In Penzberg zeigt ein neues Schild die Moschee und die Zeit des muslimischen Freitagsgebets – ein bundesweit einmaliges Signal im Straßenbild.
Penzberg (KNA) Man kennt sie vom Vorbeifahren: An vielen Ortseingängen sind Tafeln mit Gottesdienstzeiten angebracht. Meist zeigen diese Schilder gelbe und violette Kirchen, die auf katholische und evangelische Gemeinden hinweisen.
Seltener gibt es andersfarbige Tafeln mit Bezug zu weiteren christlichen Angeboten. Im oberbayerischen Penzberg hängt neuerdings auch ein Schild mit einer Moschee in Blau und Informationen zum muslimischen Freitagsgebet – womöglich eine bundesweite Premiere.
„Uns ist nicht bekannt, dass es in einer anderen Stadt in Deutschland ein vergleichbares offizielles Hinweisschild gibt“, teilte der Penzberger Imam Benjamin Idriz der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) am Mittwoch mit.
Foto: Benjamin Idriz
Zum Hintergrund erklärte Idriz, die Idee sei beim Austausch zwischen Bürgermeister und Vertretern der katholischen, evangelischen und islamischen Gemeinde entstanden. Die Pfarrer hätten angeregt, die bestehenden Hinweisschilder zu erneuern.
„Im Verlauf des Gesprächs brachte ich den Vorschlag ein, auf den neuen Schildern auch die Zeit des muslimischen Freitagsgebets aufzunehmen. Dieser Vorschlag wurde vom Bürgermeister sowie von beiden Pfarrern ausdrücklich begrüßt und anschließend gemeinsam umgesetzt.“
Am Dienstag nun habe man die erste Tafel an einem der Penzberger Ortseingänge angebracht. Drei weitere Schilder würden demnächst an den übrigen Ortseingängen installiert.
Zu den Kosten machte Idriz keine Angaben. Sie würden von den Religionsgemeinschaften mitgetragen; auch die islamische Gemeinde beteilige sich.
Foto: islam-penzberg.de
Reaktionen auf die neue Tafel seien in Penzberg bisher durchweg positiv, so der Imam. Das neue Hinweisschild werde als sichtbares Zeichen gegenseitiger Wertschätzung und des respektvollen Zusammenlebens verstanden.
„Zugleich unterstreicht es die Offenheit unserer Gemeinde: Das Freitagsgebet und die Predigt finden in deutscher Sprache statt und stehen allen Interessierten offen – Muslimen ebenso wie Nichtmuslimen.“
Anders sei das Echo teilweise in Sozialen Medien. „Dort gibt es neben zahlreichen positiven Rückmeldungen und viel Zuspruch leider auch viele hasserfüllte und muslimfeindliche Kommentare“, sagte Idriz. „Das zeigt, dass Soziale Medien häufig nicht die Stimmung vor Ort widerspiegeln.“
Die Gottesdienst-Schilder gehen auf eine Verordnung des Bundesinnenministeriums von 1960 zurück. Sie erlaubte katholischen und evangelischen Gemeinden das Aufstellen der Hinweistafeln an Ortseingängen. 2008 gab das Bundesverkehrsministerium ein Schreiben heraus, das diese Erlaubnis auf alle Religionsgemeinschaften ausweitete.
Die Satiregemeinschaft „Kirche des fliegenden Spaghettimonsters“ scheiterte im vergangenen Jahrzehnt mehrfach vor Gericht mit dem Anliegen, Gottesdiensttafeln im brandenburgischen Templin aufzustellen.
Zur Begründung hieß es, der Verein sei keine Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft. Später erlaubte die Stadt das Aufhängen gleichwohl.
In München haben führende Vertreter von Religionsgemeinschaften eine gemeinsame Erklärung des bayerischen Dialogforums „Religion und Integration“ vorgestellt. Es sendet ein Signal gegen Antisemitismus, Muslimfeindlichkeit und Polarisierung, das Imam Benjamin Idriz in seinem Plädoyer als „Manifest des Vertrauens“ deutete.
(iz). Im Bayerischen Innenministerium in München ist ein Projekt sichtbar geworden, das bereits seit Herbst 2025 im Hintergrund gewachsen ist: das „Dialogforum Religion und Integration“. Es ist eine vom Innen- und Integrationsministerium initiierte Plattform, auf der sich Vertreter nahezu aller großen Religionsgemeinschaften, Wissenschaft und zivilgesellschaftliche Akteure vernetzen.
Ein neues Forum für Religion und Integration
Unter Federführung von Innenminister Joachim Herrmann erarbeiteten die Beteiligten in mehreren, zunächst nicht-öffentlichen Sitzungen einen Text, der als „Gemeinsame Erklärung des Bayerischen Dialogforums Religion und Integration“ vorgestellt und von über zwei Dutzend führenden Persönlichkeiten unterzeichnet wurde.
Die Unterzeichnerliste reicht von den Spitzen der katholischen und evangelischen Kirche in Bayern über Vertreter der Israelitischen Kultusgemeinden und der Europäischen Rabbinerkonferenz bis hin zum Landesverband des Zentralrats der Muslime, orthodoxen Kirchen, der Deutschen Buddhistischen Union, alevitischen Organisationen, Forschungszentren und dem Bayerischen Bündnis für Toleranz.
Die Islamische Gemeinde Penzberg und das Münchner Forum für Islam sind über Imam Benjamin Idriz und Gönül Yerli sichtbar eingebunden. Das gilt als Hinweis, dass das Forum ausdrücklich auch muslimische Akteure mit lokaler Verankerung und interreligiöser Erfahrung adressiert.
Foto(s): Benjamin Idriz
Kernaussagen der gemeinsamen Erklärung
Die gemeinsame Erklärung ordnet Religion ausdrücklich in den Rahmen der freiheitlich‑demokratischen Grundordnung des Grundgesetzes und der Bayerischen Verfassung ein und spricht den Religionsgemeinschaften eine Schlüsselrolle für ein friedliches Miteinander, gesellschaftlichen Zusammenhalt und Integration zu.
Hervorgehoben werden Werte wie Menschenwürde, Solidarität, Demokratie und Gleichberechtigung, die nach Auffassung der Unterzeichner von Religionen in die Gesellschaft getragen und in ihrem verbindenden Potential sichtbar gemacht werden sollen.
Konkreter wird die Erklärung dort, wo sie Sicherheit und Freiheit spirituellen Lebens miteinander verschränkt: Der Schutz von Gotteshäusern, Gebetsstätten, religiösen Einrichtungen und Symbolen wird als gemeinsames Anliegen benannt, weil sie als Orte des Gebets, des Friedens und des Austausches verstanden werden.
Gleichzeitig verpflichten sich die Unterzeichner, Wissen übereinander zu fördern, Räume für konstruktive Begegnung zu schaffen und über Vernetzung und Dialog Religionsfreiheit wie Integration zu stärken.
Pointiert ist der fünfte Absatz, in dem die Religionsvertreter sich gemeinsam gegen Antisemitismus, Muslimfeindlichkeit, Rassismus und jede Form von Diskriminierung stellen und zugleich das Ziel formulieren, extremistische Ideologien, religiösen Fundamentalismus sowie Hass und Hetze zu bekämpfen.
Damit erfolgt nicht nur eine abstrakte Distanzierung, sondern es wird ein kollektiver Handlungsanspruch formuliert: Das Forum versteht sich als moralischer und politischer Akteur im Feld der gesellschaftlichen Auseinandersetzung um Religion, Vielfalt und Demokratie.
Benjamin Idriz’ Deutung: Dialog als moralische Verpflichtung
Im Zentrum der Vorstellung der Erklärung stand das Wort von Imam Benjamin Idriz, der die Initiative des Innenministers in ihrer Form als „einzigartig in Deutschland“ würdigte und dem politischen Raum ausdrücklich die Rolle des Brückenbauers zusprach.
Während vielerorts Gräben vertieft und Ängste politisch instrumentalisiert würden, so Idriz, habe das Ministerium „Räume der Begegnung“ geschaffen. Das sei ein Kontrast, der den Charakter des Forums als Gegenentwurf zur Polarisierung deutlich macht.
Er bezeichnet die Erklärung als „Manifest des Vertrauens“ und „Meilenstein für den interreligiösen Dialog in Bayern“, zugleich aber auch als Signal mit Ausstrahlung über die Landesgrenzen hinaus.
Seine Argumentation baut eine innere Logik auf, die vom gesellschaftspolitischen Problem – der Tendenz zur Konfrontation, dem Schüren von Ängsten, der medialen Logik der Zuspitzung – hin zu einer religiös begründeten Ethik des Dialogs führt, die Konflikte nicht leugnet, sondern gerade im Streitfall Verantwortung einfordert.
Ein Bezugspunkt ist dabei das Gedenken an den Genozid von Srebrenica, den Idriz als Mahnung liest, wie Vorurteile, Hass und Entmenschlichung zu Gewalt eskalieren, lange bevor die ersten Waffen eingesetzt werden.
Daraus leitet er eine doppelte Warnung ab: Demokratien zerbrechen nicht an Meinungsverschiedenheiten, sondern daran, dass Menschen aufhören, miteinander zu sprechen; und Identitätspolitik wird dort gefährlich, wo sie Menschlichkeit verdrängt.
Foto(s): Benjamin Idriz
Theologische Fundierung und Kritik der Debattenkultur
Die theologische Achse seiner Rede bildet eine qur’anische Perspektive auf Vielfalt: Gott habe die Menschen zu verschiedenen Völkern und Gemeinschaften gemacht, „damit sie einander kennenlernen“ – Diversität ist somit keine Störung, sondern gottgewollte Wirklichkeit und gemeinsame Verantwortung.
Aus dieser Einsicht entwickelt der Imam eine Ethik des Dialogs, die ausdrücklich nicht auf Nivellierung zielt: Unterschiede sollen nicht beseitigt, sondern in ihrer Spannung ausgehalten werden, ohne die Würde des anderen in Frage zu stellen.
Scharf kritisierte er die gängige Debattenkultur, in der Diskussionen weniger dem gegenseitigen Verstehen dienen als dem moralischen Besiegen des Gegenübers. Wer nur noch überzeugen wolle, höre irgendwann nicht mehr zu; wer nicht mehr zuhöre, könne nichts mehr lernen – und dort, wo niemand mehr lerne, entstehe gesellschaftlicher Stillstand.
Dem setzt er das Leitmotiv der Demut entgegen: Echten Dialog beginnt er mit dem Eingeständnis, dass niemand die ganze Wahrheit besitzt. Ebenso werde der Andere benötigt, um den eigenen Horizont zu erweitern – eine Haltung, die religiöse Menschen nach seiner Deutung eher verbindet, als es politische und weltanschauliche Bruchlinien trennen.
Seine zentrale Formel lautet deshalb: „Dialog ist keine Strategie. Dialog ist eine moralische Verpflichtung.“ Damit löst Idriz das Thema aus der Sphäre der taktischen Krisenkommunikation und verankert es als dauerhafte, geistlich wie bürgerrechtlich begründete Aufgabe der Religionsgemeinschaften in einer pluralen Demokratie.
Offene Prozesslogik und Perspektive für Bayern
Für den Imam sei die Erklärung kein Endpunkt, sondern Beginn eines Prozesses. Aus Worten müssten Begegnungen werden, aus jenen Vertrauen und daraus eine „widerstandsfähige Gesellschaft“ wachsen, die auch in schwierigen Zeiten zusammenhalte. Damit formuliert er eine Resilienz‑Perspektive, die sich mit den Zielen des Innenministeriums deckt, religiöse Vielfalt als Ressource für Integration und demokratische Stabilität zu nutzen.
Medienberichte betonen, dass das Dialogforum ausdrücklich den Anspruch erhebt, neue Impulse für interreligiösen Austausch in ganz Bayern zu setzen und neben institutionellen Spitzen – Kirchenleitungen, Rabbinerkonferenz, muslimische Verbände – auch Forschungseinrichtungen und zivilgesellschaftliche Netzwerke systematisch einzubinden.
Vor diesem Hintergrund gewinnen die Rede von Idriz und die von ihm eingeforderte moralische Verbindlichkeit des Dialogs über den Tag der Unterzeichnung hinaus Bedeutung – hin zu einer langfristigen, praktischen Verantwortung in Gemeinden, Bildungseinrichtungen und kommunalen Räumen.
Imam Benjamin Idriz spricht anlässlich eines Lanz-Talks aus, was die Mehrheit der Muslime von medialisierten Islamdebatten hält.
(iz). „Nach der Lanz-Debatte bleibt bei vielen nicht nur der Inhalt hängen – sondern ein Gefühl.“ So beschreibt Imam Benjamin Idriz die Reaktionen, die ihn seitdem erreichen (Facebook, 17.06.2026).
In Gesprächen mit ganz unterschiedlichen Muslimen hört er immer wieder dasselbe: Verunsicherung, Angst und das Gefühl, nicht mehr wirklich dazuzugehören.
Es geht nicht um Randfiguren oder Extreme. Es geht um Menschen, die hier leben, arbeiten, ihre Kinder großziehen – und plötzlich den Eindruck haben, sich rechtfertigen zu müssen. Für ihren Glauben. Für ihre bloße Existenz.
Ein Beispiel, das Idriz nennt: Aydan Özoguz. Eine etablierte, demokratisch engagierte Politikerin. Doch allein durch Assoziationen gerät sie öffentlich in die Nähe von „Islamismus“. Für viele ist das mehr als ein Einzelfall – es wirkt wie ein Signal.
Was kommt an bei denen, die das beobachten? Die Botschaft von Zugehörigkeit – oder die Warnung, jederzeit unter Verdacht zu geraten?
Idriz macht klar: Extremismus muss benannt und bekämpft werden. Gerade Muslime leiden unter ihm. Doch wenn Kritik unscharf wird und ganze Gruppen trifft, kippt etwas. Dann beginnt eine Dynamik, die Deutschland aus seiner eigenen Geschichte kennt: Misstrauen, Abgrenzung, ein schleichendes „Wir gegen sie“.
Die Grenze verläuft nicht zwischen Kritik und Schweigen, sondern zwischen Differenzierung und Pauschalisierung. Wird sie überschritten, verlieren nicht nur Muslime Vertrauen – die Gesellschaft insgesamt gerät ins Rutschen.
Und genau hier liegt die eigentliche Gefahr: Wer pauschal verdächtigt, stärkt am Ende jene Kräfte, die man bekämpfen will.
* Mehr zur Kritik an der medialen Islamdebatte und ihren Folgen findet ihr auf unserer Website.
Die Kurzmeldungen aus dem Inland (Nr. 372) reichen von rechter Ideologie über die ausgeschlagene Einladung von Benjamin Idriz bis zu einem neuen Friedhof.
Prozessbeginn wegen versuchten Mordes
AUGSBURG (IZ). In Augsburg hat vor der Jugendkammer des Landgerichts der Prozess gegen einen 15-Jährigen begonnen, der auf dem Pausenhof einer Mittelschule im bayerischen Friedberg zwei Schüler mit einem Hammer attackiert haben soll. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm versuchten Mord und gefährliche Körperverletzung aus rassistischen und islamfeindlichen Motiven vor: Der Jugendliche soll am 2. Oktober 2025 gezielt Menschen mit islamischer Religionszugehörigkeit und ausländischer Herkunft töten wollen, zwei Jungen mit irakischen und kosovarischen Wurzeln wurden leicht bis mittelschwer verletzt.
AfD: CDU sieht „Abstieg für Deutschland“
BERLIN (IZ). Die CDU hat eine 34-seitige Broschüre mit dem Titel „Abstieg für Deutschland. Keine Alternative“ vorgelegt, in der sie die AfD scharf als demokratiefeindlich, antisemitisch und völkisch charakterisiert. Das Papier listet Zitate prominenter AfD-Politiker auf, verweist auf Einstufungen einzelner Verbände als rechtsextremistisch durch Verfassungsschutzbehörden und wirft der Partei vor, einen Einparteienstaat anzustreben sowie „Remigration“ als Chiffre für Deportationen zu propagieren. Zudem hebt die CDU judenfeindliche Positionen und rassistische Erzählmuster in der AfD hervor, die sich laut Kritikern auch gegen Muslime richten.
Foto: Deutscher Bundestag/Thomas Imo/photothek
Kanzler geht nicht auf Einladung von Imam ein
BERLIN (IZ). Der Penzberger Imam Benjamin Idriz hat Bundeskanzler Friedrich Merz für dessen Umgang mit der von ihm selbst angestoßenen Debatte über das Frauenbild im Islam kritisiert. Idriz hatte Merz Ende März einen Brief geschrieben, in dem er dessen pauschale Aussagen beanstandete, die Lebensrealität muslimischer Frauen betonte und den Kanzler zu einem Besuch der Gemeinde in Penzberg einlud. In der eingegangenen Antwort aus dem Bundeskanzleramt werde zwar der Dialog mit Muslimen gewürdigt und auf Formate wie die DIK verwiesen, auf die inhaltliche Kritik und die Einladung gehe das Schreiben nicht ein. Der Imam bezeichnete die Absage als verpasste Chance für einen ehrlichen Austausch.
Pergamonmuseum soll im Juni 2027 eröffnen
BERLIN (KNA/IZ). Das Pergamonmuseum auf der Berliner Museumsinsel öffnet nach jahrelanger Schließung am 4. Juni 2027 wieder in Teilen seine Türen fürs Publikum. Dann sind unter anderem der berühmte Pergamonaltar, der seit 2014 nicht mehr zugänglich war, und die komplett neue Dauerausstellung des Museums für Islamische Kunst sowie babylonische Highlights wieder zu sehen, wie die Stiftung Preußischer Kulturbesitz Anfang Mai ankündigte. Seit Oktober 2023 ist das Museum wegen Sanierungsarbeiten komplett geschlossen. Erst 2037 soll es wieder vollständig öffnen.
Symbolfoto: FooTToo, Shutterstock
Lehrer wegen Missbrauch von Kindern verurteilt
ELLWANGEN (IZ). Wegen sexuellen Missbrauchs und Körperverletzung an Minderjährigen ist ein 35-jähriger Islamlehrer vom Landgericht Ellwangen zu acht Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt worden. Der als Islamlehrer in einem muslimischen Schülerwohnheim in Giengen an der Brenz tätige Erzieher wurde in 18 Fällen schuldig gesprochen, darunter Verbrechen wie Vergewaltigung, sexueller Missbrauch von Schutzbefohlenen und Kindern.
Pro Asyl: Abschiebedeal wertet Taliban auf
FRANKFURT (KNA). Die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl beklagt die Zusammenarbeit der Bundesregierung mit den Taliban und fordert einen Stopp der Abschiebungen nach Afghanistan. In dem Land bauten sie ihre Herrschaft aus Rechtlosigkeit, Willkür und Brutalität immer weiter aus. Zugleich stecke Afghanistan in einer tiefen humanitären Krise, kritisierte Pro Asyl am 20. Mai. Dennoch erteile das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge alleinstehenden Männern immer seltener Schutz, die Bundesregierung setze Aufnahmeprogramme aus, verhindere Familiennachzug und forciere Abschiebungen in das Land.
Foto: DITIB Zentralmoschee Köln, Facebook
Unbekannte verschandeln eine DITIB-Moschee
MEMMINGEN (IZ). Unbekannte haben die DITIB-Moschee im bayerischen Memmingen mit Tierblut beschmiert und einen abgetrennten Schweinekopf auf ein Halbmond-Symbol am Eingangsbereich gespürt. Staatsschutz und Generalstaatsanwaltschaft München ermitteln wegen Beschimpfung einer Religionsgemeinschaft und gemeinschädlicher Sachbeschädigung. Die Behörden gehen von einem islamfeindlichen bzw. fremdenfeindlichen Motiv aus. Der Zentralrat der Muslime verurteilte die Tat als gezielten Einschüchterungsversuch und forderte vom Bundesinnenministerium konsequente Maßnahmen gegen antimuslimischen Rassismus sowie besseren Schutz für Moscheegemeinden.
Muslimisches Leben nicht politisch aufladen!
MÜNCHEN (IZ). Die Islamische IGMG hat den Versuch der bayerischen Staatsregierung kritisiert, alltägliches muslimisches Leben in Bayern sicherheitspolitisch aufzuladen und so als potenzielle Bedrohung darzustellen. In einer Stellungnahme warnt die Gemeinschaft vor einer politischen Rhetorik, die Moscheegemeinden und religiöse Praxis unter Generalverdacht stelle und damit gesellschaftliche Spannungen verschärfe. Stattdessen fordert die IGMG eine auf Gleichbehandlung und Grundrechten basierende Politik, die Muslime als selbstverständlichen Teil der demokratischen Gesellschaft anerkennt.
Treffen darf „Deportationskonferenz“ heißen
POTSDAM (IZ). Der Gründer des „Zentrums für Politische Schönheit“, Philipp Ruch, darf das rechtsextreme Treffen im November 2023 in einem Potsdamer Hotel weiter als „Potsdamer Deportationskonferenz“ bezeichnen. Der 10. Zivilsenat des Kammergerichts hob eine einstweilige Verfügung des Landgerichts Berlin II auf, mit der der Jurist Ulrich Vosgerau Ruch diese Bezeichnung untersagen wollte.
Foto: IGMG Berlin
Ein muslimischer Friedhof rückt näher
WUPPERTAL (IZ). In Wuppertal rückt der erste eigenständig von Muslimen getragene Friedhof näher: Ende April hat Oberbürgermeisterin Scherff dem Trägerverein „Muslimische Friedhöfe Wuppertal“ die Baugenehmigung für das 19.000 Quadratmeter große Areal an der Krummacherstraße in Varresbeck überreicht. Nach mehr als 15 Jahren Planung soll dort eine Ruhestätte mit bis zu 1.000 Gräbern entstehen – in Nachbarschaft zu christlichem und jüdischem Friedhof, als Ausdruck religiöser Selbstbestimmung und sichtbarer Teilhabe von Muslimen in der Stadtgesellschaft.
Im Frühjahr hat der Imam Benjamin Idriz in einem offenen Brief den Kanzler zu einem Gespräch eingeladen. Dieser hat die Chance ausgeschlagen.
(iz). Benjamin Idriz hat mit einem Brief an Bundeskanzler Friedrich Merz ein stilles, aber deutliches Signal gesetzt: Er widerspricht der pauschalen Rede vom „Frauenbild im Islam“ – und lädt den Kanzler zugleich zum Gespräch nach Penzberg ein.
In einer aufgeheizten Atmosphäre seit Oktober 2023 markiert dieses Schreiben den Versuch, die Debatte über Muslime und ihre Religion zurück auf eine differenzierte, dialogische Grundlage zu holen.
Beim F.A.Z.-Kongress 2026 in Frankfurt knüpfte Merz die Debatte über Gewalt gegen Frauen eng an Zuwanderung und verwies dabei ausdrücklich auf „das Familienbild im Islam“ und „das Frauenbild in diesen Gesellschaften“. Während er Beifall im Saal erhielt, lösten seine Worte bei vielen Muslimen Irritation und die Sorge aus, erneut als Kollektiv problematisiert zu werden.
Merz traf einen Nerv: Seit den Terroranschlägen der Hamas im Oktober 2023 und dem Krieg in Gaza haben sich Misstrauen und Distanz zwischen Bundesregierung und islamischen Organisationen spürbar verschärft, Klagen über Generalverdacht und einseitige Erwartungen zur Distanzierung häufen sich.
Foto: B. Idriz
Benjamin Idriz ist seit Jahren eine prominente Stimme einer dialogorientierten Community. Die Islamische Gemeinde Penzberg gilt bundesweit als Modellgemeinde: Sie wird regelmäßig von Spitzen aus Politik, Kirchen und Wissenschaft besucht, darunter Bundespräsident Steinmeier und jüngst der bayerische Ministerpräsident Söder.
Idriz verbindet Gemeindearbeit mit theologischer Reflexion. Sein Buch „Der Koran und die Frauen“ wird inzwischen in fünfter Auflage aufgelegt und dient vielen als Referenz für ein, aus der Lehre begründetes Verständnis geschlechtergerechter Religionspraxis.
In Penzberg, darauf verweist er ausdrücklich, haben Musliminnen Leitungsfunktionen inne, gestalten das religiöse Leben mit und sind an allen Entscheidungsprozessen beteiligt. Gleichberechtigung soll hier Alltag, nicht bloß Programmsatz sein.
In seinem Schreiben an Merz setzt Idriz nicht bei der Verteidigung gegen Kritik an, sondern bei der Unterscheidung: Er akzeptiert ausdrücklich, dass problematische gesellschaftliche Entwicklungen benannt werden müssen, betont aber, entscheidend sei die „begriffliche Rahmung“.
Wenn der Kanzler vom „Frauenbild im Islam“ spreche, verwische er die Grenze zwischen religiöser Norm, kulturellen Praktiken und individuellen Fehlentwicklungen – und erwecke so den Eindruck, das Problem liege im Glauben selbst.
Foto: Adobe Stock
Dem hält Idriz eine Gegenlektüre entgegen: Qur’an und prophetische Tradition formulierten ein Frauenbild, das auf Würde, Verantwortung, spiritueller Gleichwertigkeit und sozialer Gerechtigkeit beruhe; Defizite seien Folge historischer und sozialer Konstellationen, nicht religiöser Vorgaben.
Zugleich unterstreicht er, dass die eigene Gemeinde nicht nur theoretische Positionen vertrete, sondern Strukturen geschaffen habe, in denen Frauen tatsächlich mitbestimmen und gegen Diskriminierung aktiv vorgegangen werde. Damit verschiebt er den Fokus: Weg von abstrakten Zuschreibungen, hin zu konkreten Praxisbeispielen, an denen sich politische Debatten messen lassen.
Zentraler Punkt des Briefes ist die Einladung an den Kanzler, die Penzberger Gemeinde zu besuchen. Idriz schlägt vor, den von Merz eingeforderten „offenen Diskurs“ durch direkte Begegnung zu unterfüttern und daraus eine sachlich fundierte Debatte auf Augenhöhe zu machen.
Er bietet an, dem Bundeskanzler sein Buch zu überreichen und das Gespräch über Frauenrechte, Religion und Integration auf eine wissenschaftlich und praktisch erprobte Basis zu stellen.
Gleichzeitig verweist er höflich, aber unmissverständlich auf die Verantwortung politischer Spitzen für Ton und Wirkung ihrer Worte. Wer Debatten anstoße, müsse dafür sorgen, dass neben berechtigter Kritik auch positive Beispiele sichtbar würden – gerade jene Gemeinden, die sich aktiv für Gleichberechtigung einsetzen.
Ein solcher Perspektivwechsel, so die Botschaft, stärke das Vertrauen von Muslimen in die Institutionen und ermutige diejenigen, die seit Jahren an einem partnerschaftlichen Miteinander arbeiten.
Foto: Ryan Nash Photography, Shutterstock
Seit den Massakern vom 7. Oktober 2023 und dem Gazakrieg hat sich die Kommunikation zwischen Moscheeverbänden und Bundesregierung spürbar verschlechtert: Viele Gemeinden berichten von wachsender Verunsicherung, angespannten Sicherheitslagen und einem Diskurs, in dem Muslime häufig in sicherheits- oder problembezogenen Kontexten vorkommen.
Vorwürfe pauschaler „Importprobleme“, Diskussionen um Demonstrationsverbote und islamfeindliche Übergriffe haben das Vertrauen auf beiden Seiten belastet.
In dieses Klima hinein ist der Brief aus Penzberg mehr als eine Einzelreaktion auf eine unglückliche Formulierung. Er markiert den Versuch, die Beziehung zwischen Staat und Muslimen nicht defensive Stellungnahmen überlassen, sondern sie über konkrete Kooperation und theologisch reflektierte Praxis neu zu justieren.
Dass ein bundesweit vernetzter Imam früh und öffentlich das Gespräch mit Merz sucht, zeigt, dass es in Moscheegemeinschaften nicht an Ansprechpartnern mangelt, sondern an politischen Formaten, die diese Ressourcen ernsthaft nutzen. Das Schreiben ist damit ein Test: ob die Bundesregierung bereit ist, differenzierte muslimische Stimmen nicht nur als Adressaten von Integrationsappellen, vielmehr als Partner in einer gemeinsamen Wertearbeit wahrzunehmen.
IZ-Begegnung mit Imam Benjamin Idriz über eine Kindheit in einer Gelehrtenfamilie, multikulturelle Moscheegemeinden und die Notwendigkeit des Dialogs. (iz). Benjamin Idriz, 1972 in Skopje geboren, ist Imam und islamischer Theologe […]
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Der Imam Benjamin Idriz spricht in einer evangelischen Kirche. Er wirbt für Zusammenstehen von Religionsvertretern gegen Antisemitismus und Islamfeindlichkeit. Und für eine gemeinsame Erklärung zum Nahostkonflikt.
München (KNA). Der Penzberger Imam Benjamin Idriz hat die Politik in Deutschland aufgefordert, „konstruktive muslimische Kräfte“ stärker zu unterstützen. Der Islam habe mit seinen spirituellen Wurzeln und sozialen Werten das Potenzial, „das Gemeinwohl in Deutschland zu bereichern und die Demokratie zu stärken“, sagte Idriz am 24. November in der evangelischen Erlöserkirche in München.
Es liege an der Politik, diese Chance zu erkennen. Muslimische Bürgerinnen und Bürger seien zudem auch ein Wählerpotenzial.
Der Imam rief die Gesellschaft dazu auf, Rassismus, Antisemitismus und Islamfeindlichkeit gemeinsam zu bekämpfen. Dies seien alles „verbrecherische Haltungen“, die nicht toleriert werden dürften. Idriz warb in diesem Zusammenhang für eine gemeinsame Erklärung führender deutscher Religionsvertreter zum Nahostkonflikt.
Sie sollten einmütig für die Freilassung aller Geiseln, den Stopp des Krieges, die sofortige Bereitstellung humanitärer Hilfe und eine Zweistaatenlösung plädieren. Frieden, Gerechtigkeit und Mitmenschlichkeit seien „die Grundwerte unserer Religionen“.
Foto: B. Idriz
Der Imam kündigte dazu in Kürze einen Brief an den katholischen Münchner Kardinal Reinhard Marx, den bayerischen evangelischen Landesbischof Christian Kopp, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, sowie den Präsidenten der Europäischen Rabbinerkonferenz, Pinchas Goldschmidt, an.
„Eine vereinte Stimme aller Religionen gegen jede Form von Hass ist in der heutigen Zeit von entscheidender Bedeutung.“ Und: “Genau diese Stimme ist es, die die Mehrheit der Menschen in unserem Land hören möchte.“ Der islamische Geistliche fügte hinzu, Gewalt, Terror, Krieg oder Vergeltung dürften nicht im Stillen gutgeheißen werden.
Wenn Religionsvertreter Leid und Unrecht nicht offen verurteilten, „verlieren ihre Worte über Frieden und Menschenrechte an Gewicht.“ – Idriz äußerte sich bei einer sogenannten Kanzelrede auf Einladung der Evangelischen Akademie Tutzing.
(iz). Imam Benjamin Idriz wurde 1972 als Nachkomme einer Gelehrtenfamilie im mazedonischen Skopje (damals Jugoslawien) geboren. In den 1980ern und 1990ern widmete er sich seiner Aus- und Fortbildung als Imam […]
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„Wenn man sich gegen die Kategorisierung der Muslime in ‘liberal-konservativ’ und damit gegen die Politisierung der Muslime wehrt, nimmt man für keine der beiden Seiten Partei.“ (iz). Manchmal fragt man […]
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(iz). In den letzten Monaten häuften sich Meldungen und Stellungnahmen über Meinungsverschiedenheiten zwischen Mitgliedern des Koordinationsrates der Muslime. Dabei ging es nicht nur um Personalien oder Einzelinteressen, sondern auch um Grundfragen der zukünftigen Ausrichtung. Wir sprachen mit Imam Benjamin Idriz über Fragen der muslimischen Selbstorganisation, zukünftige Möglichkeiten der deutschen Community sowie sein Großprojekt in München. Idriz ist seit Längerem Imam der erfolgreichen, multikulturellen Gemeinde im bayrischen Penzberg und plant derzeit den Bau eines großen Zentrums in der Landeshauptstadt München. Islamische Zeitung: Lieber Benjamin Idriz, heute, mehrere Jahre nach Einweihung der beeindruckenden Moschee im bayrischen Penzberg, streben Sie und Ihr Team den Bau eines wesentlich größeren Zentrums in der Landeshauptstadt München an. Wo steht das Projekt derzeit und was sind die größten Hindernisse, die Sie überwinden möchten? Benjamin Idriz: Zunächst einmal sind es nicht die Hindernisse, sondern die Unterstützung, die das Projekt erfährt, die ich für ausgesprochen bemerkenswert halte. Diese Unterstützung kommt nämlich nicht nur von Muslimen (wo sie selbstverständlich sein sollte), sondern aus der ganzen demokratischen Gesellschaft, aus verschiedenen Religionsgemeinschaften, aus Verbänden, von den Medien und aus allen Fraktionen des Münchner Stadtrats. Nachdem eine extremistisch-islamfeindliche Minipartei über mehrere Jahre hin versucht hat, Unterschriften gegen das Projekt zu sammeln um damit einen Volksentscheid dagegen herbeizuführen, hat der Stadtrat dies als unzulässig abgelehnt, weil die islamfeindlichen Hetzer nachweislich mit falschen Behauptungen gearbeitet hatten. In derselben Sitzung hat der Stadtrat stattdessen eine Resolution „Solidarität mit den Muslimen in unserer Stadt“ beschlossen! Das derzeit einzige Hindernis liegt in der Finanzierung. Es wäre natürlich schön, ein solches Projekt mit Spenden von Muslimen (und Nichtmuslimen) aus Deutschland zu realisieren. Für die Grundstücks- und Baukosten wird es aber, wie es scheint, nicht ohne einen oder mehrere Großspender aus der Golfregion gehen. Unsere Anfragen laufen in mehreren Ländern (Oman, Katar, VAE) – hier brauchen wir jetzt dringend baldige Antworten – sonst wird die Chance auf ein repräsentatives und zentral gelegenes Grundstück vergeben. Islamische Zeitung: In der Vergangenheit haben Sie den Gedanken entwickelt, mit einem eventuellen Zentrum in München auch die Möglichkeit einer, mit anderen europäischen Einrichtungen vernetzt, Ausbildung einheimischer Imame anzubieten. Steht dieser Punkt noch im Blickpunkt Ihrer Bemühungen? Benjamin Idriz: Das war von Anfang an einer der Hauptgedanken bei diesem Projekt. Dass inzwischen in Deutschland universitäre Zentren für islamische Theologie eingerichtet worden sind, ist eine ausgesprochen positive Entwicklung und entspricht dem, was wir die ganze Zeit befürwortet haben, auch wenn bisher dort ja noch keine Ausbildung für Imame stattfindet. Mit solchen Zentren, und falls möglich auch mit anderen europäischen Einrichtungen, wird unser „Münchner Forum für Islam“ gerne kooperieren – zum gegenseitigen Nutzen. Denn Imam wird man nicht allein durch Bücher und in Hörsälen. Hier braucht es die Einbindung in das „richtige Leben“ einer Gemeinde, die Erdung durch die tagtägliche Praxis. Das MFI könnte hier zum Beispiel die Möglichkeit von Praktika anbieten, die die universitäre Ausbildung (wenn es sie einmal für Imame geben wird) ergänzen. Islamische Zeitung: Im Rahmen der aktuellen Debatte zur muslimischen Gemeinschaft wurde auch gefordert, Finanzierungen aus dem Ausland, analog zum österreichischen Gesetz, abzuschaffen. Ganz unabhängig davon, dass das sicherlich nicht beim Kampf gegen Radikalisierung helfen dürfte, lässt sich ein Riesenprojekt wie Ihres überhaupt ohne ausländische Hilfe realisieren? Benjamin Idriz: Hier muss man unterscheiden, für den Erwerb des Grundstücks und für die Baukosten wird es, wie gesagt, ohne ausländische Großspender nicht gehen. Was aber dann den Betrieb des Zentrums angeht, werden Einflussnahmen von außen ausgeschlossen. Es ist ein wesentlicher Bestandteil des Selbstverständnisses dieses Projekts, dass Islam am Hier und Jetzt orientiert sein soll, also da, wo Menschen sich entschlossen haben, ihr Leben zu verbringen und die Zukunft ihrer Kinder und Enkel liegt. Die Bindung an Herkunftsländer war eine notwendige Phase in den ersten Jahrzehnten muslimischer Einwanderer in Deutschland. Aber jetzt muss etwas Neues entstehen, sonst blockieren wir die Zukunft des Islam in Deutschland. Islamische Zeitung: Gibt es einen Druck auf öffentlich auftretende Gelehrte wie Sie, Rhetorik und Inhalte eines politisch-korrekten Diskurses zu übernehmen? Benjamin Idriz: Meine Rhetorik und die Inhalte dessen, wofür ich stehe, was ich denke, sage und lebe, entstammen dem Qu’ran und der Sunna. Es geht darum, unsere Quellen in unsere heutige Wirklichkeit zu übertragen und uns ununterbrochen zu fragen: was bedeutet diese oder jene Aussage für uns hier und heute? Daraus resultiert eine sehr weitgehende Übereinstimmung zwischen dem Islam und den Werten einer demokratischen Gesellschaft. Mit Druck von woher auch immer hat das nichts zu tun. Was wir allerdings schon spüren, ist der ständige Druck, sich gegenüber den nicht enden wollenden Verbrechen zu distanzieren, die im Namen unserer Religion begangen werden. Hier ist es schmerzlich, dass Politik und Gesellschaft nicht wahrhaben, dass uns als Muslime diese Verbrechen genauso selbstverständlich entsetzen, wie andere auch; oder sogar noch mehr, denn es ist schließlich unsere Religion, die von den Verbrechern missbraucht wird. Das eigentliche Problem ist dabei aber nicht der Druck sich zu distanzieren – sondern die Tatsache, dass solche Verbrechen immer wieder verübt werden. Islamische Zeitung: Sind Sie mit der Rolle zufrieden, die Gelehrte heute in der innermuslimischen Debatte spielen? Es ließe sich ja kaum behaupten, dass diese – und ihr Wissen – einen nennenswerten Einfluss auf die Entscheidungsbildung hätten… Benjamin Idriz: In den letzten drei Jahren können wir Muslime durchaus ein starkes religiöses Autoritätsdefizit wahrnehmen. Die traditionellen Azhar-Gelehrten sind entweder entmachtet oder stehen unter politischem Druck, wie die Persönlichkeiten Al-Qaradawi oder Al-Tayyib. Hier in Europa war der ehemalige Großmufti von Bosnien Mustafa Ceric eine Stimme, auch er ist nicht mehr in der Position, in der er war. In Syrien ist Said Ramadan Al-Bouti grausam ermordet worden, und so sind in den letzten Jahren die bekanntesten Gelehrten von der Weltszene verschwunden. Leider gehen positive Stimmen, wie die von Mehmet Görmez, dem Religionsoberhaupt der Türkei, in dem großen Trubel unter. Wo keine Autorität – dort herrscht Chaos. Und dieses Vakuum füllen heute selbsternannte Pseudo-Gelehrte. In Deutschland stehen wir nicht anders da. In dem Maß, in dem neu ausgerichtete Zentren wie eben unser MFI in Deutschland entstehen werden, kann auch das, was an den Universitäten stattfindet, viel mehr an die Basis und in die Gemeinden dringen. Diese Entwicklung kommt gerade erst in Gang, aber sie ist, glaube ich, auf die Dauer sicher nicht aufzuhalten. Islamische Zeitung: In der Vergangenheit haben Sie sich skeptisch in Sachen des „organisierten Islam“ geäußert. Was hat Ihren Sinneswandel, den Beitritt zum Zentralrat der Muslime, hervorgerufen? Benjamin Idriz: Meine Gemeinde in Penzberg ist multiethnisch und hat aus dem Zusammenwirken von Menschen mit unterschiedlichen Wurzeln ungeheuer profitiert. Genau das möchte der Islam ja von uns! Deshalb kann sich die Gemeinde als Ganzes keinem ethnisch oder national orientierten Verband anschließen. Der Zentralrat vertritt meines Erachtens eine Ausrichtung, die dem entspricht. Organisierte Strukturen für die Muslime in Deutschland habe ich schon immer befürwortet; in dem von mir mit herausgegebenen Buch „Islam mit europäischem Gesicht“ wird ein entsprechendes Modell entworfen. Es sollte aber nicht aus mehreren parallelen und womöglich konkurrierenden Verbänden bestehen, sondern aus einer umfassenden, anerkannten Institution. Islamische Zeitung: Nachdem der KRM an die Wand gefahren scheint, sehen Sie Alternativen für die Zukunft? Wenn ja, welche? Benjamin Idriz: Wir haben in den letzten Monaten erlebt, dass endlich eine muslimische Stimme in Deutschland sehr viel mehr wahrgenommen wurde, als das früher der Fall war. Das haben wir Muslime doch seit langem ersehnt und auch gefordert. Sollten wir nicht dankbar sein, dass das jetzt zu gelingen scheint und alle gemeinsam den- oder diejenigen nach Kräften unterstützen, die sich mit Erfolg darum bemühen? Wenn manche diese Entwicklung gerade jetzt torpedieren, ist das ein verheerendes Signal an die Politik und an die Öffentlichkeit: Ihr könnt die Muslime weiterhin ignorieren, ihr braucht sie weiterhin nicht ernst zu nehmen und nicht einzubinden, sie werden sich auf absehbare Zeit selbst blockieren. Hier müssten wirklich alle muslimischen Entscheidungsträger ihre Verantwortung ernster nehmen, als ihre jeweiligen Einzelinteressen. Islamische Zeitung: Es gibt eine Vielzahl von Aspekten, die im Denkschemata des politisch organisierten Islam nicht vorhanden sind – was sich auch als „muslimische Zivilgesellschaft“ bezeichnen ließe. Wie könnte diese Zivilgesellschaft zukünftig angemessen Beachtung finden? Benjamin Idriz: Viele Muslime halten sich von Moscheen fern, weil deren Ausrichtung oder Orientierung an andere Ländern sie nicht anspricht. Hier brauchen wir neue Angebote. Diese Angebote können und sollten aber über die Gebete hinausgehen. Seit wir in München einen provisorischen Sitz für das MFI eröffnet haben, ist aus dem Stand eine sehr vitale Gemeinde entstanden, die Muslime anspricht, die teilweise seit vielen Jahren auf so etwas gewartet haben. Dazu gehören nicht nur die Freitagsgebete, sondern soziale Angebote, Vorträge und Diskussionen, die kritisch und offen gehalten werden, sodass sich auch solche angezogen fühlen, die der Religion bisher vielleicht eher noch distanziert gegenüber stehen. Islamische Zeitung: Ihre Penzberger Gemeinde ist seit Jahrzehnten multikulturell geprägt und bietet umfassende Aktivitäten an. Handelt es sich dabei um das Modell der Zukunft? Benjamin Idriz: Es wird wohl auch in Zukunft solche Muslime geben, die emotional an der Bindung an frühere Herkunftsländer festhalten wollen, und das kann ja auch sehr wertvolle Aspekte beinhalten. Aber die Zukunft des Islam in Deutschland wird nicht dominant türkisch, bosnisch oder arabisch sein – sonst wäre er tatsächlich kein Teil Deutschlands. Der Prophet Muhammad hat nicht Mekka nach Medina verpflanzt, sondern nach der Hidschra in Medina etwas Neues geschaffen. Islamische Zeitung: Lieber Imam Benjamin, wir bedanken uns für das Gespräch. Folgt uns für News auf: https://www.facebook.com/islamischezeitungde und: https://twitter.com/izmedien Noch kein IZ-Abo? Dann aber schnell! http://www.islamische-zeitung.de/?cat=abo
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