, ,

Begegnung rund um Petrarca

Reiseblog Petrarca

IZ-Reiseblog: Im toskanischen Arezzo, dem Geburtsort von Petrarca kann es zu überraschenden Begegnungen kommen.

(iz). Auf jeder Reise gibt es Überraschungen, man erinnert sich wieder an alte Reiseerlebnisse, steuert – manchmal ohne ein konkretes Ziel – den geheimnisvollen Gesetzen des Unterbewusstseins folgend, nach rechts oder links und findet sich wieder in neuen oder alten Bedeutungszusammenhängen.

Foto: A. Rieger

Im Geburtshaus von Petrarca

Arezzo ist eine Stadt, die reich an Geschichte, Kunst und Kultur ist. Sie strahlt in der wunderschönen toskanischen Landschaft, die sie umgibt, eine ruhige Schönheit aus. Trotz ihrer zahlreichen historischen Monumente ist sie weniger touristisch überlaufen als andere Städte der Toskana, was ihr eine besondere Atmosphäre verleiht. Kurzum, uns gefällt es hier. Und, was wir zuvor nicht wussten: In der Stadt befindet sich das Geburtshaus des Dichters Petrarca.

Bei dem Besuch der Gedenkstätte denken wir an eine unserer Reisen nach Südfrankreich zurück. In Fontaine-de-Vaucluse befindet sich ein Haus, das der Dichter in seinem Exil nutzte, traumhaft gelegen in der Nähe einer Steilwand, aus dem ein eiskalter Fluss, die Sorgue, schießt.

Die erste nach-antike Naturbeschreibung

Legendär ist eine Unternehmung Petrarcas im Jahr 1336: Die Besteigung des Monte Ventoux gilt als ein Ereignis und wird oft als Beginn einer neuen Epoche der Reiseerfahrung betrachtet. Es markiert einen Wendepunkt in der Art und Weise, wie Menschen das Reisen und den Aufenthalt in der Natur erlebten, und spielt eine zentrale Rolle in der Geschichte des Humanismus und der modernen Reiseliteratur. 

Der Gipfel des Berges liegt etwa 1912 Meter über dem Meeresspiegel, und der Aufstieg war damals keine kleine Unternehmung, sondern ein Abenteuer. Was diese Besteigung so besonders macht, ist nicht die physische Anstrengung, sondern vor allem die geistige und philosophische Bedeutung. Petrarca beschrieb seine Wanderung in einem Brief an seinen Freund Francesco Nelli, der 1356 veröffentlicht wurde.

In diesem Brief reflektiert er den Aufstieg, geht aber über die Schilderung der physischen Erfahrung hinaus. Auf dem Gipfel angekommen, blickt er auf das Tal zurück und hat eine tiefgreifende introspektive Erkenntnis. Der Berg wird für ihn zu einem Symbol für das Streben des Menschen nach geistiger und seelischer Erhebung. Der Gipfel wird nicht nur als physisches Ziel erlangt, sondern verwandelt sich in ein Zeichen für das Verlangen nach höherem Wissen und Einsicht.

Er schreibt an Nelli: „Als ich den Gipfel des Berges erreichte und die weitläufige Aussicht erblickte, überkam mich das Gefühl, als sei der Mensch in seinem Streben nach Wissen und Erhöhung nie wirklich zufrieden. Und es erscheint mir, dass die beste Reise die ist, die uns mit uns selbst und der Wahrheit in Einklang bringt.“

Dies ist nicht nur ein literarischer Moment, sondern eine frühe Darstellung dessen, was später die moderne Vorstellung von Reisen ausmachen sollte – die Bewegung von einem Ort zum anderen und auch die Suche nach innerer Klarheit und Selbsterkenntnis. (Es geht nicht um die selbstvergessene Erfahrung, die wir heute „chillen“ nennen.)

Foto: Alexander Henke, Unsplash

Reisen aus dem Selbst heraus

Früher waren Reisen oft religiös oder militärisch motiviert. Reisen bedeuteten meist Pilgerfahrten oder Kriegszüge. Was Petrarca beschreibt, ist eine Art von Exkursion, die mehr auf dem Selbst und der geistigen Erhöhung basiert. Sie wird zu einem persönlichen Erlebnis, zu einer Möglichkeit der Reflexion und Selbsterkenntnis. Der Berg wird als ein metaphorischer „Ort der Wahrheit“ betrachtet, der für den Reisenden zu einer inneren Erhebung führt.

Petrarca begreift das Reisen als einen Weg zu einer besseren Einsicht der eigenen Seele und der Natur. Damit öffnet er, im Vergleich zu Dantes „Göttlicher Komödie“, die wir in Florenz kennengelernt haben, einen anderen Erfahrungshorizont. Es gibt einen Unterschied, zwischen der Erkenntnis, die wir aus theologischen Büchern gewinnen und den eigenen Erfahrungen auf unserem Weg.

Islam – Einheit durchzieht die ganze Existenz

Uns erinnert die Episode an eine der Segnungen des Islam, der, in dem Bekenntnis der Einheit, auf die scharfe Trennung von Diesseitigem und Jenseitigem verzichtet. Letztendlich sind wichtige spirituelle Erfahrungen an jedem Ort dieser Erde möglich. Wichtig ist, unterwegs die Erwartung auf die entscheidenden Momente hochzuhalten.

Am Abend setzen wir uns in eine stille Ecke der Piazza Grande und bewundern im Abendlicht das einmalige Ensemble, gebildet von Bauwerken aus verschiedenen Epochen.

Neben uns setzt sich eine Mutter mit ihren zwei Töchtern. Sie unterhalten sich fröhlich, die Dialoge sind überaus wortreich. Sie werden in einer uns zunächst unbekannten Sprache geführt. Schließlich fragt die Frau uns in Englisch, ob wir uns gestört fühlen.

„Aber nein!“ antworten wir.
Schließlich gehört dies zum bunten Leben in Italien.
„Und“, fügen wir hinzu, „wir mögen die Sprache!“
„Sie mögen hebräisch?“, wundert sich die Frau und fragt, woher wir kommen.
„Aus Deutschland!“
Die Töchter mischen sich nun ein. „Wir lieben Deutschland! Wir mögen deutschen Rap!“ 

Die Frau wechselt – zu unserer Überraschung – selbst ins Deutsche und berichtet von ihrem zweijährigen Aufenthalt in Deutschland. Etwas ernster setzt sie fort, dass ihr Großvater väterlicherseits von dort geflohen sei. „Schönwetter“, fügt sie hinzu, sei der Familienname. Ein Name, der in uns hineinfällt, während sich die Familie freundlich verabschiedet.

Thomas Mann

Foto: Bundesarchiv, Bild 183-R15883 / Unbekannt / CC-BY-SA 3.0

Wir unterhalten uns über die kurze Begegnung und die Imaginationen, die Bedeutungszusammenhänge, die sie ausgelöst hat. „Kann das Verhältnis der Deutschen zum Thema Israel jemals völlig unbefangen sein?“ Unser Gespräch passt zu dem Thema, das mich schon länger beschäftigt und ich für nächste Ausgabe der „Islamischen Zeitung“ plane: Thomas Mann und das Judentum. Im Reisegepäck liegen die entsprechenden Bücher bereit.

,

Florenz – von Dante zu Ibn Sina

reiseblog florenz

IZ-Reiseblog: Florenz – im Herzen der italienischen Kultur finden sich faszinierende Anknüpfungspunkte zur islamischen Tradition.

(iz). Millionen Touristen besuchen Florenz mit großen Erwartungen, weil die Stadt ein wahres Juwel der Renaissance ist und eine unglaubliche kulturelle und künstlerische Bedeutung hat.

Es war im Mittelalter und in der Renaissance ein Zentrum von Macht, Handel und Kultur – die Medici-Familie spielte dabei eine große Rolle. Die Altstadt mit ihren engen Gassen, Brücken wie der Ponte Vecchio und charmanten Plätzen wirkt wie ein lebendiges Museum.

Florenz – im Zentrum der italienischen Kultur

Wir stehen dicht gedrängt in einem lokalen Bus, der uns ins Zentrum bringt. Auf der Fahrt hören wir die erregte Stimme eines älteren Herrn, der, in gebrochenem Englisch, die Lage aus seiner Sicht auf den Punkt bringt: „Es gibt zu viele Touristen! Wir bezahlen Steuern und dann bekommen wir immer nur einen Stehplatz!“

Darauf folgen einige, vermutliche weniger sachlich formulierte Einwände, auf Italienisch. Im öffentlichen Verkehrsmittel herrscht angesichts des Wutausbruches betretenes Schweigen. „Mamma Mia, der Mann hat Recht, die Stadt ist überfüllt“, denkt nur der Verständige.

Der Zeithistoriker Joachim Fest hat das Phänomen des Massentourismus gut erklärt: Früher wurden die Besucher durch eine Stadt verändert, heute verändern sich nur noch die Touristenziele.

Nach der Ankunft in der Altstadt schwimmen wir im Strom und bewundern die vergangene Größe, die sich überall in erstaunlichen Bauwerken in Erinnerung bringt.

Der geplante Besuch der Uffizien, Standort berühmter Kunstwerke, fällt allerdings aus. Die Schlangen vor den Kassen sind einfach zu lang. Immerhin laufen wir so nicht in Gefahr, in das Stendhal-Syndrom zu verfallen. Das psychosomatische Phänomen, das vor allem bei Touristen in Städten mit sehr hoher Dichte an Meisterwerken und künstlerischen Eindrücken auftritt – ist besonders bekannt in Florenz. Menschen, die daran leiden, reagieren körperlich und emotional extrem auf den Anblick großer Kunstwerke bzw. überwältigender kultureller Schönheit. Die Symptome können beinhalten: Herzrasen, Schwindel, Ohnmacht, Angstzustände und sogar depressive oder manische Zustände.

Benannt ist das Phänomen nach dem französischen Schriftsteller Stendhal, der 1817 Florenz besuchte und beim Anblick der Fresken in der Kirche Santa Croce ein intensives Gefühl von Ehrfurcht, Rührung und körperlicher Erschöpfung beschrieb. Seine Reaktion gilt heute als einer der frühesten dokumentierten Fälle. In der Stadt gibt es sogar eine psychiatrische Klinik, die Touristen mit entsprechenden Symptomen behandelt!

Nur wenige Gäste bei Dante

Nur wenige Besucher treffen wir dagegen im Dante-Haus an. Der Dichter und Philosoph Dante Alighieri (1265-1321) ist das berühmteste Kind der Stadt. Seine „göttliche Komödie“ – in italienischer Sprache verfasst, gehört zu den Klassikern der Weltliteratur.

Wir spazieren durch die Räume des Museums, in dem es nicht viel zu sehen gibt. Beeindruckend ist die Vielzahl der ausgestellten Übersetzungen, die sein Hauptwerk in Dutzenden verschiedenen Sprachen lesbar macht. Daraus kann man schließen, dass die Faszination des Buches mit seiner religiösen Thematik bis heute ungebrochen weiterwirkt.

Foto: Abu Bakr Rieger

Für Muslime ist die Lektüre ein wenig heikel, da der Dichter nicht nur eine spirituelle Reise zwischen Hölle, Himmel und Paradies beschreibt, sondern ohne großes Zaudern – auch einige griechische Philosophen, historische Größen und nicht-christliche Religionsführer, darunter unseren Propheten – in der Hölle verortet. 

Was soll man dazu sagen? Es gibt sie eben, die Schwierigkeiten des interkulturellen Dialogs! Im Jahr 2024 erregte sich Italien über einige muslimische Eltern, die die Lektüre des Textes, das zum Kulturgut des Landes gehört, in der Schule für ihre Kinder inakzeptabel fanden. Darüber lässt sich streiten; allerdings nur, wenn man sich ein wenig mit Dante beschäftigt hat. Man kann das Werk – in seinem historischen Kontext – durchaus als eine Brücke zum Islam sehen. Die arabische Kultur, das sollte man nicht vergessen, war den Gebildeten der Toskana im 14. Jahrhundert wohlbekannt.

Islamische Quellen in der europäischen Kultur

In den 1920er Jahren löste der spanische Historiker Miguel Asín Palacios mit der Veröffentlichung seines Buches „Die islamische Eschatologie in der Göttlichen Komödie“ eine interessante Debatte aus. Der Autor wies auf die islamischen Quellen und Dantes Faszination für die arabische Kultur hin.

Beim Vergleich seines Gedichts mit arabischen Manuskripten über die sogenannte Nachtreise (bekannt als Miraj) stellte Palacios bedeutende Ähnlichkeiten auf symbolischer und formaler Ebene fest. Die „Göttliche Komödie“ beschreibt seine Reise durch die Reiche des Jenseits und stellt allegorisch die Reise der Seele zu Gott dar. Andererseits beschreibt die Isra und Miraj den Weg des Propheten Muhammad (Friede sei mit ihm) von Mekka nach Jerusalem und seine Himmelfahrt – eine physische und spirituelle Reise, die er in einer einzigen Nacht unternahm.

Foto: Roberto La Rosa, Shutterstock

Kurzum, mit der Islamophobie der Moderne – deren Vertreter ihre Argumente oder Vorurteile oft auf bescheidenem Niveau und mit mangelnder Sachkenntnis vortragen – hat die Welt Dantes wenig zu tun. In seinem Denken spielen viele Namen aus der islamischen Welt, etwa Saladin, Avicenna (Ibn Sina) oder Averroës (Ibn Ruschd) eine wichtige Rolle.

Mit anderen Worten: Sein Bildungsniveau spricht für sich. Das heißt, soweit unser Urteil, warum sollten sich muslimische Jugendliche, die in Europa leben, nicht mit derartiger Überlieferung beschäftigen? Diese Auseinandersetzung mit den Werken der Weltliteratur schadet sicher nicht.

Die wichtigsten Brücken für die Übermittlung islamischen Wissens nach Europa waren Andalusien und Sizilien, wo sich eine intensive arabische Kultur entwickelte. Wie Dantes Fall zeigt, war der Islam ein wesentliches Element der intellektuellen Auseinandersetzung und eine inspirierende Quelle für die westliche Gesellschaft.

, ,

Italien: Abgeordnete stimmen für „Anti-Moschee-Gesetz“

Italien

Kurz vor den Europawahlen haben Abgeordnete von Italiens Regierungspartei Fratelli d’Italia eine umstrittene Gesetzesänderung auf den Weg gebracht. Besonders islamische Gemeinschaften wären von der Umsetzung betroffen.

Rom (KNA). In Italien soll eine Gesetzesänderung die Umnutzung gemeinnütziger Räumlichkeiten zu Gotteshäusern künftig verhindern. Trotz Kritik aus der Opposition billigte die Abgeordnetenkammer am 7. Mai mehrheitlich den Entwurf des sogenannten „Anti-Moscheen-Gesetzes“, wie die Zeitung „La Repubblica“ berichtete. Nun muss noch der Senat, die zweite Kammer des italienischen Parlaments, zustimmen.

Die Änderung sieht ein Verbot gottesdienstlicher Nutzung von Räumen gemeinnütziger Organisationen vor. Von der Regelung ausgenommen sind Religionsgemeinschaften, die eine vertragliche Vereinbarung mit dem italienischen Staat haben.

Dazu zählen neben der katholischen Kirche fast alle christlichen Konfessionen, aber auch jüdische, buddhistische und hinduistische Gemeinden. Abkommen mit muslimischen Verbänden gibt es nicht, obwohl Muslime mit 2,6 Millionen Menschen die zweitgrößte Glaubensgemeinschaft in Italien sind.

Laut den Initiatoren um Tommaso Foti von der Regierungspartei Fratelli d’Italia zielt die Gesetzesänderung vor allem auf die Muslime. Das Dekret in seiner früheren Fassung habe Amateursport- oder Kulturvereinen die Anerkennung und die Einrichtung einer Niederlassung erleichtern sollen, heißt es in dem Antrag.

„Stattdessen wurde es jedoch bald zum Einfallstor für islamische Gemeinschaften, die sich auf italienischem Staatsgebiet niederließen, indem sie Moscheen und Koranschulen errichteten,“ heißt es weiter.

Dies sei in völliger Nichtbeachtung staatlicher Institutionen und unter Missachtung der Gesetze geschehen. Die Polizei habe keine Möglichkeit gehabt, dagegen einzuschreiten. In Medienberichten war häufig von Hinterhof- und Garagenmoscheen vor allem in Norditalien die Rede. Manche von ihnen genügten weder den geltenden Hygiene- noch den Sicherheitsvorschriften.

In anderen Berichten wurde vermutet, dass islamistische Terrorzellen sich in Hinterhofmoscheen getroffen hätten. Vor einer dieser Moscheen in der Via Edoardo Jenner in Mailand gab es seit 2018 immer wieder Demonstrationen der rechtspopulistischen Partei Lega.

,

Diskriminierung noch hoch

(ProMosaik). Am 19. Januar 2016 fand im italienischen Innenministerium, unter der Leitung des italienischen Innenministers Angelino Alfano, das erste Treffen des Rats für die Beziehungen zum „italienischen“ Islam. In Italien […]

IZ+

Weiterlesen mit dem IZ+ (Monatsabo)

Mit unserem digitalen Abonnement IZ+ – Onlineabo, Kombi Print & IZ+ or Das IZ-Förder-Abo können Sie weitere Hintergrundbeiträge, Analysen und Interviews abrufen. Gegen einen Monatsbeitrag von 3,50 € können Sie das erweiterte Angebot der Islamischen Zeitung sowie das ständig wachsende Archiv nutzen.

Abonnenten der IZ-Print sparen beim IZ+ Abo 50%.

Wenn Sie bereits IZ+ Abonnent sind können Sie sich hier einloggen.

* Einfach, schnell und sicher bezahlen per Paypal, Kredit-Karte, Lastschrift oder Banküberweisung. Das IZ+ Abo verlängert sich automatisch um einen Monat, wenn es nicht vorher gekündigt wurde. Sie können ihr bestehendes Abo jederzeit auf der Mein Konto-Seite kündigen.

Europa: Die Menschenrechtsorganisation veröffentlicht Bericht über Diskriminierung von Muslimen. Von Sulaiman Wilms

(iz). Manche Organisationen und Einzelpersonen genießen so einen guten Ruf, dass ihre Wortmeldungen gehört werden. Dazu gehört auch die Menschenrechtsorgani­sation Amnesty International, die sich seit Jahrzehnten um die Rechte diskrimi­nierter Menschen bemüht. Umso genau­er sollten die europäischen ­Rechtsstaaten, die im Vergleich zu anderen eine gute Menschenrechtsbilanz haben, hinhören, wenn eine NGO wie Amnesty auf Diskrimierungen von Muslimen hinweist. Eine gute Nachricht gibt es aber für die deutschen Muslime: Im Vergleich zu anderen, ausgewählten EU-Staaten ­wurden der Bundesrepublik keine gesonderten Kapitel gewidmet.

In ihrem Bericht „Choice and Prejudice (Wahlfreiheit und Vorurteil)“ beklagt Amnesty in einem Ende April vorgestellten Bericht die „Diskriminierung von Muslimen in Europa“ und forderte gleichzeitig von der EU und ihren Mitgliedern einen verstärkten Einsatz dage­gen. „Vor allem am Arbeitsplatz oder in der Schule würden Muslime häufig benachteiligt und am Tragen religiöser Kleidung, wie beispielsweise Kopftüchern gehindert“, hieß es in dem am 24. April in Brüssel veröffentlichten Report der Menschenrechtsorganisation. Ein solches Verbot könne zum Ausschluss von muslimischen Mädchen von der Ausbil­dung führen.

Der Amnesty-Bericht befasst sich mit der Situation in Belgien, Frankreich, den Niederlanden, Spanien und der Schweiz und dokumentiert Beispiele von Diskri­minierung aufgrund von Religion oder Glauben sowie den Einfluss auf das ­Leben von Muslimen. Demnach hätten Belgien, Frankreich und die ­Niederlande die Gesetze gegen Diskriminierung am Arbeitsplatz noch immer nicht vollständig umgesetzt. „Anstatt, dass gegen ­solche Vorurteile gekämpft wird, schwimmen politische Parteien und öffentliche Vertreter zu oft mit dem Strom, um ­diese Stimmungen auf der Suche nach Wähler­stimmen auszunutzen“, sagte Marco Perolini, der bei Amnesty für Diskriminie­rung zuständig ist.

Namentlich das Tragen von religiösen und kulturellen Symbolen beziehungsweise Bekleidungen sei Teil der Meinungs- und Glaubensfreiheiten. „Und die Rechte stehen allen Glaubensüberzeugungen gleichermaßen zu“, so Perolini.

Neben der Diskriminierung von Indi­viduen beziehungsweise Gruppen steht der Bau von Orten der Anbetung im Blickpunkt des Amnesty-Berichts. „Das Recht zum Bau von Gebetsstätten ist ein Kernelement der Religions- und Glaubensfreiheit, die in einigen europäischen Staaten eingeschränkt wird – trotz der staatlichen Verpflichtung, sie zu schützen, zu respektieren und ihre Erfüllung zu ermöglichen.“