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„Islamisierung“ – das instrumentalisierte Schreckgespenst

afd Islamisierung

Ob „Islamisierung“ oder „Unterwanderung“: Rechte und bürgerliche Stimmen erzeugen Narrative, die keinen empirischen Standards entsprechen.

(iz). Nicht Klimawandel, hybride Kriegführung Russlands, Rechtsruck oder Wirtschaftskrise scheinen Teile der Deutschen so zu fürchten wie die Schreckwörter „Umvolkung“ und „Islamisierung“. Während das erste Phänomen eine extrem vage Verbindung zur Wirklichkeit hat – den realen demografischen Wandel –, entbehrt das Letztere jeder Grundlage.

„Islamisierung“ – Verschwörungstheorie mit anderen Mitteln

Nicht nur Muslime hier wenden sich seit Jahren gegen das Zerrbild einer „Islamisierung“ und den damit verbundenen Generalverdacht. Ihre große Mehrheit lebt gesetzestreu und zeigt so, dass es keinerlei reale Bestrebungen gibt, ein solches Projekt zu verfolgen.

Renommierte Experten wie der Islamwissenschaftler und Jurist Mathias Rohe, Direktor des Erlanger Zentrums für Islam und Recht in Europa, argumentieren seit Langem gegen diese weitverbreitete Verschwörungstheorie.

Der Begriff „Islamisierung“ ist ein zentraler Kampfbegriff in der Debatte, insbesondere im rechtskonservativen und -populistischen Spektrum. Der frühere AfD-Politiker Alexander Gauland etwa nutzte diese Terminologie regelmäßig, um eine vermeintliche Bedrohung der deutschen Kultur und Gesellschaft durch „den Islam“ zu beschwören.

So sagte er beispielsweise 2018 auf dem Bundesparteitag: „Wir wollen keine Islamisierung Deutschlands. Der Islam gehört nicht zu Deutschland.“

Auch seine Parteikollegin Von Storch sprach 2017 auf Facebook von einer „schleichenden Islamisierung“ und „Unterwanderung“ der deutschen Werte: „Wir erleben eine schleichende Islamisierung unseres Landes, die von der politischen Elite nicht nur geduldet, sondern aktiv gefördert wird.“

Foto: Nicolaus Fest, via flickr | Lizenz: CC BY-ND 2.0

Der einflussreiche Psychologe und Publizist Ahmad Mansour nutzt diese pauschalisierte Markierung nicht. Er kritisierte seine Nutzung 2018 in einem Interview: „Der Begriff ‚Islamisierung‘ wird von Rechtspopulisten benutzt, um Angst zu schüren. Es gibt Herausforderungen durch den politischen Islam, aber eine pauschale Islamisierung findet nicht statt.“

Frei von verschwörungstheoretischen Sprachbildern ist er hingegen nicht. Differenzierter und in Abgrenzung zu plumpen Rechtsextremen warnte er wiederholt vor „Unterwanderung“ in der Bundesrepublik durch den „politischen Islam“.

Dieses Vokabular taucht in seinen Texten wie bei öffentlichen Auftritten auf. „Unterwanderung bedeutet nicht, dass wir in zehn Jahren ein Kalifat in Deutschland haben. Ich meine damit, dass der Einfluss von Jahr zu Jahr größer wird. (…) Wir sehen es in den letzten Monaten, beispielsweise daran, wie DITIB-Moscheen genehmigt werden; zuletzt in Wuppertal, ohne dass Politiker eine Ahnung haben, was die Imame dort predigen“, sagte er im Gespräch mit der „Augsburger Allgemeinen“. 

Dass muslimische Gemeinschaften von der rechtlich einwandfreien Möglichkeit Gebrauch machen, Gebäude zu errichten, scheint schon problematisch.

Mit einer solchen Rhetorik lässt sich nahezu jede Alltagspraxis als potenziell gefährlich interpretieren, ohne sich allzu offen im rechten Spektrum zu positionieren. Mansour sagte etwa 2022 dem Magazin „Cicero“:

„Die Islamisten sind nicht kurz davor, unsere Gesellschaft zu übernehmen, sie haben aber Macht. Vor allem auf lokaler Ebene haben sie schon einen nicht zu unterschätzenden Einfluss. Und in manchen Parteien sind die dritten bis vierten Reihen bereits besetzt durch Islamistenunterstützer oder Verharmloser.“

Während sich die Rhetorik am rechten Rand häufig verschwörungstheoretischer Sprachbilder bedient, greifen solche bürgerlichen Stimmen auf Techniken wie Assoziation, Generalverdacht oder den Verweis auf Extremfälle zurück.

Nicht selten muss dabei das Beispiel Berlin stellvertretend für alles Muslimische herhalten. Abgesehen von fragwürdig zitierten Umfragen mangelt es beiden an der empirischen Grundlage, die für eine seriöse Debatte unerlässlich wäre.

Empirisch sind diese Vorstellungen unhaltbar

In vielen deutschen Landesregierungen und in der Bundesregierung sitzen eine Handvoll von Ministern und Staatssekretären mit Zuwanderungsgeschichte. Keiner von diesen wie Staatsministerin Güler ist dafür bekannt, praktizierende Muslimin oder gar „Islamistin“ zu sein.

Nach Jetztstand gibt es im Bund und den Landtagen zwar Abgeordnete mit muslimischem Hintergrund. Unter ihnen – darunter den 19 MandatsträgerInnen des Bundestags mit „muslimischem Migrationshintergrund“ – gibt es kaum, bis gar keine Parlamentarier, die praktizieren würden.

Schauen wir auf die Bereiche Staat, Bürokratie und Ämter, zeigt sich ein ähnliches Bild: Selbstverständlich arbeiten im öffentlichen Dienst, in der Verwaltung und bei der Polizei praktizierende Muslime.

Gleiches gilt für die Bundeswehr, in der Schätzungen zufolge zwischen 1.600 und 6.000 Menschen islamischen Glaubens ihrem Land dienen. Einzelne Angehörige der Streitkräfte sind dafür bekannt geworden, wie sie ihren Militärdienst mit ihrer Religionspraxis in Einklang bringen.

Foto: Bundeswehr/Rolf Klatt

Bei Parteien und deren Organen zeigt sich ein ähnliches Bild: Es gibt zwar prominente Mitglieder mit Migrationshintergrund, doch es mangelt an sichtbaren Vertretern, die offen für die Belange religiös praktizierender Personen eintreten oder entsprechende Gesetzesinitiativen anstoßen.

Dieses Defizit wird von Beobachtern und Teilen der Community kritisiert, da sich viele dadurch politisch nicht ausreichend repräsentiert fühlen. Auch bei den Parteistiftungen ist die Lage vergleichbar: Sichtbare und bekennende Muslime in Führungspositionen sind nur selten zu finden.

Ein Grund dafür ist, dass Parteien ihre Repräsentanten in erster Linie wegen der Wählbarkeit und weniger nach identitätspolitischen Kriterien auswählen.

Bei der Wissensproduktion und -vermittlung – an Universitäten, in Forschungseinrichtungen, Stiftungen und Massenmedien – sind bekennende und praktizierende Muslime vertreten. Abgesehen von einer kleinen Gruppe, die überwiegend in den Fachgebieten Islamwissenschaft, Theologie oder Migration tätig ist, bleibt ihre Zahl begrenzt.

Ähnliches gilt für andere öffentliche Institutionen: Zwar gibt es dort Mitarbeiter und Stipendiaten mit einem solchen Hintergrund, doch kaum jemanden, der eine einflussreiche Führungsposition innehat.

Das Bild in Qualitäts- und Massenmedien ist vergleichbar. Die Zahl muslimischer Journalistinnen und Journalisten – festangestellt bzw. freiberuflich – ist in den letzten Jahren gestiegen. Doch in Spitzenpositionen wie Ressortleitungen oder Chefredaktionen sind bislang keine Angehörigen der Community bekannt.

Stellungnahmen, etwa vom Zentralrat, kritisieren diese mangelnde Sichtbarkeit und Repräsentanz islamischen Lebens in zentralen gesellschaftlichen Bereichen, insbesondere in der Medienlandschaft.

In der freien Wirtschaft – allen voran in den obersten Führungsebenen wie Aufsichtsräten, Geschäftsführungen oder dem Top-Management großer Konzerne – sind in Deutschland bislang keine praktizierenden Muslime öffentlich bekannt.

Weder die verfügbaren Quellen noch Berichte nennen Beispiele für Personen, die in DAX-Unternehmen, bedeutenden Mittelständlern oder in Aufsichtsgremien der deutschen Wirtschaft eine herausgehobene Rolle einnehmen. Aktuelle Analysen zur Diversität in Unternehmensführungen heben die geringe Repräsentanz von Menschen mit einem solchen Hintergrund – und insbesondere von offen praktizierenden Muslimen – hervor.

Zwar arbeiten Millionen als Arbeiter und Angestellte, doch in den höchsten Leitungsfunktionen sind sie bislang weder sichtbar noch öffentlich präsent.

Alleine schon dieser oberflächliche Blick auf die deutschen Verhältnisse zeigt, dass die Angst- und Schlagworte „Islamisierung“ bzw. „Unterwanderung“ nicht begründet sind, wenn es um relevante Schlüsselstellungen in Staat, Gesellschaft oder Wirtschaft geht. Die damit verbundenen Narrative mögen beim Zielpublikum ankommen, die Wirklichkeit bilden sie nicht ab.

Foto: FAU/Boris Mijat

Jurist und Islamwissenschaftler Rohe ordnet die Debatte in den richtigen Kontext ein

Der Begriff „Islamisierung“ werde laut dem oben erwähnten Mathias Rohe häufig zur Beschreibung „islamistisch-extremistischer Entwicklungen“ genutzt, sei aber irreführend. Tatsächlich handele es sich dabei um eine politische Ideologie, die eine islamische Gesellschaftsordnung über den säkularen Staat stellen wolle.

Nur ein kleiner Teil der muslimischen Bevölkerung in Deutschland unterstütze solche Positionen. Das zeigten zahlreiche Studien. Die Mehrheit lebe religiös im privaten Rahmen. Er warnte vor pauschalen Unterstellungen: Spirituelle Praktiken wie das Tragen eines Kopftuchs oder ein Verzicht auf den Handschlag sollten nicht vorschnell als Zeichen von Extremismus gewertet werden.

Wer Normalität mit „Islamismus“ verwechsle, betreibe eine gefährliche Täter-Opfer-Umkehr. Feindliche Pauschalurteile förderten nicht Sicherheit, sondern Radikalisierung.

Er wies darauf hin, dass zahlreiche seriöse Erhebungen (darunter die BAMF-Studien zum muslimischen Leben 2020 sowie die spätere Untersuchung zur Zusammengehörigkeit) entsprechende Erkenntnisse lieferten. Verschiedene Untersuchungen des Bertelsmann-Religionsmonitors kämen zu ähnlichen Ergebnissen.

Der Wissenschaftler betonte, dass manche Studien mit problematischen Fragestellungen im deutlichen Gegensatz zu seriösen stünden. So werde beispielsweise kritisiert, dass Befragte gefragt würden, ob ihnen die Regeln ihrer Religion – wie etwa „die Scharia“ – wichtiger seien als das deutsche Recht.

Durch eine solche Methodik werde ein fundamentaler Widerspruch suggeriert, der in Wirklichkeit nicht existiere. Dies bestehe zum größten Teil aus religiös-ethischen Vorschriften, die grundsätzlich durch die Religionsfreiheit geschützt seien.

Hinsichtlich rechtlicher Normen lehre diese, dass gläubige Muslime die Gesetze des Landes, in dem sie leben, respektieren müssten, was für die Mehrheit ohnehin selbstverständlich sei. „Wer tatsächlich vorhandene problematische Einstellungen z.B. zum Verhältnis der Geschlechter oder zu Körperstrafen erforschen möchte, muss dies mit konkreten Fragestellungen tun, die wissenschaftlichen Standards entsprechen. Dafür ist freilich Fachkenntnis erforderlich, und die Ergebnisse sind deutlich weniger spektakulär.“

Bei diesem Thema plädierte er für Minderheitenschutz. „Religionsfreiheit im säkularen Staat äußert sich in der Neutralität des Staates gegenüber Religionen sowie deren Gleichbehandlung, auch im Alltag.“ Wer diese zwar abstrakt begrüße, aber ihre Einschränkung im Falle von Muslimen und Musliminnen in Deutschland gutheiße, „stellt sich gegen rechtsstaatliche Grundsätze“.

Für ihn bewähre sich ein auf Rechtsgrundlagen agierender Staat im Schutz von Minderheiten. „Religionsfreiheit ist zudem dynamisch. Sie erstreckt sich nicht nur auf historisch etablierte Religionen. Deshalb ist die Errichtung einer religiösen Infrastruktur für die muslimische Bevölkerung eine schiere Normalität und hat nichts mit ‘Islamisierung’ zu tun.“

Rohe wies darauf hin, dass das Übernehmen von AfD-Parolen aus Angst durch die Mitteparteien letztlich „Islamismus“ und Rechtsextremismus begünstigen könne. Staatspolitische Verantwortung bedeute aus seiner Sicht, einerseits effektive Maßnahmen gegen tatsächliche Probleme radikaler Ideologien zu ergreifen und andererseits der destruktiven Agenda extremistischer Gruppen wie der AfD entgegenzutreten.

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Kommentar: Solingen oder die Wiederkehr des Ewiggleichen

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Der 23. August dieses Jahres sollte den Auftakt des dreitägigen Stadtfestes „Festival der Vielfalt“ zum 650. Geburtstag der Stadt Solingen darstellen. Doch es kam zum Schrecken aller anders. (iz). Ein […]

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Hamburger LiteraturAG: Narrative und das Versprechen der Moderne

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Texte einer LiteraturAG von muslimischen Akademikern aus Hamburg (2) zum Thema: Narrative und das Versprechen der Moderne. (iz). Narrative sind en vogue und omnipräsent. In jedem Diskurs, mehr und mehr […]

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Die großen Erzähler – kann Thomas Mann helfen, Orientierung in der Informationsgesellschaft wiederzufinden?

Thomas Mann

Angesichts der Ruinen des zerstörten Deutschlands, betont Thomas Mann ausdrücklich, im politischen Sinne, die Daseinsberechtigung von Religion.

(iz). Die Wahrheit im emphatischen Sinne hat einen narrativen Charakter“, argumentierte der Philosoph Byung Chul Han vor zwei Jahren in einem Essay über die Folgen der Digitalisierung. Das Ende der großen Erzählungen, dass die Postmoderne einleitet, vollendet sich für Han in der Informationsgesellschaft. Im Gegensatz zu Diktaturen wie China oder Russland werden die Fakten nicht zensiert, sondern der Konsument eher mit ihnen überflutet. „Die zu verarbeitende Information ist so umfangreich geworden, dass sie die begrenzte Rationalität von Individuen übersteigt.“

Die Folgen sind dramatisch; es gelingt der Gesellschaft immer weniger, sich auf eine gemeinsame Fakten- und Diskussionsgrundlage zu einigen. Die von Arendt und Habermas als Ideal hochgehaltene Öffentlichkeit kommt, so analysiert Han, erst gar nicht mehr zustande. Im Ergebnis deutet der Philosoph den Verlust an den großen Erzählungen im Sinne einer Krise der Demokratie.

Thomas Mann

Foto: Bundesarchiv, Bild 183-R15883 / Unbekannt / CC-BY-SA 3.0

Thomas Mann oder die großen Narrative

Man sollte sich nicht täuschen: Jenseits der Tagespolitik bilden die großen Narrative, sei es über die deutsche Geschichte, die monotheistischen Religionen oder die abendländische Philosophie immer noch den geistigen Rahmen des Zusammenlebens. Die Vermittlung von Einsichten der Geisteswissenschaften an eine junge Generation, deren Erkenntnis vom schnellen Takt kurzer Überschriften in den sozialen Medien geprägt ist, wird dabei zunehmend zur Herausforderung.

Es herrscht im Grunde Konsens darüber, dass eine Integration neuer BürgerInnen nur gelingt, wenn das historische Phänomen Deutschland, zumindest im weitesten Sinne, verstanden wird. Genauso gilt dies für Landsleute, die sich heute wieder den Parolen des Nationalismus zuwenden.

Dieter Borchmeyer schrieb 2017 ein wichtiges Buch mit dem Titel „Was ist Deutsch?“, im letzten Jahr folgte die Werkmonografie „Thomas Mann“. Nimmt man die beiden Bände in die Hand, bleibt nur die Bewunderung für die akribische Arbeit des Literaturwissenschaftlers. Die Leserschaft wird bei der Lektüre gefordert, für eine erste Übersicht der Thematik bewältigt man tausende Seiten.

Nationalsozialismus oder eine Geschichte „des anderen Deutschlands“

Im Kern erzählt er in beiden Büchern eine Geschichte des anderen Deutschlands und klärt über die Möglichkeit auf, dass das konservative Denken nicht automatisch in den Nationalismus und Rassismus führt. 

Zentral behandelt wird von dem Autor die geistesgeschichtliche Auseinandersetzung mit der Ideologie und das Scheitern des Bildungsbürgertums gegenüber dem Rassenwahn der Nationalsozialisten. In einer Zeit, in der wir Antisemitismus und Fanatismus beklagen, erübrigt es sich die Relevanz dieser Themen zu betonen.

Die Absicht, junge Muslime über diese Erfahrungsräume aufzuklären, die sich aus der deutschen Geschichte ergeben, ist lobenswert; nur, man wird kaum erwarten, dass viele der gewünschten Adressaten sich durch tausende Seiten durcharbeiten. Es gehört zu den Dienstleistungen der Gelehrten und Erzähler, die größere Themen durchdringen und die Quintessenz ihrer Erkenntnis präsentieren, den Lesern Zeit und Mühe zu sparen.

Zuwanderung Jugendliche

Foto: Daniel M. Ernst, Shutterstock

Junge Muslime brauchen anschauliche Vermittlung

Entsprechende Lerneffekte sind leichter zu erreichen, wenn der Stoff nicht nur theoretisch, sondern ebenso anschaulich vermittelt wird. Die Stadt Weimar bietet nach wie vor eine einmalige Bühne, um junge Menschen in dieses Narrativ zumindest einzuführen. Die Grundlagen für derartige Erkundungen finden sich, um nur zwei Beispiele zu nennen, in der Biografie Rüdiger Safranskis über das Leben Goethes oder Michael Jaegers Essay, das die Aktualität des Global Player Faust aufzeigt. 

Dabei geht es weniger darum, die Identität des Dichterfürsten endgültig zu definieren, sondern vielmehr das „Wie“ einer offenen, ganzheitlichen Lebensform zu erklären. Inwieweit die Ideale der Weimarer Klassik tragen, gehört zu den kontroversen Fragen, die man auf derartigen Veranstaltungen immer wieder hört.

Zu einer Romantisierung der Zeitepoche wird es in keinem Fall kommen, denn ein aufmerksamer Gang durch die Stadt übersieht nicht die Spuren der Verbrechen des 20. Jahrhunderts, man denke nur an das Lager auf dem Ettersberg, ein Mahnmal des Rassenwahns und der Judenverfolgung. Junge Menschen, unabhängig von ihrer Konfession, verstehen auf diesen Stadtführungen recht schnell die Grenzlinie, die den Einsatz für Ideale und die Praxis von Ideologien trennt.

Thomas Mann und die Religion

Goethes Verhältnis zur Religion, Wissenschaft, Politik und Ökonomie ist heute ausführlich beschrieben. Mit seinem neuesten Beitrag eröffnet Borchmeyer den Zugang zu einem anderen, weiteren Kapitel: Thomas Mann. Der Schriftsteller, der vor den Nationalsozialisten ins Exil flüchtete, ist einer der wichtigsten Zeitzeugen der deutschen Erfahrung mit der Ideologie. In seiner Erzählung „Lotte in Weimar“ wandte sich Mann mit sanftem Humor gegen die verbreitete Tendenz, den Dichterfürsten auf das Podest zu heben.

Der Glaube an eine geschichtsmächtige Bildung war längst einem tiefen Pessimismus gewichen. In seiner „Meerfahrt mit Don Quijote“ schreibt er 1934: „Ach die Menschheit! Ihr geistig-moralischer Fortschritt hat mit ihrem technischen nicht Schritt gehalten, er ist weit dahinter zurückgeblieben, man sieht es hin und wieder, und der Unglaube daran, dass ihre Zukunft glücklicher sein könnte als ihre Vergangenheit nährt sich aus dieser Quelle.“

Foto: Steffen Schmitz (Carschten), via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 4.0

Sein Urteil über das Bildungsbürgertum, das die Ideale der Weimarer Klassik auf seine Fahne heftete und den Wahn des Nationalismus nicht verhinderte, ist eindeutig: „Es sei ein Irrtum deutscher Bürgerlichkeit gewesen (…) zu glauben, man könnte ein unpolitischer Kulturmensch sein“, schrieb er 1939 in seinem Essay „Kultur und Politik“. Seine Lehre aus der Vergangenheit ist klar: Jenseits der Bildung, der Konfession oder der Herkunft sind die BürgerInnen immer der Humanität und Moral verpflichtet.

Borchmeyer beschreibt den „ironischen Konservatismus“ des Nobelpreisträgers: „Wahre Politik ist immer ironischen Wesens, ihrer Natur nach kann sie niemals radikal sein, denn sie ist Klugheit und daher notwendig der Wille zur Vermittlung.“ Schon 1916 hatte Mann an Paul Amann geschrieben: „Wer die Wahrheit zu besitzen glaubt, kann kein Wahrheitsliebender sein.“ Die These ist leicht zu überprüfen: Religiöse und politische Fanatiker mit Humor, oder einer ironischen Selbstdistanz, sind heute wie früher nicht zu finden.

Nach dem Krieg besuchte Thomas Mann im Jahr 1949 Weimar und reklamierte das Erbe Goethes für den Geist einer Demokratie, im Sinne, wie Borchmeyer zusammenfasst, „(…) einer Lebensverbundenheit im Gegensatz zum Aristokratismus des Todes und als politischer Ausdruck des Christentums, eines Christentums freilich jenseits aller konfessionellen Schranken und als Erscheinung einer alle nationalen Grenzen überschreitenden Menschheitsreligion“.

Vor den Erfahrungen des Nationalsozialismus hatte Thomas Mann das Religiöse bisher nur mit der naiven Ehrfurcht eines Daseinsmenschen vor dem Unbekannten angesehen, angesichts der Ruinen des zerstörten Deutschlands, betont er ausdrücklich, im politischen Sinne, die Daseinsberechtigung von Religion. Dabei ist ganz in der Tradition von Goethe und Mann hier den Plural anzuwenden und von den Religionen zu sprechen.

Zu den faszinierendsten Passagen in der Werkmonografie gehört die im 8. Kapitel ausgeführte Erinnerung an das – wie namhafte Kommentare meinen – Hauptwerk Thomas Manns: „Joseph und seine Brüder“. „Tief sind die Brunnen der Vergangenheit“, heißt es am Beginn der zwischen den Jahren 1933 und 1945 veröffentlichten Roman-Trilogie. Über die biblische Geschichte las er bei Goethe: „Höchst anmutig ist diese natürliche Erzählung, nur erscheint sie zu kurz, und man fühlt sich berufen, sie ins Einzelne auszumalen.“

Der Schriftsteller folgte diesem Aufruf mit größtmöglichem Aufwand und recherchierte jahrelang über das Thema. Ein Geniestreich: Im amerikanischen Exil kontert Mann die Verfemung der Juden in der nationalsozialistischen Ideologie mit einer großen Erzählung, gewidmet dem, im Qur’an ausführlich erwähnten, Propheten. Das Werk behandelt eine bis heute bestehende Bildungslücke der Deutschen, nicht nur von jungen Muslimen, die das Judentum meist mit dem Palästina-Konflikt in Verbindung bringen.

Für Mann selbst ist die intensive Beschäftigung mit der Religion Teil einer Metamorphose, die er in einem Brief 1934 wie folgt beschreibt: „Tatsächlich ist in meinem Fall das allmählich zunehmende Interesse fürs Mythisch-Religionshistorische eine Alterserscheinung, es entspricht einem mit den Jahren vom Bürgerlich-Individuellen weg, zum Typischen, Generellen und Menschheitlichen sich hinwendenden Geschmack.“

Foto: Dana Ward, Unsplash

Suche nach Maß und Mitte

Die lebenslange Suche des Schriftstellers nach Maß und Mitte, angedeutet durch einen Konservativismus, der für Tradition und Reform offen und stets klar abgegrenzt von jeder Verführung zu einer religiösen oder politischen Ideologie ist, inspiriert aktuelle Debatten. Die Suche nach einer engagierten Lebensform, die liberale und konservative Elemente in Einklang bringt, sich jenseits von Esoterik oder Fanatismus verortet, prägt das Leben junger Muslime. Sie wünschen sich in ihrer Mehrheit gesellschaftliche Akzeptanz und stehen zu ihrem Bekenntnis zum Islam.

Man kann Byung Chun Han entgegenhalten, dass nicht nur eine Flut von Informationen, sondern ebenso die wachsende Zahl von Narrativen die Übersicht erschwert. In beiden Fällen ist es notwendig, Unterscheidung zu üben und vertrauenswürdige Quellen zu bemühen. Fakt ist, zum Bildungsauftrag islamischer Institutionen gehört die Sichtung wichtiger Themen, die Auswahl der prominenten ErzählerInnen und der Auftrag ihnen Gehör zu verschaffen. Nur in diesem Zusammenspiel, im niveauvollen Dialog, entsteht ein Kompass, der deutsche Muslimen eine klare Orientierung verschafft. 

Die Kenntnisse der Geschichte und die Erkundung ihrer historischen Stätten, das Lernen aus der historischen Erfahrung gehören zum Leben in Deutschland. Warum nicht öfters die Moscheegemeinden in derartigen Exkursionen an die angesprochenen Themen heranführen? Für Thomas Mann war der Wanderer die Symbolfigur des „Deutschen“ schlechthin.

1926 schrieb er an Gerhart Hauptmann: „Der Deutsche gelangt zu Gott auf dem Weg über die Zertrümmerung des Dogmas und durch die Wüste des Nichts, er gelangt zur Gemeinschaft durch alle Tiefen der Einsamkeit und des Individualismus; und zur Gesundheit gelangt er durch letztes Wissen von Krankheit und Tod.“