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Wahlprogramme 2025 im Test: Die Grünen lavieren

wahl grüne

Bis zur Wahl 2025 behandeln wir in einer Reihe die Programme der größeren Parteien und was sie Muslimen zu sagen haben. Dieses Mal: die Grünen.

(iz). Im Gegensatz zu ihren verbleibenden und ausgeschiedenen Koalitionspartnern haben die Bündnisgrünen im Programm für die Bundestagswahl 2025 substanziellere Inhalte beizutragen. Dabei kommen auch sie nicht ohne den Kampf gegen religiös motivierten Extremismus aus, den sie unter dem Begriff „Islamismus“ besonders fokussieren.

Obwohl die Partei im öffentlichen Diskurs nach wie vor als „links“ oder „woke“ gilt, hat sie die Radikalisierungen des innenpolitischen Diskurses in Deutschland mitgemacht bzw. zumindest „mit Bauchschmerzen“ mitgetragen. Dazu gehörte auch eine deutliche Verschiebung ihres politischen Rahmens zum Thema „Migration“.

Hinzukommt, dass die ehemals alternative Partei seit dem 7. Oktober 2023 im Sinne der tragenden „Staatsräson“ gehandelt und argumentiert. Das Auswärtige Amt unter der Grünen Baerbock behandelte das militärische Vorgehen Israels deutlich unkritischer als seine ausländischen Kollegen.

Symbolische Auftritte wie der von Robert Habeck im Herbst 2023, als er zahllose gesetzestreue arabischstämmige oder muslimische Mitbürger faktisch unter Rechtfertigungsdruck setzte, brachten den Grünen einen Einbruch der Zustimmungswerte bei muslimischen Wählern ein.

Grünes Wahlprogramm: Was sind die religionspolitischen Ansichten?

Insgesamt lässt sich festhalten, dass die Partei in ihrem Programm deutlich mehr über Religionspolitik zu sagen hat als SPD oder FDP. Sie bekennt sich zur religiösen Vielfalt im Land, betont das Recht auf freie und sichere Religionsausübung und will sich gegen religiöse Diskriminierung, insbesondere gegen Antisemitismus und Islamfeindlichkeit einsetzen.

Anders als Parteien wie FDP oder AfD bekennt sie sich zum Religionsverfassungsrecht und strebt die gleichberechtigte Teilhabe aller Religionsgemeinschaften an. Unter Betonung der religiösen Neutralität des Staates werden alle Gemeinschaften aufgefordert, die Grundprinzipien der Verfassung zu achten.

Foto: Schura Rheinland-Pfalz

Was sie zu Deutschlands Muslimen denken

Wie die Union wird die Haltung im Wahlprogramm zu muslimischen Bürgern des Landes durch eine Zweiteilung geprägt. Auf der einen Seite setzt man sich für ihren Schutz vor Diskriminierung ein und fordert ein gleichberechtigte Teilhabe in der Gesellschaft.

Die Grünen fordern einen Aktionsplan gegen Islamfeindlichkeit und wollen strukturelle Benachteiligungen abbauen. Ebenso möchte man die Sichtbarkeit und Sicherheit muslimischen Lebens unterstützen. Damit gehen sie weiter als die anderen Bewerber um die Mitte – Union, SPD und FDP.

Aber wie bei der Konkurrenz kommt das Wahlprogramm nicht ohne die dialektische Behandlung des Themas aus. Während Muslimen mehr zugestanden wird als von den Mitbewerbern, benutzt die Partei das Gegenbild des „Islamismus“ – ohne, dass dieser fragwürdige Begriff in Frage gestellt wird. Dieser sei eine „ernsthafte Bedrohung für die Demokratie“ und müsse konsequent bekämpft werden.

Praktische Fragen

Anders als bei den regierenden Sozialdemokraten finden sich im Programm der Grünen überhaupt Punkte zu konkreten Fragen. Diese sind allerdings nur bedingt auf Bundesebene zu lösen.

Beim Religionsunterricht setzt das Wahlprogramm nicht auf den grundgesetzlich begründbaren bekenntnisorientierten Religionsunterricht an allgemeinbildenden Schulen. Statt getrenntem Unterricht nach Konfessionen sollen Schüler „in einen gemeinsamen Dialog über Glaubens- und Wertefragen treten“. Ein „dialogisches Unterrichtsmodul ‘Ethik und Religion’“ soll eingeführt werden, um Religions- und Ethikunterricht zu verzahnen.

Auch dem Moscheebau steht laut früheren Aussagen offener gegenüber. Der Islam solle nicht länger in die Hinterhöfe verbannt werden. Neue Moscheen würden als Begegnungsstätten für den Dialog und die Integration von Flüchtlingen gebraucht.

Die Partei unterstützt die Imamausbildung in Deutschland. Allerdings ist auch die zugrundeliegende Politisierung von Religion nicht auszublenden. Damit solle unter anderem ihre Unabhängigkeit (von wem?) gefördert werden.

Ebenso befürworten die Grünen die Fortsetzung und den Ausbau der Zusammenarbeit mit islamischen Religionsgemeinschaften – bspw. in Form von Staatsverträgen wie in Hamburg oder in Rheinland-Pfalz.

Grafik: Mediendienst Integration

Muslimfeindlichkeit, Integration und Zuwanderung

Es überrascht nicht, dass die Bündnisgrünen als erklärte Bürgerrechtspartei bei den Themen „Integration“ und „Migration“ umfassender von positiven Zielen sprechen.

In Bezug auf Muslime fordern sie einen Aktionsplan, um Muslime vor Diskriminierung zu schützen und strukturelle Benachteiligungen abzubauen. Außerdem wollen sie Beratungsstellen und Selbstorganisationen sichern und ausbauen. Außerdem soll die Antidiskriminierungsstelle des Bundes gestärkt werden. Außerdem wollen die Grünen das Antidiskriminierungsgesetz reformieren, mehr Antidiskriminierungsbeauftragte einsetzen und die Polizei sensibilisieren.

Beim aktuellen Dauerthema Flucht und Zuwanderung werden die Unterschiede zur Union, zum Koalitionspartner SPD und zur FDP am deutlichsten. Neben der Linken spricht sich die Partei am deutlichsten für eine integrative und humanitäre Migrationspolitik aus. Und sie bemüht sich um einen Interessenausgleich zwischen Einheimischen und Zugewanderten.

Soweit das Programm. Was Vizekanzler Habeck Anfang Februar in seinem Zehn-Punkte-Plan zum Thema Migration forderte, klang im Ton teils deutlich schärfer als das Wahlprogramm. Er wolle eine „Vollstreckungsoffensive“ mit Schwerpunkt auf „Islamismus“ und anderen Extremisten. Nichtdeutsche „Gefährder“ und Schwerkriminelle sollen konsequent abgeschoben werden und überwacht werden. Er will eine drastische Beschleunigung von Asylverfahren, mehr Befugnisse für die Bundespolizei sowie Abkommen zur Rücknahme abgelehnter Asylbewerber.

gaza krieg protest

Foto: Shutterstock

Krieg und Frieden im Nahen Osten

In der Frage des Nahostkrieges und einer langfristigen, völkerrechtskonformen Lösung bewegen sich die Grünen zwischen Staatsräson und vorsichtiger Kritik an der gegenwärtigen Regierung in Tel Aviv.

In ihrem Wahlprogramm bekennt sich die Partei sowohl zur Zwei-Staaten-Lösung als auch zur Existenz Israels. Zudem soll ein souveräner, lebensfähiger und demokratischer Staat Palästina ermöglicht werden.

Zu den deutschen Rüstungslieferungen an Israel war von den Grünen in den letzten Monaten außer allgemeinen Äußerungen wenig zu hören. Hier wird das grüne „Sowohl-als-auch“ deutlich.

Vor dem Wahlkampf kritisieren die Bündnisgrünen den völkerrechtswidrigen Siedlungsbau, der den Friedensprozess behindert. Und wollen mit den Teilen der israelischen Gesellschaft zusammenarbeiten, die sich gegen Besatzung und für eine Zwei-Staaten-Regelung einsetzen. Für die Grünen ist dies die einzige Möglichkeit, den nationalen Bestrebungen beider Seiten gerecht zu werden.

Die Partei unterstützt die Schaffung eines neuen diplomatischen, multilateralen Rahmens für die Wiederaufnahme von Verhandlungen. Konkret fordern die Grünen eine Einigung über den Grenzverlauf zwischen den beiden Staaten auf der Grundlage der Grenzen von 1967 mit einem vereinbarten Gebietsaustausch. Die Grünen betonen die Notwendigkeit von Sicherheitsvereinbarungen, die sowohl die palästinensische Souveränität respektieren, als auch die Sicherheit Israels gewährleisten.

Bezüglich der Haftbefehle des Internationalen Strafgerichtshofs gegen Netanjahu und andere israelische Politiker erklärten die Grünen, dass sie dem Völkerrecht folgen wollen. Vizekanzler Habeck sagte, Tel Aviv habe mit seinem Vorgehen Grenzen überschritten.

Er und seine Parteikollegen haben in ihrer Regierungszeit wenig getan, um diese Grenzen zu sichern. Laut Medienberichten sollen sie von März bis August 2024 Lieferungen im Sicherheitsrat blockiert haben – gleichzeitig wies die Partei ironischerweise den Vorwurf eines „Waffenboykotts“ zurück. Deutschland ist nach den USA der zweitgrößte Waffenlieferant an die Regierung in Tel Aviv. (sw, mö, ak)

Hier findest Du das Wahlprogramm der Grünen für 2025: https://cms.gruene.de/uploads/assets/20250205_Regierungsprogramm_DIGITAL_DINA5.pdf

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Die Ratlosen – Wähler vor der Bundestagswahl 2025

Bundestagswahl

Hintergründe und Herausforderungen: Für viele WählerInnen ist unklar, wen sie bei den Bundestagswahlen wählen sollen.

(iz). In Wahlkampfzeiten ist die Neigung der Politik unübersehbar, komplizierte Problemlagen in möglichst simple Lösungsansätze zu übersetzen. Vor den Bundestagswahlen spürt man in der Bevölkerung eine gewisse Verunsicherung über die Frage, welche Partei das überzeugendste Programm anzubieten hat.

Hinzukommt die Zunahme der Geschwindigkeit notwendiger politischer Entscheidungen, angesichts des modernen Taktes der Krisen, drohender Kriege und technologischen Innovationen, sodass die Versprechen der Parteien über ihren langfristigen Kurs im Grunde vage bleiben.

Damit wird die Persönlichkeit der zu wählenden PolitikerInnen scheinbar immer wichtiger, da der Wähler hofft, dass die angepriesenen Charaktere in Notlagen – mit Hilfe ihrer nicht zur Disposition stehenden Experten – schon die richtigen Entscheidungen treffen werden. Nicht zufällig sind große Teile der Wählerschaft unentschieden oder erwägen, gar nicht zu wählen. Vermutlich werden Millionen von ratlosen BürgerInnen ihrem Gefühl folgen und eher spontan ihr Kreuz auf dem Wahlzettel machen.

Jahresrückblick

Foto: Deutscher Bundestag | Tobias Koch

Bundestagswahl 2025: nicht nur auf rationaler Grundlage

Dass Wahlen nicht nur auf rationaler Grundlage entschieden werden, ist eine alte Tatsache. Die Dominanz von Parteien in der politischen Entscheidungsfindung ist eine relativ neue Erfindung. In der griechischen Antike, besonders in Athen, war das Losverfahren ein zentrales Element der Demokratie. Es wurde genutzt, um Ämter oder Aufgaben zu vergeben, um zunächst sicherzustellen, dass die Macht nicht in den Händen einer kleinen Elite blieb.

Zum Beispiel wurden viele der Magistrate in Athen durch das Los bestimmt, statt durch Wahl. Das Verfahren sollte gewährleisten, dass alle Bürger die gleiche Chance hatten, öffentliche Ämter zu bekleiden – unabhängig von ihrem sozialen Status oder Einfluss. Das Vertrauen auf den Zufall erklärt sich im Kontext metaphysischer Gewissheiten der Antike.

Tausende Jahre später brüten Hundertschaften von Technikern in aller Welt über die ultimative Vision einer absoluten Vernunft, die dem Menschen mit Hilfe der Künstlichen Intelligenz ermöglicht seinen Entscheidungen eine berechenbare Grundlage zu geben. Das Problem der Macht einer allwissenden Technik, die dem Wähler in den nächsten Jahren die Qual der Wahl abnehmen könnte, spielt im aktuellen Wahlkampf bezeichnenderweise keine Rolle.

Dabei ist der Kampf zwischen chinesischen und amerikanischen Hightech-Giganten um die effektivsten Angebote der Künstlichen Intelligenz wohl eine der spannendsten Auseinandersetzungen der Menschheitsgeschichte. Wie wir Europäer die gewohnten moralischen und ethischen Standards inmitten der technologischen Revolution bewahren, beantwortet bislang keine Partei überzeugend. Die ungeheure Bedeutung dieser Innovationen in unserer Zeit besteht darin, dass sie – so die allgemeine Einsicht – unabänderliche Fakten schafft, und auf Dauer keine Wahl mehr lässt.

Foto: Ekatarina, Adobe Stock

Grundfragen: Was ist Zivilisation?

Fest steht: Das antike Griechenland ist die Wiege der europäischen Kultur und der Anfang der Geschichte demokratischer Institutionen. Das Phänomen der Zivilgesellschaft, die unser Gemeinwesen entscheidend prägt, hat ebenso alte Wurzeln. David Wengrow erinnert in seinem Buch „Was ist Zivilisation?“, wie sich ursprüngliche Gesellschaften durch Prozesse der freiwilligen Koalition organisieren: 

„Zivilisation von unten nach oben und nicht von oben nach unten. (…) Der Begriff bezieht sich auf die Fähigkeit von Gesellschaften, eine moralische Gemeinschaft zu bilden – ein ausgedehntes Feld des Austausches und der Interaktion – trotz Unterschiede in der ethnischen Zuordnung, der Sprache, der Glaubenssysteme oder der territorialen Zugehörigkeit.“ In diesem Sinne lässt sich die politische Frage unserer Zeit gut zusammenfassen: In welcher Art von Zivilisation wollen wir eigentlich leben?

Die Europäische Union ist das Symbol der Überwindung der Nationalismen und Ideologien des 20. Jahrhunderts. Europa sieht sich als vorläufiger Höhepunkt einer politischen Metamorphose, die die Monarchie und Diktatur überwunden hat, stattdessen offene Grenzen, Rechtsstaatlichkeit und die Idee der Menschenwürde manifestiert. Über Jahrzehnte war dieses Europa bei aller Kritik selbstbewusst und ökonomisch erfolgreich, lebte von dem Vertrauen, dass ihr Exporterfolg nicht nur wirtschaftlicher, sondern auch ideeller Natur ist.

Im 21. Jahrhundert erleben wir eine Wende und begreifen, dass die Idee der Entwicklung der Zivilisation zu einer demokratischen Weltgemeinschaft in weite Ferne gerückt ist. Die neue multipolare Weltordnung, die sich abzeichnet, wird von autoritär geführten Staaten und nicht nur durch Demokratien geprägt.

Zahlreiche Staaten bekennen sich nur noch begrenzt zu universalen Prinzipien, betreiben die Entmachtung des Völkerrechts und berufen sich verstärkt auf das Phantasma ihrer nationalstaatlichen Identität. Damit ist der eigentliche, visionäre Lösungsansatz, der sich in der europäischen Idee verbirgt, in Gefahr: eine Welt der Städte und Regionen, die die Vielfalt der Menschen in ihrer Zeit wieder spiegelt.

Das Bekenntnis der neuen amerikanischen Administration, sich zuerst um ihre eigenen Angelegenheiten und Interessen zu kümmern, findet längst den entsprechenden Widerhall in den europäischen Hauptstädten. Dabei gerät die Idee eines politisch vereinten Europas nicht nur wegen unterschiedlicher Bewertungen des russischen Angriffskrieges im Osten des Kontinents immer mehr unter Druck. Die anstehenden Wahlen sind in dieser Lage von einer grundlegenden Polarisierung geprägt. Zur Wahl steht eine Rückkehr zu nationalen Strategien, statt dem weiteren Ausbau der Europäischen Union.

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Foto: Rick, Adobe Stock

Explosives Thema Migration

Unter dem Eindruck der Massenimmigration ist eine Renaissance der Grenzzäune denkbar. Wie sich die Losung „Deutschland zuerst“ mit dem Schicksal einer Exportnation verträgt, deren Geschäftsmodell in einer von Nationalismen geprägten Welt bedroht ist, bleibt eine offene Frage. Absurd ist der Trend, derartige Schicksalsfragen unter dem Eindruck der furchtbaren Verbrechen psychopathischer Einzelgänger zu fällen.

Das Sicherheitsproblem Europas ist weitaus komplexer. Nach Untersuchungen der europäischen Polizeibehörde Europol sind in der EU 821 schwerkriminelle Netzwerke aktiv. Diese Banden mit mehr als 25.000 Mitgliedern sind hochprofessionell und skrupellos. Das Hauptgeschäft ist der Analyse zufolge der Drogenhandel. Wer glaubt schon, dass diese Probleme, Händler und Konsumenten, einfach abgeschoben werden können?

Hinzukommen die bekannten demographischen Tatsachen: Wer heute extrem rechts wählt oder von „Remigration“ träumt, dem bleibt nur ein Leben in Widersprüchen, politische Romantik ohne kulturelle Substanz und die Hoffnung auf eine Roboterwelt, die künftig die Pflege der geburtenstarken Jahrgänge in den Altersheimen übernimmt. Man muss schon ideologisch verwirrt sein, wen man hier Maschinen gegenüber Menschen bevorzugt oder überhaupt die folgenreiche Alterungsprozesse westlicher Gesellschaften ignoriert.

Die innere Zerrissenheit des Wählers und die Unsicherheit über seine Wahlentscheidung erklärt sich aus einer weiteren Konstellation der Moderne: Wie verhält sich das Versprechen der Freiheit mit dem Bedürfnis nach Sicherheit? Fakt ist, dass in den Reaktionsmustern auf die diversen Krisen der letzten Jahrzehnte eine Konstante unübersehbar ist. Wir scheinen gezwungen, die Herausforderungen unserer Zeit mit immer mehr Gesetzen, mehr Kontrolle und mehr Geld zu beantworten.

Was sind die Grenzen des Staates?

Schon Alexander von Humboldt beschäftigte sich im 19, Jahrhundert mit der philosophischen Frage nach den „Grenzen der Wirksamkeit des Staates“. Der Gelehrte war damals überzeugt, dass der Staat sich möglichst wenig in die Belange der Zivilgesellschaft, zu der insbesondere die sittliche Bildung der Bevölkerung gehörte, einmischen sollte.

In der modernen Bundesrepublik weitet sich der staatliche Einfluss auf die Meinungsbildung, Kultur, Bildungseinrichtungen, Religionsgemeinschaften oder die Familienpolitik dynamisch aus. Für die Wähler stellt sich hier eine wichtige Frage: Vertrauen sie auf Parteien, die mehr oder weniger Staat propagieren? Diese Diskussion wurde vor einigen Jahrzehnten mit populistischen Schlagworten begleitet, die aber bis heute nachklingen: Freiheit oder Sozialismus, Markt- oder Planwirtschaft.

Hier schließt sich die andere fundamentale Frage an. Welches Parteiprogramm sichert unseren Wohlstand und etabliert gleichzeitig ökonomische Gerechtigkeit? Es ist interessant, dass keine Partei es für nötig hält, eine der wichtigsten Herausforderungen der Zukunft klar zu beantworten: Wie bewältigen wir die gigantischen Schuldenberge und die daraus folgenden Zinsbelastungen? Naiv klingen heute Slogans wie „die Rente ist sicher“ oder die romantische Vorstellung einer „harten Währung“. 

Das Problem rund um die wundersame Geldvermehrung in der Moderne wird eher durch Philosophen wie Peter Sloterdijk benannt. In einem Interview mit FR-Online beschreibt er das Phänomen: „Durch den Zins wurde es mit der Zukunft ernst. Früher glaubte man an das Jüngste Gericht, jetzt haben wir die Zahlungsfrist. Wenn das moderne Leben so stark auf Zukunft hin akzentuiert wird, hat das vor allem damit zu tun, dass der Zinsdruck direkt und indirekt die Lebensgefühle der modernen Welt verändert.“

Unterhalb der philosophischen Abstraktion, die das Wesen unserer Geldwirtschaft benennt, finden sich in den Wahlprogrammen unter den Stichworten Schuldenbremse und Steuerpolitik programmatische Unterschiede. Der Bürger kann sich hier zum Beispiel entscheiden, ob er politische Strategien unterstützt, die Steuern entweder senken oder erhöhen wollen. Verführerisch ist der Gedanke von Parteien, die Staatsausgaben auszuweiten und ihre Wähler auf Kosten von neuen Schulden zum Preis der indirekten Besteuerung durch die Geldentwertung zu beglücken.

Relevant ist die Sorge um die Motivation der Stützen der Gesellschaft, dem Mittelstand, den Erfindern, den Leistungsträgern, die durch Inflation und steigende Steuerlasten immer stärker belastet werden. Die höhere Abgabenlast für Milliardenvermögen, die sich – im Gegensatz zu den Flüchtlingsströmen, recht frei in der modernen Welt bewegen – ist ein anderes Anliegen, das dem Wähler in diesem Fall linke Parteien wählbar erscheinen lassen.

Zweifellos stehen wir als Gesellschaft vor ökonomischen Verteilungskämpfen, die die Politik mit unterschiedlichen Schwerpunkten begegnen. Die Folgen der Klimakrise, die langfristige Finanzierung der Ukraine, der Ausbau der Bundeswehr, die sozialen Kosten der Immigration sind nur einige Posten der offenen Rechnungen der Zukunft. Die Folgen, die anstehenden Umverteilungen, die eventuell auch eine Verarmung von Bevölkerungsteilen in Deutschland mit einschließt, verläuft parallel zu der Entscheidung über die zivilisatorische Idee des Gemeinwesens.

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Foto: pmvfoto, Shutterstock

Wie eine gespaltene Gesellschaft zusammenhalten?

Wie unsere gespaltene Gesellschaft, die von staatlichen Leistungen zusammengehalten wird, sich in einer ernsten ökonomischen Krise weiter entwickelt, ist ein Grund tiefer Sorgen. Hier bewegen wir uns im Dualismus von Angst und Zuversicht. „Es gibt Hoffnungen, die erscheinen verrückt; aber sie sind es nicht. Diese verrückten Hoffnungen sind nämlich oft gerade diejenigen Hoffnungen, die helfen, nicht verrückt zu werden“, schreibt Heribert Prantl in einem aktuellen Buch. Was hier gemeint ist: Für eine Zukunft in unserem Land braucht es nicht nur ein materielles, sondern ebenso ein geistiges Konzept.

Wenn wir in Deutschland dieser Wahl eher ratlos gegenüber stehen, ist dies keine große Überraschung. In allen Parteiprogrammen finden sich durchaus Aspekte, die wir mit Überzeugung unterstützen. Eine konstruktive Beschreibung der Rolle von Muslimen in der Gesellschaft sucht man dagegen vergeblich.

 Es gibt keine ideale politische Repräsentation, die unsere liberal-konservativen, freiheitlichen und solidarischen Erwartungen vollständig erfüllt. Idealismus darf nicht, so groß die Unzufriedenheit sein mag, den Blick auf die realen Gefahren verstellen.

Wie viele MitbürgerInnen wollen wir mit unserer Wahl im Februar vor allem das Schlimmste verhindern: den Erfolg einer Ideologie, die auf die Einheit von Volk, Territorium und Ethnie setzt. Minderheiten in der Republik sind gut beraten, nur auf Parteien zu setzen, die – in von Hysterie befallenen Zeiten – die Grenzen der Verfassung klar akzeptieren. 

Seneca formuliert in seinen moralischen Briefen einen zeitlosen Rat: „Gelassenheit können nur jene erreichen, die ein unerschütterliches und klares Urteilsvermögen haben – der Rest hadert ständig mit seinen Entscheidungen, schwankt hin und her zwischen Ablehnung und Akzeptanz. Woher kommt dieses Für und Wider? Es rührt daher, dass nichts klar ist und sie sich auf den unsichersten Ratgeber verlassen: die öffentliche Meinung.“

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Muslime vor der Bundestagswahl 2025: „Ein bedeutendes Wählerpotenzial“

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Muslime vor der Bundestagswahl 2025: „IZ-Begegnung“ mit Aladdin Beiersdorf-El Schallah über das Versagen von Parteien, Muslime einzubinden. (iz). Aladdin Beiersdorf-El Schallah ist ein deutscher Politiker und zivilgesellschaftlich aktiv. Er ist […]

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Dürre Antworten: Religion in den Bundestagswahlprogrammen

landtagswahlen Bundestagswahl

Zur Bundestagswahl stellt sich die „Gretchenfrage“: Wie hältst du’s mit der Religion? Die Bandbreite reicht von Staatsleistungen über Schutz des Judentums bis zum Umgang mit Muslimen. Ein Blick in die Parteiprogramme.

Berlin (KNA). Das Loriotsche „Früher war mehr Lametta“ beschreibt auch die Berücksichtigung von Kirchen und Religion in den aktuellen Wahlprogrammen zur Bundestagswahl. Beim politischen Newcomer BSW findet sich dazu: null. Am detailreichsten behandelt das Thema die Linke. Zum Schutz jüdischen Lebens und gegen Antisemitismus finden sich außer beim BSW in allen Programmen Passagen, wobei die AfD den Judenhass vorwiegend bei Muslimen verortet.

Bundestagswahlprogramm: Union setzt Linie fort

Die Union will die christlichen Traditionen bewahren und bekennt sich zum Schutz der entsprechenden Feiertage, zur Sonntagsruhe sowie zur „geregelten Kooperation zwischen Staat und Kirche“. Vor früheren Wahlen wurde das noch detaillierter ausgeführt.

Ferner ist der Religionsunterricht für CDU und CSU erklärtermaßen unverzichtbar. Der umfängliche Schutz der Religionsfreiheit und religiöser wie weltanschaulicher Minderheiten sei der Union ein „besonderes Anliegen“.

Parteiprogramm union programm

Foto: Marc-Steffen Unger, Deutscher Bundestag

Erklärtes Ziel ist laut Unionsprogramm „ein lebendiges und vielfältiges muslimisches Gemeindeleben, das sich Deutschland zugehörig fühlt“, aber auch fest auf dem Boden der freiheitlichen Grundordnung stehen müsse.

„Wir schließen Moscheen, in denen Hass und Antisemitismus gepredigt wird“, heißt es. Überdies treten CDU und CSU erneut für eine Imamausbildung in Deutschland und in deutscher Sprache ein. Diese Forderung teilen sie mit AfD und FDP.

Liberale haben wenig zu bieten

Die Liberalen wiederholen darüber hinaus ihre Forderung, das Staatskirchenrecht zu einem Religionsverfassungsrecht weiterzuentwickeln. Was das konkret bedeutet, lassen sie allerdings weiter offen. Ferner halten sie an einer Ablösung der historischen Staatsleistungen an die Kirchen fest. Der inzwischen über 100 Jahre alte Verfassungsauftrag stand auch im Koalitionsvertrag der Ampel.

Zuletzt war das Thema im Spätsommer hochgekocht. Der angekündigte Entwurf der früheren Regierungskoalition für ein sogenanntes Grundsätzegesetz, mit dem die Rahmenbedingungen auf Bundesebene festgelegt werden sollten, wurde jedoch nicht mehr vorgelegt. Denn es gibt massiven Widerstand von den Ländern, die die Kosten in Milliardenhöhe tragen müssten. Die Kirchen indes sind bei dem Thema offen. Neben der FDP hat jetzt nur noch die Linke die Ablöseforderung im Wahlprogramm.

Foto: Andreas Prott, Adobe Stock

Linke beschäftigen sich relativ intensiv mit der Religion

Die Linkspartei fordert auch, dass die Kirchen ihre Kirchensteuern selbstständig einziehen sollten. Bisher geschieht dies über die Finanzämter der Länder, die dafür eine Aufwandsentschädigung einbehalten. Zudem wendet sich die Partei erneut gegen ein Verbot religiös motivierter Bekleidung und damit verbundene Einschränkungen bei der Arbeit, etwa durch das Tragen eines Kopftuchs.

Außerdem sollen das muslimische Zuckerfest und der höchste jüdische Feiertag Jom Kippur staatlich geschützte Feiertage für die Religionsgemeinschaften werden.

Darüber hinaus votiert die Linkspartei wieder für eine Reform der Militärseelsorge, um eine ihrer Ansicht nach gleichberechtigte Betreuung durch alle Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften zu garantieren. 

Die Linke plädiert ebenfalls für den Sonntagsschutz, kommt aber anders als die Union von der Gewerkschaftsseite. Im gleichen Fahrwasser verlangen die Linken erneut die Abschaffung des eigenständigen kirchlichen Arbeitsrechts. Das Streikrecht etwa müsse auch in Einrichtungen von Diakonie und Caritas gelten, die zu den größten Arbeitgebern in Deutschland zählen.

SPD gewohnt wortkarg – Grüne etwas umfassender

Die SPD hält es knapp: Kirchen und Religionsgemeinschaften leisteten einen wertvollen Beitrag für das Zusammenleben. „Wir fördern den interreligiösen Dialog und schützen die Religionsfreiheit“.“ Ausführlicher kommen Schutz und Förderung jüdischen Lebens vor, allerdings ohne konkretere Umsetzungsideen.

Ähnlich würdigt auch der Programmentwurf der Grünen den Beitrag der Kirchen zum demokratischen und sozialen Zusammenhalt und spricht sich ferner expliziert für das Kirchenasyl aus. Antisemitismus müsse entschlossen bekämpft werden, ältere jüdische Generationen sollten stärker sozial abgesichert werden. Mit einem Aktionsplan gegen Islamfeindlichkeit wollen die Grünen gegen die Diskriminierung von Muslimen vorgehen.

Muslimfeindlichkeit Expertenkreis

Foto: Markus Spiske, via flickr | Lizenz: CC BY 2.0

Religionspolitische Aussagen der AfD zielen gegen Muslime ab

Die AfD will das Kirchenasyl hingegen abschaffen und die Vereinbarung des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge mit den Kirchen kündigen.

Die Partei will einer „weiteren Islamisierung“ entgegentreten und die Finanzierung wie den Betrieb von Moscheen und muslimischen Organisationen aus dem Ausland per Gesetz verbieten. Das Tragen von Burka und Niqab (Gesichtsschleier) soll in der Öffentlichkeit untersagt werden.

Zwar gehört nur noch knapp jeder zweite Bundesbürger (47 Prozent) einer christlichen Kirche an, gleichwohl hat die Konfession noch deutliche Auswirkungen auf das Wahlverhalten, wie zuletzt die Forschungsgruppe Wahlen zur Europawahl im Mai zeigte. Katholiken wählen demnach überdurchschnittlich oft die Union, bei den Protestanten fällt eine größere Unterstützung für die SPD auf. AfD und BSW wählten Christen etwas seltener als der Bundesdurchschnitt.