Ramadan 2026 in der Hauptstadt. Der US-Berliner Journalist Robert Rigney zieht eine persönliche Bilanz (iz). Von 2011 bis 2012 lebte ich in Istanbul. Es war mein letztes Jahr als Nichtmuslim. […]
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Ramadan 2026 in der Hauptstadt. Der US-Berliner Journalist Robert Rigney zieht eine persönliche Bilanz (iz). Von 2011 bis 2012 lebte ich in Istanbul. Es war mein letztes Jahr als Nichtmuslim. […]
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Der Prophet sagte, dass die Handlungen ihren Wert in ihrem Ende finden. Das gilt auch für das Ramadan-Ende. „Wer sich reinigte, den Namen seines Herrn anrief, dann das rituelle Gebet […]
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Fasten als Alternative: In einer Welt, die durch postmoderne Unsicherheit und Angst fragmentiert ist, wo findet man Substanz und Bedeutung jenseits flüchtiger Subjektivität? (Traversing Tradition). Bevor wir uns damit befassen, […]
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(iz). In den muslimischen Gemeinden selbst wird derselbe Monat hingegen als die beste Phase des Jahres beschrieben. Es ist eine Zeit, auf die man sich freut und um deren Ende man trauert. Zwischen beiden Wahrnehmungen klafft ein Spalt, in den sich die eigentliche Erfahrung des Ramadans nur schwer übersetzen lässt.
Im Gespräch mit dem Lehrer, Imam und Übersetzer Asadullah Yate entwickelt sich dieser Graben zu einem roten Faden: Der Fastenmonat als Unterbrechung der Normalität, als Ausnahmezustand, der das Herz erschüttert. Fasten bedeutet in seiner Beschreibung nicht primär Verzicht, sondern ein radikales Umlenken der Kräfte: weniger Essen, Schlaf, ein anderes Zeitregime.
Damit geht ein Aufbrechen des eingeübten Alltags einher, der den spirituellen Sinn normalerweise überlagert. Die Routine bricht weg, und mit ihr löst sich die Selbstverständlichkeit des eigenen Lebensstils. Was bleibt, ist eine gestörte Normalität. Aus dieser Störung erwächst das Herz.
Der Ramadan steht damit in einer langen Linie religiöser Praxis. Der Qur’an erinnert in der Sure al-Baqara daran: „O ihr, die ihr glaubt! Euch ist das Fasten vorgeschrieben, wie es denen vorgeschrieben war, die vor euch waren, auf dass ihr gottesbewusst werdet.“
Enthaltsamkeit ist keine exotische Spezialität des Islam, sondern Teil einer universalen menschlichen Erfahrung – von der Askese der frühen Christenheit über jüdische Fastentage bis zu gegenwärtigen Formen spiritueller Disziplin.
Dass das Buch Allahs den Ramadan als den Monat bezeichnet, „in dem der Qur’an herabgesandt wurde“, gibt diesem allgemeinen Motiv einen konkreten Fokus: Fasten als Antwort auf Offenbarung, als leibliche Reaktion auf ein Wort, das Anspruch auf den ganzen Menschen erhebt.
Yate beschreibt diese Zeit als dreigeteilte Bewegung: Barmherzigkeit, Vergebung, Befreiung. In einer bekannten Überlieferung heißt es: „Der Monat Ramadan ist: sein Anfang Barmherzigkeit, seine Mitte Vergebung und sein Ende Befreiung vom Feuer.“
Der Mensch durchläuft im Rhythmus der Tage eine innere Dramaturgie: Zuerst die Erfahrung, dass er überhaupt getragen ist, dann die Konfrontation mit der eigenen Handlung und die Hoffnung auf Vergebung.
Das ist die Perspektive eines Loslösens aus destruktiven Bindungen. Am Ende des Monats, so eine andere Überlieferung, steht der Fastende da „wie ein neugeborenes Kind“ – nicht, das er sich moralisch perfektioniert hätte, sondern weil er sich wenigstens für eine begrenzte Zeit der Annäherung an Allah ausgesetzt hat.
Die Konzentration dieser Bewegung kulminiert in einer Nacht: Lailat al-Qadr, die „Nacht der Bestimmung“ – oder der „Macht“. Es ist der Moment, in dem der Qur’an auf einmal hinabgesandt wurde. Es ist zugleich jene Zeit, in der nach islamischer Tradition die Ereignisse des kommenden Jahres festgelegt werden.
Der Prophet forderte die Muslime auf, diesen Augenblick in den letzten zehn Tagen zu suchen, genauer: in ihren ungeraden Nächten. Die Präzision des Suchens – 21., 23., 25., 27. oder 29. – steht in einem merkwürdigen Kontrast zu ihrer Unbestimmtheit.
Sie ist nicht planbar wie ein Event im Terminkalender, sie entzieht sich. Sie will gefunden, nicht verwaltet werden. Yate verweist auf Überlieferungen, nach denen diese Nacht ein Moment besonderer Stille ist, in dem die Belohnung für jede Handlung ins Unermessliche steigt. Wer hier wach bleibt, betet, Qur’an rezitiert, tritt – für ein paar Stunden – aus der quantifizierbaren Zeit heraus.
Zum Ramadan gehört aber nicht nur das Unsichtbare, sondern auch das öffentliche Zeichen. In der Empfehlung des Propheten, in den letzten zehn Tagen Iʿtikaf zu vollziehen, spiegelt sich ein radikaler Rückzug in den Raum der Moschee. Es ist ein sich von der „auswärtigen Welt“ abscheiden, die eigene physische Präsenz aus dem Produktionskreislauf herausnehmen.
Und gleichzeitig führt der Monat auf sein Gegenteil zu: das Fest des ‘Id Al-Fitr, das mit einem kollektiven Gebet beginnt und sich in offene Begeisterung überführt. „Es gibt zwei Freuden für den Fastenden“, zitiert Yate den Propheten: das Glück beim Fastenbrechen und jene, wenn er seinem Herrn begegnet. Fasten ist in dieser Logik eine Form der Anbetung, die sich jeder äußerlichen Kontrolle entzieht.
Niemand weiß sicher, ob der andere fastet; nur er und Gott kennen die Wahrheit seines Verzichts. Der Feiertag kehrt dieses Verborgene ins Sichtbare: Das Glück wird erkennbar, die Gemeinschaft materialisiert sich in der Musalla – auf freiem Feld oder in großen Sälen –, in denen alle Platz finden. Nach der Innerlichkeit des Monats wird die Freude eine soziale Tatsache.
In Europa trifft all dies auf eine andere Kulisse. Yate beschreibt den Ramadan hier als eine Praxis in der Minderheit: Draußen normaler Betrieb, Cafés und Kantinen bleiben geöffnet, die Plakate der Konsumwelt leuchten unverändert, während eine kleine Gruppe versucht, innerhalb dahinter einen eigenen Zeitrhythmus zu leben.
Der Kontrast ist unvermeidlich: „Man ist sich bewusst, dass nur die anderen Muslime fasten“, sagt Yate. Das heißt, die Differenz der Lebensweise wird erfahrbar bis in den Körper hinein. In vielen mehrheitlich muslimischen Gesellschaften dagegen verwandelt der Ramadan das öffentliche Leben selbst: Öffnungszeiten verschieben sich, Straßenbeleuchtung, Gerüche, Stimmen, die nächtliche Verdichtung von Gemeinschaft. Der der Monat wird zum kollektiven Ereignis, in dem sich die geistige Spannung in die Stadtlandschaft einschreibt.
Gleichzeitig verweist Yate auf eine Dimension, die in Europa eher leise bleibt: Nach einer bekannten Überlieferung werden die Teufel im Ramadan in Ketten gelegt; die schlechten Eingebungen verlieren einen Teil ihrer Wirkung. Wenn dies der Fall ist, dann tritt im Fastenmonat weniger die Schwäche der Menschen als vielmehr ihr Potential hervor.
In muslimischen Kontexten kanalisiert sich das in einem „erweckten“ gemeinschaftlichen Bewusstsein, in Europa dagegen trifft es auf ein Umfeld, das diese inneren Bewegungen kaum kennt oder sogar als Störung wahrnimmt. Aus dieser Spannung erwächst eine paradoxe Chance.
Gerade weil die Mehrheit nicht fastet, können Muslime die Erfahrung des Ramadans erklären, Gäste zum Fastenbrechen einladen, die Logik des Verzichts, der Unterbrechung, des Gebets plausibel machen. Die Fremdheit des Monats wird zum Gesprächsanlass.
In der europäischen Normalität, die auf Verfügbarkeit, Effizienz und Konsum gründet, ist Ramadan damit mehr als nur ein religiöser Brauch; er ist eine stille Kritik. Ein Monat, in dem der Körper sich aus dem Diktat permanenter Bedürfnisbefriedigung löst, in dem die Nacht nicht der Unterhaltung, sondern der Selbstprüfung gehört, in dem Essen und Trinken bewusst aufgeschoben werden, stellt die Prioritätenordnung des Alltags infrage. Dass dieser Monat zugleich von Freude, Festlichkeit und gemeinschaftlicher Wärme geprägt ist, sprengt das Klischee eines asketischen, lebensfeindlichen Islam.
(iz). Wer kurz nach Sonnenuntergang in den Himmel blickt und auf die schmale Sichel wartet, erlebt ein kleines Wunder – nicht, weil sich ein Himmelskörper bewegt, vielmehr da ein Herz bereit ist, sich bewegen zu lassen.
Der andalusische Gelehrte Qadi Abu Bakr ibn Al‑’Arabi deutete den Mondkalender der Muslime als Zeichen dafür, dass ihre Zeitrechnung nicht von der Jagd nach weltlichem Nutzen, sondern von der Ausrichtung auf das Jenseits geprägt ist. Die Sonne ordnet die Arbeitswelt, der Mond das gottesdienstliche Leben. In diesem Licht erscheint er wie eine Schule der inneren Umkehr. Und er ist Prüfstein dafür, wie ernst wir es mit der Reinigung unserer Herzen meinen.
Im Kern dieser Zeit steht nicht der Magen, sondern das Herz. Es ist in der Sprache der klassischen Gelehrten das edelste Organ des Menschen, der Ort von Erkenntnis, Absicht und Liebe. Zugleich ist es der gefährdetste. Der Sinn des Monats, sein inneres Geheimnis, kreist darum, dass es gereinigt, aufgeweckt und neu ausgerichtet wird.
In den Nächten, in denen wir lange im Gebet stehen und dem Qur’an zuhören, verliert die achtlose Zerstreutheit (ghafla) ihre gewohnte Zuflucht. Der Mensch wird daran erinnert, dass Allah die Bewegungen seiner Gedanken und Gefühle kennt, und diese Bewusstheit lässt viele dunkle Regungen beschämt verstummen.
Die traditionelle Literatur zur „Reinigung des Herzens“ – von al‑Ghazali bis zu den Gedichten von Imam Mawlud – liest sich wie ein inneres Handbuch für diesen Monat.
Sie beschreibt Krankheiten, die modernen Menschen nur allzu vertraut sind: Geiz und Selbstbezogenheit, Stolz auf flüchtige Leistungen, übermütige Freude an der Welt, die sich als taube Sicherheit auf ein „später“ tarnt. Dieser Monat konfrontiert uns mit der Frage, ob wir dieser inneren Diagnose wirklich ins Auge sehen wollen – oder ob uns das Ritual genügt, solange es nicht zu nah an die Komfortzonen rückt.
Mawlud beginnt seine Beschreibung der Herzenskrankheiten mit Knausrigkeit (bukhl). Es ist kein Zufall, dass der Prophet, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, in den Überlieferungen als der großzügigste aller Menschen beschrieben wird, und dass seine Freigebigkeit im Ramadan noch zunahm.
Seine Gefährten verglichen ihn in dieser Phase mit einem Wind, der unaufhörlich Gutes bringt. Dasselbe Fasten, das tagsüber Begehren zügelt, öffnet abends die Hand. Das ist eine symbolische Gegenbewegung zum Reflex, gerade in Zeiten der Entbehrung enger zu werden.

Foto: Muslimfoodbank.com
Eine weitere Krankheit nennt Lehrer „Batar“. Das ist ein übermütiges Freudentaumeln über die flüchtigen Dinge dieser Welt, das den Menschen blind macht für die Zerbrechlichkeit seiner Lage. Die verpflichtende Enthaltsamkeit setzt hier einen anderen Akzent:
Der Fastende erfährt ein gegenwärtiges Glück, wenn er bei Sonnenuntergang das Fasten bricht und eine gottesdienstliche Handlung vollendet. Hinzukommt eine zukünftige Freude, die sich auf das Wiedersehen mit seinem Herrn und die bleibende Seligkeit des Paradieses richtet.
Der Monat Ramadan eröffnet zudem ein seltenes Fenster, um tiefe Abneigung und Hass zu überwinden. Wer sich Allah im Zustand der Bedürftigkeit nähert, erlebt oft, wie hartnäckige Ressentiments ihre Selbstverständlichkeit verlieren.
In einer Überlieferung wird betont, dass die beste Sadaqa darin besteht, Versöhnung zwischen Menschen zu stiften. Unterdrückung und Unrecht bleiben im Islam immer verwerflich, doch wer in dieser Spanne bewusst über die Würde und Rechte anderer hinweggeht, verfehlt nicht nur ein Gebot, sondern widerspricht ihrem Geist der Barmherzigkeit.
Zu den subtilsten Versuchungen gehört die Liebe zum Lob. Die Brillanz des Ramadan liegt darin, dass das Fasten als gottesdienstliche Handlung im Verborgenen geschieht. Man kann einem Menschen ins Gesicht schauen, ohne zu wissen, ob er fastet.
Wo Gebete sichtbar und Spenden messbar sind, bleibt die Enthaltung von Essen, Trinken und ehelichem Verkehr im Stillen. Das ist auch ein Schutz gegen das offene Zurschaustellen der eigenen Frömmigkeit.
Eine der gefährlichsten Krankheiten des Herzens bleibt jedoch die Unzufriedenheit mit dem göttlichen Erlass, die innere Revolte gegen das, was als Geschick geschieht.
Sie entspringt einem Mangel an Zutrauen in die Weisheit und Fürsorge Allahs. Ramadan zwingt uns, dieses Vertrauen einzuüben: Wir verzichten freiwillig auf das Erlaubte, warten geduldig auf das erlaubte Genießen und verlassen uns darauf, dass diese Enthaltsamkeit in Seinen Waagschalen nicht verloren geht.
Aus wachsendem Glauben erwächst eine andere Bereitschaft, die Schicksalsfügungen zu akzeptieren – nicht als passiven Fatalismus, sondern ist eine Haltung, die im Handeln nicht die Illusion der totalen Kontrolle sucht.
Foto: Sondem, Adobe Stock
Die ersten Tage ziehen sich für viele in die Länge, als hätte die Zeit selbst an Tempo verloren. Doch nach dieser Anfangsphase beschleunigt sich der Ramadan und ist plötzlich, fast schockartig, vorüber. Seine Struktur – Anfang, Mitte, Ende – spiegelt das menschliche Leben.
Es ist eine Kindheit, die sich wie ein weites Feld anfühlt, ein Erwachsenenalter, in dem sich Jahre zu bündeln scheinen, und ein letztes Drittel, in dem das Bitten um Rettung aus den Strafen des Jenseits dringlicher wird. Der anschließende Feiertag erinnert dann an die Freude der Annahme. Nicht umsonst beten die Wissenden bis zum Schluss um ein angenommenes Fasten.
Imam Al‑Ghazali und viele andere warnen vor der trügerischen Sicherheit eines langen Lebens, das uns angeblich genug Zeit für spätere Umkehr lässt. Die stille Botschaft eines bewussten Ramadan lautet: Niemand besitzt die Garantie, einen weiteren zu sehen. Wer auf einen „besseren Zeitpunkt“ wartet, um sich Allah zuzuwenden, läuft Gefahr, den richtigen Zeitpunkt zu verpassen.
Die Gelehrten der spirituellen Läuterung betonen drei Grundübungen des Fastens: Geduld mit dem Hunger – Trieb zur Selbsterhaltung – und Mäßigung in der Sexualität – Erhaltung der Art. Hinzukommen Selbstdisziplin in allen übrigen, die diesen beiden folgen. Wer die ersten beiden in den Griff kriegt, hat es mit den restlichen Disziplinen leichter.
Interessanterweise bestätigen moderne Sozialwissenschaften, dass die Bereitschaft zum Belohnungsaufschub, um langfristigen Nutzen zu sichern, einer der wichtigsten Indikatoren für weltlichen Erfolg und geistige Reife ist. Aus islamischer Perspektive ist Ramadan eine kollektive Übung in genau dieser Fähigkeit.
Es gibt allerdings einen anderen Horizont: Belohnungsaufschub zielt nicht nur auf bessere Gesundheit, Arbeitsdisziplin oder finanzielle Stabilität, sondern auf die dauerhafte Nähe Gottes. Der größte Dienst, den ein Mensch leisten kann, besteht darin, die Begierden seiner Glieder zu kontrollieren und die ihm gegebenen Fähigkeiten dankbar im Gehorsam gegenüber dem Geber einzusetzen.
Foto: ademmm, Deviantart
Bei allem liegt eine Warnung wie ein Kommentar über dem Monat: Nichts geschieht mechanisch. Allah hat die Welt nicht als Ort eingerichtet, an dem Früchte ohne Anstrengung wachsen. Jeder Gewinn wie Sein Wohlgefallen verlangt Mühe, bewusste Entscheidungen sowie ein Mindestmaß an innerer Wachheit. Ramadan kann, bei aller Heiligkeit, zu dreißig recht leeren Tagen verkommen, die in der Jahreschronik kaum Spuren hinterlassen.
Die leicht beängstigende Frage lautet: Was hat der Ramadan an mir sichtbar verändert, das sich nicht im bloßen Abhaken von Ritualen erschöpft? Hat sich mein Verhältnis zu Geld spürbar verschoben – von der Angst, zu kurz zu kommen, hin zu Großzügigkeit? Habe ich konkrete Schritte zur Versöhnung unternommen, statt nur abstrakt „Vergebung“ zu beschwören? Habe ich die Zunge diszipliniert, die Blicke gesenkt, meine digitale Gegenwart gesäubert? Oder verlässt mich der Monat so, wie ich vorher war?
Ramadan gleicht einer barmherzigen Tür in die Zeit, die sich öffnet und wieder schließt. Niemand kann sicher sein, ob er sie im nächsten Jahr erneut hindurch gehen darf. Wer den Monat ernst nimmt, investiert in die Dinge, die im islamischen Verständnis dauerhaft Ertrag bringen: nützliches Wissen, anhaltende Gottesdienste, stabile Familienbande, Gebete und versteckte oder offene Wohltätigkeit, die in den Aufzeichnungen der Engel erscheinen wird.
Die eigentliche Herausforderung liegt darin, die Logik dieses Monats in den Rest des Jahres mit zu übernehmen. Wenn Fasten nur ein saisonales Projekt bleibt, das pünktlich mit dem Neumond beginnt und endet, verfehlt man seinen Charakter als Schulung.
Wer jedoch auch nach dem Feiertag bewusst kleine Elemente dieser Schule weiterführt – regelmäßige Portionen Qur’an, freiwillige Fastentage, eine freundlichere Zunge, zusätzliche Routinen des Gebets –, hat begonnen, aus dieser Ausnahmezeit eine neue Grundorientierung seines Lebens zu machen.
In diesem Sinn ist der Fastenmonat weniger ein einmaliges Ereignis als ein Prüfstein: Er zeigt uns, wie ernst wir es mit dem Verlangen nach einem reinen Herzen tatsächlich meinen. Und wie viel wir zu investieren bereit sind, um jenem Wunsch Gewicht zu geben.
* Unter Verwendung von „Ramadan: The Soul’s Delight“, Zaytuna College, 2026.
Diabetes ist eine schwerwiegende Erkrankung. Betroffene sollten nur nach Rücksprache mit ihrem Facharzt fasten. (The Conversation). Bald beginnt der gesegnete Ramadan, in dem Muslime auf der ganzen Welt zwischen Beginn […]
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„Im Monat Ramadan wurde der Koran herabgesandt – als Rechtleitung für die Menschen, als Beweis der Rechtleitung und als Kriterium.“ (Al-Baqara, Sure 2, 185)
Text von Said Nursi – übersetzt von Serdar Aslan
Das Fasten im Ramadan ist eine der fünf Säulen und eines der hervorragendsten Kennzeichen des Islams. Es zeugt von Weisheit hinsichtlich der Herrschaft Gottes, des individuellen wie auch des gesellschaftlichen Lebens der Menschen, von Selbstdisziplinierung und Danke gegenüber den göttlichen Gaben.
Eine Weisheit des Fastens bezieht sich auf die Herrschaft Gottes: Die Vollkommenheit seiner Herrschaft, Barmherzigkeit und seines Erbarmens bringt Gott zum Ausdruck, indem er die Erdoberfläche in Form einer Tafel erschaffen hat und diese mit vielfältigsten Gnadengaben „aus unerwarteten Quellen“ deckt.
Diese hierdurch zum Ausdruck kommende Wahrheit erkennen die Menschen im Rahmen der Kausalität nicht angemessen an oder vergessen diese oft unter dem Schleier der Unachtsamkeit.
Indem sie eine dienerische Haltung einnehmen, wenn sie gegen Abend auf die Anweisung „Das Buffet ist eröffnet!“ warten, gleichen die Gläubigen im herrlichen Ramadan einem organisierten Heer.
Als wären sie zum Festessen des urewigen Herrschers eingeladen, begegnen sie der sich zuneigenden, majestätischen und umfangreichen Barmherzigkeit mit einer umfassenden, erhabenen und organisierten Dienerschaft (ubudiyya). Gebührt Menschen, die bei solch einer himmlischen Dienerschaft und ehrenvollen Gnadenfülle nicht teilnehmen, überhaupt noch der Titel ‚Mensch‘?
Eine Weisheit des Fastens im segensreichen Ramadan im Hinblick auf die Dankbarkeit gegenüber den Gaben Gottes ist folgende: Die Speisen, die ein Kellner aus der Küche eines Königs bringt, erfordern ihren Preis. Es wäre eine grenzenlose Dummheit dem Kellner Trinkgeld zu geben und dabei den Geber zu missachten, der doch für die beachtlich wertvollen Gaben verantwortlich ist.
Gott erwartet für seine mannigfachen Gaben, die er für die Menschheit auf der Erdoberfläche ausgebreitet hat, Dankbarkeit als Gegenleistung und Preis. Die scheinbaren Ursachen und Besitzer dieser Gaben gleichen dem Kellner. Wir bezahlen diesen „Kellnern“ einen Preis; ihnen gegenüber fühlen wir uns zu Dank verpflichtet. Zuweilen erweisen wir ihnen sogar mehr Respekt und Dank als sie verdienen.
Doch dem wahren Geber gebührt für die Gaben unendlich mehr Dank als den Ursachen. Dank heißt zu wissen, dass jene Gaben unmittelbar von ihm kommen, diese wertzuschätzen und dem eigenen Bedürfnis nach ihnen bewusst zu werden.
Das Fasten im Ramadan ist der Schlüssel zu einer wahren, aufrichtigen, großartigen und umfassenden Dankbarkeit. Die meisten Menschen begreifen in anderen Zeiten die Bedeutung vieler Gaben nicht, weil sie nicht notgedrungen einen wirklichen Hunger verspüren. Eine satte und zudem noch reiche Person weiß nicht den Grad der Gabe eines trockenen Brotes zu schätzen.
Zur Stunde des Fastenbrechens (iftar) bezeugt der Geschmackssinn eines Gläubigen, was für eine wertvolle Gottesgabe doch jenes Stück trockenes Brot ist. Vom Reichsten bis zum Ärmsten erweist ein jeder im ehrwürdigen Ramadan dadurch, dass er den Stellenwert dieser Gaben begreift, eine spirituelle Dankbarkeit.
Da tagsüber das Essen verboten ist, bringt der Mensch – die Gabe als Gabe wahrnehmend – durch seine Haltung eine geistige Dankbarkeit zum Ausdruck: „Jene Gaben sind nicht mein Eigentum. Ich bin nicht frei im Speisen und Trinken, d. h. sie sind Eigentum Gottes und seine Gaben – ich warte auf seinen Befehl.“
So wird das Fasten in vielerlei Hinsicht zu einem Schlüssel der Dankbarkeit – der wahren Aufgabe der Menschlichkeit!
Eine von vielen Weisheiten des Fastens in Hinsicht auf das gesellschaftliche Leben der Menschen ist jene: Den Menschen wurde unterschiedlicher Lebensunterhalt zugeordnet. Gott lädt die Reichen aufgrund dieser Unterschiede ein, den Armen zu helfen. Die Reichen können sich nur durch das Hungern beim Fasten in den zu bemitleidenden Zustand der Armen einfühlen.
Gäbe es das Fasten nicht, hätten viele selbstsüchtige Reiche womöglich nicht nachvollziehen können, wie schmerzhaft Hunger und Armut sind und wie sehr diese Armen des Mitgefühls bedürfen. Aus dieser Perspektive heraus ist das Mitleid gegenüber Mitmenschen die Grundlage wahrer Dankbarkeit. Jeder Mensch kann – in welcher Form auch immer – einen noch bedürftigeren Menschen als sich selbst finden und ist ihm gegenüber zur Fürsorge verpflichtet.
Gäbe es nicht die Verpflichtung sich des Essens zu enthalten, so könnte man die Hilfe und Güte aus Mitleid und Verantwortung nicht erbringen; und wenn, dann doch nicht im gewünschten Maße. Denn dieser Zustand wäre ja nicht selbst erlebt.
Eine Weisheit des Fastens im Ramadan in Bezug auf die Selbstdisziplinierung lautet wie folgt: Das Ego will frei und ungebunden sein und zugleich glaubt es, dass dem auch so sei. Aufgrund seiner Veranlagung verlangt es sogar nach einer illusorischen Autorität und zügellosen Aktivität.
Es will nicht daran denken, dass es mit zahllosen Gnadengaben erzogen wird. Insbesondere wenn es auch Vermögen und Macht besitzt und dazu noch die Achtlosigkeit Beihilfe leistet, raubt es die Gottesgaben wie ein Dieb und verschlingt diese gleich einem Raubtier.
Im Ramadan versteht eine jede Seele – die des Reichsten als auch die des Ärmsten -, dass sie nicht Eigentümerin, sondern selbst Eigentum, nicht Herr seiner selbst, sondern eine Dienerin ist. Ohne Anordnung vermag sie nicht einmal einfachste und banalste Handlungen, wie das Strecken der Hand nach Wasser, auszuführen; ihre trügerische Autorität bricht zusammen. Die Seele nimmt somit die Rolle der Dienerschaft an und gelangt zur Dankbarkeit – ihrer wahren Bestimmung.
Eine Weisheit unter vielen Weisheiten des Fastens im Ramadan betrifft die Charaktererziehung des Selbst und die Eindämmung seiner aufbegehrenden Aktivität: Das Selbst des Menschen vergisst sich selbst in Achtlosigkeit. Es erkennt nicht die grenzenlose Schwäche, unendliche Bedürftigkeit und unermessliche Fehlbarkeit in seinem Wesen und will sie erst gar nicht sehen.
Es realisiert nicht, mit welcher Schwäche es Verfall und Unglück ausgesetzt ist und dass es lediglich aus Fleisch und Knochen besteht, welche sich auflösen und verwesen. Es rafft die Welt an sich und fühlt sich ewig und unsterblich, als besäße es einen Körper aus Stahl. Mit grenzenloser Gier, Habsucht, heftiger Begehrlichkeit und Leidenschaft klammert es sich an die Welt; es bindet sich an alle Lust und jeden Gewinn.
Es vergisst seinen Schöpfer, der es mit vollendeter Fürsorge erzieht, und macht sich keine Gedanken über die Konsequenzen im diesseitigen und jenseitigen Leben; mit verwerflichem Charakter wälzt es sich hin und her.
Das Fasten im Ramadan lässt jedoch selbst den gedankenlosesten und unverbesserlichsten Menschen seine Schwäche, Ohnmacht und Bedürftigkeit wahrnehmen. Durch den Hunger denkt er an seinen Magen und wird sich seiner Bedürftigkeit bewusst. Sein schwacher Körper erinnert ihn daran, wie anfällig er ist. Er begreift, wie sehr er der Güte und des Mitgefühls bedarf.
Er gibt seinen Pharaonismus auf und bekommt so – seiner Schwäche und Armut vollkommen bewusst – ein Gefühl dafür, was es bedeutet am göttlichen Hofe Zuflucht zu nehmen und bereitet sich darauf vor mit der Hand der innigsten Dankbarkeit an die Tür der Gnade zu klopfen – insofern die Achtlosigkeit/Apathie sein Herz noch nicht verdorben hat.
Das Fasten im ehrwürdigen Ramadan beinhaltet, hinsichtlich der Offenbarung des weisen Korans und vor allem was diesen Monat als die wichtigste Zeit seiner Herabsendung anbelangt, viele Weisheiten. Eine von diesen soll nun angeführt werden:
Da der weise Koran im Monat Ramadan herabgesandt wurde, sollte man, um sich auf diese Phase zu konzentrieren und diese ‚himmlische Predigt‘ gebührend aufzunehmen, sich der triebhaften Bedürfnisse enthalten, sinnlose Beschäftigungen sein lassen und so – durch den Verzicht auf Speis und Trank – in einer engelsgleichen Art, den Koran rezitieren und ihm zuhören, als ob er hier und jetzt herabgesandt worden wäre, und sogar so, als lauschte man dieser göttlichen Predigt in seiner tatsächlichen Herabsendungszeit und man sollte ihm horchen, als hörte man diese Predigt vom ehrenvollen Gesandten (sas), von Gabriel oder gar vom urewigen Sprecher, um sich dadurch in einen spirituellen Zustand zu versetzen. Damit wird man zu einem „Übersetzer“ des Korans und kann auf diese Weise die Weisheit seiner Herabsendung demonstrieren.
Im Ramadan verwandelt sich die islamische Welt in ein gewaltiges Gebetshaus, in dem Millionen Rezitatoren den Koran – diese himmlische Predigt – den Bewohnern und Bewohnerinnen der Erde vorlesen.
Foto: Mehmet Subasi, Unsplash
Jeder Ramadan präsentiert den Vers „Der Monat Ramadan, in dem der Koran herabgesandt wurde“ auf eine einleuchtende Weise. So beweist er, dass der Ramadan der Monat des Korans ist. Einige in dieser großen Gemeinde lauschen voller Hochachtung den Rezitatoren und einige andere lesen ihn für sich.
In einem derartig heiligen Gebetshaus achtlos seinen irdischen Trieben zu folgen, zu essen und zu trinken und infolgedessen diesen geweihten Zustand zu verlassen, ist unerträglich und ruft den geistigen Unwillen der Gemeinde hervor. Genauso ziehen diejenigen, welche sich im Ramadan von den Fastenden zuwiderhandelnd abgrenzen, die innere Missbilligung und Verachtung der gesamten islamischen Welt auf sich.
Eine Weisheit des Fastens im Ramadan hängt mit dem Verdienst des Menschen zusammen, der in diese Welt gekommen ist, die ihm als Acker und Handel dient: Im segensreichen Ramadan ist der Lohn für eine gute Tat 1:1000. Die Rezitation eines Buchstaben aus dem weisen Koran wird gewöhnlich mit zehn Wohltaten angerechnet, als zehn gute Taten und bergen zehn Paradiesfrüchte in sich.
Im Ramadan jedoch ist der Verdienst nicht zehn, sondern 1000. Buchstaben der Verse wie des Thronverses (âyat al-kursi) bringen sogar Tausende ‚Pluspunkte‘. An Freitagen des Ramadans ist der Lohn noch höher. In der Nacht der Bestimmung (lailat al-qadr) wird zudem ein Buchstabe als eine 30.000-fache Wohltat gezählt.
Ja, der weise Koran, dessen jeder Buchstabe 30.000 ewige Früchte schenkt, gleicht einem lichtvollen Paradiesbaum, der im Ramadan den Gläubigen Millionen ewige Früchte gewinnen lässt. So siehe denn, was für ein großer Verlierer jemand ist, der jene Buchstaben bei solch einem heiligen, ewigen und gewinnbringenden Handel nicht wertschätzt.
Der Ramadan ist also für den ‚jenseitigen Handel‘ eine bemerkenswert profitable Messe und ein sehr ertragreicher ‚Markt‘. Er ist ein fruchtbares Land für die jenseitige Ernte. Für die Entfaltung unseres Potenzials ist er wie der Frühlingsregen im April. Er ist ein glanzvolles und heiliges Parade-Festival der Dienerschaft des Menschen gegenüber der Souveränität der göttlichen Autorität.
Weil dem so ist, wurde das Fasten angeordnet, damit der Mensch nicht durch Essen und Trinken der Unbedachtsamkeit des Egos verfällt und den tierischen Gelüsten, der sinnlosen und wollüstigen Laune, hinterher läuft.
So ist es, als ob er für eine bestimmte Zeit, sich von dem Zustand eines Lebewesens lösend, eine engelsgleiche Form annimmt oder, sich mit jenseitigem Handel beschäftigend und so, diesseitige Bedürfnisse beiseitelassend, sich in eine jenseitige Person verwandelt oder wie ein reiner Geist wird, der als ein Körper in Erscheinung tritt. Mit alldem wird er durch das Fasten zu einer Art Spiegel der Absolutheit (samadaniyya) Gottes.
Das Fasten im segensreichen Ramadan trägt in dieser Welt, in diesem vergänglichen und allzu kurzen Leben, ein ewiges und unsterbliches Leben in sich und lässt es gewinnen. Ja, ein einziger Ramadan kann den Ertrag eines 80-jährigen Lebens erbringen. Dass die Nacht der Bestimmung (lailat al-qadr) – basierend auf dem Korantext – wertvoller als Tausend Monate ist, belegt dieses Geheimnis mit definitiver Beweiskraft.
Ein König lässt im Verlauf seiner Regierungszeit – vielleicht jährlich – anlässlich seiner Thronbesteigung oder an einigen besonderen Tagen, als Andenken an ein grandioses Werk seiner Herrschaft, ein Fest ausrufen. Zu diesen Zeiten behandelt er seine Untertanen nicht nach regulärem Protokoll, sondern kommt ihnen besonders entgegen, zeigt öffentliche Präsenz sowie besondere Geneigtheit, lässt seine loyalen Bürger wohlverdient bei seinem ungewöhnlichen Schaffen zugegen sein und gewährt ihnen Privataudienz.

Foto: imago
In vergleichbarer Weise hat der König aller Zeiten in seiner Majestät seinen hoheitsvollen Erlass – den weisen Koran – als eine Gunst an 18.000 Welten im Ramadan herabgesandt. Folgerichtig wird dieser Ramadan ein besonderes himmlisches Fest, eine göttliche Messe und eine Versammlung der Seligen. Da der Ramadan dieses Fest ist, wird logischerweise – um den Menschen von animalischer und tierischer Tätigkeit zu befreien – das Fasten vorgeschrieben.
Das ideale Fasten bedeutet, neben dem Magen, auch alle Sinne, wie das Auge, das Ohr, das Herz, die Phantasie und den Intellekt, einer Art Fasten zu unterziehen, d. h. diese dem unstatthaften und nutzlosen Handeln zu entziehen und jeden Sinn in seinem speziellen Dienst zu motivieren. Ein Beispiel dafür ist folgendes: Seine Zunge vor der Lüge, übler Nachrede und Schimpfwörtern zu bewahren heißt, sie fasten zu lassen. Stattdessen soll die Zunge mit der Rezitation des Korans (tilâwat al-qurʼân), dem Gedenken (dhikr), Lobpreisen (tasbîh), Segenswunsch (salawât) und mit der Bitte um Vergebung (istighfâr) beschäftigt werden.
Das Auge vom Betrachten des Illegitimen und das Ohr vom Lauschen des Schändlichen abzuhalten und dafür das Auge dem Lehrreichen hinzuwenden und das Ohr auf wahre Worte und die Rezitation des Korans zu richten, ist beispielsweise auch eine Form des Fastens. Da ja der Magen die größte Fabrik in uns ist, können kleinere Anlagen ihr leichter folgen, wenn einmal bei ihr der Betrieb durch das Fasten eingestellt wird.
Eine von vielen Weisheiten des Fastens im heiligen Ramadan bezüglich des individuellen Lebens des Menschen ist jene: Das Fasten ist für den Menschen eine Medizin in Form einer materiellen und geistigen Diät. Medizinisch betrachtet ist es eine Kur.
Solange der Mensch sich in Bezug auf Essen und Trinken zügellos verhält, erleidet er gesundheitliche Schäden und vergiftet auch sein geistiges Leben, da er, ohne auf die Speisevorschriften zu achten, alles zu sich nimmt, was er in die Hand bekommt.
In diesem Zustand macht es sich das Ego schwer dem Herzen und dem Geist zu folgen. Es nimmt wie ein Rebell die Zügel in die Hand. Der Mensch verliert die Macht über sein Selbst; es erlangt die Macht über ihn.
Im Ramadan gewöhnt sich das Selbst mit Hilfe des Fastens an eine Art Diät, bemüht sich um Askese und lernt Gehorsam. Der Magen wird von Krankheiten verschont, da ein Überessen vor dem Verdauen vermieden wird. Weil es durch die Anordnung des Fastens sich selbst des Erlaubten enthält, erhält es die Befähigung vernünftigen und rechtlichen Weisungen Folge zu leisten und so auch das Verbotene zu unterlassen. Es versucht das spirituelle Leben nicht zu ruinieren.
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Ein Großteil der Menschheit erleidet oft Hunger. Um Geduld und Aushaltevermögen für eine Hungerperiode zu trainieren, benötigt der Mensch eine Phase der Askese. Das Fasten im Ramadan ist als eine 15-stündige (ohne das Frühmahl (sahur) sogar 24-stündige) Hungerphase und somit als eine Geduldprobe zu sehen. Sie kommt einer Askese und einem Training gleich. Das heißt, das Fasten ist auch eine Lösung für die Ungeduld und Unrast des Menschen, die sein Unglück verdoppeln.
Die Bauchfabrik, die viele Beschäftigte hat, steht mit vielen Organen des Menschen in Beziehung. Wenn das Selbst nicht im Verlauf eines Monats tagsüber den Betrieb einstellt, vergessen die Arbeiter/-innen und Organe ihren speziellen Gottesdienst. Es hält sie auf und bringt sie somit unter seine Zwangsherrschaft.
Das Gemüt der Menschen wird durch den Lärm und Rauch der geistigen Fabrikanlage durcheinandergebracht. Es zieht die ganze Zeit die Aufmerksamkeit auf sich und lässt so die Beschäftigten ihre würdevollen Dienste zeitweise vergessen. Aus diesem Grunde haben sich von je her viele Gottesfreunde angewöhnt, auf dem Wege der Vervollkommnung in Askese, also unter anderem mit weniger Essen und Trinken, zu leben.
Im Lichte des Fastens im erhabenen Ramadan begreifen die Arbeiter/-innen jener Fabrik, dass sie nicht nur für die Arbeit dort geschaffen wurden. Auch die übrigen Organe widmen sich anstelle der animalischen Lust dieser Fabrik der engelhaften und seligen Entzückung.
Deshalb erfahren Gläubige im Ramadan, dem Grad ihrer Entwicklungsstufe entsprechend, facettenreiche Erleuchtung, reichlichen Segen und innere Freude. Viele Zentren wie das Herz, der Geist, der Verstand und die Seele werden geläutert und entfalten sich. Während der Magen ‚weint‘, ‚lachen‘ sie unschuldig.
Eine Weisheit unter vielen Weisheiten des Fastens im Ramadan ist mit dem unmittelbaren Zusammenbrechen der eingebildeten Herrschaft des Egos und der Belehrung der Dienerschaft durch das Aufzeigen seiner Schwäche verbunden. Diese Weisheit soll im Folgenden dargelegt werden:
Das Ego (nafs) will seinen Herrn nicht anerkennen. Pharaonenhaft strebt es nach der eigenen Herrschaft. Wie viel Pein es auch immer erfährt, dieser Wesenszug bleibt ihm anhaften. Nur durch das Fasten gibt es dieses Gefühl auf. D. h. das Fasten im Ramadan erschüttert die pharaonenhafte Front des Egos, versetzt ihm einen Schlag, deckt so seine Schwäche, Ohnmacht und Bedürftigkeit auf und offenbart, dass es ein Diener ist.
In den Überlieferungen gibt es folgende Erzählung:
Gott fragte das Ego (nafs): „Wer bin ich, wer bist du?“
Das Ego antwortete: „Ich bin ich, du bist du.“
Er peinigte das Ego, warf es in die Hölle und fragte es noch einmal.
Es antwortete wieder: „Ich bin ich und du bist du.“
Welcher Strafe er es auch unterzog, es gab seinen Egoismus nicht auf.
Dann bestrafte er es mit dem Hunger, er ließ es hungern.
Er fragte es noch einmal: „Wer bin ich, wer bist du?“
Das Ego antwortete diesmal: „Du bist mein barmherziger Herr und ich bin dein schwacher Diener.“
„O Gott! Segne unser Vorbild Muhammad, seine Familie und Gefährten mit einem Segen, der deiner Zufriedenheit entspricht! Spende ihm Segen nach dem Verdienst der rezitierten Buchstaben des Korans im Monat Ramadan! Schenke ihm und den Seinen Frieden!
„Preis deinem Herrn, dem Würdevollen, erhaben über dem, was sie sich ausmalen. Friede allen Gesandten! Das Lob ist Gottes, dem Herrn der Welten.“ (Koran, 37:180-182)
(iz). Jeder Mensch fühlt sich durch andere Verhaltensweisen verletzt. Aufgrund der eigenen Kindheit und Vergangenheit empfindet jeder eine unterschiedliche als verletzend. Was letztlich immer dahinter steckt, ist das Gefühl mangelnder Wertschätzung. Wir leben im 21. Jahrhundert – einem Jahrhundert, das, was den europäischen Teil betrifft, nun allmählich beginnt, Verletzungen der Psyche als solche immer mehr in den Fokus zu rücken.
Abu Zayd Al-Balkhi schrieb im 9. Jahrhundert ein Werk über die Heilung der Psyche. Die gesamte Literatur der Sufi behandelt auf ihre eigene Art und Weise Themen rund um die Gesundheit des Herzens, des Gemüts.
In der deutschen Geschichte gibt es manchen Dichter, der dem Wahnsinn erlag und von anderen Menschen isoliert werden musste. Der Dichter Hölderlin ist einer von ihnen. Er verbrachte mehr als die Hälfte seines Lebens im nach ihm benannten Turm in Tübingen: dem Hölderlin-Turm.
Sein einziger Roman, der „Hyperion“, behandelt auch das Thema des Unverstandenseins. Er fühlte sich zeit seines Lebens unverstanden: „So kam ich unter die Deutschen. Ich forderte nicht viel und war gefasst, noch weniger zu finden.“ Ein scharfes Urteil über die Menschen der Nation, der er selbst angehört. Warum fühlte er sich unverstanden und wieso kann ich mich so gut in ihn hineinversetzen?
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Es gab viele Situationen, in denen ich anderen von der Größe Goethes und Schillers erzählte – sie fragten mich, was es nütze, über sie zu sprechen. Ich sprach über außergewöhnliche Leistungen der Osmanen und hörte: Waren sie keine Unmenschen? Ich erzählte von den Griechen, von Aristoteles und Platon, von griechischer Mythologie und hörte: Ist das alles nicht schon solange her?
Ich sprach über die Abbasiden und wie sie die Werke der Griechen übersetzten, über Seneca und seine tiefgreifenden Weisheiten, Dante und Moliére, einem Italiener und Franzosen… ich sprach von Al-Andalus, doch oftmals hörte ich dasselbe: Du bist und bleibst ein Romantiker… was heißt es ein Romantiker zu sein? Wenn Romantik bedeutet, sich auf die Größe vergangener Zeit zu besinnen, sich ihrer zu erinnern und das Feuer im eigenen Herzen lodern zu lassen, dann ist es eine Sünde kein Romantiker zu sein.
All das habe ich mit Hölderlin gemein. Hölderlin schreibt im Hyperion: „Sprach ich einmal auch vom alten Griechenland ein warmes Wort, so gähnten sie, und meinten, man hätte doch auch zu leben in der jetzigen Zeit; und es wäre der gute Geschmack noch immer nicht verloren gegangen, fiel ein anderer bedeutend ein. Dies zeigte sich dann auch. Der eine witzelte, wie ein Bootsknecht, der andere blies die Backen auf und predigte Sentenzen.“
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Mit Menschen zu leben, die keinen Sinn für menschliche Größe haben, ist eine Qual. Das Feuer der eigenen Seele so vom Sand angreifen zu lassen, ermordet die Freude am Dasein. Dazu sagt Hölderlin: „Ein Volk, wo Geist und Größe keinen Geist und Größe mehr erzeugt, hat nichts mehr gemein, mit andern, die noch Menschen sind, hat keine Rechte mehr…“
Hölderlin fühlte sich unverstanden. Binsenweisheiten ließen ihn abstumpfen. Das war sein Schicksal. Jeder Mensch, der um sich nicht zumindest einige wenige versammeln kann, und mit ihnen von vergangener Größe sprechen kann, wird durch solche Gesellschaft leiden. Menschen, die beständig mit Binsenweisheiten kommen – Klischeewissen, wie es Necip Fazil Kisakürek nennt – das sind, so Hölderlin, die Unheilbaren. Über diese Unheilbaren schrieb er das folgende Gedicht:
Eil, o zaudernde Zeit, sie ans Ungereimte zu führen,
Anders belehrest du sie nie, wie verständig sie sind.
Eile, verderbe sie ganz, und führ ans furchtbare Nichts sie,
Anders glauben sie dir nie, wie verdorben sie sind.
Diese Toren bekehren sich nie, wenn ihnen nicht schwindelt,
Diese… sich nie, wenn sie Verwesung nicht sehn.
Anders als durch Niederlagen, als durch Schicksalsschläge begreifen diese Menschen nicht, was Schönheit und Wahrheit bedeutet. Ihr Herz ist so abgestumpft, das nur harte Schicksalsschläge es reanimieren können. So sprach auch der größte Poet der Weltgeschichte: Mewlana Dschelaleddin Rumi: „Härte reinigt die Niederträchtigen; wenn sie freundlich behandelt werden, werden sie hartherzig.“ ( Masnevi, Band 3, Vers 2983)
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Es gibt Menschen, die hören von Geschichten des Propheten. Sie hören die Anekdoten der Gefährten, der Gelehrten sowie der Aulija (Freunde Allahs) und sie weinen. Warum? Weil ihre Herzen wach sind. Ihre Herzen sind gesund. Mit solchen Menschen zusammenzuleben, die ein solch achtsames Gemüt besitzen, das ist das größte Geschenk auf Erden.
Abu Hanifa, der Vater der muslimischen Rechtswissenschaft, sagte: „Anekdoten, die von den Schönheiten der Gelehrten erzählen, sind mir lieber als die meisten Angelegenheiten des Rechts (arab. Fiqh), denn diese Anekdoten können uns den Anstand und Charakter der Gelehrten lehren.“ Folgenden Qur’anvers führte Abu Hanifa als Beweis an: „Das sind diejenigen, die Allah rechtgeleitet hat. So folge ihrem Weg und richte dich nach ihrem Vorbild!“ (Al-An’am, Sure 6, 90)
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Wir befinden uns im Moat Ramadan. In einem Monat, in dem wir unter Beweis stellen, dass wir von der Wesensart her über den Tieren stehen. Während sie lediglich essen, schlafen, trinken und sexuell aktiv sind, besitzen wir die Fähigkeit, nein zu sagen. Nein zum Essen, nein zum Trinken, nein zur Sexualität. Wir stellen unter Beweis, dass etwas in uns ist, das erhaben ist über die irdischen Fesseln der Körperlichkeit. Gleichzeitig leben wir in einem Land, das uns in den letzten Jahren immer wieder als „krank“ bezeichnet hat, weil wir fasten. „Ja, auch auf Wasser verzichten wir.“
„Ich könnte das nicht“, kommt es überall in ganz Deutschland zurück. Ja, deshalb bist du halt kein Muslim, keine Muslimin. Wir werden als krank bezeichnet, weil wir die Menschlichkeit in uns ausbilden wollen, von einer Gesellschaft, die sich angeblich auf den Humanismus beruft.
Wie sagte Dante Alighieri: „Bedenke deine Herkunft: du wurdest nicht erschaffen, um wie Vieh zu leben, sondern um nach Tugend und nach Wissen zu streben.“ Und ähnlich sprach Shakespeare: „Was ist der Mensch, wenn seiner Zeit Gewinn, sein höchstes Gut nur Schlaf und Essen ist? Ein Vieh, nichts weiter.“
In diesem Monat bändigen wir das Animalische, den Egoismus in uns Menschen. Wir erklären dem Konsum den Krieg, um das Menschliche, das Humane in uns zur Geltung zu bringen. Und alle, die wir fasten, spüren es, dass wir feinfühliger und sensibler werden, mitfühlender werden. Plötzlich bewirken die Anekdoten und die Erzählungen von vergangener Größe etwas in uns. Unser Herz wird gerührt, wenn es nicht abgestumpft ist vom Konsum. In diesem Zustand miteinander zu sprechen und einander vom feinfühligen und herzlichen Verhalten der Menschen von früher zu erzählen, das ist gut. Ja, Hölderlin sagt es uns:
gut
Ist ein Gespräch und zu sagen
Des Herzens Meinung, zu hören viel
Von Tagen der Lieb,
Und Taten, welche geschehen.
Solch ein „Andenken“ ist ein erhebendes Andenken. Was nützt es beständig über die schrecklichen Geschehnisse dieser Zeit zu sprechen, wenn sie uns unberührt und kalt lassen, wenn sie uns nicht anspornen uns als Menschen auszubilden und herzlicher zu werden, ja sogar im Gegenteil: wenn sie uns vergessen machen, warum wir erschaffen wurden…
In diesem Monat fühlen wir in Deutschland, was Hölderlin fühlte: „So kam ich unter die Deutschen. Ich forderte nicht viel und war gefasst, noch weniger zu finden.“ Wir werden uns anhören, dass es krank sei zu fasten, krank sei, bis zum Abend nichts zu trinken, doch wir werden es weniger hören, da wir aufgrund der Kontaktbeschränkungen weniger Kontakte sehen werden.
Was wir nun auch sehen und hören werden, trösten wir uns damit, dass auch er darunter litt, nicht verstanden zu werden. Es hat sich seither, was das Verständnis des Befremdlichen angeht, in Deutschland nicht viel verändert. Hölderlin sprach aus, wer von der Mehrheitsgesellschaft geehrt wird und wer eben nicht:
Ach! Der Menge gefällt, was auf dem Marktplatz taugt,
Und es ehret der Knecht nur den Gewaltsamen;
An das Göttliche glauben
Die allein, die es selber sind.
Ihn hätte ich so gerne gekannt und mit ihm über vergangene Größe gesprochen, gesprochen über große, bedeutende Gegenstände, um die eigene Seele zu erheben und menschlicher zu werden. Er ist jemand, der mich und den ich, verstanden hätte. Sein Leiden fühle ich heute noch.
Imam Al-Ghazali hat umfangreich über alle Dimensionen des Dins geschrieben. So auch zur Spiritualität des Fastens. Es ist wichtig anzumerken, dass es drei Abstufungen des Fastens gibt: das gewöhnliche, das […]
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Das verpflichtende Fasten der Muslime ist eine tief spirituelle Erfahrung. Es folgt dabei festen und anerkannten Regeln, die alle weltweit vereinen. „O die ihr glaubt, vorgeschrieben ist euch das Fasten, […]
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