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Ibn Khaldun im 21. Jahrhundert: unsere Ökonomie des Wissens und der Institutionen

Ibn Khaldun

Der khaldunische Ansatz für das 21. Jahrhundert findet sich in Ibn Khalduns Methode, die er Ilm Al-Umran oder „Wissenschaft der Zivilisation“ nannte.

„Wenn die Philosophie ihr Grau in Grau malt, dann ist eine Lebensform gealtert und kann durch dieses Grau in Grau nicht verjüngt, sondern nur verstanden werden; die Eule der Minerva breitet ihre Flügel erst bei Einbruch der Dämmerung aus.“ (G.W.F. Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechts)

(Kasurian). Diese „Eule der Minerva“ breitet in der Abenddämmerung ihre Flügel aus. Wir stehen im 21. Jahrhundert in ausreichendem Abstand zu den zivilisatorischen Umwälzungen der Moderne, um die Ursachen unseres heutigen Unbehagens mit einer Klarheit zu erkennen, die denen, die sie durchlebt haben, verwehrt blieb. Von Ahmed Askary

Und vielleicht auch, um die Mittel abzuleiten, mit welchen wir aus dem ausbrechen können, was zu einem großen Teil zu einem selbst auferlegten Zustand geworden ist. In diesem Geist der Rückschau wenden wir uns Ibn Khaldun zu – um mit ihm zu denken und, wo nötig, über ihn hinaus.

Ein Mann, der sein Leben damit verbrachte, den Aufstieg und Fall von Dynastien im Maghreb und Maschrek zu beobachten, der Herrschern von Fès bis Kairo diente und von ihnen verraten wurde. Ein Beobachter, der zuschaute, wie sich die Armeen Timurs Damaskus näherten, und sich durch Verhandeln aus einer Belagerung rettete. Ein solcher Mann würde, würde man ihn ins 21. Jahrhundert versetzen, mehr Vertrautes vorfinden, als wir erwarten würden.

Die Oberfläche würde ihn verwirren: die Geschwindigkeit, die Dichte, die schiere Menge an Menschen, die in Städte gedrängt sind, die er sich nicht hätte vorstellen können. Doch die Logik der Macht wäre ihm nicht gänzlich fremd. Staaten schöpfen nach wie vor Überschüsse aus produktiven Bevölkerungsgruppen ab.

Eliten durchlaufen weiterhin Zyklen von Elan, Selbstzufriedenheit und Niedergang. Solidarität hält immer noch an Verwandtschaft, Sekte und einer gemeinsamen Erzählung fest und löst sich nach wie vor auf, wenn die materiellen Bedingungen, die sie stützen, nachlassen.

Er würde beispielsweise in den Golfmonarchien ein vertrautes Muster von Wüstenvölkern erkennen, die durch einen Glücksfall reich geworden sind, deren Asabiyya in der ersten Generation intakt ist, aber erodiert, wenn der Reichtum die Gewohnheiten aufweicht, die den Zusammenhalt hervorgebracht haben.

Er würde in der amerikanischen Republik so etwas wie die späten Stadien seines Zyklus sehen, in denen sich die Gründungssolidarität eines Gemeinwesens in fraktionellen Wettbewerb zersplittert hat und dessen Eliten mehr mit der Ausbeutung als mit der Erhaltung des Gemeinwesens beschäftigt sind.

Sein Kreislauf der Gerechtigkeit – dass Steuern vom Wohlstand abhängen, Wohlstand von guter Regierungsführung und sie von einem gerechten Herrscher – bleibt eine funktionale Beschreibung dessen, was geschieht, wenn Staaten vergessen, dass ihre Einnahmen letztlich von der Produktionskapazität ihrer Untertanen abhängen.

Foto: Süleymaniye Kütüphanesi, Istanbul/gemeinfrei

Und doch gäbe es für ihn reichlich Neues. Seine Theorie der politischen Ökonomie ging von agrarischer Produktion, höfischer Umverteilung und Zyklen des Aufstiegs und Niedergangs von Dynastien aus, die sich über Generationen erstreckten.

Sie berücksichtigte nicht und konnte auch nicht den industriellen Kapitalismus erklären. Und auch nicht die Fähigkeit moderner Staaten, sich durch industrielle Überschüsse zu erhalten. Oder Monetarisierung als Kraft, die in der Lage ist, Reichtum vollständig von der Produktion zu entkoppeln, oder den Nationalstaat als eine Form der politischen Organisation, die ihre Legitimität nicht aus dynastischer Asabiyya, sondern aus Volkssouveränität und bürokratischer Rationalität bezieht.

Die Dialektik zwischen Beduinen und Sesshaften, die für die Erklärung der politischen Dynamik des mittelalterlichen Maghreb so aussagekräftig ist, hat keinen offensichtlichen Bezug zum Aufstieg der ostasiatischen Entwicklungsstaaten oder zur inneren Logik des europäischen Wohlfahrtskapitalismus.

Wäre Ibn Khaldun heute am Leben und der Denker, für den wir ihn halten, würde er nicht an Kategorien festhalten, die im Nordafrika des 14. Jahrhunderts geprägt wurden. Er würde seine Annahmen erneuern. Und währenddessen die neuen Kräfte beobachten, die Mensch, Gesellschaft und Zivilisation antreiben.

Das Gedankenexperiment, ihn in dieses Zeitalter zu versetzen, ist eine Möglichkeit, aufzuzeigen, wo 600 Jahre späterer Entwicklung die Grenzen eines Denkmodells aus dem 14. Jahrhundert offenbaren. Und diese Limits nicht als Misserfolge, sondern als neue Horizonte zu betrachten.

Die Lücken Ibn Khalduns markieren – gemessen an der heutigen Welt – den Bereich, in dem neue Theorien erforderlich sind, um unsere grundlegenden Annahmen über das Wesen der Zivilisation im Zeitalter der Industrialisierung zu aktualisieren.

Doch dieses Unterfangen ist genauso Chance, eine schwierigere Frage zu stellen. Ein Ibn Khaldun des 21. Jahrhunderts wäre sehr interessant. Aber wäre er überhaupt denkbar? Und selbst wenn er möglich wäre: In was für eine Richtung würden sich seine Ideen entwickeln, und auf welche konkreten Fragen der Gesellschaft und der Zivilisation würden sie angewendet werden?

Die politische Ökonomie des Wissens

Die Antwort liegt nicht in seiner Person, sondern in der Kultur, die ihn umgab – oder besser gesagt, in dem, was dieser Zivilisation fehlte. In seiner Welt war Ibn Khalduns Genius nicht die einzige knappe Ressource. Ihr fehlte die institutionelle Infrastruktur, durch die individuelle Genialität über Generationen hinweg erfasst und weiterverarbeitet werden konnte.

Betrachten wir den Kontrast zwischen den islamischen Institutionen der Wissensproduktion und dem, was in Europa in den folgenden Zeitaltern entstand. Die europäische Universität, die sich nach dem 12. Jahrhundert in Städten wie Bologna, Paris und Oxford als lose Gilden von Gelehrten zu bilden begann, entwickelte sich zu etwas, das in der Geschichte des organisierten Wissens beispiellos war: eine selbstverwaltete Körperschaft mit Rechtspersönlichkeit, mit eigenen Einnahmen, die von keinem spezifischen Mäzen abhängig waren, und einer kontinuierlichen institutionellen Existenz, die den Tod jedes einzelnen Mitglieds überdauerte.

Die Universität Oxford war nicht auf die Gunst eines bestimmten Königs angewiesen, und die generationsübergreifende Nachfolge von Lehrenden und Studierenden setzte sich über die Jahrhunderte hinweg fast ununterbrochen fort.

Wissen sammelte sich nicht an, weil die Europäer intelligenter waren als ihre Zeitgenossen anderswo, sondern weil sie – zögerlich, unvollkommen und oft aus Gründen, die nichts mit dem Streben nach Wahrheit zu tun hatten – Institutionen aufgebaut hatten, deren Struktur diese Anhäufung ermöglichte.

Ibn Khaldun selbst erlebte wiederholt die Nachteile dieser fehlenden Institutionalisierung: Sein Schicksal stieg und fiel mit jedem Hof, der ihn beschäftigte, von den Mariniden über die Hafsiden bis hin zu den Mamluken. Sein intellektuelles Projekt war im wahrsten Sinne des Wortes von Herrschergunst abhängig.

bibliothek

Foto: Klassik Stiftung Weimar

Die „Muqaddima“ entstand während einer Zeit des erzwungenen Rückzugs auf der Burg von Ibn Salama, nicht innerhalb einer für nachhaltige Forschung konzipierten Institution, sondern am Rande einer politischen Karriere, die vorübergehend ins Stocken geraten war.

Die Folgen der Divergenz zwischen diesen Formen der Wissensproduktion waren nicht sofort erkennbar. Im 17. Jahrhundert blieb das Osmanische Reich militärisch mächtig und verwaltungstechnisch hoch entwickelt;. Seine Gelehrte lasen und kommentierten die „Muqaddima“. Und unter Historikern wie Katip Çelebi und Naima kam es zu einer Neubelebung des Khaldunismus.

Doch diese Wiederbelebung blieb eher literarisch und kontemplativ als institutionell und anwendungsorientiert. Keiner baute ein Forschungsprogramm auf seiner zyklischen Theorie der Staatsbildung auf. Niemand prüfte seine Thesen anhand neuer Daten, verfeinerte seine Kategorien oder erweiterte seinen Rahmen auf Bereiche, die er nicht berücksichtigt hatte. Die Ideen wurden bewundert, aber sie wurden nicht angewendet.

Akademiker schufen Wissen. Sie waren auf Mäzenatentum angewiesen, und dieses benötigte Höfe, und sie erforderten stabile Staatsgebilde, und jene erforderten – wie Ibn Khaldun selbst betont hätte – Asabiyya und die finanzielle Leistungsfähigkeit, um eine komplexe Verwaltung über einen längeren Zeitraum aufrechtzuerhalten. Wenn ein Glied dieser Kette brach, kam die Wissensproduktion zum Erliegen, da die materiellen Voraussetzungen für ihre Fortführung weggefallen waren.

Europas Vorteil lag zunächst nicht in überlegenen Ideen (obwohl viele von ihnen schließlich zu solchen wurden), sondern vielmehr in einem besseren Mechanismus, der die Wissensproduktion von den Unwägbarkeiten des politischen Lebens abschirmte. Die Stiftungshochschule, die Professur auf Lebenszeit und die anerkannte Gelehrtengesellschaft waren im Grunde Technologien, um die intellektuelle Forschung vom Mäzenatentum zu entkoppeln.

Im 21. Jahrhundert

Wie sieht es mit der Gegenwart aus? Der muslimischen Welt mangelt es heute nicht an Gelehrten, Akademien bzw. Forschungsergebnissen. Doch von der bloßen Existenz dieser Dinge auf die Behauptung zu schließen, es gebe ein Ökosystem der Wissensproduktion (in dem Sinne, wie es in Nordamerika, Westeuropa oder zunehmend auch in Ostasien existiert), bedeutet, das Vorhandensein einzelner Komponenten mit dem Funktionieren eines Systems zu verwechseln.

Ein Land kann über Universitäten verfügen, ohne eine Tradition der Forschung zu besitzen. Es kann Doktoranden hervorbringen und kein Wissen produzieren. Es kann Forschung finanzieren, aber keine Voraussetzungen dafür schaffen, dass sich Forschungsergebnisse zu etwas summieren, das größer ist als die Summe seiner Teile.

Die Bedingungen, unter denen wir arbeiten, sind ungünstig, doch das ist keine Entschuldigung für Untätigkeit. Der dreifache Bruch des 20. Jahrhunderts wurde von außen herbeigeführt. Das Versagen beim Wiederaufbau ist eine interne Angelegenheit. Seit der letzten dieser Katastrophen sind 80 Jahre vergangen. In dieser Zeit hat die muslimische Welt enorme finanzielle Ressourcen erworben, Hunderte von Universitäten gegründet und Zehntausende von Studierenden an die besten Einrichtungen in Europa und Amerika entsandt.

Die materiellen Voraussetzungen für den Wiederaufbau sind gegeben. Was fehlt, ist der Wille und das Verständnis, diese Ressourcen für die Schaffung wirklich selbsttragender Ökosysteme der Wissensproduktion einzusetzen, anstatt für den Erwerb institutioneller Zierde.

Sein Name wird als Beweis dafür angeführt, dass die islamische Zivilisation einst herausragende Geister hervorgebracht hat. Was der Fall war und von keinem ernsthaften Menschen bestritten wird. Doch diese Art der Auseinandersetzung ist selbst ein Symptom des Problems, das sie angeblich angehen will.

Sich endlos mit der „Muqaddima“ zu beschäftigen, bedeutet, ein großes Werk eher als Obergrenze denn Grundlage zu betrachten. Adam Smiths Ideen wurden durch Weiterentwicklung, Kritik und schließlich durch Ablösung gewürdigt. Bei ihm hat kein vergleichbarer Vorgang stattgefunden, da kein institutionelles Ökosystem existiert, in dem ein solcher Prozess stattfinden könnte.

Der khaldunische Ansatz für das 21. Jahrhundert findet sich in Ibn Khalduns Methode, die er Ilm Al-Umran oder „Wissenschaft der Zivilisation“ nannte.

Das Beharren darauf, die soziale Realität so zu betrachten, wie sie tatsächlich funktioniert, bevor philosophische Überzeugungen zum Tragen kommen, die vorschreiben, wie sie funktionieren sollte. Und die Bereitschaft, Theorien eher auf der Grundlage von Belegen als von Autoritäten zu entwickeln. Oder die Erkenntnis, dass das politische, wirtschaftliche und kulturelle Leben von Mustern bestimmt wird, die sich einer rationalen Analyse unterziehen lassen.

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Was den Ramadan in dieser Zeit relevant macht

ramadan relevant handel

Der Ramadan hat auch Relevanz für aktuelle Fragen der Zeit: Die wichtigsten sind Freiheit und Gemeinschaft.

(iz). Muslime und Nichtmuslime werden bei der Reflexion über den Ramadan in all seinen Aspekten vorrangig an überzeitliche und jenseitige Fragen denken.

An Dinge, die eine Person ihrem Schöpfer näherbringt, oder die zu ihrer spirituellen Verbesserung beiträgt. Nichts umsonst beschrieb Ahmet Aydin diesen Monat als eine „Übung im Menschsein“.

Damit Ramadan bzw. das in ihm verpflichtende Fasten relevant sein können, muss beide auch zu unserem Ort in dieser Zeit sprechen. Will heißen, jeweils Dinge adressieren, die für uns bedeutend sind. 

weiblich Zeit Iftar

Foto: Nate Pesce, flickr | Lizenz: CC BY-SA 3.0

Gerade stechen zwei Aspekte heraus, die den Fastenmonat jetzt wichtig und wertvoll machen: die Themen Freiheit und Gemeinschaft.

Der Verlust des sozialen Lebens und seiner organischen Netzwerke macht sich heute als Einsamkeit bemerkbar. Sie ist kein Randphänomen mehr: In Deutschland fühlen sich laut Studien Millionen Menschen regelmäßig allein.

Das geht quer durch Altersgruppen und Lebenssituationen. Vor allem Großstädte, die Lawine digitaler Kommunikation und ein beschleunigter Alltag verstärken das Gefühl gegenseitiger Distanz.

Was früher Tabuthema war, wird längst als ernsthafte soziale Herausforderung erkannt. Politik, Forschung und Zivilgesellschaft suchen nach Wegen, gegen Vereinsamung vorzugehen – denn chronische Einsamkeit bedroht nicht nur das seelische Wohlbefinden, sondern ebenso die körperliche Gesundheit und das Zusammenleben.

Auch um unsere bürgerlichen Freiheiten ist es nicht rosig bestellt – vor Ort und global. Ranglisten zum Thema weisen seit einiger Zeit beunruhigende Trends auf: Mit Bürgerrechten und Meinungsfreiheit geht es weltweit bergab.

demokratie

Foto: The White House/flickr | Lizenz: Public Domain

Das betrifft nicht nur für Ländern der „Dritten Welt“, sondern ebenso die im Westen. Beispiele sind leider nicht selten: die Faschisierung der USA, „illiberale Demokratien“ in Ost- und Mitteleuropa sowie die schleichende Erosion hiesiger Freiheiten sind gefährlich für alle.

Erst vor Kurzem musste die Bundesregierung eine kritische Einschätzung der Redefreiheit durch die UN-Berichterstatterin Khan zur Kenntnis nehmen.

Das Land stünde „an einem Scheideweg der Meinungsfreiheit“. Sie sieht Symptome, dass ein demokratischer Kernanspruch der Bundesrepublik – der freie Widerspruch – zunehmend unter Rechtfertigungsdruck gerät.

Was hat das mit Ramadan & Fasten zu tun? Nun, die Fähigkeit, die eigenen Bedürfnisse zugunsten höherer Ziele hintanzustellen und die Kulturtechnik des Aufschubs von Belohnung sind gute Übungen für einen zivilisierten Umgang. Gleichzeitig machen sie Freiheit existenziell erlebbar.

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Freitagspredigt: Einheit aus Sprache, Stil und Inhalt

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Inhalte und Form der Freitagspredigt (Khutba) beschäftigen in Deutschland beileibe nicht nur Imame und das Publikum. Sie sind ebenfalls Teil von Kulturkampfdebatten geworden. (iz). Seit Jahren fordern namentlich Unionspolitiker, sie […]

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Die Khutba – was macht sie wichtig?

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Was gehört in eine Khutba? Es ist wichtig, sich über den wahren Zweck einer Freitagsansprache im Klaren zu sein. (iz). Dieser Text ist u.a. für Muslime gedacht, die ihr Bestes […]

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Interview: Warum heute noch Literatur?

literatur

IZ-Begegnung mit dem Literaturwissenschaftler, Autor und Referenten Ahmet Aydin über die anhaltende Relevanz der Weimarer Klassik und warum die Person des Autors wichtig bleibt.

(iz). Im Sommer 1995 erschien die erste von mittlerweile 359 Ausgaben der „Islamischen Zeitung“ – damals produziert von einer Gruppe begeisterter junger Muslime in der Klassikerstadt Weimar. Von Beginn an setzten wir auf die Auseinandersetzung mit dem kulturellen Erbe Deutschlands und Europas. Goethe, Schiller und das ganze Phänomen jenes Ortes standen für uns nicht nur räumlich am Anfang.

Von nichtmuslimischer Seite wurde das zunächst bespöttelt, dann kritisiert, bis sich die Erkenntnisse von Fachleuten wie Von Arnim und Mommsen verbreiteten. Heute ist Goethes Arbeit über den Islam nicht mehr zu leugnen.

Von muslimischer Seite wurde die IZ anfangs dafür belächelt. Zum einen war es für sie in den 1990er und frühen 2000er Jahren nicht immer nachvollziehbar, warum man Weimar als Symbol positiv besetzen wollte. Zum anderen wurde der Redaktion in den vergangenen 10-20 Jahren vorgeworfen, mit dem Thema „Deutschtümelei“ zu betreiben, eurozentrisch zu sein oder wichtigere Fragen zu ignorieren.
Wie relevant eine andere, konstruktive Herangehensweise ist, zeigen die „Kulturkämpfe“ der letzten Jahre sowie der weltweite Aufstieg völkischer Narrative; Phänomene, die Denker und Schriftsteller von Goethe über Rilke bis Thomas Mann gewiss grundsätzlich ablehnen würden.

Die „Islamische Zeitung“ hat diese Beschäftigung nie als „goetheanischen“ Selbstzweck betrieben, sondern war vom Gedanken geleitet, dass sich kulturalistische Missverständnisse in der Auseinandersetzung von Europäern mit dem Islam dadurch mindern ließen, wenn man deren Weite und Offenheit für das Phänomen freilegt.

Im Folgenden dokumentieren wir Auszüge aus einem längeren Gespräch mit unserem Autor Ahmet Aydin. Der vor 33 Jahren in der Lessingstadt, Wolfenbüttel, geborene Literaturwissenschaftler und Speaker-Poet begeistert sich seit seinem 16. Lebensjahr für Dichtung, Literatur, ihre Vermittlung und das Schreiben.

In dieser Funktion hat er diverse Seminare gegeben. Diese bietet er kundenorientiert auch jugendlichen Muslime an, die er auf sie zugeschnitten an das poetische Erbe der europäischen und der islamischen Kulturen heranführt.

Aydin ist unter anderem auf Instagram (@westoestlicherpoet) und X (@westostPoet) präsent und beschäftigt sich mit den Themen Kultur, Kommunikation und Kreativität.

Spielt Literatur heute eine Rolle?

Islamische Zeitung: Spielt Literatur heute eine Rolle? Gibt es in diesem Moment weiterhin Menschen, die sich von einem Text in Wallung bringen lassen – wie es über die frühen Araber oder Griechen berichtet wurde?

Ahmet Aydin: Was wir verkennen, ist, dass es in der Vergangenheit oft so war, dass herausragende Bücher erst einmal nichts veränderten und prägten. Shakespeare hat als Dramatiker die Welt beeinflusst. Aber so, wie wir ihn heute kennen, ist er ein Produkt der deutschen Sturm und Drang-Bewegung. Schiller, Goethe und Herder haben ihn großgemacht und in Deutschland entdeckt. Danach wurde er für England wieder interessanter.

Wir denken oft, dass Texte die Welt revolutionierten. Eine meiner Thesen lautet, nicht diese Titel haben das getan, sondern die Art und Weise, wie sie und ihre Ideen vermarktet und inszeniert wurden. Was man damals mit einem Buch gemacht hat, ist heute mit YouTube, TikTok oder Instagram möglich. Es gibt so viele Kanäle, auf denen jemand sich inszenieren und Ideen voranbringen kann.

Hier wird die Frage interessant: Was ist wichtiger, das eigentliche Produkt oder meine Fähigkeit, es an den Mann zu bringen? Schiller bspw. hat sich radikal inszeniert. Er hat die Gedichte von Bürger in einer Rezension zerschmettert, um sich in Szene zu setzen.

Goethe selbst war nicht nur Autor, sondern eben zusätzlich Finanzberater, also zeitweise Wirtschaftsminister, musste eine Währung bewerten usw. Er suchte Sponsoren, die er überzeugen wollte, um Steuern niedrig zu halten. Nur eine Minderheit seiner Bücher waren anfänglich „Bestseller“. Trotzdem entfalteten sie extreme Wirkung.

Foto: pict rider, Adobe Stock

Islamische Zeitung: Friedrich Nietzsche bezeichnete Goethe, den er bewunderte, in Hinblick auf die Deutschen als ein „Ereignis ohne Folgen“. Er warf ihnen damit vor, dessen Vorbild nicht aufgegriffen und weitergeführt zu haben. Und heute wird die „Kultur“ häufig benutzt, um sie in Abgrenzung von Muslimen als Monstranz vor sich herzutragen. Wie real sind diese Symbole?

Ahmet Aydin: Was Nietzsche über ihn und seine Wirkung in der Heimat sagte, stimmt definitiv. Es scheint hier so zu sein. Allerdings hatte er einen Effekt in den Vereinigten Staaten oder England, wo er bspw. vom US-amerikanischen Transzendentalismus um Emerson aufgegriffen wurde. Dieser meinte über den Dichter, er habe die moderne Existenz in Poesie gekleidet.

Und ich füge gerne hinzu, an Deutschland ging das so aber leider vorbei. Um es mit Goethe zu sagen, der selbst verallgemeinerte: Die Deutschen konnten die Philisterei nicht loswerden. Was hieß das für ihn? Von anderen zu verlangen, dass sie so denken wie ich. Aber auch, sich nicht für Dinge begeistern zu können, weil das naiv sei.

Was kann er uns heute geben? Eine gelungene Lebensführung, die sich einerseits den Künsten widmet und andererseits mitten im Leben steht. Er war sich Dingen wie dem manchmal schwierigen Umgang mit Verlegern, der Bedeutung von Infrastruktur oder der Verwaltung von Finanzen bewusst.

Der Autor als Kritiker der eigenen Verhältnisse

Islamische Zeitung: Harsche Kritik an den eigenen Verhältnissen ist in dieser Kultur nicht unbekannt. Viele kennen den berühmt-berüchtigten Beginn des „Hyperion“ von Hölderlin „Und so kam ich unter die Deutschen…“. Geht bei der Beschäftigung mit Dichtern und Denkern unter, dass diese ihre Umstände kritisch sahen?

Ahmet Aydin: Hölderlin wurde übrigens für diese Worte scharf kritisiert. Andere vor ihm haben ähnlich gedacht. Wieland hat Vergleichbares geschrieben. Die Großen aus dieser Phase waren sich darin einig. Alle benutzten in ihren Briefen Beschreibungen Begriffe wie „Barbaren“.

Was war damit gemeint? Nicht, dass Deutschland per se oder in Gänze barbarisch ist bzw. war. Sondern, dass diese Barbarei eine Möglichkeit des Menschen ist. Würde man bspw. Goethe heute kennenlernen, könnten wir von ihm profitieren. Praktisch hieße das, mit Person unterschiedlichster Herkunft und Abstammung respektvoll umzugehen.

Er hat es geliebt, inmitten der Bevölkerung zu sein und sie zu beobachten. Ebenso war sein Verhältnis zur Religion. Er konnte mit dem Christentum, wie es ihm vermittelt wurde, kaum etwas anfangen; und wahrte gleichzeitig Achtung und Würde vor religiösen Menschen.

Er hatte viele Facetten: Einerseits kritisierte er die zeitgenössischen Deutschen, räumte andererseits ebenso ein, dass der Begriff „Vaterland“ auch bei ihm Gefühle auslöst.

Was viele nicht wissen: Goethe hat sich aktiv am Aufbau einer intellektuellen und akademischen Landschaft der damaligen Zeit beteiligt. Er hat, wenn man so sagen möchte, Elitenförderung betrieben und Menschen angezogen. Er zog Herder nach Weimar; Fichte, Schelling usw. nach Jena,  Durch ihn kam Schiller in die Universitätsstadt, der seinerseits andere Geister anzog.

Islamische Zeitung: Und jetzt zur Gegenwart. Wie sieht seine Relevanz im 21. Jahrhundert aus?

Ahmet Aydin: Derzeit haben über 20 % aller Menschen auf dem Arbeitsmarkt einen Zuwanderungshintergrund. Wie soll man sich in solch einer Lage miteinander umgehen? Wir können Führungskräfte hier ihre Mitarbeiter gut anleiten?

Da ist Goethes Denken ein Beispiel, wie es funktionieren kann. Sein Denkstil sorgt dafür, dass im Büro eine schönere Atmosphäre ist und Menschen respektvoller miteinander umgehen. Aber dazu muss man ihn erst mal kennenlernen und begreifen. Zu diesem Zweck sollte man ihn kennen und verstehen.

Weltbevölkerung

Foto: Abigail, Adobe Stock

Wie wichtig ist der Autor?

Islamische Zeitung: Das heißt, die Person des Schriftstellers ist ähnlich wichtig wie sein Werk?

Ahmet Aydin: Definitiv. Er hart seine Schriften nicht als alleiniges Hauptwerk begriffen. Goethe war Teil einer Stadtgesellschaft, agierte am Hof als Freund und Berater von Carl August. Er hatte das Ziel, ihre Kultur und die seines Landes zu bereichern. Regional wirkend hat er bspw. den „Tarquato Tasso“ geschrieben.

Dieser ist nichts anderes als die Beschreibung des Hoflebens inkl. Ratschläge an Herrschende und Autoren. Mit seinem lokalen Schaffen aber setzte er sich in Relation zur Menschheitsgeschichte. Einer der Gründe, warum sich Leute über die Zeiten hinaus für ihn begeistern.

Islamische Zeitung: Das heißt, für Dich muss der Künstler nicht hinter seinem Werk zurücktreten?

Ahmet Aydin: Nur bedingt. Er hat das ja auch getan. Dahinter verschwinden bedeutet hier allerdings, dass ich nicht nur über Themen schreibe, die ausschließlich einen selbst betreffen. Ich denke nicht nur an meine Community oder Filterblase. Andernfalls beschränkt man sich. Einerseits setze ich mich in den Kontext des Ganzen, vergesse andererseits nicht, dass man immer eine eigene Perspektive hat.

Eine reine Objektivität funktioniert nicht. Goethe sprach ja mit Hegel, der seine Antithese und Synthese lobte. Der Weimarer wandte ein, dass solche Methoden nicht dazu missbraucht werden dürften, um das Wahre unrichtig und das Falsche stimmig erscheinen zu lassen. Auch den Einwand des Philosophen, der das als „krank“ bezeichnete, sagte er, man sähe doch, was die Menschen tun.

Um es so zu sagen: Ich kann nicht zurücktreten vom Werk, aber versuche es. Das ist mein aufrichtiges Bemühen.

Islamische Zeitung: Für das Subjekt mag es keine reine Objektivität geben. Als soziales Phänomen in der Annäherung an den Anderen kann es im Sinne vom Common Sense durchaus eine verbindliche Wirklichkeit geben…

Ahmet Aydin: Ja, definitiv. Wenn wir das Thema Führungskräfte nehmen, haben diese verschiedene Mitarbeiter. Wie objektiv kann man in ihrer Bewertung sein? Der Vorgesetzte wird immer seine eigene Perspektive haben. Daher müssen wir uns unseres Verstandes bedienen, um allen gegenüber gerecht handeln zu können.

Goethe hat das selbst in seinem Leben versucht. Obwohl er besonders eng mit Schiller befreundet war, hat er in dessen Streit mit Schlegel versucht, die beiden wieder anzunähern.

Das ist ein Punkt, den wir begreifen müssen. Sein Ansatz hat das Potenzial die Gesellschaft zu vereinen. Das ist nicht romantisch gemeint. Man wird sich aneinander reiben, Ideen gegeneinanderprallen lassen. Ziel muss sein, die überpersönlichen Zustände zu verbessern.

Goethe Divan

Foto: Alexander Johrmann | Lizenz: CC BY-SA 2.0

Der unbürgerliche Goethe

Islamische Zeitung: Um abschließend beim Mann Goethe zu bleiben. Er stammte aus der bürgerlichen Klasse, pflegte zeitgleich teils einen unbürgerlichen Lebensstil – von der offenen Tafel im Haus am Frauenplan bis zu seiner Beziehung und Ehe mit Christiane Vulpius.

Ahmet Aydin: In seinem Haushalt war es Alltag, dass Besucher bzw. Gäste kamen und gingen. Es gibt eine umfassende und treffende Beschreibung von ihm durch seinen Wetzlarer Freund Johann Chr. Kestner, der ein rationaler Mann war.

Darin heißt es, er habe eine „außerordentlich lebhafte Einbildungskraft“, sei „heftig in seinen Affekten“ und habe eine „edle Denkungsart“. Und jetzt kommt das Entscheidende: Er ist ein Mensch von Charakter. Er tut, was ihm einfällt, ohne sich darum zu bekümmern, ob es nun gefällt oder nicht.

Ob Mode, oder Lebensart – jeder Zwang war ihm verhasst. Er störte andere nicht in ihren Vorstellungen. Kestner beschrieb ihn mit dem Wort „merkwürdig“. Im damaligen Sprachgebrauch meinte das „bemerkenswert“.

Nein, er hat kein typisch bürgerliches Leben geführt. Dazu gehörte seine zeitweise unübliche „wilde Ehe“ mit Christiane. Zu seiner Zeit war sie schon eine Art Skandal. Schillers Frau war zeitlebens davon skandalisiert; selbst noch, als der Dichter ihr seinen Namen gab.

Für ihn blieb das Menschliche, auch Praktische wichtig. Er hat Kontakt zu den Leuten gepflegt. Auch noch, als er Reichtum und Einfluss besaß. Obwohl man sich im Haus anmelden musste, er hatte ja zu tun, war Besuch immer möglich. Heine war dort, Hölderlin auch. Die Liste seiner Gäste im Laufe der Jahre würde den Rahmen sprengen.

Islamische Zeitung: Lieber Ahmet, vielen lieben Dank für das Gespräch.

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Kurzmeldungen Welt Februar 2024 (344)

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