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Bosnien zwischen Armut und Hoffnung

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Arbeitslosigkeit und politische Blockaden prägen Bosnien-Herzegowina. Doch zwischen Moscheen und Kirchen lebt die Hoffnung auf Versöhnung und den Weg in die EU.

(KNA/IZ). Wo mag die alte Frau im zerschlissenen Kleid und den ausgetretenen Schuhen wohl die Nacht verbracht haben? Verfilzte graue Haarsträhnen lugen unter ihrem Kopftuch hervor, das sie unter dem Kinn gebunden hat. Müde braune Augen blicken aus dem zerfurchten Gesicht. Von Marion Krüger-Hundrup

Es ist frühmorgens in Sarajevo, der Hauptstadt von Bosnien-Herzegowina mit rund 300.000 Einwohnern. In der Straße Safvet bega Basagica unweit des osmanisch geprägten Viertels Bascarsija stehen Müllcontainer, in denen die Anwohner ihre Abfälle entsorgen. Ungerührt von neugierigen Blicken wühlt die Seniorin im Unrat, reißt prall gefüllte Plastiktüten auf. Und fischt Brot- und Gemüsereste heraus: ihr Frühstück oder sogar die ganze Tagesration.

So wie ihr geht es auch denen, die in der Ferhadija am Straßenrand kauern und die Hand aufhalten. Hier in der beliebtesten Einkaufs- und Bummelmeile Sarajevos mit ihren Boutiquen, Parfümerien, Schuhläden und Cafés erhoffen sich alt gewordene Männer und Frauen von bessergestellten Einheimischen und Touristen ein Erbarmen. Ein kleines oder größeres Geldstück, um den Hunger nach Essbarem stillen zu können.

So bitterarm sind Srecka Cemalovic und ihr Sohn Adi noch nicht, dass sie betteln müssten. Doch auf Rosen gebettet ist die 66-jährige Witwe nicht: Obwohl sie über 40 Jahre lang als medizinisch-technische Angestellte an der Universität Sarajevo gearbeitet hat, bekommt sie lediglich eine kleine Rente: „Zu wenig zum Leben“, sagt Srecka und erzählt, dass sie trotz Ruhestand in einer pathologischen Praxis weiterarbeitet.

Auch, um ihren 39-jährigen Sohn zu unterstützen, der nach längerer Arbeitslosigkeit zu ihr in die Zweizimmerwohnung im Stadtteil Grbavica gezogen ist. „Ich bewerbe mich überall, bekomme aber nur Absagen oder gar keine Antwort“, klagt Adi. Die einzigen Angebote sind einmonatige Jobs in Supermärkten: „Regale einräumen ist keine Perspektive für die Zukunft“, meint der in einem technischen Beruf ausgebildete Mann.

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Foto: SorinVides, Shutterstock

Den Jüngeren in Bosnien-Herzegowina geht es oft nicht besser. In der Altersgruppe der 15- bis 24-Jährigen sind mehr als ein Viertel arbeitslos. Der Anteil der registrierten Erwerbslosen an allen potenziellen Arbeitnehmern liegt 2026 bei 12,6 Prozent.

Der Weg nach Brüssel ist für das Balkanland auch drei Jahrzehnte nach dem verheerenden Bürgerkrieg von 1992 bis 1995 noch weit. 2016 hat es offiziell einen Antrag auf EU-Mitgliedschaft gestellt und erhielt 2022 den Kandidatenstatus. 2024 beschlossen die Mitgliedstaaten, den Weg für Beitrittsverhandlungen grundsätzlich freizumachen. Sie knüpften dies jedoch an die Umsetzung von Reformauflagen.

Vor allem auch an die zivile Umsetzung des Dayton-Friedensabkommens von 1995. „Dazu zählen der Schutz der Institutionen, die Unterstützung demokratischer Prozesse und die Verteidigung der Rechtsstaatlichkeit, die zu meinen Aufgaben gehören“, erklärt Christian Schmidt im Gespräch mit der Katholischen Nachrichtenagentur (KNA).

Der Deutsche ist Hoher Repräsentant für Bosnien-Herzegowina, einer internationalen Sondereinrichtung, die 1995 durch das Dayton-Abkommen geschaffen wurde und die zivile Umsetzung des Friedensvertrages überwacht.

Nach fünf Jahren auf dem Posten hat der 68-Jährige im Mai 2026 seinen Rücktritt angekündigt. Er bleibt kommissarisch im Amt, bis eine Nachfolge bestimmt ist. In seiner Bilanz hebt er hervor, seine Reformen und die Einführung neuer Wahltechnologien hätten das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in Wahlen gestärkt.

Darüber habe seine Behörde institutionelle und finanzielle Stabilität ermöglicht, wenn die einheimischen politischen Akteure keine Einigung erzielen konnten.

„Ich bin stolz darauf, dass sich Bosnien-Herzegowina in dieser Zeit der Europäischen Union angenähert hat“, sagt der CSU-Politiker und ehemalige Bundesminister Schmidt. Gleichwohl hätte er sich schnellere Fortschritte bei Reformen und eine stärkere Bereitschaft der politischen Führung gewünscht, um Spaltungen zwischen den bosnischen, serbischen und kroatischen Bevölkerungsteilen zu überwinden.

Und er bedauere, so Schmidt, „dass viele junge Menschen weiterhin unsicher in die Zukunft blicken und das Land verlassen“.

Dabei verfüge Bosnien-Herzegowina über enormes Potenzial: „Das wird aber erst voll zum Tragen kommen, wenn die politische Elite ihrer Verantwortung für die Stabilität und die Entwicklung des Landes gerecht wird“, erklärt der Hohe Repräsentant.

Das Land sehe sich weiterhin mit Versuchen lokaler politischer Kreise konfrontiert, die gesamtstaatlichen Institutionen zu schwächen und Reformen, die ihr korruptes Geschäftsmodell bedrohen, auszubremsen.

Gleichzeitig bestehe eine echte Chance auf Fortschritt, „wenn sich die politischen Führungspersönlichkeiten auf Zusammenarbeit statt auf Spaltung konzentrieren“, prognostiziert Schmidt.

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Foto: Mete H., Shutterstock

Er wehrt sich dagegen, die besonders durch den bosnischen Serben Milorad Dodik angespannte Lage, der einen konfrontativen nationalistischen Kurs fährt, einen „vergessenen Konflikt“ zu nennen: „Bosnien-Herzegowina bleibt wichtig für die europäische Stabilität und Sicherheit“, sagt der Hohe Repräsentant.

Die internationale Gemeinschaft verfolge die Entwicklungen im Land weiterhin aufmerksam, auch wenn globale Krisen zeitweise die Aufmerksamkeit ablenken. Deshalb sei es wichtig, Frieden und Stabilität nicht als selbstverständlich anzusehen. So wünsche er sich von der internationalen Staatengemeinschaft fortgesetztes Engagement, Geschlossenheit und strategische Geduld.

Am 5. Juni fand im montenegrinischen Tivat der EU-Westbalkan-Gipfel statt, zu dem auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) reiste. Schmidt gibt zu bedenken, Bosnien-Herzegowina sollte nicht nur durch die Brille des Krisenmanagements betrachtet werden, sondern als ein Land mit einer europäischen Identität, dessen Transformation und schließlich Integration die EU stärken würde: „Nicht zuletzt auch, weil wir in keiner anderen Region der Welt über so viel Einfluss verfügen“, so Christian Schmidt.

Eine stabilisierende Rolle spielen die Religionen für die 3,2 Millionen Landesbewohner. Der institutionalisierte interreligiöse Dialog zwischen muslimischen Bosniaken (50 %), orthodoxen Serben (31 %) und katholischen Kroaten (15 %) ist ein positives Beispiel dafür, wie unterschiedliche Glaubensrichtungen und Traditionen zusammenleben.

Viele Beobachter betonen, es gebe keinen „Kampf der Kulturen“. Was nicht heißt, dass nicht auch in Bosnien-Herzegowina Intoleranz und religiös begründete Feindseligkeit existieren. Wer über das eigene Minarett, den eigenen Kirchturm hinausschaut, tut sich wesentlich leichter mit der Versöhnung.

Solche Friedensbotschafter sind die Bosniaken Srecka und Adi Cemalovic, die selbst in ihrer in Sarajevo alteingesessenen Familie alle drei Religionen vertreten haben. Für die Witwe und ihren Sohn ist es selbstverständlich, dass sie sich um die alt gewordenen Verwandten kümmern.

Sarajevo, auch das „Jerusalem Europas“ genannt, trägt die Last der Geschichte, besitzt aber auch einen außergewöhnlichen Geist der Widerstandskraft und Offenheit. Inmitten architektonischer Vielfalt klingen hier der Muezzinruf und das Angelus-Läuten der Kirchen nebeneinander.

Selbst nach schwierigen Phasen ihrer Geschichte hat sich die Stadt eine einzigartige Energie und Würde bewahrt, ihr multikulturelles Gepräge zu bewahren und alte Konflikte zu überwinden.

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Exilsyrer: Hoffnung und Hürden

Exilsyrer

Fast 1,5 Millionen Exilsyrer sind im vergangenen Jahr nach dem Fall des Assad-Regimes in ihr Heimatland zurückgekehrt.

(The Conversation). Diese außergewöhnliche Zahl von Rückkehrern entspricht fast einem Viertel aller Bürger, die während des 13-jährigen Bürgerkriegs vor den Kämpfen ins Ausland geflohen sind. Es ist ein bemerkenswert schnelles Tempo für einen Staat, in dem in erheblichen Teilen weiterhin Unsicherheit besteht. Von Sandra Joireman

Das Ausmaß und die Geschwindigkeit dieser Heimkehr seit dem Sturz des brutalen Regimes von Bashar Assad am 8. Dezember 2024 werfen wichtige Fragen auf: Warum kommen so viele Syrer wieder, und wird diese Bewegung von Dauer sein? Und unter welchen Bedingungen kehren sie zurück?

Als Experte für Eigentumsrechte und Rückkehrmigration in Folge von Konflikten habe ich den massiven Anstieg der Rückkehr von Flüchtlingen nach Syrien im Laufe des Jahres 2024 beobachtet.

Während eine Kombination aus Push- und Pull-Faktoren diesen Trend vorangetrieben hat, stellt die weit verbreitete Zerstörung von Eigentum im brutalen Bürgerkrieg ein anhaltendes Hindernis für die Wiederansiedlung dar.

Nach Eroberung der Provinzhauptstadt von Hama öffneten bewaffnete Kämpfer die Foltergefängnisse des Assad-Regims. Die dort Inhaftierten saßen teils seit Beginn der Demokratiebewegung 2011 ein. (Foto: Thomas Van Linge, X)

Als eine Koalition die Assad-Regierung stürzte, dauerte der innerstaatliche Krieg in Syrien bereits über ein Jahrzehnt an. Was 2011 als Teil der Proteste des Arabischen Frühlings begann, eskalierte schnell zu einem der zerstörerischsten Konflikte des 21. Jahrhunderts.

Mio. Menschen wurden innerhalb des Landes vertrieben, und etwa 6 Mio. flohen ins Ausland. Die Mehrheit ging in Nachbarländer wie die Türkei, Jordanien und den Libanon, aber etwas mehr als eine Million suchte Zuflucht in Europa.

Nun bemühen sich die EU-Staaten darum, eine Antwort auf die veränderte Lage in Syrien zu finden. Deutschland und Österreich haben die Bearbeitung von Asylanträgen pausiert. Der völkerrechtliche Grundsatz der Nichtzurückweisung verbietet es Regierungen, Geflohene in unsichere Umgebungen zurückzuschicken, in denen sie Verfolgung und Gewalt ausgesetzt wären.

Die Menschen können jedoch selbst entscheiden, ob sie in ihre Heimat umkehren möchten. Der Sturz Assads hat ihre Wahrnehmung hinsichtlich ihrer Sicherheit und der Möglichkeiten verändert.

Tatsächlich ergab eine im Januar 2025 von der UN-Flüchtlingsagentur in Jordanien, im Libanon, im Irak und in Ägypten durchgeführte Umfrage, dass 80 % der Flüchtlinge hofften, in ihre Heimat zurückkehren zu können – ein deutlicher Anstieg gegenüber 57 % im Vorjahr.

Aber Hoffnung und Realität stimmen nicht immer überein. Die Faktoren, die zur Rückkehr motivieren, sind weitaus komplexer als der Wechsel der politischen Macht.

In den meisten Nachkonfliktsituationen beginnt die freiwillige Heimkehr erst, wenn sich die Sicherheitslage verbessert hat, Schulen wieder geöffnet sind, die grundlegende Infrastruktur wiederhergestellt ist und der Neuaufbau von Wohnraum voranschreitet. 

Selbst dann kehren die Menschen oft in ihr Land zurück, aber nicht in ihre ursprünglichen Gemeinden, insbesondere wenn sich die lokale politische Kontrolle verschoben hat oder der Wiederaufbau noch nicht abgeschlossen ist.

Screenshot: Welat TV

Im heutigen Syrien dauert die Gewalt in mehreren Regionen an, die Regierungsführung ist fragmentiert und konfessionelle Konflikte bestehen fort. Dennoch kehren die Menschen zurück.

Ein wichtiger Faktor sind die sich verschlechternden Bedingungen in den benachbarten Aufnahmeländern. Die meisten derjenigen, die in den ersten Monaten nach dem Sturz Assads zurückkehrten, kamen aus Nachbarstaaten, die seit mehr als einem Jahrzehnt große Flüchtlingspopulationen beherbergen und nun mit Wirtschaftskrisen, politischen Spannungen und rückläufigen Hilfsleistungen zu kämpfen haben.

Eines der größten Hindernisse für Geflohene, die zurückkehren möchten, ist der Zustand ihrer Häuser und der Status ihrer Eigentumsrechte. Der Bürgerkrieg hat zu einer weitreichenden Zerstörung von Wohnhäusern, Geschäften und öffentlichen Gebäuden geführt. Grundbuchämter wurden beschädigt oder zerstört.

Dies ist von Bedeutung, da die Rückkehr von Flüchtlingen mehr als nur physische Sicherheit erfordert: Die Menschen brauchen einen Ort zum Leben und den Nachweis, dass das Haus, in das sie zurückkehren, rechtmäßig ihnen gehört. (The Conversation)

* Übersetzt und veröffentlicht im Rahmen einer CC-Lizenz.

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Zwischen Brennpunkt, Vorbildern und Träumen: Über „Nordstadtzauber“ von Denise Kaban

Nordstadtzauber Denise Kaban

Mit „Nordstadtzauber“ legt Denise Kaban ein inspirierendes Buch vor, das die Geschichte ihres Mannes Umut Kaban erzählt.

(Iz).Sein Name bedeutet auf Türkisch „Hoffnung“. Und von Hoffnung handelt dieses Buch. Aufgewachsen in der Kasseler Nordstadt, die von außen oft als sozialer Brennpunkt gilt, zeigt es in kurzen, lebendigen Kapiteln, wie er zwischen Enge, Vorurteilen und Zusammenhalt seinen Weg findet: vom Kind der Nordstadt zum Quartiersmanager, der heute Verantwortung für eben diesen Stadtteil trägt.

Denise Kaban – Leben, das Hoffnung verkörpert

Die Episoden des Buches zeigen Umuts Kindheit und Jugend: kleine Wohnungen, große Familien, Schulhöfe voller Härte, aber auch voller Freundschaft, Fußballplätze, die zu Freiräumen werden, Sommerreisen, die Sehnsucht und Identität miteinander verbinden. Es sind Schlaglichter eines Lebens, das stellvertretend für viele Biografien in deutschen Brennpunkten gelesen werden kann und doch ist es einzigartig.

Ich hatte mich in meiner Schullaufbahn von der Hauptschule bis zum Abitur hochgekämpft. Sogar studiert. Und fiel anschließend, nach hunderten erfolglosen Bewerbungen, wieder in ein tiefes Loch. Ich bin Stadt- und Regionalplaner. Zumindest sagt das mein Abschlusszeugnis der Uni. Ein guter Abschluss. Trotzdem konnte ich in dem Beruf nie richtig Fuß fassen.

Was Umut fehlt, erkennt seine Frau. „Erzähl mir noch einmal von diesem Zauber, der dich damals in der Nordstadt so glücklich gemacht hat.“ Und sie ermutigt ihn, trotz der erfolgreich zurückgelegten Strecke, dem Ruf des Zaubers zu folgen: „Du sollst nicht kündigen, sondern dich umorientieren. Du hast so viele Talente. Nutze sie. Was sind deine Träume? Verwirkliche sie!

Aus dem Jungen, der mit Fäusten um Respekt kämpft, wird ein Mann, der heute als Quartiersmanager in seiner Heimat, der Nordstadt Kassels, Verantwortung trägt. Er kennt die Sorgen, weil er sie selbst durchlebt hat. Er kennt die Verlockungen des Scheiterns, weil sie ihm selbst begegnet sind.

Und er weiß, dass Hoffnung nicht durch Belehrungen von außen wächst, sondern durch Menschen, die zeigen, dass Aufstieg und Wandel möglich sind. Aufstieg ist möglich durch Menschen, die an einen glauben, wenn man selbst nicht die Kraft hat, an sich zu glauben. 

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Foto: imago | Ina Peek

Muster für andere Viertel

Genau darin liegt die große Bedeutung dieses Buches: Umut Kaban ist nicht nur eine Stimme für die Kasseler Nordstadt, er ist ein Muster für Menschen in vergleichbaren Vierteln in ganz Deutschland. Brennpunkte gibt es in vielen Städten, und überall brauchen sie solche Vorbilder.

Dass jemand, der selbst dort aufgewachsen ist, zurückkehrt, um für Kinder und Jugendliche Perspektiven zu schaffen, ist von unermesslichem Wert. Externe Fachkräfte können helfen, aber nur Menschen wie Umut, die ihre eigene Geschichte mitbringen, können glaubwürdig vermitteln: „Ich war an eurer Stelle und es gibt einen Weg.“

Wie er im Gespräch mit Journalisten betont, war sein eigener Weg keineswegs geradlinig. Es brauchte Krisen, Rückschläge und einen entscheidenden „Klick-Moment“, bevor er den Weg von der Hauptschule über das Gymnasium hin zum Studium fand. Diese Ehrlichkeit macht ihn authentisch. Wer ihn kennenlernt, spürt: Hier spricht keiner von oben herab, sondern einer aus der Mitte des Viertels:

Ich hatte es geschafft. Meine Gebete wurden erhört. Ich liebte meine Arbeit und freute mich jeden Tag darauf. Ich führte das Fernsehteam durch die Straßen. Zu besonderen Plätzen. Zur Realität. Entlang an Erinnerungen. Hin zu Träumen und Zukunftsplänen. Die Anwohner grüßten mich. Ihre Türen standen mir immer offen. Weil ich einer von ihnen war. Weil sie mir vertrauten. ‚Bitte! Rette meinen Sohn!’, erinnerte ich mich an die Worte einer Mutter, die einst verzweifelt in meinem Büro saß. Fehlende Vorbilder. Depressionen. Zukunfts- und Versagensängste. Suizidgefährdet.

Vorbilder sind eine Quelle des Mutes, wenn die Lage aussichtslos erscheint. Der Blick hinauf zu Vorbildern spielte auch auf Umuts Weg zum Quartiersmanager eine große Rolle: „Muhammed Ali war schon immer mein größtes Idol. Nicht nur wegen seiner sportlichen Erfolge, sondern auch vor allem wegen seines Gerechtigkeitssinnes.

Die Form des Buches – authentische Miniaturen

Die Stärke von „Nordstadtzauber“ liegt in seiner Form. In kurzen, klar umrissenen Kapiteln entfaltet sich ein Mosaik von Szenen: Zuhause, Fäuste und Freundschaft, Chancen, Schule, Nordstadtzauber. Jedes Kapitel steht für sich, doch gemeinsam ergeben sie ein Bild vom Aufwachsen in einem Brennpunkt, das so nah und lebendig ist, wie es nur persönliche Erinnerung sein kann.

Das Leben in der Nordstadt verläuft nicht linear, sondern in Brüchen und Neubeginnen, in Momenten der Gefahr und Momenten der Wärme. Gerade in dieser Form spiegelt das Buch die Authentizität des Erzählten. Die Kapitel sind kurz und wirken wie Scheinwerfer auf eine Episode in Umuts Leben. Wir werden Teil von der Szene, in der Umut fast von der Schule geflogen wäre. Doch das Versprechen seines Vaters besiegte die Zweifel:

‚Bitte! Ich gebe Ihnen mein Wort, dass er sich ändern wird, sobald wir dieses Büro verlassen haben. Er wird hier keine Schwierigkeiten machen’, flehte mein Vater regelrecht, damit ich nicht ohne Schule endete. Der Schulleiter blickte mich an. ‚Du hast deinen Vater gehört. Er hat mir sein Wort gegeben. Also vertraue ich darauf. Brich es nicht! Ich werde ein Auge auf dich haben. Ich will sehen, dass du deine Chance nutzt!’

Foto: Anke van Wyk, Adobe Stock

Hoffnung als Auftrag

Nordstadtzauber ist mehr als eine Liebeserklärung an eine Ehe und an ein Viertel. Es ist ein Plädoyer für Hoffnung als gelebte Praxis. Umut Kaban zeigt, dass es nicht genügt, über Brennpunkte zu reden oder sie von außen zu analysieren. Es braucht Menschen, die aus diesen Vierteln stammen und die Verantwortung übernehmen – nicht trotz ihrer Herkunft, sondern gerade wegen ihr:

Integration wurde in der Nordstadt inzwischen großgeschrieben. Egal, wer du bist. Egal, woher du kommst. Egal, welche Sprache du sprichst. Du bist nicht allein. Ob jung oder alt. Du gehörst zu uns.

Seine Geschichte ist ein Beweis dafür, dass Bildungsaufstieg möglich ist, dass soziale Herkunft kein endgültiges Schicksal darstellt und dass das Hessische Bildungssystem, wie er selbst betont, durchlässig sein kann, wenn Menschen darin begleitet werden.

Er selbst ist das lebendige Beispiel dafür. Umut kehrte nach seinem Aufstieg der Nordstadt nicht den Rücken. Er kehrte zurück. Er lauschte dem Ruf, den seine Frau in seinen Augen sah:

Ich habe so oft und so lange dafür gebetet, dass du eine Arbeit findest, die dich glücklich macht. Dass du einen Beruf ausüben kannst, der dir und deiner Seele guttut. Der die Freude zurück in deine Augen bringt, wenn du davon berichtest. Dieser Zauber. Das Strahlen. All das ist wieder da.

Der Zauber ist der Ruf; der Ruf seine Fähigkeiten zum Wohle der Gesellschaft einzusetzen und die Hand denen zu reichen, die noch an sich zweifeln:

Wenn es Tee gibt, gibt es Hoffnung. Wenn du Träume hast, kannst du sie verwirklichen. Du bist ein wichtiger Teil der Gesellschaft. Nutze Rückschläge, um Anlauf zu nehmen. Glaube. Vertraue. Mache. Du kannst alles schaffen.

Fazit

„Nordstadtzauber“ ist ein warmherziges, eindringliches und gesellschaftlich wichtiges Buch. Es erzählt von einem Leben, das aus einem Brennpunkt stammt, kurzweilig ging und dann dorthin zurückgekehrt ist: nicht aus Resignation, sondern aus Verantwortung.

Der Protagonist steht in diesem Buch als Musterfigur: für Jugendliche, die heute in ähnlichen Verhältnissen aufwachsen und für eine Gesellschaft, die Vorbilder braucht, die nicht abstrakt, sondern nahbar sind. Seine Geschichte zeigt, dass wahre Veränderung von innen heraus geschieht.

Denise Kaban hat ihrem Mann und der Nordstadt mit diesem Buch eine Stimme gegeben. Es ist ein Werk, das Mut macht – nicht nur den Menschen in Kassel, sondern allen, die in schwierigen Vierteln leben. Und es ist eine Erinnerung für uns alle: Hoffnung ist kein leeres Wort. Sie hat einen Namen. Sie hat ein Gesicht. Und sie lebt mitten unter uns.

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Anlass für Hoffnung auf ein Ende des Massakers?

Hoffnung

Hoffnung auf ein Schweigen der Waffen? Die Unterzeichnung der ersten Stufe des Gaza-Friedensplans erfolgt im Schatten eines Blutvergießens, das die Region gezeichnet hat.

(iz, KNA). Der Schritt wurde bisher kaum wie ein Neubeginn gefeiert, sondern als Versuch, die Gewaltspirale anzuhalten, die in den vergangenen zwei Jahren zu zehntausenden Toten und einer verwüsteten Zivilgesellschaft geführt hat.

Das israelische Kabinett wolle nach Meldungen heute zusammenkommen, um das Abkommen formell zu genehmigen, teilte Ministerpräsident Benjamin Netanjahu in der Nacht zu Donnerstag mit. Er sprach von einem „diplomatischen Erfolg und einem nationalen und moralischen Sieg für den Staat Israel“.

Die Hamas bestätigte zeitgleich die Einigung auf eine Abmachung, „die ein Ende des Krieges gegen Gaza, den Rückzug der Besatzungsmacht aus Gaza, die Einfuhr von Hilfsgütern und einen Gefangenenaustausch vorsieht“.

Sie forderte US-Präsident Donald Trump, die vermittelnden Parteien und weitere internationale Kräfte auf, Tel Aviv zu einer vollständigen und sofortigen Umsetzung der Vereinbarung zu zwingen. Er sagte dem Sender „Fox News“, die Entführten würden voraussichtlich am Montag nach Israel zurückgebracht, einschließlich der Leichen der getöteten Geiseln. Es befinden sich 48 Verschleppte im Gazastreifen. 26 wurden von Tel Aviv für tot erklärt.

Hoffnung vs. Bilanz von Gewalt und Zerstörung

Dieser Krieg begann nach einem Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023, bei dem rund 1.200 Menschen getötet und über 250 Geiseln verschleppt wurden. Die israelische Reaktion darauf war eine zweijährige, kaum unterbrochene Phase der totalen Gewalt, offiziell zur Ausschaltung der Hamas, die den Gazastreifen in eine Trümmerlandschaft verwandelte.

Laut Angaben von Gesundheitsbehörden wurden seit Beginn des Krieges über 65.000 Palästinenser getötet, mehr als 160.000 Menschen verletzt. In den vergangenen zwei Jahren wurden die Einschätzungen der, von der Hamas kontrollierten Behörde in hiesigen Medien häufig als nicht glaubwürdig gekennzeichnet. Dabei kommen NGOs, Fachleute und supranationale Hilfswerke wie UN-Agenturen zu ähnlichen Schlüssen.

Wissenschaftliche Bewertungen gehen inzwischen davon aus, dass die tatsächliche Zahl der Opfer sogar höher liegen könnte, da viele Todesfälle in den Ruinen des Gebiets nicht offiziell registriert sind.

Flucht und Vertreibung sind bis heute Alltag für fast zwei Mio., weshalb große Teile Gazas nun als unbewohnbar gelten. Das soziale und medizinische System brach zusammen, Hunderttausende leben seit Monaten in Befehlslagern ohne ausreichende Versorgung mit Wasser, Nahrung oder Medikamenten. Die jüngsten Berichte über Hunger, Krankheit und Gewalt spiegeln eine Lage wider, die weit von irgendwelchen Fortschritten oder einem Gefühl von Sicherheit entfernt ist.

barbarisch

Foto: Shutterstock

Hilfsorganisationen: Waffenstillstand muss ein Ende von Tod und Entbehrung bedeuten

Das Abkommen zum Ende des Krieges und der Geisel- und Gefangenenfreilassung seien „erfreuliche Nachrichten“, erklärte der Generalsekretär des Hilfswerks Caritas Jerusalem, Anton Asfar. Man erwarte mit Spannung die Klärungen über humanitäre Korridore nach Gaza sowie darauf, „mit dem Aufbau menschlicher Seelen im Heiligen Land“ zu beginnen.

Der Norwegische Flüchtlingsrat (NRC) begrüßt die Ankündigung eines Waffenstillstands zwischen Israel und Hamas als Hoffnungsschimmer nach zwei Jahren schwerer Gewalt in Gaza. Sein Generalsekretär Jan Egeland fordert beide Seiten zu gutem Willen und zur strikten Einhaltung des Abkommens auf, inklusive Freilassung von Geiseln und palästinensischen Gefangenen sowie umfangreicher humanitärer Hilfe.

Vertriebene Palästinenser müssten sicher zurückkehren können. Die alleinige Einstellung der Bombardierungen löse nicht die Not: Die Infrastruktur ist zerstört, Hunger breitet sich aus. Hilfsorganisationen benötigen freien Zugang.

Der NRC habe Hilfsgüter bereitstehen – deren Einfuhr müsse Israels Regierung gewährleisten. Die internationale Gemeinschaft darf Fehler früherer Waffenruhen nicht wiederholen und müsse einen gerechten und dauerhaften Frieden anstreben, der Sicherheit und Selbstbestimmung garantiert.

Friedensplan

Foto: The White House | Lizenz: gemeinfrei

Der Weg zu den aktuellen Verhandlungen

Die immer wieder aufblitzende Aussicht auf Friedensgespräche stand stets im Schatten neuer Angriffe und gescheiterter Waffenruhen. Im Sommer 2025 begegneten israelische Truppen weiterhin bewaffnetem Widerstand, während in den Verhandlungszimmern von Kairo, Doha und Ankara Abgesandte beider Seiten – unter massiver US-Einwirkung – an einem Abkommen arbeiteten.

Druck erzeugte dabei vor allem die Öffentlichkeit in Israel, die mit Massenprotesten für die Freilassung der Geiseln auf die Straße ging, während in Gaza die Hoffnungslosigkeit, mangelnde Infrastruktur und das lähmende Ausmaß an Verlusten jede politische Bewegung überschatteten. Die jüngste US-Initiative unter Präsident Trump zielte vor allem auf rasche Entlastung und eine praktische Formel für Geisel- und Häftlingsaustausch ab.

Die Ergebnisse des Abkommens

Die heute unterzeichnete erste Stufe des Friedensplans ist daher weniger ein Zeichen des Aufbruchs, sondern ein pragmatisches Eingeständnis des Scheiterns aller militärischen und politischen Versuche, den Konflikt einseitig und dauerhaft zu lösen. Die Kernpunkte umfassen:

  • Die Freilassung der verbliebenen Geiseln – von denen aktuell kaum zwanzig leben sollen – innerhalb weniger Tage. Am Dienstag erklärten Hamasunterhändler in Kairo sich zur Übergabe sämtlicher Entführter bereit – der lebenden und der getöteten.
  • Die Entlassung von bis zu 2.000 palästinensischen Häftlingen, viele davon mit jahrzehntelangen Haftstrafen.
  • Einen kontrollierten Rückzug israelischer Soldaten auf eine Linie, die weiterhin umstritten ist und potenziellen Zündstoff für neue Auseinandersetzungen birgt.
  • Die grundsätzliche Zusicherung für einen sofortigen und bedingungslosen Zugang zu humanitären Hilfen, Wiederherstellung von Wasser und Strom sowie eine Teilreparatur des Krankenhaussystems.

Diese Schritte sind von Misstrauen und Sicherheitsbedenken begleitet. Internationale Organisationen mahnen eine genaue Beobachtung und nachhaltige Überprüfung der Umsetzung an. Die eigentlichen politischen Fragen, etwa die künftige Verwaltung des Gazastreifens oder die Entwaffnung radikaler Akteure, bleiben vorerst ausgeklammert und drohen den Konflikt erneut zu entflammen.

Fortbestehende Gefahren und kritische Perspektiven

Die humanitäre Lage in Gaza ist nach wie vor katastrophal. Alleine im September 2025 starben fast 2.500 Menschen bei Kampfhandlungen bzw. israelischen Angriffen. Die Kontrolle über die Rückzugslinie der IDF ist weiterhin ein Hauptstreitpunkt, der die Waffenruhe gefährden könnte.

Die Einrichtung einer „Übergangsregierung“ aus palästinensischen und internationalen Experten stößt sowohl bei Teilen der Bevölkerung als auch bei israelischen Milieus auf Widerstände. Die meisten sozialen Gruppen im Gazastreifen sind angesichts der Zerstörung und des andauernden Mangels an Lebensgrundlagen kaum zur Mitwirkung bereit.

todeszone gaza

Foto: Ran Zisovitch/Shutterstock

Die Prognose bleibt daher vorsichtig: Einzelne Extremisten auf beiden Seiten könnten den Friedensprozess durch neue Anschläge und Provokationen jederzeit stoppen. Das gegenseitige Misstrauen und die vagen Zusagen über Amnestien für Hamas-Mitglieder bergen erhebliches Eskalationspotenzial, da sich radikale Akteure kaum steuern lassen.

Gleichzeitig bleibt der Wiederaufbau des Gazastreifens eine Mammutaufgabe, die Jahre in Anspruch nehmen und internationale Hilfe voraussetzen wird. Die Bevölkerung lebt weiterhin in improvisierten Behausungen, die Infrastruktur ist weitgehend zerstört, und Krankheiten breiten sich aus.

Es wird absehbar sein, dass jeder kleine Fortschritt in den kommenden Wochen und Monaten stets unter dem Eindruck und der Last der zurückliegenden Gewalt bewertet werden muss.

Fazit

Das heute verabschiedete Abkommen ist weniger das Resultat diplomatischer Erfolge als die Folge eines fortdauernden Scheiterns militärischer und politischer Lösungsversuche, die zehntausende Menschenleben gefordert und die Lebensgrundlagen einer gesamten Region zerstört haben.

Die Hoffnung auf Entlastung ist vor allem Ausdruck physischer und psychischer Erschöpfung einer Bevölkerung, für die „Frieden“ aktuell nichts anderes bedeutet als das vorläufige Ende der unmittelbaren Todesgefahr – und keineswegs eine Perspektive auf Normalität oder Zukunft.

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Die Zukunft der Hoffnung

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Leitartikel: Über einen Zustand jenseits von Optimismus und Pessimismus. Wie gehen Muslime mit Furcht und Hoffnung um? (iz). Krieg, Klimaerwärmung, Inflation, die modernen Krisen bestimmen nicht nur unseren Alltag, sondern […]

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Die größte Sehnsucht – wenn es um Allahs Din und Erfolg geht, sollten wir nie kleingeistig sein. (iz). Faulheit, Untätigkeit, mangelndes Handeln und anderes sind Eigenschaften, von denen heute so […]

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Palästinensische Literatur vor und nach der Nakba

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Palästinensische Literatur war vor und nach der Nakba eine wichtige Ausdrucksform dieses Volkes zwischen Schmerz und Hoffnung. (The Conversation). Wenn eine Gesellschaft Unterdrückung und Trauma erlebt, hilft die Literatur den […]

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Doppelsinn des Reisens – Flucht und Vertreibung

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Reisen ist immer metaphorisch: nicht nur wir bewegen uns, das andere bewegt sich auch auf uns zu (iz). Wir alle sind Reisende. Schon immer empfand, beschrieb und inszenierte der Mensch […]

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Wer mäßigt die Taliban? Ein Kommentar über realpolitische Herausforderungen

the afghans

Berlin (iz).

(iz). Es gehört zu den berühmten Erkenntnissen Machiavellis, dass die erfolgreiche Eroberung eines Gebietes durch den Fürsten, vom Volk schnell beklatscht wird, auch wenn die angewandten Mittel dazu weder gerecht noch angemessen waren. Die Idee, dass erhabene Ziele die gewählte Umsetzung rechtfertigen, wurde später zu einem der Leitgedanken moderner Politik.

Der Plan der Eroberung und Demokratisierung Afghanistans mit militärischer Macht wurde in den USA entworfen, ohne dass die Strategie je einer faktischen, rechtlichen oder moralischen Prüfung unterzogen wurde. Der Westen wurde schmerzhaft an die Weisheit erinnert, dass man Alliierte am Hindukusch mieten, aber auf Dauer nicht kaufen kann. Die Kosten für das geopolitische Abenteuer waren gigantisch und zum größten Teil ein profitables Geschäft für die Militär- und Sicherheitsindustrie.

Das Scheitern der Allianz in dem Vielvölkerstaat zwingt die Muslime das neue Regime in dem Land, das sich ausdrücklich auf den Islam beruft, zu beurteilen. Unsere Sympathie gehört dabei zunächst allein der geschundenen Zivilbevölkerung, die wahrlich eine bessere Zukunft verdient. Viele Muslime befürchten zu Recht, dass das sogenannte Emirat das Ressentiment gegen die eigene Präsenz in der Öffentlichkeit weiter anheizen wird.

Die Produktion von Bildern, die einen archaischen und rückwärtsgewandten Islam zeigen, graben sich tief in das kollektive Bewusstsein der Europäer ein. „In einer Affektkommunikation“, schreibt der Philosoph Byul Chun Han in seinem Buch Infokratie, „setzen sich nicht die besseren Argumente, sondern Informationen mit größerem Erregungspotential durch“. Der Eindruck entsteht, dass die Taliban die afghanische Bevölkerung oder die islamische Lehre repräsentieren.

Hinzukommt, dass die zu verarbeitenden Berichte über die komplizierte Lage in dem Land so umfangreich geworden sind, dass sie die begrenzte Rationalität von Individuen übersteigt. Die Verführung zur Vereinfachung ist greifbar bis hin zu der dialektischen Logik: Wir sind gut, weil sie so böse sind. Die moralische Freisprechung aller handelnden Akteure in der Region dürfte bei genauerem Hinsehen eher schwerfallen. Wer die Geschichte Afghanistans verstehen will, muss lernen, dem Anderen zuzuhören und eine alternative Sicht zuzulassen. Eine Übung, die nach Ansicht  von Byul Chun Han in unserer auf schnelles Urteilen angelegten Infokratie in Vergessenheit zu geraten droht: „Die Wahrheit im emphatischen Sinne hat einen narrativen Charakter. Daher verliert sie in der entnarrativisierten Informationsgesellschaft radikal an Bedeutung.“

Unabhängig vom Wissensstand über die geopolitischen Kämpfe der letzten Jahrzehnte sind die Vorbehalte gegenüber dem aktuellen Regime zweifellos berechtigt. Sie werden von Muslimen geteilt. Das Bild bewaffneter militärischer Milizen, die neben einem predigenden Imam stehen, lassen ahnen, dass ein neuer afghanischer Staat – oder wie immer man das Gebilde definiert – schlimmstenfalls eine Symbiose autoritärer Machenschaften mit einer religiösen Ideologie darstellt. Im Westen denkt man hier an neue Formen des Faschismus. So kann es kommen, muss es aber nicht.

Der Siegeszug der Taliban, ursprünglich eine kleine Minderheit, erklärt sich nicht aus der Überzeugungskraft ihrer Lehre. Die Machtergreifung ermöglichte in erster Linie die Apathie der verzweifelten afghanischen Bevölkerung, die lange Jahre vergeblich auf so etwas wie Frieden – auf Grundlage eines gerechten Nomos – wartete. Die Option eines endlosen Bürgerkrieges nach dem Abzug der Amerikaner ließ nicht nur die Einheimischen resignieren, sondern ebenso Anrainerstaaten in der Region. Die Versuchung ist für alle Beteiligten groß, sich mit der gegebenen Lage zu arrangieren. Spätestens seit den Geheimverhandlungen der USA mit den Partisanen sind Verhandlungen mit der neuen afghanischen Regierung kein Tabu mehr. Fakt ist, die neuen Machthaber verfügen über ein rohstoffreiches, aber verarmtes Land und beherrschen die verängstigte Zivilgesellschaft. Das mag man beklagen – nur die Würfel sind gefallen.

Nicht nur die muslimischen BürgerInnen sind gespannt, wie unsere Regierungen nach dem Ende der militärischen Phase eine neue Realpolitik zu Afghanistan entwerfen werden. Wer sich um das Wohl der Bevölkerung sorgt, muss befürchten, dass der Krieg mit ökonomischen Mitteln und auf dem Rücken der Armen fortgeführt wird. In diesem Fall wird Kabul der Geldhahn zugedreht und damit ein Aufbegehren und Aufstände der Zivilbevölkerung provoziert. Eine andere, ebenso destruktive Möglichkeit, wäre es, neue Partisanengruppen zu schaffen, die den Kampf gegen die Taliban fortsetzen. Hier käme die alte militärische Einsicht ins Spiel, dass man Partisanen nur mit Partisanen bekämpfen kann. Beide Ansätze werden kaum zu einer Befriedung der Lage führen.

Entscheidend wird sein, ob der Westen bereit ist, das neue Machtgebilde als Staat anzuerkennen. Die Folge wäre ein Wechsel des Status von feindlichen Terroristen hin zu einer politischen Anerkennung. Diesen Weg hat die Strategie der Amerikaner, mit den Taliban Geheimverhandlungen zu führen, im Grunde vorgezeichnet. Bedingung für diesen Dialog war die Bereitschaft des Feindes, künftig auf die Unterstützung des internationalen Terrors zu verzichten. Diese Ankündigung ermöglicht die rechtliche Unterscheidung zu dem kriminellen IS-Staat im Irak. Die Taliban selbst haben das Wort Kalifat, das für die Idee eines globalen Machtanspruchs steht, nie benutzt. Damit ist die Einhegung der neuen Macht in ein regionales Phänomen zumindest denkbar.

Die Türkei, China und Russland nehmen die geopolitischen Fakten zur Kenntnis und werden versuchen ihrerseits den Expansionswillen der Taliban zu begrenzen. Gelingt es, sie in diesem Sinne einzuschränken, wäre sogar ein dauerhafter Frieden denkbar. Die Frage nach der Möglichkeit der Mäßigung der politischen Führung in ihrem Herrschaftsgebiet stellt sich trotzdem. Wer hofft, dass der militärischen Niederlage eine schnelle Manifestation des westlichen Wertesystems folgt, träumt. Nüchtern betrachtet ist der eurasische Kontinent zum größten Teil keine Demokratie mehr.

Man könnte in dieser Situation auf die Idee kommen, dass eine Gemeinschaft von Millionen europäischer Muslime, die über eine beachtliche Zahl von Gelehrten und Intellektuellen verfügen, auf die Taliban einen Einfluss ausüben könnte. Die Ablehnung von Selbstmordattentaten, jeder Form des Terrorismus sowie die Forderung nach Frauenrechten gehören zum, aus den islamischen Quellen begründeten, Standardrepertoire muslimisch gebildeter Kreise. Hinzukommt ihre historisch gewachsene Überzeugung, wonach jede Ideologie in trostlosen Systemen endet. Erinnert man die „Gelehrten“ der Bewegung zum Beispiel an die sozio-ökonomischen Dimensionen des Islams, wären einer rein poltisch-ideologischen Interpretation des Glaubens erste Schranken gesetzt. Über Jahrhunderte war ein sicheres Zeichen für eine „Islamisierung“ eines Gebietes die Einrichtungen der Stiftungen und die führende Rolle der Frauen im Management dieser Sphäre. Der Islam ist kein Nomos, der alle Lebensbereiche politisiert.

Es ist fraglich, ob die Taliban der Praxis des Einholens guten Rates folgen und in einen ernsten Dialog mit anderen Religionsgemeinschaften eintreten. Einen Versuch wäre es wert. Die Hoffnung, dass sie selbst einen Veränderungsdruck wahrnehmen, sollte angesichts der faktischen Lage in Kabul zuletzt sterben. Die Idee, ein mittelalterlich anmutendes Fantasieland der Religion einzurichten, ist zum Scheitern verdammt. Man wird sehen, ob Andeutungen ihrer Führung, einen gemäßigteren Kurs einzuschlagen, sich bewahrheiten sollten. Dieser Wandel wäre sicher der einzige Weg, dass die Isolation der Taliban in der Welt ein Ende erfährt. Ansonsten wird man nur ein weiteres, drastisches Beispiel für das Scheitern von ideologisierten Muslimen im 21. Jahrhunderts beobachten. 

Der Gedanke der Einbindung von europäischen BürgerInnen muslimischen Glaubens in die westliche Außenpolitik scheint im Moment utopisch zu sein. Im Westen werden religiös gebildete Menschen zu schnell in das Lager der „Islamisten“ abgeschoben. Deswegen fehlt es an politischer Kreativität, die diversen Stimmen der Zivilgesellschaft Europas in eine konstruktive, realpolitisch geprägte Strategie stärker einzubinden. Bisher gab es derartige Kooperationen nur auf dem Schlachtfeld. Hier allein waren zumindest die Amerikaner kreativ, sogar mit ausgewiesenen Radikalen aller Länder zusammenzuarbeiten.

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