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Kommentar: Gibt es gar keine Wahl?

koalition land wahl

Kommentar: War die vergangene Bundestagswahl 2025 eine Abstimmung über Zukunftsentwürfe? Eher spiegelte der Wahlkampf eine verunsicherte Republik wider.

(iz). Ukrainekrieg, Migrationsprobleme und Abstiegsängste – wie kaum eine Wahl zuvor war die Entscheidung von negativen Motiven geprägt. Laut Infratest Dimap gaben über 80  % der Wähler an, eher „gegen etwas“ als „für etwas“ gestimmt zu haben. Der Entwurf der Zukunft wurde erst nach der Wahl deutlich.

Friedrich Merz hat die Bundestagswahl 2025 mit dem Versprechen gewonnen, Deutschlands Haushalt zu sanieren, neue Schulden zu vermeiden und die Prinzipien „solider bürgerlicher Finanzpolitik“ hochzuhalten.

Nur wenige Wochen nach seinem Amtsantritt legt die neue Koalition nun ein milliardenschweres Schuldenpaket auf – in krassem Widerspruch zu allem, wofür Merz im Wahlkampf stand.

Die Begründung des Kanzlers für den Kurswechsel: „Man habe keine Wahl“. Finanzminister Klingbeil versucht, eine Vision aufzuzeigen: „Wir bringen mit dem Bundeshaushalt und dem 500-Milliarden-Investitionspaket auf den Weg, was wir jetzt brauchen, um für neue wirtschaftliche Stärke zu sorgen, unser Land modern und zukunftsfähig zu machen und um auch in Zukunft in Deutschland sicher zu leben.“

Vor allem das Projekt, die stärkste Armee Europas zu schaffen, wird enorm kostspielig. Die Folge dieser Politik sind nicht abzusehen: Die Zinsausgaben des Bundes werden sich von 30 Mrd. Euro im Jahr 2024 auf 61,9 Mrd. im Jahr 2029 mehr als verdoppeln. Dann werden die Zinszahlungen fast 10 % des gesamten Bundeshaushalts ausmachen.

Der Rotstift muss in anderen Bereichen angesetzt werden. Absehbar wird sich die Schere zwischen Arm und Reich im Lande weiter verschärfen. Ja, die wirtschaftliche Lage ist angespannt, die Anforderungen an Verteidigung, Digitalisierung und Infrastruktur enorm.

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Foto: Deutscher Bundestag / Thomas Köhler / photothek

Merz hatte die Chance, sich als Alternative der instabilen Ampel zu profilieren – stattdessen betritt er das Kanzleramt mit einem Kurswechsel, der genau dieses Bild bestätigt. In Wahlkämpfen versprechen Parteien gern viel – Entlastungen, Investitionen, Steuererleichterungen. Über die Kehrseite, nämlich die Rückzahlung der dafür nötigen Schulden, wird dagegen auffallend selten gesprochen.

Und noch auffälliger: Die Mehrheit der Wähler scheint sich für die langfristige Rückzahlung staatlicher Schulden schlicht nicht zu interessieren.

Ob Milliarden neue Kredite aufgenommen werden oder nicht – Hauptsache, es gibt kurzfristig sichtbare Leistungen. Straßen, Schulen, Subventionen. Die politische Rechnung ist bekannt: Wer heute spart, wird abgestraft. Wer verteilt, gewinnt Stimmen.

Dabei sind Schulden nichts Abstraktes. Sie sind Verpflichtungen – nur eben verschoben in eine Zukunft. Hinzu kommt: Jahrzehnte niedriger Zinsen haben das Gefühl erweckt, Schulden seien risikolos.

Und in einer Welt, in der wirtschaftliche Komplexität schwer zu durchdringen ist, verlässt man sich eben auf „die da oben“. Langfristig sind hohe Schulden nicht nur ein Buchungsposten – sie engen politischen Handlungsspielraum ein, treiben Zinslasten nach oben und zwingen künftige Generationen zu Sparrunden.

Sie tragen eines Tages die Folgen von Entscheidungen, an denen sie selbst nie mitgewirkt haben.

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Nach den Wahlen 2025: Parteien und Muslime brauchen einen Neustart

parteien muslime

Der Wahlkampf zu den Wahlen 2025 und die Zustimmungslage zeigen: Parteien und Muslime brauchen einen Neustart im beiderseitigen Verhältnis. (iz). Es existieren in der Bundesrepublik – wie in anderen Staaten […]

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Wahlprogramme 2025 im Test: Die Sozialdemokratie mag Allgemeinplätze

scholz wahl

Bis zur Wahl 2025 behandeln wir in einer Reihe die Programme der größeren Parteien und was sie Muslimen zu sagen haben. Dieses Mal: die Sozialdemokraten.

(iz). Obwohl die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) als dezidiert linke und religionskritische Partei gegründet wurde, vertritt sie seit Jahrzehnten keine laizistischen Positionen mehr.

Die ersten christlichen oder kirchlichen Arbeitskreise entstanden in den 1970er Jahren in den Landesverbänden der SPD. Anfang 2014 folgte der Arbeitskreis der Muslime in der SPD. Damit wurde Neuland betreten, es war der erste seiner Art in einer deutschen Partei.

Doch in den letzten Jahren ist es still um ihn geworden. Weder in den anstehenden Islamdebatten, in der Migrationsfrage oder im Streit um die Bewertung des Nahostkonflikts hat sich das unter großem Medieninteresse gegründete Gremium besonders öffentlich zu Wort gemeldet. Ein Besuch der Website des Kreises dokumentiert keine aktuellen Veröffentlichungen.

SPD-Wahlprogramm: Was sind die religionspolitischen Prämissen der Sozialdemokraten?

Auch wenn sich viele Kirchen heute den politischen Grundforderungen der SPD angenähert haben, spielt das Themenfeld Religionspolitik – anders als bei Union, Bündnisgrünen oder Linken – eine deutlich geringere Rolle.

Während die beiden großen Kirchen an einigen Stellen Erwähnung finden, taucht das Thema „Islam“ und „Muslime“ seltener als bei der Union in einer konstruktiven Beziehung auf. Ähnlich wie beim BSW erscheint der Begriff „Islam“ häufiger im Zusammenhang mit Extremismus und Gefahr auf.

Ungeachtet der von der SPD mitverantworteten Radikalisierung des Migrationsdiskurses und ihrer eindeutigen Positionierung im Nahostkrieg hat die Partei nach den Daten des DeZIM im Vergleich zu den anderen Parteien die höchsten Zustimmungswerte bei Wählern mit Migrationshintergrund.

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Foto: Gert Harder, Shutterstock

Trotz demografischer Verschiebungen in den Wählermilieus profitiert sie weiterhin vom Image als „Malocherpartei“. Punktuelle Befragungen lassen den Schluss zu, dass in Teilen dieses Milieus Entfremdungs- und Abgrenzungsprozesse als Folge des Umgangs mit dem Nahostkonflikt stattfinden.

Die Haltung der SPD zu Deutschlands Muslimen

Die geringe Aufmerksamkeit für die muslimische Bevölkerung setzt sich in der konkreten politischen Praxis fort. Obwohl sich die Sozialdemokraten in ihrem Wahlprogramm gegen Muslimfeindlichkeit (im Kontext von „gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“) aussprechen, findet sich bei der SPD überwiegend ein negatives Framing – etwa im Begriff „Islamismus“.

Die Partei verspricht ihren Wählerinnen und Wählern, den „Islamismus“ „mit aller Kraft und aller Härte“ zu bekämpfen. In ihrem Wahlprogramm finden sich kaum Aussagen zum Islam und zu seinen Gemeinschaften. Es gibt wenig Pläne zu ihrer Förderung und zur Anerkennung ihrer Anliegen. Muslimische Wähler scheinen – so zumindest der Eindruck – trotz ihrer nach wie vor relativ hohen „Treue“ zur Sozialdemokratie eher ein Randthema zu sein.

Foto: Freepik.com

Praktische Fragen

Wie bereits erwähnt, werden die meisten praktischen Fragen des muslimischen Alltags auf Landes- oder Kommunalebene behandelt. Dennoch fällt auf, dass sich in den Wahlprogrammen – abgesehen von Allgemeinplätzen – keine konkrete Politik findet.

Was tun bei Muslimfeindlichkeit?

Am 5. Februar veröffentlichte das Bündnis CLAIM (Bündnis gegen Muslimfeindlichkeit und Antidiskriminierung) eine Aufstellung der Positionen der jeweiligen Parteien (ohne AfD, DAVA und Mera25).

Hier kommen die Sozialdemokraten immerhin auf 4 von 6 genannten Punkten – im Gegensatz zu Union, AfD und FDP, die keinem einzigen Punkt zustimmen.

Die SPD bekennt sich gegen antimuslimischen Rassismus bzw. Muslimfeindlichkeit. Sie unterstützt nachhaltig die Arbeit von Antirassismusbeauftragten und setzt sich für eine Verbesserung des Antidiskriminierungsgesetzes ein. Sie setzt sich auch für das Demokratiefördergesetz ein.

Integration und Zuwanderung

Es gehört zu den Ärgernissen unserer „Islamdebatte(n)“, dass religiöse Lebenspraxis einerseits und die Themen „Integration“ und „Migration“ andererseits wenn nicht als Synonyme, so doch als miteinander verbunden verstanden werden. Das bedeutet, dass sowohl integrations- als auch migrationspolitische Fragen in den Blick genommen werden müssen, da Muslime hier unausgesprochen mitgemeint sind.

In diesem Themenblock fällt den Sozialdemokraten deutlich mehr ein als ihren christdemokratischen Konkurrenten. Die SPD betont die Notwendigkeit einer geordneten Migrationspolitik, die Humanität und Ordnung verbindet. Dabei ist auch sie von dem erkennbaren Rechtsruck in der Behandlung des Themas betroffen.

So will die Partei im Hinblick auf begrenzende Maßnahmen unter anderem folgende Punkte: Begrenzung der irregulären Migration durch temporäre Kontrollen an den Binnengrenzen. Beschleunigung der Asylverfahren auf maximal sechs Monate. Erleichterung von Abschiebungen, insbesondere von Straftätern. Abschluss von Migrationsabkommen mit Herkunftsstaaten. Verstärkter Schutz der EU-Außengrenzen, aber Ablehnung von Zurückweisungen.

Zur Integration von Migranten und Muslimen plant die SPD u.a. den Ausbau der Integrationskurse zur Unterstützung der Fachkräfteeinwanderung, die Ermöglichung des Spurwechsels in die Fachkräfteeinwanderung für gut integrierte Flüchtlinge ohne Schutzstatus, die Beibehaltung des subsidiären Schutzes sowie des Familiennachzugs, die Gleichverteilung von Bildungschancen sowie die Schaffung von ständigen Antirassismusbeauftragten.

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Foto: Anas-Mohammed, Shutterstock

Krieg und Frieden im Nahen Osten

Wie relevant der Nahostkonflikt und insbesondere die Haltung der großen Parteien in der Bundesrepublik für muslimische Wählerinnen und Wähler ist, zeigte die Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen am Tag der Europawahl. Erstmals wurde dabei auch nach der Religionszugehörigkeit gefragt.

Im April rutschte die SPD – bei der Bundestagswahl 2021 noch stärkste Kraft – in der muslimischen Wählergunst auf Platz vier ab, hinter BSW, DAVA und Union. Wie viel davon auf den Niedergang der Ampel und wie viel auf den Krieg gegen Gaza zurückzuführen ist, bleibt unklar. Hinzu kommt, dass Innenministerin Faeser kaum den Dialog mit Muslimen sucht und das Thema Muslimfeindlichkeit im Herbst 2023 von der Tagesordnung der DIK genommen hat.

Die SPD verurteilt den Terror der Hamas vom 7. Oktober auf das Schärfste. Und bekräftigte, dass das Existenzrecht und die Sicherheit Israels Teil der von Merkel formulierten „Staatsräson“ seien.

Sie betonte aber auch die Notwendigkeit eines neuen Anlaufs zu einer Zweistaatenlösung, forderte aber im Gegensatz zu anderen europäischen Kollegen in Norwegen, Irland oder Spanien nicht die Anerkennung der palästinensischen Staatlichkeit. Für eine solche Lösung müsse die Autonomiebehörde reformiert werden, die nach Ansicht der SPD die Zivilverwaltung in Gaza übernehmen sollte. Die Partei lehnt einseitige Initiativen zur Anerkennung einer palästinensischen Staatlichkeit ab und setzt stattdessen auf Verhandlungen zwischen den Konfliktparteien.

Die Frage nach ihrer Haltung zu Waffenlieferungen an Tel Aviv finden sich in ihrem Wahlprogramm keine spezifischen Passagen. Vorher getätigte Aussagen sowie die Praxis der gescheiterten Ampel zeigen, dass sie solche im Prinzip unterstützt.

Die Partei fordert einen Stopp des völkerrechtswidrigen Siedlungsbaus Israels in den palästinensischen Gebieten sowie der Annexionspläne im Westjordanland und im Gazastreifen. Langfristiges Ziel bleibe die friedliche Koexistenz zweier souveräner und lebensfähiger Staaten im Rahmen einer Verhandlungslösung. Auch Israel müsse sich an das Völkerrecht halten.

Über den völkerrechtlichen Umgang mit der gegenwärtigen israelischen Regierung sind die Sozialdemokraten geteilter Meinung. Der SPD-Abgeordnete Roth bspw. hält den Haftbefehl gegen Netanyahu für falsch. Allerdings sei Deutschland zu seiner Verhaftung verpflichtet, sollte dieser deutschen Boden betreten.

Von der SPD Berlin wiederum kamen abweichende Töne. Sie forderte in einem Antrag, die Bundesregierung solle in Zukunft die Zuständigkeit von IGH und IStGH bei Fällen bzgl. der palästinensischen Gebiete nicht mehr anfechten. Gleichzeitig solle das Assoziationsabkommen zwischen EU und Israel eingefroren werden – bis zur vollständigen Umsetzung der Forderungen des IGH-Gutachtens und etwaiger Haftbefehle des IStGH gegen israelische Staatsbürger.

Diese Positionen zeigen eine Spannung zwischen der Unterstützung für Israel und dem Bestreben, internationales Recht zu respektieren und umzusetzen.

Hier geht’s zum SPD-Wahlprogramm: https://www.spd.de/fileadmin/Dokumente/Beschluesse/Programm/SPD_Programm_bf.pdf

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Wahl in der Türkei – Entscheidung fällt in Stichwahl

Türkei Wahl Erdoğan

Türkei: Das Rennen um das Präsidentenamt zwischen Amtsinhaber Erdoğan und seinem Herausforderer Kılıçdaroğlu war knapp – und geht wohl in eine zweite Runde. Von Mirjam Schmitt, Anne Pollmann und Linda Say

Istanbul (dpa/iz/KNA). Nach 20 Jahren an der Macht muss sich der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan voraussichtlich erstmals einer Stichwahl stellen. Beim Stand von 99 Prozent der ausgezählten Wahlurnen im Inland und rund 84 Prozent im Ausland liege er bei 49,40 Prozent der Stimmen, sagte der Chef Wahlbehörde, Ahmet Yener, in Ankara am Montag laut der staatlichaen Nachrichtenagentur Anadolu.

Oppositionsführer Kemal Kılıçdaroğlu kam demnach auf 44,96 Prozent. Beide verfehlten damit die absolute Mehrheit von 50 Prozent, weswegen eine Stichwahl am 28. Mai das wahrscheinlichste Szenario ist. Insgesamt waren rund 64 Millionen Menschen zur Stimmabgabe aufgerufen, davon rund 3,4 Millionen im Ausland.

Der seit 20 Jahren als Ministerpräsident und Präsident regierende Erdoğan hat damit besser abgeschnitten, als von vielen Beobachtern erwartet, müsste aber zum ersten Mal in eine Stichwahl. Noch in der Nacht gab er sich siegessicher. Auch Kılıçdaroğlu zeigte sich optimistisch. Sein Oppositionsbündnis werde am Ende gewinnen und der Türkei die Demokratie zurückgeben, sagte er. Die Opposition warf dem  Erdoğan-Lager zudem Manipulationsversuche während der Wahl vor.

Stichwahl Türkei: Wechselwähler und Oğan-Anhänger sind entscheiden

Entscheidend in der Stichwahl könnte sein, wie sich die Wählerschaft des Drittplatzierten Sinan Oğan (Ata-Allianz) verhält. Bislang ist offen, ob er eine Wahlempfehlung abgibt, wie diese ausfallen würde und ob seine gespaltene Anhängerschaft ihr folgen würde. Es ist nicht ausgemacht, dass Erdoğan profitieren würde.

Die Endergebnisse wurden bis Montagvormittag noch nicht verkündet. Es war unklar, wann damit zu rechnen ist. Wähler mit türkischem Pass in Deutschland und anderen Ländern würden im Fall einer Stichwahl zwischen dem 20. und 24. Mai ihre Stimme abgeben können.

Angesichts des Wahl-Krimis zwischen Erdoğan und Kılıçdaroğlu wertete der Drittplatzierte sein schwaches Abschneiden (rund 5,2 Prozent) als Erfolg. Mit seinem Lager wollte er nun über das weitere Vorgehen beraten. „Wir werden niemals zulassen, dass die Türkei in eine Krise gerät“, sagte Oğan in der Nacht zu Montag.

Foto: Abdülhamid Hoşbaş, Anadolu Ajansi

Deutschland: Mehrheit der türkischen Wähler hier für Erdoğan

Die Mehrheit der Türken in Deutschland hat nach Einschätzung des Vorsitzenden der Türkischen Gemeinde in der Bundesrepublik für Präsident Recep Tayyip Erdogan gestimmt. Der Vorsprung werde aber nicht mehr so groß sein wie bei der Präsidentschaftswahl 2018, sagte Gökay Sofuoğlu in einem vorab veröffentlichten Interview des Deutschlandfunks.

Die vergleichsweise hohe Zustimmung zu Erdogan unter den TürkInnen in Deutschland liege daran, dass sich der Präsident ihnen gegenüber als Kümmerer gezeigt habe, erklärte der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde. Der Bau neuer Flughäfen in der Türkei habe Reisen in die Heimat erleichtert und das Gesundheitssystem sei für Auslandstürken attraktiver geworden.

Er machte die deutsche Politik mitverantwortlich für das Image Erdoğans hierzulande. Es sei nicht genug dafür getan worden, eingewanderten Menschen zu zeigen, wie wertvoll sie für Deutschland seien. Vieles wecke bei ihnen das Gefühl, nicht zugehörig zu sein. Sofuoğlu begrüßte die Pläne der Bundesregierung, TürkInnen die doppelte Staatsangehörigkeit zu ermöglichen. 

Regierungsallianz liegt bei Parlamentswahl vorn

Die Wahlbehörde gab das Ergebnis der Parlamentswahl zunächst nicht bekannt. Es zeichnete sich jedoch ab, dass Erdoğans Regierungsallianz ihre Mehrheit verteidigen konnte. Der Präsident hat seit der Einführung eines Präsidialsystems 2018 weitreichende Befugnisse, das Parlament mit seinen 600 Abgeordneten ist dagegen geschwächt.

Türken Wahlen

Foto: andriano_cz, Adobe Stock

Opposition gibt sich kämpferisch

Auch wenn Erdoğan in zwei Wochen noch immer gewinnen kann – für den 69-Jährigen ist das Ergebnis ein Rückschlag. Seit er 2003 zunächst zum Ministerpräsidenten gewählt wurde, hat er jede landesweite Wahl gewonnen. Seit 2014 ist er Staatspräsident. Die Aura des Unbesiegbaren geht ihm durch die Stichwahl verloren. Erdoğan zeigte sich in der Nacht zu Montag dennoch gut gelaunt vor jubelnden Anhängern in Ankara und stimmte ein Lied an.

Der 74-jährige Kılıçdaroğlu trat in der Nacht gemeinsam mit den Parteichefs seines Sechser-Bündnisses vor die Presse. „Erdoğan hat trotz seiner Diffamierungen und Beleidigungen nicht das Ergebnis erreicht, das er sich erwartet hatte“, sagte er.

Alle Seiten sehen sich nun mit einer vollkommen neuen Situation konfrontiert – eine Stichwahl gab es noch nie. Der Präsident wird erst seit 2014 direkt vom Volk gewählt.

Parlament könnte ausschlaggebend sein

Alle Augen schauen nun auf die Große Nationalversammlung in Ankara. Erdoğans AKP und ihr Partner MHP werden dort ihre absolute Mehrheit voraussichtlich halten können. Sollte Kılıçdaroğlu bei einer Stichwahl gewinnen, könnten sich Parlament und Präsident theoretisch blockieren, was zu einer Regierungskrise führen könnte

Zwar kann der Präsident ohne Zustimmung des Parlaments ein Dekret erlassen, verabschiedet das Parlament aber ein Gesetz zum selben Thema, würde das Dekret ungültig. Es kommen in jedem Fall schwierige zwei Wochen auf die Türkei zu. Die Landeswährung Lira könnte durch die unsichere Situation weiter an Wert verlieren.

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Erwartungen an den Machtwechsel: Die neue Regierung verdient eine faire Chance

(iz). In seiner Berliner Rede zur Freiheit vor 10 Jahren hat der Philosoph Peter Slotderdijk moderne Gesellschaften als „Stressgemeinschaften“ definiert. Es gehört wohl zu den herausragenden Eigenschaften der ehemaligen Bundeskanzlerin Merkel, dass sie gerade unter Belastung immer souverän und besonnen wirkte.

Insbesondere in der Fluchtkrise 2015 verfiel sie nie der Versuchung, die Gesellschaft zu polarisieren. Ihr berühmter Ausspruch „wir schaffen das!“ hat ihr nicht nur Feindseligkeiten vom rechten Rand eingebracht, sondern auch Zuspruch von der Mitte der Gesellschaft – begleitet von vielen Sympathiebekundungen der Muslime in Deutschland. In den sozialen Medien wurde der Abschied der Kanzlerin von der muslimischen Community beinahe wehmütig kommentiert. 

Auch der neue Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) benötigt für die Formulierung seiner politischen Identität zum Glück kein islamfeindliches Ressentiment. Diese Regierung verbindet soziale, ökologische und liberale Ansprüche, deren Essenz auch Muslime anspricht. Die Spaltung der Gesellschaft in Arme und Reihe zu verhindern, die Umweltkrise zu meistern und die Wahrung der Bürgerrechte einzufordern, lässt sich aus islamischen Quellen gut begründen. Ob die Koalition in diesen Bereichen wirklich Fortschritte erzielt, werden die nächste Jahre zeigen. 

Sloterdjk hat in der besagten Rede „Stress und Freiheit“ davor gewarnt, die Sorge um die kulturelle Tradition, die Bewahrung der Umwelt oder sozialem Ausgleich nicht bloß den Parteien zu überlassen. Nur mit einer lebendigen Zivilgesellschaft lässt sich das Spannungsfeld zwischen den Individuen und der Gesellschaft spannungsfrei gestalten. Auch in Krisenzeiten muss es möglich sein, anders zu leben, zu glauben, zu denken und zu handeln, ohne von der Mehrheitsmeinung an die Ränder der Gesellschaft gedrückt zu werden. 

Die meisten Muslime lassen sich nicht einfach in das Bild des politischen Gegensatzes von konservativ und liberal einordnen. In den meisten Lebensentwürfen von Muslimen finden sich fortschrittliche und traditionelle Haltungen vereint. Auch wenn einige das Recht unpolitisch zu sein beanspruchen, sind die meisten für ein zivilgesellschaftliches Engagement zu gewinnen.

Vielleicht gelingt der neuen Regierung klarer anzuerkennen, dass Muslime zu den Stützen, nicht zu den Feinden, der offenen Gesellschaft gehören. In diesem Falle wäre ihre Präsenz in den Parteien – entsprechend ihrer gesellschaftlichen Bedeutung – bald keine Ausnahme mehr.

Landtagswahl: Spitzenpolitiker antworten auf muslimischen Wahlkompass. Von Karim Moustafa, Duisburg

(iz) Die Spitzenpolitiker in Nordrhein-Westfalen haben sich wenige Tage vor der NRW-Landtagswahl am 9. Mai dem muslimischen Wahlkompass gestellt. Politiker und Parteien in NRW haben sich mit den 20 Fragen […]

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Bekenntnisse eines Nichtwählers: Ali Kocaman über die Zumutung des quasi-religiösen Zwangs, am Wahl-Spektakel teilnehmen zu müssen

(iz). Zum Ablauf des natürlichen Haltbarkeitsdatums ihrer Legislaturperiode hat die bundesdeutsche Parteienlandschaft – beispielsweise anhand ihrer „Optionen“ in der Finanzkrise – noch einmal eindrucksvoll belegt, dass ihre Handlungsfähigkeit (und damit […]

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