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Gegenständliches Reisen: Was würde Goethe sagen?

goethe reise

Reiseblog: Eine goethesche Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Unterwegsseins. Anmerkungen zum Reisen.

(iz). Im Jahr 1823 veröffentlichte Johann Wolfgang von Goethe einen Aufsatz „Bedeutende Fördernis durch ein einziges geistreiches Wort“. Darin beschreibt er das Prinzip des „gegenständlichen Denkens“: Der Mensch kann sich selbst niemals durch reine Nabelschau im stillen Kämmerlein erkennen.

Selbsterkenntnis gelingt nur im lebendigen Austausch mit der Welt. Goethe schreibt: „Der Mensch kennt nur sich selbst, insofern er die Welt kennt, die er nur in sich und sich nur in ihr gewahr wird. Jeder neue Gegenstand, wohl beschaut, schließt ein neues Organ in uns auf.“

Goethe bekennt sich in seinem Text zu einer Skepsis gegenüber dem antiken Orakelspruch „Gnothi seauton“. Etwas überspitzt bezeichnet er die Forderung nach reiner Introspektion ironisch als eine „List geheim verbündeter Priester“. Reine Nabelschau, argumentiert er, führe den Menschen nur in eine „innere falsche Beschaulichkeit“.

Sein gegenständliches Denken überwindet die Kluft zwischen Geist und Natur, indem es den Beobachter untrennbar mit dem betrachteten Objekt verschmilzt. Für ihn ruht die Idee nicht als abstraktes Konstrukt im Kopf, sondern offenbart sich als lebendige Wirklichkeit direkt im sinnlichen Phänomen.

In dieser Einheit von Erfahrung und Verstand wird das Denken selbst zu einer Anschauung, die das Allgemeine im Besonderen greifbar macht.

Foto: Pexels

Die Praxis: Die italienische Reise als Ur-Experiment

Dass diese Philosophie keine graue Theorie ist, hat Goethe selbst bewiesen. Im September 1786 floh er – völlig ausgebrannt von seinen Pflichten als Weimarer Minister – mitten in der Nacht heimlich nach Süden.

Seine legendäre italienische Reise war nichts Geringeres als die radikale praktische Umsetzung seines Denkens. Er reiste inkognito als „Filippo Miller“, um seine alte Identität abzustreifen und sich ganz den realen Objekten der Welt auszusetzen.

Um die Reisephilosophie des Dichters zu verstehen, muss man sich die ganzheitliche Konzeption seines Denkens vergegenwärtigen. Goethe sah die Pflanze als ein Gleichnis des Lebens.

In seiner Schrift „Die Metamorphose der Pflanzen“ beschreibt er das Prinzip der Wandlung – die Idee, dass sich aus einer Urform (Blatt) unendliche Vielfalt entwickelt. Goethe erkannte darin ein Naturgesetz: Alles Lebendige ist in Bewegung, in Wandlung – Metamorphose.

Der Mensch als Reisender strebt – wie die Pflanze zur Blüte – zur Selbstbildung durch Weltkontakt. Es geht also in dieser Art des Reisens um Metamorphose, um die eigene Veränderung, ganz im Gegensatz zur Realität des modernen Massentourismus.

Der Publizist Joachim Fest definierte den touristischen Betrieb als eine neuartige Form des Nihilismus: „Die Touristen, die Jahr für Jahr zu Hunderttausenden nach Sizilien übersetzen, sind gerade deshalb eine Gefahr, weil sie nicht bleiben, sondern immer wieder gehen. Das unterscheidet sie von allen Invasoren der Geschichte; sie verwandeln die Insel zwar, entziehen sich selbst aber ihrer verwandelnden Kraft.“

Goethes italienische Reise lässt sich heute nicht wirklich nachreisen; zeitlos wirkt jedoch das angewandte Erkenntnisverfahren. Die Aktualität seiner Erfahrungen ist immer wieder überraschend: So formuliert er bereits im späten 18. Jahrhundert eine Idee, die wir heute als „Slow Travel“ bezeichnen würden.

Die Geschwindigkeit der Pferdekutsche, die er auf seinem Weg benutzt, sei – so stellt er fest – für ein intensives Erfahren der Umwelt bereits zu hoch. Die Zunahme der Beschleunigung in allen Lebensverhältnissen war für Goethe ein wesentliches Kennzeichen der sich abzeichnenden Moderne.

Als Goethe in Venedig zum ersten Mal in seinem Leben am Meer steht, zeigt er ein weiteres für ihn typisches Verhalten. Nach nur kurzer Zeit untersucht er Seeschnecken und Taschenkrebse und ruft begeistert aus: „Was ist doch ein Lebendiges für ein köstlich herrliches Ding! Wie abgemessen zu seinem Zustand, wie wahr! Wie seiend!“

Mit dieser Begeisterungsfähigkeit zeigt sich, dass es bei seinem Reisen nicht nur um das Zurücklegen von Entfernungen geht, sondern darum, den Gegenständen mit offenem Blick zu begegnen.

In Rom unterzieht sich der Dichter – wie man heute sagen würde – einem strengen touristischen Programm. Er erlebt eine „Wiedergeburt“, weil das intensive, unvoreingenommene Betrachten der antiken Kunst und der südländischen Natur ihn tiefgreifend transformiert.

Während ihn in der italienischen Hauptstadt vor allem die Kunst in den Bann zieht, sind es in Neapel die Menschen, die ihn beschäftigen. Energisch weist er den Verdacht zurück, die südliche Lebensweise sei dem Arbeitsethos des Nordens unterlegen.

Seine Beschreibung der Besteigung des Vesuvs gehört zweifellos zu den Höhepunkten der europäischen Reiseliteratur. In Sizilien erfährt er schließlich einen poetischen Widerhall und entdeckt bei seinen Besuchen der berühmten Tempel die Tiefe der Griechenlandsehnsucht seiner Zeit.

Dabei geht es ihm nie nur um einen romantisierenden Blick zurück, sondern stets um die Frage, wie sich antikes Wissen im Hier und Jetzt aktualisieren lässt.

Wer heute nach dem Sinn des Reisens fragt, empfängt auf Goethes Spuren entscheidende Impulse. Reisen erscheint nicht mehr als Konsum von Orten oder als bloßes Sammeln von Kulissen, sondern als existentielle Notwendigkeit des Geistes, sich durch Weltkenntnis selbst zu finden.

Gegenständliches Reisen – so zeigt es die Lektüre wie auch die eigene Erfahrung – verankert den Sinn der Bewegung in vier unumstößlichen Grundsätzen:

  1. Das neue Organ: Sinn durch die Erweiterung des Geistes
    Der Geist stagniert in der Routine des Bekannten. Der Sinn des Reisens liegt darin, diese Starre zu durchbrechen. Die intensive Konfrontation mit einer neuen Kultur, einer fremden Sprache oder einer unvertrauten Landschaft zwingt zur inneren Transformation. So wie Goethe in Italien durch das Studium der Pflanzen die „Urpflanze“ erkannte, erschließt jede unvoreingenommene Reise eine neue Fähigkeit des Sehens.
  2. Die Weltkenntnis: Sinn durch die Begegnung mit sich selbst
    Wer nur in der gewohnten Heimat verweilt, hält seine sozialen Prägungen für seinen wahren Charakter. Der Mensch erfährt erst, wer er wirklich ist, wenn er sich im Spiegel des Fremden betrachtet. Goethe notierte in Italien: „Mein Zweck auf dieser wunderbaren Reise ist nicht, mich selbst zu täuschen, sondern mich an den Gegenständen kennenzulernen.“ In der Fremde fallen die Alltagsmasken.
  3. Das wohl beschaut Reale: Sinn durch das Ende des Autopiloten
    Der moderne Alltag reduziert Wahrnehmung auf Funktionalität. Gegenständliches Reisen holt uns in die Gegenwart zurück. Es bedeutet, Orte „wohl zu beschauen“ – wie Goethe, der Steine klopfte, Pflanzen untersuchte und das Licht des Mittelmeers studierte. Die Wirklichkeit wird wieder unmittelbar erfahrbar.
  4. Der Mitmensch als Spiegel: Sinn durch die heilsame Demut
    Die eigene Lebensrealität ist nicht der Maßstab der Welt. Goethe, der gefeierte Dichter, lebte in Italien unter einfachen Menschen und in Künstlergemeinschaften. Die Begegnung mit anderen wirkt als Korrektiv des eigenen Egos und relativiert Gewissheiten und Privilegien.

Foto: Idriss Azougaye

Epilog: Der Gipfel des Reisens und das kosmische Aufjauchzen

Wenn wir diese Grundsätze verwirklichen – wenn wir neu sehen lernen, uns im Fremden begegnen, den Autopiloten verlassen und Demut entwickeln –, dann erreichen wir vielleicht jenen Zustand, den Goethe 1805 in „Winckelmann und sein Jahrhundert“ beschreibt:

„Wenn die gesunde Natur des Menschen als ein Ganzes wirkt, wenn er sich in der Welt als in einem großen, schönen, würdigen und werten Ganzen fühlt, wenn das harmonische Behagen ihm ein reines, freies Entzücken gewährt, dann würde das Weltall, wenn es sich selbst empfinden könnte, als an sein Ziel gelangt, aufjauchzen und den Gipfel des eigenen Werdens und Wesens bewundern.“

Der tiefste Sinn des Reisens ist in diesem Verständnis kein egoistischer. Wenn der Mensch als Reisender im Einklang mit Natur, Kultur und sich selbst steht, erfüllt er einen größeren Zusammenhang. Die Welt wird nicht nur betrachtet, sondern in ihrer Bedeutung erschlossen.

Zurück in Weimar fremdelt Goethe mit seiner alten Heimat. Im hohen Alter beklagt er gegenüber Eckermann, nie wieder so glücklich gewesen zu sein wie in Rom.

Doch die italienische Reise bleibt keine Episode: Sie wird zum Fundament der Weimarer Klassik und zum Ausgangspunkt seiner Freundschaft mit Friedrich Schiller. Wer Weimar heute besucht, kann noch immer Spuren jener Metamorphose erkennen, die Goethe dort erfahren hat.

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„Deutscher Islam“: Eine Kultur, die sich erst bilden muss

deutsch berlin ramadan

Andreas Abu Bakr Rieger schrieb in der Juli-Ausgabe der Islamischen Zeitung über das „Zusammenspiel der Kulturen und Religionen“. Eine Entgegnung in Form eines Essay über „deutschen Islam“.

(iz). Ich möchte ihm für seine Gedanken danken und schreibe von ihm inspiriert diesen Artikel. Muslime als Teil der Menschheit verfallen wie alle anderen Menschen einem Denkfehler.

Der Denkfehler besteht darin, die „Vita Aktiva“ der „Vita Kontemplativa“ gegenüberzustellen und nur in diesen Gegensätzen zu denken. Dadurch wird der Eindruck vermittelt, dass wir uns entweder für das eine oder andere entscheiden müssten. Diese Annahme ist ein Irrtum, in dem auch ich lange Zeit lebte.

Die Mentalität der Muslime in Deutschland

Bevor wir zum Irrtum kommen, lasst uns die beiden Begriffe erst einmal definieren.  Die Vita Aktiva: Sie ist ein aktivistisches Leben. Der Versuch die Gesellschaft zu beeinflussen und die eigenen Wahrheiten in die Öffentlichkeit zu tragen. Die Vita Kontemplativa: Sie ist ein nachdenkliches Leben. Der Versuch sich selbst zu bilden und Wahrheiten und Weisheit zu erkennen und sich eine Identität aufzubauen.

Muslime verbinden die Vita Kontemplativa mit den Sufis. Diese würden ein zurückgezogenes Leben führen, bloß Andacht (arab. Zikr) betreiben und nicht teilnehmen und partizipieren an öffentlichen Angelegenheiten. Dieser Gedanke geht bei Türken auf ein Trauma zurück, das Trauma des Zusammenbruchs des Osmanischen Reiches.

Wären die Sufis, die wertgeschätzt wurden von vielen Sultanen, aktivistischer gewesen, wäre das Reich nicht zusammengebrochen. Aus ihrer Inaktivität ergab sich die Situation der Unruhe. Seit der Gründung der Republik Türkei wurden Muslime im eigenen Land immer politisch bedrängt. 

Deshalb sahen sie die Rettung darin, sich gegen den neuen türkischen Staat zu wehren, der Muslime auf eine Art und Weise unterdrückte, die unsere Umstände im heutigen Deutschland als erste von 8 Stufen des Paradieses dastehen lassen. Luft nach oben ist allemal auch hier. 

Die Missstände in der Türkei für Muslime traumatisierten die türkischen Muslime. Sie haben sich davon noch nicht erholt. Erbakan Hodscha wurde in der Türkei beispielsweise gesagt: „Geh in die Moschee und lies Koran.“ Und er antwortete: „Ihr sagt, ich soll in die Moschee und Koran lesen, aber wenn ich Koran lese, lese ich, dass ich mich öffentlich auf dem Wege Allahs bemühen (arab. Dschihad) soll.“

Übersetzen wir das in eine universale Sprache: „Ihr sagt, ich solle mich der Vita Kontemplativa hingeben, im Koran aber steht, ich solle mich der Vita Aktiva hingeben.“ Diese Mentalität ist in vielen Muslimen, nicht nur türkischen. Sie war richtig – zu ihrer Zeit, an ihrem Ort.

Würde Erbakan Hodscha heute leben und die heutigen Umstände sehen, würde er andere Dinge ansprechen. Ideen und Gedanken entstehen nicht im luftleeren Raum. Ein gesellschaftliches Klima lässt sie aufkommen. Einem Genie kommen in verschiedenen Klimata verschiedene Ideen. Der Funken Gottes ist einer, drückt sich jedoch vielfältig aus.

Sprache

Foto: Aaron Amat, Shutterstock

Sprache und Zugehörigkeit 

Bisher waren Muslime in Deutschland ganz gleich welcher Gemeinschaft nicht in der Lage, eine universale Sprache zu bilden. Dieser Missstand muss behoben werden. Denn Muslime machen den Eindruck, dass sie nur an sich und ihrem eigenen Wohl interessiert sind. Dieser Eindruck entsteht auf zweierlei Art:

1. Sie sprechen nur über Themen, die sie als Minderheit in Deutschland betreffen und nicht über Dinge, die unsere Gesellschaft insgesamt bereichern würden. 2. Sie drücken sich nicht authentisch aus. – Authentizität ist der wichtigste Faktor gelungener Kommunikation. Muslime haben ihre Sprache noch nicht gefunden.

Im ersten Schritt müssen sie sich klar darüber werden, wo sie hingehören. Dazu gehört ein gesundes Selbstbewusstsein. Das besitzen sie nicht, da sie in sich gespalten sind. Europa verlangt Bekenntnis zu sich. Beispielsweise wurde ich selbst oft verurteilt, wenn ich mich als Türke bezeichnete.

Damit würde ich mich selbst von Deutschland und Europa ausschließen, sagten mir Deutsche. Nichts ist radikaler als der Gedanke, ich gehöre nicht zu Deutschland und Europa, weil ich mich „auch“ als Türke bezeichne. Warum denken Deutsche so? Weil Europa ein Narrativ ist, eine Erzählung. 

Es ist auf Vorstellungen von Gut und Böse aufgebaut. In diesem gehören Türken nicht dazu. Europa sei das Gute und dieses Narrativ muss aufrechterhalten werden. Das türkische Narrativ beinhaltet, dass die Osmanen nicht das Böse an sich waren. Was ist wahr? Europa ist nicht an sich das Gute, aber es ist auch gut. Die Türken sind nicht an sich das Gute, aber sie sind auch gut. 

Dazu fällt mir eine Szene aus der Star Wars-Saga ein. Obi-Wan Kenobi kämpft gegen seinen alten Schüler, Anakin Skywalker. Dieser ist zum „Bösen“ übergetreten. Nachdem Anakin also zum bösen und erbarmungslosen Darth Vader wurde, sagte er zu Obi-Wan: „Ihr seid entweder für mich oder gegen mich.“ Obi-Wan antwortet: „Nur das Böse denkt in Absoluten.“ – Denken wir darüber bitte länger nach.

Denn tun einige in der Öffentlichkeit nicht genau das? Wenn du nicht für dieses und jenes bist, dann bist du gegen uns. Ist nicht das die Mentalität, die von nicht wenigen vertreten wird? Und ist nicht eben das ein Verrat der Werte, die wir als europäisch bezeichnen? Hatte Europa diese Sitte einstiger Inquisition nicht überwunden? – Was hat das mit der Sprache der Muslime und ihrer Kultur zu tun?

Aufgrund dieser Atmosphäre bleiben Muslime mit geringem Selbstbewusstsein weder Mut noch Kraft sich eine eigene Identität zu bilden, geschweige denn sie in irgendeiner Weise zu formulieren. Beständig müssen sie fürchten, getadelt und verunglimpft zu werden, wenn sie irgendetwas sagen, was nur den Anschein von Kritik gegenwärtiger Zustände hat. Muslime steigen nur auf bereits fahrende Züge auf, bringen keine kreativen Ideen in Debatten ein, denn die Angst irgendwie aufzufallen, ist zu groß. 

Weimar ist eine Arche Noah 

Aufgrund ihrer Angst sind sie nicht bloß in ihrer Vita Aktiva eingeschränkt, sondern auch in ihrer Vita Kontemplativa, d.h., dass nicht einmal ihre Gedanken frei sind. Ständig müssen solche Muslime denken: Wie wird mir diese Handlung wohl wieder ausgelegt werden? Was wird mir wohl morgen unterstellt?

Man ist in einem Dauerzustand der Anspannung. Auch ich befand mich in diesem Zustand, doch ich befreite mich mittels der Ideen von Schiller, Wieland, Herder und Goethe. Sie lehrten mich, wie in Deutschland frei gelebt werden kann.

Wieland beschreibt, was die große Zeit von Weimar auch uns Muslimen bedeutet: „Und seht mit euern eigenen Augen, dass Weimar, dass von bösen Buben und Toren, so verlästerte Weimar, die wahre Arche Noah ist, wohin sich die wenigen Guten aus einer verdorbenen Welt vor der herannahenden Sündflut retten können.“

So wie die Sunna des Propheten und seine Familie eine Arche Noah sind für den Muslim in theologischen Dingen, so ist Weimars Weisheit eine Arche Noah für den Muslim in ideellen Dingen. Denn: Weimar ist der Höhepunkt der Kultur- und Geistesgeschichte, nicht nur der deutschen; als Teil des Abendlandes ist es der Höhepunkt der abendländischen Kultur- und Geistesgeschichte.

Es soll nicht blind als wahr angenommen werden, was das Viergestirn vermittelte, sie waren sich selbst nicht immer einig, aber ihr Denkstil ist uns ein Vorbild. Ja, sie haben Stil im Denken. 

Vor allem in der Formung unserer Sprache müssen wir in diese Zeit zurück. Das Viergestirn hat ganz Deutschland mit seiner Sprache beeinflusst. Wieland muss von Muslimen erst entdeckt werden. Nicht einmal deutsche Muslime haben sein Potential bisher erkannt, obwohl er Namen wie „Idris“ und „Eblis“ bereits ins Deutsche einführte. Carl August, der Fürst von Weimar, nannte ihn seinen „Danischmend“.

Diesen Begriff lernte er selbst von Wieland. Wieland schrieb Fürstenspiegel und mehr. Er spricht von Menschenrechten, dem Ziel und Zweck der Pressefreiheit oder beschreibt die Eigenschaften, die es erlauben, einen Menschen als „barbarisch“ zu bezeichnen.

Weimar lehrt es, eine universale Sprache zu sprechen, um nicht bloß von Menschen aus den eigenen Reihen angemessen verstanden zu werden, sondern um universale Werte, die für alle gelten, zu formulieren. Wer mehr zu ihm lesen möchte, dem sei das Buch „Ein paar Goldkörner oder Was ist Aufklärung?“ empfohlen. Wir sehen: Wer mit Weimar nur Goethe verband, der irrte gewaltig, Weimar ist Wieland ja auch, Schiller und Herder, o Herr! 

Foto: Steffen Schmitz (Carschten), via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 4.0

Weimar ist eine gelebte Ringparabel. Es interessiert das Viergestirn nicht, ob jemand jüdisch, christlich oder muslimisch betet und fastet, das Viergestirn interessiert sich für die Wirkung, die Religion und Kunst auf den Charakter des Menschen machen. Zu welchen wohltätigen oder künstlerischen Werken gibt dir dein Glauben die Inspiration?

In einem Zweizeiler von Goethe und Schiller heißt es: „Hast du etwas, so gib es her und ich zahle was recht ist, / Bist du etwas o dann tauschen die Seelen wir aus.“

Zu welchen Werken inspiriert uns Muslime unsere Religion? Diese Frage stellt uns Weimar. In diesem Sinne ist es unsere Arche Noah. Weimars Weisheit lässt jedem seinen Glauben und schaut auf die Wirkung, die er auf eine Person macht.

Auch Muslime kennen den Satz: „Mein Herz ist rein.“ Das sagen Menschen gerne, die nicht wohltätig und ehrfürchtig sind. Sie entschuldigen ihre Untätigkeit mit der Aussage, dass ihr Herz ja rein sei. All diesen Menschen ist der Zweizeiler mit dem Titel „Inneres und Äußeres“ von Goethe und Schiller gewidmet: „»Gott nur siehet das Herz.« – Drum eben, weil Gott nur das Herz sieht, / Sorge, dass wir doch auch etwas Erträgliches sehn.“

Wir können es auch „Vita Kontemplativa und Aktiva“ nennen, wenn wir bei den Begriffen bleiben möchten vom Anfang. Wir sehen: Wer Weimars Weisheit verinnerlicht, achtet auf sein eigenes Herz und zu welchen Aktivitäten und Taten ihn sein Herz antreibt. Das ist das Fundament einer deutsch-muslimischen Kultur, die im Begriff ist, sich zu bilden. Seien alle gesegnet, die dazu beitragen.

Schuldenbremse: Der Augenblick und das Trauma 

Schuldenbremse

Die sogenannte Schuldenbremse zwingt die Regierung zu kurzem Innehalten.

Im Haus der Weimarer Republik wird aktuell an eine geschichtliche Erfahrung erinnert: die Hyper-Inflation 1923. „Nichts hat das deutsche Volk – dies muss immer wieder ins Gedächtnis gerufen werden – so erbittert, so hasswütig, so hitlerreif gemacht wie die Inflation“, schrieb Stefan Zweig in seinen Erinnerungen über „Die Welt von Gestern“.

Schuldenbremse: Hyperinflation traumatisierte die junge Weimarer Republik

Die Regierungen der Weimarer Republik, finanziell von gigantischen Kriegsfolgelasten geplagt, sahen keinen anderen Weg, als die Finanzierung mit dem Gelddrucken zu gewährleisten. Nach Angaben der Reichsbank zirkulierten am Ende der Hyperinflation rund 496 Trillionen in regulären Banknoten.

Im November 1923 war die Währung völlig zerrüttet und ein Brot kostete über 800 Milliarden Mark. Im letzten Jahrhundert rettete die Einführung der Rentenmark die Weimarer Ökonomie, bevor dann 1929 die Weltwirtschaftskrise, Bankenpleiten und Massenarbeitslosigkeit Millionen Deutsche zu Beginn der 1930er Jahre endgültig in die Arme der Nationalsozialisten trieb.

Das Trauma dieser Erfahrungen und die Erkenntnis, dass die Ökonomie Teil des Schicksals ist, reicht bis in die Gegenwart. In der verschärften Inflation seit Ausbruchs des Ukraine-Krieges ist es der enorme Anstieg der Rohstoff- und Energiekosten, der die Preise wieder steigen lässt. Viele BürgerInnen im Land beklagen die Auswirkungen der Teuerung in ihren Geldbeuteln.

Auf dem Rundgang durch die Sonderausstellung 1923 in Weimar werden die Besucher hinsichtlich sich andrängender Parallelen beruhigt. Auf den Schautafeln der Ausstellung werden die Unterschiede zur Vergangenheit und die noch beherrschbaren Inflationsraten in der aktuellen Krise betont. Aber, angesichts der Polarisierung der Menschen, den wachsenden Schulden und der steigenden Bedeutung der Rechtspopulisten werden die Vergleiche zu den Weimarer Verhältnissen immer wieder bemüht.

Eine erfolgreiche Wirtschaft federt Konflikte ab

Und, man wird daran erinnert, dass viele gesellschaftliche Konflikte sich mit den Mitteln einer florierenden Wirtschaft leichter abfedern lassen. Wie die Verteilungskämpfe der Bundesrepublik sich unter den Vorzeichen echter ökonomischer Zerrüttungen gestalten, bereitet vielen im Land starke Kopfschmerzen. Die alten Befürchtungen vor dem Rechtsruck, der Europa zurück in den Nationalismus führt, ist längst zur Wirklichkeit geworden.

Die Diskussionen über die Werthaltigkeit des Geldes und die – typisch deutsche – konservative Haltung gegenüber der Verschuldung, hat eine lange Tradition. Im Jahr 2012 erinnerte der ehemalige Präsident der Bundesbank, Jens Weidmann, an den traditionellen Kontext der ökonomischen Grundhaltung der Bevölkerung. Für den Banker erkannte bereits Goethe das Kernproblem der Geldpolitik.

Der Dichter hatte in seiner Zeit das Dilemma der Heutigen, auf Papiergeld fußenden Wirtschaft analysiert und literarisch festgehalten. Weidmann beeindruckt, dass der Finanzminister des Fürstentums den potenziell gefährlichen Zusammenhang von Papiergeldschöpfung, Staatsfinanzierung und Inflation – und somit den Abgrund ungedeckter Währungsordnungen – in „Faust II“ beleuchtet.

Durch den staatlichen Zugriff auf die Notenbank in Verbindung mit großem Finanzbedarf wurde die Geldmenge häufig zu stark ausgeweitet, das Ergebnis war die Geldentwertung.

Foto: Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 3.0

Thema Inflation ist zurückgekehrt

Das Thema scheint uns in diesen Tagen wieder einzuholen. Über Jahre hielt die Bundesregierung die schwarze Null. Coronapandemie, Ukraine-Krieg und Energiekrise zwangen den Staat zur Aufnahme von Rekordsummen. Die deutschen Staatsschulden sind im Jahr 2022 um 71 Milliarden auf 2,57 Billionen Euro gestiegen.

Allerdings führen ausufernde Verbindlichkeiten (und das Geld drucken) allein nicht automatisch zu hoher Inflation. Seit der Finanzkrise 2007/8 waren die Inflationswerte in Deutschland und in vielen anderen wichtigen Industriestaaten niedrig – trotz steigender Staatsverschuldung. Ob das so bleibt, ist umstritten.

Kritisiert wird die aktuelle Schuldenpolitik vor allem von Ökonomen aus dem rechtskonservativen Lager wie Monetaristen, neoliberalen Vertretern marktradikaler Wirtschaftstheorien oder Anhängern der österreichischen Schule.

Demgegenüber stehen Meinungen, welche den Schuldenstand als unproblematisch erachten und sogar davor warnen, dass man sich tot spart. Ob ein Weg zum nachhaltigen Wohlstand ohne Rücksicht auf die Neuverschuldung gelingt, ist eine der großen Glaubensfragen unserer Zeit.

Es ist wichtig, die psychologische Seite im Kontext ökonomischer Dynamik zu verstehen, die den Alltag mehr den je prägt. Hans Binswanger erklärt in seinem Buch „Geld und Magie“ das Dogma der Moderne: Das Wachstum der Wirtschaft ist der Maßstab für die Entwicklung der Menschheit. Der Ökonom versteht die Geldwirtschaft im Sinne eines alchemistischen Prozesses: die Suche nach dem künstlichen Gold mit anderen zeitgemäßen Mitteln.

Die wundersame Geldvermehrung hat an ihrer Strahlkraft bis heute wenig verloren. Unter der permanenten Notwendigkeit des ökonomischen Wachstums wächst die zunehmende Unfähigkeit, den Reichtum, den man erzeugt, zu genießen.

„Der Investor ist daher in höchstem Maße durch die Sorge über die künftige Entwicklung der Wirtschaft geplagt. Nie kann er sich mit der Gegenwart zufrieden geben. Er wird vielmehr prognosesüchtig. Er hält nach allen Arten von Prophezeiungen Ausschau und fühlt sich ständig von Unglücksbotschaften bedroht.“

Aus diesem Phänomen erklärt sich unsere Unfähigkeit, aktuelle Ereignisse in ihrer Bedeutung, länger ins Visier zu nehmen, da sich am Horizont stets neue, größere, bedrohlichere Szenarien abzeichnen. Die sozialen Medien verstärken den Eindruck kurzer Verfallszeiten menschlicher Aufmerksamkeit – sei es in den Modi der Empörung, Nachdenklichkeit oder Betroffenheit. Hoch im Kurs stehen Sender mit großen Reichweiten, die Emotionen und simple Botschaften unter das Volk streuen.

Foto: Deutscher Bundestag / Thomas Trutschel / photothek

Tragik der Volkswirtschaften: keine Investitionen in die Zukunft

Es gehört zur Tragik unserer Zeit, dass die Volkswirtschaften hohe Summen nicht in wichtige Zukunftsprojekte investieren, sondern unter dem Druck der Verwerfungen in die Bewältigung destruktiver Krisen verschwenden. Goethes Faust suchte den Ausweg durch den Fortschritt in die selbst geschaffene, in die alchemistische Lehre der Geld- und Wertschöpfung, von der die Sorge ausgeschlossen scheint, weil in ihr die Begrenzung der Welt und der Zeit aufgehoben ist.

„Wir leben die Überzeugung des modernen Menschen, er könne alle negativen Folgen der Technik und des wirtschaftlichen Wachstums mit immer noch mehr Technik und immer noch mehr wirtschaftlichen Wachstum überwinden“, schreibt Binswanger.

Die Idee eigener Machtvollkommenheit lässt uns den grenzenlosen Schöpfungsprozess selbst fortsetzen. Darüber hinaus schafft das Vermögen, gigantische Geldmengen aus dem Nichts zu schaffen, gewaltige Machtoptionen: Finanzierbar werden Programme zur Sozialversorgung, zum ökologischen Umbau und neue Rüstungsprojekte zur Absicherung geopolitischer Interessen. Der Preis für diese Strategie ist hoch, denn den Fortschritt aufzuhalten oder mit dem aktuellen Zustand abzuschließen wird zur Illusion. Die Maxime lautet letztlich, mangels nachhaltiger Alternativen: weiter so.

Ironischerweise ist es in diesen Tagen das Bundesverfassungsgericht, das der Dynamik der Geldschöpfung einen Riegel vorschiebt und an die grundgesetzlich verankerte Schuldenbremse erinnert. Die Regierung hatte mit einem Buchungstrick 60 Milliarden Euro, ursprünglich für die Bewältigung der Corona-Krise vorgesehen, in einen anderen Topf verbucht und damit den Klima- und Transformationsfonds finanziert.

Für Metamorphosen fehlt das Geld

Jetzt fehlt das Geld an allen Enden, um eine Metamorphose einzuleiten, die in ihrem Ausmaß einer industriellen Revolution gleicht. Die Karlsruher Richter zwingen die Politik zu einem kurzen „Augenblick verweile“. Über den Stillstand ist nicht zuletzt der Bundeswirtschaftsminister, Robert Habeck, nicht glücklich: „Ich persönlich mache keinen Hehl daraus, dass ich die Art, wie die deutsche Schuldenbremse konstruiert ist, für zu wenig intelligent halte.“

Er befürchtet, dass an der altmodischen Bremse die Mission des ökologischen Umbaus und die Abfederung ihrer sozialen Folgen an Finanzierungsfragen scheitert. Statt von langfristiger Haushaltspolitik ist von Notlage und Ausnahmezustand die Rede. Die Vision, die Bundesrepublik von der Abhängigkeit von Gas- und Ölimporten zu befreien und auf alternative Energie umzustellen, ist das Jahrhundertprojekt des Landes. Die Regierung steht unter hohem Druck. Im Moment hält sich die Koalition zwischen Grünen, Sozial- und Freidemokraten trotz des Gegenwindes.

Es ist weniger die Sympathie der Koalitionäre und eine gemeinsame Überzeugung, die das Bündnis zusammenhält und Neuwahlen verhindert, sondern die Aussicht auf Weimarer Verhältnisse, die sich in den Wahlerfolgen der neuen Rechten im Land zeigen. Hier schließt sich der Kreis, ökonomische Probleme und das Schüren von Ängsten sind der ideale Nährboden für das Erstarken von Populisten.

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Die IZ-Redaktion bleibt den „Weimarer Gesprächen“ verpflichtet

(iz). Die Muslime in Weimar – ein „Happening“, eine „Provokation“ oder auch eine denkbare Quintessenz ihrer Präsenz in Deutschland? Schon seit Jahren lädt die Islamische Zeitung immer wieder zu Seminaren […]

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Die Islamische Zeitung lud zu einem Tagesseminar nach Weimar, das Goethes Verhältnis zum Islam gewidmet war. Von Ali Kocaman

„Goethes persönlicher Dialog mit dem Orient mündete in einem ­erhabenen Meisterwerk der Dichtung, das als „West-östlicher ­Diwan” bekannt wurde. Ein Buch, welches unglücklicherweise in Deutschland kaum bekannt ist. Es ist […]

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Die IZ als Reiseführer. Auf dem Weg durch Ostdeutschland

(iz). „Reisen bildet“ – diese Maxime gilt auch etwas in der islamischen Lebenspraxis. Zu einem umfassenden Bild deutscher Landschaften gehört natürlich der Besuch des Ostens. Nur, viele Muslime scheu­en sich […]

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Weimar drängt sich auch heute noch als die Kulturwerkstatt der Nation auf. Von Abu Bakr Rieger

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iz.TV: Ahmad Gross, Leiter der Islamischen Gemeinschaft Potsdam über seine Erfahrungen im Osten Deutschlands

Köln/Berlin (iz). Vor wenigen Tagen machte Bundespräsident Christian Wulff in seiner Rede zum 20. Jahrestages der Wiedervereinigung von sich Reden, als er darauf aufmerksam machte, dass auch der Islam Teil […]

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