, ,

NRW-Kommunalwahlen 2025: Der ängstliche Blick auf die AfD

Kommunalwahlen

Trotz massiver AfD-Zugewinne bei den NRW-Kommunalwahlen sprechen die großen Parteien CDU und Grüne ihrerseits von Erfolgen.

Düsseldorf (iz). Bei den Wahlen zu den Gemeinden 2025 in Nordrhein-Westfalen waren ca. 14 Mio. Bürger aufgerufen, in 396 Städten/Gemeinden und 31 Kreisen über 20.000 Mandate – darunter rund 3.000 Bürgermeister- und Landratspositionen – abzustimmen.

Die Zahl der Kandidatinnen und Kandidaten lag landesweit im fünfstelligen Bereich, da sowohl Parteien als auch zahlreiche Einzelbewerber und Wählergruppen antreten konnten.

Die Gruppe der wahlberechtigten Personen umfasst Deutsche und ca. 800.000 EU-Ausländer. Hinzu kamen ca. 1,5 Millionen Nicht-EU-Ausländer, die über Integrationsräte mitentscheiden können.

Die Wahlbeteiligung lag landesweit bei 56,8 % und damit deutlich über den letzten Jahren, vergleichbar mit dem historischen Wert von 1994, als ebenfalls mehr als 56 % gemessen wurden und seitdem ein Tiefpunkt bei etwa 48 % lag.

Daraus ergibt sich ein erheblich bürgerliches Engagement in NRW – insbesondere auch für Einwohner mit internationalen Wurzeln, die verstärkt angesprochen und informiert werden müssen, damit sie ihre Rechte wahrnehmen.

Foto: Fabian.aichwald/Wikimedia Commons | Lizenz: CC0

Kommunalwahlen: NRW-CDU erklärt sich zum Sieger

Die CDU ging erneut als stärkste Kraft hervor. Sie erreichte laut vorläufigem Endergebnis einen Stimmenanteil von etwa 33,3 %, was zwar einen leichten Rückgang gegenüber 2020 bedeutet, sie aber klar vor SPD und Grünen positioniert.

Ministerpräsident und CDU-Landeschef Hendrik Wüst bewertete das Ergebnis als „tollen Erfolg“ und betonte, die CDU bleibe die „Kommunalpartei Nummer eins“ in NRW. Gleichzeitig äußerte er sich besorgt über den starken Zuwachs der AfD und forderte die demokratischen Parteien zum geschlossenen Handeln auf.

Bundesgeneralsekretär Linnemann ergänzte, man müsse jetzt das Ordnungsversprechen erneuern und lokale Probleme wie Armutsmigration und Problemimmobilien entschieden angehen. Mit Blick auf die Stichwahlen kündigte die CDU an, Kandidaten demokratischer Parteien gegenüber der AfD aktiv zu unterstützen, um ein klares Zeichen für die Mitte zu setzen.

Abgeräumt im Ruhrgebiet: die nicht so heimlichen Sieger

Die AfD hat ihr Ergebnis im Vergleich fast verdreifacht und landesweit etwa 14,5 % erreicht, was besonders in Städten des Ruhrgebiets wie Gelsenkirchen, Duisburg und Hagen mit Einzügen in die Stichwahlen sichtbar wurde.

Landeschef Martin Vincentz sprach nach dem Wahltag von einer „Volksabstimmung über die Richtung des Landes“ und wertete das starke Ergebnis als „Signal für die etablierten Parteien, endlich den Willen der Bürger ernst zu nehmen“. Die AfD sieht sich laut Vincentz nun als echte Alternative und bekräftigte, im zweiten Wahlgang die Chance auf kommunale Führungspositionen offensiv wahrnehmen zu wollen.

Aus den Reihen der Kandidaten hieß es, der Aufstieg sei Ausdruck wachsender Unzufriedenheit mit „Immigrationspolitik und Sicherheitslage“, und man wolle Sachpolitik statt Ideologie in den einzelnen Kommunen voranbringen. Die Partei betonte, dass sie in Nordrhein-Westfalen endgültig verwurzelt sei und eine dauerhafte Rolle in der Lokalpolitik beanspruche.

NRW-SPD ist nicht mehr „Schutzmacht“ der Arbeiterschaft

Die SPD gehört zu den Hauptverlierern: Sie fiel landesweit auf etwa 22 % und musste besonders in traditionellen Arbeiterhochburgen herbe Einbußen hinnehmen.

Im Ruhrgebiet verlor sie rund 2,3 Punkte und erzielte mit 28,4 % ihr schlechtestes Ergebnis dort; besonders starke Verluste gab es in Bottrop (-8,6 %), Herne (-7,1 %), Oberhausen und Hagen (jeweils etwa -5,6 %). Nur in Hamm und Mülheim konnte sie zulegen, ansonsten wurde der bundesweite Negativtrend bestätigt.

Der NRW-Landesverband räumte die „enttäuschenden“ Resultate ein und forderte eine Rückbesinnung auf sozialdemokratische Kernthemen. Vorsitzende Bas betonte, dass die SPD wieder Politik für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer machen müsse – und das AfD-Ergebnis ein „Alarmsignal für die Sozialdemokratie“ sei. Aus Reihen der Ruhrgebiets-SPD hieß es, nur neue Glaubwürdigkeit und lokale Investitionen könnten den Abwärtstrend stoppen.

Die Grünen geben sich als Erfolgspartei

Die Grünen sanken bei der Kommunalwahl 2025 in NRW auf etwa 13–14 % und verloren damit über sechs Punkte gegenüber 2020, inszenieren sich aber dennoch als Gestalter für soziale und ökologische Zukunft.

Ihre zentralen Plakatslogans lauteten: „Deine Stimme. Dein Ort. Deine Zukunft.“ und „Klimaschutz fängt vor deiner Tür an.“. Damit betonten sie Bürgerbeteiligung und lokale Klimapolitik als Identitätskern.

In Stellungnahmen nach der Wahl erklärte Landeschef Felix Banaszak, die Grünen würden ungeachtet des Rückgangs unverändert mit „Zuversicht“ agieren und als „glaubwürdige Alternative zum gesellschaftlichen Druck von rechts“ auftreten.

Man verbreite Mut zum Wandel und setze weiter auf soziale Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit, auch als klare Abgrenzung zur AfD und zu stagnierenden Volksparteien. Kampagnenmotive und Statements heben hervor, dass ökologische und soziale Anliegen „direkt vor der Haustür“ entschieden werden müssen – dies bleibt trotz Stimmverlusten die strategische Selbstpositionierung.

Die Kleinparteien: von BSW, über die FDP bis zu Todenhöfer

2025 blieben die Ergebnisse der Kleinparteien BSW, FDP und Team Todenhöfer deutlich hinter den größeren Parteien zurück. Die FDP erzielte etwa 3,3 % der Stimmen und verlor damit weiter an Boden; der Landesverband sprach dennoch von einer wichtigen demokratischen Funktion und hob die erfolgreiche Verfassungsgerichtsklage gegen ungerechte Sitzverteilung als „Sieg der Demokratie“ hervor.

Das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) kam landesweit nur auf durchschnittlich 1,1 % und erklärte in Stellungnahmen, man habe ein „Signal für soziale Gerechtigkeit gesetzt“, wolle aber regional weiter aufbauen und bedauere die geringe Flächenpräsenz.

Team Todenhöfer hat bei den Kommunalwahlen 2025 in NRW kein Mandat errungen. Es blieb mit etwa 0,2 % eine Randerscheinung. Der NRW-Landesverband betonte weiterhin die Orientierung an „Frieden, weniger Bürokratie und echter Mittelschichtentlastung“ und sieht in der Kommunalpolitik an Rhein und Ruhr eine „Chance für neue Reformideen“. Alle drei Parteien unterstrichen ihre Kritik am etablierten Politikbetrieb und forderten mehr Glaubwürdigkeit und Transparenz in den Kommunen.

politik muslime entfremdet

Grafik: IZ (Foto: Adobe Stock)

Gibt es „den Migranten“ überhaupt als Wählergruppe?

Vorab wurde die Rolle migrantischer und muslimischer Wähler von einigen hervorgehoben. Rund 15 % der Wahlberechtigten haben einen internationalen Hintergrund – darunter etwa 800.000 EU-Ausländer und viele deutsche Staatsbürger mit Migrationsgeschichte.

Muslime sind als politische Gruppe präsent, obwohl ihre Wahlbeteiligung traditionell etwas unter dem Durchschnitt liegt. Verbände wie die IGMG und der Islamrat mobilisierten in diesem Jahr mit Kampagnen wie „Jede Stimme zählt“ und betonten, lokale Entscheidungen über Bildung, Wohnraum und Religionsschutz beträfen muslimische Bürger unmittelbar.

Der Integrationsrat und verschiedene Moscheevereine riefen explizit dazu auf, keine extremistischen Parteien zu wählen und die demokratische Mitte zu stärken.

Traditionell ist die Wahlbeteiligung von Migranten bei Kommunalwahlen sowie anderen Wahlen deutlich geringer als die der Mehrheitsbevölkerung. Studien und Wahlanalysen zeigen, dass diese von Menschen mit Migrationshintergrund oft 15–20 Prozentpunkte niedriger ist als die der Gesamtbevölkerung.

Die Milieuforschung zu Migranten zeigt, dass Mentalität, Lebenswelten und soziale Lage für politische Einstellungen und Partizipation entscheidender sind als ethnische Herkunft. Es existieren verschiedene Milieus mit stark unterschiedlichen Grundhaltungen, politischem Engagement und Interessen.

Selbst innerhalb einer Herkunftsgruppe (z.B. Menschen aus der Türkei, dem Nahen Osten oder der früheren Sowjetunion) gibt es deutliche Unterschiede im Wahlverhalten, etwa bezüglich Präferenzen und Prioritäten. Materielle Sorgen, Bildung und soziale Integration beeinflussen politische Beteiligung und Wertorientierungen teils stärker als die Herkunft selbst.

, , , ,

Meldestellen in NRW: Kampf gegen Diskriminierung bleibt aktuell

berlin CLAIM

Seit dem 17. März arbeiten die Meldestellen im Bundesland NRW zur Erfassung verschiedener Diskriminierungsformen. (iz). Glaubt man dem religions- und islamkritischen Feuilleton, gehen die Probleme in Deutschland nur und ausschließlich […]

IZ+

Weiterlesen mit dem IZ+ (Monatsabo)

Mit unserem digitalen Abonnement IZ+ – Onlineabo, Kombi Print & IZ+ or Das IZ-Förder-Abo können Sie weitere Hintergrundbeiträge, Analysen und Interviews abrufen. Gegen einen Monatsbeitrag von 3,50 € können Sie das erweiterte Angebot der Islamischen Zeitung sowie das ständig wachsende Archiv nutzen.

Abonnenten der IZ-Print sparen beim IZ+ Abo 50%.

Wenn Sie bereits IZ+ Abonnent sind können Sie sich hier einloggen.

* Einfach, schnell und sicher bezahlen per Paypal, Kredit-Karte, Lastschrift oder Banküberweisung. Das IZ+ Abo verlängert sich automatisch um einen Monat, wenn es nicht vorher gekündigt wurde. Sie können ihr bestehendes Abo jederzeit auf der Mein Konto-Seite kündigen.

, ,

Umstrittene „Chaos“-Studie: Antimuslimische Vorurteile, Suggestivfragen, methodische Fehler

schule rassismus

Muslimische Verbände, Lehrerverband und Eltern Netzwerk fordern sofortigen Stopp – trotz massiver Kritik soll bedenkliche Khorchide-Studie offenbar noch weiterlaufen. Fachkritik auch von der „Deutschen Gesellschaft für Islamisch-Theologische Studien (DEGITS)“ zu ähnlicher Studie aus Münster über Studierende der Islamischen Theologie

(iz). Das NRW Bildungsministerium hat zur Evaluation des Islamischen Religionsunterrichts (IRU) eine Studie in Auftrag gegeben. Die laut Ministerium geplante Verlängerung des seit dem Schuljahr 2012/2013 etablierten Erfolgs- und Vorzeigeprojekts IRU um zehn Jahre stehe bald an. Dazu gehöre für die politischen Entscheider eine Auswertung der bisherigen Arbeit. Seit Beginn der unangekündigten Studie hagelt es aber massive inhaltliche und methodische Kritik. 

Und die Forderung nach einem umgehenden Stopp werden von Elternseite, Lehrerverband und muslimischen Organisationen immer lauter. 

Die fehlende Einbindung und Information der relevanten Gruppen und Organisationen im Vorfeld wird inzwischen auch in Düsseldorf offenbar als Fehler angesehen. Insbesondere die bedenklich unwissenschaftlichen Ausarbeitung der Umfrage für muslimische Schüler und IRU-Lehrer, stellt aber den Hauptkritikpunkt u.a. für muslimische Verbände (siehe unten), das bekannte NRW Elternnetzwerk und den größten muslimischen Lehrerverband Deutschlands, den Verband Muslimischer Lehrkräfte (VML) dar.

Die Studie unter Leitung von Professor Khorchide vom Zentrum für Islamische Theologie der Universität Münster sei ein fragwürdiges Sammelsurium an altbekannten antimuslimischen Vorurteilen, Stereotypen und Rassismen über den Islam und Muslime, welche zum Beispiel durch Suggestivfragen („Stimmst du zu, dass…“) und höchst bedenkliche Antwortmöglichkeiten („Homosexualität ist eine Krankheit, die geheilt werden kann“) unter die muslimischen Schülerinnen und Schüler gebracht werden.

Die wenigsten Fragen beschäftigen sich mit dem eigentlich vom NRW Bildungsministerium vorgesehenen Untersuchungsgegenstand, dem Islamischen Religionsunterricht (IRU). Teilweise wirken die Fragen wie ein Gesinnungstest zur Überprüfung von bedenklichen Vorstellungen aus dem Bereich der antimuslimischen Hetze.

Studie birgt massive methodische Fehler

Eklatante methodische Fehler tun ihr übriges die zukünftigen Ergebnisse der Khorchide-Studie – wenn sie überhaupt angesichts solcher Mängel weiter läuft – jetzt schon anzuzweifeln. Da zum Beispiel die bei Umfragen übliche Antwortoption „keine Angaben“ fehlt, mussten bisher auch Jungen und Männer die Frage zur persönlichen Diskriminierung wegen „ihres Kopftuches“ beantworten. Die logische Antwort „nein“ verzerrt allein hier massiv den tatsächlichen Wert von Islamfeindlichkeit gegen Frauen mit Kopftuch, die bereits an der Studie teilgenommen haben.

Zu der mittlerweile als „Chaos“-Studie bezeichneten laufenden Evaluierung des IRU äußerten sich bereits in der vergangenen Woche eine Reihe von Beteiligten und Fachexperten vertraulich mit vernichtenden Worten: „unwissenschaftlicher Blödsinn“, „peinlich für die Auftraggeber, die dafür Geld ausgeben“, „antimuslimische Vorurteile im Deckmantel einer Studie“ etc. Das Festhalten an ihrem Fortgang würde ein „Armutszeugnis für das Bildungsland NRW“ sein und dessen Umgang mit dem seit Jahren anerkannten und qualitativ hochwertigen Islamischen Religionsunterricht (IRU).

Krisensitzung: Bildungsministerium lud IRU-Lehrer zum Dialog über die Studie

In einer wegen des großen Gegenwinds von Lehrkräften, Experten und Verbänden eilig vom Ministerium anberaumten Videokonferenz für IRU-Lehrer am vergangenen Donnerstag (02.05.2024) versuchte man erfolglos, mit Prof. Khorchide die zahlreichen inhaltlichen, methodischen und formalen Kritikpunkte zu entkräften.

Denn welchen Wert hätten beispielsweise die bisherigen Umfrage-Rückläufe, wenn erst jetzt im laufenden Prozess Anpassungen zur methodischen Fehlerbeseitigung vorgenommen werden und die bisherigen Rückläufe damit hinfällig, weil nicht mehr vergleichbar seien. Von den großen inhaltlichen Mängeln ganz zu schweigen.

Die angebliche Beantwortungsquote von bis zu einem Drittel seitens der IRU-Lehrer vaporisierte sich noch während der laufenden Sitzung und ließ Khorchide konsterniert zurück, als verschiedene Teilnehmer angaben, den Fragebogen zur Analyse der Methodik und zur Sichtung der Fragen mehrmals (teilweise bis fast zu einem Dutzend Mal) ausgefüllt zu haben.

Unabhängig davon stellt sich die wichtige Frage, wie eine Umfrage mit einem frei auf WhatsApp, Email & Co. zirkulierenden Link überhaupt gesicherte Ergebnisse einer bestimmten Zielgruppe liefern soll. Die erhofften Umfrage-Ergebnisse bei rund 300 IRU-Lehrkräften in NRW können so willkürlich von jedem übel Gesinnten anti-muslimisch beeinflusst werden. Abgesehen vom grundsätzlichen Problem, dass die inhaltlichen Fragen und Antwortmöglichkeiten dieser Studie an sich schon ein negatives Framing in Bezug auf den Islam transportieren und keineswegs wissenschaftlichen Standards genügen.

Für großes Stirnrunzeln – da die Studie noch läuft – sorgte offenbar die Ankündigung, des anscheinend die Zukunft vorwegnehmenden Professors, dass die Ergebnisse der Studie gut sein werden. Oder die Taktik bestand lediglich darin, die vielfältige berechtigte Kritik an dieser unwissenschaftlichen Studie zu beruhigen, was offenkundig nicht gelang.

Einstellung der Studie von Eltern, Lehrern und Verbänden gefordert

Das Elternnetzwerk NRW bemängelte bereits Anfang letzter Woche (30.04.2024) in einer vielbeachteten Stellungnahme mit dem Verband Muslimischer Lehrkräfte (VML) zusätzlich die fehlende Einholung einer elterlichen Einverständniserklärung zur Umfrage, die bei anderen Studien üblich seien oder zumindest eine Vorab-Information. Warum werden außerdem den Schulkindern persönliche Fragen gestellt wie zu deren muslimischen oder nicht-muslimischen Freundeskreis? Was habe dies mit einer Auswertung zur Qualität des Islamischen Religionsunterrichts zu tun?

Interessant übrigens, dass der dritte Unterzeichner der Stellungnahme (aktualisierte Ursprungsmeldung in der Presse), das Netzwerk Lehrer mit Zuwanderungsgeschichte (LMZ) – initiiert 2007 vom Schul- und Integrationsministerium – nach der Veröffentlichung aufgrund politischen Drucks seine Unterschrift zurückziehen musste, wie kolportiert wird.

Was bleibt: Aufgrund der Vielzahl an gravierenden methodischen und inhaltlichen Fehlern, die keine validen wissenschaftlichen Ergebnisse ermöglichen, müsse die Studie in jedem Fall dringend eingestellt und eine geeignetere Stelle für eine wirklich wissenschaftliche Evaluation gefunden werden, bei frühzeitiger Einbindung aller Stake-Holder (muslimische Lehrer, Eltern, Verbände) in die Erstellung einer neuen Studie.

Die Einstellung der laufenden Studie fordern laut Pressemeldung auch die Islamischen Religionsgemeinschaften in NRW (IRG NRW), die Landesreligionsgemeinschaften der DITIB, der Islamischen Gemeinschaft der Bosniaken in Deutschland (IGBD) sowie der Union der Islamisch-Albanischen Zentren in Deutschland (UIAZD) in einer gemeinsamen Stellungnahme an das NRW Schulministerium.

Überraschend kündigte Münster aber vielmehr eine zweite Studienrunde mit qualitativen Interviews an, welche ab September 2024 durchgeführt werden sollen. Auch in Düsseldorf mag jedoch die Frage aufkommen, welche IRU-Lehrkraft sich angesichts einer derart katastrophalen quantitativen Untersuchung ernsthaft bereit erklären würde, bei einer folgenden empirischen Untersuchung aus demselben Haus als Interviewpartner teilzunehmen.

Verwirrung an den NRW Schulen

Dass die Studie gänzlich freiwillig sei, werde – so verschiedene Rückmeldungen von Lehrern in den Sozialen Medien – seitens der Schulleitungen nicht immer kommuniziert. Und viele IRU-Lehrer sind von ihren Schulleitungen bis heute weder über die Studie, noch über den Video-Konferenztermin mit dem Ministerium in der letzten Woche informiert worden.

Die uneinheitlichen Anschreiben der Studienersteller und des Ministeriums machen den Schulen, Lehrern und Schülern außerdem schwierig deutlich, für welche Altersgruppe die Umfrage überhaupt vorgesehen sei. So gebe es zum Beispiel sogar eine Rückmeldung von einer Grundschule, wo die Studie mit Schülern durchgeführt wurde.

Auf der anderen Seite ließen laut Informationen eine Reihe von Lehrern und Schulleitungen die Beantwortung der mangelhaften Studie aufgrund der zahlreichen offensichtlichen Fehler abbrechen. Ein mit der Umfrage vertrauter Studienrat fand deutliche Worte: „Jeder Oberstufenschüler würde für so ein Studiendesign eine Sechs bekommen. Und einem Professor lässt man so etwas für Steuergeld durchgehen? Unfassbar.“

Den Bock zum Gärtner gemacht?

Die NRW-Politik und das Bildungsministerium betonten bisher stets stolz, dass der bekenntnisorientierte Islamische Religionsunterricht mit seinen hochqualifizierten IRU-Lehrern ein NRW Erfolgsmodell, Vorbild für andere Bundesländer und unabhängig davon, ein verbürgtes Recht der deutschen Muslime sei.

Warum das Bildungsministerium in Düsseldorf sich für eine so wichtige Aufgabe wie die Evaluierung des Islamischen Religionsunterrichts in NRW ausgerechnet, den bereits in der Vergangenheit umstrittenen Lehrstuhlinhaber Khorchide ausgesucht hat, bleibt daher offen. Er war schon in Österreich während seiner viel kritisierten und wegen mutmaßlicher Mängel monierten Doktorarbeit über österreichische Islam-Lehrer mehr als negativ aufgefallen.

Der Österreichische Rundfunk titelte und schrieb Anfang 2009: „Bildungsforscher: Islam-Lehrer-Studie ‘wissenschaftlich unhaltbar’ und (…) ‘Massive Kritik an der Islam-Lehrer-Studie (….).“ In der Studie des Soziologen würden „in einer Art und Weise Aussagen über Einstellungen und Haltungen konstruiert, die wissenschaftlich unhaltbar sind“.

Ein Abklatsch seines damaligen Vorgehens in Österreich findet aktuell medialen Widerhall in der Präsentation von fragwürdigen Umfrage-Ergebnissen über angehende Islamwissenschaftler – die absolute Mehrheit davon aus seinem Institut, wo auch diese Studie herstammt.

Dabei scheint Khorchide zu übersehen, dass er als Kollateralschaden eigentlich auch die vermeintliche Qualität seiner eigenen Lehrerausbildung massiv in Frage stellt. Denn wenn solche Einstellungen tatsächlich auch an der Universität Münster nach seinen Seminaren und seinen Vorlesungen bei seinen Studenten und angehenden Staatsdienern, am Lehrstuhl unter seiner Führung, vorhanden seien, wäre eigentlich der logische Schluss, von seiner staatlich finanzierten Stelle als Leiter des Lehrstuhls der Universität Münster zurückzutreten.

Nach einem vernichtenden wissenschaftlichen Gutachten des Koordinationsrates der Muslime (KRM) über seine Arbeit war es eigentlich Ende 2013 fast schon so weit.

Die renommierte „Deutsche Gesellschaft für Islamisch-Theologische Studien (DEGITS)“ äußerte heute (5. Mai 2024) in einer seltenen Stellungnahme „große Bedenken“ und „Zweifel hinsichtlich der Belastbarkeit Ihrer Daten“ in Bezug auf die Münsteraner Studie über Studierende der Islamischen Theologie und Religionslehrer.

Für den DEGITS-Vorstand sehen Prof. Dr. Mira Sievers, Prof. Dr. Idris Nassery, Prof. Dr. Rana Alsoufi, Dr. Betül Karakoç-Kafkas und Dr. Mark Chalîl Bodenstein in der Studie „Schwarz-weiß Formulierungen der Fragen und Vorannahmen“, indem z.B. dichotome Gegensätze dargestellt würden, während islamische Traditionen der Meinungsvielfalt und Ambiguitätstoleranz keine Verwendung finden. Außerdem sei unter forschungsethischen Gesichtspunkten die Diskrepanz zwischen der ursprünglichen Anfrage an die Studierenden und der tatsächlichen Forschungsfrage bedenklich.

Versuch, den IRU vom Erfolgs- zum Auslaufmodell zu machen?

Bei der mangelhaften laufenden Umfrage an Schulen mit IRU-Lehrern und muslimischen Schülern befürchten Insider, werde möglicherweise versucht, mit den invaliden Daten der Studie, basierend auf den erwähnten unwissenschaftlichen Suggestivfragen und erschreckenden vorgegebenen Antwortmöglichkeiten, den Islamischen Religionsunterricht (IRU) zu diskreditieren und mittelfristig abzuschaffen.

Die Idee, statt des grundgesetzlich verbürgten Religionsunterrichts einen allgemeinen Ethikunterricht einzuführen, wurde nicht zuletzt auch von Prof. Khorchide in der Vergangenheit selbst in den Raum geworfen. 

Der Leiter der „Chaos“-Studie darf – so erscheint es neutralen Beobachtern – dank seiner Dauerfans aus der Politik mitentscheiden, wie lange es noch mit dem IRU weiter geht. Die Religionsfreiheit in Deutschland oder redliche Wissenschaft im Dienste der Forschung scheinen dabei keine entscheidenden Variablen zu sein. 

Vielleicht nehmen die Entscheider in Düsseldorf aber den Marshallstab endlich wieder selbst in die Hand, indem sie die berechtigte konstruktive Kritik der unzähligen Experten ernstnehmen und sich an die weisen Worte aus Österreich erinnern. Die Empfehlung für die Politik bezüglich Khorchides Arbeit war dort ziemlich eindeutig: Wer auf dieser Grundlage handeln wolle, „macht aus schlechter Wissenschaft schlechte Politik“.

Fast eine halbe Millionen muslimische Schulkinder in NRW, deren Eltern und Hunderte muslimische IRU-Lehrinnen und Lehrer haben Besseres verdient und erwarten Verlässlichkeit sowie die Einhaltung ihrer staatsbürgerlichen Rechte seitens der Politik, gerade auch in Anbetracht der im Land um sich greifenden Islamfeindlichkeit.

Ein erster Schritt in die richtige Richtung wäre, die „Chaos“-Studie endgültig zu stoppen.

, ,

Religionsunterricht: Zentralrat in NRW beendet Bemühungen um Kommission

Religion Zentralrat Religionsunterricht

Der Zentralrat in NRW zog eine Klage zurück, mit der er eine Mitgliedschaft in der Kommission erreichen wollte.

(KNA/iz). Der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) kann weiterhin keinen islamischen Religionsunterricht im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen mitgestalten.

Der Verband zog seine Klage zurück, mit der er eine Mitgliedschaft in der Kommission erreichen wollte, die in NRW über die Lehrinhalte des islamischen Religionsunterrichts und die Lehrerlaubnis für die Religionslehrkräfte entscheidet. Das teilte das Verwaltungsgericht Düsseldorf am Montag KNA mit. Für Freitag war eine mündliche Verhandlung angesetzt.

Foto: Falkschule, Hamm

Zentralrat und andere nicht als Religionsgemeinschaft anerkannt

Weil die muslimischen Verbände nicht als Religionsgemeinschaften anerkannt sind, bestimmt ersatzweise eine Kommission über die Inhalte des Religionsunterrichts. In ihr sind ein halbes Dutzend muslimische Verbände vertreten. Regierung in Düsseldorf hatte die Kommission vor zwei Jahren gegründet und damit einen Beirat ersetzt, dem staatliche Vertreter und nur vier große muslimische Dachverbände angehörten, darunter der ZMD.

Die Landesregierung verweigerte dem Zentralrat die Mitarbeit in der neuen Kommission mit der Begründung, er würde Verbindungen zu Organisationen mit verfassungsfeindlichen Tendenzen pflegen. Mit der Rücknahme der Klage und der Einstellung des verwaltungsgerichtlichen Verfahrens sei diese Entscheidung nun bestandskräftig geworden, hieß es auf KNA-Nachfrage aus dem Schulministerium.

NRW-Schulministerin Dorothee Feller (CDU) hatte die Existenz der Kommission verteidigt. Ohne sie könne das Land den Ausbau des islamischen Religionsunterrichts nicht voranbringen. Alle teilnehmenden Verbände hätten der Landesregierung vertraglich zugesichert, dass sie eigenständig und staatsunabhängig seien und die Verfassungsprinzipien achteten, sagte sie im November im KNA-Interview.

Foto: LV Zentralrat NRW, Facebook

Dachverband will sich neu ausrichten

Als Reaktion entschied sich nun der NRW-Landesverband (LV ZMD NRW) in seiner Vorstandssitzung am 15.05.2023, das Verfahren gegen das das Bundesland nicht weiter zu betreiben. Man werde sich in Kürze zudem sowohl inhaltlich als auch personell neu ausrichten. Das Klageverfahren war ohnehin im Wesentlichen im Kontext des seinerzeit geführten Eilverfahrens (2020) angestrengt worden“.

Es „von Beginn an“ die Rechtsauffassung des Verbands gewesen, wonach das von der NRW-Regierung einsetzte Kommissionsmodell „eine unzulässige Einmischung“ in die verfassungsgemäße Zuständigkeit einer Religionsgemeinschaft darstelle. Diese Ansicht „konnte im Laufe der Entwicklungen bedauerlicherweise nicht entkräftet werden“.

,

Muslime verärgert über Abitur-Verschiebung auf Ramadan-Festtag 2023

Abitur Ramadan Irrationalität

Abiturienten in NRW können wegen eines Fehlers Ramadan-Festtag nicht begehen.

Köln (KNA/iz/dpa). Die kurzfristige Verschiebung der Abitur-Prüfungen in Nordrhein-Westfalen stößt bei Muslimen auf Kritik. Dass die Prüfungen nun ausgerechnet am Freitag, dem Ramadan-Fest, beginnen sollten, sei ärgerlich, erklärte der Koordinationsrat der Muslime (KRM) am Mittwoch in Köln.

Zuwanderungsgeschichte

Foto: Good Mood, Shutterstock

Abitur-Fehler liegt beim Ministerium

Auslöser der Verschiebung von Mittwoch auf Freitag waren anhaltende Download-Probleme bei den Prüfungsthemen für zahlreiche Fächer. Am Freitag beginnt das dreitägige Fest des Fastenbrechens, arabisch Eid al-Fitr, mit dem Muslime das Ende des Fastenmonats Ramadan begehen.

Abiturienten muslimischen Glaubens werde „die Möglichkeit versperrt, am Freitag das Fest zum Ende des Fastenmonats Ramadan wie gewohnt in der Moschee und im Kreise ihrer Familie zu begehen“, kritisierte KRM-Sprecher Murat Gümüş.

Dem zuständigen Ministerium sei bekannt gewesen, dass das Fest am 21. April beginnt. Es sei „auch kaum vorstellbar, dass an Weihnachten oder Ostern Abiturprüfungen stattfinden“.

Murat Gümüş Rassismus KRM

Foto: Murat Gümüs

KRM fordert Verschiebung der Prüfungen

Der Rat forderte die Landesregierung auf, die Vertagung erneut zu überprüfen. Grundsätzlich sollten alle Bundesländer bei der Terminfindung solch wichtiger Prüfungen Deutschlands religiöse Vielfalt mehr im Blick haben, erklärte Gümüs weiter.

„Mit Enttäuschung, Verwunderung und Verärgerung haben wir gestern Abend von der sehr kurzfristigen Verschiebung des ersten Tages der Abitur- Prüfungen in NRW durch zahlreiche Rückmeldungen aus den muslimischen Gemeinden erfahren.

Insbesondere die Abiturientinnen und Abiturienten muslimischen Glaubens sind besonders davon betroffen. So wird ihnen die Möglichkeit versperrt, am Freitag das Fest zum Ende des Fastenmonats Ramadan wie gewohnt in der Moschee und im Kreise ihrer Familie zu begehen“, hieß es in der Erklärung von Murat Gümüş weiter.

SPD-Fraktion will Panne im Landtag besprechen

Nach der Verschiebung von Abiturprüfungen in NRW wegen einer Technik-Panne hat die SPD-Fraktion eine Sondersitzung im Schulausschuss des Landtags beantragt. Schulministerin Dorothee Feller (CDU) solle erklären, „wie sie ein rechtssicheres Abitur gewährleisten will“, sagte die schulpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Dilek Engin, am Mittwochmorgen.

Foto: Christallkeks, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 4.0

Die für Mittwoch geplanten Abiturklausuren in Nordrhein-Westfalen waren wegen erheblicher technischer Probleme am Dienstagabend kurzfristig auf Freitag verschoben worden. „Eigentlich können sie nicht mehr verwendet werden, da eine Geheimhaltung nicht hundertprozentig sichergestellt werden kann“, sagte Engin mit Blick auf die Prüfungsaufgaben.

Die Sozialdemokratin warf der Ministerin eine schlechte Kommunikation vor, diese sei „über Stunden abgetaucht“ gewesen und hätte die Betroffenen im Ungewissen gelassen über das weitere Vorgehen.

„Ausbaden müssen es jetzt die Lehrkräfte und die Abiturienten“, sagte die SPD-Politikerin Engin. „Im Übrigen insbesondere die Schülerinnen und Schüler muslimischen Glaubens, die am Freitag das Zuckerfest feiern.“

,

Interview mit Birgül Karaarslan: Wo steht der Religionsunterricht?

Religion Zentralrat Religionsunterricht

(iz). Seit geraumer Zeit gehört der Islamische Religionsunterricht (IRU) zum Alltag an Schulen in den Ballungsräumen. Über seinen heutigen Stand, Herausforderung für das Fach und seine LehrerInnen sowie die Schaffung […]

IZ+

Weiterlesen mit dem IZ+ (Monatsabo)

Mit unserem digitalen Abonnement IZ+ – Onlineabo, Kombi Print & IZ+ or Das IZ-Förder-Abo können Sie weitere Hintergrundbeiträge, Analysen und Interviews abrufen. Gegen einen Monatsbeitrag von 3,50 € können Sie das erweiterte Angebot der Islamischen Zeitung sowie das ständig wachsende Archiv nutzen.

Abonnenten der IZ-Print sparen beim IZ+ Abo 50%.

Wenn Sie bereits IZ+ Abonnent sind können Sie sich hier einloggen.

* Einfach, schnell und sicher bezahlen per Paypal, Kredit-Karte, Lastschrift oder Banküberweisung. Das IZ+ Abo verlängert sich automatisch um einen Monat, wenn es nicht vorher gekündigt wurde. Sie können ihr bestehendes Abo jederzeit auf der Mein Konto-Seite kündigen.

, ,

NRW-Schulministerin Feller: „Islamischer Religionsunterricht an unseren Schulen ist wichtig“

Religionsunterricht

Düsseldorf (KNA). Vor zehn Jahren hat Nordrhein-Westfalen als erstes Bundesland in Deutschland islamischen Religionsunterricht eingeführt. NRW-Schulministerin Dorothee Feller (CDU) spricht im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) über ihr Ziel, Islamunterricht auszubauen, über den Einfluss des umstrittenen Moscheeverbands DİTİB auf Unterrichtsinhalte und über eine Klage des Zentralrats der Muslime gegen das Land NRW, über die am 14. Dezember verhandelt wird.

Frage: Frau Feller, zehn Jahre nach der Einführung steht Islamunterricht in NRW etwa 5 Prozent der muslimischen Schülerinnen und Schülern zur Verfügung. Wie bewerten Sie diese Zahl?

Dorothee Feller: Erst einmal bin ich froh, dass wir islamischen Religionsunterricht haben. Aber das Angebot reicht natürlich noch nicht aus, weshalb wir es weiter ausbauen wollen. Derzeit haben wir rund 370 Lehrerinnen und Lehrer für das Fach. Ein offizieller islamischer Religionsunterricht an unseren Schulen ist wichtig – auch für unsere muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürger.

Frage: Woran hakt es, dass der Anteil immer noch so gering ist?

Dorothee Feller: Wir brauchen gut ausgebildete und interessierte Lehrkräfte für den islamischen Religionsunterricht. Da befinden wir uns in der Aufbauphase. Ich freue mich sehr, dass nach der Universität Münster nun auch die Universität Paderborn in die Lehrerausbildung einsteigt. Das zeigt, dass wir nach vorne gehen.

Frage: Welche politische Maßnahme wollen Sie hier ergreifen?

Dorothee Feller: Wir müssen ganz grundsätzlich für den Lehrerberuf werben, da wir insgesamt zu wenig Lehrerinnen und Lehrer haben. Wir haben bereits in den Sommerferien eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die bis Ende des Jahres Maßnahmen erarbeiten wird. Aber immerhin: Die Zahlen für den islamischen Religionsunterricht steigen bereits. So haben wir an der Universität Münster heute etwa 60 Master-Absolventinnen und Absolventen.

Frage: Laut Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide, der an der Uni Münster künftige Lehrkräfte ausbildet, bräuchte es pro Jahr geschätzt 800 bis 1.200 Absolventinnen und Absolventen, um flächendeckend Islamunterricht anbieten zu können. Da tut sich doch eine sehr große Lücke auf.

Dorothee Feller: Ja, es gibt noch eine Menge zu tun, aber immerhin sind die ersten Schritte eingeleitet. Ich bin stolz, dass wir in Münster eine Universität mit einem guten Ruf in diesem Bereich haben. Dass wir jetzt in Paderborn eine zweite Universität als Ausbildungsort gewonnen haben, zeigt doch, dass wir auf dem Weg des Ausbaus sind.

Frage: Seit etwa anderthalb Jahren gibt es in NRW eine Kommission für den Islamunterricht, die unter anderem über Lehrinhalte mitentscheidet. Darin sitzen überwiegend konservative Islamverbände. Ist das ein Problem?

Dorothee Feller: Die Kommission für den islamischen Religionsunterricht vertritt die Anliegen und Interessen der islamischen Organisationen bei der Durchführung des islamischen Religionsunterrichts. Ohne diese Kommission könnten wir den Ausbau des islamischen Religionsunterrichts nicht voranbringen. Wir haben mit allen Verbänden in der Kommission Verträge geschlossen, in denen sie erklären, eigenständig und staatsunabhängig zu sein und die Verfassungsprinzipien des Grundgesetzes zu achten. Die Kommission ist offen für weitere Mitglieder. Jeder Verband, der die Voraussetzungen erfüllt, kann in die Kommission aufgenommen werden. Solange wir keine anerkannte islamische Religionsgemeinschaft haben, ist das der richtige Weg.

Frage: Wie läuft die Zusammenarbeit Ihres Ministeriums mit der Kommission?

Dorothee Feller: Die Kommission arbeitet unabhängig vom Land, so wie übrigens und selbstverständlich auch das evangelische und katholische Büro. Die Zusammenarbeit ist geprägt von Vertrauen. Es findet ein regelmäßiger Austausch statt.

Frage: Auch der Moscheeverband DİTİB ist Mitglied in der Kommission. Ihm wird vorgeworfen, der verlängerte Arm des türkischen Staats zu sein.

Dorothee Feller: Die DİTİB ist einer der größten Verbände in Nordrhein-Westfalen. Es gibt viele türkisch-stämmige Musliminnen und Muslime in unserem Land, die von der DİTİB vertreten werden. Auch der nordrhein-westfälische Landesverband der DİTİB hat unterschrieben, dass er staatsfern und auf dem Boden des Grundgesetzes handelt.

Frage: Vereinbarungen sind gut, aber bräuchte es nicht noch mehr Kontrolle, dass diese Vereinbarungen eingehalten werden?

Dorothee Feller: Der Unterricht wird in deutscher Sprache von in Deutschland ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrern nach staatlichen Lehrplänen erteilt. Für einen bekenntnisorientierten Religionsunterricht sind wir auf die Zusammenarbeit mit den Religionsgemeinschaften angewiesen. Ich finde, wir sollten die Religionen gleichbehandeln und ihnen nicht mit Vorurteilen begegnen. Sollten sich konkrete Hinweise ergeben, dass eine islamische Organisation gegen die vertraglichen Vereinbarungen verstößt, so wäre eine Kündigung durch die Landesregierung die absehbare Folge. Das haben wir im Blick. Bislang haben wir die Erfahrung gemacht, dass es gut läuft.

Frage: Nicht in die Kommission geschafft hat es der Zentralrat der Muslime. Warum?

Dorothee Feller: Über laufende Klageverfahren kann ich nichts sagen.

Frage: Sie erwähnen es: Der Zentralrat versucht, sich in das Gremium einzuklagen. Am 14. Dezember wird vor dem Verwaltungsgericht Düsseldorf verhandelt. Beschädigt das Verfahren die Kommission?

Dorothee Feller: Nein, wir leben in einem Rechtsstaat. Da kann man gegen Entscheidungen klagen, egal welcher Art. Wir tun gut daran, nicht außerhalb eines laufenden Verfahrens Dinge zu erörtern, die Gegenstand des Verfahrens sind.

Frage: Ab dem Schuljahr 2023/24 wird es in NRW flächendeckend die Möglichkeit für gemeinsamen katholisch-evangelischen Religionsunterricht geben, wenn es an Teilnehmenden für eigenständige Fächer mangelt. Gleichzeitig wollen Sie Islamunterricht weiter ausbauen. Ist das ein gutes Zeichen?

Dorothee Feller: Das dürfen wir nicht gegeneinander aufwiegen. Ich halte es für wichtig, dass wir sowohl Kindern katholischen und evangelischen Glaubens als auch islamischen Glaubens Unterricht an den Schulen anbieten. Ich persönlich finde es zwar bedauerlich, wenn immer weniger Menschen am katholischen oder evangelischen Religionsunterricht teilnehmen. Das bedeutet allerdings nicht, dass wir auf islamischer Seite nichts mehr anbieten sollten. Im Koalitionsvertrag haben wir uns darüber hinaus dazu bekannt, den interreligiösen Dialog zu stärken. Das geht nur, wenn Schülerinnen und Schüler unterschiedlicher Glaubensrichtung Kompetenzen in ihrem eigenen Glauben erwerben.

, ,

NRW will islamfeindliche Straftaten erfassen. Für die Linke reicht das nicht aus

friedhöfe

Bonn (KNA/iz). Nach der Schändung von rund 30 muslimischen Gräbern im nordrhein-westfälischen Iserlohn will die Landesregierung anti-islamische Straftaten offenbar künftig besser erfassen. „Wir wollen neben der Meldestelle Antisemitismus, die in diesem Jahr ihre Arbeit aufnimmt, neue Meldestellen für anti-muslimischen Rassismus, für Antiziganismus, anti-schwarzen und anti-asiatischen Rassismus sowie für Queer-Feindlichkeit aufbauen“, sagte Integrationsstaatssekretärin Gonca Türkeli-Dehnert (CDU) der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ am 10. Januar.

Diese neuen Meldestellen sollen demnach in Kommunen und Vereinen eingerichtet werden, zu denen potenziell Betroffene ein besonderes Vertrauensverhältnis haben. „So bekommen wir einen genaueren Einblick und können noch zielgerichteter unterstützen“, erklärte Türkeli-Dehnert. „Es ist leider auch davon auszugehen, dass in den Statistiken über politisch motivierte Kriminalität insgesamt viele islamfeindliche Straftaten nicht erfasst werden. Betroffene bringen Übergriffe oder Sachbeschädigungen oftmals nicht zur Anzeige.“

Am 20. Januar wird sich dem Bericht zufolge der Innenausschuss des Landtags mit den Grabschändungen befassen. Nach Polizeiangaben hatten Unbekannte in der Zeit des Jahreswechsels auf dem muslimischen Teil des Hauptfriedhofs in Iserlohn rund 30 Grabsteine umgeworfen. Sie beschädigten zudem Dekorationselemente und Pflanzen. Der Staatsschutz ermittelt wegen Störung der Totenruhe und Sachbeschädigung. Die Tat hatte bundesweit Empörung ausgelöst.

NRW-Linker El-Khatib findet das nicht genug

Jules El-Khatib, nordrheinwestfälischer Landessprache der LINKEN, hält den Beschluss für nicht ausreichen: „Es ist richtig, dass die Landesregierung eine Meldestelle für antimuslimischen Rassismus einrichten will, dies reicht allerdings nicht aus.“

Zusätzlich müsse die Landesregierung „endlich“ eine Beauftragte für Antirassismus benennen und eine Kommission schaffen, „die sich mit antimuslimischem Rassismus in NRW auseinandersetzt.“ Des Weiteren verlangte El-Khatib eine Studie über das Ausmaß dieses Phänomens im bevölkerungsreichsten Bundesland. Es brauche Aufschluss über die Dunkelziffer der nicht gemeldeten Fälle.

Käßmann: eine Schande

Die evangelische Theologin Margot Käßmann bezeichnete die Tat als „Schande“. Die Würde der Toten und der Trauernden werde im wahrsten Sinne des Wortes mit Füßen getreten, und wer dies tue, dem fehle der Anstand, schreibt die frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in ihrer Kolumne in der „Bild am Sonntag“. Sie erinnerte in dem Zusammenhang auch an wiederkehrende Angriffe auf jüdische Friedhöfe in Deutschland.

„Wie wir mit unseren Toten umgehen, sagt etwas über unseren Respekt vor dem Leben“, betont Käßmann. Dass Muslime ihre Toten inzwischen in Deutschland und nicht in ihren jeweiligen Herkunftsländern bestatten ließen, sei ein „Zeichen der Beheimatung“.

, ,

Köln und die ­Konsequenzen

(iz). Nach der Silvesternacht in Köln ist das Vertrauen in Sicherheitsbehörden und Politik erschüttert. Die Verantwortlichen stehen nun unter Zugzwang, das verlorengegangene Vertrauen zurückzugewinnen. Das Jahr 2016 begann gleich mit […]

IZ+

Weiterlesen mit dem IZ+ (Monatsabo)

Mit unserem digitalen Abonnement IZ+ – Onlineabo, Kombi Print & IZ+ or Das IZ-Förder-Abo können Sie weitere Hintergrundbeiträge, Analysen und Interviews abrufen. Gegen einen Monatsbeitrag von 3,50 € können Sie das erweiterte Angebot der Islamischen Zeitung sowie das ständig wachsende Archiv nutzen.

Abonnenten der IZ-Print sparen beim IZ+ Abo 50%.

Wenn Sie bereits IZ+ Abonnent sind können Sie sich hier einloggen.

* Einfach, schnell und sicher bezahlen per Paypal, Kredit-Karte, Lastschrift oder Banküberweisung. Das IZ+ Abo verlängert sich automatisch um einen Monat, wenn es nicht vorher gekündigt wurde. Sie können ihr bestehendes Abo jederzeit auf der Mein Konto-Seite kündigen.

Brandanschlag auf Moschee in Bad Salzuflen

(iz). Die Übergriffe auf Moscheen haben in den letzten Jahren signifikant zugelegt. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag hervor. Lagen die Übergriffe zwischen den Jahren 2001 und 2011 noch im Schnitt bei jährlich 22, stiegen die im Jahr 2012 auf durchschnittlich 35 bzw. im Jahr 2013 auf 36. Ferner kann man der Antwort entnehmen, dass von Anfang 2012 bis März 2014 78 Anschläge verübt wurden.

Nun kam es erneut zu einem Brandanschlag auf eine muslimische Gebetsstätte, diesmal traf es die Vahdet-Moschee in Bad Salfuflen (NRW). Am frühen Samstagmorgen legten Unbekannte ein Feuer an der Eingangstür zum Gebäude, in dem sich auch die, der IGMG zugehörigen, Moschee befindet. Anwohner bemerkten den Brand und alarmierten die Feuerwehr. Neun Menschen konnten so rechtzeitig evakuiert werden.

Die Polizei ermittle nun mit Hochdruck in alle Richtungen. Weil ein politisch motivierter Hintergrund nicht ausgeschlossen werden kann, leitet der Staatsschutz der Polizei Bielefeld die Ermittlungen. Es wurde eine Ermittlungskommission eingerichtet und die Staatsanwaltschaft Detmold eingeschaltet. 
Erst kürzlich veranstalteten die, im Koordinationsrat der Muslime (KRM) organisierten, muslimischen Moscheegemeinden einen Tag gegen Hass und Unrecht. Als Reaktion auf die vorangegangenen Anschläge auf Moscheen in Berlin und Bielefeld wurde ein bundesweites Friedensgebet abgehalten. Namenhafte Redner aus Politik, sowie Vertreter anderer Religionsgemeinschaften hielten Reden (wir berichteten, http://www.islamische-zeitung.de/?id=18351)

Trotz dieser Attacke sowie den vorangegangenen auf Gebetsstätten in Oldenburg, Alzey, Delmenhorst und Minden bleibt die wichtigste Devise, besonnen zu bleiben. Die Täter bleiben noch unbekannt. Auch ist ungeklärt, ob es Zusammenhänge zwischen den einzelnen Anschlägen gibt. Die betroffenen Moscheegemeinden reagieren meist mit Ruhe und laden die Nachbarn ein, sich selbst ein Bild zu verschaffen. (tb)