IZ-Begegnung mit dem Vorstandsvorsitzenden von Zakat Deutschland über eine vernachlässigte Säule des Islam und darüber, warum Zakat nichts mit Ramadan zu tun hat. (iz). Der aktive Unternehmer Khurrem Akhtar wurde […]
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IZ-Begegnung mit dem Vorstandsvorsitzenden von Zakat Deutschland über eine vernachlässigte Säule des Islam und darüber, warum Zakat nichts mit Ramadan zu tun hat. (iz). Der aktive Unternehmer Khurrem Akhtar wurde […]
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(iz). Muslime und Nichtmuslime werden bei der Reflexion über den Ramadan in all seinen Aspekten vorrangig an überzeitliche und jenseitige Fragen denken.
An Dinge, die eine Person ihrem Schöpfer näherbringt, oder die zu ihrer spirituellen Verbesserung beiträgt. Nichts umsonst beschrieb Ahmet Aydin diesen Monat als eine „Übung im Menschsein“.
Damit Ramadan bzw. das in ihm verpflichtende Fasten relevant sein können, muss beide auch zu unserem Ort in dieser Zeit sprechen. Will heißen, jeweils Dinge adressieren, die für uns bedeutend sind.
Foto: Nate Pesce, flickr | Lizenz: CC BY-SA 3.0
Gerade stechen zwei Aspekte heraus, die den Fastenmonat jetzt wichtig und wertvoll machen: die Themen Freiheit und Gemeinschaft.
Der Verlust des sozialen Lebens und seiner organischen Netzwerke macht sich heute als Einsamkeit bemerkbar. Sie ist kein Randphänomen mehr: In Deutschland fühlen sich laut Studien Millionen Menschen regelmäßig allein.
Das geht quer durch Altersgruppen und Lebenssituationen. Vor allem Großstädte, die Lawine digitaler Kommunikation und ein beschleunigter Alltag verstärken das Gefühl gegenseitiger Distanz.
Was früher Tabuthema war, wird längst als ernsthafte soziale Herausforderung erkannt. Politik, Forschung und Zivilgesellschaft suchen nach Wegen, gegen Vereinsamung vorzugehen – denn chronische Einsamkeit bedroht nicht nur das seelische Wohlbefinden, sondern ebenso die körperliche Gesundheit und das Zusammenleben.
Auch um unsere bürgerlichen Freiheiten ist es nicht rosig bestellt – vor Ort und global. Ranglisten zum Thema weisen seit einiger Zeit beunruhigende Trends auf: Mit Bürgerrechten und Meinungsfreiheit geht es weltweit bergab.

Foto: The White House/flickr | Lizenz: Public Domain
Das betrifft nicht nur für Ländern der „Dritten Welt“, sondern ebenso die im Westen. Beispiele sind leider nicht selten: die Faschisierung der USA, „illiberale Demokratien“ in Ost- und Mitteleuropa sowie die schleichende Erosion hiesiger Freiheiten sind gefährlich für alle.
Erst vor Kurzem musste die Bundesregierung eine kritische Einschätzung der Redefreiheit durch die UN-Berichterstatterin Khan zur Kenntnis nehmen.
Das Land stünde „an einem Scheideweg der Meinungsfreiheit“. Sie sieht Symptome, dass ein demokratischer Kernanspruch der Bundesrepublik – der freie Widerspruch – zunehmend unter Rechtfertigungsdruck gerät.
Was hat das mit Ramadan & Fasten zu tun? Nun, die Fähigkeit, die eigenen Bedürfnisse zugunsten höherer Ziele hintanzustellen und die Kulturtechnik des Aufschubs von Belohnung sind gute Übungen für einen zivilisierten Umgang. Gleichzeitig machen sie Freiheit existenziell erlebbar.
Eine Moschee ist mehr als ihre Steine. Ein Blick in die Lebenswirklichkeit muslimischen Lebens in Deutschland. (iz). Wenn man durch die Gassen alter Städte in Ländern mit überwiegend Muslimen läuft, […]
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Was gehört in eine Khutba? Es ist wichtig, sich über den wahren Zweck einer Freitagsansprache im Klaren zu sein. (iz). Dieser Text ist u.a. für Muslime gedacht, die ihr Bestes […]
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(iz). Yunus Ulusoy kam 1973 nach Deutschland und schloss seine Studien an der Ruhr-Universität Bochum als Diplomökonom ab. Er selbst bezeichnet sich als Angehöriger der „frühen zweiten Generation“. Seine Familiengeschichte in Deutschland begann bereits 1962.
Derzeit arbeitet er in der in Essen ansässigen Stiftung Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung und verantwortet dort den Programmbereich Transnationale Verbindungen Deutschland-Türkei.
Wir sprachen mit dem Forscher im Rückblick auf das „Superwahljahr“ 2024 und die Bundestagswahlen über Migranten und Muslime als Wähler, warum Milieus wichtiger als Herkunft sein können und wie sich die Vorstellungen und Identitäten in den nächsten Jahrzehnten ändern könnten.
Islamischen Zeitung: In den letzten 12 Monaten wurde sechs Mal in Deutschland gewählt. Trotzdem wissen wir weiterhin nicht, wie Wähler mit Migrationsgeschichte oder Muslime abgestimmt haben. Wie belastbar sind vorhandene Aussagen?
Yunus Ulusoy: Die Forschungsgruppe Wahlen hat nach den Bundestagswahlen einige Zahlen zum Wahlverhalten von Muslimen herausgegeben – über die sie auch berichteten. Eine detaillierte Untersuchung über Parteipräferenzen, Motive und Wahlbeteiligung – zum Beispiel aufgeschlüsselt nach bestimmten Gruppen – gibt es nicht.
Islamische Zeitung: Generell muss man festhalten, dass es überhaupt zu Muslimen in Deutschland nur selten belastbare Zahlen gibt. Woran liegt das?
Yunus Ulusoy: Es gibt belastbare Zahlen zu Herkunftsländern. Sie unterliegen einer bestimmten Definition. Das Statistische Bundesamt hat zwei Definitionen: Bevölkerung mit Migrationshintergrund und neuerdings Bevölkerung mit Einwanderungsgeschichte.
Bevölkerung mit Migrationshintergrund zielte auf die Staatsangehörigkeit ab. Die neuere Version zielt auf Einwanderung ab. Wenn beide Elternteile eingewandert sind, dann gehören sie mit der Nachfolgegeneration zur Bevölkerung mit Einwanderungsgeschichte. Wenn nur ein Elternteil eingewandert ist, wird es gesondert aufgeführt.
Foto: Shutterstock
Wo es um Zahlen geht, geht es auch um Interessen. Und es geht auch um Aspekte von Zugehörigkeit und Identität. Bis wann sollen wir von Menschen mit Migrationshintergrund oder Menschen mit Einwanderungsgeschichte sprechen? Sollen wir den Einwanderungsstatus der Großeltern den folgenden Generationen überstülpen? Und der Gesellschaft vorgaukeln, es gebe so viele „Fremde“ im Land?
Das wäre eine sozialwissenschaftliche Perspektive und eine politische Frage. Auf der anderen Seite gibt es unsere Interessen: Ihr Interesse als Pressemensch, meine aus der Perspektive der Wissenschaft oder dem Blickwinkel einer Migrantenorganisation bzw. eines muslimischen Verbandes.
Ich kann sogar zwei konträre Positionen in mir haben. Auf der einen Seite fragt der Verstand: Warum sollen meine Kinder noch als Zugewanderte betrachtet werden? Auf der anderen wäre es für einen Vertreter einer Organisation besser, wenn zum Beispiel die Zahl der Bevölkerung mit muslimischer Religionszugehörigkeit groß ist, weil sie dadurch politische Macht entfaltet.
Islamische Zeitung: Im Vorfeld der Wahl wurde von 12 Mio. wahlberechtigten Migranten und 5,5 Mio. Muslimen im Land gesprochen. Wenn wir Sie richtig verstehen, sind das zuallererst Abstraktionen…
Yunus Ulusoy: Es heißt nicht, dass wir bei der Bundestagswahl auch 20 % Migranten als Wähler hatten, die als solche abstimmten. Es hängt von der Definition ab. Und wie sich die Menschen betrachten. Wir wissen nicht, wie diese sich verorten.
Wenn wir die Zahlen nehmen: Laut Statistischem Bundesamt (2023) wiesen 24,9 Mio. von 83,9 Mio. einen Migrationshintergrund auf. Das sind rund 30 %. Hiervon waren 12,4 Mio. deutsche Staatsbürger. Allerdings betrug die Zahl der Wahlberechtigten ab 18 Jahren 8,6 Mio. Unter allen Wahlberechtigten entsprach dies einem Anteil von 14,4%. Wenn man dann in urbane Zentren geht wie hier im Ruhrgebiet, steigt dieser Wert deutlich. Wenn Sie jüngere Bevölkerungsgruppen betrachten, sind das bis zu 50 %.
Die Stadt Duisburg hat zuletzt eine Studie zum Wirtschaftsfaktor Migrantenunternehmen in Auftrag gegeben. Mehr als die Hälfte der Einzelunternehmen werden von einem Migranten als Inhaber geführt (54,5%). In der älteren Gruppe gibt es weniger Menschen mit Migrationshintergrund. Was zum Beispiel Auswirkungen auf Altersversorgung und Pflege etc. hat. Diese Fragen sind erst in den letzten zehn Jahren aufgekommen.
Blicken Sie auf die Jugend, ändert sich das Bild gewaltig. Wir sind mitten im demografischen Wandel. Zwischen 2005 und 2023 sank laut Statistischem Bundesamt die Zahl der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund um 7,88 Mio. (das sind minus 12 %). Gleichzeitig wuchs die Bevölkerung mit Migrationshintergrund im Saldo um 10,4 Mio. an. Das führte zu einem Anstieg der Gesamtbevölkerung auf 83,9 Mio. Menschen. Bei Türkischstämmigen liegt das Wachstum nur bei 14 %. Das liegt auch daran, dass einige laut den Definitionen nicht mehr erfasst werden können. Wir haben also zwei demografische Wandlungsprozesse. Einmal diesen: Die autochthone Bevölkerung sinkt, die allochthone steigt.
Bei Muslimen gibt es auch einen Wandlungsprozess. Vor 10-15 Jahren sprachen wir von über 75 % türkischen Muslimen. Zieht man den Balkan hinzu – also kulturell die osmanischen Gebiete in Europa – dann lag man bei über 80 %. Das heißt, Islam in Deutschland war türkisch geprägt. Und diese türkische Prägung führte zu türkisch dominierten, muslimischen Verbänden mit ihren Moscheestrukturen etc.
Jetzt befinden wir uns auch in einem Wandlungsprozess. Die muslimische Community ändert sich. Sie wird stark „arabisiert“. Das heißt, neben der starken türkischen muslimischen Community, kommt eine große arabische hinzu. Mit ihrer Migrationsgeschichte ist sie jung und verfügt über keine Strukturen. Im Gegensatz zu den Türken beziehen sie sich nicht nur auf einen ausgeprägten Nationalstaat, sondern einen weiteren geografischen und kulturellen Raum. Das hat Auswirkungen auf den organisierten Islam bei uns.
Islamische Zeitung: Welche Auswirkungen wären das?
Yunus Ulusoy: Wenn sich die neu zugewanderten Muslime in alte etablierte und türkisch geprägte Moscheen begeben, wird es die Frage der Sprache mit sich bringen. Wenn der deutsche oder der syrische Muslim im Vorstand sitzt, kann das schlecht Türkisch sein. Bisher war es selbstverständlich Türkisch.
In der Vergangenheit war es selbstverständlich, dass Vorstände die Muttersprache sehr gut beherrschen mussten. Deutsch war nicht zwingend erforderlich, weil er in erster Linie Vorstand für die Gemeinde war. Für die Öffentlichkeit gab es jemanden, den man einsetzen konnte. Das gilt teils noch heute, weil meine Generation noch da ist. Sie hat weiterhin ihre Identitätszugehörigkeit zur Türkei gepflegt.
Für die dritten Generation – sollte sie morgen in Vorständen sein – gilt das nicht mehr. Sie wächst in einem anderen Umfeld auf. Ihr Freundeskreis ist häufig multireligiös oder, wenn religiös homogen, multiethnisch. Ich kenne Jungs, die in solchen Kreisen unterwegs sind. Die haben dann Freunde mit diverser Herkunft.
Foto: Bailey-Oscar
Islamische Zeitung: In dem Kontext gibt es ein Phänomen, über das wir selten sprechen. Das sind die interkulturellen Ehen bzw. Familien…
Yunus Ulusoy: Die Schwierigkeit besteht heute darin, sie zu definieren. Als ich hier im ZfTI anfing, hatte ich damals eine kleine Studie mit Zahlen vom Ausländerzentralregister über binationale Ehen gemacht. Dabei ging es um Türken/Türkinnen mit einem/r nicht-türkischen Ehemann oder -frau. Damals waren die Zahlen klein, allerdings bei Männern zehnmal höher als bei Frauen. Heute ist es ganz anders.
Eine Beobachtung: Menschen, die in der Gesellschaft einen guten sozioökonomischen Status erreicht haben, weisen öfter – das ist nur deskriptiv – eine solche Verbindung auf. Die Entwicklung geht dorthin, was ich vor 20 Jahren meinen Landsleuten gesagt habe. Du kannst nicht in Deutschland leben und versuchen, Anatolien in Deutschland für die nächste Generation fortzuschreiben. Das geht nicht.
Wenn man sich die Genese der Türken betrachtet, so haben die sich über ihren Wanderungsprozess von Zentralasien bis nach Kleinasien im Laufe der Jahrhunderte mit anderen vermischt, sodass sie zu einer südländischen Erscheinung geworden sind – die von Anatolien bis Spanien vergleichbar ist. Das sind historische Erfahrungen mit Veränderungen.
Soweit die hiesige Community betroffen ist, steckt sie noch in den Bildern der Vergangenheit. Ich weiß nicht, ob türkische Moscheeverbände Strategien entwickelt haben, wie sie diese Vielfalt aufnehmen sollen. Auf der einen Seite wird von „Umma“ gesprochen. Aber dann stellt sich die Frage nach dem Umgang, wenn diese zu einem kommt. Auch Gewohnheiten von 60 Jahren müssen sich ändern.
Wenn die Sprache in der Moschee nicht mehr die Herkunftssprache ist, sondern die Verkehrssprache als gemeinsames Medium fungiert, verliert die Moschee ein Element. Eine solche Moschee war bisher nicht nur Stätte für religiöse Bedürfnisse, sondern auch für Bewahrung von Sprache, Kultur usw.
Foto: imago | Ina Peek
Islamische Zeitung: Was Sie zum Schluss sagten, lässt sich u.a. mit dem Begriff Identität umschreiben. In den letzten Jahren wurde häufiger über die Option für Migranten und/oder Muslime gesprochen, sich politisch identitär zu verhalten. Bisher lässt sich nicht erkennen, dass ein identitärer Ansatz Erfolg hätte. Wie sehen Sie das?
Yunus Ulusoy: Nehmen Sie nur die Türkeistämmigen. 19 Abgeordnete mit türkisch lesbaren Namen sind in den Bundestag eingezogen. Das sind 3 % von 630 Abgeordneten. Die wahlberechtigten Türkeistämmigen stellen maximal 1,9 % der Wahlberechtigten. In ihrem Fall könnte man sagen, sie seien gut repräsentiert.
Wenn Sie sich näher anschauen, welche Milieus der Community gut repräsentiert sind, dann sind es diejenigen, die sich von ihrem Herkunftsland isoliert oder abgekapselt haben bzw. teils im Konflikt zu ihm stehen.
Das sind für die Türkei Menschen mit kurdischen oder alevitischen Wurzeln, Säkulare und solche, die in Opposition zu Erdogan stehen. Diese Menschen haben ein anderes Erscheinungsbild und einen anderen Lebenswandel, durch die sie in Parteien kaum Widerstände hervorrufen.
Eine Partei bedient in erster Linie die Mehrheitsbevölkerung. Jemand, der mit Migrationsbezug dorthin geht und sagt „ich passe mich gar nicht an, sondern bleibe sozusagen Vertreter meiner Mikro-Community“, muss immer bedenken, er wird nicht allein gewählt mit den Stimmen dieser Menschen. Es müssen auch Willy oder Sabine für ihn stimmen.
Islamische Zeitung: Im Vorfeld hatten Sie den Begriff „Milieu(s)“ benutzt. Wie entscheidend ist das?
Yunus Ulusoy: Das sind zum Beispiel die religiös-konservativen Milieus. Ich spreche jetzt nicht von sozioökonomischen Milieus, sondern von Werteorientierung oder Lebensstil. Wenn Sie die konservativ-religiösen Milieus betrachten, sind diese sehr unterrepräsentiert.
Kennen Sie eine prominente Politikerin mit Kopftuch?Nein.Kennen Sie einen, der explizit in einer der bekannten Organisationen sozialisiert wurde und dieser verhaftet ist? Nein. Da gibt es Hürden. Einerseits auf Seiten der Parteien, andererseits beim Milieu selbst.
Dass sich Parteien verändern, kann man erwarten. Das läuft aber schwieriger und langsamer ab als womöglich die Veränderung in der Bevölkerung. Politik reagiert häufig im Nachhinein auf die Dynamiken des Lebens. Dass sich heute Parteien bewusst mit der Frage auseinandersetzen, Bevölkerung mit Migrationshintergrund anzusprechen, ist mittlerweile Realität.
Foto: Helga P-A., Adobe
Islamische Zeitung: Wir sind mittlerweile in Deutschland doch so weit, dass migrantische Kandidaten wie Edis (Duisburg) oder Kocak (Neukölln) als Linke Direktmandate gewinnen können… Das ist schon ein Novum, oder?
Yunus Ulusoy: Ja, klar. Auch bei Kommunalwahlen gibt es solche Entwicklungen. Hier in NRW gibt es in vielen Stadtparlamenten parteiunabhängige Listen. Das mag auf einen Mikroraum zustimmen, bundesweit bringt es nichts. Die Parteigründung DAVA liefert den letzten Beweis. Die muslimische Community ist im Parteiensystem unterrepräsentiert, wenn wir von Verhaftung und Verortung in ihr sprechen. Es gibt einzelne, lokale Akteure, aber darüber hinaus nichts. Das wird aber nicht so bleiben. Manche Veränderungen entwickeln sich schwieriger, aber es wird dazu kommen.
Islamische Zeitung: Seit Oktober 2023 sprechen viele über eine politische Entfremdung vom parteipolitischen Mainstream. Eine Erhebung des DeZIM hat das untermauert. Glauben Sie, dieser Effekt bleibt oder ist er nur temporär?
Yunus Ulusoy: Ich beobachte das auch. Das ist ein bekanntes Phänomen. Und man muss hinzufügen: Es ist ein generelles. Parteibindungen, wie sie früher über Herkunft, Familie, Konfession, Gewerkschaften etc. tradiert wurden, schwinden. Diese Abnahme gilt für alle Lebensbereiche – von Vereinen bis Parteien.
Nachfolgende Generationen tun sich hier schwerer. Das ist unabhängig von Herkunft. Bei Migranten kommen je nach Herkunft und Milieu zusätzliche Aspekte hinzu, die eine Entfremdung verstärken können.
Das kann zum Beispiel der Umgang der Mehrheitsgesellschaft mit dem eigenen Identitätsmerkmal sein. Aus meiner Erfahrung war das bis in die 1990er hinein das Element des Türkisch-Seins. Die Religion war nicht so prägend. Zuerst wurde ich beim Thema Khomeini damit konfrontiert. Heute ist religiöse Identität unabhängig vom Religiositätsgrad ein Zuweisungselement im öffentlichen Diskurs geworden.
Und wenn dieses Identitätsmerkmal negativ konnotiert wird, dann tue ich mich natürlich schwerer, mit den Leuten zusammenzuarbeiten, die meine Identität negativ belasten. Das ist die eine Seite.
Dann kommt die weltpolitische Gemengelage hinzu. Jemand mit muslimischen Wurzeln hat eine andere Empathie und Kultur mit den Palästinensern als jemand aus der Mehrheitsgesellschaft.
Passiert ein Attentat in Deutschland wie in Hanau, findet trotzdem Karneval statt. Es gibt eine Empathie-Diskrepanz zwischen Mehrheitsgesellschaft und zugewanderten Menschen. Kommt es umgekehrt zu einem Attentat, wo der Täter muslimisch konnotiert wird, ist eine Welle von Empörung da. Jemand, der hier sozialisiert wurde, sieht diese Widersprüche und erkennt, dass ethisch-moralische Normen durchaus beliebig veränderbar sind.
Ein letzter Aspekt ist ein Generationswandel. Angehörige der nachkommenden Altersklassen haben einen anderen Grad an Resilienz als wir. Wir waren widerstandsfähiger, weil wir uns zu Beginn gar nicht zugehörig fühlten. Auch ich habe Angriffe ertragen und Verletzungen davongetragen. Darunter hat aber mein türkisches Sein nicht gelitten.
Die Angehörigen dieser oder der folgenden Generationen sehen sich als Deutsche, als Hiesige. Wenn ein Merkmal, das zu ihnen gehört, aber im Deutschsein nicht gleichberechtigt behandelt wird, dann haben sie natürlich einen ganz anderen Verletzungsgrad. Wenn ich mich mit jemandem von ihnen zum Beispiel über die Entwicklung in Deutschland unterhalte, merke ich, dass sie meine Gelassenheit nicht teilen.
Denn meine Gelassenheit ist auch Ergebnis meiner Erfahrung und Geschichte. Ich weiß, das Leben ist so dynamisch veränderbar, dass das, was heute als Nonplusultra gilt, morgen wieder komplett verschwinden kann. Ein junger Mensch teilt diese Sicht nicht.
Sie sagen: Du hast die meiste Zeit deines Lebens in Deutschland schon so gut verbracht. Und wenn es dir nicht gefällt, gehst du in die Türkei als Rentner. Was kann dir schon passieren? Aber ich habe noch 40 Jahre berufliche Zukunft in Deutschland vor mir.
Islamische Zeitung: Lieber Yunus Ulusoy, wir bedanken uns recht herzlich für das Gespräch.
Was können wir für die Wahrheit tun? Authentische Gemeinschaften helfen uns, den Kontakt zur Realität nicht zu verlieren. (Yaqeen Institute). Die Wahrheit hat Jahrhunderte voller Herausforderungen hinter sich, nicht zuletzt […]
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„Träumen wir nicht nur vom Süden, sondern auch von idealen Gemeinschaften?“
(iz). „Der Zauberberg“ von Thomas Mann spielt in den Schweizer Alpen – fern von den Naturschönheiten Siziliens. Auf den ersten Blick ist das Buch keine passende Reiselektüre für uns.
Diese Einschätzung ändert sich, wenn man an einen der Sinnsprüche aus dem Roman denkt: „Der Mensch ist Herr der Gegensätze, sie sind durch ihn, und also ist er vornehmer als sie.“ Berge und Meer, Sommer und Winter sind Ur-Phänomene.
Sie sind Kontrapunkte, die uns zeitlebens bestimmen und die wir in dem Gedanken der Einheit allen Seins überwinden. Thomas Mann sieht das Leben im Schnee und die Erfahrung am Meeresstrand in mehrfacher Hinsicht verwandt, denn „die Urmonotomie des Naturbildes ist beiden Sphären gemeinsam“.
Wir unternehmen an einem schönen Frühlingstag einen Spaziergang an das Capo Milazzo im Norden Siziliens. Der Weg führt an blühenden Blumen vorbei an einen Aussichtspunkt, von dem man auf den Küstenabschnitt herabblickt.
Die Szenerie erinnert uns an eine Beschreibung in Thomas Manns Roman: „Da lag das Meer – ein Meer, das Südmeer war das, tief-tiefblau, von Silberlichtern blitzend, eine wunderschöne Bucht, dunstig offen an einer Seite, zur Hälfte von immer matter blauen Bergzügen weit umfasst.“
Das Zitat ist aus einem Traum, den Hans Castorp, der Protagonist des Romans, während einer Schneewanderung erlebt. Erstaunlicherweise war er, vor seinem Aufenthalt in dem Sanatorium, bisher nur im Norden Europas unterwegs. „Er hatte auf Ferienreisen vom Süden kaum genippt, kannte die raue blasse See und hing dann mit kindlichen schwerfälligen Gefühlen, hatte aber das Mittelmeer, Neapel, Sizilien oder Griechenland, niemals erreicht“.
Nachdem er auf seiner Wanderung im Schneesturm nur in „das Nichts, das weiße, wirbelnde Nichts“ geblickt hatte, erinnert er sich jetzt träumend an eine südliche Atmosphäre. „Ja, das war eigentümlich ein Wiedererkennen, das er feierte.“ Er hatte das Bild, oder sagen wir die Sehnsucht danach, in seinem Herzen.

Foto: A. Rieger
Wir steigen jetzt die Stufen hinab zum Küstenstreifen und sehen in einiger Ferne ein natürliches Bassin, das durch die Wellen des Meeres mit Wasser versorgt wird. Eine Gruppe junger Menschen badet darin. Auf den umliegenden Klippen sonnen sich einige Wanderergruppen.
Wieder kommt uns eine andere Szene aus dem Roman in den Sinn: Castorp erlebt in seiner Traumsequenz eine ähnliche Situation. Er sieht ein sonnendurchflutetes, friedliches mediterranes Tal, in dem Leute in Schönheit, Harmonie und Liebe zusammenleben.
„Menschen, Sonnen- und Meereskinder, regten sich und ruhten überall, verständig-heitere, schöne junge Menschheit, so angenehm zu schauen.“ Er bewundert insbesondere die höfliche Rücksicht der Gruppe, ihre Würde und Strenge, „doch ganz ins Heitere gelöst“ und eine aufgeschlossene Frömmigkeit, die ihr Tun und Lassen bestimmt.
Thomas Mann schafft so eine Vision, die, an die, unter dem Eindruck des schrecklichen Weltkrieges entstandenen „Lebensreformmodelle“ der 1920er Jahren, erinnern. Im Zauberberg zeigt er Interesse an alternativen Praktiken, von der Psychoanalyse, über antibürgerliche Heilmethoden bis zum Vegetarismus.
Sein Urteil schwankt diesbezüglich zwischen Verständnis und Ablehnung. Er versteht, dass die Menschen von den Ideologien flüchten wollen, befürchtet aber, dass aus dem verbreiteten Irrationalismus eines Tages politische Gefahren erwachsen können. Fakt ist, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts zahlreiche Versuche in Europa entstehen, alternative Gemeinschaften und Lebenspraxen zu entwickeln.
Foto: Bundesarchiv, Bild 183-R15883 / Unbekannt / CC-BY-SA 3.0
Die Frage des Verhältnisses von Staat, Gesellschaft, Gemeinschaft und dem Einzelnen prägen im „Zauberberg“ auch einige, noch immer lesenswerte Diskussionen zwischen zwei Gelehrten, die als Mentoren Hans Castorps auftreten. Die Gespräche der beiden gegensätzlichen Charakteren sind, wie wir sehen werden. Von beinahe unheimlicher Aktualität.
Settimbrini behauptet: „Zwei Prinzipien lägen im ewigen Kampf um die Welt, „die Macht und das Recht, die Tyrannei und die Freiheit, der Aberglaube und das Wissen, das Beharren und der Fortschritt, Asien und Europa.“ Seine Hoffnung für die Zukunft liegen auf der Rationalität, der Demokratie und den Wissenschaften.
Naphtha dagegen kritisiert den immanenten Kapitalismus des weltlichen Staates, dessen bürgerliche Ideologie eine Transzendenz anstrebt, die langfristig auf einen Weltstaat hinausläuft. „Das Geld wird Kaiser sein, – das ist eine Prophezeiung aus dem 11. Jahrhundert“, erklärt dieser skeptisch.
Unter anderem beruft er sich auf mittelalterliche Zinsverbot, das verhindern soll, dass „die Zeit um Vorteil des einen und Schaden des Anderen mißbraucht wird“. Und er kommt zu einem radikalen Schluss: „Gotteseifer kann nicht pazifistisch sein“. Er glaubt an die Notwendigkeit des Terrors, um die „ungläubige“ Menschheit zu retten. Paradoxerweise sieht Naphtha seine Forderungen nicht in einem christlichen Gottesstaat, sondern in der Ideologie des Kommunismus umgesetzt.

Foto: Imago | tagesspiegel
Während wir uns auf einer Bank hingesetzt haben, sinnen wir über die Zukunft von muslimischen Gemeinschaften nach und ihre künftige Rolle im modernen Staat.
Die Community muss aus unserer Sicht eindeutig in der Zivilgesellschaft verortet sein. Klar sind wir in der Ablehnung gegenüber rückwärtsgewandten Gotteskriegern, die – Naphthas Gedankengang folgend – ohne Rücksicht auf Verluste von einem „islamischen Staat“ träumen.
Was ist aber die positive Vision, wie sieht ein Gemeinwesen aus, dass sich nicht nur auf eine abstrakte Vereinsmitgliedschaft beschränkt? Uns schwebt eine solidarische Gemeinschaft vor, die eine gemeinsame Sprache spricht und kulturstiftend wirkt, Brücken baut und sich sozial engagiert.
„Sonnenleute“, die mit lebensbejahender Kraft agieren, sich gegenseitig respektieren, ohne der Idee einer religiösen Uniformierung zu folgen und den Tod aus ihrem Leben zu verdrängen. Ist das eine Utopie? Vielleicht. Dann ist es die Aufgabe der Schriftsteller, unsere imaginären Kräfte neu zu stimulieren.

Wenn Sie schon einmal ein Kunstmuseum mit einer Galerie für islamische Kunst besucht haben, haben Sie wahrscheinlich viele alltägliche Gegenstände hinter Glas gesehen. (Traversing Tradition). In diesen Kunstsammlungen findet man […]
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Kommentar: Muslimische Gemeinschaften müssen sich fragen, auf welchen Fundamenten sie ihre Zukunft bauen wollen. Diese Tür steht allen offen, die hindurchgehen wollen. (iz). Die Mitgliedschaft in der muslimischen Gemeinschaft beruht […]
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