust von Allahs Hilfe und Beistand verbunden ist: „Bittet nicht um Autorität. Wenn sie dir auf deine Bitte hin gegeben wird, wirst du dafür voll verantwortlich gemacht. Wenn sie dir aber ohne deine Bitte gegeben wird, wird Allah dir dabei helfen“ (Bukhari und Muslim).

Wenn wir dieses Konzept ein wenig weiter ausdehnen, können wir die Idee der Führung in zwei konkurrierende Ansätze (oder Absichten) einteilen: belohnungsbasiert und verantwortungsbasiert.

Belohnungsbasierte Führung

Es gibt eine gefährliche Karikatur der belohnungsbasierten Führung: das unqualifizierte, inkompetente und egoistische Individuum, das glaubt, dass es trotz mangelnder Qualifikation und Fähigkeiten eine Position verdient hat. Es ist ein bedrohliches Narrativ, weil wir das Bild einer bestimmten Person in unseren Köpfen haben, die wir nicht sind. Deshalb meinen wir, vor ihr sicher zu sein.

Die Realität ist, dass es viel tiefer geht. Es fällt mir auf, wenn ich Interviews mit Sportlern höre, nachdem sie eine Meisterschaft gewonnen haben. Fast immer erwähnen sie, wie hart sie dafür gearbeitet haben.

Das mag einfach klingen, hat aber zwei verheerende Folgen. Erstens untergräbt es die Fähigkeit zur Empathie, denn es impliziert die Annahme, dass diejenigen, die es nicht geschafft haben, ihr Schicksal verdient haben: Weil sie nicht hart genug gearbeitet hätten. Zweitens wird Erfolg (wie auch immer er definiert wird) als ein Preis dargestellt, der als Belohnung für diese harte Arbeit erreicht werden kann.

Tugenden

Foto: Adriana, Adobe Stock

Das Gefährliche an einer belohnungsbasierten Führungsperspektive ist, dass sie von einem Ort der Aufrichtigkeit ausgehen kann. Wir sehen das ständig in muslimischen Organisationen und Gemeinschaften. Wenn wir sehen, dass sich jemand regelmäßig ehrenamtlich engagiert, neigen wir dazu, ihn mit einer formelleren Position mit mehr Autorität zu „belohnen“.

Personen, die Großspender oder Gründungsmitglieder einer Organisation sind, können das Gefühl haben, dass ihnen ein gewisses Maß an Anerkennung gebührt, auch wenn sie keine formelle Rolle mehr innehaben. Wie viele Gemeinschaften werden von einem Gründungsmitglied oder Großspender in die Enge getrieben, der das Sagen hat, obwohl er keine formale Entscheidungsbefugnis besitzt?

Verantwortungsorientierte Führung

Dieser Ansatz ist allgemein als dienende Führung bekannt. Sie wird von dem Gefühl geleitet, die Pflichten der Rolle zu erfüllen – und nicht von persönlicher Leistung. Sie konzentriert sich darauf, die Bedürfnisse der Gemeinschaft über die eigenen zu stellen. Der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagte ausdrücklich, dass „der Führer eines Volkes ihm dient“.

Wenn wir dies im Zusammenhang mit seiner Beschreibung von Führung als Amana (anvertrautes Gut) betrachten, wird klar, dass dies die einzige Art ist, wie wir Führung sehen können. Dieser Gedanke wird in dem berühmten Hadith verstärkt: „Jeder von euch ist ein Hirte und für seine Herde verantwortlich. Der Führer eines Volkes ist ein Wächter und ist für seine Untertanen verantwortlich“.

Betrachtet man die Beispiele der Propheten, wird klar, dass Führung immer mehr Mittel als Zweck war. Als die Quraisch dem Propheten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, anboten, ihn zu ihrem Herrscher zu machen, wenn er nicht den Islam verkünde, lehnte er ab. Sulaiman, Friede sei mit ihm, bat um Autorität, und das war ein Mittel, um die Wahrheit zu verbreiten. Jusuf, Friede sei mit ihm, bat um Führung, um ein höheres Ziel zu erreichen.

Menschen, die unter einem Führer stehen, der nach dem Prinzip der Belohnung handelt, können das Gefühl haben, dass der Führer nicht ihr Bestes im Sinn hat. Eine solche Persönlichkeit kann in den Ruf geraten, sich nur um Dinge zu kümmern, die für sie von persönlichem Interesse sind, oder egoistisch zu sein.

Eine Führungskraft, die sich ihrer Verantwortung bewusst ist und entsprechend handelt, wird den gegenteiligen Eindruck erwecken. Sie wird als selbstlos, bescheiden und fürsorglich wahrgenommen.

Foto: Umut Rosa, Shutterstock

Aufrichtigkeit

Die Fähigkeit, Einfluss zu nehmen und zu überzeugen. Eine Persönlichkeit, die nicht leicht zu beeinflussen ist (wankelmütig). Wenn diejenigen, die religiös verwurzelt und gottesfürchtig sind, weiterhin Führungspositionen in unserer Gemeinschaft meiden, wird das Führungsproblem niemals gelöst. Dass man sich in den Dienst derer stellt, die man führt. Und dass man seine Fähigkeiten weiterentwickelt.

Abu Bakr, möge Allah ihm gnädig sein, fühlte sich nicht bereit für die Position, die er einnahm, aber er war eine beeindruckende Persönlichkeit, als er starb.

Unabhängig davon, ob uns eine Führungsposition anvertraut wird oder ob wir sie anstreben: Die Gefahr liegt in der Weise, wie wir unsere Absichten begründen. Jemand kann wirklich selbstlos sein und als aufrichtiger Diener handeln.

Aber wenn die Menschen ihm weiterhin Feedback geben und ihn loben, kann es passieren, dass er denkt: „Ich bin ein großartiger dienender Führer“ und langsam anfängt, sich eine Belohnung für seine gute Arbeit zu wünschen. 

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Würde muss bei der KI eine Rolle spielen

KI Künstliche Intelligenz pharao

Künstliche Intelligenz muss auch im Kontext der islamischen Ethik und Verantwortung betrachtet werden. (iz). Künstliche Intelligenzen sind intelligente Systeme, die in der Lage sind, komplexe Aufgaben in sehr kurzer Zeit […]

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Afghanistan: Die Debatte um eine „Schuldfrage“ hat begonnen

Nach dem Absturz Afghanistans ins Chaos steht die Schuldfrage im Raum. Hat die internationale Gemeinschaft versagt? Oder waren die afghanischen Streitkräfte einfach nicht bereit zu kämpfen? Die Meinungen der Regierenden in Washington und Berlin gehen auseinander.

Washington (dpa/iz). Trotz der faktischen Machtübernahme der Taliban in Afghanistan hat US-Präsident Joe Biden seinen Entschluss zum Abzug der US-Truppen aus dem Land gegen wachsende Kritik verteidigt. „Ich stehe voll und ganz hinter meiner Entscheidung“, sagt Biden am Montag (Ortszeit) im Weißen Haus. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) räumten dagegen ein, die internationale Gemeinschaft habe die Lage in Afghanistan falsch eingeschätzt und ihre Ziele bei dem Einsatz nicht erreicht. Biden wiederum betonte, die jüngsten Entwicklungen hätten ihn in seiner Entscheidung nur bestärkt. Den Taliban drohte er zugleich mit Vergeltung, falls sie US-Kräfte oder -Ziele angreifen sollten.

Bei Handlungen, die amerikanisches Personal oder deren Mission gefährden würde, müssten die Taliban mit einer „raschen und starken“ militärischen Reaktion der USA rechnen, sagte Biden. „Wir werden unsere Leute mit vernichtender Gewalt verteidigen, falls nötig.“

Der US-Präsident erhob schwere Vorwürfe gegen die entmachtete politische Führung und die Streitkräfte des Landes. „Die politischen Anführer Afghanistans haben aufgegeben und sind aus dem Land geflohen“, sagte er. „Das afghanische Militär ist zusammengebrochen, manchmal ohne zu versuchen zu kämpfen.“ Die jüngsten Ereignisse hätten bekräftigt, dass die Abzugsentscheidung richtig sei. „Amerikanische Truppen können und sollten nicht in einem Krieg kämpfen und in einem Krieg sterben, den die afghanischen Streitkräfte nicht bereit sind, für sich selbst zu führen.“ Biden räumte aber ein, die USA hätten das Tempo des Taliban-Vormarsches unterschätzt: „Dies hat sich schneller entwickelt, als wir erwartet hatten.“

Die Taliban hatten in den vergangenen Wochen nach dem Abzug der ausländischen Truppen in rasantem Tempo praktisch alle Provinzhauptstädte in Afghanistan eingenommen – viele kampflos. Am Sonntag rückten sie schließlich in die Hauptstadt Kabul ein. Kämpfe gab es keine. Der blitzartige Vormarsch überraschte viele Beobachter, Experten und auch ausländische Regierungen.

Maas gestand ein, es gebe nichts zu beschönigen: „Wir alle – die Bundesregierung, die Nachrichtendienste, die internationale Gemeinschaft – wir haben die Lage falsch eingeschätzt.“ Merkel schloss sich ausdrücklich an. „Da haben wir eine falsche Einschätzung gehabt. Und das ist nicht eine falsche deutsche Einschätzung, sondern die ist weit verbreitet“, sagte sie. Jenseits der Bekämpfung des Terrorismus sei bei dem Einsatz auch alles „nicht so geglückt und nicht so geschafft worden, wie wir uns das vorgenommen haben“. Es seien „keine erfolgreichen Bemühungen“ gewesen, sagte sie mit Blick auf den Versuch, das Land zu Demokratie und Frieden zu führen und dort eine freie Gesellschaft zu entwickeln.

Auf dem Papier waren die Taliban den afghanischen Sicherheitskräften weit unterlegen. Rund 300.000 Kräfte bei Polizei und Armee standen Schätzungen zufolge rund 60.000 schlechter ausgerüsteten Taliban-Kämpfern gegenüber. Diese profitieren aber von ihrem brutalen Ruf, den sie während ihrer Herrschaft in den 90er-Jahren mit öffentlichen Exekutionen oder Auspeitschungen erlangt haben.

Damals hatten die Taliban mit teils barbarischen Strafen ihre Vorstellungen eines „islamischen“ Staates durchgesetzt: Frauen und Mädchen wurden systematisch unterdrückt, Künstler und Medien zensiert, Menschenrechtsverletzungen waren an der Tagesordnung. Befürchtet wird nun eine Rückkehr zu derart düsteren Zuständen.

Die Taliban hatten einst Al Qaida-Kämpfern und dem damaligen Chef der Terrororganisation, Osama bin Laden, Zuflucht gewährt. Die Anschläge der Terrorgruppe in den USA vom 11. September 2001 hatten dann den US-geführten Militäreinsatz in Afghanistan ausgelöst, mit dem die Taliban entmachtet wurden. Bin Laden selbst wurde im Mai 2011 bei einem Einsatz von US-Spezialkräften in Pakistan getötet.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron warnte davor, dass Afghanistan wieder zu einem Zufluchtsort des Terrorismus werden könnte. Er kündigte eine Initiative mit den europäischen Partnern dagegen an. Großbritanniens Premierminister Boris Johnson kündigte nach einem Telefonat mit Macron an, in den kommenden Tagen auch im Kreis der G7 – einer Gruppe führender Industrienationen – über Afghanistan reden zu wollen. Auch Johnson hatte zuvor gemahnt, das Land dürfe nicht wieder zur Brutstätte von Terrorismus werden.

Biden hielt dagegen, das ursprüngliche Ziel des US-Einsatzes in Afghanistan, das Ausmerzen der Terrorgruppe Al-Qaida nach den Anschlägen vom 11. September 2001, sei erreicht. Auch bin Laden sei getötet worden. Die USA könnten islamistische Terrorgruppen wie Al-Qaida auch ohne eine permanente Militärpräsenz in dem Zielland effektiv bekämpfen – das US-Militär zeige dies in anderen Ländern wie Somalia oder Jemen. Der US-Präsident betonte außerdem, es sei nie Ziel des Einsatzes gewesen, dort eine geeinte Demokratie zu schaffen.

Die USA, Deutschland und andere westliche Staaten begannen derweil, in großer Eile ihre Bürger und gefährdete afghanische Ortskräfte aus Afghanistan auszufliegen. Die USA schickten mehrere Tausend Soldaten nach Kabul, um die Evakuierungsaktionen zu sichern. Das US-Militär ist dort nach eigenen Angaben inzwischen mit rund 2500 Soldaten im Einsatz. In einigen Tagen sollen es laut Pentagon bis zu 6000 werden.

Am Flughafen in Kabul spielten sich dramatische Szenen ab. Hunderte oder vielleicht auch Tausende verzweifelte Menschen versuchten, auf Flüge zu kommen, wie Videos in Online-Medien zeigten. Für Entsetzen sorgten Aufnahmen, die zeigen sollen, wie Menschen aus großer Höhe aus einem Militärflugzeug fallen. Es wurde gemutmaßt, dass sie sich im Fahrwerk versteckt hatten oder sich festhielten. Diese Angaben konnten zunächst nicht unabhängig verifiziert werden.

Unter schwierigen Bedingungen angesichts der chaotischen Zustände begann das erste Bundeswehrflugzeug den Evakuierungseinsatz am Flughafen Kabul. Nach stundenlanger Verzögerung und Warteschleifen landete die Maschine vom Typ A400M dort in der Nacht zu Dienstag, setzte Fallschirmjäger ab, die die Rettungsaktion absichern sollen, nahm auszufliegende Menschen an Bord und startete schnell wieder.

Das Chaos in Afghanistan hat international Entsetzen ausgelöst und Biden wegen seiner Abzugsentscheidung unter Druck gebracht. Er hatte im Frühjahr angekündigt, dass die damals noch rund 2500 verbliebenen US-Soldaten Afghanistan bis zum 20. Jahrestag der Anschläge vom 11. September 2001 verlassen sollten. Zuletzt wurde das Abzugsdatum auf Ende August vorgezogen. Angesichts des Rückzugs der US-Truppen holten auch die anderen Nato-Partner ihre Soldaten nach Hause.

Die Regierung von Bidens Amtsvorgänger Donald Trump hatte den Abzug eingeleitet. Biden entschied sich nach seinem Amtsantritt dafür, davon nicht abzurücken, sondern nur den Zeitplan zu ändern. Damit setzte er sich über Warnungen von Experten hinweg, die desaströse Folgen eines bedingungslosen Abzugs vorausgesagt hatten

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Debatte über Umgang mit Afghanistan geht weiter

„Ich habe der Welt von Afghanistan erzählt – aber weil ich nicht verarbeiten kann, was in meinem Land passiert, bin ich wie betäubt.“ Bilal Sarwary, afghanischer Journalist via Übermedien

Berlin (KNA). Während die Bundeswehr die Evakuierung deutscher Staatsbürger aus Afghanistan vorbereitet, debattiert die Politik weiter über den Sinn des Afghanistaneinsatzes und die Aufnahme von Afghanen, die mit den Deutschen zusammengearbeitet haben und deshalb als gefährdet gelten. Zugleich wurde am Wochenende deutlich, dass eine neue Flüchtlingswelle aus Afghanistan erwartet wird. Die Bundesregierung kündigte unterdessen an, fast alle Botschaftsmitarbeiter sowie die afghanischen Ortskräfte möglichst schnell auszufliegen.

CDU-Chef Armin Laschet forderte, dass Deutschland die ehemaligen Ortskräfte der Bundeswehr rettet. „Diese Leute, die uns geholfen haben, Afghanen, die mutig waren, der Bundeswehr zu helfen, müssen jetzt rausgeholt werden“, sagte er auf einer Veranstaltung der Jungen Union im hessischen Gießen.

Die Verteidigungspolitikerinnen Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP) und Agnieszka Brugger (Grüne) kritisierten gegenüber dem Nachrichtenportal Watson die Bundesregierung scharf für ihren Umgang mit afghanischen Ortskräften. Strack-Zimmermann forderte die Regierung auf, diese Menschen schnellstmöglich per Flugzeug aus dem Land zu schaffen. Brugger sagte, es sei „extrem beschämend, dass die Bundesregierung eine Reihe von Ortskräften nach wie vor im Stich lässt“.

FDP-Außenpolitiker Alexander Graf Lambsdorff warf der Bundesregierung Planlosigkeit vor. Die Evakuierungen hätten längst geplant sein können, sagte er der „Rheinischen Post“. Es gebe Schuldzuweisungen zwischen den Ministerien. „Das ist eine unwürdige Diskussion.“ Auch Linken-Verteidigungspolitiker Alexander Neu verlangte eine Evakuierung der Ortskräfte.

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) befürchtet, dass die Zahl der Geflüchteten deutlich ansteigen wird. „Man muss damit rechnen, dass sich Menschen in Bewegung setzen, auch in Richtung Europa“, sagte er der „Augsburger Allgemeinen“ (Montag). Dabei müsse man nicht nur den Krisenherd Afghanistan im Blick behalten, sondern genauso Belarus, Pakistan, den Iran, die Türkei, Tunesien, Marokko und Libyen.

Die Kanzlerkandidatin der Grünen, Annalena Baerbock, warnte angesichts der massiv gestiegenen Zahl von Binnenflüchtlingen in Afghanistan, die Versäumnisse während des Syrien-Kriegs zu wiederholen. Fatalerweise seien die Europäer damals nicht auf die Geflüchteten vorbereitet gewesen, sagte sie im Deutschlandfunk. Man dürfe nicht warten, bis alle 27 EU-Länder bereit zur Aufnahme von Geflüchteten seien. Man müsse sich vielmehr mit jenen europäischen Ländern zusammenschließen, die das tun wollten.

Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, Norbert Röttgen (CDU), forderte ein Eingreifen des Westens gegen die Taliban – ausdrücklich unter Beteiligung der Bundeswehr. „Man darf nicht dabei zuschauen, wie Menschen, die uns lange verbunden waren, von den Taliban abgeschlachtet werden, wie Mädchen und Frauen alle hart erkämpften Rechte wieder verlieren“, sagte Röttgen dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.

Der Staatsminister im Auswärtigen Amt, Michael Roth (SPD), erteilte Forderungen nach einem erneuten Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr eine Absage. Er sagte der „Rheinischen Post“ (Samstag): „Wir haben gemeinsam mit unseren internationalen Partnern entschieden, den Einsatz zu beenden.“ Stattdessen müsse die internationale Gemeinschaft darauf drängen, „dass es zu einem politischen Dialog kommt“. Man werde nicht darauf verzichten können, die Taliban einzubinden.

Der Terrorismusexperte Peter Neumann vom Londoner King’s College glaubt, dass die afghanischen Taliban ihren Charakter geändert haben. „Die Taliban versuchen, aus den Fehlern der 1990er Jahre zu lernen. Damals wurden sie von Teilen der Bevölkerung sehr gehasst, weil sie zum Beispiel gegen religiöse Minderheiten vorgegangen sind.“ Sie gäben sich versöhnlicher und wollten auch Mädchen erlauben, zur Schule zu gehen, sagte Neumann dem RedaktionsNetzwerk. Große Hoffnungen auf einen Dialog mit den Taliban habe er dennoch nicht, betonte Neumann. Der Westen habe mit dem Rückzug seiner Truppen sein wichtigstes und einziges Druckmittel verloren.

Grünen-Außenexperte Omid Nouripour befürchtet, dass Afghanistan unter den Taliban wieder zu einem Rückzugsraum für Terroristen wird. Der „Passauer Neuen Presse“ sagte er, sollten die Taliban die Macht übernehmen, stehe ihnen erst einmal ein Krieg mit dem Islamischen Staat (IS) bevor. „Das Land wird jedenfalls nicht zur Ruhe kommen.“a

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„Die Tinte ist getrocknet“

„Bei dem deutlichen Buch! Wir haben es wahrlich in einer gesegneten Nacht herabgesandt – Wir haben ja (die Menschen) immer wieder gewarnt –, in der jede ­weise Angelegenheit einzeln entschieden […]

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