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GfbV zu 30 Jahren Srebrenica

GfbV srebrenica

Die Menschenrechtsorganisation GfbV fordert als Lehre aus dem 30. Jahrestag: Dem Gedenken müssen Konsequenzen folgen!

Göttingen (GfbV/iz). Dreißig Jahre nach dem Völkermord von Srebrenica bleiben zentrale Forderungen der Überlebenden und Angehörigen unerfüllt, wie die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) kritisiert:

„Die internationale Gemeinschaft hat versagt – und sie versagt bis heute. Das Gedenken an die über 8.000 bosniakischen Jungen und Männer, die im Juli 1995 ermordet wurden, darf nicht vom politischen Handeln entkoppelt werden. Es braucht endlich Konsequenzen, Aufarbeitung und wirksame Prävention“, fordert Jasna Causevic, GfbV-Referentin für Genozid-Prävention und Schutzverantwortung anlässlich des 30. Jahrestags des Massakers.

Die GfbV begrüßte die im Mai 2024 verabschiedete UN-Resolution, die den 11. Juli als Internationalen Gedenktag an den Genozid in Srebrenica etabliert. Doch Causevic zufolge muss dieser Gedenktag durch konkrete Maßnahmen flankiert werden:

„Es reicht nicht, einmal im Jahr Worte des Bedauerns zu sprechen. Europäische Staaten und Institutionen müssen Genozid-Leugnung klar verurteilen, die Verbrechen aufarbeiten und aktiv zur Gerechtigkeit beitragen – gerade in der Entität Republika Srpska und in Serbien, wo nach wie vor Täter glorifiziert und Opfer diffamiert werden.“

Zu den notwendigen Maßnahmen gehörten europaweiten Veranstaltungen und Bildungsprogramme und verstärkte Anstrengungen zur Auffindung der verbleibenden Massengräber. Auch eine landesweit Erinnerungskultur, die die Ethnonationalisten bisher verhindern müsse die EU unterstützen. 

Foto: Paul Katzenberger, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 3.0

Auch heute, 30 Jahre nach dem Verbrechen, ist der Verbleib von über 800 Opfern ungeklärt. Viele Familien haben nie vollständige Überreste ihrer Angehörigen erhalten. „Wenn in diesem Jahr sieben weitere Opfer in Potocari bestattet werden, dann oft nur mit einzelnen Knochen. Die Täter haben Massengräber systematisch zerstört, um ihre Spuren zu verwischen“, erinnert Causevic.

„Währenddessen sterben immer mehr Mütter und Geschwister der Opfer, ohne je die sterblichen Überreste ihrer Liebsten bestatten zu können.“

Heute organisiert die GfbV gemeinsam mit den Bundestagsabgeordneten Michael Brand und Adis Ahmetovic eine Gedenkveranstaltung im Deutschen Bundestag. Dort wird Nedzad Avdić sprechen, der die Massenerschießungen 1995 überlebt hat.

„Unser Respekt gilt Menschen wie Avdić und den Müttern von Srebrenica. Ihr unermüdlicher Kampf für Gerechtigkeit mahnt uns alle. Es ist beschämend, dass viele Täter weiterhin auf freiem Fuß sind“, so Causevic weiter.

Die GfbV-Sektionen Deutschland und Bosnien und Herzegowina rufen zur Teilnahme an den internationalen Gedenkveranstaltungen in Srebrenica und weltweit auf. Sie appellieren an die Bundesregierung, ihre historische Verantwortung anzuerkennen und entschlossen gegen Nationalismus und ethnische Spaltung auf dem Westbalkan vorzugehen.

„Nie wieder darf Völkermord geschehen – und Nie wieder darf nicht zur leeren Floskel verkommen“, erklärt Causevic abschließend.

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Srebrenica: „Die Albträume haben nie aufgehört“

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Am 11. Juli gedenkt die Welt der Opfer des Srebrenica-Massakers. Vor 30 Jahren töteten serbische Nationalisten mehr als 8.000 Muslime. Ein Überlebender und der UN-Chefankläger erinnern sich an die Gräuel.

Srebrenica (KNA) „Es war frühmorgens am 6. Juli, als die ersten Schüsse fielen“, erinnert sich Nedzad Avdic. Zunächst dachte seine Familie, dass es sich bloß um eine weitere Provokation der bosnisch-serbischen Armee handele. Doch diesmal wurde auf Menschen geschossen.

Avdic war 17 Jahre alt, als das Massaker von Srebrenica vor 30 Jahren begann. Binnen weniger Tage töteten serbische Nationalisten mehr als 8.000 muslimische Bosniaken – unter ihnen auch Avdics Vater und vier Onkel. Der Völkermord, der als Höhepunkt der Verbrechen des Bosnien-Krieges (1992-1995) gilt, belastet Bosnien-Herzegowina bis heute.

Foto: Jeroen Akkermans, flickr | Lizenz: CC BY-NC-Sa 2.0

Srebrenica: Überlebende werden immer noch von Träumen verfolgt

Auch Avdic wird immer noch verfolgt: nachts, von Uniformierten, vor allem im Sommer. „Die Albträume haben nie aufgehört“, erzählt der Ökonom. Nachdem die ersten Schüsse gefallen waren, versteckte er sich mit seinen Verwandten im Wald.

Kurz darauf wurde die Gruppe von Soldaten der serbischen Teilrepublik Srpska gefangengenommen. „Manche schlugen sie so brutal zusammen, dass sie nicht mehr laufen konnten.“

In den kommenden Tagen sah er mit an, wie Nachbarn, Freunde und Fremde blutüberströmt starben. In einer Schule gefangen, hörte er im Nebenraum das automatische Feuer des Hinrichtungskommandos. Er selbst wurde mit anderen mitten in der Nacht an einen Baggersee gebracht – eine weitere Hinrichtungsstätte.

Dort wurde auch er angeschossen. Projektile von Maschinengewehren bohrten sich durch seine Brust, Arm und Bein. „Neben mir fielen die Menschen reihenweise um. In dem Moment wollte ich nur noch sterben.“ Wie durch ein Wunder überlebte Avdic – eine Tatsache, die er erst Tage später realisierte, als Dorfbewohner seine eiternden Wunden versorgten.

Foto: UN ICTY, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY 2.0

Ratko Mladic in Haft

Schauplatzwechsel: Den Haag, drei Jahrzehnte nach dem Massaker. In einem UN-Gefängnis verbüßt Ratko Mladic, ehemaliger Militärchef der bosnischen Serben, eine lebenslange Freiheitsstrafe. Vorigen Monat beantragte seine Verteidigung die Freilassung des 83-Jährigen. Er soll unheilbar krank sein.

Serge Brammertz, Chefankläger des Internationalen Residualmechanismus für die Ad-hoc-Strafgerichtshöfe (IRMTC, zuständig für Ruanda, Ex-Jugoslawien) sieht das Ansuchen gespalten: Einerseits sei die Möglichkeit auf einen würdigen Tod genau das, was eine zivilisierte Gesellschaft von der Barbarei der Kriegsverbrecher unterscheide. Andererseits wolle er im Sinne der Opfer und Hinterbliebenen „alles in unserer Macht Stehende tun“, damit Mladic im Gefängnis bleibt. Ohnehin gebe es dort die beste medizinische Versorgung.

Brammertz zeigt sich enttäuscht über die langsame Aufarbeitung des Genozids. Mit Blick auf 7.500 Opfer, die immer noch als vermisst gelten, sagt er: „Für jeden Vermissten gibt es zumindest einen, der weiß, wo sich die Person befindet. Sei es der Arbeiter, der die Person vergraben hat, der Busfahrer, der sie zur Exekution gebracht hat, oder der Baggerfahrer, der das Massengrab ausgehoben hat.“ Doch es herrscht Schweigen. Untermauert wird es von Nationalisten, die den Völkermord offen leugnen und Kriegsverbrecher als „Helden“ feiern.

Aufholbedarf gibt es laut Brammertz auch bei der regionalen Zusammenarbeit. Einige kroatische oder serbische Ex-Militärs flohen in die Nachbarländer und nahmen deren Staatsbürgerschaft an. „Das bringt uns in die unglaubliche Situation, dass in der Mitte Europas mutmaßliche Völkermörder 30 Kilometer von dem Ort entfernt leben, wo sie ihre Straftaten begangen haben“, so der UN-Ankläger.

Zwar sei es eine Traumvorstellung zu glauben, dass die strafrechtliche Aufarbeitung direkt zu Versöhnung in Bosnien-Herzegowina führen könnte. „Dennoch bleibt die Verurteilung der Schuldigen eine Voraussetzung, um der Versöhnung überhaupt eine Chance zu geben.“

Foto: Kremlin.ru, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY 4.0

Extremisten wie Dodik gefährden das Land

Davon scheint die Vielvölkernation aus Bosniaken, Serben und Kroaten allerdings noch denkbar weit entfernt. Das Zusammenleben wird verpatzt von ethnischen Nationalisten. Der bekannteste unter ihnen: Serben-Führer Milorad Dodik.

Der Präsident der Republika Srpska droht regelmäßig, sein Serbengebiet von dem Balkan-Staat abzuspalten. Trotz eines im März erlassenen Haftbefehls bleibt Dodik auf freiem Fuß. Darüber hinaus gibt es aber auch Lichtblicke. In der Hauptstadt Sarajevo verurteilte ein Richter jüngst erstmals eine Person wegen Genozid-Leugnung.

Auch Nedzad Avdic glaubt an ein anderes Bosnien-Herzegowina: Er gehört zu den sogenannten Rückkehrern, die sich Jahre nach dem Völkermord wieder in den Dörfern und Städten um Srebrenica niederließen. Dort leugneten selbst heute noch viele den Völkermord, sagt er; genauso wie die bosniakische Identität und Kultur.

Und: „Etliche Jugendliche, die nach dem Krieg geboren wurden, sind zu größeren Nationalisten geworden als die Kriegsverbrecher.“ Ständig seien sie Propaganda ausgesetzt; “sie haben keine Chance dazuzulernen“.

Wie lange Avdic seine drei Töchter diesem vergifteten Klima noch aussetzen könne, sei fraglich, meint er. „Aber sollte ich tatsächlich wieder wegmüssen von hier, gehe ich mit Stolz: Ich habe es versucht!“

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Europas Wunde – Das Massaker von Srebrenica vor 30 Jahren

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Es war das größte Kriegsverbrechen auf europäischem Boden seit 1945. Der Massenmord von Srebrenica an mehr als 8.000 bosniakischen Muslimen belastet bis heute die politische Kultur auf dem Balkan. Doch das Gedenken lebt.

Sarajevo (KNA/IZ). Der Eroberer gibt sich väterlich an diesem heißen Julitag 1995, im vierten Jahr des Bosnienkriegs: „Habt keine Angst, niemand wird euch etwas antun“, beschwichtigt der bosnisch-serbische General Ratko Mladic eine Gruppe muslimischer Bosniaken, Frauen, Männer und Kinder.

Srebrenica – der zynische General Mladic

Ihre Gesichter spiegeln Angst, Hoffnung, Ungewissheit. Busse seien unterwegs, um die Menschen aus der Gegend von Srebrenica auf bosnisches Gebiet zu bringen, verspricht Mladic vor laufender Kamera.

In Wahrheit gibt er beim Einmarsch in Srebrenica vor seinen Soldaten eine andere Parole aus, wie ein zweites Filmdokument beweist. Der tief in der Geschichte wurzelnde Hass des orthodoxen Serben auf bosnische Muslime entlädt sich in einem Satz: „Die Zeit ist gekommen, an den Türken dieser Region Rache zu nehmen“.

Nach der osmanischen Balkan-Eroberung im 15. Jahrhundert hatten die Bosniaken allmählich die Religion der neuen Herren angenommen.

Beide Auftritte Mladics laufen in Endlosschleife auf einem Videomonitor in der Galerija 11/07/95 in Sarajevo. Sie ist Museum und Gedenkstätte zugleich für das schlimmste Massenverbrechen in Europa seit Ende des Zweiten Weltkriegs.

Foto: Jeroen Akkermans, flickr | Lizenz: CC BY-NC-Sa 2.0

Unter den Augen niederländischer UNO-Soldaten zogen Mladics Truppen am 11. Juli 1995 bei Srebrenica Tausende aus dem Flüchtlingsstrom heraus, vor allem Männer. Sie trieben sie zusammen und erschossen sie in den nächsten Tagen systematisch an Orten rund um die kleine Stadt in Ostbosnien.

Anschließend verscharrten sie die Ermordeten. Die Zahl der bestätigten Todesopfer liegt heute bei 8.372. Viele wurden immer noch nicht gefunden.

Eine ungefilterte Härte

Das Video auf dem Großbildschirm in der Galerija 11/07/95 zeigt harte Szenen von Massenerschießungen. Als die Körper der Männer nach vorne fallen, stöhnt eine Zuschauerin leise auf und wendet sich ab. Doch die Dauerausstellung im Zentrum von Sarajevo konfrontiert den Besucher auch mit stummen Bildern: 640 Porträtfotos von Ermordeten, darunter Frauen und Minderjährige.

„Der einzige Grund für ihre Tötung war, dass sie den falschen Namen, die falsche Ethnie und Religion hatten“, sagt Tarik Samarah, Gründer und Direktor der Galerija. „Von etlichen Opfern blieben wegen der Kriegswirren nichtmal mehr Fotos übrig.“ Dafür dokumentieren an den Wänden großformatige Aufnahmen das Grauen: ein verwester Schädel im Schlamm, Menschen mit Schaufeln, die ihre Angehörigen ausgraben.

Ein gespenstisches Bild zeigt eine erschossene Frau neben ihrer Einkaufstüte, während ein Auto im Hintergrund beiläufig vorbeifährt. Entstanden ist es während der fast vierjährigen Belagerung Sarajevos durch die bosnisch-serbische Armee, deren Scharfschützen und Artillerie Jagd auf die Bevölkerung machten und 11.000 Menschen töteten.

Das Foto erinnert daran, dass der Massenmord von Srebrenica zwar die schlimmste, aber bei weitem nicht einzige Gräueltat dieses Krieges war. „Erinnerung darf kein passiver Akt sein“, fordert Galerija-Gründer Samarah.

„Sie funktioniert nur als aktives Bemühen um die Menschenwürde und dafür, dass so etwas nicht wieder passiert.“

Blutiger Zerfall

Mit 100.000 Toten war der Bosnienkrieg 1992 bis 1995 der blutigste unter den jugoslawischen Zerfallskriegen. Während das Teilgebiet der Republika Srpska unter Präsident Radovan Karadzic den Anschluss an das serbische Mutterland anstrebte, wollten die Bosniaken ihren eigenen Staat.

Beide bildeten jeweils mehr als 30 Prozent der Bevölkerung Bosnien-Herzegowinas. In Titos Jugoslawien hatte man oft Haus an Haus zusammengelebt, nun wütete der ethnokulturelle Nationalismus.

1993 erklärt der UN-Sicherheitsrat das Gebiet um Srebrenica dann zur Schutzzone für rund 40.000 bosniakische Flüchtlinge, was die Eroberung durch Mladics Truppen zwei Jahre später nicht verhindert.

Dass die etwa 400 niederländischen Blauhelme sie angesichts der Übermacht ohne Gegenwehr gewähren ließen, sorgte nach dem endlich erzwungenen Frieden von Dayton Ende 1995 für jahrelange Debatten – und die Rolle der UNO bis heute für Verbitterung in der bosnischen Gesellschaft. Im Verkaufsbereich der Galerija 11/07/95 zeugen schwarze T-Shirts davon, Aufschrift: „UN – United Nothing“.

Foto: Paul Katzenberger, flickr | Lizenz: CC BY-SA 3.0

Der Gerichtshof stellte Völkermord fest

Zumindest bezeichnete der Internationale Gerichtshof in Den Haag das Grauen von Srebrenica 2007 als Völkermord. Die Haupttäter Mladic und Karadzic erhielten vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal lebenslange Haftstrafen, etliche weitere wurden von verschiedenen Gerichten verurteilt. Auch in Serbien, das den Vorwurf des Genozids aber nicht anerkennt.

Das gilt erst recht für den heutigen Präsidenten der Republika Srpska, seit dem fragilen Abkommen von Dayton eine der beiden Entitäten Bosnien-Herzegowinas. Der Nationalist Milorad Dodik spricht von einem „Lügen-Mythos“ und droht derzeit wieder mit der Abspaltung aus dem Staatsverband. „Wir leben immer noch in der letzten Phase eines Völkermords: seiner Leugnung“, sagt Samarah.

So bleibt Srebrenica auch nach 30 Jahren eine Wunde in Europa. Vor allem für die Angehörigen der rund 800 Opfer, nach denen immer noch gesucht wird. Noch 2021 stießen Ermittler auf ein weiteres Massengrab. 

Unter den Opfern war das jüngste bekannte: das wenige Tage alte Mädchen Fatima Muhic. Tausende Ermordete fanden inzwischen ein würdiges Grab auf der Gedenkstätte Potocari – jenem Ort nahe Srebrenica, wo Mladic den Menschen einst sicheres Geleit versprach.

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Mein Herz ist in Bosnien geblieben

Marš Mira bosnien

Über den jährlichen Gedenkmarsch Marš Mira in Bosnien: Karim Moustafa berichtet über die Erinnerung an den Genozid von Srebrenica

(iz). Grenzenlose Trauer. Erschütterndes Leid. Grausamste Verbrechen. Herzzerreißende Erlebnisse der Überlebenden des Genozids in Bosnien. Drei Tage des alljährlichen Gedenkenmarsches „Marš Mira“ (Marsch des Friedens) für die Opfer des größten Völkermordes in Europa nach dem zweiten Weltkrieg liegen hinter mir. Von Karim Moustafa

Bosnien: Die Heutigen beschreiten den Weg der Ermordeten

Über 5.000 Menschen haben sich vom 8.-11. Juli 2024 auf den langen Weg vom damaligen freien Territorium in Nezuk zur heutigen Gedenkstätte in Potočari gemacht. In Erinnerung an die mindestens 8372 getöteten Bosniaken in Srebrenica. Zur Trauer um die mehrheitlich muslimischen Männer. In Gedächtnis an die unzähligen Söhne, Väter, Großväter, Cousins und Onkel. Um die Geschichte hochzuhalten und um dem Vergessen entgegen zu wirken.

In einer Zeit in der Völkermord wieder live passiert, während die Welt zuschaut. Und die Weltgemeinschaft versagt wieder einmal. United Nothing (UN) wie es treffend auf einem Ausstellungsfoto eines alten Graffiti im heutigen Museum steht. Dort, wo den serbischen Mördern die bosnischen Muslime ausgehändigt wurden. Wo das Wort „Schutzzone“ ein lächerlicher, ein tödlicher Witz gewesen ist.

Foto: Autor

Es sind nicht die körperlichen Strapazen

Es sind daher nicht die 100 Kilometer kräftezehrender Fußmarsch durch teils unwegsames Gelände, das auf und ab des Weges durch die beeindruckende bosnische Berglandschaft und über den Berg Udrč oder die in diesem Jahr mit deutlich über 30 Grad brütende Hitze der Sonne im strahlend blauen Himmel, die den meisten Eindruck bei unserer Reisegruppe hinterlassen haben. Die körperlichen Strapazen und das Kräftezehren sind schnell vergessen.

Aber die überwältigenden Emotionen, die einem in unzähligen Gesprächen mit den Opfern und Hinterbliebenen von Srebrenica und des gesamten Genozids in Bosnien während dieser Reise begegnen, lassen einen nicht mehr derselbe Mensch sein.

Etwas ist zerbrochen und gleichzeitig etwas anderes neu entstanden. Wie die Liebe zu Bosnien. Zu diesen unglaublichen Menschen. Die mit ihrer Stärke, Geduld und Mut, mit ihrer grenzenlosen Gastfreundschaft ein Vorbild sind für die Welt.

Die Geschichten der Menschen

So lauschen wir während des Marsches den Geschichten der Menschen Bosniens, die so eindringlich ins Herz gehen. Die erschaudernden Erzählungen der einheimischen Wegbegleiter, welche die tränenreichen Geschichten ihrer teils ausgelöschten Familien teilen. 

Die Zeitzeugen, welche jedes Jahr den langen Weg beschreiten, auf dem ihre Verwandten und Freunde ermordet wurden. Einer von ihnen ist Hasan Hasanović, der uns begleitet und die bedrückende Zeit des Leids und Unglücks greifbar macht.

Wer sein bekanntes Buch „Srebrenica – Kein Vergessen. Kein Vergeben“ gelesen hat, kennt manche mörderischen Szenen, doch die Realität und die Details sind schlimmer. Ein Bruder, der seinen schwer verwundeten Bruder, der auf eine Mine getreten ist, noch 20 Kilometer durch den Wald trägt, weil er ihn nicht zurücklassen kann, bevor er stirbt.

Die unglaubliche Gastfreundschaft von fast mittellosen Veteranen, welche ganze Ortschaften jahrelang vor weiteren Gräueltaten bewahrt haben und deren karge Rente heute gerade so zum Überleben reicht.

Die früheren Kinder, die durch schicksalhafte Wendungen überlebt haben und jetzt als Erwachsene auch 29 Jahre nach dem Fall Srebrenicas am 11. Juli 1995 die sterblichen Überreste ihrer ermordeten Verwandten suchen, während sie in bedrückender Erinnerung schwebend durch die vielen Orte des Grauens und Tötens laufen. Wie am Berg Kameničko an dem kein Zentimeter ohne Blut geblieben ist, als etwa 1.000 flüchtende Bosnier u.a. von serbischer Artillerie in Stücke gerissen wurden.

Foto: Autor

Wenn die Bittgebete verstummen

Selbst die Bittgebete für die Verstorbenen sprechende Stimme verstummt plötzlich, wenn die bewusst in der Natur belassene verblichene Kleidung einer Reihe von Opfern ins Blick fällt. Wie die ausgetretenen Schuhe mitten im Wald, die ausgefranste Lederjacke an einer Baumgabel…

Manchmal sind es lediglich stumme Blicke der Menschen am Wegesrand, die den unbeschreiblichen Schmerz auch drei Jahrzehnte später nur erahnen lassen. Wie eine Großmutter am Wegesrand, neben dem Denkmal eines der vielen Massengräber, die Wanderer des Friedensmarsches mit Wasser, bosnischem Kaffee und Tee bewirtet. Alles was man machen kann, ist sie zur Unterstützung in den Arm zu nehmen und wie die eigene Oma auf die Stirn zu küssen.

Am Ende des eindrücklichen Marsches, der uns alle verändert hat, stehen wir in Potočari zum Gedenktag des bosnischen Genozids am 11. Juli vor dem schier endlosen Gräberfeld mit weißen Stelen. Tausende, die aus Bosnien und aller Welt gekommen sind, um die Tausenden zu betrauern. Die Stimmen verstummen. Gemeinsam heben wir unsere Hände zum Gebet. Von Allah kommen wir und zu Ihm kehren wir zurück…

Wie beschreibt man Heimat? Vielleicht mit dem Gefühl von Traurigkeit, das einen überfällt, wenn man sein Land verlässt, sein Volk. Wenn du getrennt wirst von „deinen Leuten“, „deinem Hood“. Und die gleichzeitig aufkommende starke Sehnsucht schnell wieder zurückkehren zu wollen. Dieses eindringliche Gefühl habe ich gerade, als ich Bosnien schweren Herzens verlasse.

Lang lebe das tapfere bosnische Volk!

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Gedenken an Opfer des rassistischen Attentats in Hanau

Opfer Terror Rassismus Hanau Kurtović

Vor vier Jahren mussten im hessischen Hanau neun Menschen sterben, als ein Attentäter aus rassistischen Motiven tötete.

Hanau (KNA) Mit einer Kranzniederlegung und einem stillen Gedenken ist am Montag auf dem Hauptfriedhof in Hanau sowie an weiteren Orten an die neun Opfer des rassischen Amoklaufs vom 19. Februar 2020 erinnert worden. „Die Mahnung, die aus dem rassistischen Terror vor vier Jahren in Hanau folgt, könnte nicht aktueller sein. Von Matthias Jöran Berntsen

Denn die Wegbereiter rechtsextremer Gewalt, die selbst aus unseren Parlamenten heraus ihre menschenverachtende Hetze verbreiten, sind in den letzten vier Jahren lauter und stärker geworden“, sagte Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) anschließend.

Hanau: Offizielle Kranzniederlegung

Sie nahm am Vormittag gemeinsam mit dem stellvertretenden hessischen Ministerpräsidenten Kaweh Mansoori und Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky (beide SPD) an der offiziellen Kranzniederlegung teil. Auch der Bundesopferbeauftragte Pascal Kober (FDP) und Hessens Landtagspräsidentin Astrid Wallmann (CDU) waren vor Ort.

Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) sagte im Vorfeld: „Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtovic, Vili-Viorel Paun, Fatih Saracoglu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov: Die Namen der Opfer und das Leid der Hinterbliebenen mahnen uns, Rassismus und Menschenfeindlichkeit endlich zu überwinden und jederzeit aktiv dagegen anzugehen.“

Ein digitales Denkmal

Hanau pflegt im Internet die Seite Hanau-steht-zusammen.de. „Mit dieser Website wollen wir ein digitales Denkmal setzen, das immer wieder aktualisiert wird und so die Erinnerung an das Geschehen lebendig halten und Wege in die Zukunft weisen soll“, wie Oberbürgermeister Kaminsky dort schreibt.

Die Anteilnahme war auch bei den Religionsgemeinschaften groß. So betete Imam Macit Bozkurt (Islamischer Verein Hanau) an den Gräbern der auf dem Hauptfriedhof Bestatteten und zitierte aus dem Koran. Der Zentralrat der Juden in Deutschland schrieb auf X: „Wir erinnern an die Opfer und sind mit unseren Gedanken bei den Angehörigen.“

Und in der Wallonisch-Niederländischen Kirche sollte am Montagabend ein ökumenischer Gedenkgottesdienst stattfinden. Der Fuldaer katholische Bischof Michael Gerber sagte: „Unsere Gedanken und Gebete sind vor allem bei den Angehörigen der Opfer, die ein Leben lang unter dem Verlust ihrer Lieben leiden müssen. Der Tod der jungen Menschen mahnt uns gerade jetzt, als Zivilgesellschaft im Einsatz für die unbedingte Würde eines jeden Menschen – unabhängig von seiner Herkunft oder Weltanschauung – einzutreten.“

Terror: Hanau gedenkt der Opfer des Anschlags vom 19. Februar 2020

hanau

Mit einer Kranzniederlegung und einem gemeinsamen Gebet wird am Montag in Hanau der Opfer des Anschlags vom 19. Februar 2020 gedacht.

Hanau (KNA). Mit einer Kranzniederlegung und einem gemeinsamen Gebet wird am Montag in Hanau der Opfer des Anschlags vom 19. Februar 2020 gedacht. „Das Miteinander in Hanau ist seit dem 19. Februar 2020 sensibler geworden. Schon in den ersten Stunden und Tagen haben die Hanauerinnen und Hanauer in tiefer Betroffenheit und großer Solidarität der Opfer dieses rassistischen Anschlags gedacht und ihr Mitgefühl gezeigt, auch den Angehörigen gegenüber. Dieses Gedenken wird niemals enden in Hanau“, erklärte Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) am Donnerstag.

Opfer Terror Rassismus Hanau

Hanau: Verschiedene Formen von Trauerarbeit und Engagement

Kaminsky wies auf eine Vielzahl von Gedenkveranstaltungen hin, die rund um den vierten Jahrestag stattfinden. Demnach bieten Vereine, Schulen, Kirchen und Organisationen zahlreiche „Formen der Diskussion, Teilhabe, Trauerarbeit und zukunftsgerichtetem Engagement für ein friedliches Leben“ an. „Das erfüllt mich mit Stolz und ist gerade heute wichtiger denn je“, sagte Kaminsky.

Am 19. Februar 2020 wurden Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtovic, Vili-Viorel Paun, Fatih Saracoglu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov von einem rassistischen Attentäter in Hanau ermordet.

Das zentrale Gedenken von Stadt und Land findet am Montag auf dem Hauptfriedhof statt. Um 11.00 Uhr werden dort der stellvertretende hessische Ministerpräsident, Kaweh Mansoori, und Kaminsky an die Opfer erinnern. Auch Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD), die aus Hessen stammt, hat ihre Teilnahme zugesagt.

Foto: Islamrat, Twitter

Stilles Gedenken ohne Reden

An der Trauerhalle auf dem Hauptfriedhof wird es eine Kranzniederlegung geben. Das stille Gedenken, bei dem es auf ausdrücklichen Wunsch der Opferangehörigen keine politischen Reden auf dem Friedhof geben wird, ist öffentlich.

Bereits für 10.00 Uhr ist ein Gebet von Imam Macit Bozkurt (Islamischer Verein Hanau) an den Gräbern der auf dem Hauptfriedhof Bestatteten und den Erinnerungstafeln für die Opfer des 19. Februar geplant. Um 10.45 Uhr wird Bozkurt im Eingangsbereich des Hauptfriedhofs aus dem Koran rezitieren.

Auf dem Friedhof in Dietzenbach findet um 14.00 Uhr das Gedenken für Sedat Gürbüz statt, an dem städtische Vertreterinnen und Vertreter teilnehmen. Auch an den weiteren Grabstätten in Deutschland und anderen Ländern finden Blumen- beziehungsweise Kranzniederlegungen statt.

Debattenklima gesellschaft Deportationsszenarien

Foto: r.classen, Shutterstock

Bischof sieht Gesellschaft gefordert

Fuldas katholischer Bischof Michael Gerber fordert, die Gesellschaft solle sich gemeinsam für die Menschenwürde und das Miteinander einsetzen.

„Unsere Gedanken und Gebete sind vor allem bei den Angehörigen der Opfer, die ein Leben lang unter dem Verlust ihrer Lieben leiden müssen. Der Tod der jungen Menschen mahnt uns gerade jetzt, als Zivilgesellschaft im Einsatz für die unbedingte Würde eines jeden Menschen einzutreten – unabhängig von seiner Herkunft oder Weltanschauung“, sagte Gerber auf Anfrage der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

„Wir müssen weiter an der Vernetzung all jener Initiativen und Kräfte arbeiten, die sich für Menschenwürde und das Miteinander in unserem Land einsetzen.“

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Gedenken an Brandanschlags-Opfer – „Es waren Solinger Kinder“

Solingen Brandanschlag Feuer

Die Angst nach dem Brandanschlag von Solingen war groß. Am vergangenen Wochenende wurde an die Toten erinnert.

Solingen (KNA/iz). Mit einer bewegenden Gedenkveranstaltung ist an die Opfer des rassistisch motivierten Brandanschlags in Solingen vor 30 Jahren erinnert worden. „Es waren Solinger Kinder“, sagte der Oberbürgermeister der Stadt, Tim Kurzbach (SPD), am Montag mit Blick auf die Todesopfer. Am 29. Mai 1993 habe sich ein „Angriff auf die Menschlichkeit“ ereignet.

Solingen: Bundespräsident prangert Narrativ der „Einzeltäter“ an

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier prangerte an, dass viel zu lange Deutschland der Behauptung aufgesessen sei, „es seien verblendete Einzeltäter, die ihr Unwesen treiben“. Er forderte einen wehrhaften und wachsamen Staat und rief zu Zivilcourage und Mut auf.

Rund 600 Menschen waren in das Theater und Konzerthaus der Stadt eingeladen worden. Die Gäste erhoben sich, als die Namen der fünf Toten verlesen wurden. Anwesend waren Vertreterinnen und Vertreter der Familien. Aus der Politik waren neben Steinmeier unter anderen Bundestagspräsidentin Bärbel Bas, Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD), Agrarminister Cem Özdemir (Grüne) und Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) gekommen.

Foto: Tschuber, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 4.0

Fünf Opfer starben

Vier Männer hatten 1993 aus Fremdenhass nachts Feuer gelegt. Zwei junge Frauen und drei Mädchen starben in den Flammen oder bei dem Versuch, sich davor zu retten. Zum Gesicht der Familie wurde Mevlüde Genc, die zwei Töchter, zwei Enkelinnen und eine Nichte verlor.

Genc, die sich dennoch jahrelang für Verständigung, Versöhnung und gesellschaftlichen Zusammenhalt einsetzte, war im Oktober im Alter von 79 Jahren gestorben. Auf der Veranstaltung wurde immer wieder Respekt zum Ausdruck gebracht, dass Genc nicht mit Hass, sondern mit Liebe reagiert habe.

Steinmeier sagte: „Heute halten wir miteinander inne und trauern um Gürsün Ince, um Hatice Genc, um Gülüstan Öztürk, um Hülya Genc, um Saime Genc.“ Auch werde um Mevlüde Genc getrauert.

Das Staatsoberhaupt erinnerte an die Angst in der Zeit nach dem Anschlag: So seien in Solingen Strickleitern ausverkauft gewesen. „Die Menschen hatten Angst, sich im Notfall sonst nicht mehr aus dem oberen Stockwerk ihres Hauses retten zu können. In den Wohnungen standen damals Wassereimer bereit, um bei einem Feuer schnell löschen zu können. An den Klingelschildern und Briefkästen wurden alle fremd klingenden Namen abmontiert.“

Foto: president.gov.ua, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY 4.0

Steinmeier rückt die Tat in einen weiteren Kontext ein

Steinmeier erinnerte wie andere Redner auch an weitere Taten Rechtsextremer, die sich in das kollektive Gedächtnis eingegraben hätten, oder über die nicht viel gesprochen werde. Rechtsextreme und Rassisten verbreiteten Angst und Schrecken unter potenziellen Opfern, so der Bundespräsident.

„Ich nenne das: Terror. Dieser rechte Terror ist verantwortlich für die Toten hier in Solingen. Diesen rechten Terror gab es vor Solingen, und es gibt ihn nach Solingen. Es gibt eine Kontinuität von rechtsextremer und rassistischer Gewalt in unserem Land.“

Es brauche „einen wehrhaften, einen wachsamen, einen aufrichtigen Staat“. Steinmeier rief jede Bürgerin und jeden Bürger dazu auf, Verantwortung zu übernehmen, bei Übergriffen einzugreifen oder Lügen, Hass und Hetze zu widersprechen.

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) nannte den Anschlag in Solingen auf Twitter einen dunklen Tag. Und: „Mit Respekt für unsere vielfältige Gesellschaft können wir viel erreichen.“

Von einem „kollektiven Trauma“ sprach die Antidiskriminierungsbeauftragte des Bundes, Ferda Ataman, auf Zeit Online. Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, nannte Solingen in der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ eine „Zeitenwende“ im negativen Sinne.

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In Köln wurde an Rumi und sein Werk erinnert

Köln (iz). Jeder kennt ihn oder hat zumindest mal seinen Namen gehört: Mewlana Celaleddin Rumi. Am 17.12. jährt sich sein Todestag zum 749. Mal. In der Türkei ist es anlässlich dieses Tages üblich, an diesen großen Sufimeister zu erinnern, der vielleicht der bedeutendste Poet der Weltgeschichte ist. Diese Tradition, diese Form der Erinnerungskultur, möchte das Moscheeforum der DITIB-Zentralmoschee nun auch in Deutschland ins Leben rufen und lud am 11.12.2022 bereits zum zweiten Mal dazu ein, das Andenken Rumis zu pflegen. 

Şeb-i Arus nennt Scheikh Rumi selbst seinen Todestag. Das ist Persisch und bedeutet „Hochzeitsnacht“. Als Nacht der Vereinigung sieht er den Tod an. Der Tod sei kein Grund zur Trauer, ganz im Gegenteil: Der Tod sei das ersehnte Treffen mit Allah, dem Geliebten. In einem Gedicht sagt der Scheikh: „Ihr haltet es für einen Untergang, doch nein, es ist ein Aufgang.“ 

Steve Jobs, der bereits verstorbene Apple-Gründer, sagte in seiner bekannten Rede in Stanford, dass nicht einmal Gläubige sterben wollen würden, um ins Paradies zu kommen. Er irrte. Kannte er etwa Rumi und die Menschen, die in seiner Tradition stehen, nicht? Einer der Imame der Zentralmoschee trug wunderschöne Gesänge vor, begleitet von orientalischen Instrumenten wie der von Rumi besungenen Ney und auch Kanun, Trommel und Geige ertönten und versetzten uns Gäste in eine Atmosphäre, die an Konya erinnert. Zusätzlich zu den schönen Reizen des Ohres drehte sich ein Semazen, ein tanzender Derwisch, auf der Bühne. Dieser Anblick erinnerte mich sehr an Konya, das ich bereits mehrere Male besuchte, und weckte die Sehnsucht und den Willen es erneut aufzusuchen. 

Moderiert wurde die Veranstaltung auf Deutsch, die Gesänge fanden auf Türkisch statt. Zu Anfang erinnerte die Moderatorin daran, dass Scheikh Rumi als „Flüchtling“ nach Konya ging. Die damaligen Türken nahmen ihn auf und boten ihm Schutz und so wurde Scheikh Rumi zu einem Musterbeispiel dafür, wie ein Geflüchteter nicht nur die Beschützer, sondern die ganze Welt mit dem Reichtum seines Herzens bereichern kann. Ein Imam der Zentralmoschee trug die Poesie melodisch vor und vermittelte daneben Informationen auf Deutsch über Scheikh Rumi und dessen Geisteswelt. So trug er vor:

„Duydum ki bizi bırakmaya azmediyorsun, etme.
Başka bir yar, başka bir dosta meylediyorsun, etme.“

[Dt.: Ich hörte, du hast vor uns zu verlassen, tu es nicht.
Einem anderen Geliebten, einem anderen Freund willst du dich zuneigen, tu es nicht.]

Meine Begleitung selbst konnte kein Türkisch, doch war sie vom Klang und der Wirkung dieses ästhetischen Vortrags angetan. Es ist nicht immer nötig die Sprache zu verstehen, die Wirkung liegt zwischen den Zeilen, sofern die Menschen ihr Herz öffnen und mit sehnsuchtsvollem Ohr lauschen.

Ich lauschte. „Bischnev“ lautet das erste Wort im Mesnewi, „hör zu“. Ich hörte zu, wurde inspiriert und die folgende Verse fing ich sogleich zu schreiben an:

Wie lange willst du noch den Stein umkreisen, wie lang?
Ist nicht die Zeit das Herz nun zu umkreisen, ist‘s nicht?
Ist’s dir nicht bang die Form nur anzubeten, dir bang?
Wann wirst du lichter durch das Herz der Weisen, du Licht?

Hiermit möchte ich den Veranstaltern meinen Dank dafür aussprechen, dass sie uns in dieser durch und durch profanen Welt einen Moment lang den Geist Konyas in Köln haben schmecken lassen… danke! Möge Allah, der Ur-Liebende, die Initiatoren lieben und ihnen Ideen inspirieren, die uns als Menschen inspirieren und unsere Herzen nähren.

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