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Freiheit in Gefahr: Die Tech-Feudalisten haben Demokratie abgeschrieben

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Die Freiheit ist in Gefahr: Aber nicht durch die muslimische Minderheit, sondern milliardenschwere Tech-Feudalisten. Und ihre grausigen Visionen.

(iz). Die Welt ist in Unruhe geraten. Unglaubliche reiche Einzelpersonen weltweit haben enorme ökonomische, und damit politische, Macht in ihren Händen akkumuliert. Dadurch entziehen sie sich jeder rationalen Kontrolle durch Nationalstaaten oder das Recht. Längst träumen ihre Vordenker von postdemokratischen Verhältnissen – entweder von zu Imperien aufgeblähten Staaten bzw. deren Zerschlagung. In Folgen zitieren wir in Auszügen aus dem Vorwort zur französischen Ausgabe eines Buches zum Thema der britisch-muslimischen Gelehrten Aisha Bewley.

Die Welt gerät aus den Fugen

Ich nutze die Gelegenheit, über den aktuellen Stand der Politik und die eher düstere Situation, in der sich die Demokratie heute befindet, zu sprechen. Wir leben in einem Moment des Umbruchs, einer Zeit der Wende, nach der sich die Dinge in verschiedene Richtungen entwickeln könnten – einige davon recht unangenehm.

Die zeitgenössische Ordnungsform scheint sich derzeit auf einem bemerkenswerten Rückzug zu befinden. Das ist eine Tatsache, die selbst von führenden Politikern anerkannt wird. Der amtierende US-Vizepräsident J.D. Vance erklärte in einem Interview kategorisch, dass die gegenwärtige Ordnung auf ihren „unvermeidlichen Zusammenbruch“ zusteuere.

Der milliardenschwere Risikokapitalgeber und politische Aktivist Peter Thiel sagte, er glaube nicht, dass Freiheit und Demokratie miteinander vereinbar seien. Die Liste der heutigen Demokratiekritiker ließe sich beliebig fortsetzen.

Ihre Zahl wächst. Ihre hartnäckigsten Verfechter gehören in den Augen dieser Denkschule zu dem, was Curtis Yarvin die „Kathedrale“ genannt hat – das verbundene bürokratische Netzwerk von Akademikern, Medieneliten und Regierungsbeamten, die die Grenzen der akzeptablen Meinung festlegen und überwachen.

Foto: Sandra Sanders, Shutterstock

Teils erschreckende Alternativlösungen

Gegenwärtig wird eine Reihe von Alternativlösungen vorgeschlagen. Am auffälligsten ist der Rechtsruck in Gestalt eines populistischen nationalistischen Autoritarismus; einschließlich der Forderung nach einer Form von „Monarchie“ oder der Herrschaft eines einzigen übermächtigen Führers. Dies scheint der gemeinsame Nenner aller derzeit diskutierten Alternativen zu sein.

Eine Möglichkeit, die durch die Macht der Big-Tech-Firmen dargestellt wird und von einigen als längst in Kraft befindlich angesehen wird, ist der Technofeudalismus unter der Führung einer Techno-Oligarchie mit einem allmächtigen CEO, ähnlich einem kapitalistischen Konzern. Der Blogger Curtis Marvin und Nick Land, der Philosoph hinter der „Dunklen Aufklärung“ und der Neoreaktion, befürworten eine rechenschaftspflichtige „Techno-Monarchie“, die wie ein Start-up-Unternehmen strukturiert ist.

Dies ist angesichts der Realität eines großen komplexen Systems nicht realisierbar. Daher schlagen andere eine Vielzahl von Stadtstaaten unter technokratischen CEOs vor und blicken mit Wohlwollen auf Singapur, Dubai und Hongkong, obwohl Letzteres nicht so gut funktioniert hat.

Es gibt ebenso den Vorschlag, den der Unternehmer Balaji Srinivasan von „Netzwerkstaaten“ vorstellt, die sich aus einer Online-Community entwickeln. Es ist eine interessante Idee. Aber kann ein Staat ohne physisches Territorium oder tatsächliche reale (nicht-digitale) Währung existieren? Ist es möglich, Geld allein in Kryptowährung umzuwandeln, wenn es von Natur aus hochspekulativ ist?

Foto: Free Photobank Torange | Lizenz: CC BY 4.0

Über allem thront der Neoliberalismus und seine Folgen

„Neoliberalismus“ bezieht sich auf die politisch-sozialen Überzeugungen und Annahmen, die seit den 1970er Jahren vorherrschen. Indem den Märkten Macht verliehen wird, werden jene mit Kapital – die Investoren und Unternehmer – gestärkt und diejenigen, die angestellt sind, unter dem fadenscheinigen Banner von Demokratie und Gleichheit (die keine substanzielle Bedeutung haben) geschwächt.

Es handelt sich um ein Konstrukt aus Impulsen. Sie dienen dazu, die Markt- und intellektuelle Dominanz mit minimaler staatlicher Einmischung aufrechtzuerhalten, wobei eine Fassade der Moralität präsentiert wird, während der zugrunde liegende Rassismus und der Glaube an die Überlegenheit der westlichen Zivilisation verschleiert werden. Tatsächlich sind nur die erfolgreiche Oligarchie die Nutznießer des Systems.

Der globale Neoliberalismus scheint dem Ende entgegenzugehen. Die meisten führen den Beginn seines Niedergangs auf die Finanzkrise von 2008 zurück. Zu dieser Zeit gab es zusätzliche Ereignisse, die den Weg für diese Krise ebneten – wie Putins erste Aggression gegen Georgien, der Zusammenbruch der WTO und unproduktive Klimaverhandlungen. Natürlich kam all dies nicht aus heiterem Himmel. Die Auflösung des Goldstandards im Jahr 1971 führte letztlich zu den ungezügelten Finanzgeschäften, die den Crash von 2008 herbeiführten.

Darüber hinaus haben die psychologischen und finanziellen Auswirkungen von Covid das verschärft, was Hannah Arendt das Problem der Einsamkeit nannte, die ein Nährboden für Totalitarismus ist, weil sie den wütenden, gekränkten Wunsch fördert, der aktuellen Situation zu entkommen. Der Begriff, den sie verwendet, ist „Verlassenheit“. Dies bezeichnet einen Zustand des Verlassenseins und damit des Alleinseins und der Entfremdung, der genau beschreibt, was das derzeitige System mit dem Einzelnen macht.

Trotz der Behauptung des Marketings, wonach ein Markt, der nicht durch staatliche Eingriffe behindert wird, zu optimalem Wohlergehen führen würde, hat der Neoliberalismus in der Tat zu einer unglaublichen Ungleichheit geführt.

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Foto: UN Photos/UNICEF

Keiner hat Antworten auf die Ungerechtigkeit

Der jüngste globale Ungleichheitsbericht zeigt, dass die reichsten 10 % der Menschen auf der Welt 76 % des gesamten Vermögens besitzen, während die ärmsten 50 % praktisch gar keines haben und viele sogar ein negatives Vermögen oder Schulden haben. Diese krassen Einkommensunterschiede führen unweigerlich zu Isolation, Verzweiflung und Wut. „Demokratie“ funktioniert für die Mehrheit der Menschheit eindeutig nicht.

Die meisten „Alternativen“ zum derzeitigen politischen System wurden von Menschen mit einer gewissen Verbindung zum Silicon Valley entwickelt. Warum ist die Techno-Oligarchie dann so unzufrieden mit dem vorherrschenden Status quo? Offensichtlich hat das System ihnen enormen Reichtum und Einfluss verschafft – man schaue sich nur ihre prominenten Positionen bei der Amtseinführung von Donald Trump an.

Aber was wollen die neuen Techno-Oligarchen? Sie bieten keine tragfähigen Lösungen in der aktuellen Situation in Form von Politik bzw. Hilfe für diejenigen, die sich entfremdet haben, oder einen Ausweg aus dem Kernproblem.

Ihre Antwort besteht darin, jegliche Einmischung der Regierung zu unterbinden und einen ungezügelten Kapitalismus zu entfesseln. Wobei sie vergessen, dass das ursprüngliche Problem durch genau dieselbe Methode verursacht wurde. Oder vielleicht zynisch, möglicherweise in vollem Bewusstsein dessen. Tatsächlich findet nicht der Niedergang des Neoliberalismus statt: Es wurde sogar vom „seltsamen Nicht-Tod des Neoliberalismus“ (Colin Crouch) gesprochen.

Was wirklich befürwortet wird, ist die Aufgabe jeder sozialen Verantwortung für Bedürftige und die Beseitigung aller staatlichen Kontrollen ihrer Interessen. Es ist nicht überraschend, dass die Befürworter der „Dunklen Aufklärung“ dem Mittelalter verfallen sind, das wahrhaft feudal war, mit echten Herren und Leibeigenen.

Keine der Lösungen, die von den hier angerissenen politischen Bewegungen angeboten werden, geht auf die Grundursache ein. Sie hat letztlich zu der Situation geführt, in der wir uns jetzt befinden.

Bannon zum Beispiel glaubt an den Kapitalismus, aber an einen „jüdisch-christlichen Kapitalismus“. Er verkennt das verderbliche Grundproblem: das ungerechte Weltwirtschaftssystem, das die übermäßige Anhäufung von Reichtum in den Händen einiger weniger ermöglicht.

Wenn man den Nationalstaat aufgibt, gibt es zwei mögliche Entwicklungsrichtungen, die eingeschlagen werden können. Die eine ist zentripetal und führt zu einer Rückkehr zu Imperien. Aber die von der modernen Welt erzeugte Isolation wirkt dem entgegen. Die andere Richtung ist zentrifugal, was die Schaffung kleinerer politischer Einheiten bedeutet. Wir sehen dies in dem Vorschlag von Stadtstaaten oder Netzwerkstaaten.

Islamisches Paradigma

Im islamischen Paradigma besteht die Funktion von Herrschaft darin, die Schwachen vor den Starken zu schützen. Dazu gehört, die unverhältnismäßige Anhäufung von Reichtum in den Händen einiger weniger auf Kosten der Armen zu verhindern und Korruption aus den Gerichten sowie anderen Lebensbereichen zu entfernen.

Im Qur’an wird das Gebet mit der Zakat verbunden. Der Markt ist hier kein Interessenbereich, der unabhängig von Moral wäre. Wenn man das Problem der verbotenen Kapitalvermehrung (arab. riba) nicht löst, aus dem der Kapitalismus und der Neoliberalismus hervorgingen, kann man die sozialen und politischen Probleme, die in der heutigen Welt vorherrschen, nicht lösen.

Aisha Bewley, Democratic Tyranny and the Islamic Paradigm, Diwan Press 2018, Taschenbuch, 118 Seiten, ISBN 978-1908892485

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Eine digitale Kolonie der Tech-Milliardäre?

tech-Milliardäre

Ein Bündnis zwischen Macht und Ökonomie, insbesondere der Tech-Milliardäre, stellt das politische System Europas in Frage.

(iz). „America First“ – mit diesem berühmten Slogan hat der amerikanische Präsident Donald Trump eine Zeitenwende vollzogen, deren Folgen noch nicht vollständig absehbar sind. Die ersten Maßnahmen der Regierung erinnern an die Theorien des deutschen Staatsrechtlers Carl Schmitt: Es ist von Großraum die Rede, der Herrschaft der Politik über das Recht sowie von Freund-Feind Verhältnissen, die in seiner Anwendung den ökonomischen Endkampf zwischen Konkurrenten umschreiben.

Die Tech-Milliardäre haben Carl Schmitt entdeckt

Ergänzt wird diese Weltanschauung von der berühmten Definition Schmitts, Nihilismus sei die Trennung von Ordnung und Ortung. Wer denkt hier nicht an Guantanamo als ein Lager für Illegale und vor allem an die unsichtbare Welt der Datenströme, die die Neuordnung des Techno-Globus bestimmen?

Die Schockwellen der Rhetorik von Seiten der US-Administration sind in Europa noch nicht vollständig verarbeitet. Die Bemerkung Peter Sloterdijks, über den neuen Wind aus den USA, klang zunächst eher amüsant: „Immerhin muss man Donald Trump nicht von vornherein als Krieger sehen, er denkt in den Kategorien eines Geschäftsmannes, und dass Krieg kein gutes Geschäft ist, scheint ihm klar zu sein.“

Ein Sturm der Entrüstung setzte ein, als der US-Präsident erklärte, dass der ukrainische Präsident Zelensky ein Diktator sei und den Krieg Russlands provoziert habe und damit die gesamte wertbasierte Außenpolitik Europas in Frage stellte. Mehr noch: In den letzten Bundestagswahlen mischte sich der US-Vizepräsident Vance aktiv ein und bemängelte den angeblichen Untergang der Meinungsfreiheit in Europa.

Erleben wir die Geburt einer neuen Ordnung?

Spätestens jetzt wurde den staunenden Europäern klar: Hier geht es nicht nur um eine Neujustierung amerikanischer Politik, sondern um eine völlig neue Ordnung der globalen Machtverhältnisse. An dieser Stelle ist es wichtig, die Rolle des zweiten starken Mannes der US-Regierung zu verstehen: Elon Musk. Vermutlich war selbst die AfD-Kanzlerkandidatin überrascht, dass der „Technokaiser“ plötzlich ihre Wahl propagierte.

Es dürfte sogar den Rechtspopulisten klar sein: Musk ist kein Mann, der innerhalb nationaler Grenzen denkt, sondern ein Geschäftsmann, der die Hochzeit zwischen ökonomischer und politischer Macht im 21. Jahrhundert organisiert. Im Licht der Absichten des auf den Mars fliegenden Technokraten sind die lokalen Ziele der sogenannten Alternative für Deutschland schlicht aus der Welt von gestern.

Foto: Sandra Sanders, Shutterstock

„Seine Unterstützung für extrem rechte Bewegungen zeigt, dass er nur an Macht interessiert ist“, behauptet der Historiker Timothy Snyder nicht ohne Grund. Musk agiert in einem globalisierten, technologischen Kontext, in dem Reichtum und Einfluss in den Händen von Einzelnen konzentriert sind und Staaten an Bedeutung verlieren.

Allein die Absicht der Populisten, die europäische Einheit zu hintertreiben, passt gut in die grenzenlose Strategie der neuen Oligarchen. Politik im alten Stil oder der Streit zwischen liberalen und konservativen Positionen interessiert hier nur am Rande.

Eine inhumane Ideologie

Auch der amerikanische Kolumnist Douglas Rushkoff sieht im strategischen Interesse des Milliardärs an der AfD im Kern nur ein Ausdruck einer menschenfeindlichen, techno-obsessiven Ideologie. Ein „Mindset“, das die Natur und den Menschen als quantifizierbare und extrahierbare Verwertungseinheiten betrachte und die Bürger nach ihrem Nutzen im technokapitalistischen Zeitalter klassifiziere und kategorisiere. Natürlich treibt die Mächtigen nicht nur die Technikbegeisterung. „Sie selbst sehen sich dabei auf der höchsten Stufe der Schöpfung, als hoch über allen anderen schwebenden Übermenschen.“

Die Tatsachen auf der anderen Seite des Atlantiks sind nicht schwer zu erkennen. In Amerika entwickelt sich eine „Technorepublik“, in Form einer Zusammenarbeit zwischen digitalen Konzernen und der politischen Macht.

Es ist kein Zufall, dass der Palantir-Gründer Alexander C. Karp in einem CNBC-Interview anerkennende Worte für Musk fand: „Ich schätze Elon. Er ist zweifellos der bedeutendste Unternehmer unserer Zeit.“ Interessant sind für ihn vor allem die Ziele des Department of Government Efficiency, einer Behörde mit engen Verbindungen zu Musk.

Der rasante Kursanstieg der Palantir-Aktie könnte darauf zurückzuführen sein, dass Anleger auf eine Intensivierung der Geschäftsbeziehungen zwischen dem Unternehmen und staatlichen Stellen spekulieren.

Die für seine Datenanalysesoftware im Dienste der Überwachung bekannte Firma ist weltweit in Regierungs- und Verteidigungsprojekte eingebunden. Klar ist, dass die wichtigsten Tech-Giganten in der Regentschaft Trumps die Chance erkannt haben, ökonomische und politische Macht endgültig zu verbinden.

Foto: Voyagerix, Adobe Stock

Musks Algorithmen produzieren Hass

Zu den persönlichen Interessen Musks gehört seine Plattform X, die auf ihre Weise eine Community schafft und die Idee von Meinungsfreiheit kommerzialisiert. Schon lange ist ein zentraler Kritikpunkt an Twitter/X ist, dass die Algorithmen der Ingenieure Inhalte bevorzugen, seien sie wahr oder nicht, die starke Reaktionen hervorrufen – oft in Form von Wut, Empörung und anderen extremen Emotionen. Das Modell ist erschreckend simpel: Konflikte, polarisierende Themen und extremistische Meinungen erzeugen mehr Interaktionen (Likes, Retweets, Kommentare), was wiederum dazu führt, dass sie in den Feeds der Nutzer höher gerankt werden.

Diese Verstärkung von konfliktbeladenen Inhalten fördert die Spaltung und trägt dazu bei, dass Konsumenten stärker in ihren eigenen, oft extremen Meinungen bestärkt werden. Machen wir uns nichts vor: Die Emotionalisierung gesellschaftlicher Konflikte hat wenig mit der Verteidigung der Meinungsfreiheit zu tun, sondern ist ein ideales Geschäftsmodell. Die künstliche Intelligenz der Plattform liefert die passenden Bilder, beliebige Fakten und damit einen digitalen Baukasten für „eine Welt, wie sie Dir gefällt“. Es wird Zeit, dass die politische Klasse unabhängig von ihren jeweiligen Überzeugungen diese Folgen des Streites auf unterstem Niveau erkennt.

Zu den historischen Gewissheiten der Europäer gehört, dass die Praxis des grenzenlosen Schürens von unversöhnlichen Freund-Feind Verhältnissen riskant ist. In seinem Buch „Gutes Tun“ versucht der Philosoph Markus Gabriel dem Radau-Ansatz von X seine aufgeklärte Dialektik entgegenzusetzen. „Eine Dialektik ist aufgeklärt, wenn sie das praktische Ziel verfolgt, eine moralische Option zu identifizieren, die einen gegebenen Kampf überwindet. Sie strebt damit Frieden an.“

Das Ziel des ethischen Nachdenkens besteht darin, Krieg und Kampf zu überwinden, indem wir „einen Mittelweg finden, der nicht zwischen den Polen aufgerieben wird“. Es ist kein Zufall und Symbol der trostlosen Lage, dass es hierzulande an sozialen Medien fehlt, die den gesellschaftlichen Frieden über die ökonomischen Interessen der Betreiber stellen. 

Das Problem geht weit tiefer, als es die Debatte um die Meinungsfreiheit vorgaukelt. Europa ist allgemein nicht in der Lage, sein Schicksal als „digitale Kolonie“ Amerikas zu überwinden. Und dieser systemische Mangel stellt im Kern die eigentliche Herausforderung für das freie und geeinte Europa dar.

Während Markus Gabriel hofft, dass ein „ethischer Kapitalismus“, der den moralischen Fortschritt anstrebt, der entfesselten Ökonomie eine konstruktive Richtung geben könnte, sieht der griechische Ökonom Yaris Varoufakis den Kapitalismus der alten Zeit längst in der Auflösung begriffen.

Im Gegensatz zum Reformansatz Gabriels sieht er in der fehlenden Ethik der Geldproduktion die wichtigste Ursache, die erst den Siegeszug der Tech-Milliardäre erlaubte. Mir dieser Analyse steht er nicht allein. „Ermöglicht wurden die Monopolisierungsstrategien der Technikkonzerne dadurch, dass sie dank niedriger Zinsen und einer riesigen Investment-Industrie über schier endloses Kapital verfügten“, erinnert ebenso Ingo Dachwitz in seinem Buch „Digitaler Kolonialismus“ an das Grundphänomen. Ist es naiv, wenn Gabriel schreibt, dass Moral und Kapitalismus miteinander vereinbar sind, und zwar „nicht etwa nur dadurch, dass die Ethik die Wirtschaft irgendwie einhegt, sondern in dem sie diese anspornt, Mehrwert durch das Tun des Guten zu erzeugen“?

Aggression Ukraine Geopolitik

Foto: kirill_makarov, Adobe Stock

Sie wollen neue Feudalherren sein

Man darf zweifeln, ob die Technik-Milliardäre moralische Argumentation sonderlich beeindruckt. Dramatischer formuliert: Erleben wir nicht längst den faktischen Untergang der sozialen Marktwirtschaft und des alten Marktmodells, das Gabriel reformieren will? Dieser Meinung ist zumindest Varoufakis: „Der Kapitalismus stirbt tatsächlich durch seine eigene Hand, ein verdientes Opfer seiner größten Schöpfung; nicht des Proletariats, sondern der Cloudalisten. Und nach und nach werden die beiden großen Säulen des Kapitalismus, Profit und Märkte ersetzt.“

Technofeudalismus nennt der ehemalige Finanzminister Griechenlands das neue System. Es bezeichnet eine potenzielle Entwicklung, in der große Technologieunternehmen nicht nur den Markt dominieren, sondern auch die Gesellschaft und das Leben der Menschen in einer Weise kontrollieren, die an feudale Strukturen erinnert.

Im technofeudalen System sind Plattformen (wie Amazon, Apple, Google) zentrale Akteure. Sie betreiben Marktplätze, auf denen Transaktionen stattfinden, und profitieren enorm von der Datenmonopolisierung. Verbraucher und Arbeiter sind oft in einer Art Abhängigkeit von diesen Anwendungen, ohne eine echte Alternative zu haben. Die Unternehmen, so spitzt Varoufakis zu, spielen die Rolle von „Feudalherren“, die die „Grundbesitzer“ (die Nutzer und Anbieter) auf ihren Portalen regulieren, aber selbst keine echte Konkurrenz zulassen.

Das neue Zauberwort dieser Form des Kapitalismus ist nicht der Profit, sondern die „Rente“, die Milliarden von Nutzern für die Nutzung der Technikplattformen bezahlen. Hier schließt sich der Kreis: Um ihre globale Macht rechtlich abzusichern und alternative Modelle künftig auszuschließen, müssen sie eine Allianz mit der mächtigsten Regierung der Welt eingehen. Das ist der wirkliche „Deal“, der sich in diesen Tagen abzeichnet.

Es passt in dieses Bild und erklärt das neue Desinteresse der Amerikaner an dem Regionalkrieg im Osten Europas, wenn wir den digitalen Kalten Krieg, der sich abzeichnet, erkennen. Es sind alleine die chinesischen Konzerne, die die Allmacht der USA noch ernsthaft gefährden.

Der Technologiekrieg zwischen den beiden Supermächten USA und China wird daher bald das Thema Ukraine ersetzen. Varoufakis beschreibt die Lage mit drastischen Worten: „Es ist ein Titanenkampf über noch unerschlossenes technofeudales Territorium, auf dem sich zwei Systeme zur Extraktion von Cloud-Renten als Herren etablieren wollen.“

Während viele Europäer langfristig und in alter Gewohnheit, von einem Siegeszug der Demokratie, über Kiew, Moskau bis nach Peking träumen, bereitet sich Washington längst auf die finale Auseinandersetzung mit China vor. Man kann nur hoffen, dass dieser Konflikt nicht militärisch ausgetragen wird. Gelingt es der Menschheit, einen dritten Weltkrieg zu verhindern, stellt sich eine alte philosophische Frage neu: Dient die Technik uns, oder wir ihr? Genauer gefasst: Hat die Politik die Macht, sich gegen den Einfluss digitaler Konzerne durchzusetzen?

Die Antwort fällt schwer. Während der Philosoph Gabriel auf die Vision eines ethischen Kapitalismus im Dienste der Demokratie setzt, flüchtete sich der Ökonom Varoufakis in den alten, kommunistischen Traum, die Macht der Konzerne zu zerschlagen. Zweifellos bedienen beide Ansätze den Vorwurf, angesichts der Machtverhältnisse, sie seien utopisch. Für die Religionen besteht die Herausforderung, ihre Idee des moralischen Fortschrittes auf die Felder der Technik und Ökonomie anzuwenden. Dass sie Zweifel an der Allmacht und Allwissenheit digitaler Technologien formulieren, ergibt sich von selbst.s

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Von Murdoch zu Musk. Jetzt haben die Tech-Bros die mediale Macht

Tech-Genie Elon Musk macht

Themenschwerpunkt soziale Medien: Die globale Medienmacht hat sich von den Zeitungsmoguln zu Tech-Oligarchen verschoben

(The Conversation). Bis vor kurzem war Elon Musk nur ein äußerst erfolgreicher Elektroauto-Tycoon und Weltraumpionier. Sicher, er war unberechenbar und unverblümt, aber sein globaler Einfluss war begrenzt und scheinbar unter Kontrolle. Mit dem Besitz von nur einer Medienplattform in Form von Twitter (jetzt X) ist aus dem Eigenbrötler ein Mogul geworden, und der Stab des größten medialen Bullys der Welt ist an einen neuen Spieler übergegangen. Von Matthew Ricketson & Andrew Dodd

Soziale Netze und Medien: Wer hat die Macht?

Was wir aus der Beobachtung von Musks Führung von X ableiten können, ist, dass er anders ist als frühere Medienmogule. Was ihn potenziell gefährlicher macht. Er arbeitet nach seinen eigenen Regeln, oft außerhalb der Reichweite von Regulierungsbehörden. Er hat gezeigt, dass er keine Rücksicht auf diejenigen nimmt, die versuchen, ihn zu zügeln.

Unter dem alten Regime gaben Pressezaren, von William Randolph Hearst bis Rupert Murdoch, zumindest vor, sich einem wahrheitsgetreuen Journalismus verpflichtet zu fühlen. Dabei war es ihnen egal, dass sie gleichzeitig Einschüchterung und Schikane einsetzten, um ihre kommerziellen und politischen Ziele zu erreichen.

Musk hat keine Notwendigkeit und auch kein Verlangen nach solchen Täuschungsmanövern, weil er nichts, was er sagt, auch nur mit einem hauchdünnen Schleier des Journalismus verhüllen muss. Stattdessen ist sein treibendes Motiv die Redefreiheit, was oft ein Code dafür ist, dass man es besser nicht wagt, ihm in die Quere zu kommen.

Das bedeutet, dass wir uns auf Neuland befinden, aber es heißt nicht, dass das, was davor war, irrelevant ist. Wenn Sie eine umfassende, aktuelle Einführung in das Verhalten von Medienmoguln im letzten Jahrhundert und darüber hinaus suchen, hat Eric Beecher sie gerade in seinem Buch „The Men Who Killed the News“ geliefert.

Neben Berichten über Personen wie Hearst in den Vereinigten Staaten und Lord Northcliffe im Vereinigten Königreich zitiert Beecher das berüchtigte Beispiel von John Major, dem britischen Premierminister zwischen 1990 und 1997, der sich weigerte, Murdochs Widerstand gegen eine Stärkung der Beziehungen zur Europäischen Union zu folgen.

Islamberichterstattung

Foto: Bjoern Wylezich, Shutterstock

In einem Gespräch zwischen Major und Kelvin MacKenzie, dem Herausgeber von Murdochs englischer Boulevardzeitung „The Sun“, wurde dem Premierminister unverblümt gesagt: „Nun, John, lass es mich so sagen. Auf meinem Schreibtisch steht ein großer Eimer mit Scheiße und morgen früh werde ich dir den ganzen Inhalt über den Kopf schütten.“

Medienmogule verwenden metaphorische Geschosse. Die relativ wenigen Menschen, die sich ihnen widersetzen, wie Major, werden von ihrer Regierung sprichwörtlich mit Dreck beworfen. Zu den Schlagzeilen in „The Sun“ nach dem Wahlsieg der Konservativen im Jahr 1992 gehörten: „Zwergen-Premierminister“, „Der Aufgabe nicht gewachsen“ und „1.001 Gründe, warum du so ein Trottel bist, John“.

Wenn Medienmoguln seit Hearst und Northcliffe zwischen der Produktion von Journalismus und der Verfolgung ihrer kommerziellen und politischen Ziele hin- und hergerissen sind, haben sie zumindest Ersteres getan, und einiges davon war sehr gut. Die Führungskräfte der Social-Media-Giganten beanspruchen dagegen keine Rolle als vierte Gewalt. Wenn überhaupt, scheinen sie die Berichterstattung mit einer Zange so weit wie möglich von ihrem Gesicht fernzuhalten.

Die neuen Oligarchen haben enorme Mittel

Sie verfügen jedoch über ein enormes Vermögen. Apple, Microsoft, Google und Meta, früher bekannt als Facebook, gehören zu den zehn weltweit führenden Unternehmen nach Marktkapitalisierung. Im Vergleich dazu liegt die Marktkapitalisierung der News Corporation derzeit weltweit auf Platz 1.173.

Der Gründer und CEO von Meta, Mark Zuckerberg, ist dafür bekannt, dass er sich nicht an die Regeln hält, wie er im Februar 2021 demonstrierte, als er gegen den Verhandlungskodex protestierte, indem er einseitig Facebook-Seiten mit Nachrichten schloss. Im Allgemeinen bestand seine Strategie jedoch darin, Standardmethoden der Öffentlichkeitsarbeit und des Lobbyings einzusetzen. Sein Rivale Elon Musk hingegen setzt seine Social-Media-Plattform X wie eine Abrissbirne ein.

Dieser ist so ziemlich das Erste, was der durchschnittliche X-Nutzer in seinem Feed sieht, ob er will oder nicht. Er lässt alle an seinen Gedanken teilhaben; ganz zu schweigen von seinen Gedankenblasen. Er bezeichnet sich selbst als Verfechter der freien Meinungsäußerung, aber die meisten seiner Äußerungen sind stark rechtslastig und lassen wenig Raum für alternative Ansichten.

gewalt kurzmeldungen

Foto: imago images, ZUMA Press Wire

Elon Musk als Brandbeschleuniger

Einige seiner Tweets waren hetzerisch, wie der Link zu einem Artikel, der eine Verschwörungstheorie über den brutalen Angriff auf Paul Pelosi, den Ehemann der ehemaligen US-Sprecherin Nancy Pelosi, verbreitet, oder sein Tweet, dass „ein Bürgerkrieg unvermeidlich ist“, nachdem es kürzlich in Großbritannien zu Unruhen gekommen war.

Wie die BBC berichtete, kam es nach der tödlichen Messerstecherei auf drei Mädchen in Southport zu den Gewaltausbrüchen. „Die anschließenden Unruhen in Städten und Gemeinden in ganz England und in Teilen Nordirlands wurden durch Fehlinformationen im Internet, rechtsextreme und einwanderungsfeindliche Stimmungen angeheizt.“

Der Oligarch schert sich nicht um Nettigkeiten, wenn die Leute anderer Meinung sind. Ende letzten Jahres erwogen Werbetreibende, X zu boykottieren, weil sie glaubten, dass einige von Musks Beiträgen antisemitisch seien. Er sagte ihnen in einem Live-Interview: „F… euch doch“.

Er hat Donald Trump, den Präsidentschaftskandidaten der Republikanischen Partei, wieder auf X willkommen geheißen, nachdem Trumps Konto wegen seiner Kommentare zum Angriff auf das Kapitol am 6. Januar 2021 gesperrt worden war. Seitdem haben beide Männer die Idee ins Spiel gebracht, gemeinsam zu regieren, falls Trump eine zweite Amtszeit gewinnt.

Ist die Welt besser dran mit Tech-Bros wie Musk, die uneingeschränkte Freiheit fordern und ihren Einfluss dreist geltend machen? Oder mit altmodischen Medienmoguln, die wohlklingende Rhetorik über Pressefreiheit verbreiten und unter dem Deckmantel des Journalismus Einfluss ausüben?

Das ist eine Frage unserer Zeit, mit der wir uns wahrscheinlich auseinandersetzen sollten.

* Übersetzt und veröffentlicht im Rahmen einer CC-Lizenz.

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US-Wahlkampf: Desinformation aus dem In- und Ausland

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Um US-Wahlkampf bekommen beide KanditatInnen Unterstützung von Prominenten und einflussreichen Gestalten wie Musk. Welche Rolle spielt Desinformation?

Bonn/Washington (KNA/IZ). „Kamala Harris steht an der Seite Israels“ steht groß in einer Werbeanzeige, die zu einem Video weiterleitet, das die Aussage mit Zitaten der demokratischen Präsidentschaftskandidatin bestätigen soll. „Heuchlerische Kamala Harris steht an der Seite Palästinas, nicht unseres Verbündeten Israels“ heißt es dagegen in einer weiteren Anzeige. Erstere wird vornehmlich bei arabischen und einigen muslimischen Bevölkerungsgruppen, letztere bei Juden in den USA geteilt. Von Niklas Hesselmann

Letztlich verantwortlich dafür ist Elon Musk. Der Tech-Milliardär verbreitet die Anzeigen auf seiner Online-Plattform X. Er, der den republikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump unterstützt, will so Stimmung gegen dessen Konkurrentin machen. Musk erhofft sich von einem Wahlsieg des Republikaners nicht zuletzt mehr Freiheit für seine wirtschaftlichen Aktivitäten. Bei einem Interview mit Trump bot er sich gar als Berater in der künftigen Regierung an.

Außerdem setzt er sich nach eigenen Angaben für mehr Meinungsfreiheit ein; seit der Übernahme vor zwei Jahren beobachten Kritiker indes eine Zunahme von „Fake News“ und irreführenden Inhalten.

Von Januar bis August etwa veröffentlichte Musk selbst mehr als 50 Postings zur US-Wahl, die laut der NGO „Center for Countering Digital Hate“ Falschinformationen enthielten. Erreicht habe er damit mehr als eine Milliarde Menschen. Die politische Einflussnahme durch Desinformation kommt demnach nicht nur aus dem Ausland, etwa durch Russland oder China, sie komme auch aus dem Inland.

Tech-Genie Elon Musk macht

Foto: Kavi Design, Shutterstock

Eine aktuelle Recherche des „Wall Street Journals“ lässt derweil die Frage aufkommen, wie stark der russische Einfluss auf Musk ist. Demnach bestand von Ende 2022 bis mindestens Anfang dieses Jahres ein direkter Kontakt zwischen Musk und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. In der Zeit habe es Unterhaltungen zu geopolitischen, geschäftlichen und persönlichen Themen gegeben. Der Kreml dementierte, Musk äußerte sich bislang nicht dazu.

Für Aufsehen sorgte der Unternehmer zudem mit der von ihm gegründeten Lobbygruppe „America PAC“, die versprach, täglich eine Million Dollar unter registrierten Wählern in besonders umkämpften Swing States zu verlosen. Um teilzunehmen, sollte man eine von Musk initiierte Petition für freie Meinungsäußerung und gegen Zensur unterzeichnen. Experten zweifeln jedoch, ob die Aktion legal ist. Es droht juristischer Ärger.

Immer wieder wird auch über den Einfluss von Stars aus dem Showgeschäft auf den Wahlkampf diskutiert. Während Trump im Vergleich zu Harris deutlich mehr Follower in sozialen Medien verzeichnen kann, bekommt die demokratische Kandidatin prominente Unterstützung etwa von Taylor Swift. Als die Sängerin im September ihre Fans aufrief, sich für die Wahl zu registrieren, kamen dem innerhalb kurzer Zeit Hunderttausende nach.

Marketingforscher Raoul Kübler sieht aber einen wichtigen Unterschied: Während Swift nur eine einmalige Wahlempfehlung aussprach, unterstützt Musk kontinuierlich die Trump-Kampagne. „Daher würde ich die Rolle von Musk als deutlich dominanter und wahrscheinlich auch einflussreicher einschätzen als die einer Taylor Swift“, sagte Kübler der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

In einer über acht Jahre angelegten Studie fand der Forscher der Pariser ESSEC Business School mit Kollegen aus Boston und Münster Gründe, weshalb die diesjährige Wahl ähnlich ausgehen könnte wie 2016. Damals gewann Trump gegen Hillary Clinton, obwohl diese in den Umfragen vorne gelegen hatte.

In der kürzlich veröffentlichten Analyse untersuchten die Wissenschaftler mehr als 200 Millionen Postings im Zusammenhang mit den US-Wahlkämpfen seit 2016. Demnach vervierfachte sich die Anzahl von „Fake News“ von 2016 bis 2020; ein weiterer Anstieg werde vermutet. Im aktuellen Wahlkampf spielten etwa verbreitete Falschbehauptungen über Migranten und Hurrikan-Opfer Trump in die Karten.

Die Bedeutung von Social Media im Wahlkampf nehme weiter zu, so die Forscher. Flossen 2020 noch rund 14 Prozent des Werbebudgets in digitale Kanäle, liegt der Anteil im aktuellen Wahlkampf mit 30 Prozent mehr als doppelt so hoch.

Neben den offiziellen Ausgaben kommen die der sogenannten PACs (Political Action Committees) hinzu. Mit den Investitionen dieser Lobbygruppen wird das gesamte Social-Media-Budget laut Kübler auf über 650 Millionen Euro geschätzt. Dennoch hält die Studie fest, dass der Einfluss über die klassischen Medien nach wie vor nicht zu vernachlässigen sei.

Welche Themen auf die Agenda kommen, entscheide sich allerdings oft in den sozialen Medien. „Wer es schafft, Themen in die Online-Debatte zu bringen, schafft es auch, dass diese irgendwann in der Medienwelt auftauchen“, so Kübler. „Und die Medienwelt sorgt dann dafür, dass diese Themen auch wahlentscheidend werden.“ Es seien vor allen Dingen Desinformationskampagnen und Provokation, die zu Diskussionen auf Social Media führten und darüber sowie über Mundpropaganda klassische Medien beeinflussten.

Die Studie stellt große Unterschiede zwischen den Kandidaten heraus: Im Wahlkampf 2016 beispielsweise schaffte es Trump mit Hilfe seines Kampagnen-Teams, soziale Medien zu nutzen, um seine Medienpräsenz deutlich zu steigern.

Auch im diesjährigen Wahlkampf sei Trump in den Nachrichtenmedien überrepräsentiert – und das, obwohl sein Gesamtbudget für den Wahlkampf laut Wahlkommission mit aktuell über 375 Millionen US-Dollar deutlich geringer ist als die über 900 Millionen US-Dollar auf demokratischer Seite. Einzig zu Beginn der Kandidatur von Harris habe der mediale Fokus auf ihr und ihrem Vize-Kandidaten Tim Walz gelegen. Dies habe sich inzwischen geändert.

Es sei nebensächlich, ob die Kampagne gegen den anderen geführt werde oder die eigene Person in den Mittelpunkt rücke. „Das Wichtige ist, dass man Debatte schafft“, so Kübler: „Inhalt wird immer unwichtiger.“ Trumps Vorsprung in den sozialen Medien basiere auch darauf, dass er mit polarisierenden Themen immer wieder Diskussionen auslöse. „Dementsprechend glaube ich, dass Trump mit einem gewissen Vorteil in die Wahlnacht geht.“

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Elon Musk: Forscher halten Kritik wegen X aufrecht

Tech-Genie Elon Musk macht

Elon Musk hat gegen die Organisation CCDH geklagt. Sie hält ihre Kritik aufrecht.

San Francisco (dpa). Die von Elon Musks Online-Plattform X verklagten Hassrede-Forscher legen mit neuer Kritik an dem Dienst nach. Die Experten meldeten X (ehemals Twitter) Ende Oktober 200 Beiträge rund um den Hamas-Überfall auf Israel und den Gaza-Krieg, die nach Angaben der Forscher eindeutig gegen die Regeln verstießen.

Eine Woche später seien 196 davon immer noch online gewesen, berichtete die Organisation CCDH am Dienstag.

Elon Musks Online-Plattform: Es soll dort auch zu Gewalt aufgerufen werden

In den Beiträgen sei unter anderem zu Gewalt gegen Juden, Palästinenser und Muslime aufgerufen worden, hieß es in einem Blogeintrag der CCDH (Center for Countering Digital Hate). Auch seien antisemitische Verschwörungstheorien verbreitet und der Nazi-Massenmord an Juden geleugnet oder verharmlost worden.

Von X gab es zunächst keine Reaktion auf die Kritik der Organisation. Wenige Stunden zuvor veröffentlichte der Dienst allerdings einem Blogpost zu seinem Umgang mit Inhalten, die gegen die Regeln der Plattform verstoßen.

Darin hieß es unter anderem, bisher sei man gegen mehr als 320.000 Beiträge unter anderem wegen Hassrede vorgegangen. Mehr als 3.000 Accounts seien entfernt worden. Bei über 25.000 Posts hätten die Teams wegen manipulierten Inhalten eingegriffen.

EU-Kommission schaltet sich ein

X hatte in den vergangenen Wochen eine offizielle Anfrage der EU-Kommission zur Einhaltung des neuen EU-Digitalgesetzes DSA erhalten. Online-Plattformen werden vom Digital Services Act (DSA) verpflichtet, strikt gegen illegale Inhalte wie zum Beispiel Hassrede und Hetze im Netz vorzugehen.

Musks Plattform hatte die Online-Forscher, die Hassrede und Falschinformationen im Netz aufdecken, im Sommer verklagt. X wirft CCDH in der Klage vor, für Berichte zum Umgang mit Hassrede widerrechtlich auf Daten des Dienstes zugegriffen zu haben. Dem Unternehmen sei dadurch Schaden entstanden, weil Werbekunden abgesprungen seien.