Jenseits des Brexit – Eine aufstrebende Gemeinschaft

(iz). Die Beziehung des Vereinigten Königreiches zum Islam ist eine faszinierende wie auch komplexe. Ihre Wurzeln reichen bis ins 8. Jahrhundert. Ein frühes Beispiel für den anglo-islamischen Kontakt ist die Entscheidung des angelsächsischen Königs Offa, Herrscher im Königreich Mercia, eine Goldmünze mit arabischer Inschrift zu prägen. Ein möglicher Grund dafür war die Förderung des Handels zwischen Mercia und dem wachsenden Kalifat von Cordoba. Es finden sich auch Bezüge zu bekannten Gelehrten wie Ar-Razi, Ibn Sina und Ibn Ruschd im Vorwort von Geoffrey Chaucers „Canterbury Tales“ (1386), einem wichtigen Werk der mittelalterlichen englischen Literatur.
Der erste dokumentierte Konvertit war John Nelson, der den Islam im 16. Jahrhundert annahm. Die Exkommunikation von Königin Elisabeth I. durch Papst Pius V. 157 erlaubte es ihr, außerhalb des päpstlichen Verbotes den Handel mit Muslimen zu erlauben. Die Königin schickte Diplomaten und Händler in verschiedene muslimische Gebiete; darunter das Osmanische Reich, die Dynastie der marokkanischen Saaditen sowie die persischen Gebiete.
Auch die Bildungsinstitutionen erfuhren allmählich einen  – zunächst linguistischen – Wandel. 1636 wurde an der Universität Oxford der Laudian-Lehrstuhl für Arabisch geschaffen. Seine Inhaber waren verpflichtet, während der vorlesungsfreien Stunden und der Fastenzeit Vorlesungen in arabischer Grammatik und Literatur zu halten. In dieser Zeit kam es auch zu einigen nennenswerten Übertritten in der englischen Oberschicht. Ein Beispiel dafür war Edward Montagu, Sohn des britischen Botschafters in der Türkei. 1649 vollendete der Schotte Alexander Ross seine Übersetzung der Bedeutungen des Qur’an, die erste ihrer Art in Englisch. Da er kein Arabisch sprach, verließ er sich auf Du Ryers „L’Alcoran de Mahomet“.
Das stetige Wachstum des britischen Imperiums führte  alsdann unausweichlich zur vermehrten Einwanderung von Muslimen. 1869 kam es zu einer nennenswerten Ansiedlungswelle nach Eröffnung des Suezkanals. Steigender Handel brachte jemenitische und somalische Seeleute und Arbeiter in die boomenden Häfen Cardiff, Liverpool und London.
Zu den bekanntesten einheimischen Muslimen dieser Zeit gehört William Henry Quilliam, der 1869 in Marokko Muslim wurde. Nach seiner Heimkehr lud er unter dem Namen Abdullah Quilliam zum Islam ein. Im Jahre 1889 gründete Quilliam das Liverpool Muslim Institute. Es war die erste Moschee des Landes und beinhaltete später ein Waisenhaus, eine Oberschule, Madrassa, Hotel, Museum und Bibliothek. Seinem Beispiel folgten mindestens 150 Zeitgenossen. 1894 wurde er vom osmanischen Sultan und Kalifen Abdulhamid II. zum ersten Scheikh Al-Islam der Britischen Inseln ernannt. Der erste und einzige Brite, der diesen Titel trug.
1889 wurde in Woking mit der Schah Jahan-Moschee das erste Gebäude seiner Art errichtet. Die erste in London, die Fazl-Moschee, wurde 1924 gebaut.
In den 1950er Jahren kamen viele Muslime aus dem indischen Subkontinent nach Großbritannien. Die meisten wurden durch den akuten Arbeitskräftemangel der Nachkriegszeit angezogen. Viele siedelten sich in Gebieten an, wo die Schwer- und Textilindustrie die Hauptquelle für Arbeit bot. Die größten Gemeinschaften entstanden in London, dem westlichen Mittelengland, dem Nordwesten sowie kleineren Gruppen in Schottland und Wales.
Heute leitet sich die Mehrheit der muslimischen Gemeinschaft von diesen Einwanderern ab. Zwei Drittel aller britischen Muslime sind asiatischer Herkunft. Von den etwas weniger als drei Millionen, die gegenwärtig im Vereinigten Königreich leben, wurde ca. die Hälfte im Land geboren, 39 Prozent kamen in Asien und dem Nahen Osten zur Welt. Rund zwei Drittel betrachten sich selbst als „britisch“. Von denjenigen, die im Ausland geboren wurden, kommt die Mehrheit aus Pakistan.
Laut der letzten Volkszählung (2011) machen Muslime 4,8 Prozent der Bevölkerung in England und Wales aus. Zwischen 2001 und 2011 stieg sie von 1,55 Millionen Menschen auf 2,71 Millionen an. Es wird geschätzt, dass sich ihre Zahl bis zur nächsten Volkszählung 2021 verdoppeln soll. Die muslimische Bevölkerung ist vielfältig: Während 68 Prozent (1,83 Millionen) „Asiaten“ sind, also einen Hintergrund im indischen Subkontinent haben, sind acht Prozent „Weiße“. Die jüngste unter den einflussreichen muslimischen Gemeinschaften ist die der Somalier. Von ihnen leben derzeit 100.000 im Lande. Das macht sie zur größten Flüchtlingsgemeinschaft.
In demografischer Hinsicht sind die Muslime eine relative junge Gemeinschaft. 33 Prozent waren 2011 15 Jahre alt oder jünger. In der Gesamtbevölkerung waren dies nur 19 Prozent. Ihr Anteil an den Senioren macht nur ein Viertel der Vergleichsgruppe aus. 76 Prozent der Muslime leben in oder nahe der größten Ballungsgebiete – Groß-London, West Midlands, dem Nordwesten und Humberside. Rund 40 Prozent wohnen in der britischen Hauptstadt.
Die aktuellsten Forschungen legen den Schluss nahe, dass sich die Mehrheit der Muslime in der Gesellschaft integrieren will. Und das, obwohl sie durchschnittlich höhere Raten von Arbeitslosigkeit und mangelnde Bildungserfolge zu ­verzeichnen haben. Anzumerken ist hier, dass sie sozial keine homogene Gruppe sind. Ihre Leistungsniveaus weichen teils erheblich ab. So gehören Muslime mit indischer Herkunft zu den Erfolgreichsten im Bildungsbereich. Sie sind im Durchschnitt erfolgreicher als Bürger ­pakistanischer, bangladeschischer und englischer Herkunft. Auch zwischen den Geschlechtern bestehen Unterschiede: Heute sind die Frauen erfolgreicher als Männer in Sachen Bildungserfolg. 25 Prozent aller britischen Musliminnen zwischen 21-24 Jahren haben einen höheren Bildungsabschluss.
Seit Beginn der Anwesenheit von Muslimen auf den Britischen Inseln spielen die Moscheen eine wichtige Rolle. Allerdings bleiben die meisten dieser Einrichtungen bis heute auf die Länder fokussiert, aus denen ihre Gründungsgenerationen ausgewandert sind. Dazu gehören Bangladesch, Somalia, die Türkei etc. Trotz dieser Altlast bieten Moscheen, insbesondere in den städtischen Räumen, in zunehmendem Maße Platz für vielfältige Gemeinschaften. Häufig werden die Freitagsansprachen auf Englisch gehalten.
Derzeit gibt es eine geschätzte Zahl von 1.750 Moscheen im Vereinigten Königreich. Die Mehrzahl bietet ein Mindestmaß an Aktivitäten und Dienstleistungen. Dazu gehören: die Etablierung der täglichen Pflichtgebete, die Freitags- und Feiertagsgebete, Bestattungen und Totengebete, Religionsunterricht für Mitglieder und Besucher sowie Klassen für Kinder in den Fächern Qur’an, Fiqh, Aqida und Sprachen. In größeren Gemeinschaften werden auch noch weitere Angebote gemacht: Dienstleistungen für heiratswillige Muslime, Eheberatung sowie Beschneidung für männliche Säuglinge.
Auch in Großbritannien gibt es die Tendenz, dass Gemeinschaften männlich dominiert sind. Wenn überhaupt, gibt es nur begrenzten Raum für Frauen. Rund ein Viertel von ihnen bietet diesen überhaupt nicht an. Die Mehrheit der Moscheevorstände wird entweder mehrheitlich oder ganz von Männern dominiert. Kürzlich wurden im nördlichen Bradford, wo rund ein Viertel der Einwohner Muslime sind, Forderungen nach Frauen-Moscheen laut.

Neben den Moscheen schaffen britische Muslime auch ihre eigenen sozialen Räume. Deren Ziel ist das Angebot von Arenen für Aktivitäten und Begegnung. Zu den Beispielen gehören kreative und künstlerische Räume wie „The Hubb“ in Birmingham sowie „Rumi’s Cave“ in London. Es herrscht eine steigende Nachfrage nach diesen neutralen Orten für junge Muslime. Diese sind eine Alternative zu Moscheen und Lokalitäten, in denen Alkohol serviert wird.
Im Gegensatz zum Kontinent ist in Großbritannien nicht nur die Moschee der Ort für Bildung. Derzeit besuchen im Vereinigten Königreich ca. 100.000 Kinder Madrassen. Sie bieten eine komplementäre Bildung zum allgemeinen Schulsystem. Darüber hinaus arbeiten momentan 28 muslimische Staatsschulen (von rund 6.800 staatlich unterhaltenen, religiösen Schulen). Die große Mehrheit der muslimischen Schulen sind aber privat betriebene Einrichtungen.
Seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wurde die Wahrnehmung des Islam und der Muslime in Großbritannien zunehmend negativ. Nichtsdestotrotz bleiben die Meinungen über Muslime die höchsten in ganz Europa. Das ging aus der PEW-Studie 2016 über die globalen Einstellungen hervor. Nur 28 Prozent aller Befragten hatten eine durchgehend schlechte Meinung von Muslimen.
Es sind nicht nur üble Schlagzeilen, welche die Wahrnehmung der Muslime und des Islam im Vereinigten Königreich beschädigen. Es gibt auch die wachsende Tendenz, Muslime in Verbindung mit Kriminalität zu bringen. Darüber hinaus vervielfachen Sensationsmeldungen das vermeintliche Bedrohungspotenziel der Anhänger des Islam. Das führte nicht nur zu vermehrt negativen Einstellungen, sondern auch zu einem Anstieg anti-muslimischer Verbrechen. Nach Angaben der Metropolitan Police nahm die Rate der anti-muslimischen Hassverbrechen um 70 Prozent zu. Eine Rolle spielt hier auch der absolut unbefriedigende Anteil von Muslimen in den Medien. Obwohl sie rund fünf Prozent aller Briten ausmachen, stellen sie aber nur 0,5 Prozent aller Journalisten im Lande. Noch schlechter wird es, wenn man die Zahlen bei den einflussreichen Posten betrachtet. Es ist lebenswichtig, dass die britischen Muslime eine aktivere Rolle in den Medien spielen, um eine ausgeglichenere Berichterstattung zu ermöglichen.
Es gibt eine wachsende Anzahl von Briten, die den Islam angenommen haben. Hinzukommen ihre Nachkommen in der ersten oder zweiten Generation. Schätzungsweise 100.000 von ihnen leben derzeit in Großbritannien. Jährlich sollen ca. 5.000 dazu kommen.
Laut einer Erhebung der interreligiösen Forschungsgruppe Faith Matters waren bis vor Kurzem rund zwei Drittel der neuen Muslime Frauen, 70 Prozent von ihnen weiß und durchschnittlich 27 Jahre alt. Eine steigende Menge an britischen Gefängnisinsassen des Landes entscheidet sich für den Islam. Entgegen landläufiger Vorurteile entscheidet sich die Mehrheit der neuen Muslime nicht aus Gründen einer Heirat für den islamischen Glauben. Dafür gibt es wenig Hinweise.
Aufgrund einer sensationalistischen Berichterstattung werden die neuen Muslime gelegentlich als größere Gefahr für die innere Sicherheit betrachtet als andere. Im Gegensatz zu anderen haben sie mit gesonderten Herausforderungen zu kämpfen: Es mangelt ihnen an Hilfsnetzwerken, die sich um sie kümmern. Viele fühlen Zurückweisung durch und Isolation von gebürtigen Muslimen. In den Medien werden sie oft mit Negativfällen gleichgesetzt. Und manchmal erfahren sie auch Druck, den kulturellen Normen gebürtiger Muslime folgen zu müssen.
Die muslimische Gemeinschaft hat versucht, sich einiger dieser Sorgen anzunehmen. Zum Beispiel, indem sie Initiativen wie das New Muslim Project gründete. Bestehend seit 1993 bietet es Ausbildung, soziale Hilfe und Unterstützung für neue Muslime und jene, die am Islam interessiert sind. In den Moscheen gibt es entweder nur begrenzte Unterstützung oder gar keine Hilfe.
Die neuen britischen Konvertiten sind in der idealen Lage, in ihrem lokalen Umfeld als eine Brücke zwischen Muslimen und Nichtmuslimen zu wirken. Es ist wahrscheinlich, dass sie zukünftig eine zunehmend wichtige Rolle für die Integration dieser Gemeinschaften spielen werden.

Sorgenvoller Blick nach Marokkos Norden

Dass die Bewohner der nordmarokkanischen Stadt Al Houceima in ihrer politischen Teilhabe nicht als benachteiligt betrachtet werden können, ergibt sich aus dem Umstand, dass sie die praktisch gleichen Verhältnisse wie […]

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Die Muslime von Sevilla

Im spanischen Sevilla hat sich seit 1985 eine Gemeinschaft aus überwiegend neuen Muslimen und ihren Nachkommen gebildet. In der ehemaligen muslimischen Metropole möchten sie mit ihrer Stiftung, einem geplanten Moscheeneubau […]

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„Unsere Moschee für Kölle“

(KNA). Es ist eine Kaskade in Weiß und Gold, die den Betrachter bestürmt. An den Wänden bilden 1.800 Stuckplatten geometrische Muster. Ein gewaltiger Kronleuchter setzt arabische Kalligrafien in Szene. An […]

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Mein Ramadan in Berlin

(iz) „Trockene Lippen, zufriedenes Lächeln.“ Mit diesen vier Worten wäre für mich im Grunde alles gesagt. Ich denke, man versteht, was ich meine. Gemeint ist natürlich die oft harte (ich […]

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Wie wirken wir auf unsere ­Umwelt?

(iz). Kein Mensch ist eine Insel“, lautet die bekannte Zeile des englischen Dichters John Donne. Sie ist eine Erinnerung daran, dass wir durch das Miteinander mit anderen geprägt sind. In […]

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Die Moschee im Dorf lassen

(iz). Die aktuell laufende Debatte um die Spitzelvorwürfe gegenüber der DITIB lässt andere muslimische Gemeinschaften in Deutschland nicht unbeeindruckt zurück. Die Vorwürfe beschränken sich zwar auf die DITIB, von den Auswirkungen sind auch Islamrat, VIKZ, ZMD und sogar die AABF betroffen.
Das Land Niedersachsen hat die Staatsvertragsverhandlungen mit allen Landesvertretungen der Gemeinschaften eingestellt, das Land NRW lässt nach einer rechtlichen und soziologischen Begutachtung nun auch mögliche politische Implikationen begutachten – bei allen beteiligten Gemeinschaften.
Was innerhalb der DITIB zu Beginn noch als Beamtenübereifer und völlige Fehleinschätzung einiger Karrieristen hinsichtlich der Verantwortung als Religionsgemeinschaft in Deutschland begann, hat sich mittlerweile zu einer handfesten Struktur- und Daseinsdebatte über die DITIB und zu einer Loyalitäts- und Zugehörigkeitsdebatte mit Blick auf die türkischstämmigen Muslime in Deutschland entwickelt. Eine Entwicklung, zu der insbesondere das verworrene und intransparente Auftreten der DITIB-Führung einen großen Beitrag geleistet hat.
Sowohl das Abdriften in einen Loyalitätsdiskurs, bewusst auch befeuert von Akteuren aus der Türkei, als auch die Ausweitung der Folgenseite auch auf die anderen muslimischen Gemeinschaften ist jedoch kontraproduktiv. Zum einen werden die anderen Gemeinschaften damit für einen Zustand in Mitleidenschaft gezogen, der bei diesen gar nicht vorliegt. Zum anderen schadet der aktuelle Diskurs gerade den Akteuren auch innerhalb der DITIB, die sich in den Strukturen für eine Öffnung hin zur Gesamtgesellschaft und der aktiven Teilnahme in ihr einsetzen.
Die Organisation der DITIB mit einer Teilfinanzierung der religiösen Dienste durch einen Drittstaat stellt nämlich nur eine Form der möglichen muslimisch-religiösen Institutionalisierung in Deutschland dar. Tatsächlich werden nicht einmal die Hälfte der Moscheegemeinden in Deutschland auf diese Art betrieben. Die Mehrheit der Moscheen finanziert ihre Infrastruktur und ihre Imame aus eigenen Mitteln. Aus Spenden, aus Mitgliedsbeiträgen, und wenn sich die Gemeinde eine Immobilie anschaffen konnte, auch etwas aus Mieteinnahmen. Und selbst in DITIB-Gemeinden sind es nur die Imame, die ihr Gehalt aus der Türkei beziehen. Die gesamte sonstige Infrastruktur, der Bau, Kauf oder die Miete von Gebetsräumen, Strom-, Gas- oder Wasserkosten, diese müssen auch in DITIB-Gemeinden von den Gemeindemitgliedern und den Besuchern des Freitagsgebets finanziert werden. Dazu gibt es keine Unterstützung aus der Türkei.
Die von der DITIB gewählte Form der Teilfinanzierung der religiösen Dienste aus dem Ausland ist nur die jüngste mögliche Art, Moscheen in Deutschland zu betreiben. Im öffentlichen Diskurs fokussiert sich die Debatte um DITIB jedoch weitgehend auf diese Finanzierungsform und den Einfluss über diese Finanzierung auf die Gemeinden. Tatsächlich ist aktuell die Entsendung dieser Imame aus der Türkei und überhaupt ihre personelle Bereitstellung alternativlos. Weder werden die Gemeinden, die sich fast drei Jahrzehnte lang zumindest um das Imam-Gehalt keine Sorgen machen mussten, von heute auf morgen die nötigen Finanzmittel ohne weiteres bereitstellen können, noch haben wir in Deutschland derzeit das Personal, um diese über 900 Imam-Stellen zu besetzen. Auf der monetären Seite sprechen wir hier geschätzt über einen Mehrbedarf von jährlich fast 30 Millionen Euro, personell über einen Bedarf, der mit der aktuellen Infrastruktur in Deutschland über Jahrzehnte nicht anderweitig abgedeckt werden kann.
Beide Aspekte sind diskussionswürdig und wichtig, sie sollten aber in der aktuellen Debatte um die DITIB-Struktur nicht die zentrale Rolle spielen. Denn in die aktuelle Krise haben uns nicht diese Voraussetzungen geführt, sondern ein Defekt, der schon der Gründung der DITIB zugrunde liegt. Der Gründung der DITIB ging gerade nicht die reine Sorge um die religiöse Versorgung der Türken in Europa voraus. Es war eher das Misstrauen gegenüber den eigenen Bürgern, dass sie sich fernab vom Vaterland den als oppositionell wahrgenommenen Gemeinschaften wie der Milli Görüs oder den Süleymancis anschließen könnten.
Der unter dem Putsch-Präsidenten Kenan Evren dienende damalige Diyanet-Vorsitzende Tayyar Altikulac zeichnet diese damalige Sorge in seiner Autobiographie „Zorlukları Asarken” (Ufuk Yayinlari, 2011) nach. Mit der Etablierung der DITIB Mitte der 80er Jahre sollte gewährleistet werden, dass sich die im Ausland lebenden Türken nicht in Widerspruch zu Verfassung und Gesetzen der Türkei stellen, und in die Arme der als radikal angesehenen anderen Gemeinschaften laufen.
Dieses Misstrauen gegen den eigenen Staatsbürger manifestiert sich innerhalb der DITIB in der Rolle der Konsulatsmitarbeiter, der Attachés. Diese fungieren noch immer als Fachaufsicht über die von der Diyanet entsandten Imame und nehmen innerhalb der DITIB-Struktur auch eine gewichtige funktionale und moralische Rolle ein. Trotz ihres Schwergewichts innerhalb der Gemeinschaft bindet jedoch wenig diese Beamten an die DITIB.
Sie verbringen einige karrierefördernde Jahre im Ausland, müssen währenddessen jedoch immer auf ihre Rückkehr in die Türkei hinarbeiten. Oftmals fehlt es an einer emotionalen Bindung an die Gemeinschaft und auch an einer Auseinandersetzung mit den Lebenswirklichkeiten in der Gemeinschaft aber auch den gesamtgesellschaftlichen Realitäten.
Das Angebot aus der Türkei mag zwar in den 80ern eher politisch motiviert gewesen sein, doch gab es auch hierzulande eine Nachfrage nach diesem Angebot. Während die Gemeinden aber nach gut ausgebildeten und fähigen Imamen fragten, bekamen sie auch die Religionsattachés mit dazu.
Dabei haben sich mittlerweile auch in der DITIB Strukturen wie die Landesverbände herausgebildet, die sehr wohl die Aufgabe der Fachaufsicht über die Imame übernehmen könnten. Dazu muss aber auch die Türkei bereit sein, den gewählten und aus der Mitte der Gemeinden kommenden Moschee- und Landesverbandsvorständen zu vertrauen.
Hierin könnte auch ein Weg zur Überwindung der aktuellen Krise liegen. Alle Augen blicken nach Ankara, mit der Erwartung, dass von dort Signale des Bewegens oder Beharrens kommen mögen. Die Dynamiken vor Ort und insbesondere die innergemeinschaftlichen Akteure bleiben außen vor, auch für die aktuelle DITIB-Führung. Statt tatsächlich über Fragen der Struktur und Inhalte zu diskutieren, wird die öffentliche Debatte entlang von Fragen zu kulturellen und nationalen Loyalitäten geführt. Was wir brauchen, ist eine Türkei, die die Verantwortung für die DITIB vollständig in die Hände der Akteure vor Ort legt. Und wir brauchen eine deutsche staatliche Seite, insbesondere in den Ländern, die die muslimischen Gemeinschaften endlich auch als das wahrnimmt, was sie schon lange sind – muslimische Religionsgemeinschaften in Deutschland.
Der Autor ist Gründer und Leiter von Karahan Consulting.

Jemen: Wettlauf mit der Zeit und dem Hunger

AMMAN/SANA’A (WFP/Unicef). Die anhaltende Gewalt im Jemen schürt eine der größten Hungerkrisen weltweit – knapp 7 Millionen Menschen wissen nicht, woher sie ihre nächste Mahlzeit bekommen und benötigen dringend Ernährungshilfe. Fast 2,2 Millionen Kinder sind mangelernährt, 500.000 von ihnen droht der Hungertod, erhalten sie nicht sofort Unterstützung.
 
„Millionen Kinder im Jemen sind akut mangelernährt, viele sterben an Krankheiten, die absolut vermeidbar wären”, sagte Geert Cappelaere, UNICEF-Regionaldirektor für den Mittleren Osten und Nordafrika. „Sollten die Konfliktparteien und die internationale Gemeinschaft nicht rasch handeln, droht Jemen eine schwere Hungersnot, die noch mehr Kinderleben gefährdet. Wir befinden uns im Wettlauf gegen die Zeit.“
 
„Muss in einem Land eine Hungersnot ausgerufen werden, dann sind schon viele Menschenleben verloren. Wir dürfen nicht zulassen, dass wir einen Punkt erreichen, an dem Kinder vor Hunger sterben und im Fernsehen trauernde Mütter gezeigt werden“, erklärte Muhannad Hadi, WFP-Regionaldirektor für den Mittleren Osten, Nordafrika, Zentralafrika und Osteuropa. „Wenn wir jetzt handeln, können viele Leben im Jemen gerettet werden. Wir appellieren an die internationale Gemeinschaft, uns dringend benötigte Hilfsgelder zur Verfügung zu stellen, damit wir gemeinsam eine Hungersnot im Jemen verhindern können.“
 
Gewalt und mangelnde Nahrungsmittel zerstören die Lebensgrundlage von Familien und zwingen sie zu extremen Maßnahmen. Sie müssen beispielsweise in der Not ihre Kinder früh verheiraten oder schließen sich den Kämpfen an, um zu überleben. In den ersten drei Monaten dieses Jahres haben die Konfliktparteien dreimal mehr Kinder für den Krieg rekrutiert, als noch in den letzten drei Monaten in 2016.
 
Aufgrund von Gewalt sind weite Teile des Landes für humanitäre Helfer unzugänglich, bedürftige Kinder und Familien von dringend benötigter Hilfe abgeschnitten. Trotz dieser und weiterer Herausforderungen konnten WFP und UNICEF im Februar Hilfe leisten:
 
– UNICEF unterstütze die Untersuchung von 132.000 Kindern auf Mangelernährung sowie die Behandlung akuter Mangelernährung bei über 5.000 Kindern unter 5 Jahren,
– Knapp 5 Millionen Kinder unter 5 Jahren erhielten Vitamin A als Nahrungsergänzung im Rahmen einer UNICEF-unterstützten Kampagne zur Polio-Impfung,
– WFP unterstützte 5,3 Millionen Menschen in 17 Regierungsbezirken mit Ernährungshilfe.
 
Zu Beginn des Monats kündigte WFP an, die Nothilfe im Jemen auszuweiten, um bis zu 9 Millionen notleidende Menschen zu erreichen. Um akute Mangelernährung vorzubeugen und zu behandeln, plant WFP zudem, 2,9 Millionen Kleinkinder, schwangere sowie stillende Mütter mit angereichter Spezialnahrung zu unterstützen.
 
Die Not der Menschen im Jemen übersteigt die vorhandenen Mittel bei Weitem. WFP benötigt dringend US$1,2 Milliarden, um während der kommenden 12 Monate rund 9 Millionen Menschen mit Ernährungshilfe unterstützen zu können. Die Bedarfe von UNICEF liegen bei 236 Millionen US-Dollars für lebensrettende Unterstützung von Kindern im Jemen in 2017. Aktuell sind im Jemen die Programme beider Organisationen nur zu knapp 20 Prozent finanziert.
 
Im Namen aller betroffenen Kinder und bedürftigen Familien rufen UNICEF und WFP zu einer unmittelbaren politischen Lösung des Konflikts im Jemen auf. Nur so kann die Sicherheit von Millionen verzweifelten Familien wiederhergestellt und die humanitäre Hilfe massiv ausgebaut werden. Bis dies eintritt appellieren die Organisationen vor dem Hintergrund sich verschärfender Gewalt an all die, die Einfluss haben, auf ungehinderten Zugang zu Bedürftigen zu drängen und jegliche Handlung zu unterlassen, die die Unterstützung mit lebensnotwendigen Hilfsgütern verhindern könnte.

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Vielfalt und Verschiedenheit als Stärke sehen

(iz). Klaus J. Bade ist Begründer der modernen historischen Migrationsforschung in Deutschland. Er lehrte und forschte als Neuzeithistoriker bis 2007 an der Universität Osnabrück und baute dort auch das Institut […]

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Der AfD fehlt es nicht an Feindbildern

„Merkel muss weg!“ und „Deutschland, Deutschland“ hallte durch den Saal, als das Spitzenduo der AfD für die Bundestagswahl vor das Rednerpult trat. Klare Kante will die AfD gern zeigen – doch das gelingt ihr nicht immer.
Köln (KNA). Auf einmal geht alles sehr schnell. Machen am Sonntagvormittag noch Gerüchte die Runde, wonach die AfD ein aus sechs Mitgliedern bestehendes Team für die Bundestagswahl ins Rennen schicken will, schaffen die Delegierten auf dem Bundesparteitag in Köln wenig später Fakten. Sie wählen Alexander Gauland und Alice Weidel als Spitzenduo.
Die 38 Jahre alte Unternehmensberaterin schlug direkt nach ihrer Wahl markige Töne an. „Wir haben es in der Tat allen gezeigt“, sagte sie und zählte dazu die Medien, die „Altparteien“ und die Demonstranten, die sich in Hör- und Sichtweite des Tagungsortes versammelt hatten. Für „unser Deutschland“ wolle man kämpfen – „so wahr Gott helfe“, kündigte Weidel unter „Deutschland, Deutschland“-Rufen und stehendem Beifall der Delegierten an.
Alexander Gauland, 76, richtete versöhnliche Töne an seine Parteichefin und Kritikerin Frauke Petry, die zu Beginn des Parteitages mit ihrem Ansinnen gescheitert war, die AfD auf den „realpolitischen Weg einer bürgerlichen Volkspartei“ einzuschwören. „Wir brauchen Sie“, so Gauland. Aus seiner Geringschätzung für Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Martin Schulz (SPD) macht er dagegen keinen Hehl. Die Zuhörer skandierten „Merkel muss weg!“
Merkel, Medien, Muslime – an Feindbildern scheint in der Partei kein Mangel zu herrschen. An starken Forderungen und steilen Thesen ebenso wenig. Das zeigte sich an den turbulenten Debatten über das Wahlprogramm. Zu dem ursprünglich 66 Seiten umfassenden Entwurf lagen mehr als 100 Änderungsanträge vor.
Die Delegierten entschieden sich dagegen, den Ruf nach einer Freigabe der passiven Sterbehilfe nach Schweizer Vorbild in das Programm aufzunehmen. Keine Mehrheit fand auch eine Initiative für ein Verbot der Beschneidung bei Jungen.
Aufgenommen in das Wahlprogramm wurde dagegen die Forderung eines Ausschlusses der Türkei aus der Nato – ungeachtet der Einwände einiger Delegierter, dass dies politisch und praktisch komplett illusorisch sei. Die Türkei sei „ein Sicherheitsrisiko“ beschied die zu den Antragstellern gehörende Beatrix von Storch kurz und knapp – und konnte die Mehrheit der Stimmen gewinnen.
Breite Unterstützung fand auch der Ruf nach einem Umbau des Systems der Kirchenfinanzierung. In ihrem für das Wahlprogramm angenommen Antrag fordert die AfD nun, „die Bezahlung von Kirchenrepräsentanten wie Bischöfen etc.“ aus allgemeinen Steuermitteln abzuschaffen. Die Vertreter der christlichen Kirchen hätten „durch ihre einseitigen, demokratiefeindlichen Stellungnahmen und Handlungen gegen die legitimen Positionen der AfD“ jegliches Anrecht auf Unterstützung durch ein demokratisches Gemeinwesen verwirkt. Nebenbei: Die Kirchensteuer der Mitglieder wird vom Finanzamt eingezogen und an die Kirchen weitergegeben – wobei der Staat dafür rund drei Prozent erhält.
Scharfe Kirchenkritik war bereits zum Auftakt des Treffens zu hören. In ihrer Rede kritisierte Petry die Beteiligung der Kirchen an den Anti-AfD-Demonstrationen. Sie sprach von „hässlichen, abwertenden und polarisierenden Bemerkungen“. Ähnlich äußerte sich Bundesvorstandsmitglied Armin Paul Hampel. Unter Beifall rief er zum Kirchenaustritt auf: „In dem Verein sollte keiner von uns mehr Mitglied sein.“
Nicht bei allen Delegierten stießen solche Töne auf Zustimmung. „Ich stehe dem kirchenkritischen Kurs, wie ihn Teile der AfD-Delegierten auf dem Parteitag vertreten haben, ablehnend gegenüber“, sagte Hubertus von Below. Der evangelische Sprecher der „Christen in der AfD-Mitteldeutschland“, betonte aber, dass ihn die Haltung der Spitzenvertreter der großen Kirchen gerade gegenüber den AfD-Mitgliedern ärgere. „Katholische und evangelische Kirche sind gut beraten, mit allen Teilen der Gesellschaft zu sprechen.“
Der Kölner „Sozialpfarrer“ Franz Meurer hatte es kurz vor dem Parteitag so formuliert: „Wenn man nicht miteinander redet, ist Demokratie für die Katz.“ Das stimmt – fällt vielen allerdings nicht gerade leicht bei einer Partei, die nach rechtsaußen die Tore weit aufhält. Und etwa einer Debatte um die umstrittenen Äußerungen ihres Mitglieds Björn Höcke zum Gedenken an den Judenmord der Nazis abermals aus dem Weg ging. Da ist die AfD nicht knallhart – sondern butterweich.