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Umstrittene „Chaos“-Studie: Antimuslimische Vorurteile, Suggestivfragen, methodische Fehler

schule rassismus

Muslimische Verbände, Lehrerverband und Eltern Netzwerk fordern sofortigen Stopp – trotz massiver Kritik soll bedenkliche Khorchide-Studie offenbar noch weiterlaufen. Fachkritik auch von der „Deutschen Gesellschaft für Islamisch-Theologische Studien (DEGITS)“ zu ähnlicher Studie aus Münster über Studierende der Islamischen Theologie

(iz). Das NRW Bildungsministerium hat zur Evaluation des Islamischen Religionsunterrichts (IRU) eine Studie in Auftrag gegeben. Die laut Ministerium geplante Verlängerung des seit dem Schuljahr 2012/2013 etablierten Erfolgs- und Vorzeigeprojekts IRU um zehn Jahre stehe bald an. Dazu gehöre für die politischen Entscheider eine Auswertung der bisherigen Arbeit. Seit Beginn der unangekündigten Studie hagelt es aber massive inhaltliche und methodische Kritik. 

Und die Forderung nach einem umgehenden Stopp werden von Elternseite, Lehrerverband und muslimischen Organisationen immer lauter. 

Die fehlende Einbindung und Information der relevanten Gruppen und Organisationen im Vorfeld wird inzwischen auch in Düsseldorf offenbar als Fehler angesehen. Insbesondere die bedenklich unwissenschaftlichen Ausarbeitung der Umfrage für muslimische Schüler und IRU-Lehrer, stellt aber den Hauptkritikpunkt u.a. für muslimische Verbände (siehe unten), das bekannte NRW Elternnetzwerk und den größten muslimischen Lehrerverband Deutschlands, den Verband Muslimischer Lehrkräfte (VML) dar.

Die Studie unter Leitung von Professor Khorchide vom Zentrum für Islamische Theologie der Universität Münster sei ein fragwürdiges Sammelsurium an altbekannten antimuslimischen Vorurteilen, Stereotypen und Rassismen über den Islam und Muslime, welche zum Beispiel durch Suggestivfragen („Stimmst du zu, dass…“) und höchst bedenkliche Antwortmöglichkeiten („Homosexualität ist eine Krankheit, die geheilt werden kann“) unter die muslimischen Schülerinnen und Schüler gebracht werden.

Die wenigsten Fragen beschäftigen sich mit dem eigentlich vom NRW Bildungsministerium vorgesehenen Untersuchungsgegenstand, dem Islamischen Religionsunterricht (IRU). Teilweise wirken die Fragen wie ein Gesinnungstest zur Überprüfung von bedenklichen Vorstellungen aus dem Bereich der antimuslimischen Hetze.

Studie birgt massive methodische Fehler

Eklatante methodische Fehler tun ihr übriges die zukünftigen Ergebnisse der Khorchide-Studie – wenn sie überhaupt angesichts solcher Mängel weiter läuft – jetzt schon anzuzweifeln. Da zum Beispiel die bei Umfragen übliche Antwortoption „keine Angaben“ fehlt, mussten bisher auch Jungen und Männer die Frage zur persönlichen Diskriminierung wegen „ihres Kopftuches“ beantworten. Die logische Antwort „nein“ verzerrt allein hier massiv den tatsächlichen Wert von Islamfeindlichkeit gegen Frauen mit Kopftuch, die bereits an der Studie teilgenommen haben.

Zu der mittlerweile als „Chaos“-Studie bezeichneten laufenden Evaluierung des IRU äußerten sich bereits in der vergangenen Woche eine Reihe von Beteiligten und Fachexperten vertraulich mit vernichtenden Worten: „unwissenschaftlicher Blödsinn“, „peinlich für die Auftraggeber, die dafür Geld ausgeben“, „antimuslimische Vorurteile im Deckmantel einer Studie“ etc. Das Festhalten an ihrem Fortgang würde ein „Armutszeugnis für das Bildungsland NRW“ sein und dessen Umgang mit dem seit Jahren anerkannten und qualitativ hochwertigen Islamischen Religionsunterricht (IRU).

Krisensitzung: Bildungsministerium lud IRU-Lehrer zum Dialog über die Studie

In einer wegen des großen Gegenwinds von Lehrkräften, Experten und Verbänden eilig vom Ministerium anberaumten Videokonferenz für IRU-Lehrer am vergangenen Donnerstag (02.05.2024) versuchte man erfolglos, mit Prof. Khorchide die zahlreichen inhaltlichen, methodischen und formalen Kritikpunkte zu entkräften.

Denn welchen Wert hätten beispielsweise die bisherigen Umfrage-Rückläufe, wenn erst jetzt im laufenden Prozess Anpassungen zur methodischen Fehlerbeseitigung vorgenommen werden und die bisherigen Rückläufe damit hinfällig, weil nicht mehr vergleichbar seien. Von den großen inhaltlichen Mängeln ganz zu schweigen.

Die angebliche Beantwortungsquote von bis zu einem Drittel seitens der IRU-Lehrer vaporisierte sich noch während der laufenden Sitzung und ließ Khorchide konsterniert zurück, als verschiedene Teilnehmer angaben, den Fragebogen zur Analyse der Methodik und zur Sichtung der Fragen mehrmals (teilweise bis fast zu einem Dutzend Mal) ausgefüllt zu haben.

Unabhängig davon stellt sich die wichtige Frage, wie eine Umfrage mit einem frei auf WhatsApp, Email & Co. zirkulierenden Link überhaupt gesicherte Ergebnisse einer bestimmten Zielgruppe liefern soll. Die erhofften Umfrage-Ergebnisse bei rund 300 IRU-Lehrkräften in NRW können so willkürlich von jedem übel Gesinnten anti-muslimisch beeinflusst werden. Abgesehen vom grundsätzlichen Problem, dass die inhaltlichen Fragen und Antwortmöglichkeiten dieser Studie an sich schon ein negatives Framing in Bezug auf den Islam transportieren und keineswegs wissenschaftlichen Standards genügen.

Für großes Stirnrunzeln – da die Studie noch läuft – sorgte offenbar die Ankündigung, des anscheinend die Zukunft vorwegnehmenden Professors, dass die Ergebnisse der Studie gut sein werden. Oder die Taktik bestand lediglich darin, die vielfältige berechtigte Kritik an dieser unwissenschaftlichen Studie zu beruhigen, was offenkundig nicht gelang.

Einstellung der Studie von Eltern, Lehrern und Verbänden gefordert

Das Elternnetzwerk NRW bemängelte bereits Anfang letzter Woche (30.04.2024) in einer vielbeachteten Stellungnahme mit dem Verband Muslimischer Lehrkräfte (VML) zusätzlich die fehlende Einholung einer elterlichen Einverständniserklärung zur Umfrage, die bei anderen Studien üblich seien oder zumindest eine Vorab-Information. Warum werden außerdem den Schulkindern persönliche Fragen gestellt wie zu deren muslimischen oder nicht-muslimischen Freundeskreis? Was habe dies mit einer Auswertung zur Qualität des Islamischen Religionsunterrichts zu tun?

Interessant übrigens, dass der dritte Unterzeichner der Stellungnahme (aktualisierte Ursprungsmeldung in der Presse), das Netzwerk Lehrer mit Zuwanderungsgeschichte (LMZ) – initiiert 2007 vom Schul- und Integrationsministerium – nach der Veröffentlichung aufgrund politischen Drucks seine Unterschrift zurückziehen musste, wie kolportiert wird.

Was bleibt: Aufgrund der Vielzahl an gravierenden methodischen und inhaltlichen Fehlern, die keine validen wissenschaftlichen Ergebnisse ermöglichen, müsse die Studie in jedem Fall dringend eingestellt und eine geeignetere Stelle für eine wirklich wissenschaftliche Evaluation gefunden werden, bei frühzeitiger Einbindung aller Stake-Holder (muslimische Lehrer, Eltern, Verbände) in die Erstellung einer neuen Studie.

Die Einstellung der laufenden Studie fordern laut Pressemeldung auch die Islamischen Religionsgemeinschaften in NRW (IRG NRW), die Landesreligionsgemeinschaften der DITIB, der Islamischen Gemeinschaft der Bosniaken in Deutschland (IGBD) sowie der Union der Islamisch-Albanischen Zentren in Deutschland (UIAZD) in einer gemeinsamen Stellungnahme an das NRW Schulministerium.

Überraschend kündigte Münster aber vielmehr eine zweite Studienrunde mit qualitativen Interviews an, welche ab September 2024 durchgeführt werden sollen. Auch in Düsseldorf mag jedoch die Frage aufkommen, welche IRU-Lehrkraft sich angesichts einer derart katastrophalen quantitativen Untersuchung ernsthaft bereit erklären würde, bei einer folgenden empirischen Untersuchung aus demselben Haus als Interviewpartner teilzunehmen.

Verwirrung an den NRW Schulen

Dass die Studie gänzlich freiwillig sei, werde – so verschiedene Rückmeldungen von Lehrern in den Sozialen Medien – seitens der Schulleitungen nicht immer kommuniziert. Und viele IRU-Lehrer sind von ihren Schulleitungen bis heute weder über die Studie, noch über den Video-Konferenztermin mit dem Ministerium in der letzten Woche informiert worden.

Die uneinheitlichen Anschreiben der Studienersteller und des Ministeriums machen den Schulen, Lehrern und Schülern außerdem schwierig deutlich, für welche Altersgruppe die Umfrage überhaupt vorgesehen sei. So gebe es zum Beispiel sogar eine Rückmeldung von einer Grundschule, wo die Studie mit Schülern durchgeführt wurde.

Auf der anderen Seite ließen laut Informationen eine Reihe von Lehrern und Schulleitungen die Beantwortung der mangelhaften Studie aufgrund der zahlreichen offensichtlichen Fehler abbrechen. Ein mit der Umfrage vertrauter Studienrat fand deutliche Worte: „Jeder Oberstufenschüler würde für so ein Studiendesign eine Sechs bekommen. Und einem Professor lässt man so etwas für Steuergeld durchgehen? Unfassbar.“

Den Bock zum Gärtner gemacht?

Die NRW-Politik und das Bildungsministerium betonten bisher stets stolz, dass der bekenntnisorientierte Islamische Religionsunterricht mit seinen hochqualifizierten IRU-Lehrern ein NRW Erfolgsmodell, Vorbild für andere Bundesländer und unabhängig davon, ein verbürgtes Recht der deutschen Muslime sei.

Warum das Bildungsministerium in Düsseldorf sich für eine so wichtige Aufgabe wie die Evaluierung des Islamischen Religionsunterrichts in NRW ausgerechnet, den bereits in der Vergangenheit umstrittenen Lehrstuhlinhaber Khorchide ausgesucht hat, bleibt daher offen. Er war schon in Österreich während seiner viel kritisierten und wegen mutmaßlicher Mängel monierten Doktorarbeit über österreichische Islam-Lehrer mehr als negativ aufgefallen.

Der Österreichische Rundfunk titelte und schrieb Anfang 2009: „Bildungsforscher: Islam-Lehrer-Studie ‘wissenschaftlich unhaltbar’ und (…) ‘Massive Kritik an der Islam-Lehrer-Studie (….).“ In der Studie des Soziologen würden „in einer Art und Weise Aussagen über Einstellungen und Haltungen konstruiert, die wissenschaftlich unhaltbar sind“.

Ein Abklatsch seines damaligen Vorgehens in Österreich findet aktuell medialen Widerhall in der Präsentation von fragwürdigen Umfrage-Ergebnissen über angehende Islamwissenschaftler – die absolute Mehrheit davon aus seinem Institut, wo auch diese Studie herstammt.

Dabei scheint Khorchide zu übersehen, dass er als Kollateralschaden eigentlich auch die vermeintliche Qualität seiner eigenen Lehrerausbildung massiv in Frage stellt. Denn wenn solche Einstellungen tatsächlich auch an der Universität Münster nach seinen Seminaren und seinen Vorlesungen bei seinen Studenten und angehenden Staatsdienern, am Lehrstuhl unter seiner Führung, vorhanden seien, wäre eigentlich der logische Schluss, von seiner staatlich finanzierten Stelle als Leiter des Lehrstuhls der Universität Münster zurückzutreten.

Nach einem vernichtenden wissenschaftlichen Gutachten des Koordinationsrates der Muslime (KRM) über seine Arbeit war es eigentlich Ende 2013 fast schon so weit.

Die renommierte „Deutsche Gesellschaft für Islamisch-Theologische Studien (DEGITS)“ äußerte heute (5. Mai 2024) in einer seltenen Stellungnahme „große Bedenken“ und „Zweifel hinsichtlich der Belastbarkeit Ihrer Daten“ in Bezug auf die Münsteraner Studie über Studierende der Islamischen Theologie und Religionslehrer.

Für den DEGITS-Vorstand sehen Prof. Dr. Mira Sievers, Prof. Dr. Idris Nassery, Prof. Dr. Rana Alsoufi, Dr. Betül Karakoç-Kafkas und Dr. Mark Chalîl Bodenstein in der Studie „Schwarz-weiß Formulierungen der Fragen und Vorannahmen“, indem z.B. dichotome Gegensätze dargestellt würden, während islamische Traditionen der Meinungsvielfalt und Ambiguitätstoleranz keine Verwendung finden. Außerdem sei unter forschungsethischen Gesichtspunkten die Diskrepanz zwischen der ursprünglichen Anfrage an die Studierenden und der tatsächlichen Forschungsfrage bedenklich.

Versuch, den IRU vom Erfolgs- zum Auslaufmodell zu machen?

Bei der mangelhaften laufenden Umfrage an Schulen mit IRU-Lehrern und muslimischen Schülern befürchten Insider, werde möglicherweise versucht, mit den invaliden Daten der Studie, basierend auf den erwähnten unwissenschaftlichen Suggestivfragen und erschreckenden vorgegebenen Antwortmöglichkeiten, den Islamischen Religionsunterricht (IRU) zu diskreditieren und mittelfristig abzuschaffen.

Die Idee, statt des grundgesetzlich verbürgten Religionsunterrichts einen allgemeinen Ethikunterricht einzuführen, wurde nicht zuletzt auch von Prof. Khorchide in der Vergangenheit selbst in den Raum geworfen. 

Der Leiter der „Chaos“-Studie darf – so erscheint es neutralen Beobachtern – dank seiner Dauerfans aus der Politik mitentscheiden, wie lange es noch mit dem IRU weiter geht. Die Religionsfreiheit in Deutschland oder redliche Wissenschaft im Dienste der Forschung scheinen dabei keine entscheidenden Variablen zu sein. 

Vielleicht nehmen die Entscheider in Düsseldorf aber den Marshallstab endlich wieder selbst in die Hand, indem sie die berechtigte konstruktive Kritik der unzähligen Experten ernstnehmen und sich an die weisen Worte aus Österreich erinnern. Die Empfehlung für die Politik bezüglich Khorchides Arbeit war dort ziemlich eindeutig: Wer auf dieser Grundlage handeln wolle, „macht aus schlechter Wissenschaft schlechte Politik“.

Fast eine halbe Millionen muslimische Schulkinder in NRW, deren Eltern und Hunderte muslimische IRU-Lehrinnen und Lehrer haben Besseres verdient und erwarten Verlässlichkeit sowie die Einhaltung ihrer staatsbürgerlichen Rechte seitens der Politik, gerade auch in Anbetracht der im Land um sich greifenden Islamfeindlichkeit.

Ein erster Schritt in die richtige Richtung wäre, die „Chaos“-Studie endgültig zu stoppen.

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Medien fehlt direkte Anschauung: Rückblick auf Berichterstattung zum Ramadan 2023

Berichterstattung Berlin Sehitlik Moschee Hof Iftar Fastenbrechen integration

Berichterstattung: Dehydrierte Kinder, gewalttätige Palästinenser, gerissene Islamisten: Wenn deutsche Medien über den Ramadan berichten, erfährt man oft wenig über die Fastenzeit der Muslime; dafür umso mehr über den Kompetenzmangel in […]

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Stufen des Wissens – Bedeutung der muslimischen Jugendbildung

Wissen Aischa

In Sachen Wissen war In manchen Perioden die Bewahrung das wichtigste für die Muslime, in anderen Handlung oder seine Verbreitung.

‚Abdullah ibn Al-Mubarak sagte: „Der Anfang des Wissens ist Absicht, dann Zuhören, dann Verstehen, dann Handlung, dann Bewahrung, und dann Verbreitung.“ (zitiert nach Qadi ‚Ijad, Tartib Al-Madarik)

(iz). Diese sechs Stadien von Wissensaneignung, -verwirklichung und -weitergabe kennzeichnen die höhere Bildung des Islam seit der Zeit der Prophetengefährten. Die individuelle wie soziale Verantwortung für die Verwirklichung jeder Stufe war nach Zeit und Ort verschieden.

In manchen Perioden war die Bewahrung das wichtigste für die Muslime, in anderen Handlung oder Verbreitung von Wissen. Nichtsdestotrotz sind alle (von der Absicht des Schülers bis zur Übermittlung durch den Lehrer) miteinander verbunden und können nicht getrennt voneinander existieren.

Betrachten wir die Lage junger Muslime und ihrer Suche nach Wissen, dann sollten wir uns an diesen Vermittlungsprozess erinnern. Jede Erkenntnis – und jede Handlung – beginnt mit der Absicht. Die Vermittlung von Wissen ist eine wechselseitige Beziehung; nicht nur zwischen Schülern und Lehrern, sondern auch zur Gemeinschaft als Ganzer.

Eine Betrachtung dieser Phasen zeigt auch, wie ihre Bedeutung in praktischer Hinsicht einzustufen ist, um den erzieherischen Aussichten kommender Generationen gerecht zu werden. Wir müssen uns auch fragen: Was sind die Möglichkeiten für junge Muslime, die heute Wissen wollen?

Welche Gegebenheiten braucht es, in denen „Zuhören, Verstehen, Handlung, Bewahrung und Vermittlung“ möglich sind? Wissen beginnt mit der Absicht, es zu erwerben. Daraus folgert die nächste Frage: Wie wichtig ist Bildung für junge, europäische Muslime, die am Anfang ihrer Bemühungen stehen?

Foto: IZ Medien

Wissen braucht Absicht

Der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagte: „Wahrlich, die Taten sind entsprechend den Ansichten.“ Ich möchte hier nicht wiederholen, was klassische Gelehrte über Bildung und Absicht sagten, sondern eher die Art Fragen stellen, die unser Verständnis dafür erweitern, welche Absichten via-á-vis der Bildungslage im heutigen Europa nötig sind.

Es gibt hier zwei wichtige Aspekte. Der eine ist, dass die Bildung junger Muslime im Wesentlichen eine Frage dynamischer Gemeinschaften ist. Dazu zählt, dass ihnen die Kompetenz gegeben wird, zu lehren und das erworbene Wissen mit Leben zu erfüllen.

Der andere Aspekt ist die Notwendigkeit von ganzheitlicher Bildung, die nicht nur die Schaffung von Gelehrten in den traditionellen Wissenschaften zum Ziel hat. Vielmehr braucht es Gelehrte aller Wissenszweige, die für die wachsende muslimische Gemeinschaft in Europa von Nutzen sind.

Das „islamische“ Element im Schlagwort der „islamischen Erziehung” wird nicht einfach nur durch Lehrinhalte festgelegt, sondern auch dadurch, wie, wo und warum gelehrt wird. Nicht nur Themen sind „islamisch“, sondern viel mehr noch ihre Absicht, die Vermittlungsmethode und die Realisierung dieses Wissens.

Es ist daher entscheidend, dass wir Zugang zu Bildungseinrichtungen und lebendigen Gemeinschaften haben, in denen das geschehen kann. Die traditionellen Wissenschaften müssen gelehrt werden – wir brauchen neue Generationen europäischer ‚Ulama; aber auch neue Generationen, die in Geschichte, Philosophie, Literatur, Politikwissenschaft etc. versiert sind.

Die Absicht kann nicht nur die Schaffung von Bildungseinrichtungen für Muslime in Europa sein. Sie muss auch zum Entstehen einer Gemeinschaftskultur führen, in denen jedes Wissen bejaht und als natürliche Komponente der Schaffung eines lokalen Islam vermittelt wird. Natürlich muss alles mit dem Qur’an und den klassischen Wissenschaften des Dins beginnen.

Zuhören – Istima

Wir sollten uns der Tatsache bewusst sein, dass traditionelle Erziehung – entsprechend der überlieferten Methoden – nicht im Kontext eines modernen universitären Auditoriums stattfinden kann – auf keinen Fall aber ohne erhebliche Komplikationen. Das Medium mag nicht vollkommen dessen Inhalt sein, aber es beeinträchtigt ihre Übermittlung. Das Medium formt den Sender und den Empfänger des Inhalts.

Das soll nicht bedeuten, dass wir einfach so die Umgebung zurückweisen könnten, in der wir leben. Das gleiche gilt für die uns umgebende Technologie. Die Mehrheit der jungen Muslime wird mehrheitlich in den Denkmustern der modernen Bildung erzogen. Dazu gehören Universitäten und Technologie. Wir müssen diese Realität anerkennen. Aber zugleich ist sie eine Herausforderung, der wir uns stellen müssen. Nur eine junge, gebildete Generation, die ihre eigene Zeit versteht, wird dem gewachsen sein.

Ein Beispiel dafür ist die rapide zunehmenden online-Seminare, -Kurse und andere Gelegenheiten, um sich Wissen der islamischen Tradition anzueignen. Es fehlt gewiss nicht am Wunsch, den Gelehrten des Islam zuzuhören – sei es online oder auf einer Veranstaltung.

Die Gefahr besteht allerdings, dass das zu einer anderen Form von Unterhaltung wird und der Lernprozess mit dem dem Zuhören endet. Erziehung als Entertainment hat sich als nützlich bei der populären Verbreitung von islamischem Wissen erwiesen. Aber dies kann die tiefe Suche nach Erkenntnis nicht ersetzen, die Jahre der Aneignung braucht.

Hier stehen wir vor der Herausforderung der Technik, die – auf die gleiche Art und Weise wie die moderne Universität – dazu tendiert, Wissen zu vergegenständlichen. Es wird von seinem lebendigen Kontext getrennt und ohne eine gründliche Begegnung mit dessen essenziellem Zweck und seiner Bedeutung angeboten.

Zuhören (Istima‘) impliziert eine beiderseitige Beziehung zwischen Lehrer und Schüler. Dabei hört der letztere anfänglich zu. Hier wird auf Erfahrung beruhendes Wissen weitergegeben. Das Verhältnis ist vergleichbar mit der Beziehung eines Meisters zu seinem Lehrling.

Dies ist die Bedeutung des arabischen Wortes für Erziehung, „Tarbija“, oder die aktive Pflege von Wachstum. Es ist auch die Bedeutung eines anderen arabischen Wortes, „Ta’dib“, die Einimpfung von Adab – eine äußere und innere Verfeinerung dank der Übertragung von Wissen.

Meine Erfahrung – sowohl mit dem Studium an europäischen Universitäten, als auch in muslimischen Zusammenhängen – hat meinen Eindruck verstärkt, dass der Hauptunterschied nicht in dem besteht, was gelehrt wird.

Vielmehr besteht er empirischen Verständnis, das von muslimischen Lehrern vermittelt wird. Einem Lehrer zuzuhören kann nicht in einem Klassenzimmer stattfinden, in dem Wissen von der gelebten Realität getrennt ist und nur vorgetragen wird. Ist dies der Fall, dann enden wir mit einer ähnlichen Situation, in der Erziehung zu Unterhaltung wird und in welcher der Prozess von Verstehen, Anwendung und Vermittlung verfälscht wird.

Es ist möglich zu sagen, dass Erziehung darum kreist, den Schüler an einen Ort des Lernens zu bringen. Dieser Akt besteht in seiner Unterweisung, wie er Wissen sucht, es sich aneignet und existenziell erfährt. Wenn der Schüler den Zustand oder den Ort des Lernens nicht erreicht (an dem sich Erziehung unabhängig vom Lehrer fortsetzt), dann gibt es keinen Übergang zur nächsten Phase.

Foto: Tassii, iStockphoto

Verstehen – Fahm

Verstehen („Fahm“ auf Arabisch) wird von den klassischen Lexikographen als „Vorzüglichkeit des Intellekts in Anbetracht seiner Fähigkeit, das in Frage kommende Thema der Untersuchung schnell zu verstehen“ definiert.

Der Zustand der muslimischen Erziehung in Europa ist kein Darura-Phänomen. Es handelt sich hier nicht um eine Krise, die uns zwingen würde, unsere Tradition zu kompromittieren. Vielmehr stehen wir einer Herausforderung gegenüber, die als Chance zu begreifen ist.

Auch wenn sich das westliche Erziehungssystem und seine Universitäten wohl seit einem Jahrhundert in einem Auflösungsprozess befindet, dürfen wir die noblen Aspekte seiner Tradition nicht vergessen. Wir sollten uns nicht so einfach von ihr abwenden.

Wenn die kommenden ‚Ulama – aufgewachsen und erzogen in Europa –in der Lage sind, die Beziehung zwischen islamischer Gelehrsamkeit und ihrer Anwendung in der modernen Welt zu verstehen, dann können sie das nicht alleine tun. Sie brauchen andere muslimische Akademiker, die ihnen eine Breite des Wissens und der Perspektiven offerieren.

Jeder Faqih, der die klassischen Texte studiert hat, muss die Zeit und den Kontext verstehen, in denen er lebt. Aber dieses Verständnis ist in vielen Fällen eine Einsicht, für die andere Fachleute konsultiert werden müssen, um zu einem passenden und umsetzbaren Weg zu gelangen, mit der gegenwärtige Lage umzugehen. Daher muss die traditionelle Vermittlung der klassischen Wissenschaften des Islam auf neue Studiengebiete treffen.

Nicht, um eine neue Mischform zu kreieren, sondern um sich gegenseitig zu informieren. Ein offenkundiges Beispiel der letzten Jahrzehnten ist eine Beziehung zwischen den Rechtsgelehrten, die sich mit wirtschaftliche Fragen beschäftigen, und den Wirtschaftshistorikern, die sich Fachkenntnis über die Theorie und Praxis moderner Finanzsysteme erarbeitet haben. Ohne gegenseitigen Austausch kommt es zu keinem Verständnis.

Dies belegt, wie wichtig es ist, dass sich junge Muslime auf neuen Gebieten spezialisieren und daher ein neues Verständnis anbieten, um die Zukunft des Islam in Europa zu formen. Dabei kann es sich um Geschichte, Philosophie, Soziologie, Technologie, Geografie oder andere Wissenschaften handeln.

All dies sind Studienfächer, in denen die Gelehrten des Islam überragende Leistungen erbrachten. Nicht, um der Tradition zu widersprechen, sondern um zu einem Verständnis ihrer Gegenwart zu gelangen und um dadurch zur Aktivierung des Dins beizutragen. Damit meine Themen, die beim Verständnis der heutigen Zeit helfen.

Viele junge Muslime setzen ihre Studien an Universitäten fort – was gut und schön ist. Aber in beinahe allen Fällen ist eine Beratung nötig, wie ein Studium in solch einer Umgebung zu bewerkstelligen ist. Wenn die kommenden Generationen den maximalen Nutzen daraus ziehen sollen, dann braucht es authentische Hilfe für die muslimischen Jugend, die an Universitäten studiert.

Gleichermaßen besteht Bedarf nach Neugründung einer Gemeinschaft der Gelehrten – ähnlich einer Gilde –, um die Anleitung und Ausbildung der Studenten durch den dauerhaften Kontakt mit Gelehrten zu ermöglichen; egal, ob es sie einen universitären Hintergrund oder einen in den traditionellen Wissenschaften des Islam haben.

Foto: IZ Medien

Handlung – ‚Amal

Die Bedeutung von Wissen und Erziehung offenbart sich, wenn sie zu einer Veränderung führt – eine innere Vervollkommnung und eine Verbesserung der äußeren Gemeinschaft. Dafür ist es notwendig, dass eine Handlung in Übereinstimmung zu dem steht, was in den vorangegangenen Stadien beabsichtigt, übermittelt und verstanden wurde. Ohne Realisierung des übermittelten Wissens wird Erziehung zu nichts mehr als „Ta’allum“, einem bloßen Lernen von Routine und Information.

Beinahe alle Worte des Arabischen leiten sich aus dreiteiligen Wurzeln ab. Es ist eine Sprache, die auf Verben beruht – auf dem Tun, dem Handeln und der dynamischen Realität der Existenz. Ebenso wie die Lebensweise des Islam ist das Arabische ein Idiom, das nur durch äußere Handlung in Übereinstimmung mit einem inneren Erkennen verstanden und verwirklicht wird. Wenn die Grundlagen unserer Bildung darauf aufbauen, müssen sie zu Handlung und zu Aktivierung führen.

Wir müssen uns davor hüten, zu abstrakt in unserer Forderung zu sein. In Beziehung zu spezifischen Themen der Bildung bezieht sich Handlung im Wesentlichen auf den Gebrauch und die weitere Anwendung von vermitteltem Wissen. Bildung war im Islam niemals ein Ziel an sich. Es muss im Kontext des gesellschaftlichen Engagements stattfinden.

Die Bedeutung der Erziehung für die muslimische Jugend Europas kann ohne die direkte Anwendung der erworbenen Kenntnisse nicht eingeschätzt werden. Dazu gehören der Unterricht jüngerer Studenten, die Assistenz bei Gelehrten oder auch das Engagement in den Gemeinschaften, denen man angehört.

Der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, was bekannt dafür, dass er jungen Männern mit Fähigkeiten und gutem Charakter erhebliche Verantwortung übertrug. So bildete er sie und brachte die Generationen der Gefährten und ihrer Nachfolger hervor, die das Wissen des Islam an alle Ecken der Welt brachten. Sie lernten durch Praxis, dem Miteinander-Sein mit anderen und durch direkte Anwendung.

Al-Hakim überlieferte, wie ‚Ali ibn Abi Talib sagte: „Der Gesandte Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, schickte mich in den Jemen. Also sagte ich ihm: ‚Gesandter Allahs, ich bin ein Jugendlicher, der zwischen ihnen urteilen soll. Und ich weiß nicht, was das Wesen meines Urteils ist.‘ Er schlug auf meine Brust und sagte: ‚Oh, Allah, leite sein Herz recht und stärke seine Zunge.‘ Bei dem Einen, Der das (Getreide-)Korn spaltet, ich habe keinen Zweifel bei dem Fällen eines Urteils (in einem Streit) zwischen zwei (Leuten) gehabt.“

Auf der einen Seite haben wir das Du’a (Bittgebet) des Propheten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, aber auf der anderen Seiten verweist der Bericht auf die Sunna der Übertragung von Verantwortlichkeit und Möglichkeiten zum Lernen durch praktische Erfahrung.

Es gibt eine weitere, sehr bekannte Aussage des Gesandten Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben: „Handelt nach dem, was ihr wisst, und Allah wird euch lehren, was ihr nicht wisst.“ Praxis und Umsetzung sind notwendige Schritte einer weiterführenden Bildung.

Dazu gehört die Zusammenarbeit der Leute des Wissens. Auf die gleiche Art und Weise, wie die frühen Rechtsschulen (Madhdhahib) Gilden des Rechts waren, brauchen wir Gilden für die heutigen Gelehrten. In unserer Lage betrifft dies sowohl solche, die im akademischen Leben aktiv sind, als auch jene, die in den traditionellen Wissenschaften versiert sind.

Bildung im Islam hatte immer die Form eines Lehrverhältnisses, bei dem der Schüler graduell Wissen erwirbt und es graduell in die Praxis umsetzt – durch die Weitergabe an neue Schüler und durch die Anwendung im persönlichen Leben. Daher ist die Erziehung der muslimischen Jugend nicht nur für diese von Bedeutung, sondern für die Lehrer selbst, die Schüler brauchen, denen sie ihr Wissen weitergeben können.

Sie ist ebenso wichtig für die lokale Gemeinschaft, in der sich Wissen ausbreitet und in der es umgesetzt werden muss. Diese beiden Aspekte sind die nächsten Stadien des Erziehungsprozess, wie er von ‚Abdullah ibn Al-Mubarak umrissen wurde: Bewahrung und Verbreitung.

Foto: Osman Hamdi Bey, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY 2.0

Bewahrung – Hifdh

Nur was sich ändert, bleibt, und nur was sich erneuert, wird erhalten. Natürlich geht es hier nicht um die Reform oder Neuerschaffung unserer Tradition. Islam ist per Definition nicht – und kann nicht – in einer Krise sein und benötigt auch keine Reform. Wir jedoch brauchen neue Generationen, die bereit sind, das traditionelle Wissen im heutigen Kontext anzuwenden. Dies steht in Zusammenhang mit dem arabischen Wort „Tadschdid“, das im wörtlichen Sinne „Erneuerung“ bedeutet.

Aber in seiner Essenz bezeichnet es die Belebung der islamischen Lebensweise auf einer sozialen Ebene. Seine Leute sind als Mudschaddid oder – im Plural – Mudschaddidun bekannt. Sie sind diejenigen, die die Lehren des Islam oder seine Lebensweise aktivieren; entweder durch ihr eigenes Wissen oder, indem sie die Hilfe von Wissenden in Anspruch nehmen. Die letzteren wissen, wie die bewahrte Tradition in Relation zur heutigen Zeit auf angemessene Art und Weise angewandt werden kann.

Dies ist Hifdh, Bewahrung. Der Kern des Begriffes verweist auf Bedeutungen wie schützen, verteidigen, beobachten, beibehalten, aufrechterhalten und – natürlich – auch auswendig lernen; insbesondere den Qur’an. Jeder Hafidh des Qur’an weiß, dass das Gelernte immer wieder verbessert, rezitiert und im Alltag angewandt werden muss. Jede Rezitation des Qur’an ist eine neue Rezitation. Und es finden sind – in Relation zum eigenen Leben – immer wieder neue Bedeutungen darin geborgen.

Allah sagt, dass der Qur’an bis zum Jüngste Tag geschützt bleibt. Die ganze Geschichte hindurch wurde dies durch die Übertragung von einer Generation auf die nächste, die seine Worte rezitiert, getan. In der gleichen Art und Weise blieb auch der Islam erhalten.

Nicht durch Stagnation, sondern durch die Tatsache, dass neue Menschen und Gemeinschaften ihn akzeptierten, errichteten und seine Tradition weitergaben. Diese Einrichtung, Übermittlung und der Schutz des Wissens kann nicht nur durch Wandel oder nur durch Bewahrung geschehen. Es braucht beide Elemente.

Die neuen Generationen sind verantwortlich für diesen gesellschaftlichen Wandel und die Bewahrung der Tradition. Dies ist auch der einzige Weg, das Wissen weiter zu verbreiten und den Islam für die Menschen in Europa zu bringen. Jetzt sind wir bei der letzten Phase des Bildungsprozesses angelangt: Verbreitung.

Foto: DIRECTMEDIA Publishing, gemeinfrei

Weitergabe – Naschr

Nuschr bedeutet sich ausbreiten, entfalten, öffnen oder propagieren. Seine Wurzel bildet auch die Grundlage des Wortes für Auferstehung (arab. nuschur). Einerseits ist der Bildungsprozess ein Kreislauf: Wenn der Schüler voranschreitet, wird er derjenige sein, der die nächsten Generationen unterrichtet. Erneuerung befindet sich jedoch im Kern jeder gesunden Erziehung und daher beinhaltet der Prozess der Vermittlung die Öffnung und Entfaltung von Wissen für neue Leute.

Da wir über Bildung in nicht-muslimischen Ländern reden, liegt die Bedeutung der Wissensverbreitung unter ihnen – Muslime genauso wie Nichtmuslime – auf der Hand. Der effizienteste Weg dafür beginnt gewiss mit der Bildung der jungen Generationen.

Wie wir gesehen haben, sind alle vorherigen Stadien miteinander verbunden. Wenn es sich um die Verbreitung von Wissen handelt, dann geschieht dies durch Handlung. Sie ist wichtig, weil sie das Verständnis und die Aktivierung neuer Leute erhöht; Menschen, die unterschiedliche Hintergründe und Traditionen haben, wenn sie in den Bildungsprozess eintreten. Das war in der ganzen islamischen Geschichte immer der Fall.

Ein bekanntes Beispiel dafür waren die Perser – mit ihrem besonderen Hintergrund und ihrer Tradition der Gelehrsamkeit. Sie waren überragend in der frühen Entwicklung der arabischen Sprachwissenschaft und wurden Meister der arabischen Grammatik.

Ein anderes Beispiel wäre natürlich die große Wissenstradition, die sich in der osmanischen Khilafa entwickelte, als der Islam eingerichtet war und jahrhundertelang blühte. In unserer Zeit könnten es durchaus die neuen Generationen europäischer Muslime sein, die ähnliche Beiträge zur Entwicklung der weltweiten muslimischen Gemeinschaft leisten. Das letzte ist vielleicht einer der wichtigsten Aspekte der Erziehung einer muslimischen Jugend.

Foto: C. Media / Peter Sanders

Daher ist es unsere Verantwortung, die Europäer um uns herum zum Islam einzuladen. Neue muslimische Generationen – mit tiefem Verständnis ihrer eigenen Tradition und der sie umgebenden Zusammenhänge – sind der Schlüssel zur Ausbreitung des Wissens und der sozialen Realität des Islam. Historisch war die Einladung zum Islam immer ein gradueller Prozess.

Jener hat in Europa erst begonnen. Auch, wenn wir nicht wissen, wie er enden wird, wissen wir mit Sicherheit, dass es die neuen Generationen gebildeter Muslime sein werden, die ihn voranbringen, inscha’Allah.

Schlussfolgerung

Es ist Zeit, dass wir zum Ausgangspunkt zurückkehren. Wenn die Verwirklichung und Vollendung dieses erzieherischen Vorgangs unseres Absicht ist, dann sind wir uns über seine Bedeutung und Rolle bei der Schaffung der Zukunft des Islam in Europa einig. Eingangs wurde deutlich, dass die Wichtigkeit der Bildung nicht nur primär dadurch verwirklicht wird, was unterrichtet wird, sondern auch warum, wie und wo gelehrt wird. Hinzuzufügen wäre noch, durch wen gelehrt und von wem gelernt wird.

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Mit ihrer Unterstützung für das „Muslimische Forum Deutschland“ überschreitet die Konrad-Adenauer-Stiftung Grenzen der politischen Intervention

„Das erweckt das Zeichen der Spaltung der Community, weil der Eindruck erweckt wird, man sei besser, man sei liberaler und demokratiefähiger. Damit wird im Grunde den anderen unterstellt, man sei […]

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Zur Relevanz des österreichischen Islamgesetzes für Deutschland

(iz). Seit der ersten vom damaligen Innenminister Schäuble initiierten Deutschen Islamkonferenz (DIK) hat sich viel getan. Mittlerweile sind Standorte der „Islamischen Theologie“ an verschiedenen Universitäten entstanden und in der aktuellen DIK laufen die Verhandlungen für einen Wohlfahrtsverband. Zwar beobachten Vertreter muslimischer Verbände die jüngsten Entwicklungen hinsichtlich des Islamgesetzes und der Forderung einer so genannten Einheitsübersetzung des Qur’an im Nachbarland Österreich mit Kopfschütteln, nur sollten wir dies nicht eher als warnendes Beispiel zur Kenntnis nehmen?

Die sich abzeichnende politische Anerkennung auf Landes- und Bundesebene scheint aber bisher eher die Köpfe des politischen Islam zu verdrehen. Mit den Wohlfahrtsverbänden erhofft man sich den Zugang zu den heiß begehrten Geldtöpfen und auf Landesebene findet zwischen den konkurrierenden Mitgliedern des Koordinationsrates der Muslime (KRM) ein Wettlauf statt. Wer passt seine Strukturen schneller den Anforderungen für eine Anerkennung an? Darum geht es den verschiedenen Verbänden in erster Linie.

Die Auswirkungen sehen wir in den letzten Monaten. In wichtigen Fragen koordiniert der KRM kaum etwas, stattdessen konterkarieren bestimmte Verbände eine einheitliche Linie. Besonders deutlich wurde dies in der Causa Khorchide. Das gemeinsame Gutachten des KRM zu dieser Frage hat kaum noch Relevanz, wenn man sieht, dass der Generalsekretär der DITIB einen Lehrauftrag am Münsteraner Lehrstuhl annimmt und der amtierende stellvertretende Zentralratsvorsitzende dort arbeitet.

Auch scheut man sich davor, solidarisch mit Muslimen zu sein, die für ihre kritische Auseinandersetzung zu gewissen Einflussversuchen auf innermuslimische Angelegenheiten angegriffen werden. Jüngstes ­Beispiel ist der Wissenschaftler Muhammad Sameer Murtaza, der sich mit absurden Vorwürfen von Prof. Khorchide konfrontiert sieht, die gezielt seine berufliche Existenz angreifen. Sowohl von Seiten des KRM, als auch von anderen muslimischen Organisationen fehlt dort bisher die ­Solidarität.

Die bloße Fixierung auf eine Anerkennung seitens des Staates hat zur Folge, dass man jederzeit darauf aufpassen muss, nicht mit Personen oder einem Denken assoziiert zu werden, die die Anerkennungsbemühungen zunichte machen können. Heute kann die Springer-Presse einen als den „perfekten deutschen Muslim“ adeln – aber morgen schon, kann durch Assoziation der Spieß umgedreht werden; und schon ist man der böse, konservative Muslim.

Wer seine Macht über Staat und Öffentlichkeit definiert, wird über kurz oder lang seine Inhalte und auch seine freie Lehre verlieren. Wer sich heute auf die klassische Lehre im Islam beruft, muss bereits mit dem Vorwurf rechnen, nicht mehr politisch korrekt zu sein. Was wir als Muslime in Deutschland brauchen, ist in erster Linie eine gegenseitige Anerkennung, jenseits des gesamten Anerkennungskurses mit dem Staat. Das besteht auch in einer klaren aktiven Absage an jegliche Extreme und ist gleichzeitiger Schutz des Mittelwegs.

P.S.: Um beleidigten Reaktionen vorzubeugen; das ist kein „Verbandsbashing“.

Kongress „Horizonte der Islamischen Theologie“: Islamische Theologen ziehen positive Bilanz

FRANKFURT. Am 10. September ist der bislang größte Kongress für islamisch-theologische Studien in Deutschland zu Ende gegangen. Mehr als 400 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben mit der interessierten Öffentlichkeit in mehr als 30 Panels fünf Tage lang diskutiert. Am letzten Tag haben Vertreter der verschiedenen universitären Standorte für Islamische Theologie eine positive Bilanz gezogen: Die Veranstaltung sei in dieser Form einmalig gewesen.

Der Montag stand nach der Begrüßung ganz im Zeichen der Verortung der Islamischen Theologie in der Wissenschaftslandschaft. Der Vizepräsident der Goethe-Universität, Matthias Lutz-Bachmann, und der Berner Islamwissenschaftler Reinhard Schulze erörterten in ihren Fachvorträgen ein Verständnis von Theologie als Wissenschaft, in welcher der Islam nicht länger als das Fremde verstanden wird. Ein hochkarätig besetztes Podium beleuchtete am Abend die deutsche Situation aus internationalen Perspektiven.

Vom 7. September bis 9. September fanden viele Panels statt, deren Bandbreite von Themen wie „Neue Wege in der Koranauslegung“ und „Bioethik“ über „Feministische Theologie“ bis hin zu „Neue Erkenntnisse zur arabischen Syntax“ reichte. Bei einem Empfang im Kaisersaal des Frankfurter Römers würdigte Oberbürgermeister Peter Feldmann die Islamische Theologie als besondere Fortführung der Gründungstradition der Frankfurter Universität. Auch die renommierte Arabistin Angelika Neuwirth hob die Bedeutung des neuen Fachs an deutschen Universitäten hervor. Am letzten Tag diskutierten Mitarbeiter der verschiedenen Standorte für Islamische Theologie unter sich.

//1//Die Veranstalter zeigen sich sehr zufrieden mit dem Kongress: „Die Ausrichtung eines Kongresses dieser Größe ist Ausweis für das hohe Niveau der islamisch-theologischen Studien in Deutschland“, resümierte Bekim Agai, Direktor des Frankfurter Instituts für Studien der Kultur und Religion des Islam. Andere Fachvertreter freuen sich besonders über den gleichberechtigten interdisziplinären Austausch zwischen Theologen und Wissenschaftlern anderer Disziplinen, dessen Fruchtbarkeit spürbar gewesen sei. Besonders viele Islamwissenschaftler waren vertreten.

Es kamen muslimische und nichtmuslimische Wissenschaftler auf Augenhöhe ins Gespräch, dabei lobten internationale Gäste die rege Beteiligung von Frauen als besonders bemerkenswertes Merkmal. Auch zeichnete sich der Kongress durch eine bisher unerreichte Beteiligung aller deutschen Standorte für Islamische Theologie aus. Ömer Özsoy, Frankfurter Professor für Koranexegese, stellte fest, dass auf dem Kongress Islamwissenschaftler ganz unterschiedlicher Ausrichtung erstmals zusammengefunden hätten. „Da wird eine Art unerwartete Brückenfunktion der Islamischen Theologie sichtbar“, sagte Özsoy.

Interessierte Beachtung fand die „Frankfurter Erklärung“, in welcher die Leiter der islamisch-theologischen Zentren und viele weitere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die unmenschliche Gewalt der Miliz „Islamischer Staat“ scharf verurteilten und dazu aufriefen, die Deutungshoheit über den Islam nicht militanten Extremisten zu überlassen (Hier im Volltext). Mit der Erklärung wurde auch das Interesse der Islamischen Theologie deutlich, sich zukünftig hörbarer in gesellschaftliche Debatten einzumischen.

Auch die Kooperationspartner des Kongresses, unter anderem das Bundesministerium für Bildung und Forschung, das durch die Stiftung Mercator geförderte Graduiertenkolleg „Islamische Theologie“, das DFG-Graduiertenkolleg „Theologie als Wissenschaft“ und der Exzellenzcluster „Normative Ordnungen“, drückten ihre Zufriedenheit mit dem gelungenen Kongress aus.

Stellungnahme Islamischen TheologInnen zu den aktuellen politischen Entwicklungen im Nahen Osten

(iz). Anlässlich des, am 1. September begonnenen Kongresses „Horizonte der Islamischen Theologie“ an der Goethe-Universität, haben sich Vertreter der derzeit bestehenden Standorte zu den aktuellen Entwicklungen im Nahen Osten zu Wort gemeldet.

Die AutorInnen sind Prof. Dr. Bekim Agai (Direktor am Institut für Studien der Kultur und Religion des Islam, Frankfurt), Prof. Dr. Maha El-Kaisy Friemuth (geschäftsführende Direktorin Islamisch-Religiöse Studien, Universität Erlangen-Nürnberg), Prof. Dr. Mouhanad Khorchide (Direktor Zentrum für Islamische Theologie, Universität Münster), Prof. Dr. Yasar Sarikaya (Professur Islamische Theologie, Universität Gießen), Prof. Dr. Erdal Toprakyaran (geschäftsführender Direktor Zentrum für Islamische Theologie,Universität Tübingen) sowie Prof. Dr. Bülent Ucar (geschäftsführender Direktor Institut für Islamische Theologie, Universität Osnabrück). Zu den UnterzeichnerInnen gehörten Mitarbeiter sowie Doktoranden und Studierende an den Lehrstühlen für Islamische Theologie.

Die TheologInnen zeigten sich „zutiefst bestürzt über die aktuellen Ereignisse im Nahen Osten und über den Terror, den der so genannte Islamische Staat (IS) gegenüber Zivilisten und Gefangenen jeglichen Glaubens“ walten lasse. Die ungeheuerliche Gewalt, die von den Anhängern des IS ausgehe, negiere alle Regeln der Menschlichkeit und zivilisatorischen Normen, für deren Herausbildung auch der Islam eine wichtige Rolle gespielt hat und an denen er teilhat. „Solche Deutungen des Islam, die ihn zu einer archaischen Ideologie des Hasses und der Gewalt pervertieren, lehnen wir strikt ab und verurteilen diese aufs Schärfste.“

Angesichts der steigenden Zahl junger Menschen in Europa, die sich dem Gedankengut des IS und anderer extremistischer Formationen verschrieben haben, „sind wir uns als VertreterInnen von islamisch-theologischen Fächern der Notwendigkeit und Verantwortung bewusst, sich solchen Deutungen des Islam gerade mit Bezug auf die islamischen Traditionen entgegenzustellen“. Die AutorInnen betonten, dass verhindert werden müsse, dass „Extremisten und Gewalttäter“ die Deutungshoheit über den Islam erlangten. „Die aktuellen Konflikte im Nahen Osten und auch in anderen Teilen der Welt zeigen, wie rasant sich unter desolaten soziopolitischen Umständen ein gewaltzentriertes Religionsverständnis herausbilden kann.“

Nur durch eine reflektierte Auseinandersetzung mit der islamischen Lehre und Praxis unter freiheitlichen Bedingungen lasse sich die islamische Wissens- und Normenproduktion von krisenhaften Verhältnissen und Kontexten der politischen Repressionen entkoppeln. „Und nur so können produktive Antworten des Islam auf die Herausforderungen des globalen Zusammenlebens gefunden werden.“ Hierfür sei die freie akademische Wissensproduktion an deutschen Universitäten eine wichtige Voraussetzung. (mö)