, , ,

Wie können wir Freiheit verstehen?

freiheit

Hintergrund: Gibt es in der Debatte um den Freiheitsbegriff eine muslimische Antwort? (iz). Es gibt Begriffe, die durch ihre permanente Präsenz – allen voran in der Werbung und im alltäglichen […]

IZ+

Weiterlesen mit dem IZ+ (Monatsabo)

Mit unserem digitalen Abonnement IZ+ – Onlineabo, Kombi Print & IZ+ or Das IZ-Förder-Abo können Sie weitere Hintergrundbeiträge, Analysen und Interviews abrufen. Gegen einen Monatsbeitrag von 3,50 € können Sie das erweiterte Angebot der Islamischen Zeitung sowie das ständig wachsende Archiv nutzen.

Abonnenten der IZ-Print sparen beim IZ+ Abo 50%.

Wenn Sie bereits IZ+ Abonnent sind können Sie sich hier einloggen.

* Einfach, schnell und sicher bezahlen per Paypal, Kredit-Karte, Lastschrift oder Banküberweisung. Das IZ+ Abo verlängert sich automatisch um einen Monat, wenn es nicht vorher gekündigt wurde. Sie können ihr bestehendes Abo jederzeit auf der Mein Konto-Seite kündigen.

, ,

Der „Islamismus“-Begriff als sprachliches Problem mit realen Folgen

islamismus islamisch

Der „Islamismus“-Begriff: Sprache formt nicht nur unsere Wahrnehmung der Welt, sondern auch unser Denken über andere Menschen.

(iz). Gerade in gesellschaftlich sensiblen Debatten wie der über Radikalisierung und Extremismus spielt die Wortwahl eine zentrale Rolle. Der Begriff „Islamismus“ ist dabei leider zu einem festen Bestandteil politischer, medialer und wissenschaftlicher Diskurse geworden – und genau das ist ein Problem.

Viele Muslime erleben diese Terminologie als stigmatisierend und ungerecht. Er lässt den Eindruck entstehen, als sei der Islam selbst ein Problem oder zumindest Teil des Problems. In Talkshows, Nachrichten und Zeitungen wird „Islamismus“ häufig in einem Atemzug mit Terror, Gewalt und Fanatismus genannt.

Dadurch entsteht in der öffentlichen Wahrnehmung eine fatale Verbindung: Islam gleich Gefahr. Die Folge ist eine kollektive Zuschreibung, die Millionen friedlicher, demokratischer und gesetzestreuer Muslime in Misskredit bringt. Sie fühlen sich dadurch nicht nur ausgegrenzt, sondern auch diskriminiert – sprachlich, politisch und gesellschaftlich.

Besonders brisant ist die Endung „-ismus“. Sie ist in der deutschen Sprache typisch für ideologische Systeme: Kommunismus, Faschismus, Nationalismus, Rassismus, Sozialismus.

Islam, eine Weltreligion mit spirituellem und ethischem Fundament, wird durch diese Wortbildung ungewollt in dieselbe Kategorie gedrängt. Was ursprünglich als Begriff zur Abgrenzung extremistischer Strömungen gemeint war, entfaltet heute eine Wirkung, die den Kern des Islam verzerrt. Aus einer Religion wird eine Ideologie gemacht. Aus Gläubigen werden potenzielle Ideologen.

Ein weiteres sprachliches Ungleichgewicht fällt auf: Es gibt keinen „Christentumismus“, keinen „Judentumismus“, keinen „Hindutismus“. Auch dort existieren radikale Gruppierungen, die Gewalt im Namen ihrer Religion ausüben. 

Doch nur beim Islam wird der Name der Religion selbst zum Bestandteil eines Begriffs, der Terror, Fanatismus und politische Gewalt beschreibt.

Das ist kein Zufall. Es verweist auf tief verwurzelte kulturelle Vorurteile, die über Jahrzehnte hinweg gewachsen sind. Die Sprache zeigt, was gedacht wird – und was gedacht wird, wirkt sich auf das gesellschaftliche Klima aus.

Wenn es darum geht, radikale und gewaltbereite Strömungen zu benennen, braucht es Begriffe, die präzise und zugleich fair sind. Der Ausdruck „religiöser Extremismus“ erfüllt diese Anforderungen deutlich besser. Er benennt das eigentliche Problem – den Extremismus – und vermeidet zugleich die pauschale Verknüpfung mit einer spezifischen Religion.

Daesh Terror Syrien Irak

Foto: Fishman64, Shutterstock

Er macht klar, dass es hier nicht um Glauben geht, sondern um eine pervertierte Auslegung, die Gewalt legitimiert und Andersdenkende bekämpft. Diese Formulierung ist sachlich, analytisch und nicht stigmatisierend. Sie erlaubt es, Radikale beim Namen zu nennen, ohne Gläubige unter Generalverdacht zu stellen.

Ohnehin sind die meisten Fälle von Extremismus nicht religiös, sondern politisch motiviert. Dabei geht es um Macht und Beherrschung von Land und Boden.

Kaum zu glauben, dass diese Begrifflichkeit trotzdem seit Jahrzehnten verwendet wird. Wer aber solche Begriffe verwendet, sollte sich auch der impliziten Botschaften bewusst sein, die mitschwingen. In einer pluralen und offenen Gesellschaft braucht es Begriffe, die differenzieren statt zu pauschalisieren.

Sprache kann Brücken bauen oder Mauern errichten – sie kann verbinden oder spalten. „Islamismus“ spaltet. Daher muss er hinterfragt und durch präzisere, gerechtere Begriffe ersetzt werden. Nicht, um Probleme zu verharmlosen, sondern um sie endlich richtig zu benennen.

, ,

Viele sagen „Islamismus“, meinen aber „Muslime“

islamismus islamisch

Von Grünen bis AfD kämpfen Politiker dieser Tage gegen den „Islamismus“. Was genau das sein soll, weiß keiner so genau. Sicher ist nur, wer unter diesem Kampf oft leidet: ganz normale Muslime.

(iz). Was würden Sie denken, würde ich Ihnen erzählen, dass Nordkoreas Kim Jong-un, SPD-Bundeskanzler Olaf Scholz und der Sozialarbeiter von nebenan Teil einer gemeinsamen sozialistischen Bedrohung sind? Dass Putin, die kolumbianischen Farc-Rebellen und der Deutsche Gewerkschaftsbund insgeheim die kommunistische Unterwanderung unserer Gesellschaft planen?

Sie würden mich vielleicht für einen Verschwörungstheoretiker, auf jeden Fall aber für einen kompletten Spinner halten. Und das völlig zurecht. Was aber, wenn ich Ihnen erzähle, es gibt Menschen, die so etwas behaupten. Und sie gelten als alles andere als inkompetent. Im Gegenteil: Viele haben sich mit solchen Behauptungen das Renommee ausgewiesener Experten erarbeitet. Sie sitzen im Bundestag, Behörden, Talkshows und Chefredaktionen. Ihre Verschwörungstheorien finden sich in Gesetzestexten, Leitartikeln und auf Bestsellerlisten.

Der Unterschied ist nur: Ihre Spinnereien handeln nicht von den unzähligen Gruppierungen, Ideologien und Bewegungen weltweit, die zwar irgendwie ihren Ursprung in den Schriften von Marx und Engels haben, aber längst nichts mehr miteinander zu tun haben. Sie handeln von muslimischen Verbandsfunktionären, Messerstechern in der Fußgängerzone, türkeistämmigem Gemeinderäten, Diktatoren vom Golf und Imamen von nebenan.

Sie alle sollen Teil eines gemeinsamen „islamistischen“ Bedrohungsszenarios sein. Dabei haben sie außer ihrem Muslimischsein meist nur die negativen Fremdzuschreibungen gemein: reaktionär, anti-demokratisch, gewalttätig.

„Islamismus“ war schon immer ein unscharfer Begriff

Die Unschärfe und das damit verbundene Missbrauchspotenzial des Begriffs „Islamismus“ ist nichts Neues. Es ist dem Begriff quasi in die Wiege gelegt. Das Licht der Welt erblickte der „Islamismus“ an europäischen und amerikanischen Unis Mitte der 1970er: Als Sammelbezeichnung für politische Bewegungen und Akteure, die im 20. Jahrhundert überall in der islamischen Welt als Antwort auf die Krisen jener Zeit entstanden waren. Schon Ende der 80er hatte der Begriff seine zahlreichen Vorgänger wie „Radikalismus“, „Fundamentalismus“ oder „Islamisches Erwachen“ weitgehend ersetzt. 

Was dem Islamismusbegriff bis heute fehlt, ist eine allgemein akzeptierte Definition: Ein Islamist ist jemand, der den Islam als Grundlage für soziale und politische Veränderungen gebraucht. So lautet ein Minimalkonsens unter den Islamismus-Definitionen. Anders als „islamisch“ beschreibt „islamistisch“ also ein politisches und kein religiöses oder kulturelles Phänomen. Welche Merkmale den „Islamismus“ sonst noch ausmachen? Darüber herrscht auch in der Wissenschaft keine Einigkeit. 

An Merkmalen zur Auswahl stehen unter anderem: (Rück)besinnung auf islamische Werte, Streben nach Errichtung einer als islamisch verstanden Gesellschafts- und Werteordnung, Absolutheitsanspruch, Anti-Modernismus, Demokratie-Feindlichkeit und ein patriarchalisches Rollenverständnis und Gewaltbereitschaft.

Aber auch Bewegungen und Gruppierungen werden dem „Islamismus“ zugeordnet, die explizit gewaltfrei sind, sich zur Demokratie bekennen oder progressive Gesellschaftsentwürfe anstreben. Vorstellungen, was einen „Islamisten“ ausmachen, variieren außerdem je nach Zeit, wissenschaftlicher Fachrichtung und Denkschule. 

Kurzgefasst: Es ist kompliziert mit dem „Islamismus“. So kompliziert, dass viele Wissenschaftler den Begriff gänzlich ablehnen: Weil er Phänomen und Akteure, die nichts miteinander zu tun haben, in einen Topf wirft, weil er die Grenzen zwischen Religion und Politik verschwimmen lässt, wegen seiner fehlenden analytischen Schärfe und seines Missbrauchspotenzials.

Muslimfeindlichkeit Islamkonferenz debatte

DIK 2022. Ministerin Faeser im Gespräch mit einer Teilnehmerin. (Pressefoto: © Henning Schacht / Bundesinnenministerium)

Ein Kürzel für Unliebsame?

Gerade aber diese Unschärfe ist es, die den Begriff außerhalb von Universitäten so erfolgreich macht. Während in der Wissenschaft zumindest ein (vermeintlicher) gemeinsamer historischer Ursprung Bedingung für die Zuschreibung „Islamist“ ist, fällt im öffentlichen Diskurs auch diese letzte Hürde weg. In Medien und Politik hat sich „Islamist“ fest etabliert: als Kürzel für unliebsame Muslime aller Art. Als Instrument der Markierung, Problematisierung und Kriminalisierung. 

Um bei den Vergleichen zu bleiben: Die populäre Verwendung des Begriffs „Islamismus“ ist in etwa so präzise als fasse man israelische Siedler und jüdische Friedensaktivistinnen unter „Judaismus“ zusammen oder bezeichne Mitglieder von Ku-Klux-Klan, CSU und Caritas als „Agenten des Politischen Christentums“.

Stigma gegen Menschen, die sich nie haben etwas zu Schulden kommen lasssen

Hinzu kommt: Viele „Islamisten“, die uns in Medien und Politik begegnen, sind nicht einmal sonderlich extrem. Häufig trifft die Zuschreibung ausgerechnet Menschen, die sich demokratisch engagieren und eine gewisse öffentliche Sichtbarkeit erlangt haben: Vertreter islamischer Religionsgemeinschaften, Mitglieder religiöser Arbeitskreise, Moscheevorstände, muslimische Medienschaffende und Politiker…

Der Umstand, dass viele der Gescholtenen sich ein leben lang gegen Diskriminierung und Extremismus aller Arten engagiert haben, wird selten zu ihrer Verteidigung angeführt. Im Gegenteil: Gerade ihre Gesetzestreue und ihr demokratisches Engagement – so liest man in CDU-Papieren, Verfassungsschutzberichten und Artikeln der BILD regelmäßig – mache diese „Legalistischen Islamisten“ so gefährlich.

Insbesondere der Verfassungsschutz produziert auf diese Weise seit einigen Jahren „Islamisten“ am Fließband. In dessen Berichten werden tausende Muslime zu Islamisten erklärt, die sich nie etwas haben zu Schulden kommen lassen. Oftmals der einzige Grund: die Mitgliedschaft in (in Deutschland legalen) Organisationen und deren (oftmals fragwürdige) Zuordnung zu einem historischen islamistischen Ursprung. In vielen anderen Fällen sorgen Kontaktschuldvorwürfe dafür, dass bestens integrierte Bürger zur extremistischen Bedrohung erklärt werden.

Aus „Islamisierung“ wurde „Politischer Islam“

Konkurrenz erhält der Begriff „Islamismus“ in den letzten Jahren vom nahezu identischen „Politischen Islam“. Als Alternative zum vorbelasteten „Islamismus“ etablierte sich auch der „Politische Islam“ zuerst an Hochschulen und in Forschungseinrichtungen, bis Politik und Öffentlichkeit den Begriff entdeckten. In Bestsellern, Tageszeitungen und Parteitagsbeschlüssen liest man nun regelmäßig von „Agenten des Politischen Islam“, die dabei wären, westliche Gesellschaften zu infiltrieren und in eine islamische Diktatur verwandeln.

Es sind die alten rechten Verschwörungstheorien von „Islamisierung“ und „Unterwanderung“, die als Warnung vor „Islamismus“ und „Politischem Islam“ im modernen bürgerlichen Gewandt daherkommen. Es ist nur folgerichtig, dass als „islamistisch“ in Medien und Politik in den letzten Jahren immer häufiger Praktiken bezeichnet, die in Wahrheit nichts anderes sind als „islamisch“: Kopftuchtragen, Halal-Essen, Muezzinruf…

Auch das zeigt: Die ausgrenzende Macht des Begriffs „Islamismus“ und der Debatten, die wir mit ihm führen, richten sich nicht nur gegen Gewalttäter und Extremisten, sie richtet sich gegen ganz gewöhnliche Muslime und ihr Recht auf Religionsausübung und Teilhabe in Deutschland.