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In der doppelten Krise steht die Mobilität unter Druck

krise mobilität

IZ-Reiseblog: Wie Energiekrise und Irankrieg die flüchtige Moderne entzaubern. Das ist ein täglicher Stresstest für die Infrastruktur der westlichen Lebensweise.

(iz). Steigende Energiepreise, ausgelöst durch geopolitische Verwerfungen und verschärft durch den Irankrieg, greifen tief in Routinen ein, die zuvor als selbstverständlich galten: reisen, pendeln, spontan einen Flug buchen und am Wochenende ans Meer fahren.

Wer sich Mobilität leisten kann, wer nicht, ist zur neuen sozialen Schicksalsfrage geworden – und sie ist politisch brisanter, als es in den nüchternen Kurven der Energiestatistiken erscheint. Im Mittelpunkt der Krise steht das Auto, über Jahrzehnte des Deutschen liebstes Kind und für Generationen ein Symbol für das Versprechen eines freiheitlichen Lebens.

Foto: Freepik.com

Energiekrise und Reisen: Das Ende der billigen Bewegung

Die aktuelle Energiekrise baut auf einer sich länger anbahnenden Verwundbarkeit auf: Die europäische Volkswirtschaft hat sich über Jahrzehnte an billigere fossile Importe gewöhnt, sei es Gas aus Russland oder Öl aus dem Nahen Osten.

Der Irankrieg verschärft diese Abhängigkeit schlagartig. Schon die Aussicht auf eine längere Sperrung der Straße von Hormus treibt die Ölpreise immer weiter nach oben, Versicherungen verteuern Transporte, Raffinerien und Märkte preisen die Unsicherheit ein.

#Bisher hat die Bundesregierung kein überzeugendes Mittel gefunden den Anstieg der Energiepreise einzuhegen. Wie sich dieser Sachverhalt auf die Psyche der an Mobilität gewohnten BürgerInnen auswirkt, ist eine offene Frage.

Was in den Rohstoffcharts als Volatilität erscheint, übersetzt sich im Alltag in Streichlisten. Autopendler rechnen ihre Strecken neu; Familien verschieben Urlaubsreisen, kürzen Aufenthalte oder verzichten ganz. Reiseveranstalter berichten von zögerlichen Buchungen, Airlines geben gestiegene Kerosinkosten weiter, während zugleich der klimapolitische Druck wächst, Flüge deutlich zu verteuern.

Die Energiekrise trifft so auf eine Tourismusbranche, die seit der Pandemie ohnehin mit einer fragilen Nachfrage lebt – und auf Konsumentinnen und Konsumenten, die zwischen Klimasorge, Inflationsangst und Fernweh hin- und hergerissen sind.

Libanon

Foto: Islamic Relief Deutschland

Bauman und die flüchtige Moderne: Wenn Mobilität zur Pflicht wird

Zygmunt Bauman hat die Gegenwart als „flüchtige Moderne“ beschrieben: eine Epoche, in der feste Institutionen erodieren und biografische Stabilität zur Ausnahme wird. Alles ist in Bewegung: Lebensläufe zerfallen in Episoden, Beziehungen werden reversibel, Tätigkeiten projektförmig; Sicherheit wird nicht mehr kollektiv garantiert, sondern zunehmend individuell organisiert.

In dieser Welt wird Mobilität zum entscheidenden Distinktionsmerkmal. Bauman zeichnet Figuren, die diese Logik verkörpern: den Touristen, den Flaneur oder den Spieler. Der Tourist ist nicht nur Urlauber, sondern Chiffre eines Lebensstils: immer unterwegs, stets wählend, permanent in der Lage, Szenen abzubrechen und neu anzufangen. Mobilität ist dabei nicht nur ein physisches, sondern auch ein soziales Phänomen, zwischen Jobwechsel, Wohnortwechsel, und digitalem Nomadentum. Wer mobil ist, bleibt im Spiel; wer immobil wird, gilt als zurückgeblieben.

Vor diesem Hintergrund erhält die Energiekrise eine tieferliegende Bedeutung. Wenn Reisen plötzlich teuer und unberechenbar wird, wenn Pendeln zur finanziellen Zumutung gerät, bricht nicht nur eine Komfortzone weg, sondern ein Kernversprechen der flüchtigen Moderne: dass Optionen im Prinzip unbegrenzt sind, und dass sich Identität durch jederzeit mögliche Ortswechsel stabilisieren lässt. Die Krise des Benzinpreises ist so nicht zuletzt eine Krise der spätmodernen Selbstbeschreibung.

Elektromobilität: Heilsversprechen mit eingebauten Widersprüchen

In diese Lage hinein tritt die Elektromobilität als technologisches und politisches Versprechen einer sauberen Technik. Sie soll die Abhängigkeit von fossilen Importen mindern, lokale Emissionen senken und gleichzeitig das Versprechen individueller Mobilität retten.

Die Elektroflotte – vom E‑Auto bis zum E‑Bus – steht damit für eine Art techno-progressive Kompensation: Die Reise soll weitergehen, nur sauberer.

Doch dieses Versprechen ist fragil. Strom ist in Europa selbst Teil der Energiekrise; hohe Gaspreise treiben Stromkosten, und der Ausbau erneuerbarer Erzeugung, Netze und Speicher hinkt dem politischen Anspruch hinterher. Die Lieferketten für Batterierohstoffe sind geopolitisch verwundbar, von Lithium bis Kobalt, und die Produktion konzentriert sich in wenigen globalen Zentren.

So droht Elektromobilität, zu einer Mobilität für jene zu werden, die sich den Umstieg leisten können: gutverdienende urbane Milieus, die E‑Autos kaufen, Photovoltaik installieren und von staatlichen Förderprogrammen profitieren.

Wer in ländlichen Regionen lebt, mit älteren Fahrzeugen, unsicheren Einkommen und schwacher Ladeinfrastruktur, sieht dem E‑Versprechen dagegen skeptisch zu. Elektromobilität kann die Abhängigkeit von Öl langfristig reduzieren – doch ohne eine soziale Flankierung besteht die Gefahr, dass sie die Kluft zwischen Mobilen und Nicht-Mobilen vertieft.

Foto: knirpsdesign | Shutterstock

Die Nicht-Mobilen: politischer Sprengstoff in der Peripherie

Die steigenden Kosten für Energie und Verkehr formen eine neue gesellschaftliche Figur: den Nicht-Mobilen wider Willen. Es sind die Menschen, für die der tägliche Weg zur Arbeit nur mit dem Auto möglich ist, weil der Bus längst ausgedünnt wurde; jene, für die der Besuch bei Verwandten im Ausland am Flugpreis scheitert; jene, die Urlaubsreisen als Teil eines „normalen“ Lebens begreifen, nun aber verzichten müssen.

In einer Kultur, die Mobilität als Ausdruck von Freiheit und Selbstverwirklichung inszeniert, wird erzwungene Immobilität zur symbolischen Demütigung. Wer nicht reisen, nicht wechseln, nicht „flexibel“ sein kann, erlebt die dominante Erzählung der flüchtigen Moderne als permanente Kränkung. Aus dieser Kränkung erwächst politisches Potenzial – und zwar nicht im Sinne konstruktiver Gestaltung, sondern im Sinne ressentimentgeladener Ventile.

Rechtspopulistische und systemkritische Parteien bieten hier einfache Narrative: „Der Klimaschutz ist schuld an euren Rechnungen“, „die da oben“ würden mit ihren Flugreisen und Elektroautos über den Rest der Bevölkerung hinwegregieren.

Versprochen werden billiger Sprit, die Rücknahme von CO₂‑Preisen, das Ende „ideologischer“ Verkehrspolitik – ein Rückkehrversprechen in die Ära der billigen fossilen Mobilität, die faktisch längst geopolitisch zerstört ist. Die Nicht-Mobilen werden damit zur Zielgruppe einer Politik, die Wut kanalisiert, aber keine tragfähige Antwort auf die strukturelle Energiekrise bietet.

Ökologisches Zwangssystem? Die Pandemie als Folie der Angst

Die Angst, Klimapolitik könne eines Tages in ein ökologisches Zwangssystem münden, speist sich aus sehr konkreten Erfahrungen: der Pandemie. Damals wurden Bewegungsfreiheit, Reisen, Versammlungen in einem bisher ungekannten Umfang eingeschränkt; Grenzschließungen, Ausgangsbeschränkungen und Zugangskontrollen prägten den Alltag.

Viele haben diese Phase als Schock gespeichert – nicht nur gesundheitlich, sondern als politisch-existenzielle Zumutung. Wie werden moderne Staaten die Energieknappheit organisieren?

Wenn nun über Maßnahmen zur Reduktion von Emissionen diskutiert wird – Tempolimits, Fahrverbote in Innenstädten, höhere Kerosinsteuern, strengere Regeln für Kurzstreckenflüge –, lesen manche diese Vorschläge nicht als demokratisch verhandelte Regulierung, sondern als Vorboten eines dauerhaften Regimes ökologischer Kontrolle.

Hinzu kommt eine technokratische Sprache, die mit „Zielen“ und „Instrumenten“ operiert, aber wenig über Verteilungsgerechtigkeit und Mitsprache spricht. Am Horizont formieren sich schon neue Spannungsfelder, zwischen denen, die die Gesellschaft ökologisch umbauen wollen und jenen, die die alten Verhältnisse herbeisehnen.

Entscheidend wird sein, ob ökologische Mobilitätspolitik als Projekt erlebt wird, das Lasten fair verteilt und Alternativen schafft – etwa durch günstigen und zuverlässigen öffentlichen Verkehr, durch Unterstützung beim Umstieg, durch regionale Angebote –, oder als Top‑down‑Verordnung, die vor allem jene trifft, die wenige Optionen haben.

In einem Klima des Misstrauens kann jede neue Maßnahme, selbst wenn sie rational begründet ist, als weiterer Beleg für den ökologischen Paternalismus gelesen werden.

Fazit: Mobilität als neue soziale Frage

Die Energiekrise im Kontext des Irankriegs legt eine tiefe Bruchlinie frei: Mobilität ist nicht mehr selbstverständlich, sondern zur raren Ressource geworden. In Baumans flüchtiger Moderne, die von Beweglichkeit und Wahlmöglichkeiten lebt, wirkt diese Verknappung wie ein Systemfehler – sie entzieht einer ganzen Kultur ihr zentrales Versprechen.

Elektromobilität bietet eine Zukunftsspur, aber keine automatische Erlösung: Sie kann Mobilität entkoppeln von fossilen Schocks, sie kann Städte leiser und Luft sauberer machen, sie kann Fernreisen partiell „grüner“ erscheinen lassen.

Doch ohne soziale Gerechtigkeit im Zugang zur neuen Mobilität, ohne robuste öffentliche Infrastruktur und ohne transparente politische Prozesse droht sie, neue Ungleichheiten zu produzieren. Die ökonomische Spaltung der Gesellschaft in Reiche und Arme wird die aktuelle Energiekrise jedenfalls dramatisch verschärfen.

Am Ende steht eine politische Entscheidung: Wird die ökologische Transformation genutzt, um Mobilität als öffentliches Gut neu zu organisieren – demokratisch kontrolliert – oder etabliert sich eine Zweiklassengesellschaft der Beweglichen und der Zurückgelassenen, in der die Nicht-Mobilen zum Reservoir für Parteien werden, die mit einfachen Parolen eine komplexe Krise ausbeuten?

Die Antwort darauf entscheidet nicht nur über Urlaubspläne, sondern über das Selbstverständnis der liberalen Demokratien im Zeitalter der Energieknappheit.

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Irankrieg – Schockwellen für die Weltwirtschaft

iran krieg medien nachrichten

Nach mehreren Wochen des Irankrieges steckt die Weltwirtschaft in einem neuen Schock. Gerade jene Region, durch die ein erheblicher Teil des weltweiten Ölhandels läuft, ist zum Kriegsschauplatz geworden.

(iz). Angriffe auf Tanker, Raffinerien und Gasanlagen von Saudi-Arabien bis Katar, Luftschläge gegen Ziele auf der iranischen Insel Charg sowie immer neue Drohungen haben zentrale Knotenpunkte des Energiehandels verwundbar gemacht.

Der Preis für Rohöl ist deutlich gestiegen und Terminkontrakte signalisieren anhaltende Knappheit. Für eine Weltwirtschaft, die sich erst von Pandemie, Ukrainekrieg, Inflation und Zinsschock erholt, ist das ein weiterer Schlag von außen.

Besonders exponiert sind Europa und Asien. Die EU importiert den Großteil ihres Öl- und Gasbedarfs und bleibt trotz des Ausbaus erneuerbarer Energien an die globalen Märkte gebunden.

Steigende Energiepreise wirken sich direkt auf die Handelsbilanz, Unternehmensgewinne und private Haushalte aus. Energieintensive Branchen drosseln ihre Investitionen oder verlagern ihre Produktion, da sie die höheren Kosten nur begrenzt weiterreichen können.

Der finanzpolitische Spielraum vieler Staaten ist nach den letzten Krisen gering: Zusätzliche Entlastungspakete würden die Schuldenquote weiter in die Höhe treiben, ohne die strukturelle Abhängigkeit zu verringern.

Foto: ipopba, Freepik.com

Für die Geldpolitik entsteht ein Dilemma

Für die Geldpolitik entsteht ein Dilemma, weil Zinssenkungen zwar die Rezession abmildern, zugleich aber einen neuen Inflationsschub befeuern könnten.

Parallel dazu erreichte der Schock die Finanzmärkte. Die Aktienkurse energieabhängiger Industrien – von der Chemie- über die Luftfahrt- bis zur Logistikbranche – gerieten unter Druck, da Anleger Gewinnwarnungen und steigende Kapitalkosten einpreisten. Die Schifffahrt leidet unter höheren Versicherungsprämien und Umwegkosten, wenn Routen um Krisengebiete herumgeführt werden müssen.

Während breite Indizes deutlich an Wert verloren, legten Rüstungsindustrie und Energiekonzerne zu. Die Anleihemärkte reagierten mit steigenden Renditen: Das heißt, Risikoaufschläge für hochverschuldete Staaten nehmen zu, weil Investoren zusätzliche Kompensation für die Unsicherheit verlangen.

Damit verteuert sich die Refinanzierung dort, wo neue Ausgaben zur Abfederung der Energiepreise politisch am dringendsten erscheinen.

In vielen Schwellenländern verstärkt der Ölpreisschub bestehende Schwächen. Importierende Staaten in Afrika und Asien müssen mehr für Treibstoff und Dünger zahlen, wodurch Haushalte, Staatsbudgets und Handelsbilanzen gleichzeitig belastet werden. Ihre Währungen geraten unter Druck, wenn Investoren Kapital in als sicherer wahrgenommene Märkte umschichten.

Den Regierungen bleibt nur die Wahl, entweder Subventionen auszuweiten und ihre Verschuldung zu erhöhen oder die Preise an die Verbraucher weiterzugeben und damit soziale Spannungen zu riskieren.

Die Entwicklungsbanken warnten, dass höhere Energie‑ und Transportkosten die Armutsbekämpfung um Jahre zurückwerfen können, weil Lebensmittel teurer werden und öffentliche Investitionsprogramme gekürzt werden müssen.

Selbst unter den Ölproduzenten verläuft die Bruchlinie durch die betroffenen Regionen. Staaten mit beschädigter Infrastruktur oder blockierten Seewegen verlieren Einnahmen, während jene außerhalb der Konfliktzone von hohen Preisen profitieren.

Foto: en.kremlin.ru

Große Risiken für die Golfstaaten

Die reichen Golfmonarchien verfügen zwar über große Devisenreserven und Staatsfonds, die kurzfristige Ausfälle abfedern können.

Gleichzeitig steigen die politischen Risiken, wenn Diversifizierungsprojekte ins Stocken geraten und der Golf als sicherer Investitions- und Tourismusstandort an Attraktivität verliert.

Für Regierungen, deren Legitimität auf hohen Staatsausgaben und subventionierten Lebenshaltungskosten beruht, ist der Ölpreis somit zugleich Puffer und potenzielle Bruchstelle. Insbesondere für Dubai ist dieser Krieg existenzgefährdend.

Ökonomische Institute und Energieagenturen sehen drei zentrale Übertragungskanäle eines Irankrieges: teurere Energie, verschlechterte Finanzierungsbedingungen und eine wachsende Unsicherheit, die Investitionen hemmt.

Bereits jetzt sind Krisensymptome erkennbar: schwankende Märkte, steigende Risikoaufschläge für Staatsanleihen und verschärfte Verteilungskonflikte um knappe öffentliche Mittel. Während rohstoffnahe Konzerne und Teile der Finanzbranche profitieren, drohen einkommensschwachen Haushalten in reiche und armen Ländern Einkommensverluste.

Aus Sicht vieler Fachleute ist dies weniger eine naturgegebene Folge des Krieges, sondern vielmehr das Ergebnis anhaltender Entscheidungen von Regierungen, die für fossile Abhängigkeiten votieren.

Solange diese Struktur fortbesteht, wird der Konflikt mit dem Iran nicht nur eine Episode der Gewalt bleiben, vielmehr den Auftakt zu einer längeren Phase erhöhter ökonomischer und politischer Instabilität bilden.

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Ein Rückblick auf den Ramadan in Zeiten der Krise

ramadan krise irankrieg

Der vergangene Ramadan war nicht nur ein spirituelles Ereignis, vielmehr stand er unter dem Schatten des Feuers, das in den vergangenen Monaten am Golf aufflammte, als Raketen und Drohnen zentrale Öl- und Gasanlagen trafen und in Brand setzten.

(iz). Zwischen Explosionen von Energieinfrastruktur, zeitweiligen Produktionsstopps und der lähmenden Dauerpräsenz von Kriegsbildern erlebten viele Gläubige einen Monat des Fastens, der zugleich Rückzug und Besinnung bedeutete. Denn gerade im Moment, in dem das Äußere unruhig wird, verdichtet sich die innere Erfahrung zu etwas Einfachem und Wesentlichem: dem Loslassen des eigenen Willens.

Wer fastet, erfährt das Fließende der Identität: Hunger und Durst lösen jene starre Vorstellung des Selbst auf, die sonst das Zentrum unserer Wahrnehmung bildet. Mit dem Verzicht entsteht kein Mangel, sondern eine andere Form von Gegenwart – das, was der Soziologe Hartmut Rosa die „Unverfügbarkeit des Weltbezugs“ nennt. Man kann die Erfahrung nicht erzwingen, sie bleibt Gabe.

ramadan übung

Foto: PlanetZ/Adobe Stock

Dieses Nichtwollen, das sich im Verzicht formt, schafft Raum für Hoffnung: auf ein gutes Schicksal für uns selbst und andere. Und darin öffnet sich die Nähe zum Wort der Offenbarung, das den Menschen nicht als Herren, sondern als Hörenden begreift. So zeigt sich, dass der Islam keine Ideologie, keine Weltanschauung im säkularen Sinn ist, sondern eine fortwährende Übung im Hören und Erkennen – eine spirituelle Anthropologie.

Ramadan ist keine Flucht aus der Welt. Das Fasten, das Gebet und der nächtliche Dialog mit dem eigenen Gewissen sind keine asketischen Praktiken zur Abschottung, sondern Formen der Resonanz.

Im Zustand des Gebetes entstehen Mitgefühl und Bewusstsein für das Elend anderer; insbesondere für diejenigen, die in den brennenden Zonen rund um die angegriffenen Städte und Energieanlagen leben und deren Lebensgrundlagen – Arbeit, Wasser, Luft – in Mitleidenschaft gezogen werden.

Viele Muslime erinnerten in diesem Monat an die Namen der Kriegsopfer. Sie taten es nicht, um zu politisieren, sondern um ein Zeichen zu setzen. Innen und außen geraten in Balance: das Innerliche dient als sensorische Verfeinerung des Blicks in die Welt.

Aus diesem Ramadan ergibt sich eine doppelte Lehre. Zum einen müssen wir unsere Erkenntnisverfahren überdenken – in einer Zeit, in der Bilder dominieren und Worte schwinden. Zum anderen verlangt das Politische eine neue Form des Denkens, die Identität nicht als Abgrenzung, sondern Identität als Durchlässigkeit vorstellt.

Und schließlich zwingen uns die zivilen Opfer, die Angriffe auf Energieinfrastruktur, die massiven Brände und die ökologischen Folgeschäden zu einer unbequemen Frage: Wie lässt sich politisch handeln, ohne in eine Logik abzurutschen, in welcher „der Zweck alle Mittel heiligt“?

Es war in diesem Monat leichter, auf Essen und Trinken zu verzichten, als das Handy aus der Hand zu legen. Jeden Abend fluteten neue Bilder aus der Golfregion durch die Feeds: Angriffe auf Israel, Feuerbälle über Öl- Terminals, zerstörte Anlagen in Saudi-Arabien, den Emiraten, Katar; die Medien versorgten uns mit Karten, Pfeildiagrammen und Expertenpanels. Die Wucht dieser Bilder lähmt mehr, als sie aufrüttelt.

Susan Sontag schrieb in „Über Fotografie“, dass Bilder zwar das Gewissen anstacheln, aber selten ethische Erkenntnis hervorrufen. „Fotos, die von sich aus nichts erklären können,“ schreibt sie, „fordern unwiderstehlich zu Deduktion, Spekulation und Phantastereien auf“. Der entscheidende Punkt: Ohne ein politisches Bewusstsein führen Bilder ins moralische Nichts. Heute, da jede Ideologie ihre eigene Bildwelt erschafft, gilt dies mehr denn je.

Bilder

Foto: cendhika/Adobe Stock

Fotos, einst Ersatz für Lesen, sind vielfach zum Ersatz für Denken geworden. Jede Bewegung, jede Nation bastelt aus Millionen von Motiven ihr eigenes Puzzle der Wahrheit. Das Resultat: eine überreizte Wahrnehmung, die innerlich abstumpft.

Der Ausweg führt nicht über visuelle Askese, sondern über Sprache – über Worte, die Bedeutung freilegen, statt bloß zu beeindrucken. Unser Anspruch muss sein, inhaltlich Beiträge zu schaffen, die nicht nur schockieren wollen, sondern Bedeutung vermitteln und uns verstehen lehren.

Als Gläubige wissen wir: Rituale verändern uns. Doch in einer Zeit, in der Religion als politisches Symbol missbraucht wird, droht diese Kraft sich zu verkehren. Identitätspolitik definiert, „wer wir sind“, über Abgrenzung und Konflikt, nicht über Glauben.

Dagegen lässt sich der Ramadan als transversale Praxis verstehen – nicht als Manifestation einer Gruppe, sondern als Übung, das Eigene zu relativieren und den anderen einzubeziehen. Der Verzicht öffnet den Blick, um im Nächsten nicht die Differenz, sondern das Gemeinsame zu erkennen.

Byung-Chul Han hat in seinem neuen Buch „Ohne Respekt. Eine soziale Krise“ (2026) eine scharfe Diagnose gestellt: Meinung darf nicht Identität werden; Respekt setzt Distanz voraus. „Wer sich zu einer Meinung als Identität bekennt“, lautet sein programmatischer Gedanke, „verliert die diskursive Freiheit, die Distanz zur eigenen Meinung voraussetzt“.

Diese Einsicht trifft das Herz unserer gegenwärtigen Krise. Wenn politische Ansichten zu Selbstausdrücken werden, verschwindet die Bereitschaft zum Dialog. Die religiöse Praxis – vom Gebet bis zur Fastenzeit – erlangt hier eine ungeahnte, andere politische Bedeutung: Sie lehrt uns, Distanz zu uns selbst zu wahren. Han fasst die Argumentation wie folgt zusammen: „Das Politische beginnt nicht mit der Feinderklärung, sondern mit dem Respekt als Aufmerksamkeit für den anderen. Fehlender Respekt führt zum Verfall des Politischen.“

Nikolaus von Kues sprach einst von der „Einheit in der Vielfalt“; der Fähigkeit, Differenzen zu denken, ohne sie zu verabsolutieren. In diesem Sinn bewahrt Religion ihre kritische Kraft gerade dann, wenn sie Macht, Nation und Ideologie gegenüber skeptisch bleibt. Für Muslime heißt das: Politik darf nicht zum festen Bestandteil des eigenen Ichs werden, sonst verliert man die Freiheit zur Prüfung, eine Fähigkeit, die jede Dogmatik übersteigt. 

Gerade die aktuelle Golfkrise stellt uns vor eine doppelte Herausforderung. Einerseits sehen wir, wie Konfliktparteien Energieanlagen, Häfen, Exportterminals zu strategischen Zielen machen und damit nicht nur militärische, sondern zivile Lebensadern treffen – mit langfristigen Folgen für Versorgung, Umwelt und globale Stabilität.

Andererseits wissen wir, dass kein Krieg – weder der Angriffskrieg noch der Verteidigungskrieg – sich auf einen moralischen Blankoscheck berufen darf, in dem der Zweck alle Mittel heiligt. Weder Religion noch Recht können der Maxime zustimmen, dass jedes Mittel erlaubt sei, wenn das Ziel nur hoch genug erscheint.

Aus islamischer, christlicher und säkular-rechtlicher Perspektive gilt: Es gibt Tabus, die nicht überschritten werden dürfen – die bewusste Tötung von Zivilisten, der Angriff auf elementare Lebensgrundlagen, die mutwillige Zerstörung der Umwelt, der Einsatz von Waffen, deren Wirkung sich nicht auf Kombattanten begrenzen lässt.

Das humanitäre Völkerrecht ist, bei all seinen Defiziten, der Versuch, diese Einsicht in Normen zu fassen; es verbietet etwa unterschiedslose Angriffe und verpflichtet zur Schonung von Zivilpersonen und kritischer Infrastruktur, soweit militärisch verantwortbar. Ohne diese Bindung verlieren wir die Fähigkeit Krieg und Frieden zu unterscheiden.

Gleichzeitig wäre es weltfremd, die Frage zu verdrängen, wie man auf Regime reagiert, die offen nach Langstreckenwaffen und Atomwaffen streben und ihre Nachbarschaft bedrohen. Wer nur auf ein abstraktes Ideal der Reinheit verweist, ohne die Sicherheitsinteressen der bedrohten Gesellschaften ernst zu nehmen, riskiert eine Hypermoral, die im Ernstfall handlungsunfähig macht.

Die schwierige Aufgabe politischer Ethik besteht darin, zwei Sätze gleichzeitig wahr sein zu lassen: Erstens, dass es absolute Grenzen der Mittel gibt, die auch im Namen der Selbstverteidigung nicht überschritten werden dürfen; zweitens, dass Untätigkeit gegenüber einem Regime, das nach Vernichtungswaffen strebt, selbst moralisch fragwürdig sein kann. 

Eine verantwortliche politische Theologie wird daher fragen: Welche Formen der Abschreckung, der Diplomatie, der Sanktionen, der begrenzten militärischen Intervention sind mit diesen Tabus vereinbar – und wo beginnt die Grenzüberschreitung, in der wir das, was wir schützen wollen, selbst untergraben?

Sie wird weder den Präventivkrieg leichtfertig legitimieren noch sich in einem moralischen Rigorismus einrichten, der reale Gefahren ignoriert. Zwischen Zynismus („alles ist erlaubt“) und Hypermoral („handeln ist immer schuldhaft“) entsteht ein schmaler Korridor verantwortlicher Politik.

Europa ist der Raum, in dem wir frei reden, denken und zweifeln dürfen. Diese Freiheit ist kein Gegensatz zur Religiosität, sondern ihr Komplement: Nur, wer frei ist, kann auch wahrhaft glauben. Religion kann – und muss – ein Korrektiv politischer Meinung sein, indem sie auch die eigenen Handlungen kritisch befragt. Glaubwürdigkeit entsteht, wenn Prinzipien wie das Völkerrecht nicht selektiv angewendet, sondern universell gelten – auf „uns“ ebenso wie auf „die anderen“.

Papst

Screenshot: Vatican News

Der Papst erinnerte jüngst daran, wie dünn die Linie zwischen Information und Propaganda geworden ist. In einer Botschaft an Journalistinnen und Journalisten mahnte Leo XIV. am 16. März 2026, die Medien müssten in Kriegszeiten besonders wachsam gegenüber der Gefahr sein, zum „Megafon der Macht“ zu werden, und hätten die Pflicht, Leid sichtbar zu machen und den Krieg „durch die Augen der Opfer“ zu erzählen.

Diese Worte enthalten eine einfache Wahrheit: Je weniger ein Krieg sich moralisch rechtfertigen lässt, desto stärker der Drang, ihn religiös oder schicksalhaft zu überhöhen. Eine verantwortliche politische Theologie aber erkennt: Gott ist nicht verfügbar als Legitimationsquelle für sinnlose Gewalt.

Je weniger Krieg sich moralisch und rechtlich rechtfertigen lässt, desto größer die Versuchung, ihn in einen quasitranszendenten Rahmen zu heben, in dem das Unvertretbare als notwendig, schicksalhaft oder heilig erscheint. Eine Religion, die ihre eigene Botschaft ernst nimmt, wird hier widersprechen: Sie besteht auf der Begrenztheit jeder Macht und auf der Unverfügbarkeit Gottes für Kriegspropaganda.

Genau darin liegt auch ein europäischer Standortvorteil: In offenen Gesellschaften können religiöse Stimmen, rechtliche Argumente und philosophische Kritik zusammenwirken, um diese Verklärungen zu entlarven – auch dann, wenn sie aus dem eigenen Feld kommen.

Ramadan hat uns gelehrt, was Verzicht bedeutet – nicht nur auf alltägliche Speisen, sondern auf gewohnte Gewissheiten. Er hat gezeigt, dass Erkenntnis aus Unterbrechung erwächst, nicht aus dem Aufenthalt im Dauerrauschen der Medien. Inmitten der Bilderflut brauchen wir wieder Worte, die verbinden, statt zu spalten. Und im politischen Diskurs brauchen wir Formen der Distanz, die uns ermöglichen, zuzuhören, ohne uns selbst zu verlieren.

Die Golfkrise zwingt uns, die Frage nach legitimen Mitteln im Konflikt neu zu stellen: Weder religiös noch rechtlich dürfen wir eine Politik akzeptieren, die behauptet, „der Zweck heilige alle Mittel“, aber wir dürfen uns auch nicht in eine Moral flüchten, die jede verantwortliche Reaktion auf reale Bedrohungen blockiert.

Zwischen beiden Extremen könnte ein neues, vom Geist des Ramadan geprägtes Politisches entstehen: kritisch, selbstreflexiv – und dennoch bereit, Verantwortung zu übernehmen. Vielleicht beginnt genau hier die Wiedergewinnung des Politischen – jenseits von Meinungskult und Identitätskampf –, als eine Praxis des Hörens, des Maßhaltens und des Hoffens.

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Ausnahmezustand in Nazareth – Pilger und Touristen bleiben aus

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Auch die biblische Stadt Nazareth hat unter dem Krieg gelitten – aber nicht nur. Die letzten Jahre waren schwer für den Tourismus, die Mafia macht Probleme und die arabische Bevölkerung […]

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Der kurze, aber dramatische Israel-Iran-Krieg

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Der israelische Angriffskrieg zeigte u.a. die strategische Isolation des Iran. Und er dokumentierte das gefährliche Fehlen von diplomatischen Lösungen. (IZ). Der am 13. Juni ausgebrochene Angriffskrieg zwischen Tel Aviv und […]

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Zwischen Bangen und Hoffen

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Bangen und Hoffen: Die Bundesbürger sind mit multiplen Sorgen konfrontiert. Davon sind auch Muslime betroffen.

(iz). Den alten Chinesen wird der Fluch „mögest Du in interessanten Zeiten leben“ zugeschrieben. Umgekehrt ist das Zitat des Dichters und Dramatikers Bert Brecht belegt: „Glücklich das Land, dessen Geschichte sich langweilig liest“.

Es drückt die Vorstellung aus, dass ein Volk, dessen Geschichte „langweilig“ ist, in Frieden und Stabilität lebt. In solchen Zeiten gibt es keine Kriege und Krisen, die die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich ziehen.

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Foto: Deutscher Bundestag / Thomas Köhler / photothek

Bangen und Hoffen: Es wird „interessant“ in Deutschland

Es ist wohl nicht übertrieben zu sagen, dass nicht nur wir Deutschen eine „interessante“ Phase der Geschichte erleben. Nicht zuletzt hat sich seit einigen Jahren der Begriff der „Polykrise“ in der Öffentlichkeit etabliert.

Die Krisenhaftigkeit unserer Zeit, die auch in den seit langem ungelösten Grundwidersprüchen unseres Lebensstils wie dem Raubbau an der Schöpfung begründet ist, löst bei den Deutschen Ängste und Sorgen aus.

Was unter der Regierung Merkel 16 Jahre lang an Krisenerscheinungen durch billige Energie aus Russland, Exporte nach China und daraus resultierenden relativen Wohlstand abgefedert wurde, bricht sich nun inmitten von Kriegen in Osteuropa und im Nahen Osten Bahn.

Die Folge sind vielfältige Ängste. Wie Studien zeigen (s. S. 15), sind die Deutschen verunsichert: Gewalt und Sicherheit, Migration, Armut, Inflation und Klimawandel – um nur einige zu nennen.

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AfD-Kovorsitzende und Fraktionschefin Weidel spricht vor Kameras. (Juergen Novak, Shutterstock)

Von den Ängsten profitieren nur Demagogen

Von diesen Ängsten profitieren – weltweit – die Bauernfänger und Demagogen. Sie haben nur selten funktionierende Lösungen für reale Probleme anzubieten, sondern setzen auch bei uns auf die Bewirtschaftung von Befürchtungen und schüren Ressentiments.

Die Erfolge der AfD bei den diesjährigen Wahlen zeigen, dass dieses Vorgehen, das etwa von Trump perfektioniert wurde, erfolgreich sein kann. Umfragen unter jungen Menschen, die allen Grund haben, sich Sorgen um ihre Zukunft zu machen, zeigen, wie wirkungsvoll dies ist.

Es ist eine bekannte Tatsache, dass in Krisenzeiten vor allem Minderheiten mit Ressentiments und Ausgrenzungen konfrontiert werden, die durch vorhandene Ängste erzeugt werden. Davon sind auch die deutschen Muslime betroffen.

Wie die EU-Grundrechteagentur FRA dokumentiert, werden sie in der Bundesrepublik nach Österreich am stärksten diskriminiert. Für die Antidiskriminierungsbeauftragte der Bundesregierung, Ferda Ataman, hat das inzwischen ein „alarmierendes Ausmaß“ erreicht. Die Bundesregierung müsse darauf reagieren. Dazu forderte sie Ende Oktober „umfassende Maßnahmen“.

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Muslime und die Umweltkrise: „Wir sitzen im selben Boot“

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„IZ-Begnung“ mit dem langjährigen Umweltschützer Fazlun Khalid über Krise und Hoffnung. Er fordert: Muslime müssen sich ehrlich machen. (iz). Fazlun Khalid ist ein britischer Islamwissenschaftler und Umweltaktivist. Er gilt als […]

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„Vergessene Krise“. Sahel zwischen Terror und Armut

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Im Sahel sind Mio. Menschen auf der Flucht, davon allein 1,8 Mio. Kinder. Hauptgrund sind Anschläge und Angriffe islamistischer Terrorgruppen. Die Militärregierungen erscheinen hilflos. (KNA). Die Zahl der Menschen, die […]

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Niger: Zunahme von Gewalt

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Im westafrikanischen Niger ist die Sicherheitslage auch nach dem Coup der Militärs weiterhin kritisch. (KNA). Im Juli putschte im Niger die Armee – angeblich um die grassierende Gewalt im Land […]

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Asyl-Krisenverordnung: Bundesregierung hat Bedenken

Bundesregierung Asyl Krise Flüchtlinge

Bisher keine Einigkeit für die Reform des Asylsystems

Berlin (dpa) Die Bundesregierung hat sich bei den Verhandlungen über eine EU-Verordnung zum Umgang mit Asylkrisen enthalten, weil sie mit abgesenkten Standards für die Aufnahme von Schutzsuchenden nicht einverstanden ist. „Die Bundesregierung brachte sich in die Verhandlungen des Verordnungsvorschlags ein, um insoweit auf Verbesserungen der Standards für Schutzsuchende sowie auf ein für die Mitgliedstaaten einheitliches und handhabbares Verfahren in Krisensituationen hinzuwirken“, teilte ein Sprecher des Bundesinnenministeriums am Donnerstag auf Anfrage mit. Die Bundesregierung habe dem Entwurf in der jetzigen Fassung letztlich nicht zustimmen können und sich daher enthalten. 

Die sogenannte Krisenverordnung ist Teil der geplanten Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (GEAS). Die Gespräche über einen Entwurf für die Verordnung sind vorerst gescheitert – unter anderem wegen der Bedenken der Bundesregierung. Die Ständigen Vertreter der EU-Länder hatten sich am Mittwoch in Brüssel nicht auf eine gemeinsame Position für Verhandlungen mit dem Europaparlament einigen können. Die spanische Ratspräsidentschaft wollte dazu eigentlich bis Ende Juli eine Einigung herbeiführen. Diplomaten zufolge enthielten sich neben Deutschland auch die Niederlande und die Slowakei. Polen, Ungarn, Tschechien und Österreich stimmten gegen den Vorschlag. 

Der Vorschlag für die neue Verordnung sieht längere Fristen für die Registrierung von Asylgesuchen an den Außengrenzen vor, außerdem die Möglichkeit der Absenkung von Standards bei Unterbringung und Versorgung. Schutzsuchende sollten in Krisensituationen verpflichtet werden können, sich länger als zwölf Wochen in Aufnahmeeinrichtungen in Grenznähe aufzuhalten. Ländern wie Polen und Ungarn gehen die vorgeschlagenen Ausnahmevorschriften nicht weit genug. „Das weitere Vorgehen der spanischen Ratspräsidentschaft nach der ablehnenden Entscheidung vom 26. Juli 2023 bleibt zunächst abzuwarten“, hieß es aus dem Bundesinnenministerium. 

Der Verordnungsvorschlag enthalte neben Sonderregeln im Falle eines hohen Zugangsgeschehens oder höherer Gewalt auch Regelungen für Situationen der Instrumentalisierung von Schutzsuchenden durch Drittstaaten oder nicht-staatliche Akteure, sagte der Sprecher. Ein Grund für die Überlegungen zu der Verordnung war die von Belarus orchestrierte irreguläre Migration, die 2021 begonnen hatte. 

Die Krisenverordnung soll Teil eines Reformpakets für das EU-Asylsystem werden. Andere Teile waren im Juni per Mehrheitsentscheidung bei einem Innenministertreffen auf den Weg gebracht worden. Neben einer Pflicht zur Solidarität in Notsituationen sehen sie Ergänzungen und Verschärfungen der aktuellen Regeln vor, um illegale Migration zu begrenzen. So sollen Asylanträge von Migranten aus Herkunftsländern mit einer Anerkennungsquote von weniger als 20 Prozent bereits an den EU-Außengrenzen innerhalb von zwölf Wochen geprüft werden. In dieser Zeit will man die Schutzsuchenden verpflichten, in streng kontrollierten Aufnahmeeinrichtungen zu bleiben. Wer keine Chance auf Asyl hat, soll umgehend zurückgeschickt werden. Nun verhandeln das Europaparlament und die EU-Staaten über die Pläne.