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Der Streit um die (Stadt)Bilder

Bilder

Was den (Stadt)Bildern zugrunde liegt: Die Differenzierung hat es heute schwer – sie ist aber alternativlos.

(iz). Bilder sind heute zu dominierenden Kräften politischer Debatten geworden. Ob im Streit über das Stadtbild moderner Städte oder im Boykott einer Kanzlerrede durch Stipendiaten – immer häufiger entscheiden visuelle Eindrücke darüber, wie Ereignisse wahrgenommen und politisch eingeordnet werden.

Im digitalen Zeitalter, in dem soziale Medien visuelle Reize belohnen und in Sekundenbruchteilen verbreiten, verschieben sich politische Auseinandersetzungen von der inhaltlichen Ebene in eine symbolische Arena.

Das Problem: Der visuelle Moment wirkt schneller, emotionaler und unmittelbarer als jedes Argument. Neurowissenschaftlich ist belegt, dass visuelle Reize in etwa 100 bis 150 Millisekunden emotional verarbeitet werden, während Texte mehrere Sekunden benötigen.

Das Problem der Bilder: Der visuelle Moment wirkt schneller, emotionaler und unmittelbarer als jedes Argument

Ein Foto von „jungen Männern auf einem Bahnhofsvorplatz“ oder ein Video von Stipendiaten, die bei einer Rede des Bundeskanzlers Merz den Saal demonstrativ verlassen, erzeugt sofort Gefühle – Empörung oder Solidarität –, lange bevor irgendein Argument formuliert wird.

Deshalb sagen Politiker und Aktivisten heute oft: „If it’s not on camera, it didn’t happen.“ Noch bevor erklärt wird, worum es eigentlich geht, hat sich in vielen Köpfen bereits ein Deutungsrahmen verfestigt.

Besonders augenfällig zeigt sich diese Dynamik in der Stadtbild-Debatte. Architektur ist nicht nur gebaute Umwelt, sondern eine Projektionsfläche unserer gesellschaftlichen Werte.

Eine moderne Glasfassade kann als Angriff auf historische Identität empfunden werden, während sie andere als Fortschritt und Öffnung interpretieren. Ein einziges Bild eines Neubaus genügt, um Erzählungen über Entfremdung, Kommerzialisierung oder Zukunftsoptimismus zu aktivieren.

Foto: Ö. Mutlu/X

Komplexe Fragen geraten in den Hintergrund

Die komplexen planerischen oder sozialen Fragen geraten dabei leicht in den Hintergrund; das Bild übernimmt die politische Funktion eines Symbols, das Lager formt, Emotionen auslöst und vermeintliche Gewissheiten bestätigt. Auf gleiche Weise können Bilder aus Problemzonen deutscher Städte, die allein auf den ethnischen Hintergrund von Menschen abzielen, ganze Gruppen diskreditieren.

Durchaus ähnlich funktioniert die politische Bildlogik beim Boykott der Kanzlerrede anlässlich der Talisman Preisverleihung durch Stipendiaten. Studierende, die demonstrativ den Saal verlassen – solche visuellen Szenen entfalten eine Wirkung, die kaum ein Begleittext einholen kann.

Für die einen steht der Boykott für Mut und gesellschaftliches Engagement, für die anderen für Respektlosigkeit und politisches Kalkül. Noch bevor die Motive der Beteiligten bekannt sind, hat sich die Öffentlichkeit entlang der visuellen Geste sortiert. Individuen werden zu Figuren eines größeren politischen Narrativs, und aus einem konkreten Konflikt entsteht ein symbolischer Stellvertreterkampf um Werte, Moral und Deutungshoheit.

Dabei zeigt sich ein weiterer Aspekt der Bildlogik: Politiker nutzen einfache, oft missverständliche Bilder, um Botschaften zu transportieren – und werden zugleich von Bildern verschlungen. Bundeskanzler Merz etwa setzt in seiner Kommunikation immer wieder auf klare, zugespitzte visuelle und sprachliche Signale.

Doch bei der Rede vor der Talisman Stiftung wurde er selbst zum Bild, als zahlreiche Stipendiaten den Raum verließen. Die Szene – der Kanzler am Podium, vor ihm sich leerende Stuhlreihen – verbreitete sich rasant und dominierte die Wahrnehmung des Ereignisses.

Wichtige Botschaften seiner Rede, etwa die Sätze: „Die Geschichte des Ruhrgebiets ist mit Einwanderung so eng verbunden wie in wahrscheinlich keinem anderen Teil der Bundesrepublik Deutschland. Die Erfolgsgeschichte des Ruhrgebietes wäre ohne Einwanderung sicher keine Erfolgsgeschichte geworden“, gingen dabei nahezu vollständig unter.

Das Bild des Boykotts überlagerte den Inhalt der Rede – und kehrte die intendierte Wirkung ins Gegenteil: Statt Integrations- und Gesprächsbereitschaft wahrzunehmen, sah ein Großteil der Öffentlichkeit einen Kanzler, der „den Kontakt verloren“ habe. Das Ereignis wurde damit selbst zum Beispiel dafür, wie Bilder Argumente verdrängen.

Foto: Voyagerix, Adobe Stock

Soziale Medien bevorzugen Content mit hoher Emotionalität

Diese Dynamik wird durch soziale Medien massiv verstärkt. Algorithmen von TikTok, Instagram und X pushen Inhalte mit hoher Emotionalität und einfacher Botschaft. Ein 3-Sekunden-Clip von leeren Stühlen oder ein Foto von „überfüllten“ Innenstädten wird millionenfach geteilt – längere Zitate aus der Merz-Rede nicht. Die politische Realität wird zunehmend durch „virale Bilder“ definiert, nicht durch Argumentationsketten oder differenzierte Analysen.

Dass aus solchen Momenten schnell Vor- oder Feindbilder entstehen, liegt weniger an den Bildern selbst als an ihrer Einbettung in etablierte gesellschaftliche Erzählmuster.

Bilder funktionieren als Scharniere zwischen Wahrnehmung und Vorurteilen: Sie bestätigen vorhandene Glaubenssätze, verstärken emotionale Urteile und verdichten komplexe Sachverhalte zu scheinbar eindeutigen Botschaften. Wiederholung und mediale Verstärkung stabilisieren diese Zuschreibungen.

Vom Diskurs zur Emotion

Gleichzeitig sinkt das Vertrauen in Institutionen und Medien. Wenn Menschen Politikern, Journalisten und Statistiken nicht mehr glauben, wird das eigene Auge – oder genauer: das geteilte Bild – zur letzten verlässlichen Instanz. Das führt zu einer Art „optischem Populismus“: Wer das stärkere, emotionalere Bild liefert, gewinnt die Debatte – unabhängig von seiner Repräsentativität.

Wir erleben damit den Übergang von der textbasierten „Diskurs-Öffentlichkeit“ (Habermas) zur bildbasierten „Emotions-Öffentlichkeit“. Bilder besetzen inzwischen das politische Schlachtfeld, und weil sie so schnell Vorurteile und Feindbilder erzeugen, werden sie bewusst eingesetzt – von allen Seiten. Wer heute Politik macht oder verhindern will, muss zuerst das Bild kontrollieren, erst danach (wenn überhaupt) das Argument.

Diese Entwicklung hat historische Vorbilder. Schon Gustave Le Bon beschrieb 1895 in seiner „Psychologie der Massen“, wie Gruppen ihre individuelle Vernunft verlieren und zu einem eigenen psychologischen Wesen werden. Unverantwortlichkeit, emotionale Ansteckung und Suggestibilität prägen die Masse, die vor allem auf Bilder, starke Worte und einfache Parolen reagiert.

Vernunft spielt kaum eine Rolle: „Die Masse denkt in Bildern“, schreibt Le Bon, „und das Bild ruft ihr wiederum andere Bilder hervor, die mit dem ersten in keiner logischen Beziehung stehen.“ Führer und Meinungslenker nutzen deshalb einfache Techniken: Behauptung, Wiederholung, emotionale Ansteckung, Bilder und Schlagworte statt Argumente.

Genau diese Mechanismen zeigen sich heute in viralen Empörungswellen, Memes, Cancel Culture, Shitstorms und bei polarisierenden Influencern. Le Bon wirkt deshalb wie ein düsterer Prophet der modernen Aufmerksamkeits- und Empörungsökonomie.

Foto: Ekatarina, Adobe Stock

Wie gehen wir mit den Bildern um?

Doch der Einfluss von Bildern muss nicht zwangsläufig manipulativ sein – er hängt von unserem Umgang mit ihnen ab. Wer die eigene Reaktion verlangsamt, erkennt eher, wann ein Bild eine emotionale Abkürzung auslöst und ob diese mit Fakten übereinstimmt.

Wer nach Kontext fragt, entzieht Bildern ihre scheinbare Eindeutigkeit. Und wer zugrunde liegende Narrative durchschaut, erkennt schneller, ob ein Foto tatsächlich etwas zeigt – oder lediglich eine Geschichte bedient, die wir ohnehin schon im Kopf haben.

Für uns Muslime stellt sich heute die Frage, ob wir ebenso auf die Macht der Bilder, bis hin zur Verbreitung von Feindbildern setzen wollen oder auf die guten Argumente setzen wollen, die sich aus unserer Lehre ergeben. Wie können wir dazu beitragen, dass das Niveau der Debatte nicht immer weiter sinkt?

Zur Hermeneutik gezwungen

Gerade gewinnt eine alte Disziplin wieder an Bedeutung: die Hermeneutik. Sie erinnert daran, dass Verstehen ein aktiver, interpretativer Prozess ist, der Kontext, Perspektiven und Ambivalenzen berücksichtigt. Hermeneutisches Denken zwingt uns, hinter die Oberfläche der Bilder zu schauen und das Dargestellte kritisch zu beleuchten. Ursprünglich als Theorie der Textinterpretation entwickelt, spielt Hermeneutik auch in der Gesprächsführung eine zentrale Rolle.

Sie fördert das Bemühen, die Perspektiven des anderen zu verstehen – nicht nur das Was, sondern auch das Warum und Wie einer Aussage. Dialogisches Verstehen bedeutet dabei wechselseitiges Interpretieren, aktives Zuhören und die Bereitschaft, die eigene Sichtweise zu hinterfragen.

Wer die gesellschaftliche Frage, nach dem Wesen des Islam und den Absichten der Muslime in Deutschland selbstbewusst beantworten will, muss sich auf entsprechende Diskussionen einlassen.

Foto: Jose Aljovin, Unsplash 

Für den Philosophen Hans-Georg Gadamer entsteht Wahrheit im Gespräch selbst, als „Verschmelzung von Horizonten“. Dialog wird zum Herzstück des Verstehens, Sprache zum Medium aller Erkenntnis: „Sein, das verstanden werden kann, ist Sprache.“

Hermeneutik wird so zu einem humanistischen Bildungsprojekt, das Verstehen als fundamentalen Lebensvollzug begreift. Das Problem ist nicht, dass Menschen Vorurteile haben, solange darüber ein Bewusstsein entsteht und die Bereitschaft besteht, den Wahrheitsgehalt von Urteilen fortlaufend einer Prüfung zu unterziehen.

Gadamer formuliert die Dialektik, die Kunst des Fragens, in seinem Hauptwerk, Wahrheit und Methode wie folgt:

„Wer die Kunst des Fragens besitzt, ist einer, der sich gegen das Niedergehaltenwerden des Fragens durch die herrschende Meinung zu wehren weiß. Wer diese Kunst besitzt, wird selbst nach dem Suchen, was für eine Meinung spricht. Dialektik besteht darin, dass man das Gesagte nicht in seiner Schwäche zu treffen versucht, sondern es selbst zu seiner wahren Stärke bringt.“ 

Das heißt: Das souveräne Denken weicht der Diskussion nicht aus, nimmt Kritik auf und ist nicht auf Feindbilder angewiesen, um eigene Antworten nicht formulieren zu müssen. Die Argumentation für oder gegen den Islam, die sich heute entfaltet, muss sich dabei fragen lassen, ab welchem Punkt die eigene Haltung ideologisch wird.

Die Kultur eines solchen offenen Austausches sucht in der deutschen Öffentlichkeit nach einem passenden Ort, den die sozialen Medien mit ihrer Oberflächlichkeit nicht bieten können.

Eine Chance für Differenzierung?

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage: Haben differenzierte Positionen in einer bildgetriebenen Öffentlichkeit überhaupt noch eine Chance? Ja – aber nur unter bestimmten Bedingungen.

Nischen und Langformate wie Podcasts, lange YouTube-Interviews oder seriöse Printmedien erreichen weiterhin ein Publikum, das Differenzierung schätzt. Personen mit Glaubwürdigkeit über Lagergrenzen hinweg können differenzierter argumentieren, weil ihre persönliche Marke Vertrauen schafft. 

In echten Krisen steigt kurzfristig die Nachfrage nach Expertise und Analysen – das Fenster schließt sich jedoch schnell wieder. Und neue Formate versuchen, Differenzierung attraktiv zu machen.

Für uns Muslime gilt es, derartige Angebote aktiv zu gestalten. Sonst droht die Gefahr, dass politisierte muslimische Influencer die Definitionshoheit über unsere Lehre in der Öffentlichkeit erringen.

Im Ergebnis wird jede Autorität, die sich auf umfangreiches Wissen stützt und deswegen Fragen souverän beantworten kann, geschwächt. Ein besonnener Staat wird darin keinen Nutzen sehen, sondern eher die Gefahr, dass sich unzählige Interpretationen und Extreme verbreiten.

Ja, Differenzierung hat es schwer – aber sie ist alternativlos. Nur wer bereit ist, nicht nur zu sehen, sondern zu verstehen, kann in einer emotionalisierten Öffentlichkeit zur demokratischen Verständigung beitragen.

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Nachrichtenüberflutung: Gewaltbilder beeinflussen das Gehirn

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Nachrichtenüberflutung hat Folgen für unser Gehirn. Ein Zuviel an Gewaltbildern beeinträchtigt Gedächtnis und Kontrollverlust. (The Conversation). Im Mai 1097 katapultierten die Kreuzritter während der Belagerung von Nicäa die abgeschlagenen Köpfe […]

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Muslimischer Medienalltag oder das Problem der Bilder

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Ein muslimisches Medium zu produzieren bedeutet, die richtigen Bilder zu finden. Hier lauern Fallstricke. (iz). Ein Medium von MuslimInnen für alle LeserInnen herauszugeben, ist mit verschiedenen Herausforderungen und Aufgaben verbunden. […]

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Bildersturm – über eine Reise nach Genf

bildersturm genf Deutschland

Bildersturm: Im Schweizerischen Genf drängen sich verschiedene Bilder ein. Hier ist Krieg und das Völkerrecht nie weit.

(iz). Vor meiner Abreise in die Schweiz besuche ich die Reiseabteilung einer Berliner Buchhandlung. Die Zeit drängt und ich wähle nach dem Zufallsprinzip den Titel „Fundstücke eines Bilderjägers“.

Auf dem Flug lese ich das Buch von Nicholas Bouvier; diesen Genfer Reiseschriftsteller kannte ich bisher nicht. Berühmt ist seine Reise von der Schweiz nach Afghanistan mit einem kleinen Fiat in den 1950er Jahren.

Bildersturm – in Genf mischt sich alles von Diplomaten bis Waffenhändlern

Seine Heimatstadt ist ein Eldorado der Ikonographen, die Bilder aus der Welt der Politik, Religion, Zoologie und Pflanzenkunde sammeln. Das Werk führt in einen Kosmos, erzählt langsam die Geschichten der Illustrationen, die der Sammler meist in alten Büchern gefunden hat.

Während das Flugzeug mit leichtem Zittern durch die Wolken gleitet, denke ich an den Bildersturm heute, der uns in den sozialen Medien überfällt, oft pornographisch Emotionen aufzwingt.

Im Zeitalter der Reproduzierbarkeit – wie es Walter Benjamin formulierte – mangelt es vielen Photographien an einer Aura, an Distanz, an einem Geheimnis.

Genf ist zweifellos eine faszinierende Stadt. Hier mischen sich Einheimische mit Diplomaten, Touristen, Finanzjongleure, Menschenrechtler und Waffenhändler. Angezogen von der Idee einer Schweizer Neutralität siedelten sich hier zahlreiche internationale Organisationen an.

Es gibt eine lokale Debatte über die Zukunft dieser Parteilosigkeit. Man fragt in diesen Tagen, ob diese zeitgemäß ist. Oder es werden die Machenschaften diverser Banken kritisiert, die traditionell Geld aus trüben Quellen verwalten.

Mitten in der Stadt am Genfer See sehe ich in das klare Wasser und auf die Berge am Horizont, die im Wind klirrenden Flaggen – typische Elemente auf Schweizer Postkarten, eine Bilderbuchlandschaft. Am anderen Ufer thront das „Beau Rivage“, ein pompöses Hotel.

Ein Bild drängt sich auf. Ich sehe vor mir die Aufnahme des verstorbenen Ministerpräsidenten Uwe Barschel, der in einem der Hotelzimmer in der Badewanne tot aufgefunden und von einem Journalisten fotografiert wurde. Ein alter Medien-Skandal der 1980er Jahre, Mord oder Selbstmord, bis heute ungeklärt. Warum nur habe ich dieses Bild nicht vergessen?

Menschenrechtsrat Genf UNO

Foto: Ludovic Courtès, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 3.0

Am Platz der Nationen

Mit dem Bus fahre ich zum Platz der Nationen. Dort ist ein Stand mit israelischen Flaggen aufgebaut. Ein Aktivist hebt ein Schild in den Himmel, auf dem steht „bring them home!“. An einer Wand Bilder von jüdischen Geiseln, Opfer des terroristischen Anschlages vom 7. Oktober: Männer, Frauen, Kinder. In den Gesichtern spiegelt sich die Verzweiflung.

Auf der anderen Seite des Platzes – direkt vor dem UN-Gebäude – stellen sich drei Jugendliche auf. Mädchen aus der Schweiz, denke ich. Sie werfen sich eine palästinensische Flagge über die Schultern, zeigen in Blickrichtung zum UN-Palast das Victoryzeichen.

Ein junger Mann macht ein Foto von ihnen. Ich bin sicher, dieser Moment der Solidarität wird in wenigen Minuten virale Aufmerksamkeit erregen.

Den Hügel hinauf gehe ich zum Museum des Internationalen Roten Kreuzes. In den Räumen wird die Entstehungsgeschichte der Organisation erzählt, Einsatzorte vergangener und aktueller Tragödien präsentiert.

Es gibt ein Zimmer, in dem man auf ein Meer von Karteikarten stößt; eine Art Ordnung, die versucht, das Schicksal von Millionen Kriegsgefangenen und Verschollenen aus dem 1. Weltkrieg zu verwalten.

Foto: Time Life Pictures | gemeinfrei

„Mindeststandard von menschlicher Würde“

Hoffnung vermittelt hier eine andere Erzählung, die Lehren aus verschiedensten Kulturen und Religionen integriert, die sich alle um einen Mindeststandard von menschlicher Würde drehen – gerade im Krieg. Die islamische Welt präsentiert ein Zitat aus einem andalusischen Rechtsbuch im Jahr 1280: „Die Vernichtung von Frauen, Kindern und Kranken ist verboten!“ 

Ich kaufe ein Buch von Henry Dunant, dem Gründer des internationalen Komitees des Roten Kreuzes im 19. Jahrhundert und setze mich in das Museumscafé. Ich lese seine Erinnerungen an Solferino.

Der Ort in Italien war Schauplatz einer Schlacht zwischen Franzosen und Österreichern am 24. Juni 1859. Auf einer touristischen Reise gerät der Autor zufällig in diesen Krieg mit abertausenden Toten, ein furchtbares Gemetzel voll barbarischer Brutalität.

Einer der wenigen Standards, die beiden Seiten akzeptierten, war es, keine Lazarette zu bekämpfen. Durant kümmert sich mit einigen Helfern um die Sterbenden, Verletzten, organisiert Krankentransporte und tröstet Verwundete. Die Schilderungen sind so realistisch, der Schrecken so eindrucksvoll, ganzheitlich beschrieben, wie es – wie ich finde – keine Bildersprache vermag.

Von diesen Erfahrungen wird später die erste Genfer Konvention geprägt und der Versuch gewagt werden, Meilensteine der Humanität zu setzen.

Gaze Krieg Bomben

Screenshot: YouTube

Sprachlosigkeit angesichts der Ereignisse

Ich habe die Zeit vergessen und begebe mich auf den Weg ins Hotel. Am Abend schalte ich die Nachrichten an. Ein Krankenhaus im Gazastreifen wurde von einer Rakete getroffen. Die Aufnahmen zeigen Verwundete, Tote, Männer, Frauen und schreiende Kinder. Es ist empörend. Unrecht. Man ist sprachlos. Das Schweigen dauert nur einen Moment.

Ich wechsle das Medium. In den sozialen Medien herrscht Wut. Es folgen Anschuldigungen und Theorien. Jeder fügt das Geschehen sofort in seine Deutung der Lage ein. Und Bilder lügen nicht – oder doch?

Später schaue ich mir Analysen an, begleitet von Endlosschleifen der furchtbaren Eindrücke. Welten: Welt 1 = ZDF, Welt 2 = BBC-News, Welt 3 = Al Jazeera. Auf welchem Planeten leben wir, denke ich? Spät am Abend bezahlt der Zuschauer den Preis für den Konsum der Bilderflut: Schlaflosigkeit. Es ist eine dunkle Nacht.

Am Morgen beschließe ich, das Leben fortzuführen. Was sonst? Die Fahrt in die Stadt führt wieder am Platz der Nationen vorbei. Er ist leer. Regen. Ich denke über die aktuellen Stellungnahmen des UN-Generalsekretärs nach.

Einerseits, die Verurteilung des Terrors der Hamas, andererseits, der Aufruf zur Wahrung des internationalen Rechts. Das Mindeste, was zu erwarten ist: die klare Unterscheidung zwischen Palästinensern und Terroristen. Sie ist, wie ich im Museum des Roten Kreuzes gelernt habe, die Basis für alle Zivilisationen. Dann regiert die Politik.

Was meine Identitäten angeht, bin ich flexibel und mutiere zum Touristen. Die Genfer Altstadt ist ein Besuch wert. In den Geschäften gibt es Schokolade und teure Uhren. In einer Gasse fasziniert mich das kleine Büro „zur Lösung internationaler Konflikte“. Der Blick durchs Fenster: Zwei Männer in Anzügen sitzen an ihren Laptops und arbeiten an wichtigen Problemen, immerhin.

An der Kathedrale entdecke ich das Museum der Reformation und entschließe mich zu einem spontanen Besuch. An der Kasse werden Bücher verkauft: „Luther und die Juden“ zum Beispiel. Die revolutionäre Idee des Protestanten: Gläubige lesen die Bibel künftig selbst; lobenswert, finde ich. Allerdings werden sie in seinen eigenen Reden herben antisemitischen Aussagen begegnen.

Die Nationalsozialisten werden sich Jahrhunderte später auf die ökonomischen Theorien Luthers berufen, in ihrer Gottlosigkeit komplett pervertieren und die schlimmste Judenverfolgung aller Zeiten organisieren. Nach der Verfolgung ist es für viele Juden nicht mehr denkbar, in Deutschland zu leben. Sie finden einen Fluchtort: Israel.

Das Museum ist sehenswert und zeigt – neben der Geschichte der Religionskriege in Europa – das humanitäre Engagement der AnhängerInnen dieses Glaubens. Auf Schaubildern sieht man die Expansion der evangelikalen Lehre in alle Welt. Im 19. Jahrhundert findet diese Verbreitung im Rahmen der Kolonialisierung statt: in Südafrika, im arabischen Raum, in Amerika und in China.

Ich denke wieder an den Gründer des Roten Kreuzes, Henry Dunant. Der Unternehmer betrieb damals ein Geschäft in Algerien, der Kolonie Frankreichs. Der Glaube an die Gültigkeit universeller Werte ist seit den Zeiten der Kolonialpolitik erschüttert.

Wie in jedem Glaubenssystem kämpft man gelegentlich gegen Zweifel an. Sicher ist, das Leben schafft  Widersprüche. Sie zu ertragen, gehört dazu.

Foto: A-One Rawan, Shutterstock

Nüchternheit ist schwierig

Am frühen Nachmittag treffe ich mich mit ein paar Juristen aus Europa und dem arabischen Raum. Normalerweise gehört zur Rechtswissenschaft, bevor ein Urteil gefällt wird, das nüchterne Studieren der Argumente der Anklage und der Verteidigung. Im Fall des israelisch-palästinensischen Konfliktes lassen sich politische Überzeugungen, Behauptungen, Emotionen und juristische Sachverhalte nur schwer trennen.

Der Streit um Begriffe, die Anwendung und Macht der internationalen Normen, die Grenzen des Widerstandsrechts und so weiter – all das gehört zum Geschäft. Und: die Politisierung des Rechts ist schon lange ein allgemeines globales Problem. Das Gespräch gipfelt in einer Bemerkung eines Kollegen: „Die Bilder des Konfliktes sprechen doch eine eindeutige Sprache!“

Hm, ist das so? Zum Glück beherrschen die Beteiligten die Kunst der Deeskalation. Eine Prügelei wäre aus Sicht der ehrwürdigen Profession trostlos. Man trennt sich – ernüchtert, aber freundlich.

In der Nacht fliege ich zurück nach Berlin. Auf den Straßen der Hauptstadt wird demonstriert. Dabei herrscht Gott sei Dank Konsens, dass jüdisches Leben in dieser Stadt beschützt wird. Was mir in den Sinn kommt, ist die Ironie der Geschichte:

Es war Bundeskanzlerin Angela Merkel, die in einer Rede vor der Knesset im Jahr 2008, die Sicherheit und Existenz Israels zur deutschen „Staatsräson“ erklärte. Die gleiche Politikerin wurde später von ihren konservativen Kollegen zerrissen, von uns bewundert, im Jahr 2015 eine Million Flüchtlinge ins Land gelassen zu haben. Ich erinnere mich nicht, dass die Kanzlerin, die zweifellos für beide Seiten der Medaille steht, von Muslimen je kritisiert wurde.

Die Gesellschaft, deren Teil wir alle sind, diskutiert heute, was diese Verpflichtung für das Existenzrecht des Landes faktisch bedeutet. Ich verstehe Angela Merkels Position nicht im Sinne eines Freibriefes für beliebige Reaktionen des israelischen Militärs oder der Regierung, sondern lese darin ein Bekenntnis zum internationalen Recht der UN und zu den Besonderheiten unserer Geschichte. Darum geht es in Deutschland.

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Muslimische Frauen oder die trügerische Kunst der Darstellung

Frauen Darstellung

Darstellung: Muslimische Frauen werden weiterhin auf bildlich in stereotype Schablonen gepresst. (Amaliah.com). Vor allem Musliminnen haben von der trügerischen Kunst, in den Medien „dargestellt“ zu werden, nur wenig profitiert. In […]

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Islamic Relief: 25 Jahre humanitäre Hilfe in Bildern

Köln (IRD). Islamic Relief Deutschland wird 25 Jahre alt. Mit der Online-Ausstellung „Faces of IRD“ zeigt die Hilfsorganisation 25 Projekte aus einem Vierteljahrhundert Nothilfe und Entwicklungszusammenarbeit.

Erdbeben in Japan und der Türkei, Kriege in Syrien und Bosnien, Hungersnöte am Horn von Afrika und im Jemen – die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der humanitären Hilfsorganisation Islamic Relief Deutschland leisteten bei zahlreichen Katastrophen weltweit Hilfe. Seit 25 Jahren engagiert sich die NGO in der Nothilfe und der Entwicklungszusammenarbeit. Zu ihrem Jubiläum präsentiert sie nun Einblicke aus den zurückliegenden zweieinhalb Jahrzehnten in einer Online-Ausstellung mit dem Titel „FACES OF IRD“. 

Mit der Ausstellung geht Islamic Relief Deutschland bis an ihre Anfänge – noch vor ihrer offiziellen Gründung zurück – als erstmalig Geld für die Opfer des Bosnienkriegs gesammelt wurde. Die Organisation präsentiert passend zum 25-jährigen Jubiläum Bildmaterial aus 25 Projekten, verteilt auf vier Kontinente und 18 Länder. Insgesamt verwirklichte die NGO bereits Projekte in über 40 Ländern weltweit.

„Realistische Einblicke in die Arbeit einer Hilfsorganisation“

Die Motivation hinter der Vernissage erklärt Tarek Abdelalem, Geschäftsführer von Islamic Relief Deutschland: „Unsere Ausstellung gibt einen realistischen Einblick in die Arbeit einer Hilfsorganisation. Dazu gehören extreme Situationen in Kriegen oder nach Umweltkatastrophen genauso wie hoffnungsvolle und fröhliche Momente.“

Wer die Ausstellungsseite besucht, erkennt schnell, wie vielseitig die Aufgaben der Hilfsorganisation sind. „Es war uns wichtig, die gesamte Bandbreite unserer Arbeit abzubilden“, sagt Nuri Köseli, stellvertretender Geschäftsführer von Islamic Relief Deutschland und führt beispielhaft an: „In Nepal erarbeiten wir mit den Gemeinden eine Katastrophenvorsorge. In Mali klären wir Glaubensführer auf, um veraltete Traditionen zu durchbrechen und die Rechte von Frauen und Mädchen zu stärken. In Asien, Europa und Afrika sind wir in Flüchtlingslagern aktiv und versorgen die Menschen mit Medikamenten und Nahrung.“ Bilder aus diesen und vielen weiteren Projekten finden Interessierte ab sofort unter: www.faces.islamicrelief.de.

Neben der Online-Ausstellung führt Islamic Relief Deutschland zu ihrem Jubiläum eine weite Aktion durch. Unter dem Motto „I’m a Reliefer“ stellt die NGO jede Woche eine Unterstützerin oder einen Unterstützer vor. Zu finden sind die Geschichten der „Reliefer“ auf der Website der Organisation sowie auf ihren Social-Media-Kanälen.

Über Islamic Relief Deutschland

Gegründet wurde Islamic Relief Deutschland 1996 in Köln, wo bis heute ihre Zentrale sitzt. Weitere Standorte befinden sich in Berlin und Essen. Als Mitglied des internationalen Islamic Relief-Netzwerkes agiert die Nichtregierungsorganisation weltweit in mehr als 40 Ländern und auf allen Kontinenten. Islamic Relief Deutschland leistet sowohl lebensrettende Nothilfe als auch langfristige Entwicklungszusammenarbeit. Dabei hält sich die NGO strikt an die Nachhaltigkeitsziele der UN (Sustainable Development Goals) und ist den Core Humanitarian Standards on Quality and Accountability (CHS) verpflichtet, einem weltweiten Qualitätsstandard für humanitäre Arbeit.