Die Frage, ob Künstliche Intelligenz echte Bedeutung versteht oder lediglich auf der Basis von Wahrscheinlichkeiten operiert, bildet das Epizentrum einer der tiefgründigsten Debatten unserer Zeit.
(iz). Die KI in ihrem jetzigen Stand verbindet Informatik, Philosophie und Theologie mit dem globalen Machtkampf des 21. Jahrhunderts.
1. Der fundamentale Unterschied: Wahrscheinlichkeit vs. Semantik
Nach klassischem wissenschaftlichem Stand versteht Künstliche Intelligenz die Bedeutungen nicht im menschlichen Sinne. Während der Mensch Wörter durch seine Sinne und sein Bewusstsein in der realen Welt verankert, arbeiten Large Language Models (LLMs) rein statistisch.
Sie übersetzen Sprache in komplexe mathematische Vektoren. Wenn eine KI antwortet, berechnet sie auf Basis gigantischer Datenmengen das wahrscheinlichste und logisch passendste nächste Wort.
Sie besitzt eine funktionale Kompetenz – sie wendet Sprache perfekt an, ohne sie biologisch zu begreifen. Diese Zweifel erklären die Skepsis vieler Nutzer an den Segnungen moderner Technologie, wenngleich sie erkennen müssen, dass ihr Alltag schon längts von Algorithmen beeinflusst wird.
2. Markus Gabriel und das „Comeback der Seele“
Der Philosoph Markus Gabriel erweitert die Debatte nun um eine radikale These: Er argumentiert, dass KI sich sehr wohl in einem mathematischen Sinn- und Bedeutungsraum bewegt.
Dadurch vollbringt sie eine echte Form des Denkens und besitzt Intelligenz. Die entscheidende Konsequenz daraus ist die Trennung von Intelligenz und Bewusstsein. Die KI beweist, dass rationales Denken und das Verarbeiten von Logik künstlich kopierbar sind.
Was ihr jedoch absolut verschlossen bleibt, ist das phänomenale Bewusstsein – das subjektive, qualitative Erleben der Wirklichkeit (wie es sich anfühlt, lebendig und sterblich zu sein). Da dieses Erleben nicht auf Algorithmen reduziert werden kann, argumentiert Gabriel in einem Gespräch mit dem Chefredakteur der NZZ theologisch:
Die KI wirft den Menschen auf seine reine Biologie zurück und erzwingt ein metaphysisches „Comeback der Seele“. Die Nachricht ist klar, die KI ist ein „Mängelwesen“ und damit nicht etwa ein allmächtiges, göttliches Instrument.
Gabriel argumentiert in seinem Buch „Ethische Intelligenz“, dass es in der Zukunft die entscheidende Aufgabe des Menschen sei, der künstlichen Intelligenz seine eigenen Wertmaßstäbe zu vermitteln.
Die Lösung liegt für ihn nicht in einer Flucht vor der Technik, sondern parallel die Vertiefung des menschlichen Denkens voranzutreiben.
Foto: Marco Iacobucci Epp/Shutterstock | Lizenz: Shutterstock
3. Die christliche Perspektive und die „Algor-Ethik“
Diese philosophische Fragestellung erklärt, warum Papst Leo XIV. und der Vatikan überraschenderweise zu zentralen Akteuren in der KI-Debatte wurden.
Mit der KI-Enzyklika Magnifica Humanitas verteidigt die Kirche das menschliche Erleben gegen den reinen Technologie-Utilitarismus. Da einer KI ein eigenes Gewissen und eine Seele fehlen, darf sie laut Vatikan niemals autonome Entscheidungen über Leben und Tod (z. B. bei Waffensystemen) fällen.
Der Papst mahnt, dass statistische Intelligenz niemals mit der unantastbaren Würde des Menschen gleichgesetzt werden darf. Mit diesen Thesen hat der Papst wirkungsmächtig in eine der großen Debatten unserer Zeit eingewirkt. Theologische Positionen werden dadurch für eine breite Öffentlichkeit relevant.
4. Die islamische Perspektive: Weisheit vs. Werkzeug
Die muslimische Welt und islamische Theologen beteiligen sich an diesem Diskurs und ziehen faszinierende Parallelen zu den Argumenten Gabriels und des Vatikans.
Ein historischer Meilenstein war hierbei die gemeinsame Unterzeichnung des Rome „Call for AI Ethics“ durch führende muslimische Gelehrte, wodurch eine interreligiöse Allianz für eine menschenzentrierte „Algor-Ethik“ geschmiedet wurde.
Aus theologischer Sicht betonen muslimische Denker, dass KI zwar Muster erkennen, aber niemals göttliche Weisheit (Hikma) oder echtes spirituelles Verständnis besitzen kann.
Foto: Adobe Stock | Lizenz: Adobe Stock
Da der Maschine ein moralisches Gewissen fehlt und sie zu „Halluzinationen“ neigt, lehnen Gelehrte es strikt ab, KI die autonome Auslegung religiöser Rechtsgutachten (Fatwas) zu überlassen. Aber auch in der religiösen Praxis ist es wichtig, die Möglichkeit der KI-Nutzung nicht mit einer Lehrerlaubnis zu verwechseln.
Die Wissensvermittlung von Mensch zu Mensch bleibt im Islam wichtig, da echtes Wissen sich im Wesen des Lehrers verkörpert. Auf staatlicher Ebene – etwa in den Golfstaaten oder Malaysia – wird KI zwar technologisch rasant vorangetrieben, politisch jedoch strikt an islamische Prinzipien wie Gerechtigkeit und das Gemeinwohl gekoppelt.
Dieser Ansatz bleibt eine Gratwanderung, da noch vollständig nicht absehbar ist, wie eine entstehende Superintelligenz in das Geistesleben von Muslimen eingreifen wird.
5. Der geopolitische Gegenschlag: Peter Thiel vs. die Religionen
Dieser theologische Humanismus, der Christentum und Islam im Schutz der menschlichen Würde vereint, stößt in der Praxis auf harten realpolitischen Widerstand.
In einem viel beachteten Interview mit Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner kritisierte der Tech-Milliardär Peter Thiel den Papst (und damit stellvertretend jegliche religiöse Regulierung) scharf. Thiel warf dem Kirchenoberhaupt vor, durch seine restriktiven moralischen Forderungen unfreiwillig als „nützlicher Idiot“ für die Kommunistische Partei Chinas zu agieren.
Grafik: IZ (alle Fotos gemeinfrei oder CC BY-SA 3.0)
Thiels Argument ist rein machtpolitisch: Während moralische Appelle und ethische Selbstzweifel den Westen und die USA regulatorisch ausbremsen, wird sich China nicht an solche Vorgaben halten.
Wer das technologische Wettrennen um die stärkste KI aus moralischen Gründen verliert, so sein Argument, trägt dazu bei die globale Vorherrschaft an eine totalitäre Diktatur abzugeben. Dabei beschäftigt sich der Amerikaner auch mit theologischen Fragen, sieht er doch in Bestrebungen zur Regulierung der KI den „Anti-Christen“ am Werk.
Spannend ist, dass die Debatte sich von einer rein technischen Frage hin zu einem existentiellen Konflikt entwickelt: Auf der einen Seite steht das Bemühen der großen Weltreligionen und der Philosophie, die menschliche Seele, das spirituelle Erleben und die Ethik vor einer seelenlosen Optimierungsmaschine zu schützen.
Auf der anderen Seite steht die geopolitische Notwendigkeit des Westens, im technologischen Rüstungswettlauf gegen totalitäre Systeme nicht ins Hintertreffen zu geraten.
Die Allianz der Berliner Medienmacht mit dem Silicon Valley verspricht Fortschritt. Doch was bleibt von demokratischer Souveränität, wenn private Technologieunternehmen immer mehr Einfluss gewinnen?
(iz). Berlin im Spätsommer 2026: Die Stadt steht unter der Spannung, die politischen Umbrüchen vorausgeht oder ihnen folgt. Nach den jüngsten Wahlen entladen sich auf Straßen, in Talkshows und in den Zirkeln der Hauptstadt die Polarisierungen einer tief gespaltenen Gesellschaft.
Das Ringen um Mehrheiten wirkt rauer, unversöhnlicher, erschöpfter als noch vor wenigen Jahren. Wer die politische Lage verstehen will, sollte jedoch den Blick nicht allein auf Berliner Wahlergebnisse richten.
Entscheidend ist auch die Metaebene der Macht: Während die Öffentlichkeit sich weiterhin im vertrauten Vokabular des demokratischen Wettbewerbs abarbeitet – Parteien, Programme, Koalitionen, Mehrheiten –, werden andernorts die Voraussetzungen einer Ordnung verhandelt, in der die gute alte Demokratie nicht mehr selbstverständlich das einzige Legitimationsprinzip ist.
Wenige Kilometer vom Regierungsviertel entfernt, im Axel-Springer-Hochhaus, verdichten sich solche Fragen zu einem bemerkenswerten Szenario. Dort traf europäische Medienmacht auf den radikalen Libertarismus des Silicon Valley. Die Verleihung des Axel Springer Awards an Peter Thiel war deshalb mehr als eine Auszeichnung für einen Unternehmer, Investor oder politischen Querdenker.
Sie ist ein Symbolereignis. Es zeigt, wie weit sich die ideologischen und ökonomischen Interessen einer transatlantischen Medienelite mit jener Technologiebewegung überlagern können, die den demokratischen Staat nicht nur reformieren, sondern in seiner bisherigen Gestalt verändern möchte.
Peter Thiel, milliardenschwerer Mitgründer von Palantir, hat aus seiner Skepsis gegenüber der westlichen Demokratie nie einen Hehl gemacht. Sein Satz aus dem Jahr 2009, er glaube „nicht mehr, dass Freiheit und Demokratie miteinander vereinbar sind“, verfolgt ihn bis heute.
Thiel hat später geltend gemacht, diese Formulierung werde verkürzt oder missverstanden. Das mag sein. Dennoch bleibt sie aufschlussreich, weil sie eine Denkfigur freilegt, die sein politisches und wirtschaftliches Wirken seit langem prägt: die Vorstellung, dass demokratische Gleichheit, gesellschaftlicher Ausgleich und individuelle Freiheit in einem unauflösbaren Konflikt stünden.
Natürlich ist damit nicht zwingend die offene Forderung nach Diktatur verbunden. Gefährlicher ist eine subtilere Verschiebung: Demokratie, mitsamt ihren problematischen Wahlergebnissen, erscheint nicht mehr als unvollkommene, aber unverzichtbare Form kollektiver Selbstregierung.
Sie wird zum System der Verzögerung, der Blockade und der Mittelmäßigkeit erklärt. Wahlen, Parlamente, Bürokratien und öffentliche Aushandlung gelten dann nicht als notwendige Elemente einer freien Ordnung, sondern als Probleme im Getriebe technologischer Beschleunigung.
Die politische Pointe formuliert sich in einer Art letztem Appell: Wer dem technologischen Fortschritt nicht zustimmt oder ihn verschläft, fördert auf Dauer das Wachsen der extremen Ränder.
Foto: Picryl/Wikimedia Commons | Lizenz: Public Domain
Thiel verkörpert diesen Typus des Metapolitikers nahezu idealtypisch. Als früher Förderer von Donald Trump, als Mentor und politischer Unterstützer von J. D. Vance und als einer der einflussreichsten Investoren im Umfeld der amerikanischen Rechten hat er nicht nur ökonomische Macht akkumuliert.
Er investiert in eine politische Neuordnung, die dem Staat zwar rhetorisch misstraut, seinen Sicherheitsapparat aber technologisch aufrüstet. Palantir steht dabei für eine Infrastruktur, die Datenanalyse, militärische Planung, Migrationskontrolle, Polizeiarbeit und Verwaltung miteinander verbindet.
Das Unternehmen verkauft nicht lediglich Software. Es verkauft eine bestimmte Vorstellung von Regierung: schnell, datengetrieben, zentralisiert und im Zweifel weniger an öffentlicher Kontrolle als an operativer Effizienz interessiert.
Die Erzählung vom unausweichlichen Kollaps
Thiel kleidet seine demokratiekritischen Reflexe häufig in die Sprache ökonomischer Sachzwänge. Ausgangspunkt ist ein Dilemma, das er in der Struktur moderner Wohlfahrtsstaaten erkennt: wachsende Staatsschulden, steigende Zinslasten, demografischer Druck, ausgedehnte Sozialversprechen und eine Steuerquote, die politisch kaum weiter erhöht werden könne.
Aus dieser Diagnose folgt bei ihm jedoch keine nüchterne Debatte über Prioritäten, Verteilung, Investitionen oder institutionelle Reformen. Stattdessen entsteht das Bild eines Systems, das unweigerlich in die fiskalische Erschöpfung treibt.
In diesem Narrativ ist die parlamentarische Demokratie strukturell unfähig, die Spirale zu durchbrechen. Weil Politikerinnen und Politiker auf Zustimmung angewiesen seien, müssten sie immer neue Ausgaben versprechen und Konflikte vertagen.
Die Demokratie produziert demnach ihre eigene Unregierbarkeit. Aus einer komplizierten, aber keineswegs unlösbaren politischen Frage wird so eine zivilisatorische Zwangslage. Die radikale Konsequenz liegt nahe: Wenn der Staat seine Probleme nicht mehr lösen kann, soll die Rettung von außen kommen – aus dem Markt, aus privaten Netzwerken, aus künstlicher Intelligenz, aus technischer Disruption.
Die Zerschlagung oder Umgehung bürokratischer Institutionen wird dann nicht als politische Entscheidung mit sozialen Kosten beschrieben, sondern als Notwendigkeit. Innovation erscheint als letzte Instanz der Geschichte, in Thiels Philosophie sogar als eine Bewegung gegen den „Anti-Christen“.
Die ideologische Kraft dieses Denkens ist nicht zu übersehen. Es ersetzt politische Urteilskraft durch eine angeblich objektive Logik der Beschleunigung. Wer gegen diese Logistik argumentiert, steht rasch unter Verdacht, rückwärtsgewandt, technikfeindlich oder verantwortungslos zu sein. Die Frage, wem technischer Fortschritt dient, wer über seine Ziele entscheidet und wer seine Risiken trägt, wird damit an den Rand gedrängt.
Fortschrittsglaube als politische Theologie
Wer den parallel veröffentlichten Dialog zwischen Peter Thiel und Mathias Döpfner (YouTube) verfolgt, begegnet einer Denkweise, die sich als Pragmatismus ausgibt, in ihrem Kern aber beinahe religiöse Züge trägt.
Es ist der Glaube an die erlösende Kraft der Technologie: an Innovation nicht als Mittel, sondern als geschichtliche Schicksalsmacht. Die Gesellschaft soll sich dieser Dynamik anpassen, nicht sie kontrollieren.
Diese Haltung ist keineswegs mit Technikoptimismus im gewöhnlichen Sinn zu verwechseln. Technikoptimismus kann politisch sein: Er kann auf bessere Infrastruktur, medizinischen Fortschritt, klimafreundliche Industrie oder neue Formen gesellschaftlicher Teilhabe zielen.
Der hier sichtbar werdende Fortschrittsglaube ist anders gelagert. Er verbindet technische Beschleunigung mit einer tiefen Skepsis gegenüber demokratischer Selbstbegrenzung. Seine implizite These lautet: Nicht die Gesellschaft entscheidet über den Einsatz der Technik, sondern die technische Entwicklung bestimmt, welche Gesellschaft künftig noch möglich ist.
Foto: Drew Ditty Graham, Unsplash
Thiel begegnet Kritik an künstlicher Intelligenz oder an der Konzentration technologischer Macht entsprechend mit großem Misstrauen. Skepsis erscheint ihm nicht als demokratisches Korrektiv, sondern als „Stagnation“ in Form strategischer Selbstschwächung des Westens.
Wer bremse, so das wiederkehrende Argument, begünstige letztlich China und dessen autoritäre Konkurrenz. Der geopolitische Wettbewerb wird damit zum Argument gegen politische Vorsicht. Sicherheitsfragen, ethische Grenzen und gesellschaftliche Folgen sollen zurückstehen, weil Beschleunigung zur Voraussetzung nationaler Überlebensfähigkeit erklärt wird. Das ist ein vertrautes Muster.
In Zeiten des Systemwettbewerbs werden demokratische Verfahren gern als Luxus dargestellt, den man sich angesichts äußerer Bedrohungen nicht länger leisten könne. Doch gerade darin liegt die Gefahr. Wenn Demokratien ihre eigenen Formen der Beratung, Kritik und Rechenschaft als Schwäche behandeln, übernehmen sie bereits den Denkstil ihrer autoritären Gegner.
Die Neutralität der Technologie
Eine zentrale Stelle des Gesprächs liegt in Mathias Döpfners These, Technologie sei im Kern neutral; entscheidend sei allein, welchen politischen Zwecken Menschen sie unterwerfen. Das klingt zunächst plausibel. Ein Werkzeug kann retten oder verletzen, verbinden oder überwachen.
Doch bei komplexen digitalen Infrastrukturen greift diese Vorstellung zu kurz. Technologie existiert nicht im wertfreien Raum. Sie enthält Annahmen über Sichtbarkeit, Messbarkeit, Risiko, Effizienz und Kontrolle. Sie definiert, welche Daten erhoben werden, welche Kategorien als relevant gelten, welche Entscheidungen automatisiert, priorisiert oder unsichtbar gemacht werden.
Ein System, das Personen, Bewegungen, Kommunikationsmuster und Verhaltenswahrscheinlichkeiten analysiert, ist nicht bloß ein neutrales Instrument in fremder Hand. Es strukturiert die Wirklichkeit, die es zu erfassen vorgibt.
Das gilt in besonderem Maße für Unternehmen wie Palantir. Ihre Systeme sind auf die Auswertung großer Datenmengen und auf die Verknüpfung institutioneller Entscheidungsprozesse ausgerichtet: in Sicherheitsbehörden, Streitkräften, Geheimdiensten, Polizeiapparaten und großen Verwaltungen. Solche Infrastruktur verändert schleichend die Machtverhältnisse, selbst wenn sie formell unter demokratischer Aufsicht steht. Sie verschiebt Einfluss zu jenen, die über Datenzugang, technische Expertise, Rechenkapazität und proprietäre Systeme verfügen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob man diese Werkzeuge theoretisch „demokratisch umwidmen“ könnte. Sie lautet: Unter welchen Bedingungen bleibt eine Demokratie souverän, wenn zentrale Fähigkeiten des Staates von privaten Technologieunternehmen abhängen? Wer kontrolliert die Daten? Wer prüft die Modelle? Wer entscheidet über Fehlklassifikationen? Wer trägt Verantwortung, wenn algorithmische Systeme über Sicherheitsrisiken, Zugang zu Leistungen oder polizeiliche Prioritäten mitentscheiden? Das heißt – in der Zuspitzung all dieser Fragen –man muss beantworten, ob Technologie am Ende nicht Politik neutralisiert.
Döpfner warnt mit Recht vor dem weltweiten Vormarsch autoritärer Politik und vor den Gefahren von Links- und Rechtsextremismus. Damit hat er Recht. Doch die Bedrohung der Demokratie kommt nicht nur aus Parteien, Bewegungen oder offen antiliberalen Regimen.
Sie kann auch aus einer technologischen Konzentration von Macht entstehen, die sich unterhalb der klassischen politischen Arena vollzieht. Technologische Autokratie muss nicht mit Uniformen, Parteisymbolen oder der Abschaffung von Wahlen beginnen.
Sie kann als Effizienzreform auftreten, als Sicherheitsversprechen, als scheinbar alternativlose Modernisierung. Der Sieg gegen linke oder rechte Extremisten endet nicht automatisch in einer Erneuerung der Demokratie.
Foto: Eugène Delacroix/Wikimedia Commons | Lizenz: Public Domain
Faust und die verdrängte Tragödie
Inmitten dieses technologischen Absolutismus wird Thiel gern als intellektueller Grenzgänger inszeniert. Dem deutschen Publikum wird er als Goethe-Leser und „Faustianer“ vorgestellt. Für ihn verkörpert insbesondere der späte Faust den Menschen, der dem Meer neues Land abgewinnt: eine Figur titanischer Tatkraft, die das Vorgefundene nicht akzeptiert, sondern umgestaltet.
Es ist leicht zu verstehen, weshalb diese Figur auf einen Unternehmer des Silicon Valley anziehend wirkt. Faust steht für das Versprechen, Grenzen zu überschreiten, Natur zu beherrschen, Trägheit zu überwinden und die Welt durch Wissen und Willenskraft neu zu ordnen.
In dieser Lesart wird Goethe zum Kronzeugen eines Fortschrittsbegriffs, der sich selbst kaum noch Grenzen setzt. Doch diese Lektüre unterschlägt das Zentrum der Tragödie. Thiel liest Goethe, aber er liest ihn selektiv. Im fünften Akt des Faust II ist die Vertreibung und Tötung von Philemon und Baucis kein bedauerlicher Zwischenfall am Rand eines großen Modernisierungsprojekts.
Sie markiert dessen moralischen Kern. Fausts Landgewinnung verlangt die Beseitigung dessen, was sich seinem Blick auf totale Verfügung widersetzt: Erinnerung, Eigentum, lokale Bindung, religiöse Erfahrung, das Recht, nicht Teil eines großen Plans werden zu müssen. Philemon und Baucis stehen für mehr als sentimentale Vergangenheit.
Sie verkörpern eine Grenze des Fortschritts. Ihre Vernichtung zeigt, dass Modernisierung, sobald sie keine Gegenrechte mehr anerkennt, in Gewalt umschlagen kann. Goethe beschreibt nicht einfach den Triumph menschlicher Gestaltungskraft; er beschreibt ihre Dialektik. Der Fortschritt gewinnt Raum und verliert Maß.
Gerade darin liegt die Blindstelle des modernen Tech-Libertarismus. Er feiert den faustischen Drang, ignoriert aber dessen Kosten. Er bewundert die Beschleunigung, unterschätzt jedoch die Zerstörung sozialer, kultureller und politischer Voraussetzungen, die nicht in Effizienzkennzahlen eingehen.
Was im Jargon der Disruption als „Legacy“ erscheint – Institutionen, Regeln, Verfahren, lokale Bindungen, demokratische Langsamkeit –, kann in Wahrheit die Infrastruktur der Freiheit sein.
Das Kalkül der Medienmacht
Dass Mathias Döpfner Peter Thiel auf offener Bühne als mutigen Widerspruchsgeist feiert, dürfte daher kaum einem bloßen Missverständnis entspringen. Dahinter steht ein strategisches Kalkül. Für einen Medienkonzern, der mit „Politico“ tief im amerikanischen Markt verankert ist und seine Position im transatlantischen politischen Betrieb ausbauen will, ist Thiel eine hochrelevante Figur: Investor, Netzwerker, Ideengeber und Zugangspunkt zu Teilen des republikanischen Machtzentrums.
Und dezent fällt der Hinweis, dass Europa nur mit der Technologie der Amerikaner den verlorenen Kampf um die Daten kompensieren kann. Die Allianz ist dabei weniger harmonisch, als sie auf den ersten Blick wirkt. Sie beruht gerade auf produktiven Spannungen.
Döpfner kann das eigene Haus als bürgerlich-konservatives Bollwerk gegen einen vermeintlich linken Mainstream inszenieren. Die gemeinsame Überzeugung erinnert an eine alte Losung: Freiheit, statt Sozialismus. Thiel liefert dazu die Aura des Unangepassten, des intellektuellen Provokateurs, der gegen die Konventionen von Medien, Universitäten und Verwaltungsstaat aufbegehrt.
Aus dieser Verbindung entsteht eine kulturkämpferische Erzählung: Hier die mutigen Verteidiger der Freiheit, dort die erstarrte, moralisierende, regulierungsfreudige Mehrheit. Das Problem besteht darin, dass Freiheit in diesem Vokabular – unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts – zunehmend ihre politische Bedeutung verliert.
Freiheit wird nicht mehr als gleiche Möglichkeit verstanden, am Gemeinwesen mitzuwirken und Macht zu kontrollieren. Sie erscheint vor allem als Freiheit derjenigen, die über Kapital, Infrastruktur, Daten und Reichweite verfügen. Die Freiheit des Unternehmers wird gegen die demokratische Souveränität der Bürger ausgespielt.
Nicht zufällig wenden sich am Ende des Gesprächs Döpfner und Thiel einem weiteren Lieblingsmotiv des Silicon Valley zu: dem ewigen Leben, oder zumindest seiner technologischen Verlängerung. Auch hier verbindet sich Zukunftsoptimismus mit dem Wunsch, die menschliche Bedingtheit selbst als technische Herausforderung zu behandeln. Krankheit, Alter, Tod – alles soll perspektivisch nicht mehr Schicksal sein, sondern Problem des Managements, der Forschung und des Kapitals.
Man kann darin die radikalste Form derselben politischen Philosophie erkennen. Wo selbst die Endlichkeit des Menschen als überwindbares Hindernis erscheint, wird jede Form von Begrenzung verdächtig.
Die demokratische Idee lebt jedoch nicht von der Fantasie unbegrenzter Verfügung. Sie lebt von der Einsicht, dass Macht begrenzt, verteilt und kontrolliert werden muss – gerade, weil Menschen fehlbar, sterblich und voneinander abhängig sind.
Wir verwenden Cookies, um den Betrieb dieser Website zu gewährleisten. Weitere Informationen finden Sie in unserer Cookie-Richtlinie.
Diese Website verwendet Cookies. Notwendige Cookies sind für den Betrieb erforderlich: Sie halten Ihre Sitzung, den Warenkorb, die Zahlungsabwicklung, den Spam-Schutz und Ihre Cookie-Entscheidung fest. Sie werden ohne Einwilligung gesetzt und enthalten keine Angaben zu Ihrer Person.
Wir setzen von uns aus keine Analyse-, Werbe- oder Tracking-Cookies ein. Unsere Reichweitenmessung arbeitet ohne Cookies und erkennt einzelne Besucher nicht wieder.
Ihre Einwilligung brauchen wir an einer einzigen Stelle: Wenn Sie ein eingebettetes YouTube-Video starten, setzt Google Cookies zu Werbe- und Statistikzwecken. Ohne Ihren Klick auf ein Video werden diese Cookies nicht gesetzt.
Notwendige Cookies sind für das einwandfreie Funktionieren der Website absolut notwendig. Diese Kategorie umfasst nur Cookies, die grundlegende Funktionalitäten und Sicherheitsmerkmale der Website gewährleisten. Diese Cookies speichern keine persönlichen Informationen.
Cookie
Dauer
Beschreibung
__cf_bm
30 minutes
Wird von unserem Betreiber Cloudflare gesetzt, um automatisierte Zugriffe von echten Besuchern zu unterscheiden. Der Cookie enthält keine Angaben zu Ihrer Person und ist für den sicheren Betrieb der Website erforderlich.
__stripe_mid
1 year
This cookie is set by Stripe payment gateway. This cookie is used to enable payment on the website without storing any patment information on a server.
__stripe_sid
30 minutes
This cookie is set by Stripe payment gateway. This cookie is used to enable payment on the website without storing any patment information on a server.
acadp_rand_seed
1 day
Wird ausschließlich im Anzeigenmarkt gesetzt. Der Cookie enthält nur eine Zufallszahl, die die Reihenfolge einer Anzeigenliste über mehrere Blätterseiten hinweg stabil hält. Sie ist keiner Person und keinem Gerät zugeordnet und wird nicht weiterverarbeitet.
cookielawinfo-checkbox-advertisement
1 year
Set by the GDPR Cookie Consent plugin, this cookie is used to record the user consent for the cookies in the "Advertisement" category .
cookielawinfo-checkbox-analytics
1 year
Set by the GDPR Cookie Consent plugin, this cookie is used to record the user consent for the cookies in the "Analytics" category .
cookielawinfo-checkbox-functional
1 year
The cookie is set by GDPR cookie consent to record the user consent for the cookies in the category "Functional".
cookielawinfo-checkbox-necessary
1 year
Set by the GDPR Cookie Consent plugin, this cookie is used to record the user consent for the cookies in the "Necessary" category .
cookielawinfo-checkbox-non-necessary
1 year
Set by the GDPR Cookie Consent plugin, this cookie is used to record the user consent for the cookies in the "Non-necessary" category .
cookielawinfo-checkbox-others
1 year
Set by the GDPR Cookie Consent plugin, this cookie is used to store the user consent for cookies in the category "Others".
cookielawinfo-checkbox-performance
1 year
Set by the GDPR Cookie Consent plugin, this cookie is used to store the user consent for cookies in the category "Performance".
CookieLawInfoConsent
1 year
CookieYes sets this cookie to record the default button state of the corresponding category and the status of CCPA. It works only in coordination with the primary cookie.
m
2 years
Stripe sets this cookie for fraud prevention purposes. It identifies the device used to access the website, allowing the website to be formatted accordingly.
PHPSESSID
session
This cookie is native to PHP applications. The cookie is used to store and identify a users' unique session ID for the purpose of managing user session on the website. The cookie is a session cookies and is deleted when all the browser windows are closed.
woocommerce_cart_hash
session
Wird von WooCommerce gesetzt, sobald sich etwas im Warenkorb befindet. Der Cookie enthält eine Prüfsumme des Warenkorbinhalts, damit zwischengespeicherte Seiten den richtigen Warenkorbstand anzeigen. Er enthält keine Angaben zu Ihrer Person und ist für den Betrieb des Warenkorbs erforderlich.
woocommerce_items_in_cart
session
Wird von WooCommerce gesetzt, sobald sich etwas im Warenkorb befindet. Der Cookie enthält nur den Wert 1 und teilt der Website mit, dass der Warenkorb nicht leer ist. Er enthält keine Angaben zu Ihrer Person und ist für den Betrieb des Warenkorbs erforderlich.
wp_woocommerce_session_*
2 Tage
Wird von WooCommerce gesetzt und verbindet Ihren Browser mit der zugehörigen Warenkorb- und Bestellsitzung auf dem Server. Der Cookie enthält eine Kennung und eine Prüfsumme, keine Bestell- oder Zahlungsdaten. Er ist für Warenkorb und Kasse erforderlich. Laufzeit 2 Tage, bei angemeldeten Kunden 7 Tage.
Analytische Cookies werden verwendet, um zu verstehen, wie Besucher mit der Website interagieren. Diese Cookies helfen bei der Bereitstellung von Informationen über die Anzahl der Besucher, die Absprungrate, die Verkehrsquelle usw.
Cookie
Dauer
Beschreibung
CONSENT
2 years
YouTube sets this cookie via embedded youtube-videos and registers anonymous statistical data.
Werbe-Cookies werden verwendet, um Besuchern relevante Werbung und Marketing-Kampagnen anzubieten. Diese Cookies verfolgen Besucher auf verschiedenen Websites und sammeln Informationen, um maßgeschneiderte Werbung zu liefern.
Cookie
Dauer
Beschreibung
NID
6 months
NID cookie, set by Google, is used for advertising purposes; to limit the number of times the user sees an ad, to mute unwanted ads, and to measure the effectiveness of ads.
yt-remote-connected-devices
never
YouTube sets this cookie to store the video preferences of the user using embedded YouTube video.
yt-remote-device-id
never
YouTube sets this cookie to store the video preferences of the user using embedded YouTube video.