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Goethe, Molla Dschami und die Sprache des Islam auf Deutsch

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Problem der Sprache: Wer islamische Inhalte nur in den Vokabeln von Moral, Pflicht und Regel wiedergibt, sagt oft zu wenig. Warum es sich lohnt, nach einer reicheren Fülle der Worte für das geistige Erbe des Islam zu suchen.

(iz). Als Johann Wolfgang von Goethe im Jahr 1815 seinen West-östlichen Divan ankündigt, geschieht etwas, das bis heute zu wenig beachtet wird. Goethe eröffnet sein Projekt nicht im luftleeren Raum und auch nicht bloß aus romantischer Schwärmerei für den Orient.

Er stellt sich vielmehr bewusst in eine geistige Nachbarschaft zu den großen Stimmen der persisch-islamischen Dichtung und Gelehrsamkeit. Schon auf dem Titelblatt zollt er mehreren Werken und ihren Autoren seine Verehrung. Neben Firdusi, Rumi, Feriduddin Attar, den Moallakat und dem „staunenswerten Koran des Paradieses“ findet sich dort auch Molla Dschami mit seinem Werk „Tohfat ahra“.

Dieses Werk bezeichnet Goethe als „edelsinnig“. Dieses Wort ist kein beiläufiges Lob und kein dekorativer Zusatz. Es ist ein sehr genau gewählter Begriff. Goethe erkennt in Molla Dschami etwas, das er mit einem seiner höchsten deutschen Wertwörter benennt: eine innere Vornehmheit des Geistes und des Herzens.

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Sprache und Begriffe repräsentieren Kulturen

Gerade dieses Wort verdient heute unsere Aufmerksamkeit. Denn „edelsinnig“ ist im heutigen Deutsch fast ausgelöscht. Wenn es überhaupt noch verstanden wird, dann oft nur im Sinne von „gut“, „anständig“ oder „moralisch“. Doch das ist für Goethe zu wenig.

Wer sich mit seinem Sprachgebrauch beschäftigt, erkennt schnell, dass Edelsinn für ihn weit mehr bedeutet als bloß korrektes Verhalten. Gemeint ist eine veredelte innere Gesinnung, eine Haltung, in der Würde, Großmut, Selbstüberwindung, Freiheit vom Niedrigen und menschliche Reife zusammenkommen.

Ein edelsinniger Mensch handelt nicht nur gut, sondern er ist innerlich so geformt, dass aus ihm das Gute hervorgeht. Goethe meint damit also nicht bloß Tugend im äußeren Sinn, sondern eine Art Adel der Seele.

Damit wird auch verständlich, warum er ausgerechnet Molla Dschamis „Tohfat ahra“ so bezeichnet. Dieses Werk ist kein Roman, keine bloße Erbauungsschrift und auch keine Sammlung isolierter Moralregeln. Es ist vielmehr ein geistiges Lehrgedicht, eine Schule der inneren Formung.

Molla Dschami behandelt Grundthemen des menschlichen und geistigen Lebens: die Vergänglichkeit der Welt, die Gefahr des Hochmuts, den Wert von Demut und Genügsamkeit, die Läuterung des Nafs, die Bedeutung von Aufrichtigkeit, Geduld, Dankbarkeit, Liebe, Reue und Gottesnähe.

Das Ziel all dieser Kapitel ist nicht einfach, den Menschen zu einem „braven“ Menschen zu machen. Molla Dschami will den Menschen verwandeln. Er will ihn aus dem Zustand innerer Zerstreuung, Eitelkeit und Selbstbezogenheit herausführen und zu einem Wesen formen, das wahrhaft, geläutert, frei und gottbezogen lebt.

Genau darin liegt die Nähe zu Goethes Begriff des Edelsinns. Denn auch Goethe denkt den Menschen nicht als bloßes Regelwesen. Ihn interessiert nicht nur, ob ein Mensch Vorschriften einhält, sondern welchen innere Geist ein Mensch besitzt. Edelsinn meint bei ihm eine Seele, die sich über das Niedrige erhebt, ohne künstlich zu werden.

Es ist eine Haltung, in der sich ethische Höhe und menschliche Schönheit verbinden. Wer edelsinnig ist, ist nicht kleinlich, nicht roh, nicht eitel und nicht von bloßem Nutzen bestimmt.

Er ist innerlich frei genug, um sich am Höheren auszurichten. „Ahrar“ ist der Plural des Wortes „hurr“, was frei bedeutet. Wenn Goethe also Molla Dschamis Werk „edelsinnig“ nennt, dann erkennt er darin genau diesen Zug: eine Literatur, die den Menschen nicht nur belehrt, sondern ihn innerlich veredeln will.

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Die angemessenen Begriffe finden

Hier beginnt ein Punkt, der für Muslime im deutschsprachigen Raum von großer Bedeutung ist. Denn wenn islamische Begriffe und Texte ins Deutsche übertragen werden, geschieht häufig eine sprachliche Verarmung. Begriffe wie İhlâs, Adab, Tazkiya, Sabr oder Aşk werden oft in flache, rein funktionale oder moralische Formeln übersetzt.

Dann heißt es: Aufrichtigkeit, gutes Benehmen, Reinigung, Geduld, Liebe. Das ist nicht falsch, aber es bleibt oft unterhalb dessen, was diese Begriffe eigentlich tragen. Vor allem entsteht dadurch schnell der Eindruck, der Islam spreche vor allem über Regeln, Pflichten und Moral.

Doch das greift zu kurz. Die islamische Geistestradition spricht nicht nur über das richtige Handeln, sondern über die Veredelung des Menschen. Sie spricht über die Bildung des Herzens, über Läuterung, Charakteradel, Würde, Feinheit, innere Form und Gottesnähe.

Genau an dieser Stelle wird Goethes Wort Edelsinn fruchtbar. Es eröffnet im Deutschen einen Resonanzraum, in dem islamische Begriffe nicht flach und nicht fremd, sondern tief und anschlussfähig zur Sprache kommen können.

Wenn wir etwa sagen, dass das Ziel islamischer Ethik nicht nur „Moral“ ist, sondern Edelsinn, dann rückt plötzlich etwas in den Vordergrund, das der Tradition viel gerechter wird. Dann geht es nicht mehr bloß darum, was erlaubt oder verboten ist, sondern darum, welche Art Mensch aus der Beziehung zu Allahu ta‘ala hervorgehen soll.

Ein Mensch, der demütig ist, nicht weil er schwach ist, sondern weil er innerlich geordnet ist. Ein Mensch, der barmherzig ist, nicht aus sozialem Kalkül, sondern aus veredelter Seele. Ein Mensch, der wahrhaftig ist, weil sein Inneres nicht mehr von Eitelkeit und Schein zerrissen wird.

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Klassische Sprachgewandtheit macht Islam auf Deutsch erfahrbar

Deshalb reicht es eben nicht aus, islamische Theologie auf Deutsch nur als „moralisch“ zu bezeichnen. Das Wort „moralisch“ ist zu trocken und zu modern verwaltet. Es klingt schnell nach Regelwerk, Pflichtgefühl und normativer Kontrolle. Viele klassische islamische Texte zielen aber auf etwas Tieferes. Sie wollen nicht nur Verhalten regulieren, sondern den Menschen innerlich emporheben.

Dafür braucht das Deutsche stärkere, schönere und wahrere Begriffe. Edelsinnig ist ein solcher Begriff. Er ist nicht kitschig, nicht schwammig und nicht bloß literarisch dekorativ. Er trägt eine geistige Höhe in sich, die dem islamischen Menschenbild oft näherkommt als die meisten gängigen Vokabeln unserer Gegenwart.

Gerade deshalb sollten Muslime Goethes Sprache nicht nur bewundern, sondern fruchtbar machen. Das heißt nicht, dass man Goethe unkritisch übernehmen oder die islamische Tradition in deutsche Klassik auflösen sollte.

Es bedeutet vielmehr, dass man das Deutsche auf seiner eigenen Höhe sucht. Wer islamische Inhalte nur mit Verwaltungsdeutsch, Pädagogikdeutsch oder modernem Alltagsvokabular ausdrückt, wird ihnen oft nicht gerecht.

Unsere Aufgabe ist nicht nur, Begriffe zu übertragen, sondern einen sprachlichen Raum zu schaffen, in dem die Tiefe der islamischen Tradition im Deutschen wirklich atmen kann. Dazu gehört, alte deutsche Wörter neu ernst zu nehmen, wenn sie noch etwas von Seele, Würde und geistiger Form bewahren.

Dass Goethe ausgerechnet Molla Dschamis Tohfat al-Ahrar als „edelsinnig“ bezeichnet, ist deshalb mehr als eine literarische Randnotiz. Es ist ein Hinweis. Ein Hinweis darauf, dass zwischen der islamischen Weisheitsliteratur und der deutschen Sprachkultur eine tiefere Verbindung möglich ist als viele heute ahnen.

Goethe hat Molla Dschami nicht exotisch gelesen, sondern geistig ernst genommen. Und genau darin liegt eine Aufgabe für uns heute: nicht nur den Islam ins Deutsche zu übersetzen, sondern ihn in einer Sprache auszusprechen, die hoch genug ist, um ihn zu tragen.

Denn am Ende ist die Frage nicht nur, was wir sagen, wenn wir über islamische Theologie sprechen. Die entscheidende Frage ist auch, in welcher sprachlichen Höhe wir es sagen. Und vielleicht beginnt ein Teil dieser Antwort tatsächlich mit einem fast vergessenen Wort: Edelsinn.

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Angebot: Lernen mit Goethes „Italienische Reise“

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Bildungs- und Vortragsangebot: Goethes „Italienische Reise“ ist weit mehr als ein klassisches Reisetagebuch – sie ist ein innerer Erfahrungsweg.

Goethes „Italienische Reise“ ist weit mehr als ein klassisches Reisetagebuch – sie ist ein innerer Erfahrungsweg, eine poetische Selbstvergewisserung und ein kulturgeschichtliches Dokument von seltener Intensität.

(iz). Wer heute durch Italien reist – von Verona bis nach Palermo –, begegnet unweigerlich den Spuren dieses großen deutschen Dichters. In unserem Vortrag greifen wir Goethes Weg auf, setzen seine Beobachtungen in Beziehung zu eigenen Erfahrungen vor Ort und fragen nach dem tieferen Sinn des Reisens: damals wie heute.

1. Einführung in Goethes Werk und seine Motivation

Zu Beginn des Vortrags wird das Werk Goethes in seinem zeitgeschichtlichen Kontext vorgestellt. Wir thematisieren die Beweggründe für die Reise – seinen Wunsch nach künstlerischer und persönlicher Erneuerung –, sowie die Entstehung des Buches, das über viele Jahre hinweg als Reisetagebuch und Reflexion entstand. 

Dabei aktualisieren wir das Werk unter anderem im Hinblick auf das heutige Phänomen der künstlichen Intelligenz: Wie verändert sich unser Zugang zur Welt, zur Erfahrung und zur Bildung, wenn Maschinen Wahrnehmung und Wissen simulieren können? Goethe steht dabei exemplarisch für ein analoges, unmittelbares Erkenntnisstreben, das durch Präsenz und Selbstbeobachtung geprägt ist.

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2. Die Idee der Metamorphose

Ein zentrales Thema des Vortrags ist sein Konzept der „Metamorphose“. Die Vorstellung stetiger Wandlung durch äußere Eindrücke und innere Reifung prägt sowohl das Werk als auch seine persönliche Entwicklung auf seiner Reise. Wir zeigen, wie dieser Begriff leitend für Goethes Denken und Wahrnehmen wurde.

3. Die Stationen der Reise

Die Reiseroute führt über Oberitalien nach Rom, weiter in Richtung Neapel und schließlich bis auf Sizilien.

Der Vortrag beschreibt nicht nur die geografischen Stationen, sondern ebenso Goethes Beobachtungen über Kunst, zur Natur und den gesellschaftlichen Sitten, die er präzise und oft begeistert festhält.

4. Der Vulkan als Metapher

Am Beispiel des Vesuvs zeigen wir, wie er Naturphänomene als Spiegel innerer Zustände begreift. Der Vulkan steht exemplarisch für den Mut des Dichters, seine Neugier und seine leidenschaftliche Liebe zur Natur. Die metaphorische Deutung verdeutlicht Goethes schöpferischen Zugang zur Wirklichkeit.

Foto: imago/Herb Hardt

5. Sizilien als poetischer Höhepunkt

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem letzten Abschnitt der Reise: Sizilien. In Palermo, Agrigent und am Ätna erlebt Goethe eine Steigerung seiner sinnlichen und poetischen Wahrnehmung.

Wir vergleichen diese Eindrücke mit unseren eigenen Erfahrungen vor Ort und reflektieren über den bleibenden Reiz der dortigen Kultur und Landschaft.

6. Vom Reisen als Erkenntnisweg

Abschließend fragen wir nach dem tieferen Sinn des Reisens. In Goethes Fall wird der Weg zu einem Prozess der Transformation, geprägt durch Tugenden wie Geduld, Aufmerksamkeit und Offenheit.

Wir führen hierzu den Begriff der „Konstellation“ ein: das bewusste Zusammenspiel von innerem Zustand und äußerer Umgebung, das neue Erkenntnis ermöglicht.

7. Vortrag in drei Teilen oder als Zusammenfassung

Der Vortrag ist in drei thematisch gegliederte Abschnitte zu je 45 Minuten gegliedert. Alternativ bieten wir eine zusammenhängende Version mit einer Gesamtlänge von 75 Minuten an.

Kontakt und weitere Informationen: Infos per PM (an den Autor) oder über die IZ-Redaktion. Bei Interesse freuen wir uns über Ihre Anfrage. Der Vortrag kann für Gruppen zusätzlich Teil eines Besuchsprogramms in Weimar sein.

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Dornach: Inspirationen aus Goethe ziehen

Ein Mann steht vor einem großen, geschwungenen Sichtbetonbau; links am Gebäude hängt ein Plakat zu Rudolf Steiner, „Leben und Werk 1861–1925“.

IZ-Reiseblog: Unser Autor macht im schweizerischen Dornach halt. Über Steiners Versuch, praktisch Lehren aus Goethe zu ziehen.

(iz). „Ein Zwischenfall ohne Folgen“ – mit diesen Worten kommentierte Friedrich Nietzsche die Wirkung Johann Wolfgang von Goethes auf die Deutschen. Doch blieb der Meister des ganzheitlichen Denkens, der Kunst, Naturwissenschaft und Geist verband, wirklich folgenlos?

Dornach: Beispiel für Inspiration durch Goethe

Die Antwort lautet: nein. Seine lebendige Synthese inspirierte im 20. Jahrhundert nicht nur einzelne Denker, sondern ganze Bewegungen, die versuchten, das Vermächtnis des Weimarer Dichterfürsten neu zu gestalten.

Zwei der einflussreichsten Strömungen des frühen 20. Jahrhunderts – die Bauhaus-Bewegung und die Anthroposophie Rudolf Steiners – suchten nach einer neuen Einheit von Kunst, Leben und Gesellschaft.

Während das Bauhaus mit klarer, funktionaler Formensprache und rational-utopischem Anspruch den Weg in die Moderne wies, orientierte sich die Anthroposophie an einer spirituellen Weltanschauung, die organische Formen und eine tiefe Verbindung von Gestaltung und geistigem Erleben betonte.

Beide verstanden Kunst und Handwerk als Mittel zur Erneuerung des Menschen und der Gesellschaft. Das Bauhaus setzte auf Technik, Geometrie und demokratische Massenbewegung, während Steiner individuelle Bewusstseinsentwicklung und eine metaphysische Sicht auf die Welt ins Zentrum stellte.

Kein beendetes Kapitel

Goethes Vermächtnis ist mitnichten ein abgeschlossene Geschichte, sondern eine offene Einladung zur stetigen Aktualisierung. Gerade heute, im vielschichtigen Europa, kann diese Erneuerung nur gelingen, wenn sich unterschiedlichste kulturelle und geistige Perspektiven begegnen.

Hier treten europäische Muslime als bedeutende Stimme hinzu. Ihr Leben zwischen Tradition und Moderne sowie islamischer Spiritualität und europäischer Aufklärung, eröffnet einen fruchtbaren Dialograum. Für uns ergeben sich daraus wesentliche Fragen: Wie sieht unser Konzept von sozialem Leben, Architektur, Kunst, Landwirtschaft, Ökonomie oder Gesundheit konkret aus – oder bewegen wir uns nur noch in einer abstrakten religiösen Theorie?

Auf dem Rückweg aus Italien besuchen wir den Weltsitz der anthroposophischen Bewegung in Dornach. Über den sanften Hügeln nahe des Rheins erhebt sich das Goetheanum – ein Bauwerk, das mehr ist als Architektur: ein Manifest aus Beton, Form und Idee.

Foto: Abu Bakr Rieger

Steiner auf der Suche nach einer Vision

Entworfen von Rudolf Steiner (1861–1925), dem Begründer der Anthroposophie, formuliert das Gebäude in seinen geschwungenen Linien, asymmetrischen Fenstern und plastischen Flächen eine eigene Sprache – eine, die nicht trennt, sondern verbindet: Kunst und Wissenschaft, Materie und Geist, Mensch und Kosmos. In Dornach ist eine ganze Siedlung entstanden, die den Anspruch eines anderen Lebens symbolisiert.

Wir sind hier, um die aktuelle Ausstellung über das Leben und Werk Steiners zu besuchen. In den Räumen begegnen wir einer normativen Vision für eine menschenwürdige, gerechte Gesellschaft – eine, die nicht nur beschreibt, wie die Welt ist, sondern fragt, wie sie sein sollte: nicht abstrakt, sondern jeweils konkret in ihrem Bereich.

Das Konzept der sozialen Dreigliederung, das Steiner Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte, unterscheidet drei Lebensbereiche, die jeweils eigenen Prinzipien folgen sollen:

1. Geistesleben (Kultur, Bildung, Wissenschaft, Religion, Kunst): Dieser Bereich soll von Freiheit geprägt sein. Jeder Mensch soll seine Gedanken, Kreativität und Überzeugungen frei entfalten können – ohne staatliche oder wirtschaftliche Bevormundung.

2. Rechtsleben (Politik, Staat, Rechtssystem): Hier gilt das Prinzip der Gleichheit. Alle Menschen sollen vor dem Gesetz gleich sein und gemeinsam, demokratisch über Regeln und Rechte entscheiden.

3. Wirtschaftsleben (Produktion, Handel, Konsum): In der Wirtschaft soll das Prinzip der Brüderlichkeit (heute würde man vielleicht sagen: Solidarität) gelten. Es geht nicht um Gewinnmaximierung, sondern darum, die Bedürfnisse anderer zu erkennen und gemeinsam für das Gemeinwohl zu sorgen.

Steiners wirtschaftliche Ideen – etwa die Ablehnung von spekulativem Kapital, „leistungslosem Einkommen“ (wie Zinsen bzw. Bodenrente) oder das Prinzip assoziativer Wirtschaftsformen – widersprechen vielen Grundlagen des modernen Finanz- und Wirtschaftssystems. Diese Vorschläge behalten zwar einen ethischen Reiz, sind nur schwer in bestehende globale Strukturen integrierbar. Das zeigt sich auch an einer seiner grundsätzlichen Aussagen zur Zinsfrage:

„Es gibt heute etwas höchst Unnatürliches in der sozialen Ordnung, das besteht darin, dass das Geld sich vermehrt, wenn man es bloß hat. Man legt es auf eine Bank und bekommt Zinsen. Das ist das Unnatürlichste, was es geben kann. Es ist eigentlich bloßer Unsinn. Man tut gar nichts; man legt sein Geld, das man vielleicht auch nicht erarbeitet hat, sondern ererbt hat, auf die Bank und bekommt Zinsen dafür. Das ist ein völliger Unsinn.“

Leben und Handeln

Das Goetheanum ist nicht nur ein Ort des Denkens, sondern auch des Lebens und Tuns. Wenn man durch die sorgfältig angelegten Gärten der Anlage wandert, in denen Heilpflanzen nach anthroposophischen Gesichtspunkten gedeihen, wirkt die Umgebung wie ein stilles Gegenbild zur Komplexität der Welt.

Ein landwirtschaftlicher Demeter-Betrieb versorgt das Gelände im Einklang mit der Erde. In der hauseigenen Schreinerei entstehen Möbel, Bühnenbilder und Kunstwerke – mit tiefer Achtung vor dem Werkstoff Holz und seiner lebendigen Form. 

Einige Elemente der Dreigliederung leben durchaus weiter – nicht nur in Dornach, sondern weltweit: in Waldorfschulen, der Demeter-Landwirtschaft oder in anthroposophisch geprägten Unternehmen, wo man versucht, diese Prinzipien im Kleinen umzusetzen. Im großen Maßstab sind viele dieser Ideen bisher kaum durchgedrungen. Dennoch erlebt man an diesem Ort keinen Stillstand, oder das Gefühl ohnmächtiger Passivität.

Zeitgenössische Kritik an Steiner

In den letzten Jahren wurde die Persönlichkeit des Gründers verstärkt kritisch beleuchtet. Die Kritik an ihm ist zum Teil berechtigt, andererseits jedoch missverständlich oder aus dem historischen Kontext gerissen. Sie bezieht sich auf seine Weltanschauung, seine pädagogische Praxis, seine sozialen Ideen – und nicht zuletzt auf problematische Aussagen in seinen Schriften.

Seine anthroposophische Erkenntnisse – etwa zur Reinkarnation, zu übersinnlichen Welten oder zur „geistigen Evolution“ – beruhen auf seiner „Geisteswissenschaft“, also individueller spiritueller Schau. Diese ist nicht intersubjektiv überprüfbar, nicht falsifizierbar und steht damit außerhalb wissenschaftlicher Standards.

In manchen Vorträgen und Texten – vor allem aus den 1900er- und 1910er-Jahren – äußerte Steiner rassentheoretische Vorstellungen, etwa die Idee einer „geistigen Höherentwicklung“ einzelner „Menschenrassen“. Später sprach er sich klar gegen Rassismus und für individuelle Entwicklung unabhängig von Herkunft aus. Diese problematischen Aussagen werden auch in anthroposophischen Kreisen kritisch diskutiert.

Foto: pict rider, Adobe Stock

Zu Unrecht wird er jedoch oft mit oberflächlichen Esoterikströmungen in einen Topf geworfen. Das wird seiner sehr systematischen, philosophisch geschulten Denkweise nicht gerecht. Er war ein intellektuell anspruchsvoller Denker, gut vertraut mit Kant, Goethe, Hegel und Nietzsche, und baute ein geschlossenes Gedankengebäude auf – auch wenn man es kritisch sieht, handelt es sich nicht um gedankenlosen Mystizismus.

In der Buchhandlung kaufen wir eine lesenswerte Einführung in das „Rätsel Rudolf Steiner“. Wolfgang Müller gelingt es in bemerkenswerter Gelassenheit, die Spur von Irritation und Inspiration aufzuzeigen, die von diesem Mann ausgeht.

Differenz zu Religionen

Die Unterschiede zu den drei großen monotheistischen Religionen sind offensichtlich. Und doch stiftet die Anthroposophie eine Inspiration für uns, die – einem Gedanken Goethes folgend – in der Aufforderung liegt, nicht nur in einer abstrakten Gedankenwelt zu leben, sondern gemeinsam an der alltäglichen Umsetzung von Ideen in konkreten Lebensbereichen zu arbeiten.

Diese Balance ist heute wichtiger denn je – vor allem, wenn man Steiner in seiner Grundanalyse unserer Zeit zustimmt: „Die objektive Entwicklung ist den Menschen des 19. Jahrhunderts, des 20. Jahrhunderts (…) über den Kopf gewachsen. Und die Zeiterscheinungen zeigen dieses Über-den-Kopf-Wachsen in allerintensivster Weise.“

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Durch Neapel auf Goethes Spuren

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IZ-Reiseblog: Unser Herausgeber Abu Bakr Rieger wandelt durch die süditalienische Metropole Neapel auf den Spuren großer Geister.

„Bevor Du dies nicht hast, dieses stirb und werde, bist Du nur ein trüber Gast, auf der dunklen Erde.“

(iz). Man kann Goethes italienische Reise, aus naheliegenden Gründen – natürlich nicht wirklich – nachreisen. Die Welt, die Städte, die Verkehrsmittel und der „Tourismus“ überhaupt, haben sich seit seiner Zeit fundamental geändert.

Zu seinen Reiseerfahrungen findet sich ein vielsagender Eintrag, den er auf dem Weg nach Rom vermerkte und zu den Leitmotiven seines Schaffens gehört beziehungsweise überleitet:

„Die Postillons fuhren, dass einem Hören und Sehen verging, und so leid es mir tat, diese herrlichen Gegenden mit der entsetzlichen Schnelle und bei Nacht wie im Flug zu durchreisen, so freuet es mich doch innerlich, dass ein günstiger Wind hinter mir her blies und mich meinen Wünschen zu jagte.“

Die Zunahme der Geschwindigkeit, die der Dichter nachempfindet, ist ein Vorbote der Moderne. Das Wort veloziferisch ist eine Wortschöpfung Goethes. Sie setzt sich aus den Worten velos (die Eile) und Luzifer zusammen. Daher ist die Hektik des Teufels. Dass bedeutet, dass der Mensch im faustischen Zeitalter dazu neigt, sich zu übereilen – im Denken wie im Handeln.

Neapel ist eine überwältigende Stadzt

Um es kurz zu fassen: Neapel ist für den Schriftsteller im wahrsten Sinne überwältigend. Sie hat gegen Ende des 18. Jahrhunderts rund 450.000 Einwohner und ist die drittgrößte Stadt Europas.

In ihr gesellschaftliches Leben wird er von seinem berühmten Zeichenlehrer eingeführt, dessen luxuriösen Lebensstil er bewundert: Jakob Hackert (1737-1807). Der Male geniest eine gut bezahlte Künstlerexistenz am Hof Ferdinands IV und wohnt in einem der prächtigsten Paläste der Stadt.

Im Verhältnis der beiden zeigt sich die Grenze der Lernbereitschaft des Schülers, wie sein Lehrer mit ironischem Unterton von einem Gespräch mit dem Künstler berichtet. Hackert: „Sie haben Anlage, aber Sie können nichts machen. Bleiben Sie achtzehn Monate bei mir, so sollen sie etwas hervorbringen, was Ihnen und anderen Freude macht.“ Goethe schlägt das Angebot dankend aus.

Hier fasziniert die Natur

In Rom war es die Kunst, in Neapel ist es die Flora und Fauna und das im öffentlichen Raum als pittoresk empfundene Volksleben, das ihn verzaubert. „Ich finde in diesem Volk die lebhafteste und geistreiche Industrie, nicht um reich zu werden, sondern um sorgenfrei zu leben.“

Der Dichter zerstört mit dieser Formulierung, die in der damaligen Reiseliteratur übliche Beschreibung der angeblich „faulen“ Neapolitaner. Goethes Gegenthese lautet: „(…), dass dies wohl eine nordische Ansicht sein möchte, wo man jeden für einen Müßiggänger hält, der sich nicht den ganzen Tag ängstlich abmüht“.

Und Goethe ist im Vergleich zu seinem Romaufenthalt gesellig, genießt die freiheitliche Atmosphäre und begegnet Menschen aus allen Schichten. Er berichtet: „Gegen die hiesige freie Lage kommt einem die Hauptstadt der Welt im Tibergrunde, wie ein altes, übelplaziertes Kloster vor.“

Wir wandern staunend durch die Stadt – ohne Ziel und festgelegtes Programm. Es ist die Atmosphäre der Altstadt, die uns besonders beeindruckt. Man findet hier Gassen, die noch den originären Alltag der Neapolitaner anklingen lassen. Sie sind eng, das Leben pulsiert darin und wachsame Augen beobachten jeden, der in diese Welt eintritt.

Allgegenwärtig ist seine metaphysische Einbettung. So hat jedes Quartier einen oder eine Heilige, die in einem kleinen Schrein verehrt wird. Diesen Status hat auch der argentinische Fußballspieler Maradona erreicht: Sein Bild taucht an vielen Wänden auf.

Fußball ist in Neapel mit quasi religiöser Begeisterung präsent. Zu Verkauf stehen Wandteppiche, die dem Balljongleur gewidmet sind, mit der Aufschrift: „Religion Monoteistico“ versehen. Und man blickt, in vertikaler Sicht, aus den dunklen Gassen hinauf in den tiefblauen Himmel.

Foto: Pexels

Tiefer Glaube

Einen profunden Glauben braucht es, auf den zahlreichen, mit der Wäsche des Tages behangenen Balkone zu sitzen. Sie sind mit schmiedeeisernen, in die Jahre gekommenen, Konstruktionen abgesichert. Rainer Maria Rilke widmete bei seinem Aufenthalt dem Phänomen ein Gedicht:

Von der Enge, oben, des Balkones
angeordnet wie von einem Maler
und gebunden wie zu einem Strauß
alternder Gesichter und ovaler,
klar im Abend, sehn sie idealer,
rührender und wie für immer aus.

Wir beschließen unseren Rundgang auf einer Anhöhe und blicken auf den Golf von Neapel. Der Anblick ist schwer zu beschreiben. „Wenn ich Worte schreiben will“, schrieb Goethe, „so stehen mir immer Bilder vor Augen des fruchtbaren Landes, des freien Meeres, der duftigen Inseln und mir fehlen die Organe, das alles darzustellen.“

Foto: A. Rieger

Die Ruinenstadt

Wir sind in am Rande der Ausgrabungen von Pompeji untergekommen und können die untergegangene Stadt am Abend besuchen. Weiterhin drängeln sich zahlreiche Touristen durch die riesige Anlage, suchen, mit Stadtplänen ausgestattet, nach Orientierung. Sie laufen auf den uralten, beeindruckenden römischen Straßen.

Es gibt in den Villen mumifizierte Stadtbewohner zu sehen, die – vor mehr als 2.000 Jahren – von der gewaltigen Eruption des Vesuvs überrascht worden sind. Über der Szenerie thront der Berg, in unbeteiligter Schönheit. Bis heute sorgt sich die Region vor einem neuen Ausbruch des Massivs. Was fasziniert so eine große Zahl von Menschen, die, wie von einem Magnet angezogen werden, an diesem Ort?

Vielleicht gibt die Psychologie eine Antwort. 1902 besuchte Sigmund Freud die Ruinen erstmals. Obwohl er sie nur einmal besichtigte, blieb sie für ihn von großer Bedeutung. Er sah in Pompeji ein Symbol für das menschliche Gedächtnis: Die Verschüttung durch den Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79 n. Chr. und ihre spätere Ausgrabung erinnerten ihn an die psychische Verdrängung und das Wiederaufleben verdrängter Erinnerungen.

„Wie der Archäologe die verschütteten Städte Schicht für Schicht freilegt, so enthüllt die Psychoanalyse die Schichten des seelischen Lebens.“ Ist dies die Erklärung? Vielleicht ahnt der Sterbliche gerade hier, bewusst oder nicht, dass er, bei allem Fortschritt, der Natur unterlegen ist.

Goethe Koran Divan

Bild: Johann Heinrich Wilhelm Tischbein | Lizenz: gemeinfrei

Besteigung des Vesuv mit Tischbein

Auf einer Bank lesen wir die Episode, die – aus unserer Sicht – zu den wunderbarsten Beschreibungen der Italienischen Reise gehört. Beschrieben wird die Besteigung des Vesuvs Goethes mit dem Maler Johann Tischbein. Sein Freund begleitet ihn „ungern, doch mit treuer Geselligkeit.“

Das Unternehmen ist lebensgefährlich, der Berg brodelt, Steine fliegend durch die Luft. Hier zeigt sich der Unterschied zwischen den beiden. Bei aller Liebe ist der Künstler nicht bereit für die naturwissenschaftliche Erkenntnis zu sterben. Er bleibt in sicherer Entfernung zurück.

Goethe dagegen wagt den Aufstieg zum Krater: „Wie aber durchaus eine gegenwärtige Gefahr etwas Reizendes hat und den Widerspruchsgeist im Menschen fordert, ihr zu trotzen, so bedachte ich, daß es möglich sein müsse, in der Zwischenzeit von zwei Eruptionen den Kegelberg hinauf an den Schlund zu gelangen und auch in diesem Zeitraum den Rückweg zu gewinnen.“

Es stellt sich (nicht nur für den Autor) die Frage: Ist es nicht eher die Natur, also nicht die Kunst, die den Menschen prägt und sein Schicksal entscheidend bestimmt? Erstaunlich ist Goethes Einschätzung der besonderen Lage der „Neapolitaner“, die er nach einer Rückkehr nach Neapel zitiert:

„Der herrlichste Sonnenuntergang, ein himmlischer Abend erquickten mich auf meiner Rückkehr; doch konnte empfinden, wie sinne verwirrend ein ungeheurer Gegensatz sich erweise. Das Schreckliche zum Schönen, das Schöne zum Schrecklichen, beides hebt einander auf und bringt eine gleichgültige Empfindung heraus. Gewiss wäre der Neapolitaner ein anderer Mensch, wenn er sich nicht zwischen Gott und Satan eingeklemmt fühlte.“

Wie geht der Schriftsteller mit dieser Polarität um? Man könnte sagen, mit aktiver Bejahung, wie sie in seinem „West-Östlichen Divan“ zum Ausdruck kommt.

„Bevor Du dies nicht hast, dieses stirb und werde, bist Du nur ein trüber Gast, auf der dunklen Erde.“

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Rom – zu Besuch im Sehnsuchtsort der Deutschen

Rom reiseblog

Reiseblog: Rom war ein wichtiger Bezugspunkt der deutschen Klassik. Ein Besuch im Schatten der Beerdigung des Papstes.

(iz). In das Stadtzentrum von Rom fahren wir mit einer alten Straßenbahn. Unser Spaziergang beginnt am Bahnhof Termini, wir laufen zunächst hinunter zum Forum Romanum. Hier zeigt sich Rom wie ein offenes Geschichtsbuch: Im Vordergrund liegen die antiken Ruinen des Forums, zerfallene Mauern und Säulenreste, die vom römischen Weltreich erzählen.

Dahinter erheben sich Kirchen aus der Renaissancezeit und majestätische Pinien. Über allem thront das strahlend weiße Vittoriano, ein Monument der italienischen Nation. Hier begegnen sich Jahrtausende – eine Schicht auf der nächsten und sichtbar auf engstem Raum.

Foto: A. Rieger

Rom – ein Ort der deutschen Sinnsuche

In Rom suchte Goethe, wie man in der „Italienischen Reise“ nachlesen kann, in erster Linie seine antiken Ideale: das Schöne und Wahre. „Ich will Rom sehen, das bestehende, nicht das mit jedem Jahrzehnt vorübergehende“, bekennt das Weimarer Dichtergenie.

Eine Absichtserklärung, die man angesichts der Fülle historischer Gebäude verstehen kann. Auch wenn er monatelang in der Hauptstadt Italiens unterwegs war, musste er sein Interessengebiet einschränken. „Rom ist eine Welt, und man braucht Jahre, um sich nur erst drinnen gewahr zu werden.“ 

Um die ungeheure Bedeutung der Stadt für sein Leben zu verstehen, müssen wir eine Bemerkung des alten Goethes zur Kenntnis nehmen. Vom Zustand der Altersmelancholie ergriffen, erklärt er Eckermann: „Ja, ich kann sagen, dass ich nur in Rom empfunden habe, was eigentlich ein Mensch sei. Zu dieser Höhe, zu diesem Glück der Empfindung bin ich später nie wieder gekommen; ich bin mit meinem Zustand in Rom verglichen, eigentlich nachher nie wieder froh gewesen.“

Ein Objekt für die Handykameras

Wir marschieren weiter zum Trevi-Brunnen. Dort herrscht dichtes Gedränge. Hunderte Smartphone-Besitzer kämpfen um die beste Perspektive. An Ostern ist die ganze Stadt voll von Pilgern, Touristen und Einheimischen. Unser Ziel ist der Korso, eine lange Straße, an deren Ende eine berühmte Künstler-Wohngemeinschaft ihr Domizil hatte. Tausende drängeln sich durch die Geschäftsstraße.

Zum Glück ist das kleine Museum eine Oase der Ruhe. Wir laufen – zu unserer Überraschung – alleine durch die Räume.

Goethes kleines Zimmer ist bescheiden und ohne jeden Komfort. Der Dichter genießt das, ebenso wie sein Leben unter fremden Namen. Die Flucht aus Weimar war das Resultat eines „Burnout“.

Foto: A. Rieger

Reiseziel für Künstler

Die gesellschaftlichen und politischen Verpflichtungen ließen keinen Raum mehr für die künstlerischen Ambitionen des Schriftstellers. In Rom soll nun alles anders werden. Der Dichter erwartet eine Verwandlung, die die intensive Beschäftigung mit der Kunst, der Natur und dem italienischen Lebensstil bringen soll.

Der Rhythmus in der Künstlerrunde ist von abendlichen Gesprächen geprägt und – tagsüber – vom Vollzug eines rastlosen, touristischen Programmes mit seinem Zeichenlehrer Johann Tischbein (1751-1829). Nebenbei entsteht zwischen den Beiden das Projekt „Dichtung und Kunst“.

Goethe ist angetan: „So ist Tischbeins Gedanke höchst beifallswürdig, dass Dichter und Kunst zusammenarbeiten sollten, um gleich vom Ursprung her eine Einheit zu bilden.“ Das legendäre Gemälde des Schriftstellers „Goethe in der Campagna“ entsteht. Im Museum stehen wir vor einer Kopie des Gemäldes.

In seinem Tagebuch erwähnt Goethe das Werk mehrmals, so im Eintrag zum 29. Dezember 1786: „Ich soll in Lebensgröße als Reisender, in einen weißen Mantel gehüllt, in freier Luft auf einem umgestürzten Obelisken sitzend, vorgestellt werden, die tief im Hintergrunde liegenden Ruinen der Campagna di Roma überschauend. Es gibt ein schönes Bild, nur zu groß für unsere nordischen Wohnungen. Ich werde wohl wieder dort unterkriechen, das Porträt aber wird keinen Platz finden.“ Es wird zum Symbol des Mythos, der sich um Italien dreht. Allerdings hat Goethe selbst das Gemälde nie vollendet gesehen.

Inzwischen ist die Zeit vorangeschritten. Die Abendsonne steht über der Stadt. Wir laufen zur Piazza Popolo und klettern einige Stufen hinauf zum Park der Villa Borghese, von der man einen wunderbaren Blick auf Rom hat. Die Atmosphäre ist entspannt, man genießt die Aussicht, hört den Straßenmusiker zu. In der Ferne sehen wir den Vatikan. Der Papst hat dort seinen Ostersegen erteilt.

Am nächsten Morgen schauen wir gebannt auf die Bildschirme in der U-Bahn. Die Stimmung ist ernst, zwei Nonnen, neben uns sitzend, ringen um Fassung. Der Pontifex ist verstorben. Wir mochten ihn, seine Bescheidenheit und viele seiner Aussagen, die die Basis für einen Dialog zwischen den Religionen stiften könnten. 

„Es wird nie einen wahren Frieden geben, wenn wir nicht in der Lage sind, ein gerechteres Wirtschaftssystem aufzubauen.“ Diese Vision des Oberhauptes der katholischen Kirche wird uns auf jeden Fall in Erinnerung bleiben.

Ein römischer Friedhof für Fremde

Wir sind auf dem Weg zum protestantischen Friedhof der Stadt, einer der schönsten und zugleich stillsten Orte. Er ist wie ein geheimer Garten, versteckt hinter Mauern, direkt neben der Cestius-Pyramide. Hier fanden sie und Muslime sowie einige berühmte Persönlichkeiten ihre letzte Ruhestätte.

Wir besuchen zunächst das Grab des englischen Poeten John Keats. Er reiste 1820 wegen seiner Tuberkulose nach Italien, in der Hoffnung auf ein milderes Klima. Er starb kurz darauf, im Februar 1821, im Alter von nur 25 Jahren. Damals war Rom eine stark katholisch geprägte Stadt, und der protestantische Friedhof wurde eigens für Ausländer eingerichtet, die nicht dieser Kirche angehörten – darunter viele Briten und Deutsche.

Auf seinem Grabstein steht nicht sein Name, sondern nur die berühmte Inschrift: „Here lies One Whose Name was writ in Water“ („Hier liegt einer, dessen Name in Wasser geschrieben war“). Wie alle Poeten regt er bis zuletzt zum Nachdenken an.

Wir laufen weiter über die Anlage, die üppig bewachsen ist, fast wie ein kleiner Park wirkt. Zypressen stehen schlank inmitten der Gräber. Rosensträucher, Oleander, Lavendel und wilder Wein wachsen unter den Grabsteinen.

Der Friedhof ist berühmt für seine Katzen. Sie streifen leise zwischen ihnen umher, manchmal liegen sie dösend in der Sonne auf einem Marmorsockel. Der Ort wirkt zeitlos, fast wie ein Gemälde: antike Skulpturen, moosbewachsene Grabsteine, verwitterte Inschriften in vielen Sprachen – Englisch, Deutsch, Russisch, Dänisch.

Wir bleiben am Ende am Grab von August Goethe stehen und lesen schweigend die Widmung, die sein Vater ausgewählt hat: „Goethe, der Sohn, / dem Vater / vorangehend, / schied dahin / mit 40 Jahren, / 1830).

Der Mann konnte bis zu seinem tragischen Ende – im wahrsten Sinne des Wortes – nie aus dem Schatten des Vaters treten. In Italien wollte er sich endlich selbst finden. Er bereiste das Land zunächst gemeinsam mit Eckermann und starb dann später nach einer Krankheit einsam in Rom.

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Zum Welttag der Poesie

gedichte Poesie

Und plötzlich war ich Poesie: Wie Goethe mich das Dichten lehrte. Ein Essay „Goethe hat unsere moderne Existenz mit Poesie bekleidet.“ (Ralph W. Emerson) (iz). Der folgende Vortrag wurde im […]

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Persönlichkeitsentwicklung ist eine Investition

Persönlichkeitsentwicklung

Essay: Ahmet Aydin beschreibt seine Erfahrung über Prozesse der Persönlichkeitsentwicklung und des Coachings.

„Ich wäre nichts, wenn ich bliebe, was ich bin!“ (Johann W. Goethe)

(iz). Psychologen, Coaches und Speaker boomen. Sie waren wohl noch nie so gefragt wie heute, doch was nützen sie der Gesellschaft? Diese Frage ist mehr als berechtigt, denn Unternehmen geben Tausende von Euro aus, um die eigenen Führungskräfte und Mitarbeiter zu schulen. Als ich einem Arbeitskollegen aus Türkiye erzählte, dass ich an einer Masterclass und Ausbildung teilnehmen möchte zum Speaker und Coach wusste er nicht genau, was ich meine. 

Diese Berufe sind in Türkiye noch nicht angekommen. Als ich zurückkam, fiel ihm auf, dass ich mich verändert habe. Andere Freunde sagten, ich sei wieder wie zu meiner besten Zeit, in der ich mehrere Essays an einem Tag schreiben konnte. Ich machte einfach. Wurde ich abgezockt oder habe ich in mich investiert? Sind die großen Unternehmen verrückt, wenn sie viel Geld dafür ausgeben, dass jemand kommt und nicht einmal eine Stunde spricht und dafür mehrere Tausend Euro bekommt? Die Antwort: Sie sind brillant.

Wer nicht in sich selbst investiert, der entwickelt sich nicht. Wenn es nicht wehtut, Geld auszugeben, nehmen wir die Angelegenheit meist nicht ernst. Wenn wir Menschen für etwas Geld ausgeben, nehmen wir sie ernst und wollen, dass es sich lohnt; wir wollen, dass es sich rentiert und plötzlich nehmen wir uns selbst ernster.

Und wenn das der einzige Effekt ist, den eine Masterclass oder ein Coaching macht, dann hat es sich bereits gelohnt. Die Aufgabe eines guten Speakers ist es, dass die TeilnehmerInnen ihre Glaubenssätze abändern. Das heißt: Ein Mensch, der zuvor nicht daran geglaubt hat, seine Gewohnheiten ändern zu können, glaubt nun daran.

Denkmuster verändern sich. Die Art und Weise, wie Begebenheiten im Leben betrachtet werden, ändern sich. Stück für Stück änder sich so der Mensch. Ist es eine Abzocke, dafür zu bezahlen? Oder ist es einfach die Summe, die wir als Abzocke bezeichnen? Da halte ich gegen und frage: Welche Investition ist wichtiger als die Investition in sich selbst?

Reden, die begeistern, können Glaubenssätze ändern

Ich habe die Predigten und Vorträge satt, in denen jemand vorne erzählt und bloß meine Vorurteile und Kenntnisse bestätigt.

Ich will herausgefordert werden. Ich will provoziert werden. Ich will mich verändern müssen. Es stört mich nicht, die immer wieder gleichen Zitate und Anekdoten zu hören. Was mich stört, sind die immergleichen Deutungen. Ich kenne kaum Menschen, die es schaffen, die klassischen Weisheiten in die Moderne zu tragen.

Wenn ich vortrage, höre ich von Zuhörern öfter, dass sie jemanden wie mich nie gehört haben. Ist es arrogant und hochmütig, das Feedback hier zu teilen? Ich weiß es nicht. Entscheide selbst. Eines aber weiß ich: Die Reden vom Propheten Muhammed (s) gingen unter die Haut. Die Reden von Abu Bakr, Umar, Usman und Ali (r) gingen unter die Haut. Wer nie Reden von ihnen las, sollte es lieber nicht tun. Er wird den heutigen Predigern nicht mehr zuhören können.

Eine Rede ist so viel mehr als bloße Rhetorik. Eine Rede ist der Ausdruck der eigenen Seele. Saadi sagte: „Der Mensch unterscheidet sich vom Tier durch das Sprachvermögen.“ Zu sprechen heißt, seiner Seele eine Kleidung geben. Worte sind die Kleidung der Seele. Und wenn diese Worte von Herzen kommen, bewegen sie Gesellschaften und Individuen.

Goethe sagte: „Im ganzen ist der Stil eines Schriftstellers ein treuer Abdruck seines Innern. Will jemand einen klaren Stil schreiben, so sei es ihm zuvor klar in seiner Seele, und will jemand einen großartigen Stil schreiben, so habe er einen großartigen Charakter.“

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Foto: Liubomir, Adobe Stock

Das gleiche gilt für eine Rede. Ich sage: Im ganzen ist der Stil eines Speakers ein treuer Abdruck seines Innern. Will jemand mit  klarem Stil sprechen, so sei es ihm zuvor klar in seiner Seele, und will jemand mit großartigem Stil sprechen, so habe er einen großartigen Charakter.“

Auf der Höhe der Zeit zu sein, heißt in seine eigene Bildung und die Persönlichkeitsentwicklung seiner Führungskräfte und Mitarbeiter zu investieren. Ein Mensch zu sein, der sich regelmäßig bildet, heißt seine Menschlichkeit auszudrücken.

Wer mit den immergleichen Themen beschäftigt ist, der stagniert und ist irgendwann resigniert. Johann W. Goethe lässt eine seiner Figuren folgende Worte sprechen: „meine Kenntnisse breiten sich täglich aus, meine Empfindungen erweitern sich, und mein Stil bildet sich immer wahrer und stärker.“

Die alte Generation war davon geprägt, dass Beruf, Heirat und Kinder als erfolgreiches Leben zu definieren. Diejenigen werden unsere Zukunft erfinden, die Persönlichkeitsentwicklung vereinen mit einem gesunden Familienleben. „Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit und neues Leben blüht aus den Ruinen“, schrieb Schiller.

Lies Bücher, die du noch nie gelesen hast, höre einen Podcast zu einem Thema, das du noch nie angehört hast, lies in Biographien großer Persönlichkeiten. Niemand kann mich zum besseren Menschen, das kann nur ich selbst.

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Hamlet, Prinz von Europa

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Ein Essay von Konstantin Sakkas über Hamlet als den Paten des nachrömischen Europas. „Höher als die Wirklichkeit steht die Möglichkeit.“ Martin Heidegger (iz). Hamlet, die vielleicht wichtigste Figur der europäischen […]

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Reiseblog Westbalkan: über Reiseliteratur

reiseliteratur

IZ-Herausgeber Abu Bakr Rieger auf den Spuren von Evliya Çelebi: Reiseliteratur zwischen Goethe und Karahasan.

(iz). Zu meinen Lieblingsbüchern in der Welt der Reiseliteratur zählt die „Italienische Reise“ von Johann Wolfgang von Goethe. Der Schriftsteller erklärt darin den Sinn des Reisens. Beinahe zwei Jahre lang reflektierte er die Natur, die Kunst und die Menschen, denen er auf seinem Weg begegnete. Er erwartete eine Veränderung, eine Metamorphose seiner Persönlichkeit.

Die Sehnsucht nach den (griechischen) Idealen versuchte er stets zu aktualisieren, weil ihm bewusst war, dass er in einer anderen Raumzeit lebt. Seine Inspiration war es nach der Rückkehr, seine Erfahrungen in eine neue Alltäglichkeit einfließen zu lassen.

Fotos: Autor

In diesem Sinne ist unser Besuch in Bosnien gelungen. Sarajevo ist eine Stadt, die den Gast verändert, erinnert und inspiriert. Aus muslimischer Sicht wurde uns erneut bewusst, wie wichtig die Rolle der Stiftungen war und ist, um das islamische Leben zu entwickeln. Und selbstverständlich mahnt die Geschichte des Landes, den aktiven Austausch mit den Nachbarn zu suchen; gerade, wenn sie anderen Kulturen oder Konfessionen angehören.

Dzevad Karahasan schreibt über seine Heimatstadt: „In Sarajevo ist die kulturelle Identität (…) unverbrüchlich mit einer Art sozialen Unbehagens verbunden, weil der soziale Kontext des Menschen in Sarajevo ständig daran erinnert, dass die Welt voll von andersartigen Leuten ist, dass sein Glaube nur einer von vielen ist, dass er und alles Seine nur eine von unzähligen Möglichkeiten im Ozean der göttlichen Allmacht sind.“

Fotos: Autor

Für den bosnischen Schriftsteller hängt es vom Charakter und Erleben des Menschen ab, ob er in dieser Situation eine Chance, eine Verpflichtung zum gegenseitigen Kennenlernen oder eine Gefahr sieht.

Keine Frage: Meine Leseliste wichtiger Bücher ist wieder einmal angewachsen. Denn das Denken in Sarajevo spricht die Phänomene an, die auch mich beschäftigen. Eine Reise nach Bosnien ist angeraten, für diejenigen, die den Islam in Europa in allen seinen Facetten kennenlernen wollen.

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Kurzgeschichte: Gottlieb, Goethe und die Pudel 

Goethe Koran Divan

Eine Kurzgeschichte von Ahmet anlässlich zum 275. Geburtstag von Johann Wolfgang von Goethe.

(iz). Der Mondschein erfüllte das Herz des jungen Gottlieb, während er in der Pause das monumentale Braunschweiger Theater bestaunte. Nebulös schien ihm die Zukunft. Eine von Krisen geplagte Welt zog düstere Wolken vor die Hoffnungssonne und verdunkelte seinen Ausblick. Wo die Strahlen nicht hinfielen und eine Aussicht auf Erfolg boten, wurde es kalt im Herzen. Das Bewusstsein, mit genügend Bildung und der Arbeit an sich, erfolgreich sein zu können, litt stark.

Die mangelnde Wärme der Hoffnungssonne führte zu zwischenmenschlicher Kälte in der Gesellschaft. Die Frage danach, was Erfolg überhaupt bedeutet, ließ ihm seit Monaten keine Ruhe.

Ist denn alles unnütz, was uns nicht unmittelbar Geld in den Beutel bringt, was uns nicht den allernächsten Besitz verschafft?“, fragte der Polarstern der Deutschen in seinen Lehrjahren…

Und plötzlich fand Gottlieb sich im Theater wieder. Die Stadt, in der Faust uraufgeführt wurde, führte tatsächlich wieder Goethes Faust auf: Braunschweig. Wie Weimar in Verruf geraten durch die faschistischen Machenschaften in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Schatten der Geschichte schienen immer dann zu brechen, wenn Gottlieb in Goethes Werken las.

Das erste Mal sah er heute ein Werk des Meisters im Theater deklamiert! Das heißt vorgetragen. Das Wort lernte er von Wagner… Immer wieder schlug Gottlieb die Worte nach, die er nicht kannte. Dadurch wuchs sein Wortschatz mehr und mehr und mehr. Er träumte davon alles ausdrücken zu können, keine Regung und Empfindung sollte es geben, die er nicht in Worte kleiden kann…

Gedankenversunken stand er in der Pause da. Allein war er ins Theater gegangen, weil er ganz bei sich sein wollte. Das war er. Gottlieb dachte über das Stück nach und suchte auf seinem Smartphone nach den Worten des Direktors im Vorspiel. Er schien sie das erste Mal gehört zu haben… 

Der Worte sind genug gewechselt,
Lasst mich auch endlich Taten sehn!
Indes ihr Komplimente drechselt,
Kann etwas Nützliches geschehn.

„Sich gegenseitig falsche Komplimente machen und sich geziert verhalten – das hält davon ab, nützliche Dinge zu tun… Ob sich auch andere darüber Gedanken machten? Hatten nicht alle dasselbe gehört? Ob…“ – „Guten Abend.“ Gottlieb sah auf. Jemand hatte ihn angesprochen. Frisch aus seinen Gedanken gerissen, versuchte er sich zu besinnen. „Guten Abend.“, erwiderte er. „Sind Sie allein hier? Können Sie dem Stück folgen?“, fragte eine nicht mehr ganz so junge Dame, die mit einer weiteren, sich reserviert betragenden Dame vor ihm stand. 

„Ob ich dem Stück folgen kann?“, fragte sich Gottlieb. „Wieso fragt sie mich das denn? Weil ich vergleichsweise jung bin?“ Als sie keine Antwort erhielt, sprach die Dame langsamer: „Ver-stehen Sie mich? Gibt es The-a-ter in Ih-rem Land?“ Das war Gottlieb zu blöd. Sein Vater war Indonesier, seine Mutter Deutsche. Er hat etwas dunklere Haut als ein typischer Deutscher, weshalb er immer mal wieder entfremdend behandelt wurde.

Doch heute war er hier, um Goethes Gedankenwelt aufgeführt zu sehen. Goethe war ihm Heimat. Die erhebenden Gefühle wollte er sich an diesem Abend nicht trüben lassen. „Ich heiße Gottlieb. Yusuf Gottlieb. Ich befinde mich gerade in meinem Land. Verzeihen Sie, ich war in Gedanken gerade bei Faust und seinen Worten, während der Pudel bellte.“ – „Ach, sie sind Halbdeutscher, aber heißen Yu-suf? Gottlieb ist ein so schöner, alter Name. Welches Elternteil ist denn Deutsch?“ – „Ich würde lieber über den Inhalt des Stücks sprechen. Was denken Sie, wie Fausts Worte an den Pudel verstanden werden können?

Knurre nicht, Pudel! Zu den heiligen Tönen,
Die jetzt meine ganze Seel umfassen,
Will der tierische Laut nicht passen.’“

„Wieso lenken Sie denn vom Thema ab? Können wir uns überhaupt nicht zivilisiert unterhalten? Hat Ihnen Ihr deutsches Elternteil überhaupt keine Manieren beigebracht?“ – Gottlieb nahm einmal mehr ausdruckslose Gesichtszüge an. „Entschuldigen Sie, ich muss mich vor Ende der Pause noch frisch machen.“, sagte Gottlieb und ging. Im Gehen hörte er die Dame zu ihrer Freundin sagen: „Man kann überhaupt nicht mit ihnen reden. Sie wollen nur unter sich bleiben und mit ihresgleichen sprechen. Ich habe es versucht.“

Als Reaktion murmelte Gottlieb bloß die Worte „Knurre nicht, Pudel…“ und wusch sich das Gesicht. Er versuchte sich das Gemüt von dieser Begegnung nicht trüben zu lassen, damit er empfänglich bleibt für die Eindrücke der Kunst.  „Die Deutschen können die Philisterei nicht loswerden.“, beobachtete auch Goethe… Immer wieder war ihm der größte aller Deutschen ein Trost. In der Kunst, im Privaten… immer wieder Goethe.

Es war Goethe, Goethe, Goethe und kein Ende. Goethe war ein Ozean, aus dem zu schöpfen ihn zuweilen selbst erschöpfte, aber aus Goethes Geist kamen immer neue Tropfen, die inspirierten. Nur wer selbst große Aufnahmefähigkeit besaß, konnte seine Leidenschaft verstehen. 

Nach wenigen Minuten war Gottlieb wieder ganz im Stück und konnte darüber die Unannehmlichkeit vergessen. Er lauschte mit herzlicher Andacht den Szenen und versank immer wieder in Gedanken über die Geschichte und das Schicksal Deutschlands… Plötzlich ertönten die Worte: „… ist gerichtet!“ – „Ist gerettet!“ Ein Seufzer drang aus seinem Herz. Das Stück war vorbei. Das Publikum applaudierte. „Würden wir doch nur die aufgeführten Weisheiten in dem Maße verinnerlichen, wie wir applaudieren.“, dachte Gottlieb. Auf dem Weg nach Hause fielen ihm immer wieder die Worte ein: „Gerichtet oder gerettet… Hmm…“

Sein Gefühl war erregt und die Nacht schärfte seine Wahrnehmung. Seine Umgebung jedoch nahm er nur unmerklich wahr. Er war fokussiert auf jede Regung in seinem Herzen. Er fühlte die Atmosphäre seiner Umwelt und wollte sie in Worte fassen. Das bekannte Gefühl: Alles wird langsamer. Die Welt leiser. Seine Gefühle werden zur absoluten Realität. Und plötzlich strömen Worte. Er selbst kann sich nicht ganz erklären, woher sie kommen. Als würde ein besonderer Sinn sie aus einer geisterhaften Atmosphäre saugen. Es schien ihm selbst verrückt, wie entrückt er seiner Außenwelt werden konnte…

Die Sehnsucht nach Goethe konnte nicht größer sein, als in diesem Augenblick. Er wollte sich den Eindrücken der goetheschen Gedanken hingeben und wurde, wie Faust vom Pudel, durch Themen wie Herkunft gestört. Unfähig über die Inhalte Goethes zu sprechen. Unfähig zu verstehen, warum Goethe seine Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten oder den West-östlichen Divan schrieb. Deutsche wie die Dame heute Abend waren lediglich stolz darauf, einen Goethe zu haben, um sich vor anderen Kulturen hervorheben zu können, nicht um die universalen Weisheiten, die Goethe erkannte und festhielt auf Deutsch, auszuleben.

Das war das Elend der deutschen Gesellschaft. Alles wird aus einer ideologischen Brille heraus betrachtet… Was darf angesichts der gegenwärtigen politischen Stimmung ausgesprochen werden, was nicht – das schränkt das Denken der deutschen Gesellschaft dermaßen ein, dass sie zu Marionetten eines Dresseurs wurden, der wiederum nur in ihrer Phantasie existierte. Genau davor wollte doch Goethe seine Leute befreien.

Ein Goethe tut not. Ein Goethe… Goethe ist das Symbol eines Menschen, der auf angemessene Weise unbequemliche Wahrheiten ausspricht, ein Mensch, der die schöne Seele darstellt, auch wenn sie andere erschreckt. Rilke hatte es nach Goethe verstanden, dass Engel zu Anfang schrecklich anmuten… Goethe, wo ist nur jemand, der deinen Denkstil zu verstehen sucht?! Und Gottlieb begann zu dichten…

Wo bist du nur, o großer Meister!
Dein Volk, es lebt bloß in Umnachtung.
Ich rufe deines Geistes Geister
Und leb in herzlicher Betrachtung.
Hast du in jener andern Welt
Gesehen, was dein Volk getan?
Weil ihnen Künstlichkeit gefällt,
Fehlt ihnen herzlicher Elan.
Kannst du erscheinen und sie lehren,
Was Weisheit ist und Lebensstil,
Du lehrst im eignen Herz zu kehren,
Oh sprich! Verlange ich zu viel?

Eine Stimme erklang:
Hast du mir weiter nichts zu sagen?
Kommst du nur immer anzuklagen?
Ist auf der Erde ewig dir nichts recht?

Gottlieb hatte sich allein in seinem Zimmer gewähnt. Er drehte sich um und ein gewaltiger Schreck durchlief seine Venen. Er holte tief Luft und versuchte zu atmen. Er schüttelte die Hände, fasste sich am Kopf und ging sich durch die Haare: Johann Wolfgang Goethe stand vor ihm. (Stille.)

„Goethe…“, sagte Gottlieb mit zerbrechlicher Stimme. Seine Augen wurden feucht. Er schlug seine Lider zu und senkte den Kopf. Mit Tränen im Gesicht sah er auf. Vor ihm stand Johann Wolfgang Goethe. „Es ist so viel passiert, seit Ihr…“ Gottlieb verspürte im Herzen die Schwere der Geschehnisse in deutschen Landen seit Goethes Verscheiden. Es gab so viel zu sagen. Die Seligkeit ihn nun vor sich zu sehen, ließ ihn verstummen… – Plötzlich brach es aus Gottlieb heraus…

Heiß mich nicht reden, heiß mich schweigen,
Denn mein Geheimnis ist mir Pflicht,
Ich möchte dir mein ganzes Innre zeigen,
Allein das Schicksal will es nicht.’

Gottlieb schluckte. Er hatte soeben Goethe einige der innigsten Verse, die je in deutscher Sprache verfasst worden, vorgetragen. Goethe sah ihn an. Mit bedächtiger Anmut machte er einen Schritt auf den jungen Mann zu und umarmte ihn. Gottlieb konnte sich nicht mehr halten. Tränen und Schluchzen brachen ihm aus Herzensgrund heraus. Der Meister hielt ihn, wie ein Vater seinen Enkel hält. Er schenkte ihm Wärme und ließ ihn fühlen, was es heißt erwärmt zu werden. Sie verharrten einige Minuten in inniger Umarmung – bis Gottlieb tief Luft holte. Dadurch wurde Goethe gewahr, dass er im Begriff war, sich zu fassen. Der Meister sah ihn an und sprach die Verse:

„‚Ein jeder sucht im Arm des Freundes Ruh,
Dort kann die Brust in Klagen sich ergießen;
Allein ein Schwur drückt mir die Lippen zu,
Und nur ein Gott vermag sie aufzuschließen.’

Er lehre dich die Seelensprache,
Die Kunst Inwendiges zu sagen;
So weine herzlich, herzlich lache,
So überwindest du die Klagen.

Nun sprich bedenkend, wer du bist
Und wer dir gegenübersteht,
Beklagend Bessern ist bloß List,
Wer Schönes preist und schafft, verdreht
Die Herzen und die Welt. Vermisst
Wird dieser Menschenschlag, der sät.“

Der junge Dichter lauschte andächtig jedem einzelnen Wort des Mannes, der ohne der Künstlichkeit zu verfallen, so kunstvoll mit ihm sprach. Das Leben der deutschen Gesellschaft bestand darin, dass sie ihre Kaltherzigkeit als Sachlichkeit bezeichneten. Der Kontakt zu Menschen, denen die Fähigkeit fehlt, die Welt und das Leben mit dem Herzen eines anderen Menschen fühlen zu können, glich einer Wüste.

Die Worte Goethes waren nicht bloß eine deutsche Oase, sie waren mehr. Sie glichen einem strömenden Platzregen und bewässerten seinen Herzensgrund. Blumen seiner Seele erhielten ihre Zuwendung, um Blüten sprießen zu lassen, die dem deutschen Bedürfnis entsprechen. Diese Blumen werden vom deutschen Pöbel und der deutschen Öffentlichkeit, die nach dem Mund des Pöbels spricht, immer wieder zertreten. Die folgenden Worte, die er an den Meister richtete, sind Ausdruck des Unmuts über die zertretenen Blumen.

Gottlieb:
Wenn ich benenne, was sie sind,
Unmenschlichkeiten bloß beschreibe,
Sehn sie im Spiegel, was sie sind,
Erhoffend, dass sie nicht beim Irrtum bleiben.

Goethe:
Als Wieland uns den Spiegel vorhielt,
Mit Abdera uns karikierte,
Verstand kaum wer, was sich da abspielt,
Verstand nicht, worauf Wieland zielte.

Was klagst du noch nach vielen Jahren,
Was wir bereits zur Klage hatten,
Sie sind Philister, wie sie waren,
Als wir sie zur Gesellschaft hatten.

Die Sitte teuflischen Charakters 
Ist Klagen ohne Herzbetragen.
Die Wirkung, Rührung des 5-Akters,
Wird nicht bewirkt von Menschenklagen.

Gottlieb:
Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.

Goethe:
Dann sind die Enkel ihrer Zukunft schon beraubet.

Gottlieb:
Sie leugnen ihren Hass und nennen ihn bloß Meinung.

Goethe:
Und stimmst du ein, bestärkst du bloß die Spaltung.

Gottlieb:
Ich werd verstimmt, die Kunst entweicht aus mir.

Goethe: 
Gebrauch dein Menschvermögen, statt das Tier in dir.

Gottlieb:
Sie fordern Wunder! Fort ist die Magie.

Goethe:
Wer die Magie belebt, den nennen wir Genie.

Gottlieb:
Das scheint mir Phrase, Pharao regiert.

Goethe:
Und Moses wird nur, wer die Hoffnungssonne nicht negiert.

Die Worte des Meisters tropften auf seinen Herzensgrund. Gottlieb atmete tief ein. Er schloss kurz die Augen. Die Augen Goethes. Sie waren voller Zauber. So las er es immer wieder. Er musste ihm in die Augen blicken. Doch als Gottlieb seine Augen öffnete, war der Meister fort. Ein Sturm von Tränen brach auf seinem Gesicht aus und bewässerte Herz und Haut. Minuten vergingen, bis Gottlieb in der Verfassung war sich zu besinnen. Er stand vor der Herausforderung die Worte des Fürsten zu verstehen. – Goethe glaubt an ihn. Das hat er heute gelernt. Der Meister will Schüler, die versuchen, die seelischen Nöte der Menschen zu versorgen. Ja, Goethe glaubte an ihn. Gottlieb notierte sich Worte, machte sich frisch und legte sich schlafen.

Weisheiten der Meister

Fühl dich nicht gelähmt. Auch nicht von mir! Betrachte die Wort und Werke vergangener Größen. Auch ich habe sie betrachtet und war nahe dran, mich gelähmt zu fühlen bei ihrer Größe. Ich entschied mich dafür, sie zu betrachten und sie als Inspiration anzusehen. Dadurch wurde ich selbst zur Größe! Jetzt betrachten Menschen meine Wort und Werke und fühlen sich gelähmt. Ich sage: Halte stand! Wandle das Staunen um in Inspiration, besinne dich und bilde selbst Wort und Werke.