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Zeit der Aussteiger oder „Das Glasperlenspiel“

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Über die spannenden Hintergründe des aktuellen Artikels „Wir und die Gesellschaft“ und was Hesses „Glasperlenspiel“ mit Muslimen zu tun hat. Ein Interview mit IZ-Herausgeber Abu Bakr Rieger.

Islamische Zeitung: In der aktuellen IZ-Ausgabe erschien Dein Text „Wir und die Gesellschaft“. Wie kam es zu diesem Beitrag?

Abu Bakr Rieger: Auf dem Weg nach Italien – im Tessin – besuchte ich mit meiner Frau das Hermann Hesse Museum in Montagnola. Mit seinen Texten, die ich in der Jugendzeit gelesen habe, beschäftigte ich mich schon lange Zeit nicht mehr. Im angeschlossenen Buchladen entdeckte ich zufällig das letzte große Buch des Nobelpreisträgers: „Das Glasperlenspiel“. Dieses Werk kannte ich nicht und kaufte es spontan. Bei der Lektüre fand ich die Inhalte erstaunlich aktuell, die angesprochenen Themen wurden quasi zum Leitmotiv unserer Reise.

Herrmann Hesse und „Das Glasperlenspiel“

Islamische Zeitung: Inwiefern passt dieses Buch in diese Zeit? 

Abu Bakr Rieger: Hesse entwirft darin unter dem Eindruck des 2. Weltkrieges die Vision einer pädagogischen Provinz mit dem fiktiven Namen Kastalien. Er schreibt: „Das Glasperlenspiel ist ein Spiel mit sämtlichen Inhalten und Werten unserer Kultur, es spielt mit ihnen, wie etwa in den Blütezeiten der Künste ein Maler mit seiner Palette gespielt haben mag.“

Die genaue Definition der Regeln des Vorgangs sind eher vage gehalten. Aber man versteht sofort, worauf dieser Entwurf anspielt und begreift schnell, dass die modernen Ideologen zu einem derartigen Austausch nicht fähig sind. Die Lage wird heute wieder prekär: Immer mehr Menschen ist an keiner Differenzierung gelegen, weil das Feindbild für die eigene Gestalt konstitutiv wird. 

Islamische Zeitung: Wenn die Regeln des Spiels nicht explizit festgelegt sind, was sind die Voraussetzungen für ein Zusammenspiel der Religionen und Kulturen?

Abu Bakr Rieger: Neben der Metapher des Spiels ist es in erster Linie der Respekt und die Achtung für die Anderen. Man muss sich mit den geistigen Phänomenen, die seit Jahrhunderten Wirkung entfalten, also nicht nur eine kurzzeitige Episode waren, intensiv beschäftigen. In Europa heißt dies: Um die Fähigkeiten zu einem Spiel zu besitzen, ist es notwendig Wissen über das Judentum, das Christentum und den Islam zu erlangen.

Hier muss man selbstkritisch anmerken, dass uns diese Kenntnisse häufig fehlen. Im Fall des Islam unterscheidet man kaum zwischen der originären Praxis und den kulturellen und nationalen Einflüssen, die heute das Bild der Gläubigen in der Öffentlichkeit mit ausmachen. Nur, es ist doch klar, nicht jedes Verhalten und alle Taten von Muslimen sind mit der islamischen Lehre zu begründen.

Foto: PickPik

Leitmotiv einer Reise

Islamische Zeitung: Du hasst von einem Leitmotiv für Eure Reise gesprochen, wie ist das gemeint?

Abu Bakr Rieger: Vielleicht kann ich das an einer Reisestation unserer italienischen Reise exemplarisch erklären. In Orvieto steht ein Dom, den alle Touristen bewundern – unabhängig von der eigenen Konfession. Wenn der Marmor der Fassade im Sonnenlicht glänzt, staunt man über dieses architektonische Meisterwerk. In der Touristeninformation hat man uns – ohne die geringste Ahnung zu haben – erzählt, dass schon Thomas von Acquin in dem Dom gelehrt hat. 

Wir waren nicht sicher, ob diese Information stimmte. Und sprachen eine Nonne an, die Touristen durch die Altstadt führte. Diese Frau beherrschte nicht nur fließend Englisch, sie erklärte genau, in welcher kleinen Kirche der Stadt der berühmte Mann gepredigt hatte.

Sie gab uns ein Kurzreferat über die Zeit des Gelehrten, seine Rolle in der geistigen Welt Europas und reflektierte das Verhältnis des Christentums zum Islam. Ihr Referat gipfelte in der Feststellung, dass die Kirche den fruchtbaren Austausch zwischen muslimischen und christlichen Geistesgrößen eher unter den Teppich gekehrt hätte. Wir waren sprachlos und resümierten: Eine Glasperlenspielerin!

Islamische Zeitung: Inwieweit spielen Konfessionen eine Rolle in diesem Kontext? Hesse selbst war aber gegenüber den Religionen eher reserviert?

Abu Bakr Rieger: Wie viele Philosophen, Schriftsteller und Künstler seiner Zeit war Hesse religiös ohne Religion. Das heißt, er sehnte sich nach spiritueller Erfahrung, Meditation, Sinn und Transzendenz, folgte aber keinem offenbarten Regelwerk. Die Kunst, die Religion des Säkularen, versuchte im 20. Jahrhundert, die Fesseln der alten Konventionen zu sprengen.

In seinem geistigen Wirken sah Hesse eine Gegenbewegung gegenüber dem technologischen Projekt, das Europa in dieser Epoche dominierte. Der entfesselte Kapitalismus und die Möglichkeit eines großen, zerstörerischen Krieges sorgten ihn zeitlebens. Hier sieht man durchaus eine Parallele zu unserer Situation.

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Foto: Dutch National Archive, Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 3.0

Hesse ärgerte sich über Vorwürfe einer Traumwelt

Islamische Zeitung: Hesse wurde oft vorgeworfen, von den Realitäten seiner Zeit Abstand zu nehmen und in einer Art Traumwelt zu leben…

Abu Bakr Rieger: Ihn selbst ärgerten diese Anwürfe. Hesse war ja durchaus politisch engagiert, wie tausende seiner Briefe beweisen. 1958 veröffentlichte der SPIEGEL einen Artikel mit dem Titel „Im Gemüsegarten“, der den Schriftsteller eher spöttisch als einen vergeistigten Träumer porträtiert.

Ein Mann, der seinen LeserInnen das Meditieren empfahl, hatte es schon damals in Deutschland schwer. Hierzulande macht man sich ja mit Verweisen auf eine unsichtbare Welt schnell der Esoterik verdächtig. Vieles was Hesse schrieb und in den 1970er Jahren populär war, ist heute zu Recht in Vergessenheit geraten. Aber, wie gesagt, die Lektüre des „Glasperlenspiels“ finde ich nach wie vor inspirierend.

Ideen eines anderen Lebens

Islamische Zeitung: Letztendlich war aber Hesse doch eher ein Einzelgänger, oder? 

Abu Bakr Rieger: Ja, das stimmt. In der Nähe von Locarno, auf dem Monte Vérita, dem Berg der Wahrheit nahm er, Anfang des 20. Jahrhunderts, kurzzeitig an einem Gemeinschaftsprojekt teil. In einmaliger Lage über dem Lago Maggiore entstand – nach den Worten der Mitgründerin Ida Hofmann „eine Schule für höheres Leben, eine Stätte für Entwicklung und Sammlung erweiterter Entwicklung und erweiterten Bewusstseins.“ Hesse blieb ein paar Monate, nahm aber den institutionellen Charakter des Projektes nie ernst.

Er war ein bekennender Individualist. Der Schriftsteller zog sich bald in seine Dichterklause zurück. In seinem lesenswerten Buch „Zeit der Aussteiger“ beschreibt Andreas Schwab die Geschichte und das Scheitern dieser Communitys in Europa. Die Idee eines anderen Lebens blieb meist eine Utopie. Was bis heute nachwirkt, ist die Sehnsucht vieler Menschen nach einer ganzheitlichen Lebenspraxis.

Nachrichtenüberflutung

Foto: Camilo Jimonez, Unsplash

Islamische Zeitung: Kommen wir zurück zur Idee des „Glasperlenspiels“, ist sein Ansatz in Zeiten von Massenmedien und Filterblasen, die die sozialen Medien verursachen, nicht naiv? 

Abu Bakr Rieger: Ich glaube, es wäre angesichts der aktuellen Kommunikationskultur gewagt, etwas anderes als Pessimist zu sein. Dennoch bleibt die Hoffnung, dass die Idee des „Glasperlenspiels“ zwischen den Religionen und Kulturen zumindest an den Rändern der Debatte lebendig bleiben.

Die Möglichkeit bestünde, dass – denken wir beispielsweise an die Diskussionen über die Rolle der Muslime in Europa – der Diskurs nicht nur und ausschließlich im Feld des Politischen verortet bleibt. Ich sehe ein Mangel an Foren, an Gesprächsebenen, die die Teilnahme bspw. von Künstlern, Soziologen, Philosophen oder Architekten mit einschließt. Nur so wird verständlich, dass der Islam aus der politischen Deutung heraus nie völlig zu verstehen ist. Innerhalb dieser Gesprächskultur könnten nebenbei kreative Ansätze für eine verbesserte Integration entstehen. 

Was hilft gegen die Politisierung der Debatte?

Islamische Zeitung: Aber tragen Muslime, Stichwort Extreme, nicht dazu bei, dass die öffentliche Wahrnehmung sich im Moment nahezu ausschließlich mit dem sogenannten politischen Islam beschäftigt?

Abu Bakr Rieger: Die Politisierung der Debatte hat ihre bekannten Gründe. Ich persönlich schätze den Begriff des „Islamismus“ nicht, weil er mir zu unbestimmt scheint, einen Vorwurf darstellt, der mit einer Markierungsmacht einhergeht, meist von Medien ausgeübt, die fatale soziale Auswirkungen hat und gleichzeitig nicht justiziabel ist.

Andererseits verstehe ich, dass jede Politik auf Grundlage einer Religion berechtigte Ängste auslöst. Für mich schließen sich die Begriffe aus: Der Islam ist keine Ideologie. Und – hier kehren wir zum Motiv des „Glasperlenspiels“ zurück – ein Zeichen des geistigen Niederganges ist immer die Unfähigkeit zu einem tieferen Austausch zwischen den Kulturen. Die Muslime müssen sich wieder stärker an ihre eigenen Wurzeln erinnern.

Zum Beispiel waren Identitätspolitik und Nationalismus, geschweige den der Terrorismus, über Jahrhunderte keine bekannten Begriffe in der islamischen Welt. Mich faszinieren die alten Stadtpläne, deren fester Bestandteil Kirchen, Synagogen und Moscheen waren. In diesem Sinne war das Glasperlenspiel integrierter Teil des Alltags.

Foto: Freepik

Islamische Zeitung: Heute werden unsere religiöse Praxis, das Verhalten und die Lehre durch das Internet beeinflusst. Ist das ein bedenklicher Trend?

Abu Bakr Rieger: Der wachsende Einfluss von sogenannten Influencern ist eine fragwürdige Entwicklung. Sie schaffen virtuelle Netzwerke, jenseits der Balance, die reale Gemeinschaften im Kern ausmachen. Die Lehre wird in den sozialen Medien zunehmend beliebig, das Gelehrte wirkt teilweise extrem und der Trend ist in seiner Dynamik unkontrollierbar.

In dieser Sphäre der religiösen Schnellkurse entstehen unzählige Blasen, die sich auf Dauer verselbständigen, mit, vorsichtig ausgedrückt, nicht nur für die Nutzer ungewissem Ausgang. Dieser virtuellen Realität mangelt es an Gesprächskultur und Verbindlichkeit, Anspruch und Wirklichkeit klaffen auseinander. Der Islam wird zu einem Computerspiel. Viele junge Muslime verfallen an diese Welt, weil sie in ihrem Alltag keine Orte für konkretes Engagement vorfinden. 

Was hat das Thema mit Architektur zu tun?

Islamische Zeitung: In ihrem Beitrag erwähnst Du die Weimarer Bauhaus-Schule und die Idee der modernen Architektur. Warum?

Abu Bakr Rieger: Wir leben heute wieder in einer Zeit der Aussteiger. Menschen wandern aus, suchen nach sinnvollen Lebensentwürfen und neuen Wohnformen, die ihr ökonomisches Dilemma berücksichtigen. Andere flüchten sich in ihre virtuellen Traumwelten oder Parallelgesellschaften.

Ironischerweise entstehen heute kaum noch alternative Gemeinschaften, weil das Bauplanungsrecht solche Modelle nur für reiche Menschen realisierbar macht. Ich war im letzten Jahr im schottischen Findhorn und habe dort das bekannte Siedlungsmodell besichtigt. Ich war erstaunt zu hören, dass die Preise für die kleinen Häuser inzwischen unerschwinglich sind. 

Wichtig ist ein Bewusstsein, dass jede Architektur die sozialen, gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse repräsentiert. Deswegen ist das Studium der Geschichte der Bauhaus-Bewegung so erhellend.

Bosnien

Foto: Alan Ajan, Adobe

Islamische Zeitung: Inwieweit betrifft das die Lage der Muslime in Europa?

Abu Bakr Rieger: Wer keine Parallelgesellschaften will, muss die urbanen Voraussetzungen für eine Integration schaffen. Das Beispiel der Banlieues in Frankreich zeigt die Probleme, wenn man Menschen in Wohnmaschinen steckt. Die Frage ist, welche städtebaulichen Visionen wir in Deutschland entwickeln. Gott sei Dank sind Moscheen heute nicht nur mehr in Hinterhöfen und Gewerbegebieten zu finden.

Allerdings fehlt es in unseren Gemeinwesen oft schlicht am Platz, die soziale Dimension der Praxis auszuleben. Historisch gesehen waren die religiösen Anlagen nie nur sakrale Einrichtungen. Der Kontext von Moschee und Marktplatz ist heute reduziert auf die Realität von Moschee und Parkplatz.

Im Grunde brauchen wir eine Vision, die Muslime, im Einklang mit der deutschen Verfassung, einen entsprechenden Raum anbietet. Selbstredend handelt es sich hier um Begegnungsräume. Tauchen Gläubige nur als Demonstranten auf unseren Straßen auf, schreitet die Politisierung weiter voran.

Muslimische Präsenz im öffentlichen Raum

Islamische Zeitung: Gerade jetzt wird ja oft der Anspruch der Muslime auf eine Präsenz im öffentlichen Raum im Sinne eines Machtanspruches interpretiert?

Abu Bakr Rieger: Das ist eine grundsätzliche Frage. Rechtskonservative Kreise verbreiten die Vorstellung, dass Muslime – sozusagen aus Sicherheitsgründen – ihren Praktiken am besten gar nicht oder eben nur privat ausüben sollen. Angesichts der Präsenz von Millionen Muslimen in Europa wird diese Strategie der Verdrängung kaum funktionieren. Im schlimmsten Fall folgt aus diesem ideologischen Ansatz nur die endgültige gesellschaftliche Spaltung und die trübe Phantasie einer „Remigration“.

Ich würde eher darauf setzen, dass die Jugend islamisch gebildet ist, Räume der kulturellen Symbiose mit der Nachbarschaft entstehen und wir in einem regelmäßigen, facettenreichen Austausch mit der Mehrheitsgesellschaft stehen. Hierher gehören die erwähnten geistigen und architektonischen Voraussetzungen. Wer selbstbewusst die Grundlagen seiner Praxis kennt, wird sich nicht in Blasen flüchten oder gar Begegnung mit den Anderen meiden. Diese Logik gilt nicht nur für Muslime.

Islamische Zeitung: Vielen Dank für das Gespräch!

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Wir und die Gesellschaft – vom Zusammenspiel der Kulturen und Religionen

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Ohne einen Begriff von „deutschen Muslimen“, der sich nicht biologisch ableitet, wird es auf Dauer schwer sein, ein anerkannter Teil dieser Gesellschaft zu werden.

(iz). Es scheint manchmal, dass der Islam vielen unserer europäischen MitbürgerInnen unheimlich ist. Über eine Milliarde Muslime, in all ihrer Widersprüchlichkeit, die Beobachtung diverser Auslegungen, kulturellen Prägungen, Praktiken, bis hin – leider – zu ideologischen Ausformungen stehen dem Ideal der vollständigen Kontrolle und Integration entgegen.

Auch Muslime hadern mit einer Balance zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft

Die Aufgabe erinnert so weit an das vergebliche Bemühen, die Naturgewalten zu beherrschen. Aber auch Muslimen fällt es heute schwer, eine neue Balance zwischen ihrem persönlichen Schicksal, der Einbettung in religiöse Gemeinden und ihrer gesellschaftlichen Rolle umzusetzen.

Ein Beispiel ist das vergangene, gemeinschaftlich verrichtete Id-Gebet, das tausende Gläubige auf öffentlichen Plätzen und Straßen zusammengeführt hat, aber von Teilen der Mehrheitsgesellschaft als „Machtdemonstration“ missdeutet und oft mit Argwohn begleitet wurde.

Die Frage stellt sich, in welcher Form wir uns an der Suche nach einem „Wir“-Gefühl in Deutschland beteiligen. Nicht zuletzt sind es Begriffe, wie kollektive Identität, Identitätspolitik oder, unter diesem Aspekt, „Ethnizität“ an die sich Muslime gewöhnt haben, ohne sich daran zu erinnern, wie sie vor kurzer Zeit erst im Wortschatz unserer politischen Rede aufgetaucht sind.

Die Gefahr, Anderen im Umgang mit ihnen, mit gleicher Ideologie zu begegnen, ist offensichtlich. Zudem verhindern die bestehenden ethnischen Trennlinien das inner-islamische Zusammengehörigkeitsgefühl. Ohne einen Begriff von „deutschen Muslimen“, der sich nicht biologisch ableitet, wird es auf Dauer schwer sein, ein anerkannter Teil dieser Gesellschaft zu werden.

Reflexionen Delinquenz Jugendliche Silvester Kultur Sozial

Foto: imago stock

Ausgangspunkt ist die Nähe zu den Ursprüngen

Ausgangspunkt für eine Neujustierung der Rolle von Muslimen in modernen Staaten ist neben der religiösen Praxis an sich, ihre Nähe zu den Ursprüngen. Die erste Gemeinschaft in Medina gilt als Vorbild für ein vom Islam geprägtes Leben. 

Jeder Bund zwischen Menschen entwickelt ein Eigeninteresse, welches sich an den alltäglichen Zielsetzungen der Lebensführung der Mitglieder bemisst, die entsprechend miteinander verflochten sind.

Dabei ist es klar, dass es in unserer Zeit längst faktische Grenzen der Vergemeinschaftung gibt. In modernen Staaten bilden soziale Akteure nur begrenzt autarke und selbstbestimmte „Gemeinschaften“. Es ist Muslimen praktisch nicht möglich, zu jedem Zeitpunkt in allen ihren Beziehungen gemeinsame Ziele zu verfolgen oder jegliche Handlungen als Gruppe durchzuführen.

Ohne eine Partizipation in den Institutionen des Staates ist die Community nicht lebensfähig; und verzichtet sie auf den Konsens mit den Grundwerten der Verfassung, bleibt sie langfristig ein Fremdkörper.

Foto: r.classen, Shutterstock

Der Unterschied stammt aus dem 19. Jahrhundert

Das Verständnis über den grundsätzlichen Unterschied zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft stammt von Ferdinand Tönnies. Der Soziologe entwickelte im 19. Jahrhundert den Ansatz, dass „Gemeinschaft“ und „Gesellschaft“ den Gegenstand der „Soziologie“ ausmachen.

In der Theorie schließen sich die beiden Begriffe aus; in der empirischen Welt, dem Feld der angewandten Wissenschaft, erscheinen sie hingegen nach Tönnies immer gemischt. Genau hier liegt der Ansatz, das Zusammenspiel von Gemeinschaft und Gesellschaft aus muslimischer Sicht zu aktualisieren.

Die Herausforderungen für eine derartige Symbiose sind nicht neu. Das Spannungsverhältnis zwischen alternativen Entwürfen und der Mehrheit hat in Europa eine lange Geschichte.

In Ascona, im schweizerischen Tessin, entdeckt man beim Aufstieg auf den Monte Verità Spuren dieser Historie. Es ist die Zeit der Aussteiger. Hier – wie in vielen anderen Orten in Europa – hat sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine bunte Schar von Sinnsuchenden, Revolutionären, Künstlern und Vegetariern zusammen gefunden. Das Ziel der Suchenden war es, in einer von Krieg und Technik beherrschten Welt, das Leben zu reformieren und wieder näher an die Natur und die Sphäre göttlicher Weisheit zu rücken.

„Wahrheit und Freiheit in Denken und Handeln sollten künftig als teuerster Leitstern ihr Leben begleiten“, beginnt Ida Hofman ihren Bericht über die Gründung der Kolonie. Die Atmosphäre mit dem Blick auf den Lago Maggiore ist einmalig: Zu besichtigen ist der Park mit den Lichthütten, die traditionelle Teestube, die Freilichtbäder und ein von den „Sonnenleuten“ angelegter Tennisplatz.

Der Versuch, eine nachhaltige Gemeinschaft auf Grundlage diverser Entwürfe, die zwischen fernöstlicher Religion, Naturliebe, Kunst und Philosophie angesiedelt waren, zu gründen, scheiterte.

1925 übernimmt der deutsche Bankier und Kunstsammler, Eduard von Heydt, die Anlage. Er lässt ein Kongresszentrum im Bauhaus-Stil bauen. Immer mehr Touristen kommen auf den „Berg der Wahrheit“ und träumen über neue Ideen der Entfaltung. Bis heute diskutieren Philosophen und Künstler die Möglichkeit, unsere technologisch geprägten Gesellschaften, mit der Sehnsucht nach sozialer Nähe zu versöhnen.

Hermann Hesse: Einen Kern in uns bewahren

Ein berühmter Gast auf dem Berg war der deutsche Schriftsteller Hermann Hesse. Mit der Bewegung sympathisiert er, ohne aber den institutionellen Charakter der Lebensreformer je ernst zu nehmen. Später wird der Nobelpreisträger im nahegelegenen Montagnola sein eigentliches Domizil und ersehntes Exil finden.

Im Jahr 1948 hatte Hesse erklärt, was das Schicksal des Menschen aus seiner Sicht entscheiden wird: „Wir wollen womöglich einen Kern in uns bewahren, ein eigenes Schwergewicht, das uns daran hindert, mit in die sinnlose zentrifugale Schwingung gerissen zu werden, die immer unheimlicher wird und fern aller Politik sich in Tempo, Hetze und Unrast äußert.“

Wer sich für das Verhältnis von Individualität, Gemeinschaft und Gesellschaft interessiert, findet in der Gedankenwelt des Außenseiters einigen Stoff. In seinem letzten Werk, dem Glasperlenspiel, entwirft der Schriftsteller, unter dem Eindruck des 2. Weltkrieges, eine Vision einer pädagogischen Provinz mit dem fiktiven Namen Kastalien.

Das Buch dreht sich um ein zentrales Leitmotiv: „Das Glasperlenspiel ist ein Spiel mit sämtlichen Inhalten und Werten unserer Kultur, es spielt mit ihnen, wie etwa in den Blütezeiten der Künste ein Maler mit seiner Palette gespielt haben mag.“ 

Die Leser werden an einen respektvollen Umgang mit den geistigen Phänomenen erinnert, sei es das Christentum oder Judentum, bis hin zu fernöstlichen Weisheitslehren, die seit Jahrhunderten in der Gesellschaft wirken. Wichtige Teile dieser Bildung, mit ihrem interdisziplinären Ansatz, sind neben den Geisteswissenschaften ebenso die Mathematik und die Musik.

Die Lebensgeschichte von Josef Knecht, der zum Meister des Spiels wird, zeigt, dass das harmonische Zusammenspiel von Kulturen, Wissenschaften und Religionen keine Utopie sein muss.

Eine der Maximen des Protagonisten lautet dabei wie folgt: „Wir sollen nicht aus der Vita Aktiva in die Vita Kontemplativa fliehen, noch umgekehrt, sondern zwischen beiden wechselnd unterwegs sein, in beiden zu Hause sein, an beiden teilhaben.“ 

Knecht unterwirft sich den Regeln und Hierarchien der fiktiven Ordensprovinz Kastanien. Aber seine Einordnung in eine Gemeinschaft sei – so Hesse – nicht das Zeichen eines Mangels an Persönlichkeit, sondern eines Plus an Individualität.

Elf Jahre lang schrieb Hesse an seinem letzten großen Werk. Über die Reaktionen war er eher enttäuscht, insbesondere bemängelte er, dass das „Glasperlenspiel“ langsam zum Inbegriff für ein weltfremdes Leben im Elfenbeinturm wurde. Der Nobelpreisträger sah darin – wie sein Biograf Alois Prinz berichtet – ein grobes Missverständnis.

Der Schriftsteller wusste durchaus, dass der Glasperlenspieler der Weltgeschichte angehört und von politischen Änderungen beeinträchtigt wird. Neben dem Aufruf zu einem gesellschaftlichen und sozialen Engagement ist das Ideal einer ganzheitlichen, dem Menschen dienenden Wissenschaft und das Bewusstsein, dass das freie Spiel zwischen den geistigen Kräften von Ideologen aller Couleur gefährdet wird, nach wie vor aktuell.

Die Botschaft ist klar: Der spielerische Umgang mit den Kulturen und Ideologie schließen sich aus. Für Muslime liegt hier die künftige Herausforderung, das heißt, die Aufgabe an der notwendigen Neuauflage dieses Spiels aktiv und verstehend teilzunehmen.

Foto: Maria Lupan, Unsplash

Bedeutung von Architektur für das soziale Leben

Neben den geistigen Voraussetzungen für einen fruchtbaren Austausch zwischen alternativen Gemeinschaften und der Gesellschaft wurde Anfang des 20. Jahrhunderts die Bedeutung der Architektur für das soziale Leben entdeckt. Die Idee, Kunst und Technik, Handwerk und Wohnen in einer solidarischen Gesellschaft zu verknüpfen, gehört zu den Gründungsgedanken des Weimarer Bauhauses.

Die Visionäre entwarfen zunächst Modelle für die Modernisierung des klassischen Einfamilienhauses, planten aber bereits größere Anlagen, mit Gemeinschaftsgebäuden und sozialen Einrichtungen. Der Bedarf an Wohnraum, im Zusammenspiel mit innovativen Bautechniken führten zu einer Revolution des Wohnungsbaus.

In „Sphären III“ erzählt der Philosoph Peter Sloterdijk die Entwicklung einer modernen Philosophie der Architektur. Am Beispiel des Architekten Le Corbusier und seiner Idee der „Wohnmaschine“ wird die Auflösung der traditionellen Allianz von Eigenheim und Sesshaftigkeit deutlich. In den zwanziger Jahren schreibt er: „Man muss das Haus wie eine Maschine oder ein Werkzeug zum Wohnen betrachten … ein Haus wie ein Auto konzipiert und eingerichtet wie ein Auto oder eine Schiffskabine.“

Die neuen großen Wohnblöcke, die bald auf der ganzen Welt entstehen, gleichen sich und sind nur lose an ihr historisches Umfeld angeknüpft. 

Das Ergebnis ist aus menschlicher Sicht eher ernüchternd: Die Siedlungen schaffen ein soziales Niemandsland, von Individuen bewohnt, die sich kaum gegenseitig kennen. Die Suche nach Alternativen dauert bis heute an. Schon in der Bauhaus-Zeit wird parallel mit kleinen mobilen Häusern, Wohnwagen, Containern und Zelthäusern experimentiert, die sich an alte Wohnformen der Nomadenvölker anlehnen.

Sloterdijk formuliert diese Grundidee wie folgt: „Das mobile Haus definiert sich als wandernde architektonische Monade, die ihrem Einwohner darin kongenial geworden ist, dass das Haus wie der Besitzer sich auf Freiheit der Kontextwahl berufen.“

Und heute? Den eigenen sozialen Kontext frei zu bestimmen, hier liegt das Problem, wird immer mehr zur ökonomischen Frage. Fakt ist, ein Eigenheim zu bauen oder nur eine Wohnung zu halten, verschlingen beachtliche Ressourcen und die Finanzierung wird schnell zum einzigen Lebensinhalt. In den Großstädten werden etwa 29 Prozent des Einkommens für Mieten aufgebracht.

Hinzukommt der Mangel an Wohnraum; ein Phänomen, das längst ein Politikum ist. Die Lage am Wohnungsmarkt ist angespannt, viele Berufstätige ziehen um – durchaus nicht freiwillig – und sind auf der verzweifelten Suche nach möglichst billigen Wohnungen.

Die Vision, der sozialen Gemeinschaft einen architektonischen Ausdruck zu geben, ist heute kaum umzusetzen; gleichzeitig werden Depressionen und das Gefühl der Einsamkeit zu einer gesellschaftlichen Realität. Hierher gehört das Problem, dass Moschee-Anlagen, die das Stadtviertel beleben sollen, aber keinen Platz für soziale Aktivitäten und Raum für das Einladen der Nachbarschaft bieten, die Ideologisierung und Isolierung der Gläubigen fördert.

Eine Neuauflage des Glasperlenspiels braucht nicht nur eine geistige Idee, sondern den entsprechenden öffentlichen Raum. Die Lage in unseren Großstädten ist ernst. Pessimisten befürchten eine Verödung der Innenstädte, den Streit zwischen Bevölkerungsgruppen und eine wachsende Dynamik der sozialen Unterschiede.

In seinem neuen Buch „Der Geist der Hoffnung“ schreibt der Philosoph Byung-Chul Han: „Im Gegensatz zum positiven Denken wendet sich die Hoffnung von den Negativitäten des Lebens nicht ab. (…) Außerdem vereinzelt sie die Menschen nicht, sondern verbindet und versöhnt sie. Das Subjekt der Hoffnung ist ein Wir.“

Es wird die entscheidende Frage sein, ob es uns gelingt, mit der Mehrheitsgesellschaft in einen konstruktiven Austausch einzutreten und ob die politischen Verhältnisse der muslimischen Gemeinschaft einen würdevollen Platz in der Mitte der Gesellschaft erlauben.