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Welcher Typ passt zu mir?

interkulturell Hindernisse

(mentalhealth4muslims.com). Vorab sei so viel gesagt: Es gibt einen richtigen und einen falschen Weg, jemanden für eine Ehe kennenzulernen. Der falsche besteht darin, in der Aufregung einer sich anbahnenden Beziehung den Kopf zu verlieren. Oft wird vergessen, entscheidende Fragen zur Verträglichkeit beider zu stellen.
Es ist einer der größten Fehler, den viele junge Muslime machen: Auf eine Ehe zu zurasen, ohne den anderen gründlich kennengelernt zu haben. Ein häufiger Irrtum ist, dass die Dauer des Umwerbens ein Maß dafür sei, wie kompatibel Menschen sind. Das Problem besteht hierbei, dass nicht bedacht wird, wie man seine gemeinsame Zeit verbringt.
In zunehmendem Maße nehmen angehende Paare am „Halal-Dating“ teil. Das ist ein Kennenlernen in Gesellschaft von Freunden und/oder der Familie. Dazu zählen beispielsweise essen gehen, ein Besuch im Kino, Sport oder andere Freizeitaktivitäten etc. Abhängig von Familie und Kultur sind die Gespräche dabei minimal und betreut oder – noch schlimmer – unbeschränkt und unbegleitet. Angesichts all dieser Einschränkungen wundert man sich, wann eigentlich genau das entscheidende Gespräch stattfindet. Für viele ist die Antwort leider: niemals, wofür sie unter den Konsequenzen zu leiden haben. Ist man in dieser Phase, bieten die folgenden Punkte Ansätze, nach denen man suchen oder die man vermeiden sollte:
Kein Potenzial heiraten: Häufig denken Männer über die Ehe in der Hoffnung nach, die Frau werde sich nicht ändern. Frauen glauben, sie könnten ihren Mann nach der Hochzeit ändern. Nehmen Sie nicht an, Sie könnten eine Person verändern, nachdem Sie diese geehelicht haben, oder dass diese ihr volles Potenzial ausschöpfen wird. Es gibt überhaupt keine Garantien, wonach es eine Wandlung zum Besseren wird. Tatsächlich ist häufig das Gegenteil der Fall. Ist es unmöglich, sich das Leben mit einer Person vorzustellen, wie sie ist, sollte eine Heirat ausgeschlossen werden. Zu diesen Unterschieden können ideologische oder praktische Differenzen bei Religion, Gewohnheiten, Hygiene, Kommunikationsverhalten etc. gehören.
Charakter vor Chemie: Zwischen­menschliche „Chemie“ und Anziehung sind zweifelsohne wichtig. Der Charakter überragt aber beide. Ein berühmtes Sprichwort lautet: „Chemie entzündet das Feuer, aber Charakter hält es am Leben.“ Die Idee des „sich Verliebens“ sollte niemals der einzige Grund sein. Es ist sehr einfach, Verliebtheit und Lust mit Liebe zu verwechseln. Zu den wichtigsten Charaktereigenschaften gehören Demut, Freundlichkeit, Verantwortlichkeit und Freude.
Eine bescheidene Person stellt weniger Forderungen an andere, sondern versucht, es selbst zu machen. Sie stellt ihre Werte und Prinzipien über eigene Bequemlichkeit. Sie wird nur langsam wütend, ist bescheiden und vermeidet Materialismus.
Der freundliche Mensch ist der Gebende. Er will andere zufrieden stellen und ihnen keine Schmerzen zufügen. Um zu wissen, ob jemand darunter fällt, sollte man ihn im Umgang mit der Familie, Geschwistern und Eltern beobachten. Wenn man nicht dankbar gegenüber den eigenen Eltern ist, wird man es nicht gegenüber dem Partner sein. Entscheidend ist, wie eine Person Menschen behandelt, zu denen sie nicht freundlich sein muss.
Eine verantwortungsbewusste Person ist stabil in ihren Finanzen, Beziehungen, Arbeit und Charakter. Man kann sich auf sie verlassen und ihrem Wort vertrauen.
Ein glücklicher Mensch ist zufrieden mit seinem Anteil im Leben. Er fühlt sich gut mit sich und seinem Leben und fokussiert sich auf das, was er hat, anstatt was nicht. Dieser Mensch beschwert sich nur selten.
Emotionen des Anderen: Frauen und Männer haben emotionale Bedürfnisse. Damit eine Partnerschaft gelingen kann, müssen beide gegenseitig erfüllt werden. Frauen wünschen sich, geliebt zu werden. Sie brauchen Aufmerksamkeit, Zuneigung und Wertschätzung. Bei Männern ist es der Wunsch nach Respekt und Anerkennung. Sie wollen Wertschätzung, Bestätigung und Erleichterung. Es ist die Pflicht des Partners, dass der andere zufrieden sein kann. Und das dehnt sich auch auf Intimität aus. Solange jeder der beiden mit den emotionalen Bedürfnissen des anderen beschäftigt ist, wird die intime Beziehung voranschreiten. Das aktive Handeln zugunsten des Partners wird diesen wiederum motivieren, ebenso zu sein.
Keine gegenläufige Pläne: In einer Ehe kann man sich zusammen oder auseinander entwickeln. Ein gemeinsamer Sinn im Leben erhöht die Möglichkeit, dass man zusammenwächst. Man muss wissen, was den Partner beschäftigt. Das heißt, worin seine höchste Leidenschaft liegt. Und sich fragen: „Kann und will ich das respektieren?“ Je genauer man sich kennt – Werte, Überzeugungen, Lebensweisen –, desto größer die Chance, einen Partner im Leben zu finden, der am besten passt.
Kein vorehelicher Sex: Man muss erkennen, dass enorme Weisheit darin liegt, warum körperliche Intimität vor der Hochzeit verwehrt ist. Es verhindert großen Schaden und hält den gesegnetsten Teil einer Beziehung zwischen einer Frau und einem Mann intakt. Ganz abgesehen von den spirituellen Konsequenzen führt der physische Austausch beider dazu, dass wichtige Fragen wie Charakter, Lebensphilosophie und Vereinbarkeit beiseite geschoben werden. Folglich wird alles romantisiert und es wird schwierig, sich überhaupt an die wichtigen Themen zu erinnern, geschweige denn über sie zu reden.
Mangel an emotionaler Bindung vermeiden: Es gibt vier Fragen, auf welche die Antwort „ja“ lauten muss. Respektiere und bewundere ich diese Person? Vertraue ich ihr? Fühle ich mich sicher mit ihr? Komme ich zur Ruhe in ihrer Gegenwart? Lautet die Antwort „bin mir nicht sicher“ oder „weiß nicht“, dann sollte man weiter nachdenken, bis Gewissheit eingetreten ist. Fühlt man sich jetzt nicht sicher, ist es auch nach der Hochzeit nicht der Fall.
Auf die eigenen Sorgen hören: Die Wahl eines Partners, bei dem man sich nicht sicher ist, kann kein gutes Rezept für eine lange und liebevolle Ehe sein. Geborgenheit ist das Fundament einer starken und gesunden Partnerschaft. Ohne Sicherheit lassen sich Gefühle und Meinungen nicht ausdrücken.
Mangel an Offenheit: Viele Paaren machen den Fehler, nicht zu Beginn offen zu sein. Fragen Sie sich: „Was muss ich wissen, um absolut sicher zu sein, dass ich diese Person heiraten will?“ Es ist sehr wichtig festzustellen, was einen stört und beschäftigt. Dann muss es eine Diskussion über diese Fragen geben. Dies ist eine gute Möglichkeit, die Stärke einer Beziehung zu prüfen. Bei Widerspruch lässt sich gut ausloten, wie gut man kommuniziert, verhandelt und gemeinsam als Team arbeitet. Streiten sich Leute um Macht und bezichtigen einander, ist dies ein Hinweis darauf, dass sie nicht gut kooperieren. Ebenso wichtig ist, einander tiefe Fragen zu stellen, um zu sehen, wie der Partner antwortet.
Gefahr der Vermeidung von Verantwortlichkeit: Elementar ist sich daran zu erinnern, dass niemand für die eigene Zufriedenheit verantwortlich ist als man selbst. Viele denken fehlerhaft und meinen, jemand könnte sie erfüllen und ihr Leben besser machen. Das wird ihr Grund zur Eheschließung. Dabei verkennt man, dass wenn sie alleine unglücklich sind, sich auch in der Ehe wahrscheinlich nicht besser fühlen werden. Ist man jetzt mit sich und dem Verlauf seines Lebens unzufrieden, muss man jetzt dafür die Verantwortung übernehmen und entsprechende Lebensbereiche verbessern, bevor man eine Eheschließung in Betracht zieht. Diese Probleme sollen nicht in eine Ehe eingebracht werden, in der Hoffnung, der Partner möge sie lösen.
Emotionale Gesundheit im zukünftigen Partner: Viele entscheiden sich für Partner, die emotional nicht gesund oder zugänglich sind. Ein großes Problem tritt auf, wenn einer der Partner nicht in der Lage ist, die emotionalen Bindungen zu seinen Familienmitgliedern gleich aufzuteilen. Als Folge nehmen am Ende drei oder mehr Menschen an der Ehe teil. Ein Beispiel dafür ist ein Mann, der zu abhängig von seiner Mutter ist und dies mit in die Partnerschaft einbringt: zweifelsohne das Rezept für eine Katastrophe.
Ebenso wichtig ist es, Menschen zu meiden, die gefühlsarm sind. Dazu gehören solche, die sich aus einem Mangel der emotionalen Zugänglichkeit nicht lieben können. Sie werden immer mit ihren Mängeln, Unsicherheiten und negativen Gedanken beschäftigt sein. Solche Menschen befinden sich in einem andauerndem Kampf mit Depression, fühlen sich schlecht, isoliert und sind kritisch. Ein weiterer, klarer Hinweis auf diesen Typus ist, dass sie Anspruchsgefühle haben und wütend werden, wenn die Menschen sich ihrer Meinung nach nicht ausreichend um sie kümmern. Dieser Typus fühlt sich durch die Bedürfnisse anderer belastet und ist in der Regel nicht verfügbar, um gesunde Beziehungen zu knüpfen.
Sucht kann auch die Möglichkeit untergraben, starke emotionale Bindungen zu schaffen. Niemals sollte man einen Süchtigen heiraten. Abhängigkeiten sind nicht auf Drogen und Alkohol beschränkt. Es kann sich dabei auch um Arbeit, Internet, Hobbys, Sport, Einkaufen, Geld, Status etc. handeln. Diese Menschen sind nicht emotional ansprechbar und werden es auch nicht sein.
Jenseits von Schönheit, Geld und Gesundheit sind es Moral und Spiritualität, die einen Menschen bestimmen. Die moralisch aufrechte und spirituelle Person wird bei Gegenwind und Beschwernis an Ihrer Seite stehen. Fehlt es jemandem an einem Bewusstsein der Göttlichkeit und einer Bindung zur ihr, wie kann man erwarten, die Rechte anderer zu respektieren? Eine gemeinsame spirituelle Beziehung wird eine erfolgreiche Ehe der Partner fördern.

Bosnien: Islamische Gemeinschaft verurteilt Kriegs-Rhetorik in der Region

Sarajevo (MINA). Die islamische Gemeinschaft in Bosnien und Herzegowina verurteilt die kriegerische Rhetorik aus den politischen Zentren bestimmter Nachbarländer. Diese drohe, den bereits geschwächten Prozess zur Vertrauensbildung in der Region zu untergraben.
Die Islamische Gemeinschaft in Bosnien und Herzegowina fühle sich moralisch und sozial verantwortlich, in einer solchen Situation zu reagieren. Sie fordert alle Handelnden in der Politik und in Medien auf, „Verantwortung für unsere gemeinsame Zukunft zu zeigen“.
Die Gemeinschaft warnte ihre Mitglieder (Muslime in Bosnien sowie angeschlossene Mitglieder im Ausland) sowie alle anderen Bürger, sich nicht von Fakenews, politischer Unruhe und Propaganda täuschen zu lassen. Diese wolle bestimmte politische Interessen auf Kosten der Entwicklung von Vertrauen und Wahrhaftigkeit unter den regionalen Völkern durchsetzen.
Insbesondere forderte das kollektive Gremium der bosniakischen Muslime die Medien und deren Inhaber zu einem verantwortungsbewussten Handeln auf. Sie hätten zu vermeiden, dass Begriffe wie „Schlachten“, „Krieg“, „Angriffe“, „die größten Feinde unserer Nation“ in die öffentliche Debatte einsickern.
„Wir hoffen, alle aus dem vergangenen Krieg gelerntzu  haben, dass nur ein paar Lügen, ein wenig Misstrauen und ein paar unverantwortliche Maßnahmen ausreichten, um den Konflikt auszulösen, der schließlich zum Völkermord an den Bosniaken führte“, heißt es in der Verlautbarung. Jenen Menschen, die das größte Opfer dieses Konflikts gewesen seien, dürfe nicht ihr Recht auf politisches Denken und freie Artikulation ihrer politischen Interessen durch Kriegsdrohungen und verbale Angriffe auf die Integrität ihres Landes verweigert werden.

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Grundsatzentscheidung: Rechtsstreit um Islamunterricht endet mit Niederlage

Der Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland und der Zentralrat der Muslime in Deutschland sind auch weiterhin nicht als Religionsgemeinschaften anzusehen.
Münster (KNA). Ein fast 20 Jahre währender Rechtsstreit zwischen muslimischen Dachverbänden und dem Land Nordrhein-Westfalen ging am 09. November zu Ende. Das Oberverwaltungsgericht Münster (OVG) entschied in einem Revisionsverfahren, ob der Zentralrat der Muslime und der Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland als Religionsgemeinschaften anzusehen sind.
Beide Dachverbände hatten 1998 mit einer Klage gegen das Land die Einführung des islamischen Religionsunterrichts als ordentliches Lehrfach an öffentlichen Schulen gefordert. Die Anerkennung als Religionsgemeinschaft ist eine Voraussetzung dafür. Der Entscheidung von Münster werden Auswirkungen auf die Gestaltung des derzeitigen islamischen Religionsunterrichts an NRW-Schulen zugesprochen.
In einem ersten Verfahren hatte das Verwaltungsgericht Düsseldorf 2001 den Anspruch der Organisation gegenüber dem Land NRW zurückgewiesen, einen Religionsunterricht nach von ihnen benannten Grundsätzen einzuführen. Diese Auffassung bestätigte in der Berufung 2003 auch das OVG Münster. Die Rechtsgrundlage für die Forderung nach islamischem Religionsunterricht sei nicht erfüllt, da die klagenden Dachverbände keine Religionsgemeinschaften seien, hieß es damals. Beide Dachverbände bestünden ausschließlich oder überwiegend aus muslimischen Organisationen auf örtlicher oder überörtlicher Ebene.
2005 hob dann das in der Revision angerufene Bundesverwaltungsgericht (BVerwG) in Leipzig das OVG-Urteil auf und verwies den Fall nach Münster zurück. Die Richter dort sollten klären, ob und unter welchen Bedingungen Islamrat und Zentralrat doch als Religionsgemeinschaften anzusehen sind. Dass es sich bei ihnen um eingetragene Vereine und keine Vereinigungen von natürlichen Personen handele, reiche als Ausschlussgrund nicht aus. Auch dass in den Verbänden keine umfassende Pflege religiöser Angelegenheiten stattfinde, sahen die Leipziger Richter anders.
Ausschlaggebend für die Entscheidung war nach Angaben des Vorsitzenden Richters insbesondere, dass in beiden Dachverbänden laut deren Satzung eine reale Durchsetzung von religiösen Lehrautoritäten bis in die untersten Ebenen der Mitgliedsverbände und Moscheegemeinden hinein nicht gegeben sei. Hinzu komme, dass der Zentralrat nicht als zuständig angesehen werde, identitätsstiftende Aufgaben wahrzunehmen. Beide Kriterien waren zuvor vom Bundesverwaltungsgericht (BVerwG) Leipzig als notwendig für eine Anerkennung als Religionsgemeinschaften formuliert worden.
Dem Urteil geht ein fast 20-jähriger Rechtsstreit voraus. Bereits 1998 hatten Islamrat und Zentralrat der Muslime gegen das Land Nordrhein-Westfalen auf Einführung des islamischen Religionsunterrichts als ordentliches Lehrfach an öffentlichen Schulen geklagt. In mehreren Instanzen – darunter auch am OVG Münster – war ihnen aber der Status der Religionsgemeinschaft abgesprochen worden. Schließlich hob das Bundesverwaltungsgericht (BVerwG) in Leipzig ein OVG-Urteil auf und verwies den Fall nach Münster zurück.
„Das Gericht hat die Chance verpasst, den islamischen Religionsunterricht auf juristisch solide Beine zu stellen und die Institutionalisierung der islamischen Religionsgemeinschaften zu beschleunigen“, erklärte Burhan Kesici, Vorsitzendes des Islamrats für die Bundesrepublik Deutschland e.V., anlässlich der Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts Münster zum Verfahren des Islamrats und des Zentralrats der Muslime gegen das Land Nordrhein-Westfalen wegen der Einführung islamischen Religionsunterrichts.
Burhan Kesici weiter: „Die Entscheidung des Gerichts ist bedauerlich. Der Senat hat mit seinem Urteilsspruch die Chance verpasst, den islamischen Religionsunterricht in Nordrhein-Westfalen auf juristisch solide Beine zu stellen. Das aktuelle Beiratsmodell steht verfassungsrechtlich auf sehr dünnem Eis und ist allen voran ein politisches Konstrukt ohne Gewähr auf Dauerhaftigkeit. Vielmehr ist sie abhängig von der politischen Großwetterlage. Mithin ist er nur bedingt geeignet, muslimischen Schülerinnen und Schülern und ihren Eltern das notwendige Vertrauen zu geben in die Nachhaltigkeit des islamischen Religionsunterrichts an staatlichen Schulen.
Ein positiver Richterspruch hätte zudem die bereits überfällige Institutionalisierung der islamischen Religionsgemeinschaften in Deutschland beschleunigen können. Das wäre ein wichtiges Signal an die Muslime im Land gewesen und ein wichtiger Schritt hin zu ihrer weiteren Beheimatung in Deutschland. Dies ist leider ausgeblieben.
Nichtsdestotrotz bedeutet diese Entscheidung nicht das Ende unserer Bemühungen, weiter konstruktiv an der dauerhaften Etablierung eines islamischen Religionsunterrichts zu arbeiten. Wir werden uns auch in Zukunft nach bestem Wissen und Gewissen an diesem Prozess beteiligen, um für die muslimischen Schülerinnen und Schüler den qualitativ wie quantitativ bestmöglichen Religionsunterricht anbieten zu können. Insofern werden wir Modelle, die diesem Anspruch näherkommen, auch in Zukunft weiter unterstützen. Eine rote Linie ziehen wir nach wie vor dort, wo die Bekenntnisgebundenheit nicht mehr gegeben ist.
Der Senat hat die Entwicklungen der vergangenen Jahre nicht hinreichend gewürdigt: Weder wurde das von der Landesregierung in Auftrag gegebene Gutachten über die Islamische Religionsgemeinschaft NRW e.V. berücksichtigt, noch wurden Sachverständige gehört. Insofern hat das Gericht nicht alle relevanten Umstände in seine Urteilsfindung einfließen lassen, sondern der Landesregierung einen Bonus gewährt, das Gutachten weiterhin der Öffentlichkeit vorenthalten zu können. Ebenso wenig wurde das Selbstverständnis des Islamrats berücksichtigt. Jetzt gilt es die schriftliche Urteilsbegründung abzuwarten. Über das weitere Vorgehen werden wir in aller Ruhe beraten.“

Fülle des muslimischen Seins

(iz). Wie kann es gelingen, Antworten auf dringende Fragen unserer Zeit zu finden? Ich möchte hier ein Plädoyer halten – für eine Wiederentdeckung und Stärkung muslimischen Denkens aus der gesamten Tradition heraus. Gemeint ist damit im Allgemeinen das philosophische, theologische und mystische Denken. Im Besonderen möchte ich hier aber den Schwerpunkt auf die philosophisch-mystische Ethik legen. Islamische Philosophie (Falsafa) und der Sufismus (Tasawwuf) sind beides genuine Kinder des muslimischen Geistes. Trotzdem sind sie unter Muslimen heute häufig nicht gut gelitten.
Doch die Geschichte zeigt uns etwas anderes. Wenn man sich die großen Gelehrten anschaut, wird man erkennen, dass sie eine Geschichte einer geistigen, sowohl intellektuellen wie spirituellen, Suche nach der Wahrheit ist. Und es stimmt, beide Disziplinen unterliegen Einflüssen, wie etwa der griechischen Philosophie. Das gilt aber auch für andere islamische Wissenschaften wie der systematischen Theologie (Kalam) oder der Rechts-Normenlehre (Fiqh). Diese Einflüsse sind keine Schwäche, sondern genau das Gegenteil. Deswegen möchte ich die These vertreten, dass sowohl islamische Philosophie als auch der Sufismus ganz und gar nicht „unislamisch“ sind und wir aus beiden enormen Nutzen ziehen können.
Dass es zwischen dem islamischen Ideal und der konkreten Gegenwart Diskrepanzen gibt, dafür muss wohl kaum extra argumentiert werden. Eher muss offen um den Weg gestritten werden, wie dieser Zustand langsam überwunden werden kann. Es ist meine Überzeugung, dass es einer innermuslimischen Diskussion bedarf, was das Wesen des islamischen Denkens und Handelns ist, damit es heute relevant für uns ist, auch jenseits unserer Moscheevereine. Nur so können wir aus der ermüdenden Diskussion zwischen liberal und konservativ ausbrechen, die nicht einmal unsere eigene ist, sondern von außen an uns herangetragen wird. Wir erleben vor unseren Augen, wie tagtäglich der Islam Thema ist und das in aller Regel nicht im Positiven. Und das Katastrophalste daran ist, dass wir Muslime nicht gestaltendes Subjekt des Diskurses sind, sondern deren Objekt, zur aktivistischen Passivität verurteilt.
Bevor wir aber mit dem Finger auf andere zeigen, brauchen wir eine kritische, aufrichtige Selbstreflexion. Neben konkreten Taten, und es gibt viele gute Geschwister, die Großartiges leisten. Um wirklich in die Gesellschaft hineinzuwirken, bedarf es eines Nachdenkens aus der Tiefe unserer Identität. Jeder große Gelehrte verstand sich als ein Übersetzer der überlieferten Tradition in die jeweilige Lebenswirklichkeit. So entstand die Rechts- und Normenlehre (Fiqh) unter Wechselwirkung mit dem römischen Recht und der griechischen Logik. Die systematische Theologie (Kalam) ist beeinflusst von griechischer Logik und Metaphysik, was man in der Auseinandersetzung mit der islamischen Philosophie bemerkt. All das soll nicht bestreiten, dass diese Wissenschaften genuin islamischer Natur sind. Sondern nur verdeutlichen, dass das, was wir immer so stolz islamische Zivilisation nennen, nicht hätte entstehen können ohne die Synthese zwischen griechischer Philosophie islamischem Denken.
Heute besteht das islamische Denken in der Regel aus dem unreflektierten Tradieren von Lehrmeinungen, es wird an Autoritäten geglaubt, was sie sagen, gilt. Um Missverständnisse nicht erst entstehen zu lassen: Tradition ist wichtig, sie ist das Fundament. Aber eine Tradition, die nicht mehr in die Gegenwart übersetzt und progressiv weiterentwickelt wird, erstarrt zu einem Traditionalismus, oder schlimmer zum Fundamentalismus. In Wahrheit ist „blindes Nachahmen“ eine Beleidigung der Größe muslimischer Denker, weil man aus ihnen Säulenheilige macht.
Der Theologe, Philosoph und Mystiker Muhammad Al-Ghazali (gest. 1111) wehrt sich zu Recht gegen die blinde Nachahmung in seiner Autobiografie „Erretter aus dem Irrtum“ (Al-Munqid min Ad-Dalal). Er sieht den Islam offensichtlich in einer Krise und verfasst sein Opus Magnum „Die Wiederbelebung der religiösen Wissenschaften“ (Ihjaʾ ʿUlum Ad-Din), um den Geist der Religion neu zu beleben. Worin genau besteht diese Wiederbelebung? Al-Ghazali ist ein Denker seiner Zeit und bringt mehrere Ideengebäude seiner Vorgänger zusammen. Einerseits steht er in der Tradition des Sufismus, anderseits ist er ein gelehrter Professor in Bagdad. Geschult in allen islamischen Lehren und griechischer und islamischer Philosophie. In seinem Werk „Die Inkohärenz der Philosophen“ (Tahafut Al-Falsifa) werden zwanzig Thesen der Philosophen genannt. Davon lehnt er drei Thesen ab, die sich auf ­metaphysische Spekulation beziehen. Erstens die Ewigkeit der Welt und ­zweitens, dass Gott nur die universalen Regeln der Welt kenne, aber nicht die genauen Einzelheiten und die dritte These, dass die Seelen der Menschen nicht individuell weiter existieren würden, sondern nur in einer Weltseele oder Weltgeist.
Darin spiegelt sich der Zweifel am Vermögen der Vernunft, metaphysisch spekulativ Wahrheit erkennen zu können. Dafür bedürfe es der Offenbarung. Al-Ghazali unterscheidet in seinem Denken theoretische Vernunft (ʿIlmun ʿIlmiyun) und praktische Vernunft (ʿIlmun ʿAmaliyun), eine Unterscheidung, die schon Aristoteles kennt. Er legt den Schwerpunkt auf die praktische, sprich ethische Seite der Vernunft. In beiden Punkten, sowohl der Vernunftkritik als auch der Betonung der praktischen Vernunft ist er Immanuel Kant (gest. 1804) nicht ­unähnlich, wenn auch beide Denker in Intention und Zielrichtung dann doch sehr unterschiedlich bleiben.
Al-Ghazali rezipierte in seinen ethischen Werken an einer ethisch-philosphischen Tradition ausgehend von den Griechen über die islamischen Philosophen. Sie gründet in der Rezeption von einer Schrift des griechischen Arztes ­Galen (gest. ca. 215) „Über die Charaktereigenschaften“ (fi’l-Ahlaq), in dem die Krankheiten der Seele genauso ­behandelt werden wie körperliche Gebrechen. All das begegnet uns noch heute im Topos der Krankheiten der Seele in der mystischen Literatur. Das kann jeder bemerken, der zum Beispiel Al Ghazalis „Elixier der Glückseligkeit“ (Kimijaʾ ­As-Saʿada) liest.
In der islamischen Philosophie und ihrer Ethik sind Denker wie Al-Kindi und Al-Farabi von herausgehobener Bedeutung. Ibn Sina (gest. 1037), Philosoph und Arzt, beschäftige sich unter anderem mit der Psychologie der Seele und wendete sich in späten Jahren dem Sufismus zu. Der persische Philosoph Miskawayh (gest. 1030) verband in seinem Werk „Verfeinerung des Charakters“ (Tahdib al-Ahlaq) philosophische Ethik und die Charakterreinigung (Tazkija) des Sufismus. Alle diese muslimischen Denker stehen für den Versuch einer Synthese zwischen der Ethik von Aristoteles und Platon, in ihrer neuplatonischen Gestalt, mit der islamischen Mystik (Tasawwuf). Einen vorläufigen Höhepunkt finden diese Bemühungen im Wirken von Al-Ghazali. Er bringt die ethischen Ideen seiner philosophischen Vorgänger in ­Verbindung mit der Theologie und der Mystik. Vorstellungen der „Reinigung der Charakters“ (Tazkija ul-Nafs) und der daraus resultierende Gedanke der Glückseligkeit (as-Saʾada) gleichen den Philosophen. Wobei er zwischen einer diesseitigen und einer jenseitigen Glückseligkeit unterscheidet.
Ein wichtiger Punkt ist bei ihm der ­erkenntnistheoretische Gedanke einer Begrenzung der Vernunft und der existenziellen subjektiven Erfahrung des Göttlichem im eigenen tiefsten Inneren. Dieser Erfahrung liegt eine rationale ­Unverfügbarkeit zugrunde, was sich mit dem Wort „Schmecken“ (Dhauq) ausdrückt. Er verbindet sein Erlebtes mit der Lehre der Sufis und ihrer Praxis des „Gottgedenkens“ (Dhikr) und ermöglicht so eine theoretische Grundlegung individuellen religiösen Erlebens. Von nun an ist nicht nur der Philosoph in seiner kontemplativen Schau zur höchsten Stufe der Erkenntnis und Vervollkommnung des Charakters fähig. Sondern im Prinzip alle Menschen, wenn sie sich nur ethisch und spirituell entwickeln. In diesem mystischen Erleben, verbunden mit individueller Ethik, deutet sich an, was Jahrhunderte später in der Aufklärung die Wende zum Menschen genannt wird. Ab dem dreizehnten Jahrhundert entsteht in Europa langsam eine Neuverortung des Subjekts und seiner Handlungsmöglichkeiten, mit einer langsamen Abwendung von antiken metaphysikalischen Menschenbildern. Da lässt sich nun völlig legitim fragen, welchen Einfluss das muslimische Denken in den Jahrhunderten davor hatte. Kann hierin tatsächlich eine Möglichkeit bestehen, von muslimischer Seite an heutige philosophisch-ethische Vorstellungen anzuknüpfen?
Die Frage, die sich für uns Muslime heute stellt, wäre: Was können wir daraus lernen und welche Bedeutung hat dies für uns heute? Wir Muslime müssen die Bedingungen verstehen, die uns heute ausmachen. Wir, die heute leben, sind alle Kinder der Moderne. Selbst jene, die sich explizit gegen sie stellen, gerade sie sind ihre Kinder. Nehmen wir den sogenannten Islamismus, er ist geprägt durch eine individuelle Aneignung bestimmter Traditionsversatzstücke. Die aber nicht im geringsten verstanden werden und auch nicht mehr in die Ganzheit muslimischen Denkens verortet werden können. Alle Versuche, eine so verstandene Tradition am Leben zu halten, ohne progressive Weiterentwicklung, münden in Formen des Traditionalismus oder Fundamentalismus. Am besten zu sehen bei zu Gewalt greifenden Islamisten, sie sind nihilistische Verweigerer der Erkenntnis, dass ihnen diese Tradition längst ent­glitten ist. Zwischen den Welten stehend, die Gegenwart nicht begreifend, die Vergangenheit ist nur nebulöse Ideologie. In einer Welt, in der sie keinen Sinn mehr finden, wollen sie uns einen blinden ­Traditionalismus aufstülpen, wenn nicht freiwillig, dann mit rhetorischer, oder ­sogar physischer Gewalt. Mit der irr­sinnigen Idee aller Ideologen, damit Ganzheitlichkeit zu erzeugen.
Das lässt uns fragen: Was macht das Wesen der Moderne aus? Es ist nicht wie von „Islamisten“ häufig fehlverstanden, ihre funktionale Seite, die sich in technischem Fortschritt oder dem Willen zur Macht manifestiert. Sondern es ist eine grundlegende Wende im Denken, die Kant unter dem Begriff „Anthropolo­gische Wende“ zusammenfassen wird. Der Mensch sah sich zuvor als in eine ganzheitliche Ordnung eingebettet, wo der Mensch gedacht wird als Vernunftswesen, welches an einer kosmischen Vernunft (Logos/ʿAql) partizipiert, sprich; Vernunft ist keine Eigenleistung, sondern wird im Menschen hervorgerufen. Ganz anders begreift sich der moderne Mensch, er sieht sich als autonom in seiner Vernunft und seinem Handeln. Er gestaltet die Welt aus seinem Denken heraus und weiß. Egal, wie umstritten dieser Autonomiegedanke auch im westlichen Denken blieb, er prägt zutiefst unser heutiges Menschenbild, auch das der Muslime.
Doch worin besteht der Weg zu einer Lösung dieser Herausforderungen? Und ist es überhaupt sinnvoll oder richtig, ­Anschluss an das Denken der Moderne zu suchen? Man kann sie natürlich ableh­nen, aber landet man dann nicht in der einen oder anderen Form der negativen Ablehnungen? Selbst wenn das Ziel sein sollte, sie zu überwinden, dann müssen sie zunächst verinnerlicht worden sein. Und wie kann man etwas völlig ablehnen, von dem man längst Teil ist? Hier soll weder einem Modernismus noch einem Traditionalismus das Wort geredet werden. Es soll nicht die Moderne aufgelöst werden in der Tradition, was einen Traditionalismus erzeugt, noch umgekehrt, was einen Modernismus erzeugen würde. Deswegen kann nur ein progressiver Umgang sowohl mit der Tradition als auch mit der Moderne die Antwort sein. Denker wie Dschamal ad-Din al-Afghani oder Muhammed Abduh wollten den Islam mit der Moderne versöhnen. Sie blieben eher bei einem funktionalen Verständnis. Bei Abduh, in seiner „Koranauslegung der Leuchtturm“ (Tafsir al-Manar), erkennt man dies an seinem Umgang mit naturwissenschaftlichem Wissen, wenn er zum Beispiel Dschinns mit Bakterien gleichsetzt. Aus diesen beiden entsteht die Salafiya-­Bewegung und daraus zahlreiche Reformbemühungen, sogar Nationalisten und Kommunisten beriefen sich auf diese religiösen Denker. Aber bei all diesen Nachfolgern erkennt man, dass die ­Moderne mit dem Willen zur Macht und zur Machbarkeit verwechselt wurde. Und so steht, so traurig es ist, die islamische Welt heute in der Sackgasse von Tyrannei und Fundamentalismus.
Ein Teil der Lösung liegt darin, die ­Bedingungen der Moderne und der Stellung des Subjekts in ihr zu verstehen und denkerisch ins Eigene zu holen. Aus Angst, der Tradition verlustig zu werden und damit auch der eigenen Identität, verharrt man lieber in einem erstarrten Traditionalismus. In dem weder die Tradition noch die Moderne wirklich verstanden, geschweige den bewältigt werden. Deswegen stehen Muslime heute vor dieser Diskrepanz zwischen Ideal und Wirklichkeit und bleiben Objekte der Geschichte. Natürlich ist das auch ein Generationenprojekt und kann nicht allein bewältigt werden. Ein wichtiger Denker beider Welten, der viel zu wenig bekannt ist, ist Muhammad Iqbal (gest. 1938). Er verstand die Moderne wirklich in ihrer substanziellen Tiefe, aber er kannte auch seine Religion in ihrer denkerischen und spirituellen Tiefe. Iqbal schrieb wohl nicht ganz zufällig auf ­Englisch ein Werk, welches sich im Namen an Al-Ghazali anlehnt, „Die Widerbelebung des religiösen Denkens im ­Islam“ (The Reconstruction of Religious Thought in Islam). Dort analysiert er, dass ein modernes muslimisches Denken im Anschluss an die eigene Denktradition stattfinden muss, und der Mensch in den Mittelpunkt gerückt werden muss.
Eine wirkliche Aneignung der Moderne bedeutet eine spannungsreiche Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und den eigenen Ideen. Aus dieser Neupositionierung des Menschenbildes entstehen in der Moderne ein neues Verständnis der Würde des Menschen und daraus die Menschenrechte. Auf politischer Ebene wird die Demokratie möglich, einhergehend mit Trennung von religiöser und weltlicher Macht, ­einhergehend mit der Autonomie von Politik, Recht und Wissenschaft. Natürlich kann man behaupten, die Muslime müssten sich darüber keine Gedanken machen. Dann muss man sich aber bewusst sein, dass Muslime sich mit ihren Anliegen nicht kommunikabel machen können. Mal abgesehen von der fast ­schizophren Situation in einem Staat in einer Gesellschaft zu leben, die man eigentlich nur ablehnen kann, wenn man einer so interpretierten Religion treu sein möchte. Ich möchte dezidiert die These vertreten, dass dies nicht sein muss. Es ist möglich, ein muslimisches Selbstbewusstsein aufzubauen, welches in einem affirmativen Verhältnis zu den hiesigen Werten leben kann, ganz aus der eigenen Tradition heraus und dem eigen spiri­tuellen Selbstbewusstsein.
Zum Schluss möchte ich noch andeuten, wie so etwas gelingen kann. Faktisch ist es jetzt schon so, dass die Muslime ­bejahend in dieser Gesellschaft leben. Deswegen ist der theoretische Weg vielleicht etwas kürzer als für Muslime, die beispielsweise in einer Diktatur leben müssen. Dennoch muss ein Anliegen der Muslime sein, ihre Religion in eine Sprache zu übersetzen, die hier verstanden wird und aus dem Reichtum islamischen Denkens heraus einen positiven Beitrag zu dieser Gesellschaft zu leisten. Zunächst muss anerkannt ­werden, dass diese Entwicklung in der Moderne nicht von Muslimen hervorgebracht wurde, wenn auch muslimisches Denken Auswirkungen darauf hatte. Und tatsächlich spricht viel dafür, dass Muslime gerade in der philosophisch mystischen Entwicklung einer Ethik Vorstufen unseres modernen Menschenbildes lieferten. Der amerikanische Philosoph Charles Taylor macht in seinem Buch „Quellen des Selbst“ darauf aufmerksam, dass unser modernes Selbstverständnis seine ­Wurzeln nicht in der Neuzeit hat. Sondern der Ursprung in den religiösen Traditionen liege, insbesondere den Offenbarungsreligionen Judentum, Christentum und Islam, mit ihrer ­Betonung der individuellen Verantwortung und der Synthese mit der griechischen Philosophie.
Hier soll nicht behauptet werden, der Islam habe alles schon vorgedacht, was der Westen dann hervorbrachte, das wäre naiv und fahrlässig. Zunächst muss der absolute Bruch erkannt werden, der modernes vom antiken und mittelalterlichen Denken trennt. Aber Muslime können sich mit dem Selbstbewusstsein der eigen Tradition in ein Verhältnis zu den Entwicklungen der Moderne setzen, die eine wirkliche, nicht zu hintergehende Weiterentwicklung in der Menschheitsgeschichte bedeuten. Eben so wie die antike Zivilisation und die islamische Zivilisation die Menschheit vorangebracht haben.
Es ist nicht einfach, aber meiner Ansicht nach der einzige Weg, um das muslimische Sein mit der Wirklichkeit zu versöhnen. Wir können uns so in ein affirmatives Verhältnis zu den Menschenrechten der Demokratie setzen, mit ihrer Vorstellung vom autonomen Bürger. Wenn Muslime diesen Staat nicht nur einfach normativ bejahen, sondern als etwas Wertvolles, auch ­Eigenes erkennen, können sie eine wichtige Stütze dieser Gesellschaft sein. Mittels des Sufismus und der Philosophie kann eine genuin muslimische Verortung des Subjekts gelingen, aus der Bewusstseinserfahrung in der Mystik, wie bei Al-Ghazali, gepaart mit ethischer Verantwortung. Der Philosoph Jürgen Habermas betont in seinen religionsphilosophischen Überlegungen, dass die säkulare Vernunft des Dialoges mit der religiösen Vernunft bedarf, um das eigene Handeln mitzubegründen, da das moderne Subjekt sich selbst fragwürdig geworden zu sein scheint. So können wir Muslime aus der Fülle unserer Tradition heraus mit anderen Weltanschauungen in einer pluralen Gesellschaft für den Wert und die Würde des Menschen im Angesicht Gottes streiten. Ganz im Sinne des Qur’anverses: „Für jeden von euch haben Wir ein Gesetz und einen deutlichen Weg festgelegt. Und wenn Allah wollte, hätte Er euch wahrlich zu einer einzigen Gemeinschaft gemacht. Aber (es ist so,) damit Er euch in dem, was Er euch gegeben hat, prüfe. So wetteifert nach den guten Dingen! Zu Allah wird euer aller Rückkehr sein, und dann wird Er euch kundtun, worüber ihr uneinig zu sein pflegtet.“ (Al-Ma’ida, 48) Enden möchte ich ganz der Tradition verbunden: „Gott allein weiß es!“

Wenn die Bienen sterben

„Und dein Herr hat der Biene eingegeben: ‘Nimm dir in den Bergen Häuser, in den Bäumen und in dem, was sie an Spalieren errichten. Hierauf iss von allen Früchten, ziehe auf den Wegen deines Herrn dahin, die (dir) geebnet sind.’ Aus ihren Leibern kommt ein Getränk von unterschiedlichen Farben, in dem Heilung für die Menschen ist. Darin ist wahrlich ein Zeichen für Leute, die nachdenken.“ (An-Nahl, 68-69)
(iz). Es ist kein sinnloses Sprachspiel, dass uns der Schaum auf den Wellen der Ereignisse von den gewaltigeren Tiefen der Strömung ablenkt. Die langsamen Entwicklungen sind es, die das Leben in größerem Ausmaße verändern als uns bewusst wird. Seit Jahren schon fragen sich viele, wo die Schmetterlinge geblieben und warum im Sommer ihre Windschutzscheiben immer seltener von Insekten übersät seien.
Aufschluss darüber gibt nun eine ernüchternde Studie britischer, deutscher und niederländischer Forscher. Aufgrund einer Langzeitmessung – seit 1989 an 63 Orten in unterschiedlichen heimischen Naturschutzgebieten – stellten Entomologen fest, dass die Menge der Fluginsekten (anhand der Biomasse) um drei Viertel sank. Nach Ansicht mancher sei das ein „ökologisches Armageddon“.
Insekten gehören bei Menge und Artenvielfalt zu den erfolgreichsten Spezies. Mit Ausnahme der Antarktis und den Ozeanen leben sie im Boden, im Wasser und in der Luft. Die kleinen Tiere sind unverzichtbar für die Befruchtung von Pflanzen, rund 80 Prozent aller wildlebenden Arten werden von ihnen bestäubt. Das Gleiche gilt für die Mehrheit der vom Menschen angebauten Früchte. Darüber hinaus sind sie oft der Ausgangspunkt Tausender Nahrungsketten, von deren Ende viele Wirbeltierarten für ihr Überleben abhängen.
Ein Grund für den Schock der Wissenschaftler ist, dass hier zum ersten Mal nicht nur der Niedergang einer Gruppe wie der Schmetterlinge untersucht wurde, sondern der aller verfügbaren Fluginsekten. Umso erschreckender ist, dass die Zahlen allesamt aus Naturschutzgebieten stammen und nicht aus Bereichen mit intensiver Bewirtschaftung.
Noch haben die Forscher kein eindeutiges Urteil über die Ursachen gesprochen. Wobei bereits jetzt Klima- und Wetterveränderungen sowie lokale Phänomene eher ausgeschlossen werden. Vielmehr suchen sie nach Verursachern, die allgemein in die Natur eingreifen. Als Hauptursache gelten die omnipräsenten Stickstoffverbindungen, die heute in Düngemitteln zum Einsatz kommen. Gleichermaßen schädlich sollen Pestizide, namentlich die Neonicotinoide, sein. Letztere töteten nicht nur Schädlinge, sondern sämtliche Insekten, die mit dem Gift in Kontakt kommen.

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Auf dem Kölner Westfriedhof ruhen auch viele Muslime

Köln (KNA). Seit 100 Jahren beerdigen Kölner ihre Toten auf dem Westfriedhof, wenige Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Kölner Honoratioren liegen hier neben Fabrikanten, Angehörige traditionsreicher Handwerkerfamilien neben Bombentoten aus dem Zweiten Weltkrieg. Die breite Allee vom Toreingang zur Trauerhalle im neoklassizistischen Stil atmet den Stolz der alten Domstadt.
Biegt der Besucher links ab und wandert einige Minuten durch das parkartige Gelände mit dem alten Baumbestand, stößt er auf Gräber, die eigenartig quer zum rechtwinkligen Wegenetz verlaufen. Die Grabsteine schmücken häufig Halbmond und Stern oder arabische Schriftzeichen. Hier haben auch Muslime ihre letzte Ruhestätte gefunden.
„Nach islamischem Ritus bestatten wir die Toten auf der rechten Seite liegend mit dem Gesicht nach Mekka, also Richtung Südost. Deshalb die ’schräge‘ Ausrichtung der Gräber. So warten sie auf das Jüngste Gericht“, erklärt Abdülkadir Ulusoy. Noch vor wenigen Jahrzehnten hätte ein türkisch-islamischer Bestatter wie er hierzulande kaum seine Familie ernähren können. „Früher ließen sich Türken nach ihrem Tod immer in die Türkei überführen. Inzwischen finden 60 Prozent der Beerdigungen hier statt.“
Am Geld liegt es nicht, erzählt Ulusoy. Im Gegenteil, die Grabkosten in Deutschland sind deutlich höher als in der Türkei, wo Gemeinden die Gräber meist gebührenfrei zur Verfügung stellen. Allen Berichten über Integrationsprobleme zum Trotz: Die Kinder und Enkel der einstigen Gastarbeiter, die seit Anfang der 1960er Jahre bei Ford, Bayer oder im Braunkohletagebau westlich der Rheinmetropole anheuerten, empfinden Deutschland immer selbstverständlicher als „Heimaterde“ auch im Tod. Viele Kommunen und Bundesländer kommen dem entgegen, indem sie den islamfremden Sargzwang abschaffen. An immer mehr Orten dürfen Muslime ihre Toten gemäß der Tradition in weißen Leinentüchern in die Erde betten.
Inzwischen sind mehr als 2.000 Muslime auf dem Westfriedhof bestattet, die ältesten Gräber stammen aus den 1960er Jahren, rund einhundert kommen jedes Jahr hinzu. Einäscherung verbietet der Islam. Die muslimischen Grabfelder liegen nicht abgesondert, sondern verstreut über das Gelände, umgeben von nichtmuslimischen Abschnitten. „Mutter Natur ist ja Eigentum Gottes“, sagt der hinzugekommene Imam Yavuz Nar, der schon viele Glaubensbrüder und -schwestern auf dem letzten Weg begleitet hat. „Wichtig ist nur, dass die Toten in ‚jungfräulicher Erde‘ bestattet werden.“ Und so beten die Angehörigen an den Gräbern ihrer Angehörigen in Sichtweite christlicher Kreuze und Marienfiguren.
Der Blumenschmuck auf vielen Gräbern ähnelt inzwischen den deutschen Sitten. Andere wirken beinahe verwahrlost, denn fromme Muslime empfinden allzu üppige Grabpflege als unzulässigen Personenkult. Viele Grabsteine zeigen eine orientalische Formensprache und sind mit arabesken Mustern oder Koranversen verziert.
„Ruhuna Fatiha“ ist oft zu lesen. „Es bedeutet so viel wie: ‚Bete eine Fatiha für meine Seele‘, die erste Sure des Koran“, erklärt Nar. Sie ist eine Art islamisches „Vaterunser“ und begleitet den gläubigen Muslim in tausend Lebenslagen: „Bismillahi Rahmani Rahim“, beginnt sie – „Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes….Dir dienen wir und Dich bitten wir um Hilfe. Führe uns den geraden Weg, den Weg derer, denen Du Gnade erwiesen hast, nicht den Weg derer, die Deinem Zorn verfallen sind und irregehen.“
Der Tod ist im Islam nicht das Ergebnis einer Ursünde, keine Strafe Gottes. Das Lebensende ist etwas ganz Natürliches, das der Schöpfer jedem Menschen vorherbestimmt hat. Der Gläubige geht ein in die Obhut Allahs bis zur Auferstehung beim Jüngsten Gericht. Nach islamischer Überlieferung befragen die Todesengel Munkar und Nakir den Toten schon im Grab nach seiner Religion. Auf falsche Antworten folgt die Peinigung, später dann das ewige Höllenfeuer.
Manch fortschrittlicher Theologe sieht es gelassener. Auch Gläubige der anderen monotheistischen Religionen können nach einiger Zeit in der Verdammnis ins Paradies gelangen, lautet eine Meinung. „Am Ende weiß Allah es am besten“, sagt der Imam.
Einige Meter weiter spielen diese Fragen keine Rolle: Auf einem frischen Gräberfeld sind Babys bestattet, die tot geboren wurden oder kurz nach der Geburt starben, Kinder von Muslimen und Nichtmuslimen. Hier liegt Ali neben Gabriel und Johanna neben Fatme. Kleine weiße Kreuze stehen neben islamischen Holztafeln. Ein Grab haben die Eltern liebevoll mit weißen Kieselsteinen umrandet, auf einem anderen stehen Engelsfiguren. Die Blicke von Abdülkadir Ulusoy und Yavuz Nar schweifen über die Grabhügelchen. Laut einem überlieferten Ausspruch des Propheten Mohammed kommt jeder Mensch als Muslim zur Welt, Christ, Jude oder Hindu wird er erst durch religiöse Erziehung.
Dann zupft der Bestatter den Besucher am Ärmel. „Kommen Sie, ich zeige Ihnen noch etwas.“ Der Weg führt zum Gemeinschaftsgrab eines Ehepaares – er Muslim, sie Christin. „Bei der Beerdigung der Frau betete zuerst ein katholischer Priester und dann ein islamischer Hodscha. Da spürte man einen großen Frieden über der Trauergemeinde.“
Und was sagen die religiösen Vorschriften dazu? Eigentlich sei die Bestattung von Christen und Muslimen in ein und demselben Grab nicht gestattet, sagt der Imam und kann sich ein Lächeln nicht verkneifen. „Aber in Deutschland ist vieles anders. Da passt man sich an.“

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„Europäische Muslime sehen EU positiver als andere“

Münster (exc). Muslime in Europa sehen die Europäische Union (EU) nach einer Studie des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ positiver als alle anderen Bevölkerungsgruppen in Europa. „Die Muslime haben im Durchschnitt ein höheres Vertrauen in EU-Institutionen als Mitglieder anderer religiöser oder nicht-religiöser Gruppen wie Christen oder Konfessionslose“, sagt der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Bernd Schlipphak vom Exzellenzcluster.
„Von allen untersuchten Gruppen aus 16 europäischen Ländern sind Muslime die einzige, die zum Beispiel ihr Vertrauen in das Europäische Parlament auf einer Skala von 1 bis 10 mit mehr als 5 angeben. Derzeit wird viel über mangelnde Akzeptanz der EU in weiten Bevölkerungskreisen diskutiert – die muslimisch geprägten Einwanderer der ersten und zweiten Generation gehören dabei mehrheitlich nicht zu den Kritikern.“ Die Ergebnisse stehen zugleich in Kontrast zur Haltung von Muslimen in arabischen Ländern: „In früheren Studien konnten wir zeigen, dass nur eine Minderheit der arabischen Bevölkerung die EU positiv einschätzt.“
Einer der wichtigsten Gründe für die mehrheitlich positive Einstellung europäischer Muslime ist nach der neuen Studie, dass sie mit ihrer Lebenssituation in der EU zufriedener sind als andere: „Rund 95 Prozent der befragten Muslime sind Migranten der ersten oder zweiten Generation, die ihre neue Lebenssituation mit der im Herkunftsland vergleichen: Sie zeigen mehr Wertschätzung für die wirtschaftliche Situation, die Gesundheitsversorgung und das politische System im Aufnahmeland als Nicht-Zugewanderte“, erläutert Prof. Schlipphak. „Diese Zufriedenheit mündet in einem hohen Vertrauen gegenüber nationalen Institutionen wie dem Parlament im Aufnahmeland, das sich wiederum auf die EU-Ebene überträgt.“
Neben der Zufriedenheit mit Demokratie, Wirtschaft und Gesundheit wirkt sich der Studie zufolge ein hohes politisches Interesse positiv auf das Vertrauen in die EU-Institutionen aus. „Die Religion dagegen spielt für die Haltung zur EU, anders als angenommen, keine Rolle.“
„Religion ohne Einfluss auf Haltung zur EU“
„Zwar schätzen sich europäische Muslime im Schnitt religiöser ein als andere Europäer“, führt der Ko-Autor der Studie, Politikwissenschaftler Mujtaba Isani, aus. „Diese Einschätzung scheint aber weder einen negativen noch einen positiven Einfluss auf ihr Vertrauen in politische Institutionen der nationalen wie EU-Ebene zu haben.“ Mit der Studie knüpfen die Forscher an eine Debatte an, die die Unvereinbarkeit europäischer und islamischer Werte sowie Religiosität als Integrationshindernis diskutiert.
So wenig wie die Religion haben das Bildungsniveau, Alter und Geschlecht einen Einfluss auf die Meinung zur EU, wie Schlipphak sagt. „Unsere Studie zeigt: Erfolgreiche Integration führt zu einem höheren Vertrauen in politische Institutionen auf der nationalen wie EU-Ebene. Langfristige Integrationsbemühungen sind unerlässlich, wenn das hohe Niveau des Vertrauens der europäischen Muslime in die EU aufrechterhalten werden soll.“
Bei der Untersuchung handelt es sich um die erste systematisch-empirische Analyse der Einstellungen europäischer Muslime zur EU. Die Forscher haben dafür Daten des European Social Survey (ESS) von 2002 bis 2014 ausgewertet; aktuellere Daten zum Thema der Studie liegen nicht vor. Die Wissenschaftler verglichen die Aussagen von 3.601 europäischen Muslimen mit denen anderer religiöser und nicht-religiöser Gruppen. Von den befragten Muslimen sind 95 Prozent als Migranten in die EU kommen; 71 Prozent sind Migranten der ersten Generation.
„Zuwanderer der zweiten Generation kritischer – Integration stärken“
Die Untersuchung legt nach Einschätzung von Politikwissenschaftler Schlipphak gesellschaftliche Gefahren für die Zukunft offen: „Je ferner die Migrationserfahrung rückt, desto geringer sind die Zufriedenheitswerte.“ So zeigten europäische Muslime der zweiten Einwanderergeneration weniger Vertrauen in die politischen Institutionen des Aufnahmelandes und der EU als europäische Muslime der ersten Generation.
Negativ wirke sich auch Diskriminierung auf die Haltung zur EU aus: „Europäische Muslime, die sich diskriminiert fühlen, vertrauen den Institutionen der europäischen Gemeinschaft weniger. Dies ist umso problematischer, als Gefühle der Diskriminierung unter europäischen Muslimen der zweiten Einwanderergeneration stärker verbreitet sind, wie unsere Analysen ergaben.“ Der Politikwissenschaftler empfiehlt vor diesem Hintergrund, „die Integration europäischer Muslime langfristig zu stärken und besonders die Probleme der zweiten Generation in den Blick zu nehmen, um die derzeit mehrheitlich positive Einstellung zu erhalten.“
Die Politikwissenschaftler Bernd Schlipphak und Mujtaba Isani haben ihre Forschungsergebnisse jüngst unter dem Titel „In the European Union we trust: European Muslim attitudes toward the European Union“ (Der Europäischen Union vertrauen wir: Einstellungen europäischer Muslime gegenüber der Europäischen Union) in der renommierten Fachzeitschrift „European Union Politics“ veröffentlicht. Für den zugrunde liegenden European Social Survey (ESS) werden alle zwei Jahre europäische Bürgerinnen und Bürger zu einem breiten Spektrum gesellschaftlicher und politischer Themen befragt. Untersucht wurden die Länder Österreich, Belgien, Dänemark, Finnland, Frankreich, Deutschland, Griechenland, Irland, Niederlande, Norwegen, Portugal, Slowenien, Spanien, Schweden, Schweiz und Großbritannien. (dak/vvm)

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Wie können wir auf die Jugend zugehen?

„Futuwwa ist Verstand und Bescheidenheit. Ihr Kopf ist der Schutz vor falschen Handlungen. Ihre Schönheit sind Nachsicht und Adab. Ihr Adel sind Wissen und Gewissenhaftigkeit.“ Sufjan Ath-Thauri

„Den Wert des Lebens kennen nur die Toten; den Wert der Gesundheit nur die Kranken; den Wert der Jugendkraft nur die Altersschwachen; den Wert des Reichtums nur die Armen.“ Imam Al-Ghazali

(iz). Unser Blick auf eine Sache und die Absicht, mit der wir sie betrachten, prägen ihr Verständnis. Und so wird eine Vorstellung von jungen Muslimen auch dadurch bestimmt, wie wir auf sie schauen. Ob als zukünftig hart arbeitende Berufstätige, als hedonistische Bildungselite, als ausgegrenzte Minderheit, als mit ihrer Identität ringende Generation oder als für Delinquenz oder Extremismus anfällige Individuen – je nach unserem Blickwinkel kann das entsprechende Bild anders ausfallen.

Was vor allem ausfällt: Es wird häufig und gerne im Ton des Problems über junge deutsche Muslime gesprochen. Ob im Rahmen einer Debatte über Identitäten, in Fragen der Delinquenz oder in Hinblick auf das Problem der Anfälligkeit für extreme Ideologien – überall taucht auch die Frage nach jungen Muslimen auf. Es ist kein Zufall, dass Bund und Länder hier in den letzten Jahren erhebliche Fördermittel für Vereine und Projekte ausschütten.

Es wäre anmaßend zu glauben, dass wir es mit einer homogenen Gruppe mit leicht zu definierenden Situationen zu tun hätten. Ein Besuch bei den vielfältigen Projekten junger Muslime – innerhalb und außerhalb tradierter Organisationsformen – und beliebten Events zeigt vor allem eines: Die muslimische Jugend in Deutschland lässt sich nicht auf einen Nenner herunterbrechen. In einem sind sich die meisten einig: Dass sie Muslime in diesem Land sein wollen.

Dem stimmt auch die Soziologin Asmaa Soliman zu. Beispielsweise im Hinblick auf das Thema Identität der kommenden Generation sieht sie eine diverse Lage: „Es gibt junge Muslime, die speziell das Selbstbewusstsein einer deutsch-muslimischen Identität unter deutschen Muslimen stärken wollen. Es gibt andere, die sich damit beschäftigen, negative Identitätsrepräsentation von Muslimen herauszufordern. Darüber hinaus gibt es aber auch junge deutsche Muslime, für die das Thema der Identität keine starke Rolle in ihrem öffentlichen Engagement spielt und die sich auf andere Themen und Bereiche fokussieren.“

Muslimische Jugend bewegt sich nicht im luftleeren Raum. Sie lebt in und kommt aus vielen verschiedenen sozialen Kontexten. Aus diesen bezieht sie – neben den allgegenwärtigen Medien und der Populärkultur – ihre Vorbilder. Relevant werden diese insbesondere, wenn es zu Verwerfungen und Problemen kommt.

Dr. Ibrahim Rüschoff ist langjähriger Psychologe und Autor. Er beklagte in einem IZ-Artikel vor allem das Fehlen positiver muslimischer Vorbilder – die „nicht diskrepant“ seien – gerade für die männlichen Kinder und Jugendlichen. „Die Söhne werden oft wie kleine Prinzen verhätschelt. Schwache Mütter in patriarchalen Gesellschaften brauchen abhängige Söhne, damit diese ihre Interessen durchsetzen können. Dazu müssen sie diese in Abhängigkeit halten. Sie produzieren also immer wieder schwache, abhängige Männer, die sich dann immer wieder ihrer Rolle vergewissern müssen, indem sie den Daumen draufhalten. Das ist ein ewiger Kreislauf.“

Auch Gelehrtenpaar Mariam Dhouib und Dr. Mahmud Kellner betont die Bedeutung positiver Rollenbilder: „Sie sind stolz, Muslime zu sein. Aber zur Verwirklichung der Religion fehlen ihnen Vorbilder. Sie vermissen auch eine Wertevermittlung im Elternhaus, wo oftmals mehr auf Äußerlichkeiten geachtet wird.“

Eine positive Identität für junge Muslime, ein gesundes Umfeld sowie die Notwendigkeit funktionierender Vorbilder – an denen sich die künftige Generation orientieren kann – verweisen auch auf die Notwendigkeit eines substanziellen Nachdenkens über Bildung. Und aus diesem leitet sich der Bedarf nach einer funktionierenden Realität ab. Jeder an Bildung und Erziehung Beteiligte, so der bekannte Gelehrte Imam Al-Ghazali, nehme bei der Erziehung „eine große Verantwortung auf sich“ und jeder brauche einen Lehrer, der ihm die richtige Richtung weise.

Nach Ansicht des britisch-muslimischen Pädagogen und Autors Uthman Morrison sei es die Verantwortung von Eltern und Gemeinschaft, junge Muslime „in die bestmögliche Gesellschaft von Leuten mit gutem Charakter“ einzuführen. Im Idealfall kämen hier „drei Stränge“ zusammen: Erziehung, gelehrter Unterricht und Aneignung praktischer Fertigkeiten. „Es ist notwendig, dass die Umfelder, in denen sie stattfinden, das Streben nach gutem Charakter bestätigen, belohnen und anregen.“

Seit geraumer Zeit wird auch innermuslimisch – wenn um die kommenden Generationen geht – mehr als nur problematisierend gesprochen. Es geht dabei unter anderem um Bildungsdefizite, Resilienz und oft um die Prävention extremistischer Ansichten. Antworten kommen häufig aus dem Arsenal des Social Engineering und der Sozialarbeit. Und, wie die „Süddeutsche Zeitung“ kürzlich in einem Hintergrundtext über die Förderung von „Prävention“ schrieb, die Kassen sind gut gefüllt.

Dass Muslime im Bestand ihrer Lehre auf die Tradition der Futuwwa zurückblicken und gleichzeitig auf sie als Potenzial für die Jugend zurückgreifen können, geht zumeist unter. Bei ihr handelt es sich um die traditionelle Praxis der Herausbildung von Höflichkeit, Dienen, Bescheidenheit, Geduld, Selbstlosigkeit, Mut, physischer Kraft, Empfindsamkeit für Schönheit, Treue sowie Sorge für die Schwachen und Großzügigkeit bei der Jugend. Gelebt und verwirklicht wurde sie traditionell als Teil muslimischer Zivilisationen von jungen Muslimen (wobei sie nicht auf eine Altersgruppe beschränkt ist). Ihnen stand oft ein Meister vor. Welchen Einfluss sie auf die Zivilgesellschaft hatte, belegen die Reisebeschreibungen von Ibn Battuta aus Kleinasien.

Am 14. Oktober trafen sich in Frankfurt verschiedene Redner, um über Gegenwart und Zukunft der muslimischen Jugend in Deutschland zu diskutieren. Im Rahmen des 30-jährigen ATIB-Jubiläums und mitorganisiert vom Zentralrat der Muslime sowie der „Islamischen Zeitung“, diskutierten die Lehrerin Kübra Arslanoglu, die Sozialpädagogin Sevgi Mala-Caliskan, der Jurist Said Barkan, Ali Kizilkaya von der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG) und IZ-Redakteur Tarek Baé über das Thema.

Auf die gegenwärtige Lage angesprochen, verwiesen die Redner auf verschiedene Aspekte der muslimischen Jugend in Deutschland. Allen gemein war, dass sie der Frage nach Identität große Bedeutung beimessen. Die Lehrerin Kübra Arslanoglu erlebe bei ihren SchülerInnen, dass diese ein „Identitätsproblem“ hätten. Sie fühlten sich zwar deutsch. Sie kennen es ja nicht anders. Seien größtenteils hier geboren und aufgewachsen, hier sozialisiert. Und dann würden sie nichtsdestotrotz in eine Schublade gesteckt. „‘Du gehörst nicht dazu, du bist kein vollwertiger Teil der Gesellschaft’, das zerschmettert sie, und ich muss ehrlich sagen, ich habe es auch durchgemacht.“ Das führe dazu, dass sie sich nicht zuordnen könnten und Probleme hätten.

Said Barkan stimmte zu, dass sich das Phänomen, wonach sich junge Muslime jenseits muslimischer Gemeinden und derer Verbände organisieren würden, nun auch in muslimischen Strukturen bemerkbar mache. Das Engagement in der Tiefe nehme ab. Nicht nur in der Gesellschaft seien Wertschätzung und Anerkennung für Jugendliche wichtig. Das gelte auch für die muslimische Gemeinschaft. Hier müsse letztere sich in die Pflicht nehmen und das Potenzial der Jugend stärker fördern. „Es gibt sehr viele Initiativen, sehr viel Kreativität, Engagement von jungen Menschen, die selbstständig etwas entwickeln und sich dann selbst auf hohem Niveau in der Gesellschaft platzieren und verankern“, so der Jurist und Vorsitzende des hessischen Landesverbands im Zentralrat der Muslime in Deutschland. Er sieht hier sowohl den organisierten Islam, als auch die jungen Muslime selbst in der Pflicht.

Die Sozialpädagogin und Sozialmanagerin Sevgi Mala-Caliskan stimmt zu, dass es „den muslimischen Jugendlichen“ nicht gebe. Es gäbe nur „die Jugendlichen“ und diese wollten, wie alle, gesehen werden. Man könne starken Einfluss auf sie nehmen, wenn man ihnen zuhöre und sie wertschätze. „Wir müssen sie für fähig halten, es wird ihnen wenig zugetraut, denn wenn es um Partizipation geht sehe ich in jedem Verband Leute, die über 30 sind, und für Jugendliche etwas organisieren.“

Tarek Baé berichtete aus seinen Erfahrungen. Die meisten jungen Muslime hätten gemeinsam, dass sich auch ihnen diese Grundfragen stellten – wer sie seien, was sie wollten und wo sie hin wollten. „Aber natürlich haben sie Schwierigkeiten, sie zu beantworten, weil sie nicht einfach zu beantworten sind“, so der Medienwissenschaftler. Diese Jugendlichen hätten die Chance, Pioniere zu sein. Sei stünden vor der Herausforderung, die gleichzeitig auch eine Chance sei, die Frage nach der Identität in Europa – seinerseits in einer Identitätskrise – zu beantworten.

Wie bei anderen Themen wird auch über die jungen Muslime in Deutschland allzu leichtfertig im Ton der Probleme und Schwierigkeiten geredet. Eine Vision zu entwickeln und diese zu realisieren, ist ungleich schwieriger. Auf eine Vision angesprochen, kamen die Redner der Diskussion zu ganz unterschiedlichen Antworten.

Ali Kizilkaya, derzeit stellvertretender IGMG-Generalsekretär, sieht vor allem „Baustellen“ – bei der Institutionalisierung muslimischer Gemeinschaften. Diese hätten noch mit „Kinderkrankheiten“ zu kämpfen. Jeder solle leisten, was er könne. Schule, Arbeit, Nachbarschaft und Religionsgemeinschaften müssten mehr zusammenarbeiten. Gelänge ihnen das, sei man in zehn Jahren viel weiter.

Soweit es die Jugendlichen beträfe, so der Jurist Barkan, bräuchten sie mehr Freiräume. In dieser Hinsicht müssten auch Moscheen „neu gedacht“ werden – als soziale Dreh- und Angelpunkte. Hier dürften sie sich nicht verstecken. Und dürften sich „nicht nur auf den islamischen Rahmen fokussieren“, sondern mit ihren Jugendvorständen beispielsweise auch in den Jugendringen aktiv arbeiten. Fände diese Arbeit „von Jugendlichen für Jugendliche“ statt, dann sei er hoffnungsvoll, dass die Jugendarbeit in den Gemeinschaften auf einem neuen Niveau stattfinden werde.

Das Potenzial der muslimischen Jugendlichen müsse ausgeschöpft werden, so das Fazit der Lehrerin Kübra Arslanoglu. „Es gibt so viele kreative Köpfe, Designerinnen, Forscherinnen, Ingenieurinnen, Wissenschaftlerinnen. Lasst euch nicht einschüchtern.“

Tarek Baé geht noch einen Schritt weiter. Er sieht in der jungen muslimischen Generation das Potenzial, zu den großen Fragen unserer Zeit beizutragen. Dafür seien Modelle wie die Futuwwa enorm wichtig. Denn hier würden Persönlichkeiten ausgebildet, die befähigt seien, sich den aktuellen Herausforderungen zu stellen.

Mit ihrer 25-jährigen Erfahrung in der sozialen Arbeit gab sich Sevgi Mala-Caliskan „nicht nur optimistisch, sondern auch realistisch“. Die deutsche Gesellschaft werde älter. Sie brauche die muslimische Jugend. Die Zukunft liege bei dieser. Bisher habe man hier nur eine Elite entwickelt, „snobistische Muslime, Intellektuelle“. Man müsse auch zu jenen gehen, „die nicht so intellektuell sind“. Sie bräuchten Vorbilder. Man solle einfach nicht mehr auf die negativen Stimmen hören und sagen: „Wir schaffen das!“ Man brauche sich gegenseitig.

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Der Mythos der Fremden

(ARNO/iz). In einer Presseerklärung vom 15. Oktober hat sich die Arakan Rohingya National Organisation (ARNO), eine der wenigen internationalen Repräsentanz der Rohingya, gegen die oft wiederholte Behauptung gewandt, ihr Volk […]

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Religion hat kaum Einfluss auf den Bildungserfolg 

Essen. Eine am 23. Oktober in Berlin vorgestellte Studie der Universitäten Konstanz und Göttingen – gefördert von der Stiftung Mercator – zeigt: Das schlechtere Abschneiden einzelner Konfessionsgruppen im deutschen Bildungssystem ist nicht mit religiösen Faktoren zu erklären. Entscheidend für den Bildungserfolg sind in erster Linie der sozioökonomische Status des Elternhauses sowie sprachliche und kognitive Kompetenzen.
Angesichts der Ankunft hunderttausender Flüchtlinge aus islamisch geprägten Ländern wird zunehmend die „Integrierbarkeit“ muslimischer Migranten debattiert. Der geringere Bildungserfolg muslimischer Kinder und der langsamere Integrationsverlauf Türkeistämmiger werden in der öffentlichen Debatte oft auf religiöse Unterschiede zurückgeführt.
Eine Studie hat nun untersucht, ob Religionszugehörigkeit oder individuelle Religiosität Einfluss auf den Bildungserfolg hat. Die Analyse basiert auf dem deutschen Datensatz des Children of Immigrants Longitudinal Survey in Four European Countries (CILS4EU), einer Panelstudie von Schülerinnen und Schülern der neunten Klasse, ihren Eltern, Lehrerinnen und Lehrern. Die zentralen Ergebnisse lauten:
– Personen mit Migrationshintergrund sind in allen konfessionellen Gruppen tendenziell religiöser. 62 Prozent der muslimischen Schüler ist ihr Glauben „sehr wichtig“.
– Die Leistungsmotivation unter den Muslimen ist bei den religiösen Jugendlichen etwas stärker ausgeprägt – und auch teilweise stärker als bei den Einheimischen.
– In der Sprachverwendung zu Hause finden sich keine Unterschiede in Abhängigkeit von der individuellen Religiosität, wenngleich die Herkunftssprache von Muslimen häufiger verwendet wird als von anderen Konfessionsgruppen mit Migrationshintergrund.
– Muslime haben insgesamt etwas schlechtere Noten als die meisten anderen Konfessionsgruppen. Dies lässt sich allerdings damit erklären, dass sie mehrheitlich aus Elternhäusern mit niedrigerem Sozial- und Bildungsstatus stammen, und zu Hause häufiger die Herkunftssprache verwendet wird.
– Bei gleichem Sozial- und Bildungsstatus der Elternhäuser und ähnlichen kognitiven und sprachlichen Fähigkeiten zeigen sich keine signifikanten Unterschiede in den Noten oder dem besuchten Schultyp zwischen den Konfessionen. Dies spricht gegen die Annahme, dass muslimische Schülerinnen und Schüler systematisch diskriminiert werden.
 
„Der Bildungserfolg muslimischer Kinder wird also weder durch deren Religiosität noch durch ethno-religiöse Diskriminierung verzögert. Er verläuft vergleichsweise langsam, weil sie mehrheitlich aus bildungsfernen Elternhäusern stammen und daher unzureichend auf die Schule vorbereitet sind“, fassen die Autoren der Studie Prof. Dr. Claudia Diehl (Universität Konstanz) und Prof. Dr. Matthias Koenig (Universität Göttingen) zusammen.
„Bildungsungleichheit auf Religiosität oder Religionszugehörigkeit zurückzuführen, ist zu kurz gedacht. Stattdessen sollten Politik und Gesellschaft die Anstrengungen für frühkindliche Bildungsangebote und Ganztagsschulen ausbauen. Nur so kann man auf die individuellen Bedürfnisse von Schülern besser eingehen und die mit Migration verbundenen Herausforderungen im Bildungssystem meistern“, sagt Dr. Felix Streiter, Bereichsleiter Wissenschaft der Stiftung Mercator.
Die Studie finden Sie hier:
www.stiftung-mercator.de/de/publikation/religiositaet-und-bildungserfolg/