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Wir können wir in Gemeinschaft leben?

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Geht es um Gemeinschaft und Beisammensein kollidieren bei vielen Anspruch und Wirklichkeit bzw. eine Norm wird in Relation zur Realität gesetzt. 

(iz). Die Reaktionen waren in den letzten Jahren gemischt: Einige zogen sich ins Private zurück, mancher ging in die innermuslimische Öffentlichkeit, um Barrieren offen anzusprechen und andere verarbeiten das Thema idealistisch. Schaikh Habib Bewley, Schaikh Yousef Wahb & S. Wilms

Muslime und Gemeinschaft: Wo stehen wir?

Im November 2021 (mitten in der Pandemie) veröffentlichte Leonard Sezgin-Just seinen nachdenklichen Essay „Weitermachen: Fluchtpläne aus der geistigen Enklave“, in dem er auf die innere Lage der muslimischen Community in Deutschland einging.

Er stellte sich auch die Frage, ob es derzeit so etwas wie ein muslimisches Subjekt gebe. Er konstatierte, dass hinter einer „omnipräsenten Stimmung der Lähmung“ mehr steckt als „bloße Durststrecken in Einzelbiografien“. Damit tat er etwas Entscheidendes und dachte über unser Selbst nach und versucht eine Standortbestimmung, anstatt einer bloßen Reaktion auf dominante Diskurse.

Ebenso wichtig ist die Feststellung, dass wir es hier mit Menschen mit „einem ungeheuren intellektuellen und künstlerischen Potenzial“ zu tun haben. Ihre positive Möglichkeit wird zu selten von außen und innen gesehen.

Insbesondere gesamtgesellschaftlich gelten junge Muslime häufig als Problem, das zu behandeln wäre. Hier weist er auf etwas anderes hin: Trotz „aller Zersplitterungen und Verwerfungen“ sieht er bei ihnen ein „lebendiges Gruppenbewusstsein“.

Ob gewollt oder nicht führt der Autor damit in einen wichtigen Aspekt ein, der im innermuslimischen Gespräch leider randständig geblieben ist: Asabiyya, oder Gruppensolidarität, wie sie von Ibn Khaldun beschrieben wurde. Bedauerlicherweise wurde und wird sie von vielen als Tribalismus missverstanden.

Das behinderte bisher das ohnehin schwierige Wachstum eines Subjektcharakters. Ohne ein Mindestmaß ist die vom Autor gezeichnete Lage kaum aufzulösen. Ironischerweise ist gelegentlich bei intellektuellen MuslimInnen eine seltsame Dissonanz mit Community zu finden. Manche haben das in ihr Sprechen integriert, wenn sie betonen, „kein Teil einer Gemeinschaft“ zu sein.

imame gebet

Foto: Muslimische DiaLogen | Rat Berliner Imame

Warum Gemeinschaft?

Sie ist der Schlüssel zum Erfolg des menschlichen Wesens. Es gibt Dinge im Laufe des Lebens, die wir nicht alleine bewältigen können und nicht durch uns selbst überwinden können. Es ist egal, welche Strukturen wir errichteten. Isolation zerstört uns. Aber das Modell der Moderne ist eines des stetig anwachsenden Alleinseins, bei dem der Staat als Ersatz für Mitmenschen agiert.

Im muslimischen Denken ist sie klar die Antwort für Schwierigkeiten, aber es ist genauso offenkundig, dass jede Generation beobachtet, wie sie sich weiter auflöst. Also ist es unsere Aufgabe, sie wiederzubeleben. Wir kennen sie besser als die meisten anderen, denn wir wissen um ihre Bedeutung. Gemeinschaft bedeutet uns – immerhin normativ – noch etwas. Wir haben ein Maß an Geschwisterlichkeit und Dschama’at. Sie waren immer der Eckstein unseres großen Dins.

Wir wurden nicht von Allah geschaffen, um alleine als Einsiedler zu leben. Das bedingt Austausch und keinen Rückzug. Das Beispiel des Propheten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, war das Knüpfen von Bindungen und nicht ihre Trennung. Dieser Din ist einer der sozialen Interaktionen und der gemeinsamen Anbetung, nicht nur der individuellen ‘Ibadat.

Die Vervollkommnung aller Säulen des Islam findet sich nur in Gemeinschaft. Das Glaubensbekenntnis ist nicht besiegelt, solange es nicht bezeugt wird. Das Gebet ist bedeutungsvoller und wertvoller gemeinsam mit anderen.

Zakat wird nicht an sich selbst gezahlt, sondern an die Bedürftigen der Gesellschaft. Fasten lässt sich am besten mit Mitmenschen brechen. Das Bittgebet wird eher beantwortet, wenn es einen breiten Rahmen hat und mehr Menschen miteinbezogen werden.

Der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagte: „Die Hand der Barmherzigkeit Allahs ist mit der Gruppe.“ Diese Dschama’at, von der wir sprechen, ist nicht nur eine wahllos zusammengewürfelte Sammlung von Leuten.

Gesellschaft kann schädlich sein, wenn sie auf der Lüge basiert und nicht auf Wahrheit. Man muss nur die zerstörerische Wirkung eines Mobs betrachten. Menschen, die auf der persönlichen Ebene scheinbar zivilisiert und vernünftig sein können, können als Gruppe verrückt und irre handeln.

Das Geheimnis des Erfolgs in dieser Sache ist – wie bei allen anderen – Unterscheidungsvermögen (arab. Furqan). Diejenigen, mit denen wir Zeit verbringen, prägen unser Selbst. Sie werden einen auf ihr Niveau bringen – ungeachtet der eigenen Qualitäten –, bis man so wie sie wird. Das ist die unausweichliche Konsequenz von Gesellschaft. Die Folgen sind schnell zu spüren und können innerhalb von Wochen permanent werden.

Wer vierzig Tage mit einer Gruppe verbringt, wird einer von ihnen. Der Gesandte Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagte: „Männer folgen dem Din ihres engen Freundes. Also schaut genau hin, mit wem ihr euch anfreundet.“ Sind die Leute rechtschaffen bzw. handeln sie falsch? Verbringen sie ihr Leben mit nützlichen Dingen oder sinnloser Zeitverschwendung?

Wie sieht das angemessene Umfeld aus?

Sobald man die richtigen Menschen gefunden hat, soll man an ihrer Gesellschaft festhalten und sie niemals loslassen. Man sollte wissen, dass es zwei Arten von Gemeinschaft gibt – den breiteren sowie den inneren Kreis. Wir müssen beide haben, um sicher zu sein. Wir brauchen die zweite Stufe der Dschama’at, um wirklich überleben zu können.

Dieser Kreis korrespondiert mit unserem gelebten Alltag. Es sind die Leute, mit denen wir tatsächlich regelmäßig Zeit verbringen. Solch eine Gruppe von Männern und Frauen muss in der Lage sein, sich aufeinander zu verlassen – durch dick und dünn, Überfluss und Hunger.

Sie sind füreinander da – in den besten Zeiten und den schlimmsten. Solche Leute brauchen keine Katastrophen, um großzügig, liebend und menschlich zu sein. Sie sollten klar, offen und frei sein. Und es darf weder Tratsch noch üble Nachrede geben. In diesem Fall können wir nicht auf Erfolg hoffen.

Im Nachwort seines Buches „The Entire City“ schreibt Schaikh Dr. Abdalqadir as-Sufi: „Entscheidend sind einige wenige Gefährten für Gesellschaft im Dunklen.“ Ein Kreis von „Männern und Frauen, die nicht durch Blut oder Rang verbunden sind, sondern eine geteilte Qualität des Lebens, die reine Anbetung des Herrn der Welt verlangt. Ein anhaltender Wettstreit unter seinen Mitgliedern“ in Großzügigkeit, Hilfe, Wachstum, Lernen und gegenseitiger Sorge.

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Foto: Yaseer Booley

Muslimische Gemeinschaften haben auch Pflichten

Unsere Communitys haben nicht nur die Pflicht, Handlungen der Anbetungen wie dem Gebet zu etablieren, sondern müssen auch eine weite Spannbreite anderer wesentlicher sozialer und ökonomischer Dienstleistungen anbieten.

Als Gemeinschaft stehen wir in der Verantwortung, nach dem körperlichen, geistigen und spirituellen Wohlergehen des Anderen zu schauen. Der Gesandte Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagte: „Die Beziehung des Gläubigen zu einem anderen Gläubigen ist wie (die Ziegelsteine eines) Gebäudes: jeder stärkt den anderen.“

Religiöse Verpflichtungen haben viele Facetten im Recht. Dazu gehören einige, spezifische Handlungen wie das fünfmalige tägliche Gebet. Es gibt aber auch die Wahl zwischen einem Bestand an Pflichtangeboten wie die verschiedenen Möglichkeiten, ein gebrochenes Fasten wieder gut zu machen.

Juristen haben viele Belege für die Existenz von Gemeinschaftspflichten gesammelt. Dazu gehörten Qur’anverse in Hinblick auf die Verteilung wesentlicher Verantwortlichkeiten unter den Gemeinschaftsmitgliedern und die soziale Pflicht des Aufrufs zum Guten und der Verhinderung des Schlechten.

Wie es mehrheitlich unter Muslimen bekannt ist, bedeutet Fard Kifaya, dass ihre Erfüllung – durch eine unbestimmte Anzahl an Handlungspflichtigen (arab. mukallafin) – andere Mitglieder von ihr entbindet. Wenn niemand dies tut, dann stehen alle Teile in der Pflicht.

Aufgrund des breiten Spektrums bei Anwendungen von gemeinschaftlichen Obligationen haben einige Gelehrte sie entsprechend ihrer Vorteile kategorisiert; andere nach ihren Kontexten. Al-Ghazali beispielsweise übernahm eine dreigeteilte Taxonomie: religiös, weltlich oder gemischt. Auf der anderen Seite akzeptierten Al-Qarafi, As-Subki und Al-Zarkaschi einen Unterschied zwischen: 1.) was einmalig geleistet werden muss wie die Rettung eines Ertrinkenden und: 2.) was immer getan werden muss, wenn es nötig wird, wie Totengebete oder die Bildung von Kindern.

Verteilt über die Rechtsbücher finden sich Beispiele für diese Pflichten bzw. sie werden in Büchern zu juristischen Maximen wie As-Suyutis „Al-Aschbah wa’an-Nazir“ aufgezählt. Dabei lassen sich unterschiedliche thematische Schwerpunkte (in verschiedenen Schulen und nach objektiven Zielen) ausmachen.

Dazu gehören rituelle Handlungen, soziale Dienstleistungen und Wohlfahrt, der Aufruf zum Guten, Erziehung und Einladung zum Islam, die Verbreitung und Aneignung von Wissen oder bürgerliche Tugenden.

Entgegen dem heutigen Trend zur religiösen Individualisierung sind die Rituale der Anbetung oft gemeinschaftlich vorgesehen. Zwei der bekanntesten Beispiele sind die Bestattung von Toten und das Gebet für sie. Ein weiteres die Etablierung (mehr als nur die Verrichtung) des Gebets – der fünfmal täglichen, am Freitag, den Feiertagen sowie bei einer Mondfinsternis. Andere sind die Bestimmung der Gebetsrichtung, die Organisation des Hadsch und der gegebenenfalls nötige Moscheebau sowie ihr Unterhalt und Schutz.

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Wir und die Gesellschaft – vom Zusammenspiel der Kulturen und Religionen

gesellschaft

Ohne einen Begriff von „deutschen Muslimen“, der sich nicht biologisch ableitet, wird es auf Dauer schwer sein, ein anerkannter Teil dieser Gesellschaft zu werden.

(iz). Es scheint manchmal, dass der Islam vielen unserer europäischen MitbürgerInnen unheimlich ist. Über eine Milliarde Muslime, in all ihrer Widersprüchlichkeit, die Beobachtung diverser Auslegungen, kulturellen Prägungen, Praktiken, bis hin – leider – zu ideologischen Ausformungen stehen dem Ideal der vollständigen Kontrolle und Integration entgegen.

Auch Muslime hadern mit einer Balance zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft

Die Aufgabe erinnert so weit an das vergebliche Bemühen, die Naturgewalten zu beherrschen. Aber auch Muslimen fällt es heute schwer, eine neue Balance zwischen ihrem persönlichen Schicksal, der Einbettung in religiöse Gemeinden und ihrer gesellschaftlichen Rolle umzusetzen.

Ein Beispiel ist das vergangene, gemeinschaftlich verrichtete Id-Gebet, das tausende Gläubige auf öffentlichen Plätzen und Straßen zusammengeführt hat, aber von Teilen der Mehrheitsgesellschaft als „Machtdemonstration“ missdeutet und oft mit Argwohn begleitet wurde.

Die Frage stellt sich, in welcher Form wir uns an der Suche nach einem „Wir“-Gefühl in Deutschland beteiligen. Nicht zuletzt sind es Begriffe, wie kollektive Identität, Identitätspolitik oder, unter diesem Aspekt, „Ethnizität“ an die sich Muslime gewöhnt haben, ohne sich daran zu erinnern, wie sie vor kurzer Zeit erst im Wortschatz unserer politischen Rede aufgetaucht sind.

Die Gefahr, Anderen im Umgang mit ihnen, mit gleicher Ideologie zu begegnen, ist offensichtlich. Zudem verhindern die bestehenden ethnischen Trennlinien das inner-islamische Zusammengehörigkeitsgefühl. Ohne einen Begriff von „deutschen Muslimen“, der sich nicht biologisch ableitet, wird es auf Dauer schwer sein, ein anerkannter Teil dieser Gesellschaft zu werden.

Reflexionen Delinquenz Jugendliche Silvester Kultur Sozial

Foto: imago stock

Ausgangspunkt ist die Nähe zu den Ursprüngen

Ausgangspunkt für eine Neujustierung der Rolle von Muslimen in modernen Staaten ist neben der religiösen Praxis an sich, ihre Nähe zu den Ursprüngen. Die erste Gemeinschaft in Medina gilt als Vorbild für ein vom Islam geprägtes Leben. 

Jeder Bund zwischen Menschen entwickelt ein Eigeninteresse, welches sich an den alltäglichen Zielsetzungen der Lebensführung der Mitglieder bemisst, die entsprechend miteinander verflochten sind.

Dabei ist es klar, dass es in unserer Zeit längst faktische Grenzen der Vergemeinschaftung gibt. In modernen Staaten bilden soziale Akteure nur begrenzt autarke und selbstbestimmte „Gemeinschaften“. Es ist Muslimen praktisch nicht möglich, zu jedem Zeitpunkt in allen ihren Beziehungen gemeinsame Ziele zu verfolgen oder jegliche Handlungen als Gruppe durchzuführen.

Ohne eine Partizipation in den Institutionen des Staates ist die Community nicht lebensfähig; und verzichtet sie auf den Konsens mit den Grundwerten der Verfassung, bleibt sie langfristig ein Fremdkörper.

Foto: r.classen, Shutterstock

Der Unterschied stammt aus dem 19. Jahrhundert

Das Verständnis über den grundsätzlichen Unterschied zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft stammt von Ferdinand Tönnies. Der Soziologe entwickelte im 19. Jahrhundert den Ansatz, dass „Gemeinschaft“ und „Gesellschaft“ den Gegenstand der „Soziologie“ ausmachen.

In der Theorie schließen sich die beiden Begriffe aus; in der empirischen Welt, dem Feld der angewandten Wissenschaft, erscheinen sie hingegen nach Tönnies immer gemischt. Genau hier liegt der Ansatz, das Zusammenspiel von Gemeinschaft und Gesellschaft aus muslimischer Sicht zu aktualisieren.

Die Herausforderungen für eine derartige Symbiose sind nicht neu. Das Spannungsverhältnis zwischen alternativen Entwürfen und der Mehrheit hat in Europa eine lange Geschichte.

In Ascona, im schweizerischen Tessin, entdeckt man beim Aufstieg auf den Monte Verità Spuren dieser Historie. Es ist die Zeit der Aussteiger. Hier – wie in vielen anderen Orten in Europa – hat sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine bunte Schar von Sinnsuchenden, Revolutionären, Künstlern und Vegetariern zusammen gefunden. Das Ziel der Suchenden war es, in einer von Krieg und Technik beherrschten Welt, das Leben zu reformieren und wieder näher an die Natur und die Sphäre göttlicher Weisheit zu rücken.

„Wahrheit und Freiheit in Denken und Handeln sollten künftig als teuerster Leitstern ihr Leben begleiten“, beginnt Ida Hofman ihren Bericht über die Gründung der Kolonie. Die Atmosphäre mit dem Blick auf den Lago Maggiore ist einmalig: Zu besichtigen ist der Park mit den Lichthütten, die traditionelle Teestube, die Freilichtbäder und ein von den „Sonnenleuten“ angelegter Tennisplatz.

Der Versuch, eine nachhaltige Gemeinschaft auf Grundlage diverser Entwürfe, die zwischen fernöstlicher Religion, Naturliebe, Kunst und Philosophie angesiedelt waren, zu gründen, scheiterte.

1925 übernimmt der deutsche Bankier und Kunstsammler, Eduard von Heydt, die Anlage. Er lässt ein Kongresszentrum im Bauhaus-Stil bauen. Immer mehr Touristen kommen auf den „Berg der Wahrheit“ und träumen über neue Ideen der Entfaltung. Bis heute diskutieren Philosophen und Künstler die Möglichkeit, unsere technologisch geprägten Gesellschaften, mit der Sehnsucht nach sozialer Nähe zu versöhnen.

Hermann Hesse: Einen Kern in uns bewahren

Ein berühmter Gast auf dem Berg war der deutsche Schriftsteller Hermann Hesse. Mit der Bewegung sympathisiert er, ohne aber den institutionellen Charakter der Lebensreformer je ernst zu nehmen. Später wird der Nobelpreisträger im nahegelegenen Montagnola sein eigentliches Domizil und ersehntes Exil finden.

Im Jahr 1948 hatte Hesse erklärt, was das Schicksal des Menschen aus seiner Sicht entscheiden wird: „Wir wollen womöglich einen Kern in uns bewahren, ein eigenes Schwergewicht, das uns daran hindert, mit in die sinnlose zentrifugale Schwingung gerissen zu werden, die immer unheimlicher wird und fern aller Politik sich in Tempo, Hetze und Unrast äußert.“

Wer sich für das Verhältnis von Individualität, Gemeinschaft und Gesellschaft interessiert, findet in der Gedankenwelt des Außenseiters einigen Stoff. In seinem letzten Werk, dem Glasperlenspiel, entwirft der Schriftsteller, unter dem Eindruck des 2. Weltkrieges, eine Vision einer pädagogischen Provinz mit dem fiktiven Namen Kastalien.

Das Buch dreht sich um ein zentrales Leitmotiv: „Das Glasperlenspiel ist ein Spiel mit sämtlichen Inhalten und Werten unserer Kultur, es spielt mit ihnen, wie etwa in den Blütezeiten der Künste ein Maler mit seiner Palette gespielt haben mag.“ 

Die Leser werden an einen respektvollen Umgang mit den geistigen Phänomenen erinnert, sei es das Christentum oder Judentum, bis hin zu fernöstlichen Weisheitslehren, die seit Jahrhunderten in der Gesellschaft wirken. Wichtige Teile dieser Bildung, mit ihrem interdisziplinären Ansatz, sind neben den Geisteswissenschaften ebenso die Mathematik und die Musik.

Die Lebensgeschichte von Josef Knecht, der zum Meister des Spiels wird, zeigt, dass das harmonische Zusammenspiel von Kulturen, Wissenschaften und Religionen keine Utopie sein muss.

Eine der Maximen des Protagonisten lautet dabei wie folgt: „Wir sollen nicht aus der Vita Aktiva in die Vita Kontemplativa fliehen, noch umgekehrt, sondern zwischen beiden wechselnd unterwegs sein, in beiden zu Hause sein, an beiden teilhaben.“ 

Knecht unterwirft sich den Regeln und Hierarchien der fiktiven Ordensprovinz Kastanien. Aber seine Einordnung in eine Gemeinschaft sei – so Hesse – nicht das Zeichen eines Mangels an Persönlichkeit, sondern eines Plus an Individualität.

Elf Jahre lang schrieb Hesse an seinem letzten großen Werk. Über die Reaktionen war er eher enttäuscht, insbesondere bemängelte er, dass das „Glasperlenspiel“ langsam zum Inbegriff für ein weltfremdes Leben im Elfenbeinturm wurde. Der Nobelpreisträger sah darin – wie sein Biograf Alois Prinz berichtet – ein grobes Missverständnis.

Der Schriftsteller wusste durchaus, dass der Glasperlenspieler der Weltgeschichte angehört und von politischen Änderungen beeinträchtigt wird. Neben dem Aufruf zu einem gesellschaftlichen und sozialen Engagement ist das Ideal einer ganzheitlichen, dem Menschen dienenden Wissenschaft und das Bewusstsein, dass das freie Spiel zwischen den geistigen Kräften von Ideologen aller Couleur gefährdet wird, nach wie vor aktuell.

Die Botschaft ist klar: Der spielerische Umgang mit den Kulturen und Ideologie schließen sich aus. Für Muslime liegt hier die künftige Herausforderung, das heißt, die Aufgabe an der notwendigen Neuauflage dieses Spiels aktiv und verstehend teilzunehmen.

Foto: Maria Lupan, Unsplash

Bedeutung von Architektur für das soziale Leben

Neben den geistigen Voraussetzungen für einen fruchtbaren Austausch zwischen alternativen Gemeinschaften und der Gesellschaft wurde Anfang des 20. Jahrhunderts die Bedeutung der Architektur für das soziale Leben entdeckt. Die Idee, Kunst und Technik, Handwerk und Wohnen in einer solidarischen Gesellschaft zu verknüpfen, gehört zu den Gründungsgedanken des Weimarer Bauhauses.

Die Visionäre entwarfen zunächst Modelle für die Modernisierung des klassischen Einfamilienhauses, planten aber bereits größere Anlagen, mit Gemeinschaftsgebäuden und sozialen Einrichtungen. Der Bedarf an Wohnraum, im Zusammenspiel mit innovativen Bautechniken führten zu einer Revolution des Wohnungsbaus.

In „Sphären III“ erzählt der Philosoph Peter Sloterdijk die Entwicklung einer modernen Philosophie der Architektur. Am Beispiel des Architekten Le Corbusier und seiner Idee der „Wohnmaschine“ wird die Auflösung der traditionellen Allianz von Eigenheim und Sesshaftigkeit deutlich. In den zwanziger Jahren schreibt er: „Man muss das Haus wie eine Maschine oder ein Werkzeug zum Wohnen betrachten … ein Haus wie ein Auto konzipiert und eingerichtet wie ein Auto oder eine Schiffskabine.“

Die neuen großen Wohnblöcke, die bald auf der ganzen Welt entstehen, gleichen sich und sind nur lose an ihr historisches Umfeld angeknüpft. 

Das Ergebnis ist aus menschlicher Sicht eher ernüchternd: Die Siedlungen schaffen ein soziales Niemandsland, von Individuen bewohnt, die sich kaum gegenseitig kennen. Die Suche nach Alternativen dauert bis heute an. Schon in der Bauhaus-Zeit wird parallel mit kleinen mobilen Häusern, Wohnwagen, Containern und Zelthäusern experimentiert, die sich an alte Wohnformen der Nomadenvölker anlehnen.

Sloterdijk formuliert diese Grundidee wie folgt: „Das mobile Haus definiert sich als wandernde architektonische Monade, die ihrem Einwohner darin kongenial geworden ist, dass das Haus wie der Besitzer sich auf Freiheit der Kontextwahl berufen.“

Und heute? Den eigenen sozialen Kontext frei zu bestimmen, hier liegt das Problem, wird immer mehr zur ökonomischen Frage. Fakt ist, ein Eigenheim zu bauen oder nur eine Wohnung zu halten, verschlingen beachtliche Ressourcen und die Finanzierung wird schnell zum einzigen Lebensinhalt. In den Großstädten werden etwa 29 Prozent des Einkommens für Mieten aufgebracht.

Hinzukommt der Mangel an Wohnraum; ein Phänomen, das längst ein Politikum ist. Die Lage am Wohnungsmarkt ist angespannt, viele Berufstätige ziehen um – durchaus nicht freiwillig – und sind auf der verzweifelten Suche nach möglichst billigen Wohnungen.

Die Vision, der sozialen Gemeinschaft einen architektonischen Ausdruck zu geben, ist heute kaum umzusetzen; gleichzeitig werden Depressionen und das Gefühl der Einsamkeit zu einer gesellschaftlichen Realität. Hierher gehört das Problem, dass Moschee-Anlagen, die das Stadtviertel beleben sollen, aber keinen Platz für soziale Aktivitäten und Raum für das Einladen der Nachbarschaft bieten, die Ideologisierung und Isolierung der Gläubigen fördert.

Eine Neuauflage des Glasperlenspiels braucht nicht nur eine geistige Idee, sondern den entsprechenden öffentlichen Raum. Die Lage in unseren Großstädten ist ernst. Pessimisten befürchten eine Verödung der Innenstädte, den Streit zwischen Bevölkerungsgruppen und eine wachsende Dynamik der sozialen Unterschiede.

In seinem neuen Buch „Der Geist der Hoffnung“ schreibt der Philosoph Byung-Chul Han: „Im Gegensatz zum positiven Denken wendet sich die Hoffnung von den Negativitäten des Lebens nicht ab. (…) Außerdem vereinzelt sie die Menschen nicht, sondern verbindet und versöhnt sie. Das Subjekt der Hoffnung ist ein Wir.“

Es wird die entscheidende Frage sein, ob es uns gelingt, mit der Mehrheitsgesellschaft in einen konstruktiven Austausch einzutreten und ob die politischen Verhältnisse der muslimischen Gemeinschaft einen würdevollen Platz in der Mitte der Gesellschaft erlauben.

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Muslime und Politik: Sind wir ein handelndes Subjekt?

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Vertrauen: Wie können wir es aufbauen und bewahren?

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Sinau Bareng – ein Javanisches Lernkonzept

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Sinau Bareng ist ein Konzept, dass den Lehrenden Demut und Bescheidenheit lehrt ohne seine Autorität als Lehrer zu gefährden.  (iz). In der javanischen Tradition gibt es ein tief verwurzeltes Konzept, […]

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Kommentar: Wir benötigen Denkfabriken

(iz). Muslime besitzen Moscheen, in die sie gehen können, um Gebete zu verrichten, Ruhe zu finden, bei Tee und Kaffee Freunde zu treffen. Im Hort der Moschee können sie die […]

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Frauen verbesserten ihr Umfeld durch das islamische Stiftungswesen

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Eine neue Form der Identität (2)

Zur ersten Krise kam es nach dem Tod des Propheten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben. In diesem Moment standen die Ansar kurz davor, in ihre bisherige Stammesordnung […]

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Teil der gleichen Menschheit

„Oh, die ihr glaubt! Vermeidet häufigen Argwohn, denn mancher Argwohn ist Sünde. Und belauert nicht und führt nicht üble Nachrede übereinander. Würde wohl einer von euch gerne das Fleisch seines […]

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Laila Massoudi erinnert daran, dass unsere Lebensweise kein schwer beladenes Jammertal ist

(iz). Es gibt eine Überlieferung, in welcher der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, von vielen seiner Gefährten auf einmal nach der Erlaubnis beziehungsweise dem Verbot dieser oder jener Sache befragt wurde. Als er ihren besorgt-erregten Zustand sah, erinnerte er, Allahs Heil und Segen auf ihm, sie mit seinen Worten daran, dass der Din Allahs eine Erleichterung ist. Diese Begebenheit, und das in ihr geborgene Wissen, ist für unsere schwierige Zeit gleich mehrfach von erheblicher Bedeutung und sie ist unserer Erinnerung wert.

Die fortschreitende soziale Atomisierung – auch innerhalb der muslimischen Gemeinschaft – sowie das Abbröckeln tradierter Wege unserer Wissensvermittlung zwischen den Generationen sowie horizontal im Rahmen einer lebendigen sozialen Situation haben bei jüngeren Generationen auch eine gewisse Unsicherheit hervorgerufen. Vor mehr als zehn Jahren war ich in einer türkischen Moschee in Köln zu Besuch. Dort hing im Waschraum ein Schild, eine türkische Schwester hatte es mir vorgelesen, auf dem stand: „Wir haben unser Wudu’/Abdest nicht aus Büchern gelernt, sondern weil wir den Älteren die Wasserkanne während der Waschung gehalten haben.“

In einem gesunden sozialen Rahmen – Eltern wissen aus eigener Erfahrung, wie wichtig es ist, den Kindern ein normales Gefühl der Geborgenheit zu geben – ist der Din unaufgeregte Normalität. Das bedeutet auch, dass alltägliche Fragen, Lebenspraxis und Glaubenswirklichkeit betreffend, auch relativ unaufgeregt abgehandelt werden können. Wir sind in einer solchen Situation von Frauen und Männern umgeben, von denen wir quasi osmotisch lernen können.

Heute ist das oft anders; gerade auch, weil für viele Jüngere das kontextlose Internet einen erheblichen Einfluss bei der Bildung ihrer muslimischen Identität hat. Und so kann es nicht verwundern, wenn tertiäre beziehungsweise banale Fragen auf einmal mit Vokabeln wie „halal“ oder „haram“ aufgeladen werden, und dementsprechend inneren Stress bei den Betroffenen erzeugen.

Nach außen hin, in Richtung unserer Mitwelt, steht unsere Lebensweise oft unter dem einen oder anderen Verdacht. Mit anderen Worten, viele Menschen haben Angst vor dem „Islam“ – oder was sie dafür halten. Hier stehen wir in der Pflicht (von der Not ganz zu schweigen), unseren Nachbarn und Mitmenschen zu zeigen, dass sie vor dem ­Islam keine Angst zu haben brauchen, weil er eine Erleichterung und eine Barmher­zigkeit ist. Oder, wie ein guter Freund es gewohnheitsmäßig formulierte: Die Menschen müssten nicht den Din fürchten, aber sehr wohl Allah, den Herrn der Welten. Um das tun zu können, muss natürlich auch der Wille bei Muslimen vorhanden sein, den Schatz des Islam mit ihren Nachbarn zu teilen…

Um die Erinnerung daran zu erleichtern, dass Allahs Din eine Erleichterung und barmherzig ist, hilft es auch, wenn wir uns vor Augen führen, dass Allah selbst sich Barmherzigkeit vorgeschrieben hat.

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