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Wandel & Innovation: Was sind ihre Vorbedingungen?

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Wenn Muslime Wörter wie „Wandel“ oder „Veränderung“ hören, sind häufig Reaktionen vorprogrammiert. Bei vielen entstehen Bilder, die durch Schlagwörter wie „Reform“ bzw. „Erneuerung“ geprägt sind. (iz). Noch schlimmer: Einige fühlen […]

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Was ist kontrazyklisches Handeln? Manchmal gegen die Laufrichtung spielen

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Wenn alle beschleunigen, kann Innehalten die mutigere Entscheidung sein. Kontrazyklisches Handeln heißt: Mehrheitsmeinungen nicht reflexhaft zu folgen, den eigenen Maßstab zu prüfen und Verantwortung für die Gemeinschaft zu übernehmen – statt nur auf Entwicklungen zu reagieren.

(iz). Vor geraumer Zeit hörte ich von einem Lehrer einen Rat für Momente der Unsicherheit und Unentschiedenheit: Wenn unklar sei, was zu tun ist, solle man auf das gedankenlose Verhalten der größten Gruppen schauen und dann das Gegenteil tun – oder es zumindest ernsthaft in Betracht ziehen. Dass damit nicht bloße Sturköpfigkeit gemeint war, dürfte auf der Hand liegen.

Spirituell interessierte Muslime kennen dieses Vorgehen. In anderen Zusammenhängen wird es als kontrazyklisches Handeln bezeichnet. In manchen Traditionen der islamischen Weisheitslehre gehört es zur praktischen Unterweisung, dass Schuyukh oder ihre Vertreter dem einzelnen Suchenden gerade jenen Rat geben, der seinem Selbst (Nafs) schwerfällt und seine innere Wandlung fördern kann.

Wer sich nur der Kontemplation widmet, erhält Aufgaben „in der Welt“. Wer sich ausschließlich in ihr bewegt, wird auf sein Inneres zurückgeworfen. Menschen, die im Diesseits an Status und Rang gewöhnt sind, lassen beides am Eingang der Zawiya oder Tekke zurück.

Und wer seine Identität aus einem Dienst an der Umwelt bezieht – wovor Schaikh Ibn Ata’illah in einem seiner ersten Weisheitssprüche warnt –, soll in die Ruhe und die Anschauung Allahs gehen.

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Foto: Sener Dagasan/Shutterstock

Das psychologisch-empirische Prinzip dieser Lehrmethode ist klar und einsichtig. Es handelt sich nicht um stumpfe Gegensätzlichkeit. Vielmehr muss das Selbst dazu gebracht werden, seine Komfortzone zu verlassen — um es in modernen Worten zu sagen.

Ironischerweise leben wir in einer Zeit, in der Staaten, Gruppen und Individuen häufig anders agieren: Sie verstärken einen Trend; selbst dann, wenn sie ihn eigentlich aufhalten wollen.

Kontrazyklisches Handeln bedeutet, über die Ökonomie hinaus, sich nicht automatisch vom herrschenden Takt einer Gruppe, einer Epoche oder der eigenen Gewohnheiten bestimmen zu lassen.

Es ist die Fähigkeit, innezuhalten, sollten alle beschleunigen; zu prüfen, wenn sich ein Konsens bildet; und einen eigenständigen Weg zu wählen, sofern die Mehrheit eine Richtung vorgibt.

Das heißt nicht, aus Prinzip dagegen zu sein. Kontrazyklisch handelt nur, wer die vorherrschende Bewegung ernst nimmt, sie aber an eigenen Gründen, Werten und Wahrnehmungen misst.

Psychologisch ist das anspruchsvoll, da Menschen sich häufig an Mehrheiten orientieren: einerseits aus dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit, andererseits weil die Gruppe in unsicheren Situationen als verlässliche Informationsquelle erscheint. Philosophisch betrachtet ist kontrazyklisches Handeln eine Übung in Freiheit und Urteilskraft.

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Foto: metamorworks, Adobe

Es fragt: Was halte ich für wahr, gut oder notwendig, wenn Beifall und soziale Belohnung vorübergehend ausbleiben? Zugleich verlangt es Selbstkritik. Die Gegenposition ist nicht allein deshalb richtig, weil sie widerspricht. Auch die Minderheit kann irren, und Rückzug kann bloße Angst sein.

Diese Haltung kann ebenso für Muslime und unsere Gemeinschaften wertvoll sein. Wenn alle auf den Schaum der Events blicken — etwa auf Wahlerfolge radikaler Parteien —, bedeutet das nicht, dass wir uns in die Sicherheit einer bloßen Innerlichkeit zurückziehen sollten.

Es kann vielmehr heißen, nach Bedeutungen von Ereignissen und Entwicklungen dieser Welt zu fragen — und dann zu überlegen, was wir aktiv beitragen können und sollen.

Kontrazyklisches Handeln für die Community kann ebenso heißen, nicht nur zu reagieren, sondern danach zu fragen, was Allah dadurch von uns will.

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Führung kann man lernen: Amana statt bloßes Management

amana führung

Amana Akademie: Nadir Moubarrid und Mohammed Jimoh erklären, wie muslimische Gemeinden Führung, Ehrenamt und Kommunikation stärken können – mit islamischen Werten und professionellen Methoden.

(iz). Nadir Moubarrid und Mohammed Jimoh wollen mit der Amana Akademie eine Lücke in der muslimischen Community schließen: Führung soll nicht als Status oder bloße Managementtechnik verstanden werden, sondern als Amana – als anvertraute, vor Allah zu verantwortende Aufgabe.

Im Gespräch erläutern die Gründer, warum gerade Ehrenamtliche Unterstützung in Organisationsentwicklung, Kommunikation und Außenwirkung brauchen, weshalb professionelle Methoden islamischen Prinzipien dienen müssen und wie eine neue Generation Verantwortung übernehmen kann.

Islamische Zeitung: Wir sprechen mit Nadir Moubarrid und Mohammed Jimoh. Sie sind Gründer der Amana Akademie. Vielleicht könnt ihr was zu euch und zum Projekt erzählen.

Mohammed Jimoh: Mein Name ist Mohammed Jimoh. Ich bin Chemieingenieur und seit langer Zeit in der deutschsprachigen muslimischen Arbeit tätig. Ich bin Deutsch-Nigerianer.

Nadir Moubarrid: Mein Name ist Nadir Moubarrid. Lange Zeit habe ich Menschen im wahrsten Sinne des Wortes in die Wüste geschickt: im Rahmen des Projekts „Wüstencoach“. Dort bin ich mit Unternehmern sowie kleinen und mittelständischen Firmen in die Wüste gegangen und habe zu den Themen Persönlichkeitsentwicklung und Teambuilding gearbeitet.

Alhamdulillah hatte ich bereits in jungen Jahren das Privileg, mich in der muslimischen Arbeit engagieren zu dürfen – von Jugend an. Mohammed und ich kennen uns schon sehr lange. Allah hat unsere Wege zusammengeführt, sodass wir nun gemeinsam die Amana Akademie gegründet haben. Das Interessante daran ist: Ich hatte schon lange die Idee zu solch einem Projekt – und Mohammed auch. Wir wussten jedoch nicht voneinander.

Dann gab es einen Bruder, der uns kannte und meinte: „Ihr müsst miteinander reden.“ Daraufhin kamen wir ins Gespräch. Alhamdulillah, es hat harmoniert, so wie wir es uns vorgestellt hatten. Nun steht die Pilotveranstaltung vor uns.

Für uns war es wichtig, nicht einfach nur zu sagen: „Wir haben eine Idee, wir finden sie gut, also setzen wir sie jetzt um.“ Vielmehr wollten wir wissen, ob die Community das Konzept annimmt und ob überhaupt Bedarf besteht. Eine Idee kann noch so gut sein: Wenn die Menschen sie nicht annehmen, bleibt sie letztlich nur eine gute Vorstellung. 

Deshalb haben wir eine Umfrage durchgeführt. Wir haben die Befragung an etwa 2.500 Personen aus unserem Netzwerk und an Einrichtungen verschickt. Und wollten ermitteln, wie groß der Bedarf ist und was die Menschen sich wünschen: von den Inhalten über ihre Bedürfnisse und Engpässe bis hin zur Frage, was ein solches Seminar kosten darf.

Gerade daran scheiden sich in der muslimischen Community die Geister. Die einen denken, alles sollte kostenlos sein. Dann wird häufig das Wort „fisabilillah“ bemüht. Gemeint ist damit in der Regel nicht das, was es bedeutet, sondern dass etwas unentgeltlich angeboten werden müsse.

Ich frage mich jedoch: Wenn wer für seine Dienste Geld nimmt, ist das dann automatisch nicht für Allah? Es bleibt ja fisabilillah. Wir wollen schließlich einen Mehrwert schaffen. Deshalb war es uns wichtig, diese Frage an die Community zu stellen. Wir haben Rückmeldungen erhalten, mit denen wir arbeiten konnten.

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Foto: jcomp, freepik.com

Islamische Zeitung: Ihre Tagung verbindet Führung mit dem islamischen Begriff der „Amana“. Was verändert sich im Führungsalltag, wenn Leitung nicht zuerst als Macht oder Status, sondern als Treuhand verstanden wird?

Nadir Moubarrid: Wir bewegen uns schon lange in der Community und der Gemeindearbeit. Dabei sehen wir, wo Engpässe liegen, und Probleme entstehen – gerade auf Führungsebene. Oft liegt das an der Haltung: „Das gehört mir.“ Menschen kommen in eine Position und bleiben dann über Jahre hinweg dort.

Mitunter geht das so weit, dass Geschwister denken, ohne sie würde alles zusammenbrechen. Dabei vergessen wir, dass dieses Leben endlich ist. Uns steht nur eine begrenzte Zeit zur Verfügung, in der wir wirken dürfen und können. Irgendwann sollte man Platz machen. Im Extremfall stirbt jemand – dann muss die Position ohnehin neu besetzt werden.

Viele Streitigkeiten in muslimischen Einrichtungen, Gemeinden und anderen Zusammenhängen entstehen, weil die Begriffe Leadership, Verantwortlichkeit und Führung nicht in diesem Sinne verstanden werden. Wenn ich weiß, dass es sich um eine Amana, also um ein anvertrautes Gut, handelt, geht es nicht nur um die zeitliche Begrenzung einer Aufgabe. Es geht auch darum zu verstehen: Diese Aufgabe ist mir in die Hände gelegt worden.

Dann stellt sich die Frage: Von wem wurde das getan? Einerseits von den Menschen, die mir vertrauen und sagen: „Bitte führe uns“ oder „Bitte übernimm die Führung“.

Vor allem aber ist diese Verantwortung eine Amana, weil Allah uns diese Möglichkeit gegeben hat. Und Er wird mich nach diesem anvertrauten Gut fragen.

An dieser Stelle fällt mir die Aussage des zweiten Kalifen ‘Umar ein: Als er im Sterbebett lag, schlug ihm der Rat der Muslime vor, sein Sohn solle die Führung übernehmen.  Daraufhin sagte er: „Es reicht, dass einer aus der Familie al-Khattab vor Allah nach dieser Verantwortung gefragt wird. Es müssen nicht zwei sein.“ Das zeigt uns etwas.

Das ist das Verständnis von Leadership, das wir meinen – und genau dieses vermisst man häufig. Dazu möchten wir einen Beitrag leisten.

Mohammed Jimoh: Unser Leitsatz lautet: „Jeder von euch ist ein Hirte, und jeder von euch ist verantwortlich für seine Herde.“ Gerade dieses Bild ist, wie ich finde, für Führungskräfte und Menschen in Führungsrollen ein wichtiges Leitbild.

Ein Hirte nimmt seine Aufgabe auf vielfältige Weise wahr. Genau diese Aspekte möchten wir ebenfalls vermitteln. Für mich persönlich war das ein wesentlicher Beweggrund, mit der Amana Akademie zu starten: Schon als Student bin ich früh in die Rolle geraten – teils auch hineingedrängt worden –, Verantwortung in der Community zu übernehmen.

Das haben wir gerne getan – auf Grundlage islamischer Prinzipien, die man sich im Laufe der Jahre angeeignet hat. In meinem Berufsleben habe ich gelernt, dass es Methoden gibt, die dabei helfen, Führungsaufgaben zu strukturieren und Führungsrollen auf unterschiedliche Weise auszugestalten.

Genau das wollen wir mit der Amana Akademie erreichen: eine Verbindung zwischen islamischen Werten und den Erkenntnissen der Führungswissenschaften. Gerade unserer Community, in der viele Menschen noch nach dem Prinzip „Learning by Doing“ handeln, möchten wir einen Rahmen bieten, in dem sie Führung strukturiert erlernen können.

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Foto: Adobe Stock

Islamische Zeitung: Sie haben von Managementtechniken, Verwaltung und Strukturen gesprochen. In den vergangenen Jahren hat sich, stark beeinflusst durch den US-amerikanischen Raum, in Verbänden eine Management-Mentalität entwickelt, die manche in Fortbildungen als anspruchsvoll oder erklärungsbedürftig erleben. Wo liegt der Unterschied zwischen einem technisch verstandenen Managementansatz – nach dem alles plan- und organisierbar ist – und einem auf Amana beruhenden Verständnis von Organisation und Leitung?

Nadir Moubarrid: Genau das, was du ansprichst, ist einer der Engpässe, die wir in der muslimischen Community wahrnehmen. Ich spreche dabei zunächst vom deutschsprachigen Raum, nicht über den englischsprachigen. Dort sind die Bedingungen historisch und strukturell anders.

Was wir hier jedoch beobachten, ist Folgendes:

Alhamdulillah, es gibt inzwischen reichlich Akademikerinnen und Akademiker in der muslimischen Community. Das sind Menschen mit Studienabschlüssen, Diplomen oder Masterabschlüssen, die auch im Management tätig sind. Viele von ihnen arbeiten in Konzernen bzw. bekleiden Leitungspositionen. Es ist auf jeden Fall gut und wertvoll, dass sie sich mit ihren Erfahrungen und dem, was sie gelernt haben, in die Community einbringen möchten.

Manchmal haben wir den Eindruck, dass dies unreflektiert geschieht. Als muslimische Gemeinschaft sind wir zwar aus den physischen Hinterhofmoscheen herausgewachsen, doch unser Denken ist teilweise noch von diesen Strukturen geprägt.

Dann kommen Geschwister, die eine entsprechende Bildung oder Ausbildung genossen haben, und versuchen, ihre Vorstellungen der Gemeinde überzustülpen. Bisweilen entsteht sogar die Haltung: „Die da unten haben keine Ahnung. Wir sind die Ausgebildeten, wir verstehen Management, Organisation und Führung.“

Dann entwickelt sich ein Denken in zwei Klassen. Ich habe das bei einer muslimischen Veranstaltung erlebt: Einige Geschwister erschienen im Anzug mit Krawatte – so, wie man sich einen modernen Manager vorstellt. Andere kamen in traditioneller orientalischer Kleidung, etwa in einer Jalabiya. Tatsächlich wurde dann gefragt: „Was suchen die denn hier?“ Sinngemäß hieß es: Hier sei doch nur die Elite, „die Crème de la Crème“. Dabei handelte es sich um Menschen, die sich in der muslimischen Community engagieren. Für mein Verständnis beruht das alles andere als auf Amana.

Es ist vielmehr kibra-basiert – also von Überheblichkeit geprägt. Ich formuliere das bewusst zugespitzt. Ich würde sogar sagen: Das ist schaitan-basiert. Denn genau diese Haltung hatte er, als Allah dem Teufel befahl, sich vor Adam (a) niederzuwerfen. Er erwiderte sinngemäß: „Warum sollte ich das tun? Ich bin doch etwas Besseres.“ Gegen ein solches Denken müssen wir präventiv arbeiten. Wo es zu Brüchen in diese Richtung gekommen ist, muss unser Verständnis korrigiert werden.

Das darf uns als Muslimen nicht passieren. Denn wir sollen nicht lediglich managen oder organisieren. Das Handeln soll vielmehr zu einer Führung beitragen, die Mehrwert schafft.

In diesem Sinne gibt es den Hadith des Propheten Muhammad (s), nach dem der Edle eines Volkes, derjenige ist, der ihnen zu Diensten ist. Natürlich braucht es Strukturen und alles, was dazugehört – doch darauf darf der Kern nicht beruhen.

Darin liegt für uns auch der Unterschied zwischen klassischen, westlichen Managementtheorien und einem muslimischen Verständnis von Management und Führung. Wir orientieren uns in erster Linie an Prinzipien. Sie sind entscheidend. Sie helfen uns anschließend dabei, geeignete Methoden zu entwickeln. Diese sollen uns unterstützen; sie sind jedoch nicht das Nonplusultra.

Islamische Zeitung: Ein großer Teil muslimischer Aktivitäten in Deutschland – ob in Moscheevereinen, Bildungsinitiativen, Kindergärten oder anderen Projekten – wird weiterhin ehrenamtlich getragen. Was für Herausforderungen erleben Ehrenamtler dabei besonders häufig? Und welche Kenntnisse bzw. Fähigkeiten möchte die Akademie ihnen vor allem vermitteln?

Mohamed Jimoh: Aus meiner Erfahrung ist insbesondere das Ehrenamt in den Gemeinschaften von großer Bedeutung. Zwar richtet sich diese Arbeit häufig zunächst an die jeweilige Gemeinde, doch als solche wirken wir zugleich in die Community und in die deutsche Gesellschaft hinein.

Genau dabei möchten wir mit der Amana Akademie unterstützen: Wir wollen Gemeinden und insbesondere Ehrenamtlichen die erforderlichen Fähigkeiten und Werkzeuge vermitteln – sowohl aus den Managementlehren als auch, und vor allem, aus dem Islam. Ein wichtiges Vorbild ist dabei der Prophet Muhammad (s), der Führung vorgelebt hat.

Es geht darum, diese Elemente zusammenzuführen und aufzuzeigen, wie sie ihre Arbeit auch gegenüber der Gesellschaft darstellen können. Das entspricht meinen Erfahrungen: Werden Gemeinden für ein Interview angefragt, sind die Verantwortlichen häufig nicht darauf vorbereitet. Deshalb stellt sich die Frage, wie sich Kommunikation und Außenwirkung verbessern lassen – sowohl in der internen als auch insbesondere nach außen.

Hier möchten wir Ehrenamtliche mit Programmen zu Führung, Kommunikation und Organisationsentwicklung unterstützen. Dabei geht es unter anderem darum, wie eine Organisation sinnvoll strukturiert und aufgebaut werden kann, sodass sie in der Gesellschaft Anerkennung findet. Dazu gehören auch praktische Fragen der Vereinsstruktur, der Satzung und weiterer organisatorischer Grundlagen.

Islamische Zeitung: Das Ehrenamt hat sich stark verändert und stellt heute andere Anforderungen als früher. Wie unterstützt die Amana Akademie Gemeinden und Engagierte dabei, diesen Herausforderungen in Kommunikation, Außenwirkung und Organisation gerecht zu werden?

Nadir Moubarrid: Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Ich will dazu zwei Impulse geben. Erstens werden Management und Führung häufig miteinander vermischt, obwohl es sich um differenzierte Bereiche handelt. Im Pilotprojekt möchten wir diesen Unterschied vertiefen und inhaltlich genauer darauf eingehen.

Zweitens unterscheiden wir nicht danach, ob Leadership und die Fähigkeiten, die wir in unseren Communitys, Gemeinden und Einrichtungen benötigen, haupt- bzw. ehrenamtlich eingesetzt werden. Für ihre Bedeutung spielt es keine Rolle, ob diese Arbeit bezahlt wird oder nicht.

Ich kann entlohnt werden und trotzdem schlechte Arbeit leisten. Und ich kann unbezahlt handeln und ebenfalls gute Arbeit leisten – entscheidend ist das Motiv. Der Begriff trägt es in sich: Es geht um eine ehrenvolle Tätigkeit. Genau hier liegt oft ein Problem. Manche denken: Wenn ich ehrenamtlich arbeite, kann ich heute kommen oder morgen; schließlich werde ich nicht bezahlt, es ist meine Zeit und ich entscheide selbst.

Demgegenüber frage ich: Wer ist dein Arbeitgeber? Im Berufsleben zahlt dir ein Chef am Monatsende das Gehalt, damit du Miete und Rechnungen bezahlen kannst. Doch wem gegenüber bist du verantwortlich, wenn du dich in der Gemeindearbeit oder in einer muslimischen Einrichtung engagierst? Natürlich kann diese Arbeit auch vergütet werden.

Entscheidend ist, dass wir beim Ehrenamt verstehen: Der Arbeitgeber ist Allah. Ich möchte meiner Gemeinde, den Muslimen und einer Institution dienen, die einen spezifischen Zweck erfüllt und der Allgemeinheit zugutekommt. Die Gegenleistung dafür erwarte ich von Allah – in welcher Form auch immer sie aussehen mag.

Es geht nicht darum, ob ich für die Tätigkeit entlohnt werde oder nicht. Entscheidend ist das Verständnis von Engagement. Wenn ehrenamtliches Handeln bedeutet, um Allahs willen einen Mehrwert zu schaffen, dann sollte meine Leistung sogar professioneller und vollständiger sein als im bezahlten Beruf.

Ich glaube: Wer den Gedanken in sich trägt, durch diese Arbeit im Diesseits einen Zuwachs zu schaffen und zugleich im Jenseits voranzukommen, würde mit diesem Thema anders umgehen. Dann wäre es nicht mehr eine Frage nach dem Motto: „Kommst du heute oder kommst du morgen?“

Sprache Nachrede

Foto: Shutterstock

Islamische Zeitung: Kommen wir noch einmal zur Pilottagung. Ein zweiter Schwerpunkt liegt auf PR, Medien und Kommunikation – einem weiten, im Ehrenamt aber auch besonders sensiblen Feld. Welche typischen Fehler beobachten Sie, wenn muslimische Organisationen über ihre Arbeit oder strittige Themen kommunizieren?

Mohammed Jimoh: Vielleicht sollten wir damit beginnen: Eines der wichtigsten Prinzipien ist, überhaupt zu kommunizieren. Organisationen müssen sich zunächst grundsätzlich darüber Gedanken machen, was sie da tun wollen.

Dabei sollte das Prinzip der Beständigkeit, das wir Muslime vom Propheten Muhammad (s) gelernt haben, die Grundlage bilden. Es gilt, offen und ehrlich mit Menschen zu sprechen, zugleich aber auch strategisch vorzugehen.

Gerade beim Aufbau einer neuen Struktur wird Kommunikation oft nicht früh genug mitgedacht. Dann kann es schnell passieren, dass man in eine Lage gerät, in der man kommunizieren muss, ohne darauf vorbereitet zu sein. Deshalb braucht es klare Strukturen: Wer kommuniziert? Was vermitteln wir? Und in welchen Situationen? Nicht jede Person in einer Organisation sollte sich zu allen Themen und zu jedem Zeitpunkt äußern.

Damit dies gelingen kann, muss man sich frühzeitig mit diesen Fragen beschäftigen. Der Ansatz unserer Akademie besteht deshalb darin, Fachleute einzubeziehen, die inschallah vermitteln können, wie sich mit solchen Situationen umgehen lässt. Entscheidend bleibt dabei stets der Einklang mit den Prinzipien, an denen wir uns orientieren.

Islamische Zeitung: Abseits offenkundiger Kommunikationsfehler fällt mitunter auf, dass Organisationen nach außen anders klingen als im internen Austausch. Gemeint ist nicht Unehrlichkeit, sondern eine formelhafte, auf mögliche Kritik hin vorsichtig bereinigte Sprache. Wie wichtig ist es für muslimische Einrichtungen, in der Kommunikation nach innen und außen authentisch zu bleiben – ohne dabei die notwendige Sorgfalt aus den Augen zu verlieren?

Nadir Moubarrid: Ich bin überzeugt, dass Authentizität in der Vermittlung der wichtigste Punkt ist. Wenn ich nicht authentisch kommuniziere, sollte ich fragen, wie ich mir dann noch in die Augen sehen kann.

Das Gesagte muss mit der eigenen Haltung übereinstimmen. Wie kommuniziert und welche Strategie man dabei verfolgt werden, ist eine weitere Frage.

Ich bin früher viel Bahn gefahren. An den Türen hing damals häufig eine Deutschlandkarte mit einem Spruch. Einer davon hat sich mir besonders eingeprägt: „Sage nicht immer, was du weißt, aber wisse immer, was du sagst.“ Ich glaube, genau darin liegt ein Problem vieler Einrichtungen: Wir reden manchmal, ohne zuvor gründlich darüber nachgedacht zu haben, was wir vermitteln.

Jede Kommunikation verlangt Vorbereitung. Man muss wissen, was man ausdrücken will. Dabei gilt zunächst der Grundsatz: Wer an Allah und den Jüngsten Tag glaubt, soll Gutes sagen oder schweigen. Das ist das Fundament, auf dem wir aufbauen können. Vermittlung nach innen und außen muss geplant sein.

Daran fehlt es uns oft. Ich sage immer: Spiele nur ein Spiel, dessen Regeln du kennst. Kommunikation – insbesondere mediale – folgt bestimmten Regeln. Es gibt Techniken und Methoden, die man lernen muss. Selbst Profis bereiten sich auf Interviews, Gespräche bzw. Pressekonferenzen sorgfältig vor und lassen sich dafür schulen. Sie verlassen sich nicht allein auf ihre Erfahrung oder ihre Fähigkeiten. Genau diese Vorbereitung und Schulung fehlen uns häufig.

Wir wissen, dass wir sie brauchen, bilden uns aber nicht ausreichend darin fort. Ich hoffe, dass Allah es ermöglicht, diese Lücke zu schließen: unsere Vermittlung zu planen und zugleich authentisch zu bleiben, ohne uns zu verkaufen. Das setzt voraus, dass wir die Regeln der Kommunikation überhaupt kennen – und genau das tun viele von uns nicht.

Islamische Zeitung: Parteien, Industrieverbände und große Sportvereine bilden hier ihren Nachwuchs in Führungsakademien aus, um Kompetenzen weiterzugeben und die Arbeit langfristig zu sichern. Wäre ein solches Modell für hiesige Muslime sinnvoll?

Mohammed Jimoh: Ja, und genau darin liegt einer unserer Beweggründe für die Amana Akademie. Größere Verbände verfügen möglicherweise bereits über die Mittel, eigene interne Akademien aufzubauen oder solche Strukturen schon vorzuhalten.

Gerade in der muslimischen Community und im Ehrenamt gibt es jedoch viele Projekte, die diese Kapazitäten nicht haben: Kitas, Frauen- und Sportverbände, Gemeinden und Moscheen – insbesondere unabhängige Einrichtungen ohne übergeordnete Struktur. Ihnen fehlt häufig die Möglichkeit, vergleichbare Angebote selbst aufzubauen.

Genau darin liegt unser Gedanke bei der Amana Akademie: Wir möchten eine Struktur schaffen, auf die Gemeinden und Einrichtungen zurückgreifen können. Es gibt zwar zahlreiche Leadership- und Führungsakademien, sowohl interne Inhouse-Angebote als auch externe Programme. Unser besonderes Angebot besteht jedoch darin, diese Weiterbildung mit einer islamischen Komponente und einem solchen geprägten Rahmen zu verbinden.

Dazu gehört nicht nur, dass das Gebet als fester Bestandteil eingeplant wird. Auch gemeinsame Aktivitäten sollen Raum bekommen, die Vernetzung und Zusammenhalt innerhalb der Community fördern. Zugleich möchten wir inschallah die Referentinnen und Referenten, die wir einbinden, als Expertinnen und Experten für die Community zugänglich machen. Einrichtungen sollen bei Bedarf die Möglichkeit haben, diese Personen für weiterführende Unterstützung zu gewinnen.

Nadir Moubarrid: Das ist nicht nur ein denkbares Modell, sondern unser Grundmodell. Seit der Zeit des Propheten Muhammad (s) wurde Verantwortung von einer Generation an die nächste weitergegeben. Führung ist aus unserer Sicht nichts Vererbbares. Sie gleicht vielmehr einem Staffelstab: Sie kann nur weitergereicht werden, wenn es Menschen gibt, die in der Lage sind, sie zu übernehmen und weiterzutragen.

Genau hier sehen wir einen Engpass – und zugleich den Anspruch der Amana Akademie. Wir möchten diese Inhalte auf hohem Niveau vermitteln, damit die nächste Generation kein Pseudo-Management und kein Pseudo-Leadership übernimmt, sondern ein echt prinzipienbasiertes Verständnis von Führung entwickelt und praktisch umsetzt: im Dienst der Community, der Gemeinschaft, der Gesellschaft und letztlich der Menschheit.

Dabei gibt es keine engen Grenzen. Es existieren viele kluge und engagierte Menschen, die – bildlich gesprochen – wie Diamanten geschliffen werden müssen, damit sie ihr Potenzial entfalten können. Sie sollen nicht mit falschen Vorstellungen von Führung in die Community kommen, sondern mit einem Verständnis, das wirklich weiterbringt.

Denn Leadership bedeutet, anderen zu dienen, nicht sich aufgrund einer Aufgabe oder Position über sie zu stellen. Wenn uns das gelingt, dann hat Allah uns geholfen. Möge dieses Angebot angenommen werden.

Islamische Zeitung: Lieber Mohammed Jimoh, lieber Nadir Moubarrid, wir bedanken uns für das Gespräch.

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Was macht Moscheen zu Orten der Schönheit?

moschee moscheen schönheit

Wer über Moscheen spricht, darf nicht zuerst an Dekor, Kuppeln oder orientalisch Fassaden denken. (iz). Sie sind im Kern der Ort der Niederwerfung, der Sammlung und des physischen Ausdrucks unserer […]

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Zweck der Moscheen: Etabliert das Gebet!

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Wo das Gebet eingerichtet wird, Gemeinschaft entsteht und Menschen willkommen sind, erfüllt die Moschee ihren eigentlichen Auftrag.

(iz). Allah sagt in Seinem Edlen Buch: „Helft einander zur Güte und zur Furcht vor Allah, aber unterstützt einander nicht beim falschen Handeln und Feindschaft, und fürchtet Allah!“ (Al-Ma‘ida, Sure 5, 2)

Diese Last ist schwer für den Einzelnen, aber leicht, wenn sie von einer Gruppe getragen wird. Der simple Akt des sich Versammelns und des Zusammenkommens im Gemeinschaftsgebet löst viele Fragen und erleichtert alle möglichen Sorgen.

Der Ort, an dem dies immer unter Muslimen stattfand, war die Moschee. Sie ist die höchste Form des Versammlungsortes.

Pflichtfasten

Foto: Rezki Trianto/Unsplash

Das Gebet ist die Verbindung des Dieners mit seinem Herrn, seine Lebensader und zentraler Pfeiler dieses Dins. Der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagte: „Das Gebet ist die wichtigste Unterstützung des Dins. Wer von ihm ablässt, wird seinen Din zerstören.“

Allah sagt in Seinem mächtigen Buch: „Richtet (arab. aqimu) das Gebet ein und bezahlt die Zakat und verbeugt euch mit den sich Verbeugenden.“ (Al-Baqara, Sure 2, 43)

Wir können alleine beten. Aber hier ist „einrichten“ gemeint. Das wird durch Allahs Verwendung des Wortes „aqimu“ in diesem Vers deutlich – und viele andere im ganzen Qur’an.

Etablierung bedeutet eine öffentliche Handlung, zu seiner Zeit und in Gemeinschaft. Mit anderen Worten, in der Moschee. Wird das so getan, ist es für das Individuum und die Gruppe um so vieles besser.

Der Prophet, Allahs Heil und Segen auf ihm, sagte: „Das gemeinschaftliche Gebet ist 27 Mal besser als das Gebet alleine.“

freitag

Foto: IZ Medien

Nach Ansicht vieler Gelehrter ist damit die soziale Anbetung in der Moschee gemeint. Mit anderen Worten: Ein gemeinsamer Akt hat den gleichen Wert, wie die Pflichtgebete von etwas mehr als fünf Tagen.

Den frühen Generationen der Muslime (arab. as-salaf) war dies existenziell bewusst. Sie machten es sich zur Gewohnheit, nach Möglichkeit niemals eines der Gebete in der Moschee zu verpassen.

Es war egal, wo sie waren oder was sie taten, sie ließen alles fallen und eilten zur Moschee, als sie den Gebetsruf (arab. adhan) hörten.

Es wurde berichtet, dass sie drei Tage lang trauerten, wenn sie das Anfangsritual des Gebets (arab. takbiratu’l-ihram) verpassten. Diesen Muslimen war bewusst, dass ihnen in diesem Moment etwas Großes entgangen war. „Wenn jemand 40 Tage in Gemeinschaft betet, ohne ein Takbiratu’l-Ihram zu verpassen, für den werden zwei Freistellungen niedergeschrieben: eine von Heuchelei und eine vom Feuer.“

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Foto: Petr Bonek, Shutterstock | Lizenz: Shutterstock, erworben

Selbst das war für diese großen Gestalten nicht genug. Sie begriffen die gesegnete Natur der Zeit, die sie in der Moschee zwischen dem Adhan und dem Gebet verbrachten. Davon sollte keine Sekunde verpasst werden. Also stellten die Salaf sicher, dass sie bereits dort saßen, bevor zur Anbetung gerufen wurde.

Sa‘id ibn Al-Musayyib, bekannter Angehöriger der Generation nach dem Propheten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, und einer der „Sieben Rechtsgelehrten von Medina“, berichtete: „In den letzten 20 Jahren wurde nicht einmal der Adhan gerufen, bei dem ich nicht bereits in der Moschee gesessen hätte.“

Er wusste, dass das Geheimnis von Nähe zu Allah in Nähe zu Seinem Haus war. Das wurde durch die Worte des Gesandten Allahs, Heil und Segen auf ihm, bestätigt: „Wenn jemand sich der Moschee annähert, dem wird sich Allah annähern.“

Allah sagt in Seinem Buch: „Und wer ist ungerechter, als wer verhindert, dass an Allahs Gebetsstätten Sein Name genannt wird, und sich bemüht, sie zu zerstören?“ (Al-Baqara, Sure 2, 114)

Moscheen werden zerstört, wenn niemand in ihnen ist, der Seinen Namen anruft. Mit anderen Worten, der in diesen betet.

Mit Leuten aber werden sie zu Türmen des Lichts, welche die Gesellschaft erhellen, und zu schlagenden Herzen, die Blut in alle Glieder der Gesellschaft pumpen. Das ermöglicht ein problemloses Funktionieren in einer Art und Weise, die Allah gefällt.

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Khurrem Akhtar: Zakat ist die vernachlässigte Säule

zakat

IZ-Begegnung mit dem Vorstandsvorsitzenden von Zakat Deutschland über eine vernachlässigte Säule des Islam und darüber, warum Zakat nichts mit Ramadan zu tun hat. (iz). Der aktive Unternehmer Khurrem Akhtar wurde […]

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Was den Ramadan in dieser Zeit relevant macht

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Der Ramadan hat auch Relevanz für aktuelle Fragen der Zeit: Die wichtigsten sind Freiheit und Gemeinschaft.

(iz). Muslime und Nichtmuslime werden bei der Reflexion über den Ramadan in all seinen Aspekten vorrangig an überzeitliche und jenseitige Fragen denken.

An Dinge, die eine Person ihrem Schöpfer näherbringt, oder die zu ihrer spirituellen Verbesserung beiträgt. Nichts umsonst beschrieb Ahmet Aydin diesen Monat als eine „Übung im Menschsein“.

Damit Ramadan bzw. das in ihm verpflichtende Fasten relevant sein können, muss beide auch zu unserem Ort in dieser Zeit sprechen. Will heißen, jeweils Dinge adressieren, die für uns bedeutend sind. 

weiblich Zeit Iftar

Foto: Nate Pesce, flickr | Lizenz: CC BY-SA 3.0

Gerade stechen zwei Aspekte heraus, die den Fastenmonat jetzt wichtig und wertvoll machen: die Themen Freiheit und Gemeinschaft.

Der Verlust des sozialen Lebens und seiner organischen Netzwerke macht sich heute als Einsamkeit bemerkbar. Sie ist kein Randphänomen mehr: In Deutschland fühlen sich laut Studien Millionen Menschen regelmäßig allein.

Das geht quer durch Altersgruppen und Lebenssituationen. Vor allem Großstädte, die Lawine digitaler Kommunikation und ein beschleunigter Alltag verstärken das Gefühl gegenseitiger Distanz.

Was früher Tabuthema war, wird längst als ernsthafte soziale Herausforderung erkannt. Politik, Forschung und Zivilgesellschaft suchen nach Wegen, gegen Vereinsamung vorzugehen – denn chronische Einsamkeit bedroht nicht nur das seelische Wohlbefinden, sondern ebenso die körperliche Gesundheit und das Zusammenleben.

Auch um unsere bürgerlichen Freiheiten ist es nicht rosig bestellt – vor Ort und global. Ranglisten zum Thema weisen seit einiger Zeit beunruhigende Trends auf: Mit Bürgerrechten und Meinungsfreiheit geht es weltweit bergab.

demokratie

Foto: The White House/flickr | Lizenz: Public Domain

Das betrifft nicht nur für Ländern der „Dritten Welt“, sondern ebenso die im Westen. Beispiele sind leider nicht selten: die Faschisierung der USA, „illiberale Demokratien“ in Ost- und Mitteleuropa sowie die schleichende Erosion hiesiger Freiheiten sind gefährlich für alle.

Erst vor Kurzem musste die Bundesregierung eine kritische Einschätzung der Redefreiheit durch die UN-Berichterstatterin Khan zur Kenntnis nehmen.

Das Land stünde „an einem Scheideweg der Meinungsfreiheit“. Sie sieht Symptome, dass ein demokratischer Kernanspruch der Bundesrepublik – der freie Widerspruch – zunehmend unter Rechtfertigungsdruck gerät.

Was hat das mit Ramadan & Fasten zu tun? Nun, die Fähigkeit, die eigenen Bedürfnisse zugunsten höherer Ziele hintanzustellen und die Kulturtechnik des Aufschubs von Belohnung sind gute Übungen für einen zivilisierten Umgang. Gleichzeitig machen sie Freiheit existenziell erlebbar.

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Moschee als sozialer Raum: Mehr als Steine

führung steine moschee

Eine Moschee ist mehr als ihre Steine. Ein Blick in die Lebenswirklichkeit muslimischen Lebens in Deutschland. (iz). Wenn man durch die Gassen alter Städte in Ländern mit überwiegend Muslimen läuft, […]

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Die Khutba – was macht sie wichtig?

khutba freitag

Was gehört in eine Khutba? Es ist wichtig, sich über den wahren Zweck einer Freitagsansprache im Klaren zu sein. (iz). Dieser Text ist u.a. für Muslime gedacht, die ihr Bestes […]

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Muslimische Gemeinschaft: Wir befinden uns mitten im Wandel

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Thema Gemeinschaft: Der Essener Forscher Yunus Ulusoy über Muslime, Demographie, soziale Milieus und was sich daraus ableiten lässt.

(iz). Yunus Ulusoy kam 1973 nach Deutschland und schloss seine Studien an der Ruhr-Universität Bochum als Diplomökonom ab. Er selbst bezeichnet sich als Angehöriger der „frühen zweiten Generation“. Seine Familiengeschichte in Deutschland begann bereits 1962.

Derzeit arbeitet er in der in Essen ansässigen Stiftung Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung und verantwortet dort den Programmbereich Transnationale Verbindungen Deutschland-Türkei.

Wir sprachen mit dem Forscher im Rückblick auf das „Superwahljahr“ 2024 und die Bundestagswahlen über Migranten und Muslime als Wähler, warum Milieus wichtiger als Herkunft sein können und wie sich die Vorstellungen und Identitäten in den nächsten Jahrzehnten ändern könnten.

Die muslimische Gemeinschaft: Es fehlt an Zahlen

Islamischen Zeitung: In den letzten 12 Monaten wurde sechs Mal in Deutschland gewählt. Trotzdem wissen wir weiterhin nicht, wie Wähler mit Migrationsgeschichte oder Muslime abgestimmt haben. Wie belastbar sind vorhandene Aussagen?

Yunus Ulusoy: Die Forschungsgruppe Wahlen hat nach den Bundestagswahlen einige Zahlen zum Wahlverhalten von Muslimen herausgegeben – über die sie auch berichteten. Eine detaillierte Untersuchung über Parteipräferenzen, Motive und Wahlbeteiligung – zum Beispiel aufgeschlüsselt nach bestimmten Gruppen – gibt es nicht.

Islamische Zeitung: Generell muss man festhalten, dass es überhaupt zu Muslimen in Deutschland nur selten belastbare Zahlen gibt. Woran liegt das?

Yunus Ulusoy: Es gibt belastbare Zahlen zu Herkunftsländern. Sie unterliegen einer bestimmten Definition. Das Statistische Bundesamt hat zwei Definitionen: Bevölkerung mit Migrationshintergrund und neuerdings Bevölkerung mit Einwanderungsgeschichte.

Bevölkerung mit Migrationshintergrund zielte auf die Staatsangehörigkeit ab. Die neuere Version zielt auf Einwanderung ab. Wenn beide Elternteile eingewandert sind, dann gehören sie mit der Nachfolgegeneration zur Bevölkerung mit Einwanderungsgeschichte. Wenn nur ein Elternteil eingewandert ist, wird es gesondert aufgeführt.

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Foto: Shutterstock

Wo es um Zahlen geht, geht es auch um Interessen. Und es geht auch um Aspekte von Zugehörigkeit und Identität. Bis wann sollen wir von Menschen mit Migrationshintergrund oder Menschen mit Einwanderungsgeschichte sprechen? Sollen wir den Einwanderungsstatus der Großeltern den folgenden Generationen überstülpen? Und der Gesellschaft vorgaukeln, es gebe so viele „Fremde“ im Land?

Das wäre eine sozialwissenschaftliche Perspektive und eine politische Frage. Auf der anderen Seite gibt es unsere Interessen: Ihr Interesse als Pressemensch, meine aus der Perspektive der Wissenschaft oder dem Blickwinkel einer Migrantenorganisation bzw. eines muslimischen Verbandes.

Ich kann sogar zwei konträre Positionen in mir haben. Auf der einen Seite fragt der Verstand: Warum sollen meine Kinder noch als Zugewanderte betrachtet werden? Auf der anderen wäre es für einen Vertreter einer Organisation besser, wenn zum Beispiel die Zahl der Bevölkerung mit muslimischer Religionszugehörigkeit groß ist, weil sie dadurch politische Macht entfaltet. 

Islamische Zeitung: Im Vorfeld der Wahl wurde von 12 Mio. wahlberechtigten Migranten und 5,5 Mio. Muslimen im Land gesprochen. Wenn wir Sie richtig verstehen, sind das zuallererst Abstraktionen…

Yunus Ulusoy: Es heißt nicht, dass wir bei der Bundestagswahl auch 20 % Migranten als Wähler hatten, die als solche abstimmten. Es hängt von der Definition ab. Und wie sich die Menschen betrachten. Wir wissen nicht, wie diese sich verorten.

Wenn wir die Zahlen nehmen: Laut Statistischem Bundesamt (2023) wiesen 24,9 Mio. von 83,9 Mio. einen Migrationshintergrund auf. Das sind rund 30 %. Hiervon waren 12,4 Mio. deutsche Staatsbürger. Allerdings betrug die Zahl der Wahlberechtigten ab 18 Jahren 8,6 Mio. Unter allen Wahlberechtigten entsprach dies einem Anteil von 14,4%. Wenn man dann in urbane Zentren geht wie hier im Ruhrgebiet, steigt dieser Wert deutlich. Wenn Sie jüngere Bevölkerungsgruppen betrachten, sind das bis zu 50 %.

Die Stadt Duisburg hat zuletzt eine Studie zum Wirtschaftsfaktor Migrantenunternehmen in Auftrag gegeben. Mehr als die Hälfte der Einzelunternehmen werden von einem Migranten als Inhaber geführt (54,5%). In der älteren Gruppe gibt es weniger Menschen mit Migrationshintergrund. Was zum Beispiel Auswirkungen auf Altersversorgung und Pflege etc. hat. Diese Fragen sind erst in den letzten zehn Jahren aufgekommen.

Blicken Sie auf die Jugend, ändert sich das Bild gewaltig. Wir sind mitten im demografischen Wandel. Zwischen 2005 und 2023 sank laut Statistischem Bundesamt die Zahl der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund um 7,88 Mio. (das sind minus 12 %). Gleichzeitig wuchs die Bevölkerung mit Migrationshintergrund im Saldo um 10,4 Mio. an. Das führte zu einem Anstieg der Gesamtbevölkerung auf 83,9 Mio. Menschen. Bei Türkischstämmigen liegt das Wachstum nur bei 14 %. Das liegt auch daran, dass einige laut den Definitionen nicht mehr erfasst werden können. Wir haben also zwei demografische Wandlungsprozesse. Einmal diesen: Die autochthone Bevölkerung sinkt, die allochthone steigt.

Bei Muslimen gibt es auch einen Wandlungsprozess. Vor 10-15 Jahren sprachen wir von über 75 % türkischen Muslimen. Zieht man den Balkan hinzu – also kulturell die osmanischen Gebiete in Europa – dann lag man bei über 80 %. Das heißt, Islam in Deutschland war türkisch geprägt. Und diese türkische Prägung führte zu türkisch dominierten, muslimischen Verbänden mit ihren Moscheestrukturen etc.

Jetzt befinden wir uns auch in einem Wandlungsprozess. Die muslimische Community ändert sich. Sie wird stark „arabisiert“. Das heißt, neben der starken türkischen muslimischen Community, kommt eine große arabische hinzu. Mit ihrer Migrationsgeschichte ist sie jung und verfügt über keine Strukturen. Im Gegensatz zu den Türken beziehen sie sich nicht nur auf einen ausgeprägten Nationalstaat, sondern einen weiteren geografischen und kulturellen Raum. Das hat Auswirkungen auf den organisierten Islam bei uns.

Wie wirkt sich demographischer Wandel aus?

Islamische Zeitung: Welche Auswirkungen wären das?

Yunus Ulusoy: Wenn sich die neu zugewanderten Muslime in alte etablierte und türkisch geprägte Moscheen begeben, wird es die Frage der Sprache mit sich bringen. Wenn der deutsche oder der syrische Muslim im Vorstand sitzt, kann das schlecht Türkisch sein. Bisher war es selbstverständlich Türkisch.

In der Vergangenheit war es selbstverständlich, dass Vorstände die Muttersprache sehr gut beherrschen mussten. Deutsch war nicht zwingend erforderlich, weil er in erster Linie Vorstand für die Gemeinde war. Für die Öffentlichkeit gab es jemanden, den man einsetzen konnte. Das gilt teils noch heute, weil meine Generation noch da ist. Sie hat weiterhin ihre Identitätszugehörigkeit zur Türkei gepflegt.

Für die dritten Generation – sollte sie morgen in Vorständen sein – gilt das nicht mehr. Sie wächst in einem anderen Umfeld auf. Ihr Freundeskreis ist häufig multireligiös oder, wenn religiös homogen, multiethnisch. Ich kenne Jungs, die in solchen Kreisen unterwegs sind. Die haben dann Freunde mit diverser Herkunft.

interkulturell Ehe

Foto: Bailey-Oscar

Islamische Zeitung: In dem Kontext gibt es ein Phänomen, über das wir selten sprechen. Das sind die interkulturellen Ehen bzw. Familien…

Yunus Ulusoy: Die Schwierigkeit besteht heute darin, sie zu definieren. Als ich hier im ZfTI anfing, hatte ich damals eine kleine Studie mit Zahlen vom Ausländerzentralregister über binationale Ehen gemacht. Dabei ging es um Türken/Türkinnen mit einem/r nicht-türkischen Ehemann oder -frau. Damals waren die Zahlen klein, allerdings bei Männern zehnmal höher als bei Frauen. Heute ist es ganz anders.

Eine Beobachtung: Menschen, die in der Gesellschaft einen guten sozioökonomischen Status erreicht haben, weisen öfter – das ist nur deskriptiv – eine solche Verbindung auf. Die Entwicklung geht dorthin, was ich vor 20 Jahren meinen Landsleuten gesagt habe. Du kannst nicht in Deutschland leben und versuchen, Anatolien in Deutschland für die nächste Generation fortzuschreiben. Das geht nicht.

Wenn man sich die Genese der Türken betrachtet, so haben die sich über ihren Wanderungsprozess von Zentralasien bis nach Kleinasien im Laufe der Jahrhunderte mit anderen vermischt, sodass sie zu einer südländischen Erscheinung geworden sind – die von Anatolien bis Spanien vergleichbar ist. Das sind historische Erfahrungen mit Veränderungen.

Soweit die hiesige Community betroffen ist, steckt sie noch in den Bildern der Vergangenheit. Ich weiß nicht, ob türkische Moscheeverbände Strategien entwickelt haben, wie sie diese Vielfalt aufnehmen sollen. Auf der einen Seite wird von „Umma“ gesprochen. Aber dann stellt sich die Frage nach dem Umgang, wenn diese zu einem kommt. Auch Gewohnheiten von 60 Jahren müssen sich ändern.

Wenn die Sprache in der Moschee nicht mehr die Herkunftssprache ist, sondern die Verkehrssprache als gemeinsames Medium fungiert, verliert die Moschee ein Element. Eine solche Moschee war bisher nicht nur Stätte für religiöse Bedürfnisse, sondern auch für Bewahrung von Sprache, Kultur usw.

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Foto: imago | Ina Peek

Zwischen Identitäten und Milieus

Islamische Zeitung: Was Sie zum Schluss sagten, lässt sich u.a. mit dem Begriff Identität umschreiben. In den letzten Jahren wurde häufiger über die Option für Migranten und/oder Muslime gesprochen, sich politisch identitär zu verhalten. Bisher lässt sich nicht erkennen, dass ein identitärer Ansatz Erfolg hätte. Wie sehen Sie das? 

Yunus Ulusoy: Nehmen Sie nur die Türkeistämmigen. 19 Abgeordnete mit türkisch lesbaren Namen sind in den Bundestag eingezogen. Das sind 3 % von 630 Abgeordneten. Die wahlberechtigten Türkeistämmigen stellen maximal 1,9 % der Wahlberechtigten. In ihrem Fall könnte man sagen, sie seien gut repräsentiert.

Wenn Sie sich näher anschauen, welche Milieus der Community gut repräsentiert sind, dann sind es diejenigen, die sich von ihrem Herkunftsland isoliert oder abgekapselt haben bzw. teils im Konflikt zu ihm stehen.

Das sind für die Türkei Menschen mit kurdischen oder alevitischen Wurzeln, Säkulare und solche, die in Opposition zu Erdogan stehen. Diese Menschen haben ein anderes Erscheinungsbild und einen anderen Lebenswandel, durch die sie in Parteien kaum Widerstände hervorrufen.

Eine Partei bedient in erster Linie die Mehrheitsbevölkerung. Jemand, der mit Migrationsbezug dorthin geht und sagt „ich passe mich gar nicht an, sondern bleibe sozusagen Vertreter meiner Mikro-Community“, muss immer bedenken, er wird nicht allein gewählt mit den Stimmen dieser Menschen. Es müssen auch Willy oder Sabine für ihn stimmen.

Islamische Zeitung: Im Vorfeld hatten Sie den Begriff „Milieu(s)“ benutzt. Wie entscheidend ist das?

Yunus Ulusoy: Das sind zum Beispiel die religiös-konservativen Milieus. Ich spreche jetzt nicht von sozioökonomischen Milieus, sondern von Werteorientierung oder Lebensstil. Wenn Sie die konservativ-religiösen Milieus betrachten, sind diese sehr unterrepräsentiert.

Kennen Sie eine prominente Politikerin mit Kopftuch?Nein.Kennen Sie einen, der explizit in einer der bekannten Organisationen sozialisiert wurde und dieser verhaftet ist? Nein. Da gibt es Hürden. Einerseits auf Seiten der Parteien, andererseits beim Milieu selbst.

Dass sich Parteien verändern, kann man erwarten. Das läuft aber schwieriger und langsamer ab als womöglich die Veränderung in der Bevölkerung. Politik reagiert häufig im Nachhinein auf die Dynamiken des Lebens. Dass sich heute Parteien bewusst mit der Frage auseinandersetzen, Bevölkerung mit Migrationshintergrund anzusprechen, ist mittlerweile Realität.

Bundestagswahl

Foto: Helga P-A., Adobe

Lokal gibt es erste Veränderungen

Islamische Zeitung: Wir sind mittlerweile in Deutschland doch so weit, dass migrantische Kandidaten wie Edis (Duisburg) oder Kocak (Neukölln) als Linke Direktmandate gewinnen können… Das ist schon ein Novum, oder?

Yunus Ulusoy: Ja, klar. Auch bei Kommunalwahlen gibt es solche Entwicklungen. Hier in NRW gibt es in vielen Stadtparlamenten parteiunabhängige Listen. Das mag auf einen Mikroraum zustimmen, bundesweit bringt es nichts. Die Parteigründung DAVA liefert den letzten Beweis. Die muslimische Community ist im Parteiensystem unterrepräsentiert, wenn wir von Verhaftung und Verortung in ihr sprechen. Es gibt einzelne, lokale Akteure, aber darüber hinaus nichts. Das wird aber nicht so bleiben. Manche Veränderungen entwickeln sich schwieriger, aber es wird dazu kommen.

Islamische Zeitung: Seit Oktober 2023 sprechen viele über eine politische Entfremdung vom parteipolitischen Mainstream. Eine Erhebung des DeZIM hat das untermauert. Glauben Sie, dieser Effekt bleibt oder ist er nur temporär?

Yunus Ulusoy: Ich beobachte das auch. Das ist ein bekanntes Phänomen. Und man muss hinzufügen: Es ist ein generelles. Parteibindungen, wie sie früher über Herkunft, Familie, Konfession, Gewerkschaften etc. tradiert wurden, schwinden. Diese Abnahme gilt für alle Lebensbereiche – von Vereinen bis Parteien. 

Nachfolgende Generationen tun sich hier schwerer. Das ist unabhängig von Herkunft. Bei Migranten kommen je nach Herkunft und Milieu zusätzliche Aspekte hinzu, die eine Entfremdung verstärken können.

Das kann zum Beispiel der Umgang der Mehrheitsgesellschaft mit dem eigenen Identitätsmerkmal sein. Aus meiner Erfahrung war das bis in die 1990er hinein das Element des Türkisch-Seins. Die Religion war nicht so prägend. Zuerst wurde ich beim Thema Khomeini damit konfrontiert. Heute ist religiöse Identität unabhängig vom Religiositätsgrad ein Zuweisungselement im öffentlichen Diskurs geworden.

Und wenn dieses Identitätsmerkmal negativ konnotiert wird, dann tue ich mich natürlich schwerer, mit den Leuten zusammenzuarbeiten, die meine Identität negativ belasten. Das ist die eine Seite.

Dann kommt die weltpolitische Gemengelage hinzu. Jemand mit muslimischen Wurzeln hat eine andere Empathie und Kultur mit den Palästinensern als jemand aus der Mehrheitsgesellschaft.

Passiert ein Attentat in Deutschland wie in Hanau, findet trotzdem Karneval statt. Es gibt eine Empathie-Diskrepanz zwischen Mehrheitsgesellschaft und zugewanderten Menschen. Kommt es umgekehrt zu einem Attentat, wo der Täter muslimisch konnotiert wird, ist eine Welle von Empörung da. Jemand, der hier sozialisiert wurde, sieht diese Widersprüche und erkennt, dass ethisch-moralische Normen durchaus beliebig veränderbar sind.

Ein letzter Aspekt ist ein Generationswandel. Angehörige der nachkommenden Altersklassen haben einen anderen Grad an Resilienz als wir. Wir waren widerstandsfähiger, weil wir uns zu Beginn gar nicht zugehörig fühlten. Auch ich habe Angriffe ertragen und Verletzungen davongetragen. Darunter hat aber mein türkisches Sein nicht gelitten.

Die Angehörigen dieser oder der folgenden Generationen sehen sich als Deutsche, als Hiesige. Wenn ein Merkmal, das zu ihnen gehört, aber im Deutschsein nicht gleichberechtigt behandelt wird, dann haben sie natürlich einen ganz anderen Verletzungsgrad. Wenn ich mich mit jemandem von ihnen zum Beispiel über die Entwicklung in Deutschland unterhalte, merke ich, dass sie meine Gelassenheit nicht teilen.

Denn meine Gelassenheit ist auch Ergebnis meiner Erfahrung und Geschichte. Ich weiß, das Leben ist so dynamisch veränderbar, dass das, was heute als Nonplusultra gilt, morgen wieder komplett verschwinden kann. Ein junger Mensch teilt diese Sicht nicht.

Sie sagen: Du hast die meiste Zeit deines Lebens in Deutschland schon so gut verbracht. Und wenn es dir nicht gefällt, gehst du in die Türkei als Rentner. Was kann dir schon passieren? Aber ich habe noch 40 Jahre berufliche Zukunft in Deutschland vor mir.

Islamische Zeitung: Lieber Yunus Ulusoy, wir bedanken uns recht herzlich für das Gespräch.