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Syrische Stimmen: In Deutschland angekommen

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Bashar Abdo und Ameer Ghazy sind aus Syrien nach Deutschland geflohen. Was die beiden verbindet und worin sie sich unterscheiden – zwei Beispiele dafür, wie divers die syrische Community in Deutschland ist.

Bonn/Berlin (KNA) Den Sturz des Assad-Regimes in Syrien hat Bashar Abdo auf dem Smartphone verfolgt. „Es macht mir Angst zu sehen, wie Abu Mohammed al-Dschulani mit seiner Islamistengruppe Haiat Tahrir al-Scham von den Medien gefeiert wird“, sagt der 34 Jahre alte Syrer. Während er spricht, sitzt er angespannt auf seinem Bürostuhl in der Bonner Telekomzentrale und umklammert einen Kaffeebecher. Von Julia Rosner und Nikolas Ender

Blick aus Deutschland: Befürchtungen bezüglich HTS

2013 floh der damalige IT-Student aus Aleppo, weil er nach dem Examen zum Militär gehen sollte, wie er sagt. „Ich war neun Monate lang in der Türkei und dachte, der Krieg ist bald zu Ende“, erinnert er sich. Heute lacht er über diesen Satz. An ein Ende des Krieges glaubt er nicht mehr – auch nicht nach den Ereignissen der vergangenen Woche.

Abdo, der fließend Deutsch spricht, arbeitet seit drei Jahren als Data Engineer. Nebenbei ist er bei den Grünen engagiert, fährt Rad und geht dreimal in der Woche mit seinen Freunden schwimmen. „Ich bin froh, dass Assad und seine Familie nach 54 Jahren weg sind“, sagt er. „Sie haben Menschen getötet und gefoltert.“

Er wünscht sich nach eigenen Worten nichts sehnlicher, als ohne Angst nach Aleppo zurückzukehren, noch einmal durch den Olivenhain seines Vaters zu spazieren und im elterlichen Haus einen Tee zu trinken. Doch für immer zurückgehen könne er nicht: Seine Familie gehöre der kurdischen Minderheit im Land an, die täglich Gewalt erlebe.

HTS-Führer Al-Julani im ersten Interview mit einer westlichen Reporterin nach der Einnahme von Aleppo. (Screenshot: CNN)

„Ich habe Bedenken, dass die Leute von Haiat Tahrir al-Scham nicht besser sind als Assad. Sie sind eine Terrororganisation“, sagt er. Seine Tante, die anders als der Rest der Familie in Syrien geblieben sei und sich um die 500 Olivenbäume der Abdos kümmere, berichte täglich über Gewalt gegen Kurden. Erst vor ein paar Tagen habe sie erzählt, wie Abdos Cousin ohne Grund verhaftet worden sei und jetzt gefoltert werde. „Als Kurde hast du in Syrien keine Zukunft“, sagt Abdo.

Der Ingenieur warnt davor, junge Syrer und besonders Kinder, die in Deutschland gut integriert seien, jetzt überstürzt zurückzuschicken. „Sie sind nach so vielen Jahren Fremde für Syrien. Das ist nicht einfach. Dazu kommt, dass die Infrastruktur durch den Krieg komplett zerstört ist.“

Für seine nicht-kurdischen Landsleute, die aus eigenem Willen jetzt in die Heimat zurückkehren wollen, zeigt er dennoch Verständnis. „Wer religiös ist und die Mentalität Haiat Tahrir al-Schams hat, kann in Syrien jetzt vielleicht besser leben.“

Ameer Ghazy fühlt sich „als Deutscher“

Während Abdo an die Olivenhaine seines Vaters denkt, erinnert sich Ameer Ghazy an den süßen Duft von Jasmin in Damaskus. Zu Hunderten sei das Blümchen in den Straßen seiner Heimatstadt gewachsen, bevor es ab 2012 dem Geruch von Bomben und Munition habe weichen müssen.

Heute lebt der 32 Jahre alte Katholik mit seiner Familie in Berlin-Moabit, ist verheiratet und hat eine Tochter. In Syrien hatte er ein Importgeschäft mit Maschinenbauteilen, in Deutschland hat er in diesem Jahr ein Unternehmen gegründet, das Software und Social-Media-Marketing vertreibt. Von Anfang an sei es sein Ziel gewesen, anzukommen und zur Mitte der Gesellschaft zu gehören, wie er sagt.

Einbürgerung Extremisten kurzmeldungen

Foto: mpix-foto, Adobe Stock

In Syrien sei er geboren, Deutschland sei seine Heimat. Er habe nicht nur die deutsche Staatsbürgerschaft, sondern er fühle sich auch als Deutscher – auch wenn ihm manche das absprächen. Schließlich habe er den größten Teil seines Erwachsenenlebens in dem Land zwischen Nordsee und Alpen verbracht.

Die Diskussion um eine Rückkehr der syrischen Community versteht er nicht. „Ich habe inzwischen eine Familie hier – wie viele meiner syrischen Freunde.“ Anstatt Rückführungsdebatten zu führen, wünscht sich Ghazy von der Bundesrepublik mehr Engagement in seinem früheren Heimatland. Die Zukunft gehöre den Syrerinnen und Syrern, den Rückzug internationaler Großmächte sehe er positiv.

In seiner Berliner Wohnung riecht es noch nach seiner Geburtsstadt Damaskus, denn er hat ein Fläschchen mit Jasminduft gekauft. Wenn ihn jemand fragt, ob das nicht nur ein Duft für Frauen sei, sagt er: „Nein, Jasmin ist für alle da.“

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Zwischen Bangen und Hoffen

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Bangen und Hoffen: Die Bundesbürger sind mit multiplen Sorgen konfrontiert. Davon sind auch Muslime betroffen.

(iz). Den alten Chinesen wird der Fluch „mögest Du in interessanten Zeiten leben“ zugeschrieben. Umgekehrt ist das Zitat des Dichters und Dramatikers Bert Brecht belegt: „Glücklich das Land, dessen Geschichte sich langweilig liest“.

Es drückt die Vorstellung aus, dass ein Volk, dessen Geschichte „langweilig“ ist, in Frieden und Stabilität lebt. In solchen Zeiten gibt es keine Kriege und Krisen, die die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich ziehen.

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Foto: Deutscher Bundestag / Thomas Köhler / photothek

Bangen und Hoffen: Es wird „interessant“ in Deutschland

Es ist wohl nicht übertrieben zu sagen, dass nicht nur wir Deutschen eine „interessante“ Phase der Geschichte erleben. Nicht zuletzt hat sich seit einigen Jahren der Begriff der „Polykrise“ in der Öffentlichkeit etabliert.

Die Krisenhaftigkeit unserer Zeit, die auch in den seit langem ungelösten Grundwidersprüchen unseres Lebensstils wie dem Raubbau an der Schöpfung begründet ist, löst bei den Deutschen Ängste und Sorgen aus.

Was unter der Regierung Merkel 16 Jahre lang an Krisenerscheinungen durch billige Energie aus Russland, Exporte nach China und daraus resultierenden relativen Wohlstand abgefedert wurde, bricht sich nun inmitten von Kriegen in Osteuropa und im Nahen Osten Bahn.

Die Folge sind vielfältige Ängste. Wie Studien zeigen (s. S. 15), sind die Deutschen verunsichert: Gewalt und Sicherheit, Migration, Armut, Inflation und Klimawandel – um nur einige zu nennen.

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AfD-Kovorsitzende und Fraktionschefin Weidel spricht vor Kameras. (Juergen Novak, Shutterstock)

Von den Ängsten profitieren nur Demagogen

Von diesen Ängsten profitieren – weltweit – die Bauernfänger und Demagogen. Sie haben nur selten funktionierende Lösungen für reale Probleme anzubieten, sondern setzen auch bei uns auf die Bewirtschaftung von Befürchtungen und schüren Ressentiments.

Die Erfolge der AfD bei den diesjährigen Wahlen zeigen, dass dieses Vorgehen, das etwa von Trump perfektioniert wurde, erfolgreich sein kann. Umfragen unter jungen Menschen, die allen Grund haben, sich Sorgen um ihre Zukunft zu machen, zeigen, wie wirkungsvoll dies ist.

Es ist eine bekannte Tatsache, dass in Krisenzeiten vor allem Minderheiten mit Ressentiments und Ausgrenzungen konfrontiert werden, die durch vorhandene Ängste erzeugt werden. Davon sind auch die deutschen Muslime betroffen.

Wie die EU-Grundrechteagentur FRA dokumentiert, werden sie in der Bundesrepublik nach Österreich am stärksten diskriminiert. Für die Antidiskriminierungsbeauftragte der Bundesregierung, Ferda Ataman, hat das inzwischen ein „alarmierendes Ausmaß“ erreicht. Die Bundesregierung müsse darauf reagieren. Dazu forderte sie Ende Oktober „umfassende Maßnahmen“.