Muslime: Mehr Machiavelli wagen?
Was können Muslime von Machiavelli lernen? Über politisches Handeln, Verantwortung für die Gemeinschaft und die Frage, warum Kompromisse kein Verrat sein müssen.
Niccolò Machiavelli in einem Bildnis von Santi di Tito/Wikimedia Commons | Lizenz: gemeinfrei
(iz). Am 7. Oktober nahm New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani an einer Mahnwache für die Opfer des Hamas-Terrors und getötete Palästinenser teil. Propalästinensische Protestierende nannten ihn einen „Verräter“ und warfen ihm vor, einen Völkermord zu unterstützen. Schon seine Teilnahme galt ihnen als „Verrat“.
Hier ist das Muster ebenfalls bekannt. In Berlin streitet Die Linke darüber, wie weit sie den Forderungen ihrer potenziellen Koalitionspartner entgegenkommen soll. Muss sie an den Nahostpositionen ihres Neuköllner Bezirksverbands festhalten, selbst wenn das die Regierungsbildung gefährdet?

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Auch Muslimen begegnen solche Konflikte in ihrem Alltag. Wie viel Spielraum bleibt für Kompromisse? Ab wann handelt man sich den Vorwurf ein, ein „Hausmuslim“ zu sein? Manchen gilt die Zusammenarbeit mit gesellschaftlichen Institutionen als Verrat „an der Sache“.
Dahinter lässt sich eine Spannung zwischen Verantwortungs- und Gesinnungsethik erkennen, wie Max Weber sie beschrieben hat. Die erste fragt nach den absehbaren Folgen des Handelns, die zweite untersucht die Treue zu moralischen Überzeugungen.
Beide Haltungen schließen sich nicht aus. Wer Konsequenzen abwägt, ist nicht prinzipienlos. Dennoch lautet ein häufiger Vorwurf gegen Verantwortungsethiker, sie seien „Machiavellisten“.
Aber wird das Machiavelli gerecht? Oder hilft er gerade, das Politische zu verstehen? Er schaut bei der Macht zuerst „unter die Motorhaube“: Wie gewinnt man sie, wie hält man sie und woran scheitert man? Gute Absichten allein reichen ihm nicht.
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Wer regiert, muss Interessen erkennen, Widerstände einschätzen und auf Überraschungen reagieren können. Dazu gehört für ihn die Möglichkeit, gegen moralische Regeln zu handeln, wenn die politische Notwendigkeit es verlangt. Das bleibt anstößig und verlangt einen kritischen Blick.
Wer nur den „Fürsten“ kennt, übersieht leicht Machiavellis andere große Frage: Wie können Menschen frei leben und sich gegen die Übermacht Einzelner schützen?
In seinen „Discorsi“ setzt er auf republikanische Institutionen, die Beteiligung der Bürger und sogar auf den Streit zwischen Volk und Mächtigen, der Freiheit sichern kann. Aus seinem Namen ein Schimpfwort zu machen, verdeckt, wie ernsthaft er die Begrenzung von Macht reflektierte.
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Meine These lautet, dass die Menschen in diesem Land, Bürger und Wähler, Muslime und Nichtmuslime, mehr über ihn und sein Denken wissen sollten. Nicht um Machtpolitik zu rechtfertigen. Sondern um zu erkennen, welche Spielräume sie haben und wann andere Macht gegen sie einsetzen.
In vielen Debatten, von der Organisation einer Moscheegemeinde bis zur nationalen Politik, bleibt der Handlungsspielraum unterbelichtet. Praktische Entscheidungen werden zu Bekenntnisfragen erhoben, als wäre jeder Kompromiss schon ein „Verrat“.
Dabei müssen Prinzipien daran gemessen werden, was ihre Umsetzung bewirkt. Wer das verweigert, erschwert Handeln und schadet womöglich dem eigenen Anliegen.
Moralische Eindeutigkeit kann das Gefühl stärken, auf der richtigen Seite zu stehen. Sie ersetzt nicht die Verantwortung, selbst etwas zu verändern.