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Kairos „Stadt der Toten“ ist in Gefahr

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An den Morgen religiöser Feiertage versammeln sich die Ägypter zwischen den Gräbern in Kairos „Stadt der Toten“, einer sechs Kilometer langen mittelalterlichen Nekropole am Fuße der Mokattam-Hügel.

(The Conversation). Sie pflegen damit eine langjährige Tradition des Gedenkens und der Ehrung ihrer verstorbenen Angehörigen. Auch wenn man erwarten könnte, dass diese Zeremonie von Stille geprägt ist, sind die engen Gassen des Ortes voller Leben, während die Bewohner ihren alltäglichen Routinen nachgehen. Von Lamya Elsabban

Die Stadt der Toten, deren Ursprünge bis ins 7. Jahrhundert zurückreichen, gehört seit 1979 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Sie entstand einst als Begräbnisstätte, entwickelte sich aber im Laufe der Zeit zu einem komplexen, bewohnten Stadtgebiet.

Heute leben dort Generationen von Familien, die die Bauwerke des Friedhofs zu Wohnräumen für den Alltag umgestaltet haben.

Die „Stadt der Toten“ spiegelt verschiedene Epochen der ägyptischen Geschichte wider. Ihr frühislamischer Charakter zeigt sich in den Kuppelgräbern, Moscheen, Schreinen und Grabanlagen, die oft um Innenhöfe mit kunstvoll behauenen Steindetails herum angelegt sind und durch schmale Wege und Gänge miteinander verbunden sind.

Im Laufe der Zeit wurde die Nekropole zur Heimat für Hunderttausende Menschen, die nach einem Wohnort suchten. Viele wurden durch den Mangel an bezahlbarem Wohnraum in Kairo sowie durch die zentrale Lage angezogen, die den Zugang zu Arbeitsplätzen und zum Stadtleben erleichtert.

Bis heute geben Familien Geschichten von dieser Gegend über Generationen weiter. Um sich über Wasser zu halten, sind sie auf Kleinunternehmen und informelle Arbeit angewiesen, wie zum Beispiel die Pflege von Gräbern, den Betrieb von Cafés und Kiosken oder die Fortführung traditioneller Schnitz- und Handwerkskünste.

Obwohl diese UNESCO-Stätte Jahrhunderte architektonischer und sozialer Geschichte in sich vereint, ist sie aufgrund fortlaufender städtebaulicher Maßnahmen zunehmendem Druck von außen ausgesetzt.

Im Jahr 2020 beschloss die ägyptische Regierung, ein Netzwerk aus Straßen und Brücken durch das Gebiet zu bauen, um das Zentrum von Kairo mit der neuen Hauptstadt zu verbinden, einer noch jungen Stadt etwa 60 km östlich.

Foto: dejank1/Adobe Stock

Die Stätte ist derzeit nur teilweise geschützt und anerkannt. Dies liegt zum Teil daran, dass nahegelegene historische Gebiete als touristisch wertvoller angesehen werden, und besser zu den offiziellen Vorstellungen von der Stadt passen.

Infolgedessen ignorieren große Entwicklungsprojekte oft die soziale, kulturelle und alltägliche Bedeutung der Totenstadt als einen Ort, an dem Menschen weiterhin leben und Traditionen pflegen.

Abgesehen vom Verlust von Gebäuden werden zusätzlich langjährige Bewohner zum Wegzug gezwungen, was etablierte soziale Netzwerke und die Lebensgrundlagen vor Ort zerstört.

Aktivisten, NGOs, Denkmalschutzexperten und Anwohner konnten im Jahr 2024 einige Abbrucharbeiten vorübergehend stoppen, darunter in Teilen des nördlichen Friedhofs rund um den Sultan-Qaytbay-Komplex sowie in Bereichen von Bab al-Nasr und Sayyida Aisha. Trotz dieser Pause wurden die Abrissarbeiten später im selben Jahr jedoch wieder aufgenommen.

Während Kairo sich weiter modernisiert, befindet sich die Nekropole in einer schwierigen Lage: Sie steht im Spannungsfeld zwischen dem Druck zur Stadtentwicklung, der Notwendigkeit, ihre Geschichte zu bewahren, und den Rechten der dort seit langem ansässigen Gemeinschaft.

Die Stadt der Toten ist ein einzigartiger und empfindlicher Ort, an dem Gräber, Alltag und kulturelle Gepflogenheiten nebeneinander existieren.

Was sie so besonders macht, sind nicht nur ihre historischen Gebäude, sondern auch die Art und Weise, wie die Menschen dort weiterhin wohnen und ihre Traditionen täglich am Leben erhalten.

* Im Rahmen einer CC-Lizenz übersetzt und veröffentlicht.

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Dubai – ein Symbol unter Beschuss

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Über das entpolitisierte Paradies Dubai inmitten einer hochpolitisierten Region.

(iz). Dubai ist in diesen Kriegstagen weniger eine Stadt als ein Symbol für ein Versprechen, das die Golfmetropolen der Welt gegeben haben: dass man hier, zwischen Meer und Wüste, einen sicheren Transit‑ und Luxuskorridor buchen könne, während ringsum ungelöste Konflikte brodeln.

Nun fallen Trümmer auf die Stadt, Alarmsignale der Mobiltelefone schneiden durch das klimatisierte Mall‑Atrien, und plötzlich verschiebt sich die Semantik: „Dubai“ bedeutet nicht mehr nur Shopping, Stopover, Expo‑Erinnerungen – sondern rückt gefährlich nah an den Sound von „Kriegszone Naher Osten“.

Dubai als Touristen-Symbol – und sein Riss

Über Jahrzehnte wurde Dubai als „sunny, safe, tax‑free oasis“ vermarktet, als Oase der Planbarkeit, in der fast 90 Prozent der Bewohner Expats sind und Sicherheit selbst zur Ware geworden ist.

Der Aufstieg vom Perlendorf zur globalen Drehscheibe folgte einer klaren Dramaturgie: Emirates als fliegende Brücke seit 1985, das Burj Al Arab als architektonische Ikone seit 1999, Eigentumsrechte für Ausländer in den 2000ern, bis hin zu einem Wirtschaftsmodell, in dem Öl nur noch einen winzigen Bruchteil des Bruttoinlandsprodukts ausmacht, während Handel, Tourismus, Immobilien und Finanzdienstleistungen die Stadt tragen.

Dieses Dubai war ein Versprechen an Reisende, Wohlhabende und den globalen Mittelstand: Du kannst durch den Nahen Osten reisen, ohne ihn wirklich berühren zu müssen – in einem klimatisierten, entpolitisierten „safe cosmopolitan space“.

Genau dieses Versprechen wird im Irankrieg beschädigt, wenn Bilder fliegender Drohnen und Evakuierungen vom Palm Jumeirah um die Welt gehen, und wenn Flugausfälle, Luftraumwarnungen und höhere Versicherungskosten den bislang reibungslos surrenden Transitknoten ins Stocken bringen. Mit jeder Reisewarnung, mit jedem Storno rutscht Dubai ein Stück aus der Sphäre der Imagination („Oase“) in die Sphäre der Geopolitik, in der kein Ort sich auf Dauer entziehen kann.

Gleichzeitig bleiben die Finanzmärkte nicht unberührt: Börsen öffnen nur verkürzt oder bleiben tageweise geschlossen, die Kurse von Airline‑Aktien, Hotelketten und Duty‑free‑Betreibern stehen unter Druck, weil Investoren das politische Risiko neu einpreisen.

Entscheidend wird sein, wie lange dieser Ausnahmezustand dauert: Ein kurzer Schock lässt sich in die Erzählung resilienter Modernität einbauen. Ein langgezogener Konflikt hingegen könnte Geschäftsmodelle, Renditeerwartungen und touristische Routinen grundlegend verschieben.

Gelassenheit im Ausnahmezustand

Paradox ist, dass die Alltagserfahrung vieler Bewohner dieser Tage eher von Gelassenheit erzählt als von Panik. Auf den ersten Blick bleibt der Strom der SUVs vor den Malls, das Flanieren auf den Promenaden, das entspannte Leben in den Cafés: keine Hamsterkäufe, kein sichtbarer Kollaps der Versorgung, das Leben geht weiter, als hielte die Stadt demonstrativ an ihrer eigenen Normalität fest.

Die Regierung bemüht sich, Preise zu stabilisieren, Subventionen zu justieren und Lieferketten offen zu halten – nicht nur aus Fürsorge, sondern auch, um das Narrativ der Steuerbarkeit der Lage aufrechtzuerhalten. Die Kommunikationsstrategie ist dabei Teil der psychologischen Infrastruktur: Warn‑Apps, Hinweise, wann Schutz gesucht werden soll, und wann man „normal“ weiterarbeiten kann, suggerieren eine kontrollierte Ausnahme.

In dieser Mischung aus High‑Tech‑Sicherheitsstaat und alltäglicher Routine entsteht ein Bild von Bürgern und Residents, die gelernt haben, mit geopolitischer Volatilität zu leben, ohne ihr Lebensmodell preiszugeben – ein Habitus der Ruhe, der selbst wieder zur touristischen Ressource werden könnte.

Die strategische Logik der Flugabwehr

Jenseits der Glas‑und‑Stahl‑Oberfläche Dubais arbeitet in diesen Wochen eine zweite, unsichtbare Maschine: die Flugabwehr, in die die Emirate seit Jahren Milliarden investiert haben. THAAD‑Batterien, Patriot‑Systeme, hochreichweitige Radare wie AN/TPY‑2 fügen sich mit eigenen Rüstungsprojekten wie „SkyKnight“ zu einem vielschichtigen Schutzschirm, der ballistische Raketen in großer Höhe, billige Drohnen und Marschflugkörper in tieferen Lagen abfangen soll.

Die nackten Zahlen der aktuellen Angriffe – hunderte Raketen und Drohnen, eine angegebene Abfangrate von über 90 Prozent, bei sehr wenigen Todesopfern – erzählen von einem technologischen Großversuch unter Ernstfallbedingungen, bei dem die Verteidigung zwar nicht alle Schäden verhindert, aber die Zerstörung auf ein politisch verkraftbares Minimum reduziert. Der Staat zeigt sich vorbereitet und als Herr der Lage.

Die Systeme sind nicht nur militärische Hardware, sondern Teil des Geschäftsmodells: Sie schützen Flughäfen, Seehäfen, Freihandelszonen und die Skyline, die als Kulisse für den globalen Kapitalverkehr dient. Jede erfolgreich abgefangene Rakete ist zugleich eine Investition in das Narrativ, dass selbst der Krieg hier nur „am Rand“ stattfindet – als Lichtblitz am Nachthimmel, der den Betrieb nicht grundsätzlich lahmlegt.

Zugleich macht die hohe Sichtbarkeit dieser Verteidigungsanstrengungen deutlich, dass die vermeintliche Entpolitisierung Dubais immer schon auf einer massiven Militarisierung des Luftraums beruhte – auf einer technopolitischen Architektur, die der Tourismusindustrie den Rücken freihalten sollte.

Foto: Defense.gov Photos | Lizenz: Public Domain

Zwischen US‑Israel‑Koalition und Golfinteressen

Der Krieg legt auch die Bruchlinien zwischen den Interessen der US‑Israel‑Koalition und denen der Golfstaaten frei. Während Washington und Jerusalem auf eine harte Linie gegenüber Teheran setzen, haben die Emirate und andere Golfmonarchien immer wieder eine diplomatische Lösung der iranischen Nuklearfrage gefordert und dem Westen in der aktuellen Eskalation die Nutzung ihrer Basen und ihres Luftraums für offensive Operationen verweigert.

Sie wollen nicht Schauplatz eines Stellvertreterkriegs werden– sind aber zugleich unmittelbare Zielscheibe iranischer Raketen, in größerer Zahl als Israel selbst.

Die offizielle Haltung wirkt trotzdem betont maßvoll: Die Opfer werden beklagt, auch die iranischen Zivilisten – etwa getroffene Schulkinder in Teheran – finden Eingang in die empathische Anteilnahme, als wolle man zeigen, dass dieser Krieg keine ethnokonfessionelle Schlacht sein soll, sondern eine Tragödie, die Menschen auf beiden Seiten trifft.

Die Botschaft nach innen lautet: Vertraut auf die Führung, auf unsere eigenen Fähigkeiten, unser Land zu verteidigen; nach außen: Wir sind keine Frontstaaten im Dienst einer fremden Agenda, sondern Akteure mit eigener strategischer Rationalität, die einen ideologisch aufgeladenen Krieg möglichst eindämmen wollen.

Dass die Emirate keinerlei Interesse an politischem Islam – weder in iranischer noch in jihadistischer Variante – haben, markiert dabei den Rahmen: Stabilität, Säkularität im Alltag, wirtschaftliche Offenheit stehen höher als jede ideologische Frontstellung.

Al Habtoors Einspruch gegen Stellvertreterlogik

In diese Konstellation hinein spricht der einflussreiche Geschäftsmann Khalaf Al Habtoor, und seine Worte finden viel Beachtung in der Stadt. Er schreibt, man wisse sehr genau, warum man angegriffen werde, und ebenso, wer die Region in diese Eskalation hineingezogen habe, ohne seine Verbündeten zu konsultieren – ein klarer Hinweis darauf, dass Teile der Golfelite die strategischen Entscheidungen der US‑Israel‑Koalition als fahrlässig empfinden.

Wenn er betont, die Golfstaaten bräuchten keinen äußeren „Schutz“ und nichts sei kostbarer als das Leben unserer Söhne, keine Allianz den Preis wert, artikuliert sich darin ein souveränes Selbstverständnis, das die Logik klassischer Schutzmachtbeziehungen aufkündigt. „Wir brauchen euren Schutz nicht… haltet nur eure Hände von uns fern“ – in diesem Satz steckt der Wunsch, der eigenen Wohlstands‑ und Sicherheitsarchitektur zu trauen, statt als Schachfigur in einem globalen Rüstungsbusiness zu enden, das von jeder neuen Krise profitiert.

Al Habtoors Kritik am Waffenhandel – als Geschäft, das Konflikte eher nährt als eindämmt – wirkt wie eine selten ausgesprochene Selbstdiagnose der Region: Das, was die Skyline schützt, ist zugleich Teil eines global agierenden Industriekomplexes, der Kriegszyklen verlängert. Insofern ist seine Intervention auch eine Verteidigung Dubais als Lebensform: einer Wirtschaftsmetropole, die sich nicht permanent neu als Schlachtfeld verfügbar machen lassen will.

Foto: Jeremy Kemp, via Wikimedia Commons | Lizenz: Public Domain

Finanzielle Hebel – Dubai als Druckmittel

Doch Dubai ist mehr als touristisches Symbol und militärisch geschützter Knoten – es ist seit Jahrzehnten einer der wichtigsten Schatten‑Durchgänge der iranischen Ökonomie. Über Firmenregister, Free Zones und Finanzkonstruktionen fließen Milliarden an iranischem Kapital durch Emirate‑Konten: Briefkastenfirmen, inoffizielle Wechselstuben, informelle Netzwerke sorgen dafür, dass Öleinnahmen kanalisiert, Sanktionen umgangen, Devisen beschafft und globaler Handel ermöglicht werden.

Dieses Geflecht bildet die unsichtbare Rückseite der Skyline, eine Grauzone, in der geopolitische Feindschaft und ökonomische Koexistenz sich berühren. Mit den iranischen Angriffen wächst nun der Druck, dieses Netzwerk als Hebel einzusetzen. Nach Berichten, die auf das „Wall Street Journal“ zurückgehen und von internationalen Medien aufgegriffen wurden, prüfen die Emirate die Möglichkeit, iranische Vermögenswerte in Milliardenhöhe einzufrieren: Konten mutmaßlicher IRGC‑Frontfirmen, Geldströme über Schattenbanken und inoffizielle Exchanges, bis hin zu möglichen maritimen Maßnahmen gegen iranische Schiffe.

Ein solcher Schritt würde Teherans Zugang zu Fremdwährungen und Handelsnetzen drastisch einschränken – potenziell wirksamer als manche militärische Option – und erklärt, warum in sozialen Medien bereits spekuliert wird, die in Emirate‑Banken liegenden Vermögen der Revolutionsgarden könnten den Krieg schneller beenden als jede Rakete.

Für Dubai selbst wäre das ein riskantes Manöver: Es würde Teile seines Finanzökosystems beschneiden und das Image als neutraler, transnationaler Umschlagplatz belasten, zugleich aber die Rolle der Stadt als strategischer Akteur im Finanzkrieg unterstreichen.

Unter der Oberfläche der Luxushotels wird hier eine stille, ökonomische Frontlinie gezogen, an der sich entscheidet, ob die Golfstädte reine Kulissen bleiben oder ihre Macht als Gatekeeper globaler Kapitalströme offensiv nutzen. Auf der anderen Seite weisen die Golfstaaten darauf hin, dass ihre Investitionen in den USA neu bewertet werden könnten. Eine Aussicht, die nicht nur in den USA Sorgen auslösen dürfte.

Foto: Wikipedia Commons

Aussichten: Verwundbarkeit und Beharrungskraft

Die Frage nach Dubais Zukunft in Zeiten des Irankrieges ist keine Prognosefrage allein, sondern eine Frage nach der Haltbarkeit eines bestimmten Zivilisationsentwurfs. Kurzfristig zeigen die Daten eine erstaunliche Resilienz: Trotz Angriffen, Flugstörungen und verunsicherten Investoren kehrt die Stadt binnen Tagen weitgehend zum Normalbetrieb zurück, zwar buchen Touristen um, verschieben, stornieren – aber viele Auswärtige brechen Dubai nicht den Rücken.

Die Hochhäuser stehen, die Strände füllen sich, das Nachtleben dimmt vielleicht das Licht, aber es geht nicht aus. Langfristig hängt alles an der Dauer und Intensität des Konflikts – und daran, ob es den Emiraten gelingt, das Bild des sicheren Transit‑ und Luxuskorridors glaubhaft zu reparieren.

Gelingt es, die Angriffe als einmaligen Schock zu rahmen, flankiert von hwirksamer Luftverteidigung und klug dosiertem Finanzdruck auf Teheran, dann könnte Dubai sogar gestärkt aus der Krise hervorgehen: als Stadt, die gezeigt hat, dass ihr Sicherheitsversprechen mehr ist als Marketing.

Zieht sich der Krieg dagegen über Monate oder gar Jahre, werden Versicherer, Fluglinien, Konzerne und Individualreisende ihre Risikomodelle neu zeichnen – und der Golf könnte einen Teil seines touristischen und finanziellen Magnetismus an andere, sichere wahrgenommene Korridore verlieren.

Vielleicht wird man Dubai dann einmal als Labor eines 21. Jahrhunderts lesen, in dem der Versuch unternommen wurde, ein entpolitisiertes Paradies inmitten einer hochpolitisierten Region zu erschaffen – und in dem sich, unter Raketenfeuer, zeigte, wie dünn die Trennwand zwischen Duty‑free‑Shop und geopolitischer Frontlinie tatsächlich ist.

Die kommenden Monate werden entscheiden, ob die Stadt diese Trennwand neu verstärken kann – oder ob der Rauch der Trümmer sich tiefer in das kollektive Gedächtnis der Reisenden einbrennt, als es jede Imagekampagne je wieder aufhellen kann. Die Situation ist gefährlich, denn wenn die ökonomischen Perspektiven in den Wohlstandszentren wegbrechen, könnte der gesamte Raum dauerhaft destabilisiert werden.

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Oxfam: Wie Oligarchen die Welt gefährden

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Wie die Oligarchen Ökonomie und Politik dominieren: Pünktlich zum WEF-Treffen in Davos veröffentlichte Oxfam einen Bericht über die Superreichen.

(iz). Milliardäre in aller Welt erleben derzeit eine historische Hochkonjunktur, während für Mrd. Menschen die Lebensverhältnisse stagnieren oder sich verschlechtern.

Der neue Oxfam-Bericht zum Weltwirtschaftsforum in Davos „Resisting the Rule of the Rich: Die Macht der Superreichen und wie sie unsere Freiheit bedroht“ beschreibt diese Entwicklung nicht nur als ökonomische, sondern als politische Gefahr für Demokratien weltweit.

Laut der Plattform stieg das Vermögen der rund 3.000 Milliardäre 2025 um mehr als 16 % auf 18,3 Bio. US‑Dollar – der höchste Stand aller Zeiten. Insgesamt ist ihr Reichtum seit 2020 inflationsbereinigt um 81 % gewachsen – in einem Zeitraum, in dem die Armutsbekämpfung weitgehend zum Stillstand gekommen ist.

Der Bericht beziffert den Vermögenszuwachs allein im vergangenen Jahr auf 2,5 Bio. Dollar, eine Summe, die laut Oxfam ausreichen würde, um extreme Armut 26‑mal zu beseitigen. Die zwölf reichsten Personen besitzen demnach inzwischen mehr Vermögen als die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung – rund vier Mrd. Menschen.

In Deutschland spiegelt sich dieser Trend: Ihre Zahl stieg binnen eines Jahres um ca. ein Drittel auf 172, ihr Gesamtvermögen legte inflationsbereinigt um etwa 30 % auf 840,2 Mrd. Dollar zu.

Ein deutscher Milliardär verdient demnach in weniger als eineinhalb Stunden so viel wie ein durchschnittlicher Beschäftigter im ganzen Jahr. Die NGO spricht von einer „Ära der Milliardärinnen und Milliardäre“, in der sich Reichtum an der Spitze in „nie dagewesenem Tempo“ konzentriert.

Foto: Allah Rakhi, Care International

Dem Rekordreichtum steht eine Welt gegenüber, in der sich grundlegende Lebensrisiken für viele verfestigen. Laut den von Oxfam ausgewerteten UN‑Zahlen hatten 2024 rund 28 % der globalen Bevölkerung nur eingeschränkten bzw. gar keinen sicheren Zugang zu ausreichend Nahrung; insgesamt waren etwa 2,3 Mrd. Personen von moderater oder schwerer Ernährungsunsicherheit betroffen.

Zugleich lebten 2022 fast 48 % der Weltbevölkerung von weniger als 8,30 Dollar pro Tag (kaufkraftbereinigt), und in vielen Regionen – vor allem in Afrika – steigt die extreme Armut wieder an.

Diese soziale Spaltung geht laut Oxfam mit einem Abbau von Freiheitsrechten einher. Nach Daten von Freedom House befand sich 2024 das 19. Jahr in Folge auf einem weltweiten Abwärtspfad der bürgerlichen und politischen Freiheiten.

Etwa ein Viertel aller Staaten schränkte die Meinungsfreiheit spürbar ein. Parallel registrierte der Global Protest Tracker der Carnegie-Stiftung im vergangenen Jahr mehr als 142 bedeutende Antiregierungsproteste in 68 Ländern – Demonstrationen, die häufig mit Gewalt beantwortet wurden.

Der Report warnt, dass das Risiko demokratischen Rückschritts – etwa durch Aushöhlung der Rechtsstaatlichkeit oder manipulative Eingriffe in Wahlen – in stark ungleichen Gesellschaften siebenmal höher sei als in egalitäreren Staaten.

Zentraler Befund ist der enge Zusammenhang von ökonomischer und politischer Ungleichheit. Oxfam schätzt, dass Milliardäre 4.000‑mal häufiger Spitzenämter bekleiden als durchschnittliche Bürger.

In vielen Ländern nutzten sie ihr Vermögen, um Parteien zu finanzieren, Wahlkämpfe zu prägen bzw. Regulierungen in ihrem Sinne zu beeinflussen, etwa bei Unternehmenssteuern, Kartellrecht oder Arbeitsstandards.

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Grafik: IZ (alle Fotos gemeinfrei oder CC BY-SA 3.0)

Die Organisation spricht von einer sich herausbildenden Oligarchie, die demokratische Institutionen aushöhle und Regeln so setze, dass sie künftige Umverteilung erschwere.

Als Beispiel verweist Oxfam ausdrücklich auf die Politik der Regierung Trump, die seit 2025 mit Steuersenkungen für Vermögende, der Schwächung internationaler Steuerkooperation und einer investorenfreundlichen Deregulierung von Digital‑ und Tech‑Konzernen maßgeblich zur aktuellen Vermögensexplosion beigetragen habe.

Der Boom von KI‑Aktien etwa habe die Portfolios der global reichsten Anleger zusätzlich befeuert. Zugleich interpretiert der Bericht diese Entwicklung als Warnsignal: Wo die Interessen weniger Superreicher Politik und Wirtschaft dominieren, verenge sich der Handlungsspielraum demokratischer Mehrheiten, etwa für Klimaschutz, soziale Sicherung oder eine faire Steuerpolitik. Besonders sichtbar wird diese Verschiebung der Machtverhältnisse im Medienbereich.

Laut Oxfam gehören Milliardären inzwischen mehr als die Hälfte der größten Medienunternehmen weltweit, zudem kontrollieren sie alle großen sozialen Plattformen. Genannt werden unter anderem Jeff Bezos, dem die „Washington Post“ gehört, Elon Musk mit X (ehemals Twitter), Patrick Soon‑Shiong als Eigentümer der „Los Angeles Times“ sowie Milliardärskonsortien, die maßgebliche Anteile am Wirtschaftsmagazin „The Economist“ halten.

In Frankreich habe der ultrarechte Unternehmer Vincent Bolloré den Sender CNews zu einem französischen Pendant zu Fox News umgebaut, während im Vereinigten Königreich drei Viertel der Zeitungsauflage von vier superreichen Familien kontrolliert würden.

Vor diesem Hintergrund warb Oxfam in seinem Davos‑Papier für eine politische Gegenoffensive. Regierungen sollten verbindliche nationale Pläne zur Verringerung der Ungleichheit verabschieden, mit klaren Zielen, Zeitplänen und regelmäßiger Überprüfung.

Zentral ist für die Organisation eine deutlich stärkere Besteuerung sehr hoher Vermögen und Einkommen – etwa durch breit angelegte Vermögenssteuern, höhere Spitzensteuersätze und eine konsequentere Erfassung von Kapitalerträgen.

Parallel fordert die Plattform „Brandmauern“ zwischen Reichtum und politischer Macht: strengere Regeln für Lobbying und Parteispenden, eine Begrenzung des Einflusses großer Privatvermögen im Wahlkampf sowie Maßnahmen zur Stärkung unabhängiger Medien und zur Eindämmung von Hassrede.

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Sudan: UN-Experte verurteilt Angriffe auf Kirchen und Moscheen

Sudan Afrika

Im Sudan gefährden Kämpfe zwischen Armee und RSF neben der Zivilbevölkerung auch religiöse und kulturelle Stätten.

Pretoria/Genf (KNA) Der UN-Experte für Menschenrechte im Sudan hat die Zerstörung von Religions- und Kulturstätten durch Militärs verurteilt. „Etliche Moscheen und Kirchen wurden angegriffen. Die Situation ist abscheulich“, sagte Radhouane Nouicer der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Foto: Fabian Lambeck, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 4.0

Historische Stätten im Sudan sind gefährdet

Betroffen seien auch historische Stätten wie etwa der alte Markt der Nil-Metropole Omdurman; er wurde Mitte Mai durch Brandstiftung zerstört.

Nouicer berichtet, die Kämpfe zwischen der sudanesischen Armee und den paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF) hätten die Menschen seit Mitte April in eine „Ausnahmesituation“ gestürzt: „Ich habe im Irak, Dschibuti, Syrien und Jemen gearbeitet. Aber ich habe noch nie so eine Hartnäckigkeit erlebt, mit der im städtischen Wohnraum gekämpft wird“, so der UN-Experte. Die militärischen Kriegsgegner zeigten vollkommene Missachtung für das Leben von Zivilisten.

Foto: World Vision

Den Preis zahlt die Zivilbevölkerung

Millionen Sudanesen seien derzeit ohne Zugang zu Nahrung, Wasser, Strom und Medikamente, oft in ihren Wohnungen verschanzt. „Sie können wegen der Unsicherheit nicht mal die Leichen ihrer Verwandten von den Straßen holen“, so Nouicer. Verschlimmert werde die Lage noch durch weitgehende Gesetzlosigkeit.

Berichten zufolge kam es in den vergangenen Wochen zu Plünderungen, sogar von ausländischen Botschaften. „Laut den Gefängnisbehörden wurden 12.000 Häftlinge entweder befreit oder konnten entkommen. Was soll man in einer Situation erwarten, in der sich Kriminelle frei auf der Straße bewegen?“, fragte Nouicer.

Hoffnung setzt der UN-Experte in eine Waffenruhe, die Armee und RSF am Wochenende unter Vermittlung der USA und Saudi-Arabiens vereinbart hatten. Allerdings kommt es auch nach Inkrafttreten der Feuerpause am Montag weiter vereinzelt zu Kämpfen. Es gelte, optimistisch zu bleiben und zu versuchen, eine Deeskalation der Gewalt zu erreichen, so Nouicer.

Der aus Tunesien stammende UN-Diplomat wurde 2022 von Hochkommissar Volker Türk ernannt. Er soll die Menschenrechtsvergehen untersuchen, die seit dem Militärputsch im Sudan 2021 begangen wurden.

Armin Langer: Problemlos in Neukölln leben

(iz). Der angehende 24-jährige Rabbiner Armin Langer ist verliebt in Neukölln. Er wehrt sich gegen die Behauptung, sein Bezirk sei, aufgrund des hohen Anteils an Muslimen, eine „No-Go-Area für Juden“. Unter Muslimen fühlt er sich wohl und damit ist er nicht allein. Für ihn ist es deshalb umso wichtiger, fernab des inszenierten Dialogs die Realität zu präsentieren.

Islamische Zeitung: Herr Langer, wie wird man eigentlich Rabbiner in Deutschland?

Armin Langer: Die Ausbildung hier in Berlin und Potsdam dauert fünf Jahre. Aber ich habe zuvor schon in einer Jeschiwa in Jerusalem studiert, das ist ein Institut für Talmud-Studien. Und auch davor, habe ich in meiner Synagoge in Budapest viel lernen können. Unsere Ausbildung hier ist ein eher liberales Rabbinerseminar, das aus zwei Teilen besteht: einem akademischen an der Universität Potsdam, unter dem Studium „Jüdische Theologie“ und einem praktischen Teil am Kolleg in Berlin, bei dem man Seelsorge, Gottesdienste und so weiter übt.

Islamische Zeitung: Nun sind Sie in Berlin, was führt Sie hier her?

Armin Langer: Ich habe Berlin vor einigen Jahren bereits besucht und da verliebte ich mich in die Stadt. Besonders in den Bezirk Neukölln. Es war ein verschneiter Tag und es fand irgendeine Kulturveranstaltung statt. Auf einer improvisierten Bühne sangen einige ältere kurdische Damen. Ich verstand nichts, aber die Atmosphäre begeisterte mich. Und richtig hergezogen bin ich für das Studium.

Islamische Zeitung: Kann man europaweit nur in Deutschland Rabbiner werden?

Armin Langer: In dieser Form nur in Berlin und Potsdam. Es gibt hier und da das Fach Jüdische Wissenschaften an Universitäten oder private Rabbinerseminare, aber diese Kombination aus beidem ist einmalig.

Islamische Zeitung: Nicht einmalig ist für Sie hingegen die Tatsache, dass man ein Neukölln liebender Jude sein kann. Stichwort: Salaam-Schalom Initiative.

Armin Langer: Richtig, das führte zu der Gründung. Wobei, ich muss da schon anders anfangen. Ich bin Ende August 2013 nach Berlin gezogen. Da ist dieses Gefühl, voller Erwartungen zu sein. Plötzlich sehe ich im Fernsehen einen Beitrag über Antisemitismus in Berlin und der Rabbiner Daniel Alter trifft die Aussage, dass Neukölln eine No-Go-Area für Juden sei.

Der Hauptgrund soll wohl die hohe Anzahl an Muslimen sein und diese Begründung empfinde ich als ziemlich problematisch, wenn wir doch wissen, dass 90 Prozent der antisemitischen Straftaten einen rechtsextremen Hintergrund haben. Vor allem aber auch, weil ich als Jude ja problemlos in Neukölln lebe und auch jüdische und israelische Freunde in Neukölln habe, die gleichermaßen gegen diese pauschale Behauptung sind. Wir haben Umfragen gestartet, die letztlich nur untermauerten, dass diese Aussage von Juden In Neukölln nicht bestätigt wird. Damit erlangten wir einige mediale Resonanzen.

Daniel Alter hätte genauso gut behaupten können, Marzahn, oder Brandenburg allgemein, seien No-Go-Areas, er bediente aber lieber diese antimuslimischen Narrative. Wobei ich ihm nicht direkt unterstellen möchte, antimuslimisch zu sein. Der für uns wichtigste Erfolg war, dass die Sehitlik-Moschee uns einlud und wir daraufhin Kooperationen starten konnten. Das empfand ich als eine Ehre.

Islamische Zeitung: Wie sahen die Kooperationen zum Beispiel aus?

Armin Langer: Wir haben einigen Muslimen die Frage gestellt, wie sie sich fühlen, wenn sie solche Aussagen hören. Die Reaktionen waren ebenfalls eindeutig – und eben erleichternd. Eine Dame erklärte, ihr einziges „Problem“ mit Juden sei, dass sie sich konzentrieren müsste bei der Frage, wie man koscher koche, wenn sie jüdische Gäste hat.

Islamische Zeitung: Gab es auch negative Resonanz?

Armin Langer: Negatives habe ich nur bei PI-News gelesen, aber ich denke, es ist eine Ehre, wenn sich das so entwickelt (lacht). Ich zitiere: „eine linksnaive Islam-Kuschelgruppe.“ Natürlich habe ich auch unter Juden und Muslimen die eine oder andere skeptische Stimme gehört, aber das ist okay. Wenn hunderte andere es positiv aufnehmen, bin ich beruhigt. Unsere Gruppe ist von einem anfänglichen Kern von fünf Personen auf mehr als 80 angestiegen.

Islamische Zeitung: Gab es von Daniel Alter selbst eine Reaktion?

Armin Langer: Die „Jüdische Allgemeine“ hat einen Bericht über uns geschrieben und auch Alter interviewt. Er meinte, er denke immer noch, dass er Recht hat. Das erklärt er damit, dass „diese Leute“, also wir, keine Kippa, also klassische Kopfbedeckung, tragen würden. Aber ich kenne genug Juden in Neukölln, die auch mit Kippa rausgehen, oder auf offener Straße hebräisch reden. Und niemandem ist je etwas passiert.

Es ist aber wichtig, klarzustellen, dass es nicht um Daniel Alter geht, sondern um die Denkweise an sich. Die Weißen müssten Angst vor den Muslimen haben, die Juden gehören jetzt einfach dazu und der gemeinsame Feind ist der migrantische Muslim. Das ist das gleiche Phänomen wie Alice Schwarzer und Thilo Sarrazin.

Islamische Zeitung: Das Geschäft mit der Angst also.

Armin Langer: Exakt, das ist die beste Absatzsteigerung.

Islamische Zeitung: Herr Langer, wir danken Ihnen für das Gespräch und wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg!

Die Gefahr der Paranoia

Prof. Manfred Schneider lehrt Ästhetik und Literarische Medien am Lehrstuhl für Neugermanistik an der Ruhr-Universität Bochum. In seinem neuen Buch „Das Attentat. Kritik der paranoischen Vernunft“ befasst er sich mit der Psychologie des Attentäters, der Rolle des Attentats in der heutigen Zeit und der Reaktion von Politik und Gesellschaft darauf, sowie mit dem Wesen der Paranoia. Wir sprachen mit Prof. Schneider über die Thesen des Buches.
Islamische Zeitung: Herr Prof. Schneider, wie kamen Sie dazu, ein Buch über Attentäter zu schreiben?
Manfred Schneider: Ich möchte zurückfragen: Wie kann man im Augenblick kein Buch über Attentate schreiben? Es vergeht ja fast kein Tag ohne Nachrichten von Attentaten, versuchten Attentaten, Warnungen vor Attentaten oder von politischen Maßnahmen, um Attentate zu verhindern. Oder von Selbst­mordattentaten, vor allem im Nahen Osten oder Afghanistan. Es ist also augenscheinlich ein großes Thema. Ich bin ein Beobachter der politischen Ereignisse, und ich muss sagen, dass für mich persönlich das Attentat auf John F. Kennedy 1963, als ich ein junger Student war, ein einschneidendes Ereignis war, und prägend war auch später die Geschichte der RAF im Deutschland der 70er Jahre mit den vielen Attentaten und politischen Morden. Das brachte mich zu der Vorstellung, die sich heute bewahrheitet – nämlich dass Attentate ein Mittel des Politischen geworden sind, das wir nicht mehr loswerden.
Islamische Zeitung: In Ihrem Buch findet sich eine Widmung mit einem Nietzsche-Zitat – „nicht der Zweifel, die Gewissheit macht wahnsinnig“. Ist es diese radikale Subjektivität, welche Ideologen aller Couleur verbindet?
Manfred Schneider: Das Zitat soll einen Akzent setzen, dass der Wahnsinn der Paranoia, den ich allerdings nicht als klinischen Wahnsinn beschreiben will, eine Gestalt der Gewissheit ist. Eine Gestalt extremer Gewissheit und unerschütterbarer Überzeugung. Zugleich ist sie eine Form der Rationalität. Es gibt eine sehr interessante Bestimmung der Paranoia von einem Psychiater des 19. Jahrhunderts, der sagt, der Paranoiker sei jemand, der alles verloren hat außer seiner Vernunft. Das heißt, diese extreme Gewissheit ist eine Haltung zur Welt, ob sie nun politisch, wissenschaftlich oder religiös ist, die nur aus Überzeugung besteht, die nicht das Element des Zweifels, der Skepsis oder auch die Fähigkeit, den entgegengesetzten Standpunkt wenigstens zu denken, mehr kennt. Das sind die Gewissheitshaltungen, die ich in dem Buch ausdrücklich in Frage stelle. Von solchen versteinerten Überzeugungen geht sehr viel ideologisches Unheil aus.
Islamische Zeitung: Ihr Buch ist ja auch eine Geschichte des Attentäters. Haben die modernen Medien, hat die Medienwelt, in der wir leben, auch die Verhaltensmuster des Attentäters ­verändert?
Manfred Schneider: Es ist eine der Hauptthesen meines Buches, dass die modernen Medien, seien es Zeitungen, Fotografie, Kino, TV, die Nachrichten aus der Politik verbreiten, den Attentäter mit hervorbringen. Das Paradoxe ist, dass der Attentäter eigentlich die Medien verachtet, weil sie in seinen Augen lügen, die Dinge verstellen, die Bilder fälschen, die wahren Tatsachen abschirmen; andererseits will er aber selbst in den Medien erscheinen. Er wünscht sich, dass sein Bild als das wahre Bild eines Helden, eines Befreiers, eines Opfers von allen gesehen wird. Eigentlich ist dieser Wunsch, gesehen zu werden, ganz alt; es gab ihn bereits vor den modernen Medien. Aber die modernen Medien haben diese beiden Seiten: An ihnen hängt einmal die Vorstellung, dass sie lügen, und gleichzeitig will der Attentäter selbst als das wahre Bild, als Bild der Wahrheit in den Medien erscheinen. Das ist ein Phänomen der Moderne.
Islamische Zeitung: Sie beschreiben auch das Verhältnis des einzelnen Attentäters und seiner so hilflosen wie destruktiven politischen Tat zum Macht­apparat. Warum wird diese Figur heute wichtiger, und ist sie gar bereits integrierter Teil unseres modernen politischen Lebens geworden?
Manfred Schneider: Ein großes Problem unseres politischen Lebens ist unser Umgang mit der Macht. Wir wissen natürlich, welche Macht es in der Welt gibt und dass sie sich in den Händen weniger Leute befindet, in den Händen von Politikern, Militärs, Polizei, von Unternehmern, aber eben auch von Medien, Zeitungen, Fernsehen und so weiter. Tatsächlich aber ist das Problem, dass man die Macht nicht sehen kann. Das, was wir von der Politik und von der Macht sehen, wie zum Beispiel diese kluge, aber doch unscheinbare Kanzlerin oder diesen Armeechef oder jenen Intendanten – wir können uns nicht vorstellen, dass diese Alltagsmenschen über solche Macht verfügen. Das Schauspiel, das uns die Politik und die Mächtigen bieten, steht für uns in einem Missverhältnis zu der ungeheuren Macht, von der wir wissen und die wir bisweilen spüren, wenn die Dinge für uns selbst schief laufen. Und das ist die Quelle des Verdachts, der irgendwie in uns allen lebendig ist, nämlich dass hinter den Kulissen doch etwas ganz anderes gespielt wird, dass ganz andere Mächte im Hintergrund wirken, obwohl wir ja eigentlich als Volk, als Demokraten selbst die Macht sind und sie verkörpern. Von daher ist der Attentäter wie ein Delegierter dieser Beunruhigung durch die Macht, die uns umtreibt. Obwohl er von uns nicht beauftragt ist, handelt er als unser Delegierter, der diese Macht, die ganz fern von uns, unsichtbar und verdachtsbeladen ist, für einen Augenblick sichtbar macht.
Islamische Zeitung: Wir haben gerade wieder in Stockholm die Tat ­eines muslimischen Attentäters erlebt. Wie können wir verhindern, dass unsere Gesellschaft angesichts dieser an­dauernden Bedrohungen „paranoid“ wird?
Manfred Schneider: Da liegt eine große, um nicht zu sagen gewaltige Verantwortung auf uns allen. Das kollektive Verständnis einer Gesellschaft kann schnell umschlagen in eine paranoide Auffassung vom Grund oder der Ursache bestimmter Übel, mit denen sie es zu tun hat. Es gibt einmal diesen primitiven Denkmechanismus, der für die Ursache von Übeln Sündenböcke sucht. Das ist gewissermaßen alltäglich. Gefährlich und paranoid wird es, wenn eine einzige Ursache und womöglich eine einzige Personengruppe für sämtliche Übel verantwortlich gemacht wird. Früher waren dies einmal die Linken, noch früher waren es die Juden, heute sind neue Gruppen aufgetaucht, wie Migranten, Muslime oder Hartz IV-“Faulpelze“, denen diese störenden, unangenehmen und gefährlichen Dinge, mit denen wir zu kämpfen haben, zugerechnet werden. Es geht darum, zu sehen, dass wir es bei Attentätern zumeist mit besessenen, aus der Bahn geratenen Einzeltätern zu tun haben – auch dann, wenn sie einmal in einer Gruppe auftreten. Das dürfen wir nicht aus dem Blick verlieren.
Islamische Zeitung: Wo würden sie die Trennlinie zwischen „normaler“ Angst und Paranoia ziehen?
Manfred Schneider: Angst ist nicht Paranoia, auch wenn sie sehr intensiv ist. Paranoia ist eine Einstellung, die – wenn auch aus Angst heraus – für bedrückende Erlebnisse, Sorgen, politische Probleme eine einzige Figur, einen einzigen Grund, eine einzige Ursache sieht und dann möglicherweise Gewalt mobilisiert, um diese Ursache zu beseitigen. Natürlich sind Menschen in unterschiedlicher Weise ängstlich, das ist eine Erfahrungstatsache. Die Angst schlägt eben in Paranoia um, wenn für dieses Übel eine einzige Ursache gesehen wird. Die politischen und sozialen Übel heutzutage sind jedoch immer komplex und schwierig und setzen sich aus vielen Teilaspekten und Teilproblemen zusammen, und die Vereinfachung, diese auf einen einzigen Grund zu reduzieren, ist paranoisch.
Islamische Zeitung: Häufig wird hinter dem gegenwärtigen Terrorismus ein weltweites Komplott von ­“Islamisten“ vermutet. Ist das aus ­Ihrer Sicht ein reales Bild?
Manfred Schneider: Nein, das ist in meinen Augen eine völlige Verzerrung. Natürlich gibt es mehr oder weniger prominente Angehörige des Islams, die Krieg gegen „Ungläubige“, gegen den Westen oder gegen Feinde des Islams predigen. Und es stimmt natürlich auch, dass diese häufig Stichworte für Einzelattentäter liefern, von den Männern des 11. September bis hin zu diesem armseligen Mann, der sich kürzlich in Stockholm in die Luft gesprengt hat. Aber wenn man richtig hinschaut, sind es zumeist ohnmächtige Großsprecher, die nicht als Teil eines großen Verschwörer-Rings agieren. Diese Komplott-Theorie ist eine vor allem in den USA kultivierte Vorstellung, für die es in meinen Augen keine Anhaltspunkte gibt, so schlimm bisweilen einzelne Aktionen auch sind, die im Namen des Islams begangen werden.
Islamische Zeitung: Kann Paranoia auch politisch genutzt werden?
Manfred Schneider: Ja, natürlich. Das Lehrstück dafür hat die amerikanische Regierung nach dem 11. September aufgeführt, indem sie eine ganze Gesellschaft in einen paranoiden Zustand versetzt hat. Das kam in vielen Details zum Ausdruck und war wirklich Besorgnis erregend. Das hat sich in den letzten Jahren aber wieder entspannt. Ein anderes Beispiel, das uns die deutsche Geschichte bietet, ist der Antisemitismus im Dritten Reich, bei dem sich sowohl Wissenschaftler als auch Politiker und ein großer Teil der Bevölkerung auf eine vollkommen absurde, abwegige, unhaltbare Theorie von der „jüdischen Rasse“ eingeschworen hatten und sich zu diesen schrecklichen Taten ermächtigt sahen. Den Hintergrund dafür bildete das Zusammenspiel zwischen Wissenschaft und Politik, und da heißt es eben besonders aufmerksam zu sein.
Islamische Zeitung: In Ihrem Buch klingen Zweifel an, ob es das Schicksal als Erklärungsmodell überhaupt gibt. Schicksalsglaube ist natürlich ein wichtiger Teil der Religionen. Sind diese Religionen – aus Ihrer Sicht – insofern „paranoid“?
Manfred Schneider: Das würde ich in dieser Form natürlich nicht behaupten. Wenn ganze Völker oder Gesellschaften Elemente einer solchen religiösen Vorstellung zu ihrer Überzeugung erheben und viele Menschen daraus ihre Weltsicht beziehen, dann ist es ein Element der Kultur selber. Andererseits neigen Sekten dazu, paranoide Vorstellungen zu entwickeln. Und die ausgeprägte Paranoia ist stets religiös. Zum anderen zeigen ja die großen Weltreligionen, dass sie ungeheure Auslegungsspielräume bieten und erlauben, an eine feste Bestimmung des Schicksals zu glauben oder auch den Glauben an die Freiheit eröffnen. Das war ja in der christlichen Ära der Gegensatz zwischen protestantischer und katholischer Religiosität. Von daher sind Religionen nicht grundsätzlich paranoide Systeme. Wobei man auch sehen muss, dass Paranoia eine Einstellung ist, die Erlösungsfunktion auf einzelne lebendige Personen verlegt. Wenn es wie zum Beispiel in der jüdisch-christlichen Tradition ein Messias ist, ein Gottgesandter, ein Dritter, der dies übernimmt, dann ist das etwas anderes, als wenn einzelne, lebendige Menschen auftreten und selbst die Messiasfunktion beanspruchen. Das ist der Unterschied.
Islamische Zeitung: Lieber Prof. Dr. Schneider, vielen Dank für das ­Gespräch.

Ein Kommentar von Abu Bakr Rieger über Sicherheitswarnungen, medialen Hype und die Gefahr der Paranois

(iz). Fortlaufende Berichte über die Terrorgefahr in Deutschland zeigen Wirkung: „Die Angst vor Muslimen steigt“. Dies ist ein Ergebnis einer Studie von Kommunikationswissenschaftlern der Universität Jena, die jetzt unter dem […]

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