Wege zur geistigen Gesundheit

„Niemals habe ich mich mit etwas Schwierigerem befasst als mit meinem eigenen Selbst, das mir manchmal hilft und sich mir […]

6.08.2026 Sulaiman Wilms 8 Min. Lesezeit

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„Niemals habe ich mich mit etwas Schwierigerem befasst als mit meinem eigenen Selbst, das mir manchmal hilft und sich mir manchmal entgegenstellt.“ Imam Al-Ghazali

(iz). Im intellektuellen Erbe des Islam wurde geistige Gesundheit offen behandelt. Angefangen vom Propheten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, seinen Gefährten, möge Allah mit ihnen zufrieden sein, und folgenden Persönlichkeiten spielte sie eine aktive Rolle in seiner Kultivierung. Wo also kam die Verstellung der Scham bei Problemen der seelischen Gesundheit her? Oder der Glaube, ein Muslim sei unverletzlich und dass Glaube allein dabei helfe, sie zu ordnen? Wie stark haben sie die muslimische Gemeinschaft beeinflusst? Was liegt vor uns? Es ist nicht ungewöhnlich, von Muslimen Aussagen wie diese zu hören: „Ein Muslim kann nicht von Depression betroffen sein“ oder „Depression ist die Folge von schwachem Glauben. Alles, was ihr tun müsst, ist mehr zu beten“. 

Mit Material von Sulaiman Wilms, Dr. R. Awaad, D. Elsayedand und Hosam Helal.

Zur Rechtfertigung dieser Haltung wird auf solche Qur’anverse zurückgegriffen: „Gewiss diejenigen, die glauben und rechtschaffene Werke tun, das Gebet verrichten und die Abgabe entrichten, die haben ihren Lohn bei ihrem Herrn, und keine Furcht soll sie überkommen, noch werden sie traurig sein.“ (Al-Baqara, Sure 2, 277)

Dieser Vers wurde allerdings von den frühen Muslimen als Bezug auf die Gläubigen im Jenseits verstanden. Imam At-Tabari erwähnt hierzu: „Allah ist zufrieden mit ihnen und Er gewährt ihnen Errettung und Gnade. Noch werden sie sich darüber grämen, was ihnen in dieser Welt entging.“ Ibn Kathir stimmt dem zu: „Die Gläubigen haben keine Angst vor dem, was am Tag der Auferstehung kommen wird. Noch empfinden sie Trauer über das, was sie in der Welt zurückgelassen haben.“

Auf Facebook überraschte der US-Prediger Yasir Qadhi vor einigen Jahren mit einem Eingeständnis: Er habe sich geirrt. Früher glaubte er, ein Muslim könne keine Depression entwickeln, wenn er nur einen ausreichenden Glaube habe. „Ich lag daneben, sehr daneben. Depression ist real.“ Und auch wenn Glaube, Familie und andere Faktoren helfen, seien sie keine Garantie, dass sie nicht existiert. „Aber, und ich sage das laut und deutlich, der durchschnittliche Schaikh ist NICHT qualifiziert als Familienberater oder Psychiater“, um bei Depression, Traumata, sexuellem Missbrauch oder Drogensucht zu helfen.

Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums gehören depressive Störungen zu den häufigsten und „hinsichtlich ihrer Schwere am meisten unterschätzten“ Erkrankungen. Bis 2020 würden sie laut Weltgesundheitsorganisation weltweit die zweithäufigste Volkskrankheit sein. Allein bei uns, so das ZDF im November 2017, sollen jährlich rund 5,3 Millionen Menschen „an einer behandlungsbedürftigen Depression“ erkranken. Laut „Augsburger Allgemeiner“ erhielten 23 Prozent aller Deutschen mindestens einmal im Leben die Diagnose Depression.

Die US-Psychotherapeutin Asma Maryam Ali zählt in einer Dokumentation des Online-Projektes Glad Tidings Network Anzeichen auf, die für eine Depression sprechen könnten. „Eine Person, die depressiv ist, verliert ihr Interesse an alltäglichen Dingen. Das kann die Arbeit, Kinder oder die Intimität mit dem Ehepartner betreffen.“ Das Gefühl permanenter Müdigkeit sei ebenfalls ein Indikator. Patienten, die zu ihr kämen, berichteten oft von starker Ermattung ohne körperliche Ursachen. „Sie schlafen einerseits mehr, aber andererseits in der Nacht nicht mehr so gut.“ 

Neben grundloser, starker Reizbarkeit erwähnt Ali das „häufigste und deutlichste Anzeichen für eine Depression“: Niedergeschlagenheit, Traurigkeit und Gefühle von Hoffnungslosigkeit. „Ist jemand deprimiert, dann nicht nur für eine Woche oder als Reaktion auf einen Verlust. Das tritt in ihr Leben und ereignet sich Woche für Woche, Monat für Monat.“

Wie andere auch, rät Asma Maryam Ali: „Mit den richtigen Leuten darüber sprechen!“ Es sei sehr wichtig, über die inneren Phänomene zu reden, die einen beeinträchtigten. „Mittlerweile erhalten so viele Leute Verschreibungen für Antidepressiva von Hausärzten. Viele in der muslimischen Gemeinschaft tun das, aber sie nehmen keine Therapie in Anspruch. Das führt dazu, dass Depression medikamentiert wird, aber das Phänomen verschwindet nicht.“ Es dominiere die Ansicht, Depression werde durch ein biochemisches Ungleichgewicht im Gehirn ausgelöst. Manchmal ist dieses Ungleichgewicht vorhanden. Es erhöhe die Neigung zu Depressionen, verursache die Erkrankung aber nicht notwendigerweise selbst. Man wird empfindlicher, sollte es dann von außen zu Auslösereizen kommen. Ein Hinweis ist hier der teilweise oder vollständige Verlust des bisherigen „Funktionierens“.

Bei Muslimen ist der Umgang mit seelischen Erkrankungen nicht simpel. Praktiker und Theoretiker beklagen noch, dass die Frage nach dem Geisteszustand des oder der Einzelnen mit Tabus und Stigmata behaftet ist. Ein Beispiel dafür war der eingangs erwähnte Yasir Qadhi.

Diese Erfahrung musste die britische Ärztin Sima Barmania in ihrer Kindheit sowie in ihrem persönlichen Umfeld machen. Diese Eindrücke beschrieb sie in einem Artikel für das renommierte Magazin „The Lancet“. Es habe in ihrer Kindheit geheißen, Muslime würden das nicht kennen „Depression gibt es nicht im Islam“, lautete der Chor verschiedener Stimmen. Hieß das, Muslime seien immun für diesen Zustand?  Und noch Jahre später habe eine hochgebildete Frau während einer Diskussion gesagt: „Depression gibt es nicht. Wissen Sie, das ist eine westliche Krankheit.“ Nur diejenigen, die schwach im Glauben seien, wären davon betroffen. Der nicht ausgesprochene Vorwurf lautet: Depression sei die existenzielle Strafe für etwaiges Fehlverhalten.

Solche Negativwahrnehmungen tragen nicht dazu bei, um bei einem niedrigen Selbstwertgefühl und unerschütterlich negativen Gedanken zu helfen. Diese seien oft so alles verzehrend für jene, die Depression erführen. „Solch ein starkes soziales Stigma ist sehr schädlich. Es führt oft dazu, dass Leute eine dringend benötigte Diagnose und Behandlung hinauszögern. Das ist besonders beunruhigend, wenn die Leidenden auch Selbstmordgedanken hegen. Verkompliziert wird das Dilemma, weil im Islam Selbstmord verboten ist.“

Der junge US-Gelehrte Schaikh Omar Husain, der auch einen Abschluss als Familientherapeut hat, gehört zu jenen muslimischen Stimmen im Westen, die sich gegen Mythen in Sachen seelischer Erkrankungen und der damit verbundenen Stigmata aussprechen. Husain wendet sich vehement gegen die Vorstellung, Therapie sei etwas für Weiße beziehungsweise Europäer. In den letzten Jahren habe es erheblich Fortschritt hin zu einem multikulturellen Ansatz gegeben. Die existente Vielfalt habe auch Einzug in die Ausbildung gehalten. Deutlich widerspricht der US-Amerikaner der Idee, mentale Probleme seien Zeichen einer „Schwäche“. Das sei einfach nicht wahr. „Geistige Gesundheit ist eine menschliche Herausforderung. Wir haben viele Gebete des Propheten, in denen er Zuflucht nimmt vor Traurigkeit, Depression und Trauer. Menschen erfahren diese Dinge.“

Genauso unsinnig sei darüber hinaus die fixe Idee, Beratung oder Therapie leugneten das Vertrauen in Allah. Schaikh Omar Husain ist gegenteiliger Ansicht. „Beratung ist ein Medium, das Allah uns gegeben hat. Die Einnahme von Medizin hebt nicht unser Vertrauen in Allah auf. Wir glauben immer, dass Er es schlussendlich ist, von Dem Heilung kommt. Bei der Therapie ist es nicht anders. Der Therapeut ist nur ein Medium. Solange er unsere Werte respektiert, was der Standard ist, stellt die Behandlung nicht Allah als letzte Autorität in Frage.“

Die Propheten, deren Vertrauen auf und Glaube an Allah unerreicht ist, erfuhren intensive emotionale Herausforderungen und erkannten sie an. Teil der Menschlichkeit von Muhammad, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, wird belegt durch die Kämpfe, die er führen musste und wie er diese überwand. In seiner Widerstandsfähigkeit demonstrierte er eine Reihe von Lektionen für uns, wenn wir in ähnlichen Lebenslagen sind. Der Gesandte Allahs erlebte während eines ganzen Jahres der Trauer so tiefe Traurigkeit, dass Chronisten es als „das Jahr der Traurigkeit“ bezeichneten.

Teil des Umgangs mit dem Leid im eigenen Leben beinhaltet die Anerkennung der eigenen Gefühle. Während er zusah, wie sein Sohn Ibrahim den letzten Atemzug tat, zeigte der Prophet Muhammad die Wichtigkeit der Vorsicht mit eigenen Worten. Er fokussierte sich darauf, sich mit der Realität abzufinden und den Willen Allahs zu akzeptieren – mit Zufriedenheit und Heilung. Als Tränen seine gesegneten Wangen herunterflossen, sagte er: „Wahrlich, die Augen vergießen Tränen und das Herz empfindet Kummer. Und doch sagen wir nichts anderes als das, was unserem Herrn gefällt. Dein Weggang, O Ibrahim, lässt uns alle sicherlich tief betrübt zurück.“

Er lehrte auch einen ganzheitlichen Ansatz zu Heilung. Dazu gehörten spirituelle Übungen (wie die aufmerksame Erinnerung an Allah, eine denkerische Umformulierung im Lichte des göttlichen Willens sowie besondere Bittgebete bei Sorge und Traurigkeit), Steuerung der Gefühle sowie Sorgsamkeit für den Körper.

Islamische Psychologie bot ein ganzheitliches Modell, welches das Herz in den Mittelpunkt stellte; und es mit Geist, Körper, Seele und Gefühlen verband. Der interdisziplinäre Ansatz zum Verständnis psychischer Probleme half muslimischen Gelehrten beim Schluss, dass ihre Ursachen an mehreren Faktoren hängen. Sie gingen davon aus, dass Biologie, erbliche Faktoren (heute: Genetik), Umfeld und Spiritualität daran beteiligt sind. Aus diesem Grund schrieben sie diesen Krankheiten nicht simpel einer Schwäche des Glaubens zu. Sie erkannten und bestätigten die Wirkung spiritueller Kräfte auf die geistige Gesundheit, aber waren zur selben Zeit offen (und aktiv) für andere Erklärungen und Behandlungen wie Medizin, kognitives Training sowie Gespräch mit entsprechenden befähigten Personen.

Um nach vorne zu schauen, ist es wichtig, dass wir aus unserer Vergangenheit lernen. Um unseren modernen Gemeinschaften Heilung zu bieten, müssen wir unsere Geschichte verstehen. Und um unser großartiges intellektuelles Erbe wiederzubeleben, müssen wir es als eines anerkennen, das sich durch seinen ganzheitlichen Heilungsrahmen zutiefst dem psychischen Wohlbefinden verpflichtet hat. Wir müssen auch das Stigma der geistigen Gesundheit, das in unseren Gemeinschaften besteht, kritisch bewerten – einschließlich unserer Vorbehalte gegenüber Diagnosen und der Behandlung psychischer Leiden.

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